Work Text:
Fünf Mal war Cotta im Laufe der Jahre Victor Hugenay begegnet. Immer war es zum falschen Zeitpunkt gewesen, das Timing hatte nie gestimmt. Und jetzt standen sie sich erneut gegenüber. Sahen sich an, quer durch die geschäftige Halle, und Cotta konnte spüren, wie sich das Lächeln über seine Lippen ausbreitete.
Victor erwiderte es, stieß sich von der Säule ab, an der er gelehnt hatte, kam auf ihn zu. Er hatte sich nicht allzu sehr verändert, das volle Haar war mittlerweile zu gleichen Teilen grau und schwarz, doch er bewegte sich noch immer mit der ihm eigenen, fast tänzerischen Leichtigkeit.
„Cotta“, begrüßte er ihn mit einem sanften Lächeln, „Du bist wirklich gekommen.“
Am liebsten hätte Cotta ihn einfach in seine Arme gezogen, doch irgendwie traute er sich nicht. Außerdem fühlte es sich nach dem falschen Ort dafür an, mitten im Flughafen.
Also begnügte er sich mit einem Nicken. „Ich bin beurlaubt, und sie überlegen, mich vorzeitig in den Ruhestand zu schicken“, erklärte er, griff sich unwillkürlich an die linke Schulter, die fast steif war, seit er sich vor drei Monaten die Kugel eingefangen hatte, der er das zu verdanken hatte.
„Ah, ich habe davon gehört“, Mitgefühl klang in Victors Stimme an, und Cotta fragte sich für einen Moment, woher zum Teufel er das schon wieder wusste. „Verheilt es denn einigermaßen?“
Cotta lachte. „Es verheilt beschissen“, gab er zu. „Aber dafür kann ich endlich die Gelegenheit nutzen, da eine Weile raus zu kommen.“
Er konnte sehen, dass Victor die eigentliche Botschaft verstand – für den Augenblick war es nur eine Weile. Eine begrenzte Zeitspanne, ein Versuch, um zu sehen, was wirklich aus ihnen werden konnte.
Und wie ein Film liefen sie vor ihm ab, ihre wiederholten Begegnungen, wie sich die Linien ihrer Leben immer wieder für einen kurzen Augenblick überschnitten hatten, nur um sich danach erneut von einander zu entfernen und ihn mit nichts als einem vagen Sehnen zurück zu lassen.
Beim ersten Mal waren sie beide jung gewesen, viel zu jung um an etwas anderes zu denken als den Moment, hatten den ganzen Abend geredet ohne auch nur den Namen des anderen zu erfahren.
San Francisco, Kalifornien, 25 Jahre zuvor.
Cotta mochte San Francisco nicht. Aber das war nicht wichtig – wichtig war, dass er für den Moment ein paar hundert Meilen zwischen sich und seine Familie gebracht hatte. Denn so sehr er sie liebte, nach seinen Abschluss hatte er dringend ein wenig Abstand gebraucht. Er hatte eine Ausbildung angefangen und abgebrochen, hielt sich zur Zeit mit Gelegenheitsjobs über Wasser, und versuchte, sich klar zu werden, was er eigentlich wollte.
Wer er sein wollte.
An diesem Abend saß er in einer kleinen Bar, trank Bier und hielt den Kopf gesenkt. Ein paar Mal hatte er sich bereits hier her getraut, aber nie den Mut gefunden, mit jemandem zu reden.
So ganz wusste er noch nicht einmal, ob er hier überhaupt richtig war. Kämpfte noch immer mit der Frage, ob er tatsächlich auf Männer stand.
Bevor ihn wieder die Zweifel packen und er abhauen konnte, ließ sich jemand neben ihm auf die Bank gleiten.
Ein junger Mann, vielleicht zwei, drei Jahre älter als Cottas Fünfundzwanzig. Gut gekleidet, das lange schwarze Haar zu einem losen Knoten gebunden, und mit einem Lächeln auf den Lippen, das Cotta unwillkürlich erwiderte.
„Entschuldigung, hast du zufällig ein Feuerzeug für mich?“, erkundigte er sich. Ein weicher, französischer Akzent färbte seine Worte, und französisch waren auch die Zigaretten, die er in der Hand hielt.
Es dauerte es eine Sekunde, bis Cotta verstand, was er gesagt hatte, und nicht mehr dem Nachhall der warmen Stimme lauschte. Dann tastete er hastig seine Jackentaschen ab.
„Ja, warte, irgendwo muss eins sein“, gab er schnell zurück, förderte seinen Schlüssel zutage, ein Taschenmesser, eine Packung Kaugummi und einen Kugelschreiber, bevor er das Feuerzeug in der Brusttasche fand.
Er reichte es dem anderen, und als dieser es entgegen nahm, streiften seine Finger für einen Moment Cottas. Cotta hatte das Gefühl, ein kleiner Funke würde bei der Berührung überspringen, wie ein sachter elektrischer Schlag.
„Merci“, sagte der andere, zog eine schmale Zigarette aus der Schachtel, schob sie zwischen seine Lippen, und unwillkürlich beobachtete Cotta ihn dabei. Mit flinken, eleganten Fingern ließ er die kleine Flamme aus dem Feuerzeug springen, hielt sie an den Tabak. Sobald das Ende glühte, schloss er die Augen, inhalierte tief und genüsslich. Legte den Kopf in den Nacken, bließ den Rauch mit einem fast unhörbaren Seufzen zur Decke.
Dann wiederholte er auf englisch: „Vielen Dank.“
Abrupt wurde Cotta bewusst, dass er immer noch seinen Mund anstarrte, und er hob den Blick schnell zu den dunklen Augen. Sie schienen fast spöttisch zu funkeln, aber vielleicht bildete Cotta sich das auch bloß ein.
„Ich muss meins irgendwo verloren haben“, erklärte der Mann und gab Cotta das Feuerzeug zurück.
Cotta schob es mit dem anderen Kram zurück in seine Jackentasche, und hinterfragte lieber gar nicht erst, wieso der andere mit seiner Frage zu ihm gekommen war, anstatt einen der Typen zu fragen, die offensichtlich rauchend am Tresen saßen.
„Du bist Franzose?“, erkundigte er sich in einem hastigen Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, und hätte sich im selben Moment am liebsten in den Hintern gebissen. Etwas noch dümmeres hätte er sich auch wirklich nicht ausdenken können, oder?
Aber der andere lächelte nur, tat ganz so, als wäre das eine berechtigte Frage. „Unüberhörbar, fürchte ich.“
Gerade so verkniff Cotta sich die Feststellung, dass es verdammt sexy klang. Eigentlich hatte er für Französisch nie viel übrig gehabt, trotz oder gerade wegen einiger Jahre vergeblichen Unterrichts in der Schule, doch die weiche Stimme des anderen machte sehr interessante Dinge mit ihm.
Zu seinem Glück schien der keine Antwort von ihm zu erwarten, sondern plauderte ungezwungen von selbst weiter.
„Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat mich aus Frankreich weggelockt“, erklärte er mit einem Lächeln, „Eigentlich wollte ich nach Los Angeles, die Anziehungskraft Hollywoods ist bemerkenswert. Aber irgendwo unterwegs muss ich falsch abgebogen sein.“
Unwillkürlich lachte Cotta auf. „Ja, das hast du wohl ganz knapp verpasst“, stimmte er zu.
Wieder wanderte sein Blick zum Mund des anderen, als er erneut an der Zigarette zog. Er selbst rauchte kaum, aber der Geruch des Rauchs, der zu ihm herüber driftete, und der Anblick des anderen weckten schon ein wenig das Bedürfnis in ihm.
Wenigstens schien der andere etwas weniger abgelenkt, sonst wäre das Gespräch vermutlich schnell zum Erliegen gekommen.
„Bist du von hier?“, erkundigte er sich.
Cotta nickte. „Ich bin tatsächlich aus der Nähe von L.A.. Aber von Hollywood hab ich noch nicht viel gesehen.“
Er wurde mit einem Lächeln belohnt, das ihm mehr zu Kopf stieg als das Bier.
„Aha?“, hakte der Mann nach.
„Rocky Beach“, sagte er, wusste selbst nicht so recht, warum er einem völlig Fremden persönliche Details verriet. „Eine ziemlich verpennte und entsprechend engstirnige Kleinstadt, deswegen bin ich erstmal abgehauen.“
„Das verstehe ich“, sagte der andere leise. Er sah Cotta dabei direkt in die Augen, und es fühlte sich an als würde der Blick direkt bis in seine Seele gehen.
Und Cotta wusste, dass es tatsächlich so war. Er war aus der Kleinstadt geflüchtet, nicht ausschließlich wegen seines Verdachts über seine Sexualität – der sich mit jeder Sekunde, die der andere neben ihm saß, mehr verhärtete –, aber das war sicherlich der Hauptgrund gewesen. Und offenbar hatte die Amerikareise seines Gegenübers ähnliche Gründe.
Bevor ein sich ein schweres Schweigen über sie legen konnte, wechselte Cotta schnell das Thema.
„Meine Schwester hat sich grade an der UCSF beworben“, erklärte er, „Vielleicht schreib ich mich auch für ein paar Unikurse ein. Aber an der State, mit medizinischen Berufen hab ich es nicht so.“
Aufmerksam sah der andere ihn an, machte es Cotta leicht, mit ihm zu reden, und ehe er es sich versah, vertraute er dem anderen an, dass er schon länger mit dem Gedanken spielte, zur Polizei zu gehen.
„Sicher, dass das eine weise Entscheidung wäre?“, erkundigte dieser sich zweifelnd, und Cotta verstand instinktiv, was er meinte.
Ein queerer Mann in einem Verein wie der Polizei – das stand nicht unbedingt unter besten Vorzeichen. Das war einer der Gründe, warum er immer noch zögerte, den letzten Schritt zu machen.
Er hob unschlüssig die Schultern, sagte dann, als wäre das eine Antwort: „Mein Vater ist Polizist.“
„Und du willst sein wie er?“, mutmaßte sein Gegenüber.
Abrupt schüttelte Cotta den Kopf. „Nein“, erwiderte er entschieden. „Ich will auf gar keinen Fall so sein wie er.“
Sein Vater war kein böser Mann, doch Cotta hatte oft genug Hinweise auf dessen beiläufige, fast lässige Bestechlichkeit und Korruption gesehen, um zu wissen, dass er niemals die Art von Polizist werden wollte, die sein Vater war.
„Väter sind immer kompliziert“, sagte der andere leise, und Cotta brauchte nicht nachzufragen, um zu wissen, dass dessen Verhältnis zu seinem Vater ebenfalls angespannt sein dürfte.
Ein kurzes Schweigen, dann stellte der andere fest, als müsste er sich erklären: „Mein Vater hat genug Geld, um mich eine Weile auszuhalten.“ Etwas in seiner Stimme sagte Cotta, dass er es nicht schätzen würde, wenn Cotta nachbohrte, also ließ er es bleiben.
Wieder entstand ein Moment der Stille, dann holte der andere erneut seine Zigaretten hervor – und ein Feuerzeug.
„Ich dachte, das hast du verloren“, machte Cotta ihn auf die Unstimmigkeit seiner Geschichte aufmerksam.
Überrascht sah der andere auf das Feuerzeug hinab, dann zurück zu Cotta, und lächelte schuldbewusst.
„In Ordnung, ich gebe es zu. Ich habe vielleicht einen Grund gesucht, um mit dir ins Gespräch zukommen“, gestand er.
Bevor Cotta über die Implikation dieser Aussage nachdenken konnte, bot der andere ihm die Schachtel an.
„Möchtest du auch?“
Für eine Sekunde rang Cotta mit sich selbst, dann zuckte er mit den Schultern. „Warum nicht.“
Er sah zu, wie der andere sich seine Zigarette anzündete, das Ritual vom tiefen Inhalieren und langsamen Ausatmen wiederholte, und damit Cotta möglicherweise ein bisschen wahnsinnig machte, dann die Flamme erneut aus dem Feuerzeug schnappen ließ.
Cotta lehnte sich ein wenig zu ihm herüber, hielt den Tabak in die Flamme, und kam sich unsagbar unbeholfen vor, während er versuchte, die Spitze der Zigarette zum Glühen zu bringen. Schon wünschte er sich, er hätte einfach abgelehnt, den er hatte keinen Zweifel daran, dass er ziemlich ungeschickt aussehen musste. Kein Vergleich zu der beiläufigen Eleganz des anderen.
Doch der enthielt sich glücklicherweise jeden Kommentars. Wenn er Cottas Umgang mit der Kippe amüsant fand, ließ er es zumindest nicht erkennen.
Stattdessen schob er die Schachtel und das Feuerzeug zurück in seine Tasche.
Dann erkundigte er sich in einem plötzlichen Themenwechsel, was Cotta eigentlich in San Francisco schon an Sehenswürdigkeiten besucht hatte, und für eine Weile plauderten sie über Oberflächlichkeiten.
Als Cottas Glas sich leerte, stand der andere auf, kam kurz darauf mit einem frischen Bier und einem Glas Wein zurück.
Cotta entging nicht, dass sie auf einmal bedeutend dichter beieinander saßen als zuvor, eben so wenig, wie dem anderen entgehen konnte, dass Cottas Blick wieder und wieder an seinen Lippen hängen blieb, wenn er an der Zigarette zog, und an seinen eleganten Händen, wenn er damit gestikulierte.
Aus dem zweiten Bier wurde ein drittes, während sie über Politik, Musik und die Gesellschaft als solche redeten.
Noch nie hatte Cotta einen Mann wie diesen getroffen, charmant und begeisterungsfähig und weltgewandt, so völlig anders als die Menschen, die ihm in Rocky Beach begegnet und zumeist auf die Nerven gegangen waren. Und sehr, sehr selbstsicher in der Art, wie er gelegentlich Bemerkungen einflocht, bei denen Cotta erst eine Sekunde später erkannte, dass gerade mit ihm geflirtet wurde.
So richtig wusste er nicht, wie er damit umgehen, geschweige denn darauf reagieren sollte, obwohl er ziemlich schnell zugeben musste, dass es ihm verdammt gut gefiel.
Als sich die Hand des anderen unter dem Tisch auf sein Bein verirrte, ließ Cotta es einfach geschehen. Genoss die sachte Berührung, und redete weiter über einen Film, den er vor kurzem gesehen hatte.
Irgendwann warf der Barkeeper sie raus, und Cotta stellte überrascht fest, dass sie die letzten beiden Gäste waren. Der andere zahlte ihre Getränke, ehe Cotta ihn davon abhalten konnte, aber er beschloss, sich nicht darüber zu beschweren.
Schwer fiel die Tür hinter ihnen zu, und Cotta konnte die Präsenz des anderen hinter sich spüren, so nahe waren sie sich.
Dann schlossen sich lange Finger um Cottas Handgelenk und der Mann zog ihn sanft mit sich um die nächste Ecke, in die schmale, dunkle Gasse neben der Bar.
Ehe Cotta nachfragen konnte, was das sollte, wurde er gegen die Backsteinwand gedrängt und geküsst.
Willig erwiderte er den Kuss, fast überwältigt von den Eindrücken. Der Geschmack von Rauch auf der Zunge, der unverkennbar männliche Körper gegen seinen, die Erregung des anderen, die er gegen seinen Oberschenkel spüren konnte.
Eins führte zum anderen, und ehe Cotta es sich versah, hatten die geschickten Hände seine Jeans geöffnet. Die erste Berührung ließ ihn stöhnen und es war schon fast peinlich, wie schnell er über die beringten Finger des anderen kam.
Beim zweiten Mal hatte Cotta gerade eine hässliche Trennung hinter sich.
Es war eine typische Cop-Romanze gewesen – er war ein paar Mal in der Notaufnahme des Cedars-Sinai gelandet, meistens weil er Täter oder Opfer eines Verbrechens dorthin begleitet hatte, doch einmal auch, weil jemand mit einem Messer auf ihn losgegangen war und er nicht schnell genug ausgewichen war. Jedes Mal war er dabei zufällig der gleichen Krankenschwester über den Weg gelaufen. Und hatte sie schließlich gefragt, ob sie mit ihm einen Kaffee trinken wollte.
Geendet hatte die Beziehung, weil die kollidierenden Schichtpläne ständig zu Streit geführt hatten. Und weil Nancy, so hieß sie, alles andere als begeistert gewesen war, als sie über ein paar alte Flyer und Hefte aus einer queeren Kneipe gestolpert war.
Los Angeles, Kalifornien, 16 Jahre zuvor.
In seinem Frust hatte Cotta sich in eben jene Kneipe geflüchtet.
Er wusste ganz genau was ihn erwartete, wenn ihn einer seiner Kollegen hier erwischte. Aber er hatte es nicht lassen können, hier fühlte er sich wohl, hier fühlte er sich verstanden.
Außerdem gab es ein schönes Fick dich an Nancy ab.
Eigentlich gehörte Cotta nicht zur nachtragenden Sorte, doch ihre Reaktion auf seine Bisexualität hatte ihn nachhaltig verletzt. Schließlich war es nicht so, als wäre er nicht in sie verliebt gewesen, bloß, weil er potentiell auch an Männern interessiert war, doch sie hatte ganz so getan, als hätte er sie bewusst hinters Licht geführt und betrogen.
Mittlerweile war er beim dritten Bier, die Welt um ihn hatte einen angenehm weichen Film bekommen, der ihn versöhnlicher stimmte.
Morgen würde Nancy zu ihm kommen, um ihre letzten Sachen aus seiner Wohnung zu holen, und irgendetwas sagte ihm jetzt schon, dass sie im Verlaufe dessen im Bett landen würden. Bevor sie aus der Tür hasten würde, den Riemen ihrer Sporttasche um die schmalen Schultern geschlungen, während sie versuchte, ihre wilden roten Locken unter einem ihrer bunt gemusterten Tücher zu verstauen.
Allein der Gedanke rief ein dumpfes Ziehen in Cottas Brust hervor, und er erinnerte sich daran, dass er eigentlich wütend auf sie sein wollte. Es konnte doch nicht angehen, dass er schon sentimental wurde, bevor sie überhaupt aus seinem Leben verschwunden war.
Ruckartig leerte er sein Bier, ging zur Bar hinüber, bestellte ein neues, bevor er in seine Ecke zurückkehrte. Unruhig zog er einen Kugelschreiber hervor, begann, abwesend auf dem Bierdeckel herum zu kritzeln.
Vielleicht sollte er zum Telefon im Gang zu den Toiletten hinüber gehen, Nancy anrufen, noch einmal versuchen, ihr alles zu erklären- Er stoppte sich selbst. Es gab nichts zu erklären, er hatte nichts falsch gemacht. Außerdem war es ja nicht so, als hätte er sie gebeten, in seinem Schrank herum zu kramen.
„Ist hier noch frei?“, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.
Cotta sah auf, hatte eine unfreundliche Abfuhr schon halb auf den Lippen, doch etwas ließ ihn innehalten. Den Mann, der vor ihm stand, eine Sekunde länger mustern.
Im ersten Moment erkannte Cotta ihn nicht. Doch dann fielen die Puzzleteile abrupt an ihren Platz.
Das lange Haar war verschwunden, einem modischeren Kurzhaarschnitt gewichen. Die Kleidung war noch immer auf eine Art beiläufig elegant, die zeitlos wirkte, obwohl Cotta klar war, dass selbst das sich im Laufe der Jahre änderte. Der Akzent hatte sich seit dem letzten Mal abgeschwächt, war jedoch immer noch unverkennbar zu hören.
„Wir kennen uns doch“, stellte er überrascht fest.
Für eine lange Sekunde wanderte der Blick des anderen über sein Gesicht, dann blitzte Erkennen in seinen Augen auf. „San Francisco“, sagte er langsam. „Wie lange ist das her... zehn Jahre?“
„Neun“, korrigierte Cotta ihn, wunderte sich nicht einmal darüber, dass er das noch so genau wusste.
Das Lächeln auf dem Gesicht des anderen wurde selbstironisch, während er sich neben Cotta auf die Bank gleiten ließ. „Mir scheint, ich habe meine Schwäche für groß, sportlich und dunkelhaarig noch nicht eingebüßt.“
Fast wider Willen musste Cotta lachen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der andere so einfach anfangen würde, wieder mit ihm zu flirten. Und auch wenn es seinem Ego irgendwie gut tat, war er gerade absolut nicht in der Stimmung dafür.
Also wechselte er das Thema. „Ich sehe, du hast es inzwischen doch nach Los Angeles geschafft.“
Für einen Moment schien der andere erstaunt, dann lächelte er umso strahlender. „Das weißt du noch?“
Cotta zuckte mit den Schultern. Er würde jetzt garantiert nicht sagen, dass sich die Erinnerung an jene Nacht tief in sein Gedächtnis eingebrannt hatte und dass das ausschließlich mit dem Mann vor ihm zu tun hatte.
Der andere zog eine Schachtel Zigaretten hervor. Mittlerweile war er zu amerikanischen übergegangen, fiel Cotta unerwartet auf. Als ihm die Packung angeboten wurde, schüttelte er den Kopf.
„Ich habs mir abgewöhnt“, behauptete er, obwohl das nicht ganz stimmte. Genau genommen hatte er es sich nie wirklich angewöhnt, aber in den letzten Jahren hatte er auch vom gelegentlichen Rauchen Abstand genommen. Und nicht nur, weil Nancy es hasste.
Der andere zuckte mit den Schultern, ließ sein Feuerzeug aufspringen, und Cotta wandte ganz bewusst den Blick ab und betrachtete sein Bierglas. Das Geräusch, mit dem neben ihm erst ein-, dann ausgeatmet wurde, ging fast in der hintergründigen Musik unter und Cotta gab sich alle Mühe, die Erinnerung daran, wie der andere Mann beim Rauchen aussah, zu unterdrücken.
„Ich glaube, wir haben uns nie wirklich vorgestellt“, sagte der andere in diesem Augenblick und unwillkürlich schaute Cotta wieder auf. „Ich bin Victor.“
Und so einfach hatte er plötzlich einen Namen zu dem Gesicht, das ihn in den letzten neun Jahren nie ganz losgelassen hatte.
„Cotta“, erwiderte er. Konnte sich doch wieder nicht ganz davon abhalten, den Blick zu den Lippen gleiten zu lassen, die sich um die Zigarette schlossen. Hastig hob er ihn wieder.
Victors Augen funkelten amüsiert. „Ungewöhnlicher Name.“
Fast war Cotta versucht, sich dafür rechtfertigen zu wollen, doch dann entschied er sich um. „Ich mag meinen Vornamen nicht besonders“, erklärte er schulterzuckend.
Einen Augenblick musterte Victor ihn interessiert, dann nickte er. „Meiner Meinung nach ist es jedermanns gutes Recht, den Namen zu wählen, unter dem er bekannt sein möchte.“
Darauf fiel Cotta nichts ein, und für einen langen Moment herrschte Stille. Er trank noch einen Schluck, drehte den bekritzelten Bierdeckel auf dem Tisch.
„Ich bin heute keine besonders gute Gesellschaft, fürchte ich“, brachte er dann hervor.
Victor sah ihn nur an, mit diesem durchdringenden Blick, den Cotta nie vergessen hatte.
„Meine Freundin hat sich gerade von mir getrennt“, erklärte er, als Victor nur an der Zigarette zog, anstatt zu reagieren. Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch die Haare. „Dabei heißt es eigentlich immer, dass Cops und Krankenschwestern gut zusammen passen, weil man gegenseitig Verständnis für mörderische Schichtpläne hat.“
Immer noch ließ Victor ihn nicht aus den Augen. „Du bist also tatsächlich Polizist geworden?“, hakte er nach, nicht direkt überrascht, eher so, als wüsste er nicht ganz, was er davon hielt.
Cotta nickte. Am Ende war ihm die Entscheidung nicht schwer gefallen. Er hatte gewusst, was ihn erwartete, ein beschissener Job mit beschissenen Arbeitszeiten und Kollegen, denen gegenüber er niemals völlig ehrlich sein konnte. Doch er hatte auch gewusst, dass er sich nichts anderes vorstellen konnte, was er mit seinem Leben anfangen sollte.
„Und, wie ist es?“, wollte Victor wissen. Fast bildete Cotta sich ein, dass er besorgt klang.
„Hart.“ Cotta zuckte mit den Schultern. „Aber es geht. Und ich habe zumindest das Gefühl etwas sinnvolles zu bewirken.“
Victors Gesichtsausdruck besagte, dass man seiner Meinung nach durchaus darüber streiten konnte, aber zu Cottas Erleichterung machte er keine Anstalten, das tatsächlich zu tun. Er war sich der Probleme des Systems selbst bewusst, vielen Dank.
„Und was machst du?“, lenkte er ab. „Lässt du dich immer noch von deinem Vater aushalten?“
Victor schüttelte den Kopf, drückte die Zigarette aus. „Mein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben.“
„Das tut mir leid“, murmelte Cotta mit der Verlegenheit, die jemandem zu eigen ist, der gerade mit Anlauf in einem Fettnäpfchen gelandet ist.
Aber Victor winkte bloß ab. „Nicht so schlimm. Ich habe mich... selbstständig gemacht.“
Das kaum wahrnehmbare Zögern entlockte Cotta einen neugierigen Blick. „Womit denn?“
„Kunsthandel“, erwiderte Victor, mit einem unerwarteten Schmunzeln, das Cotta nicht deuten konnte. „Hauptsächlich Gemälde, aber auch andere Dinge, wenn sich die Gelegenheit bietet.“
„Das klingt interessant“, behauptete Cotta, versuchte zu verbergen, dass er nicht viel Begeisterung für Kunst aufbringen konnte.
Das Lächeln auf Victors Gesicht vertiefte sich.
„Nein, das tut es nicht“, widersprach er. „Gemälde sind wie Spielgeld – oder vielleicht eher wie Sammelkarten. Nur etwas wert, weil ein paar Leute sich darauf geeinigt haben, enorm viel Geld dafür auszugeben. Aber gelegentlich begegnen einem interessante Menschen, und ich werde mich sicherlich nicht beschweren, wenn jemand Unsummen für ein paar Leinwände zahlt.“
Überrascht lachte Cotta auf. Die fast schon unverschämte Art, wie Victor das sagte, gefiel ihm irgendwie. Es war definitiv nicht die Einstellung, mit der er gerechnet hatte, als das Wort Kunsthandel gefallen war. Kein ehrfürchtiger Unterton, keine Bewunderung für alles, was sich Kunst nannte und in einem Museum oder einer Galerie hing, unabhängig von der tatsächlichen Qualität.
Damit konnte er umgehen. Also grinste er, zuckte mit den Achseln. „Ich kann mit Kunst nicht viel anfangen. Ich find die Surrealisten ganz lustig, aber auch die hab ich immer lieber gelesen.“
Für eine Sekunde sah Victor verwundert aus. Dann nickte er langsam. „Du wolltest in San Francisco ein paar Unikurse belegen, richtig?“
Cotta machte ein zustimmendes Geräusch, trank einen Schluck von seinem Bier. „Hauptsächlich sind es Literatur und Strafrecht geworden, frag mich nicht, wie ich zu der Kombi kam, aber es war ganz interessant. Und was davon übrig geblieben ist, sind eine Abneigung gegen das Auswendiglernen und eine gewisse Zuneigung zur Beat Generation.“
„...Beat Generation“, wiederholte Victor. „Die beziehen sich auch auf Apollinaire, oder?“
Cotta wusste nicht, warum er sich überhaupt wunderte, dass Victor sich damit auskannte. Er hob die Schultern. „Ja. Aber mit dem hab ich mich nie näher beschäftigt.“
„Er ist...“, Victor wiegte nachdenklich den Kopf, „interessant. Aber ich habe auch nicht viel von ihm gelesen, mir ist die tschechische Avantgarde lieber.“
Neugierig sah Cotta ihn an. Das war nicht unbedingt, was er von einem in den USA lebenden Franzosen erwartet hatte.
„Der Stil ist ähnlich“, erklärte Victor, „Nezval zum Beispiel hat ihn sogar noch weiter entwickelt. Aber seine Reisetagebücher sind auch sehr interessant, die Art, wie er die Welt beschreibt, spricht mich an.“ Er grinste. „Außerdem mochte ich seine sozialistische Einstellung und anarchistischen Tendenzen, hauptsächlich, weil ich damit meinen Vater ärgern konnte.“
„Konservativer Typ?“, hakte Cotta nach. Caroline hatte sich etwa um ihren High School Abschluss herum demonstrativ in marxistische Literatur vertieft, vor allem, weil es ihren Vater zur Weißglut trieb. Inzwischen hatte ihre Radikalität sich abgeschwächt, die linke Einstellung hatte sie sich jedoch bewahrt. Was Cotta wirklich nicht störte, wenn sie ihm nicht gerade einen Vortrag über die Institution Polizei hielt.
Victor schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht. Aber mit Kommunismus wollte er nichts zu tun haben.“
Schmunzelnd warf Cotta ihm einen Blick zu. „Hat sich in letzter Zeit ja auch nicht gerade ruhmreich gezeigt“, gab er spaßeshalber zu bedenken.
Die Erwiderung, die Victor darauf fand, brachte ihn zum Lachen, und für eine Weile sprachen sie über Ideologie und Literatur.
Abwesend fragte Cotta sich, an welcher Stelle sein Abend überhaupt eine Wendung zum Philosophischen genommen hatte. Er hatte sich eigentlich nur betrinken wollen und nicht mit einer solchen Diskussion gerechnet. Aber vielleicht war es gut so – die Gedanken an Nancy verdrängte es jedenfalls vorerst.
Zumindest, bis eine Pause in der Unterhaltung entstand, und Cotta bemerkte, wie Victor ihn ansah.
Als er sich zu ihm herüber lehnte, gelang es Cotta nicht rechtzeitig, ihm auszuweichen. Ihre Lippen trafen aufeinander, weich und irgendwie vertraut.
Im nächsten Moment machte Cotta sich los, zog sich zurück.
„Ich kann das grad nicht“, sagte er leise, und Victor nickte, die Augen so verständnisvoll, dass Cotta sich beinahe schämte.
Beim dritten Mal war Victor bereits ein gesuchter Kunstdieb.
Los Angeles, Kalifornien, 9 Jahre zuvor.
Obwohl es heißt, dass in L.A. außer Touristen grundsätzlich niemand zu Fuß irgendwo hin geht, tat Cotta genau das. Er hatte eine entnervende Spätschicht hinter sich, die er hauptsächlich mit Anzeigenaufnahme und dem Hintern auf einem Bürostuhl verbracht hatte, und er brauchte dringend Bewegung. Und ein Bier.
Trotz des miesen Wetters war er bereits ein ganzes Stück von seiner Wohnung – und sicherheitshalber auch seinem Revier im Südwesten der Stadt – entfernt. Wenn ihn nicht alles täuschte war er bereits auf dem Gebiet von West L.A. angekommen, und mit einem halben Grinsen dachte er daran, dass er hier zumindest einen Lieutenant kannte, der ihn vielleicht im Notfall nach Hause fahren würde. Wenn auch nicht, ohne sich über ihn lustig zu machen, weil er ohne Auto unterwegs war, natürlich.
Aber eigentlich genoss Cotta es, mal wieder ausgiebig zu Fuß unterwegs zu sein.
Als zu dem schweren, feuchtkalten Nebel jedoch auch noch Nieselregen hinzu kam, suchte er in der Bar des nächstbesten Hotels Zuflucht. Bestellte sich das ersehnte Bier und verzog sich dann in eine Ecke.
Und nun rang er seit zehn Minuten mit sich selbst.
Denn vor zehn Minuten hatte sich ein Mann an den Tresen gesetzt, den er sofort wiedererkannt hatte. Und wodurch sich endgültig bestätigt hatte, was Cotta schon seit einer Weile versuchte, zu leugnen.
Dass Victor, sein Victor, identisch war mit dem Victor Hugenay, dem international gesuchten Kunstdieb.
Der Polizist in Cotta schrie ihn an, das Handy aus der Tasche zu ziehen, seine Kollegen zu alarmieren, und dann Hugenay so lange vor Ort festzuhalten, bis der Streifenwagen da war um ihn in die Zelle zu bringen.
Der deutlich größere Teil von Cotta wollte zu ihm gehen, ihm einen Drink ausgeben, und das tun, was sie die letzten beiden Male getan hatten – einfach den Abend lang die Gesellschaft des anderen genießen. Und dieses Mal vielleicht nicht zurückschrecken, sollte Victor ihn wieder küssen.
Ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben, stand Cotta auf, und ehe er sich versah, war er auch schon zum Tresen hinüber gegangen. Kurz bevor er Hugenay erreichte, hob dieser den Kopf und ihre Blicke trafen sich.
Das Erkennen war beinahe augenblicklich, und den Bruchteil einer Sekunde später schlich sich eine unerwartete Vorsicht auf Hugenays Gesicht, die Cotta einen seltsamen Stich versetzte.
In seinem Kopf herrschte absolute Leere, keine Begrüßung, kein Gesprächseinstieg wollte ihm einfallen.
Trotzdem öffnete er den Mund, und die Worte, die über seine Lippen kamen, waren die völlig falschen. „Du bist ein Kunstdieb.“
„Herzlichen Glückwunsch, Mr Holmes“, erwiderte Hugenay, gelangweilt, doch ohne Bitterkeit oder Gift in seinem Tonfall. Wenn er gelächelt hätte, hätte es vielleicht sogar ein Scherz sein können.
Für einen Moment sahen sie sich nur an, und Cotta hatte das Gefühl, die Zeit würde sich zwischen ihnen dehnen, sich in die Länge ziehen, sie zurückwerfen zu ihrer ersten Begegnung vor so vielen Jahren.
Victor war es, der den Kontakt unterbrach, den Blick abwandte, auf sein Glas hinunter sah.
„Ich sollte dich verhaften lassen“, stellte Cotta fest und hasste sich im selben Augenblick dafür.
Langsam trank Victor einen Schluck, die Bewegung ungewöhnlich müde. Genauso müde war seine Stimme, als er sagte: „Lass es ruhen, Cotta, bitte. Nur für heute Abend. Um der alten Zeiten willen.“
Vielleicht war es diese Abwesenheit der Leichtigkeit, die Cotta irgendwie so ganz selbstverständlich mit Victor verknüpft hatte, die ihm die Entscheidung plötzlich ganz einfach machte.
Er nickte, zögerte, nickte erneut, diesmal entschlossener. „In Ordnung“, erwiderte er ebenso leise, und es schien ganz so, als würde er Victor damit eine Last von den Schultern nehmen. Vorsichtig streckte er die Hand nach Victor aus, fasste ihn sanft am Arm.
„Setz dich zu mir“, bat er, nickte zu dem Tisch, an dem noch immer seine Jacke lag, und erntete dafür ein angedeutetes Lächeln, bei dem sich irgendetwas in ihm auf einmal sehr weich anfühlte.
Seite an Seite gingen sie zu der Ecke hinüber, nahmen nebeneinander auf der Bank platz, und Cotta bemerkte, dass sie beide darauf achteten, die Wand im Rücken und freie Sicht auf den Raum zu haben.
Mit einem langgezogenen Seufzen ließ Victor sich gegen das Polster sinken, schloss für einen Moment die Augen.
Unwillkürlich betrachtete Cotta ihn von der Seite. Die ersten silbernen Strähnen schimmerten in dem dichten schwarzen Haar, und um die Augen hatten sich Fältchen gebildet. Er sah attraktiver aus, als Cotta ihn in Erinnerung hatte – und das sollte eigentlich gar nicht möglich sein –, aber gleichzeitig wirkte er abgespannt und erschöpft.
Schweigend massierte Victor mit einer Hand seine Schläfe, starrte blicklos auf sein Glas.
„Alles in Ordnung bei dir?“, wollte Cotta vorsichtig wissen. Victor benahm sich gerade so gar nicht wie der charmante Weltenbummler, als den Cotta ihn kennen gelernt hatte, noch wie der Gentleman-Kunstdieb, als der er sich herausgestellt hatte, und eine unbestimmte Sorge breitete sich in Cotta aus.
Für einen Augenblick sah Victor ihn nur an, musterte ihn, als müsse er erst noch entscheiden, wie weit er ihm tatsächlich traute. Dann seufzte er. „Ich hatte einen Abend voll vergeblicher Anstrengung.“ Ein unfrohes Lachen. „Und am Ende habe ich in die Röhre geguckt, wie man so schön sagt.“
Die Formulierung klang irgendwie unpassend aus Victors Mund, doch Cotta entschied, es nicht zu hinterfragen.
Stattdessen erkundigte er sich: „Kann man dich irgendwie aufmuntern?“
Diesmal wirkte das Lächeln, das über Victors Gesicht huschte, bedeutend weniger erzwungen. „Mich nicht festzunehmen war schon ein Schritt in die richtige Richtung“, scherzte er halbherzig. Drehte dann mit einem Finger an seinem Glas. „Und Cognac und gute Gesellschaft helfen auf jeden Fall auch.“ Er sah sich um, bemerkte anscheinend den Aschenbecher auf dem Nachbartisch. „Stört es dich, wenn ich rauche?“
Cotta schüttelte den Kopf, streckte sich ein Stück und holte den Aschenbecher zu ihnen. „Lass dich von mir nicht aufhalten.“
Mit einem dankbaren Blick griff Victor in sein Jackett, und brachte zu Cottas Überraschung statt einer Zigarettenschachtel eine Zigarre zum Vorschein.
Eine kurze Weile beschäftigte er sich mit ihr, und unwillkürlich sah Cotta ihm dabei zu. Beobachtete, wie die langen Finger den schmalen Zylinder hielten, wie Victor die Lippen darum schloss, ein elegantes, silbernes Gasfeuerzeug aufschnappen ließ. Der Geruch des Rauchs war überraschend angenehm, und Cotta erwischte sich dabei, wie er tief einatmete, ein winziges Stückchen näher an Victor heran rückte.
„Was ist eigentlich aus dir und der Krankenschwester geworden?“, riss dieser ihn aus seiner Betrachtung.
Für eine Sekunde wusste Cotta nicht, was er meinte. Dann fiel ihm Nancy wieder ein. „Daran erinnerst du dich?“
Zur Antwort bekam er nur eine völlig undefinierbare Kopfbewegung, als wollte Victor nicht ganz zugeben, warum er sich dieses Detail gemerkt hatte.
Cotta zuckte mit den Schultern. „Wir haben die Trennung durchgezogen, sind uns ein halbes Jahr später noch mal im Cedars über den Weg gelaufen, haben noch mal miteinander geschlafen und uns dann endgültig aus den Augen verloren.“
Die Erinnerung an Nancy tat schon lange nicht mehr weh. Er war über sie hinweg, und wenn er an ihren letzten Streit zurückdachte, konnte er inzwischen nur noch den Kopf schütteln. Dass sie sich über ein paar alte Flyer so aufgeregt hatte, konnte nur bedeuten, dass er ohne sie besser dran war.
„Das letzte, was ich gehört habe, ist, dass sie einen Immobilienmakler geheiratet hat und nach Florida gezogen ist“, fügte er hinzu. Ein guter Bekannter von Caroline war Arzt in der Notaufnahme des Cedars, und hatte das vor einer Weile in einem Nebensatz erwähnt.
„Und was ist mir dir?“, wollte Victor wissen, klang vielleicht eine Spur zu beiläufig.
„Ich bin nicht nach Florida gezogen“, gab Cotta zurück, musste schmunzeln. Es berührte ihn auf seltsame Weise, dass Victor um dieses Thema ein wenig herum zu tanzen schien, und er wollte es ihm ja nicht zu leicht machen.
Victor lachte, leise und warm. Es klang ein wenig rauer als früher und gefiel Cotta nur umso besser. „Das meine ich nicht.“
Cotta schüttelte den Kopf. „Ich bin schon seit einer Weile hauptsächlich mit dem Job verheiratet.“ Mit dem Job, den er in diesem Moment aufs Spiel setzte, indem er mit einem gesuchten Kriminellen hier saß und sich unterhielt, anstatt ihn seiner Strafe zuzuführen.
Der Gedanke schien auch Victor gerade zu kommen, denn er legte den Kopf schief und lächelte verschmitzt. „Bedeutet das, du betrügst ihn gerade mit mir?“
Unwillkürlich entschlüpfte Cotta ein Lachen. „Wenn man es genau nimmt“, stellte er nachdenklich fest, und wie von selbst fanden seine Finger Victors, umfassten seine Hand, damit er aufhörte, mit dem Feuerzeug zu spielen, „dann warst du zuerst da.“
„Hm“, Victors Lächeln vertiefte sich, „Sollte ich vielleicht meinen älteren Anspruch geltend machen?“ Er ließ das Feuerzeug los, begann, sanft mit den Fingern über Cottas Handfläche zu streichen, sandte einen Schauer durch ihn und brachte die empfindliche Haut dort zum Kribbeln.
„Das möchte ich sehen“, erwiderte Cotta, versuchte angestrengt, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, anstatt auf Victors Berührung, auf die Art, wie er langsam und genüsslich an der Zigarre zog.
Es half, sich bildlich vorzustellen, wie Victor bei seinem Captain auftauchte und von diesem verlangte, Cotta zu entlassen, damit... ja, was? Damit sie sich gemeinsam auf die Flucht begeben konnten?
Für einen Moment wiegte Victor den Kopf hin und her, atmete dann seufzend den Rauch aus. „So gerne ich dich mag, ich fürchte, das ist mir zu riskant.“
„Verständlich“, stimmte Cotta zu.
Fast hatte er das Gefühl, Victors Fingerspitzen würden Löcher in seine Haut brennen, und nicht einmal ein plötzliches Auftauchen seiner Kollegen hätte ihn dazu bringen können, seine Hand wegzunehmen.
„Und du?“, wollte Cotta wissen, zwang einen Hauch von Spott in seine Stimme, damit er nicht allzu ernsthaft klang, „Versteckst du auf irgendeinem französischen Weingut einen Ehemann oder eine Familie?“
Victor lachte auf. „Nein, obwohl die Idee gut ist.“ Er legte die Zigarre am Rande des Aschenbechers ab, trank einen Schluck. Dann fügte er hinzu, ohne Cotta anzusehen: „Das Leben, das ich führe, eignet sich nicht unbedingt für dauerhafte Beziehungen.“
„Erzähl mir etwas darüber, über dein Leben“, bat Cotta, das Bedürfnis, den Mann neben sich kennenzulernen, wirklich kennen zu lernen, machte sich nachdrücklich in ihm bemerkbar.
Doch Victor zog abrupt seine Hand zurück, und sein Blick wurde stechend.
Während Cotta sich noch fragte, was er falsch gemacht hatte, die Berührung bereits jetzt vermisste, fragte Victor ausdrucklos: „Damit deine Kollegen mich dann leichter finden können?“
Innerlich brach Cotta in wüstes Fluchen aus. Irgendwie hatte er für eine Weile sich selbst und alles um sie herum vergessen, inklusive seines Jobs, hatte sich zurückversetzt gefühlt in eine Vergangenheit, in der sie einfach nur zwei Männer in einer Bar waren, und nicht ein Kunstdieb und ein Polizist.
„Nein“, widersprach er hastig, „Verdammt, nein, Victor, so meinte ich das nicht. Ich will einfach nur wissen, wer du bist, weil-“
Er brach ab. Wusste auf einmal selbst nicht mehr, welchen Grund er nennen sollte. Weil du mich faszinierst? Weil ich immer noch manchmal von dir träume? Weil ich mir einbilde, uns würde etwas verbinden? Nichts davon fühlte sich passend an.
Gleichzeitig kehrte die Müdigkeit auf Victors Gesicht zurück.
„Entschuldige bitte“, sagte er leise, schob die Hand vorsichtig wieder auf Cottas zu, hielt jedoch im letzten Moment inne. „Das hattest du nicht verdient. Ich habe in den letzten Jahren einige sehr schlechte Gewohnheiten angesammelt, und Misstrauen ist wohl eine davon.“
„Ist schon okay“, erwiderte Cotta ohne zu zögern, berührte sacht Victors Finger, versuchte ihm unzweifelhaft deutlich zu machen, dass er es auch wirklich so meinte. „Ich hab nicht nachgedacht.“
So, wie Victor ihn ansah, verstand er es, und Cotta hatte das dringende Bedürfnis, ihn zu küssen. So lange, bis sich die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen glättete, bis der leicht sorgenvolle Ausdruck aus seinen Augen verschwand und sich die noch immer etwas steife Haltung seiner Schultern entspannte.
Stattdessen nahm er lieber schnell noch einen Schluck von seinem Bier, achtete bewusst nicht darauf, wie Victor neben ihm an der Zigarre zog und langsam ausatmete.
„Welche ist die schönste Stadt, die du je gesehen hast?“, wechselte Cotta das Thema. Auch auf diese Art würde er hoffentlich mehr über Victor erfahren, ohne, dass sie sich in gefährliche Gefilde begaben.
Der Blick, den Victor ihm zuwarf, sagte, dass er ganz genau wusste, was Cotta meinte, und dass er dankbar für diesen Ausweg war.
„Ich sollte vermutlich Paris sagen, oder?“, überlegte er laut. „Das wäre wohl die offensichtliche Antwort.“
Cotta musste schmunzeln. „Das wäre zu einfach“, gab er zurück, wusste selbst nicht so ganz, woher er die Sicherheit nahm, dass die tatsächliche Antwort anders ausfallen würde. „So berechenbar bist du nicht.“
Das Lächeln, das daraufhin über Victors Gesicht huschte, hatte fast etwas verschlagenes. Es hielt nur für einen Augenblick an, ehe Victor sich wieder in den perfekten Gentleman zurück verwandelte.
„Paris ist sehr schön“, stellte er nachdenklich fest, „Ebenso wie Wien und Florenz, Marrakesch, Jerusalem, Agra und Kyōto.“
Leicht sprachlos sah Cotta ihn an. Offenbar hatte Victor schon mehr Kontinente besucht als er selbst Länder. Das sollte ihn vermutlich nicht verwundern, aber es war trotzdem noch mal etwas anderes, es so ausdrücklich erwähnt zu hören.
„Aber ich glaube, am meisten habe ich Prag genossen“, fuhr Victor fort. „Sie trägt den Namen der Goldenen Stadt wirklich zu recht. Es gibt nicht viel, das schöner ist, als die Karlsbrücke bei Nacht.“
Da konnte Cotta definitiv nicht mitreden, aber er war auch vollauf zufrieden damit, Victor zuzuhören.
Dessen Stimme hatte einen versonnenen Klang angenommen. „Ich vermisse es, an der Vlatva zu sitzen, oder durch die Weinberge zu spazieren. Einfach durch die Altstadt zu treiben, vor dem Rudolfinum zu stehen und zu überlegen, welche Figur wohl Mendelssohn ist.“ Er schien Cottas fragenden Blick zu bemerken. „Es gibt ein Buch, in dem diese Figur eine Rolle spielt – Na střeše je Mendelssohn.“
Das brachte Cotta natürlich nicht unbedingt weiter. Also nickte er nur – bis ihm auffiel, dass Victor den Titel gerade definitiv nicht in englisch, und auch mit ziemlicher Sicherheit nicht auf französisch genannt hatte.
„Wie viele Sprachen sprichst du eigentlich?“, erkundigte er sich neugierig.
„Französisch und Englisch, Italienisch, Tschechisch, ein wenig Deutsch, Russisch, Arabisch und Hindi“, zählte Victor langsam auf, wirkte fast ein wenig verlegen, als Cottas Augen mit jeder Sprache größer wurde. „Arabisch und Russisch kann ich allerdings weder lesen noch schreiben, und Hindi auch nur mit Mühe.“
„Hm“, machte Cotta beeindruckt. „Ich kann… Englisch. Und ein bisschen Spanisch.“
„Welche Stadt ist dir die liebste?“ Offenbar versuchte Victor, das Gespräch zurück auf ein Thema zu steuern, bei dem Cotta sich ein bisschen weniger ungebildet vorkam.
Dafür eignete sich die Frage jedoch nur bedingt, und Cotta lachte. „Ich bin noch nie weiter gekommen als bis Portland, und das auch nur, weil mein Halbbruder da wohnt. Mir ist noch keine wirklich schöne Stadt begegnet.“
„Irgendwann-“, setzte Victor an, brach dann schlagartig ab.
Cotta zwang sich, nicht darüber nachzudenken, wie dieser Satz hätte weitergehen sollen.
Stattdessen trank er einen Schluck von seinem Bier. „Bist du schon mal in Vegas gewesen?“, erkundigte er sich.
Ein überraschtes Lachen entfuhr Victor. „Oh ja“, erwiderte er, „Vegas. Das waren einige sehr interessante Tage.“
Er begann eine leicht schräge Geschichte, die auffällig mit nachprüfbaren Details sparte, und Cotta lauschte gebannt.
Als Victor aufhörte, zu reden, bemerkte Cotta es erst zwei Sekunden später.
Abrupt wurde ihm bewusst, dass er noch immer Victors Lippen anstarrte, und als er den Blick zu dessen Augen hob, beobachtete dieser ihn bereits. Seine Mundwinkel verzogen sich ein winziges Stück, beinahe spöttisch.
Bevor Victor einen passenden Kommentar finden konnte, lehnte Cotta sich einfach zu ihm hinüber und küsste ihn.
Ohne zu zögern erwiderte Victor den Kuss. Er schmeckte nach Rauch, und Cotta fühlte sich erneut an ihren ersten Abend erinnert.
Einen Moment später spürte er Victors Finger an seinem Kinn, die sacht über seine Haut strichen. Sie glitten federleicht in seinen Nacken, und Cotta hatte das Gefühl, Victor müsste spüren können, wie sein Puls sich beschleunigte.
Seine eigene Hand rutschte irgendwie ohne sein Zutun zu Victors Seite, stahl sich unter das Jackett. Durch den glatten Stoff des Hemdes konnte er Victors Wärme spüren, wollte nichts mehr, als diese letzte Barriere aus dem Weg zu räumen.
Kaum machte Cotta Anstalten, den Kuss zu beenden, zog Victor ihn wieder näher.
Vielleicht sollte Cotta sich Sorgen machen, dass irgendjemand sie hier sah – dass ein Kollege ihn nicht nur im Gespräch mit einem gesuchten Dieb entdeckte, sondern möglicherweise vor dem gesamten Revier outete –, doch daran verschwendete er nicht einen Gedanken.
Alles, was zählte, waren Victors Lippen auf seinen, die Berührung auf seiner Haut, die unerwartet drängende Art, mit der Victor ihn küsste. Cotta verlor sich darin, vergaß völlig, dass sie sich gerade in einer Hotelbar befanden, vergaß alles um sie herum.
Schließlich machte Victor sich doch los.
„Ich denke, ich gehe jetzt hoch in mein Zimmer“, erklärte er, stand abrupt auf, und der Gedanke, dass der Abend an dieser Stelle zuende sein sollte, versetzte Cotta einen Stich.
Dann erst wurde er sich des vielsagenden Blickes bewusst, mit dem Victor ihn bedachte. Und als wäre diesem aufgefallen, dass Cotta der Wink mit dem Zaunpfahl offenbar gerade entgangen war, fügte er hinzu. „Begleitest du mich?“
„Nur für heute Abend“, echote Cotta die Worte des Kunstdiebs und erhob sich ebenfalls. „Um der alten Zeiten willen.“ Das, zumindest, war die Ausrede, die er sich selbst am nächsten Tag erzählen würde.
Für eine Sekunde bekam das Lächeln auf Victors Gesicht einen melancholischen Zug. Dann verwandelte es sich abrupt in etwas unübersehbar zweideutiges.
„Wenn ich mich recht entsinne, sind wir noch nie so weit gekommen“, stellte er fest, und die Erinnerung an jene hastigen Momente in der Gasse hinter der Bar tauchte nachdrücklich in Cottas Kopf auf.
„Mittlerweile halte ich etwas länger durch“, gab er unwillkürlich zurück, und hätte am liebsten den Kopf in den Händen vergraben, sobald der Satz heraus war.
Aber Victor legte nur den Arm um ihn, zog ihn mit sich zur Treppe, und erwiderte leise: „Gut. Denn ich habe vor, mir Zeit zu lassen.“
Beim vierten Mal war alles nur noch komplizierter.
Rocky Beach, Kalifornien, 4 Jahre zuvor.
Gefühlt war Cotta einem Herzinfarkt nahe gewesen, als Justus ihm eröffnete, dass er und seine Freunde Victor Hugenay auf der Spur waren.
Denn in den Jahren, die seit seiner Versetzung vergangen waren, hatte er die Erfahrung machen dürfen, dass die Jungs ein fast schon übernatürliches Talent hatten, jedes Rätsel zu lösen, dessen sie sich annahmen. Und auch wenn er Victor seit fünf Jahren nicht gesehen hatte, nicht mehr, seit er sich mitten in der Nacht aus dem Hotelzimmer in Los Angeles geschlichen hatte, der Gedanke, er würde tatsächlich vor Gericht gestellt, bereitete ihm noch immer Unbehagen.
Und zum ersten Mal erwischte er sich dabei, Justus und seinen Freunden einen Misserfolg zu wünschen. Victor war ihnen bereits zuvor entwischt, sagte er sich, und versuchte nicht daran zu denken, wie es sich anfühlen würde, ihn festnehmen zu müssen.
Doch diesmal verließ das Glück Victor.
Für einige lange Sekunden hatte Cotta die Hoffnung, er würde ihnen am Strand entwischen, doch trotz aller seiner Versuche, die Aktion unauffällig ein wenig zu verzögern, waren seine Kollegen noch rechtzeitig vor Ort.
Er war beinahe froh über den Regen und die Dunkelheit, aber trotzdem konnte er die Überraschung und dann den Hauch von Schmerz auf Victors Gesicht viel zu gut sehen, als er auf ihn zu trat und Victor ihn erkannte.
Stumm versuchte er, Victor mit den Augen zu verstehen zu geben, dass das hier nicht seine Absicht gewesen war, dass es ihm fast physisch wehtat, ihn verhaften zu müssen, doch Victor weigerte sich, seinen Blick zu erwidern, hielt den Kopf stolz erhoben.
Widerwillig löste Cottta die Handschellen von seinem Gürtel, fasste sanft Victors Handgelenke, hatte das Gefühl, die Berührung würde auf seiner Haut brennen. Mit gezwungen unbeteiligter Stimme erklärte er Victor seine Rechte, führte ihn dann zu einem der Jeeps hinüber.
Alles in ihm verlangte danach, Victor einfach in die Arme zu schließen, ihn zu küssen und ihm zu versprechen, dass er ihn aus diesem Schlamassel wieder heraus holen würde, aber er wusste nur zu gut, dass er nichts davon tun durfte. Nicht jetzt, nicht hier, nicht so lange seine Kollegen und die Fragezeichen in ihrer Nähe waren.
Der Regen lief ihm über das Gesicht, während er Victor auf der Rückbank des Wagens Platz nehmen ließ. Ein schneller Blick sagte ihm, dass sie einige Sekunden hatten, bevor der Fahrer zu ihnen stoßen würde, die anderen Beamten gerade so außer Hörweite.
„Ich wollte nicht, dass das hier passiert“, flüsterte Cotta hastig. „Bitte, Victor, du musst mir glauben. Ich wollte das nicht.“
Endlich sah Victor ihn an, sah ihm in die Augen. Langsam seufzte er, sein Körper entspannte sich, und er nickte.
Der Drang, ihn zu berühren, wurde fast übermächtig, doch in diesem Moment waren zwei von Cottas Kollegen heran, einer winkte mit dem Autoschlüssel.
„Wir übernehmen, Inspektor!“, sagte er, „Wir bringen ihn in die Zelle!“
Am liebsten hätte Cotta widersprochen, Victor selbst gefahren, um wenigstens ein paar Minuten Zeit zu haben, offen zu reden, aber er durfte sich nichts anmerken lassen.
Also beschränkte er sich darauf, einen letzten Blick mit Victor zu wechseln, ehe er ihm schweren Herzens den Rücken zudrehte.
Als er später aufs Präsidium zurück kehrte, wusste er schon, dass es in den nächsten Tagen nicht leichter werden würde.
Stundenlang saßen sie zusammen in dem kleinen Vernehmungszimmer, keine zwei Meter von einander entfernt, nur ein metallener Tisch, der sie trennte.
Doch genauso gut hätten ganze Länder zwischen ihnen liegen können.
Egal wie gerne er die Hand nach Victor ausgestreckt hätte, ihn berührt hätte, er wusste genau, dass er es sich nicht erlauben durfte.
Das war vielleicht die schlimmste Folter, ihm so nahe zu sein, und doch nicht einmal ein vertrautes Wort wechseln zu können, weil überall die Ohren und Augen seiner Kollegen waren.
Cotta war sich akut bewusst, dass sie sich zum ersten Mal bei Tageslicht sahen – oder vielmehr im harten Neonlicht der Deckenlampen. Und auch wenn das wirklich niemandem schmeichelte, traf es ihn doch immer wieder, wie verdammt schön Victor war.
Fast war Cotta versucht, neidisch zu werden. Die Zeit hatte Victor eine vornehme, fast aristokratische Eleganz verliehen, während er selbst sich hauptsächlich alt und zerknittert fühlte, mit dunklen Schatten unter den Augen und wie so oft unrasiert.
„Mr Hugenay-“, setzte er an, schon der Name wollte ihm kaum über die Lippen kommen. Es fühlte sich falsch an, Victors Nachnamen zu benutzen, ihn mit so unpersönlicher Höflichkeit zu behandeln.
Er konnte die selben Gefühle in Victors Augen sehen.
Doch sie wussten beide, dass sie die Fassade aufrecht erhalten mussten. Und auch wenn Victor sich betont schwierig und verschwiegen gab, Cotta ausschloss und stattdessen mit Justus zu sprechen verlangte, vertraute Cotta doch voll und ganz darauf, dass Victor ihre Beziehung – wie auch immer man diese definieren wollte, ihm selbst gelang es jedenfalls nicht, sie adequat in Worte zu fassen – für sich behalten würde.
Und ein Teil von Cotta genoss es einfach, in Victors Gegenwart sein zu können. Auch wenn sie nicht einmal wirklich Small Talk machten, wenn Victor die meiste Zeit einfach da saß, in diesem Overall, der so gar nicht zu ihm passte, und still vor sich hin lächelte, Cotta war schlicht und ergreifend gern in seiner Nähe.
Trotzdem war er froh, als Victor das Angebot einer Zigarette ablehnte und erklärte, er habe sich das Rauchen abgewöhnt. Auf diese Weise musste Cotta zumindest nicht mit ihm in den Hof hinunter gehen, wo unzählige Kollegen sie durch die Fenster beobachten könnten, und dabei zusehen, wie Victor die Lippen um den Filter schloss, genüsslich den Rauch einsog. Das wäre mehr, als er gerade ertragen konnte.
Auch so wurde es schon mit jedem Tag schwerer, sich nicht doch zu verraten, all das, was er so gerne sagen würde, unausgesprochen zu lassen.
„Warum haben Sie damals Ihren Tod vorgetäuscht?“, brach es irgendwann aus ihm heraus. Nur mühsam schaffte er es, die Anklage aus seiner Stimme heraus zu halten, weiter die höfliche Anrede zu verwenden, die sich so falsch anfühlte.
Die Nachricht hatte ihn damals hart erwischt, und bis Justus und seine Freunde die Lüge hatten auffliegen lassen, war es ihm einige Tage verdammt schlecht gegangen. Taub und abwesend war er dahin getrieben, bis zu dem Punkt an dem Caroline sich ernsthafte Sorgen um ihn gemacht hatte.
Aber er hatte es einfach nicht verarbeiten können. Irgendwo im hintersten Winkel seinen Gehirns hatte er immer darauf gehofft – war er immer davon ausgegangen – dass sie irgendwann vielleicht eine echte Chance haben könnten. Allen rationalen Bedenken zum Trotz, hatte er geglaubt, dass sie eines Tages die Gelegenheit bekommen würden, sich tatsächlich kennen zu lernen, tatsächlich Zeit miteinander zu verbringen.
Und der Gedanke, dass Victor tot sein sollte, bevor es je dazu kommen konnte, hatte ihn getroffen wie ein Schlag.
Für einen Augenblick verrutschte das nichtssagende Lächeln, das Victor auf seinen Lippen festgeklebt zu haben schien und das so gar nichts mit dem Lächeln zu tun hatte, an das Cotta sich erinnerte. Nur eine Sekunde lang weiteten sich seine Augen, sah er erschreckt aus. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle.
„Ich bin eben ein sehr egoistischer Mensch“, sagte er leise, der Tonfall sorgsam moduliert, und Cotta war sich ziemlich sicher, dass er eigentlich meinte Es tut mir leid.
Cotta nickte nur, zum Zeichen, dass er verstanden hatte, die Erklärung oder Entschuldigung akzeptierte.
Und es war nicht einmal so, als könnte er Victor wirklich einen Vorwurf machen.
Denn er machte Cotta ebenfalls sehr egoistisch.
Wenn sie zusammen waren, kümmerte die Welt ihn nicht mehr. Dann war alles egal außer diesem Mann.
Manchmal wollte Cotta ihn am liebsten verfluchen. Eigentlich hatte Victor kein Recht, solche Macht über ihn auszuüben.
Doch stattdessen saß er einfach weiter in diesem verdammten Vernehmungsraum, sah in das lächelnde Gesicht eines international gesuchten Kundstdiebs, und wollte nichts mehr, als ihn einfach nur in seine Arme ziehen zu können.
Insgeheim war er erleichtert, als ihn die Nachricht von Victors Flucht erreichte.
Doch das Gefühl sollte nicht lange anhalten, und noch ehe die Nacht vorüber war, sah er sich erneut gezwungen, Victor Hugenay Handschellen anzulegen.
Beim fünften Mal war Victor aus dem Gewahrsam entkommen und erneut auf der Flucht, und Cotta war noch immer Polizist.
San Diego, Kalifornien, 1 Jahr zuvor.
Jahrelang hatte Victor keinen Kontakt zu ihm gesucht.
Es war einfach etwas, das nicht geschah. Ihre Beziehung, falls man es überhaupt so nennen konnte, hatte immer auf zufälligen Begegnungen basiert.
Umso überraschter war Cotta also gewesen, als er eines Tages einen unfrankierten Umschlag ohne Absender in seinem Briefkasten gefunden hatte.
Darin war nur eine Karte gewesen, beschrieben in einer klaren Handschrift. Name und Adresse eines Hotels in San Diego, dazu ein Datum. Sonst nichts.
Aber Cotta hatte ein ziemlich sicheres Gefühl im Bauch gehabt, von wem die Nachricht sein könnte, und ohne zweimal zu überlegen hatte er den nächsten Tag frei genommen und war losgefahren.
Und tatsächlich war es Victor, der ihn in der Lobby erwartete.
Elegant gekleidet wie immer, das Haar zurückgekämmt, ein sachtes Lächeln auf den Lippen, und es tat so gut, ihn zu sehen, das es fast schmerzte.
Der erste Satz, den er zu Cotta sagte, war: „Hast du Hunger?“
Cotta nickte, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Er hatte den Brief entdeckt, als er vom Dienst nach Hause gekommen war, und war umgehend aufgebrochen. Inzwischen war es kurz nach acht und er hatte vier Stunden Fahrt hinter sich und seit dem Mittag nichts mehr gegessen.
Bereitwillig ließ er sich von Victor zurück ins Freie führen, zu einem der wartenden Taxis, und dann waren sie auch schon wieder unterwegs. Die Frage, ob es nicht riskant für Victor war, einfach so in der Gegend herum zu spazieren, lag Cotta auf der Zunge, doch er stellte sie nicht.
Stattdessen erkundigte er sich nur: „Wohin fahren wir?“
Victor warf ihm nur einen Blick von der Seite zu, strich sacht über seinen Arm und erwiderte: „Du wirst sehen.“
Ihr Ziel stellte sich als ein kleines, indisches Restaurant heraus. Der junge Mann, der sie zu einem Tisch führte, sprach mit Victor wie mit einem alten Bekannten – in einer Sprache, die Cotta nicht verstand. Also verlegte er sich darauf, einfach zu lächeln.
Sie setzten sich, und der Mann verschwand in die Küche.
„Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich für uns beide bestellt habe?“, versicherte Victor sich, klang plötzlich beinahe entschuldigend.
Cotta nickte bloß. Wahrscheinlich hätte er sowieso nicht gewusst, was er hätte nehmen sollen. Und er traute Victors Urteil, obwohl ihm selbst klar war, dass er dazu eigentlich noch gar keinen Grund bekommen hatte.
Beim Essen – das in der Tat hervorragend war – reden sie nicht viel. Doch es war kein Schweigen wie im Vernehmungszimmer, angespannt und lauter als Worte, sondern friedlich, einträchtig. Für eine Weile waren sie zufrieden damit, einfach zusammen zu existieren.
Erst, als sie in Victors Hotelzimmer jeder mit einem Glas Wein auf dem Balkon saßen, kam langsam ein Gespräch in Gang.
„Meine Schwester denkt, ich würde mich in Ojai mit einem alten Kollegen treffen“, sagte Cotta, sah über die schmiedeeiserne Brüstung aufs Meer hinaus.
Er konnte Victors Blick auf seiner Haut spüren.
„Weiß sie von…“, Victor zögerte einen Augenblick, drehte an seinem Glas, „uns?“
Kurz erwog Cotta, zu lügen. Doch dann nickte er.
„Ja“, gab er leise zu. Caroline und er hatten so gut wie keine Geheimnisse vor einander, und als Victor in Rocky Beach im Gewahrsam gewesen war und Cotta richtiggehend unausstehlich geworden sein musste, hatte sie ihm die ganze Geschichte schließlich entlockt. Oder zumindest das meiste. „Aber ich wollte… ich wollte ihr Mitgefühl nicht, falls es doch nicht du gewesen wärst – falls ich mir falsche Hoffnungen gemacht hätte.“
Ein Lächeln spielte um Victors Mundwinkel, als Cotta zu ihm hinüber sah. „Ach. Von wem würdest du denn sonst noch mysteriöse Post erwarten?“, wollte er wissen.
Cotta musste lachen. Er war dankbar, dass Victor die Sache mit einem Scherz abtat. Denn sobald er die Worte ausgesprochen hatte, war ihm klar geworden, dass das hier weder die Zeit, noch der Ort war, um sich mit ihrer Bedeutung wirklich zu befassen.
Also versicherte er schnell: „Keine Sorge. Außer mit dir treffe ich mich mit niemandem, bei dem es mich den Job kosten könnte, wenn es rauskäme.“
„Dann war es wohl sehr egoistisch von mir, dich hier her zu locken, fürchte ich“, stellte Victor fest, klang halb nachdenklich und versteckte seine Miene hinter dem Rand des Weinglases.
„Vielleicht“, stimmte Cotta zu, trank einen langsamen Schluck. „Aber es war auch sehr egoistisch von mir, herzukommen.“
Für einen Moment herrschte Schweigen, das Rauschen des Pazifik mischte sich dem des Verkehrs zu einem leisen Hintergrundgeräusch.
Schließlich sagte Victor leise: „Ich habe eine Reihe von Anwälten auf meine… Fälle angesetzt.“ Ein Zögern. „In einem Jahr könnte ich ein freier Mann sein.“
Die Worte hingen zwischen ihnen; Cotta hatte das Gefühl, er könnte die Hand nach ihnen ausstrecken und sie aus der Luft pflücken.
Ihre Bedeutung wog schwer, öffnete unerwartete Türen und lockte mit dem Versprechen von Möglichkeiten, auf die zu hoffen Cotta sich zumeist nicht traute.
„Das würde mir gefallen“, erwiderte er ebenso leise.
Sie wechselten einen Blick, und Cotta sah die gleiche Vorsicht auf Victors Gesicht, die ihn daran hinderte, den Gedanken vollends zuzulassen. Solange sie keine Erwartungen hatten, sich keine Hoffnungen erlaubten, war es beinahe leicht, mit dem zufrieden zu sein, was sie hatten.
Und Cotta wusste nicht, ob er eine Enttäuschung verkraften könnte.
Er musste dringend das Thema wechseln, sprach das erste aus, das ihm in den Sinn kam: „Du trägst die Haare wieder länger.“
Das war ihm gleich aufgefallen, als er Victor in der Hotellobby entdeckt hatte. Es war noch nicht ganz lang genug, als das man es hätte zusammenbinden können, fiel in einer sachten Welle fast bis zum Hemdkragen, und Cotta bekämpfte schon den ganzen Abend das Bedürfnis, die Hände hinein zu graben.
Der plötzliche Umschwung des Gesprächs schien Victor nicht zu überraschen. Er lächelte. „Gefällt es dir?“
Cotta nickte. „Erinnert mich an früher. An das erste Mal.“
Mit einem Lachen schüttelte Victor den Kopf. „Wir waren so jung damals“, stellte er fest, „Jung und dumm.“
Und unerfahren, ergänzte Cotta gedanklich. Aber er sagte es nicht, leerte stattdessen lieber seinen Wein.
Kurz sah er sich um, erinnerte sich dann daran, dass sie die Flasche drinnen auf dem Regal stehen lassen hatten.
Als er wieder auf den Balkon kam und ihnen nachschenken wollte, legte Victor gerade eine glühende Zigarre an einem Aschenbecher ab, den Cotta zuvor gar nicht bemerkt hatte.
Ganz bewusst konzentrierte er sich darauf, die Gläser zu füllen, die Flasche abzustellen, und sich möglichst äußerlich entspannt wieder hinzusetzen.
„Ich dachte, du hast aufgehört“, brachte er dann hervor. Konnte gleichzeitig nicht den Blick davon abwenden, wie Victors Finger fast zärtlich über die Zigarre strichen, ehe er sie an die Lippen hob.
Und als Victor an der Zigarre zog, ihn spöttisch anlächelte und ihm den Rauch demonstrativ direkt ins Gesicht bließ, wollte Cotta ihn vielleicht mehr als je zuvor.
Nur mühsam hielt er seine Augen davon ab, sich zu schließen, leckte sich unwillkürlich die Lippen. Fragte sich still, was zum Teufel es war, das Victor an sich hatte, das ihn zurückverwandelte in den jungen Mann von damals, der so begierig auf körperliche Nähe gewesen war, ohne tatsächlich so recht ausdrücken zu können, wonach er sich sehnte.
Ungerührt nahm Victor den Gesprächsfaden wieder auf, und Cotta war kurz versucht, ihm eine Beleidigung an den Kopf zu werfen.
Hinterher wusste er nicht mehr, worüber sie geredet hatten, wusste nur noch, dass er gelegentlich genickt und sogar geantwortet hatte, ohne auch nur ein Wort von dem mitzubekommen, was einer von ihnen sagte.
Victor schien es aktiv darauf abgesehen zu haben, ihn um den Verstand zu bringen, und zu Cottas Verdruss funktioniert es hervorragend.
Krampfhaft hielt er sich an seinem Weinglas fest, leerte es bedeutend schneller als das erste, und die ganze Zeit verschwand dieses wissende Lächeln nicht von Victors Lippen.
Schließlich sah er Cotta erneut betont direkt in die Augen, während er an der Zigarre zog, ließ den Rauch entweichen mit einem Geräusch, das schon fast einem Stöhnen gleich kam, und das war wirklich das Limit dessen, was Cotta ertragen konnte.
Er stand auf, griff den Aschenbecher, und zog Victor auf die Füße.
„So, und wir gehen jetzt rein“, erklärte er entschieden. Denn bei aller Liebe – und sein Hirn stockte kurz über diesem Ausdruck – er bekam gerade noch genügend gesunden Menschenverstand zusammen, um zu wissen, dass er nicht gleich hier auf dem Balkon vor Victor auf die Knie gehen wollte. Außerdem würden ihm seine Knie das nicht danken.
Das selbstzufriedene, fast raue Lachen, das Victor hören ließ, brachte ihn beinahe dazu, diese Skrupel noch einmal zu überdenken.
Dann küsste Victor ihn, und er dachte nur noch daran, dass er damit am liebsten nie wieder aufhören würde.
Erst später fiel ihnen auf, dass sie die Weingläser auf dem Balkon vergessen hatten, aber keiner von ihnen verspürte das Bedürfnis, sie reinzuholen.
„Eine Nacht werden sie draußen schon überstehen“, meinte Victor wegwerfend, „Und wenn nicht, ist es auch nicht wichtig.“
Für eine Sekunde lag Cotta auf der Zunge, das für ihn in diesem Moment außer Victor überhaupt nichts wichtig war, doch er schluckte den Kommentar herunter. Stattdessen entschlüpfte ihm ungebeten: „Du warst der erste Mann, den ich geküsst habe, wusstest du das?“
„Du meinst, der erste Mann, der dich geküsst hat“, gab Victor zurück, und trotz des spöttischen Lächelns, das um seine Mundwinkel spielte, war sein Blick so weich, „Wenn ich mich recht entsinne, habe ich dich geküsst.“
„Details“, wischte Cotta den Einwand beiseite, klang viel scherzhafter, als er sich fühlte. Langsam lehnte er sich über Victor, küsste ihn bedächtig und ausgiebig, und die Erkenntnis, das er tatsächlich zum ersten Mal die Gelegenheit hatte, sich wirklich Zeit zu lassen, tat ihm im Herzen weh.
„Du warst für mich der eine unwiderlegbare Beweis, dass ich mich tatsächlich für Männer interessiere“, gestand er, flüsterte die Worte gegen Victos Lippen, als könnte er ihnen damit etwas von ihrem Gewicht nehmen.
Victor küsste ihn erneut, strich mit dem Daumen sacht über Cottas Wange, und als sie sich diesmal von einander lösten, sagte er leise: „So viele Jahre. So viele Jahre und auch wenn ich es versucht habe, konnte ich dich nie ganz vergessen.“
Cotta war dankbar, dass er einen Schatten über Victors Gesicht warf, denn er zweifelte daran, dass er den Ausdruck in Victors Augen gerade ertragen könnte. Er fühlte sich auch so schon verwundbar genug, und die Bestätigung, dass es Victor vielleicht in all der Zeit ähnlich gegangen war wie ihm, machte das Gefühl eher schlimmer als besser.
„Ich wünschte, wir hätten damals-“ Er brachte den Satz nicht zuende. Wusste nicht ganz, was er eigentlich sagen wollte. Adressen ausgetauscht? Sich verabredet, für ein paar Tage später, um sich richtig kennen zu lernen? Ihm war selbst klar, dass keiner von ihnen damals in der Lage gewesen wäre, mehr daraus zu machen als das, was es gewesen war.
Victor nickte fast unmerklich. „Ich auch“, erwiderte er, und Cotta wusste, dass Victor verstanden hatte, was er nicht in der Lage war, auszusprechen.
Sanft zog Victor ihn an sich, und das Gefühl von nackter Haut auf Haut entlockte ihnen beiden ein Seufzen.
Sie versanken in den Berührungen, bedächtig und ohne Hast, und für eine Weile hörte die Welt außerhalb des Zimmers einfach auf, zu existieren.
Cotta lag noch lange wach in dieser Nacht.
Auf den Ellbogen gestützt beobachtete er Victor, dessen Gesicht im Schlaf so friedlich aussah. Das Mondlicht warf einen silbernen Schein auf seine Haut, der langsam über das Bett wanderte.
Und er wusste, dass er sich in den Morgenstunden wieder aus dem Zimmer schleichen würde, bevor Victor aufwachte, und zurück nach Rocky Beach fahren würde. Dass ihre Wege sich wieder trennen würden, wieder trennen mussten, weil sie das Risiko nicht eingehen durften, und er wünschte sich nichts mehr, als in diesem Moment zu bleiben, nur für eine Weile, vielleicht eine kleine Ewigkeit.
Ihm lagen so viele Worte auf der Zunge, alles die falschen oder vielleicht war es nur das Timing, das nicht stimmte – wie immer nicht stimmte.
Prag, Tschechische Republik, jetzt.
Victors vorsichtige Voraussage hatte sich bewahrheitet. Wie auch immer er es angestellt hatte, seine Anwälte hatten dafür gesorgt, dass alle Verfahren gegen ihn eingestellt oder maximal mit einer Geldstrafe geahndet wurden. In einigen Fällen waren ihnen wohl Verjährungsfristen zu Hilfe gekommen, und Cotta konnte nicht umhin, dankbar zu sein, dass Victor mit zunehmendem Alter offenbar besser darin geworden war, keine verwertbaren Spuren mehr zu hinterlassen. Denn für Gerüchte konnte man ihn glücklicherweise nicht festnehmen.
Am Ende war lediglich der Einbruch in die Knox-Villa übrig geblieben, und dieser Fall war auf einen Hausfriedensbruch herunter gehandelt worden – schließlich war die Sachbeschädigung durch den Nachtschatten entstanden, und niemand konnte beweisen, dass Victor überhaupt die Absicht gehabt hatte, ein Gemälde zu entwenden.
Am selben Tag, an dem Cotta in der Zeitung den Artikel entdeckte, dass der berüchtigte Kunstdieb Victor Hugenay nun offiziell wieder ein freier Mann war, hatte er einen Brief und ein Flugticket in seinem Briefkasten gefunden.
Da er sowieso gerade die Reha hinter sich gebracht und mit leichtem Grausen auf die vier Wochen Zwangsurlaub gesehen hatte, die ihm vom Commissioner verordnet worden waren, war ihm die Entscheidung nicht schwer gefallen.
Jetzt stand er also im Flughafen Václav Havel außerhalb von Prag, wo besagter Kunstdieb sich niedergelassen hatte, seit er die Behörden nicht mehr zu fürchten hatte. Und nicht zum ersten Mal tauchte in seinem Kopf die Erinnerung an ihre Unterhaltung vor neun Jahren auf, als Victor angedeutet hatte, ihm diese Stadt eines Tages zeigen zu wollen.
„Ich bin froh, dass du gekommen bist“, sagte Victor leise, hauchte ihm einen angedeuteten Kuss auf die Wange.
„Ich bin auch froh“, erwiderte Cotta lächelnd.
Dankenswerterweise versuchte Victor nicht, ihm die Reisetasche abzunehmen – Cotta war es leid, dass Leute wohlmeinend versuchten, ihm zu helfen, und die peinliche Szene, wie sie beide um die Tasche rangen, wollte er ihnen gerne ersparen – sondern leitete ihn nur durch die Halle zum Ausgang hinüber und dann zu einem Parkplatz.
Die Fahrt verlief schweigend. Die Dämmerung war schon herein gebrochen, die Stadt war erhellt von Neonlichtern, doch alles, was Cotta wahrnahm, war die Berührung von Victors Hand auf seiner.
Schließlich parkte Victor den Wagen vor einem Altbau in einer ruhigen Gegend, führte Cotta hinauf in eine kleine Wohnung unter dem Dach.
Cotta stellte seine Tasche im schmalen Flur ab, während Victor im Wohnzimmer eine Stehlampe einschaltete.
Der Raum war gemütlich eingerichtet, mit dunklen Möbeln, eine große Glastür führte hinaus auf eine Dachterrasse, von der aus man am Tag sicherlich einen schönen Blick hatte. Was Cotta jedoch überraschte, war die Enge – das Hotelzimmer in San Diego, in dem sie sich zuletzt gesehen hatten, war bedeutend größer gewesen. Die Wohnung war gerade groß genug für eine Person. Oder vielleicht auch zwei.
Doch er kommentierte diese Tatsache nicht, schenkte der Einrichtung gar keinen weiteren Blick, ehe er sich wieder auf den Mann fokussierte, wegen dem er hergekommen war.
Victor beobachtete ihn aufmerksam, und plötzlich fragte Cotta sich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war. Den ganzen Flug lang hatte er nicht eine Sekunde gezweifelt, hatte an nichts anderes gedacht als an das Wiedersehen, doch in diesem Moment wurde er unsicher.
Eigentlich kannten sie sich kaum. War es eine überstürzte Entscheidung gewesen, um die halbe Welt zu fliegen, um ihn zu treffen? War es Wahnsinn, was sie hier versuchten?
„Möchtest du etwas essen?“, fragte Victor, redete weiter, ohne Cotta Zeit für eine Antwort zu geben. „Ein paar Straßen weiter gibt es ein ganz zauberhaftes kleines Restaurant mit sehr guter Küche, ich bin mir sicher, dass sie noch offen haben. Oder-“
Cotta griff sacht nach Victors Arm, und dieser verstummte abrupt. Offenbar war Cotta nicht der einzige, der gerade etwas nervös geworden war.
Hier in Victors Wohnung zu sein, anstatt wie üblich nur von einem temporären Aufenthaltsort zum nächsten zu springen, fühlte sich bedeutsam an auf eine Weise, die Cotta nur mit Mühe in Worte fassen konnte.
„Lass uns einfach hier bleiben“, bat er leise. Er war müde, er wollte nicht noch durch die Straßen ziehen und vor den Augen anderer Menschen jede Berührung und jeden Blick abwägen müssen.
„Wir haben Zeit-“, setzte Victor an.
„Ich weiß“, unterbrach Cotta ihn sanft, „Genau deswegen. Das Restaurant wird morgen auch noch da sein. Heute will ich einfach nur mit dir zusammen sein.“
Deswegen war er schließlich hier. Nicht wegen der Stadt, nicht wegen irgendwelchen Essens. Sondern wegen Victor. Nur wegen Victor.
Mit einem kleinen Seufzen verließ die Unruhe Victor, und er lächelte. „Natürlich“, stimmte er zu. „Wie könnte ich dazu nein sagen.“
Die dunklen Augen trafen Cottas, und nicht zum ersten Mal hatte er das Gefühl, in ihnen versinken zu können. Er wusste instinktiv, dass er sich vorsehen sollte, dass es gut war, dass er sich in vier Wochen beim Polizeiarzt melden musste. Sonst wäre er vielleicht versucht, einfach hier zu bleiben.
Langsam schloss er den letzten Abstand zwischen ihnen, küsste Victor. Ganz sacht, ohne Hast. Versuchte, all das hinein zu legen, was ihn hier her geführt hatte, so unaufhaltsam, als würde ein Haken in seiner Brust stecken, an dem jemand zog.
Auch nachdem sie sich von einander lösten, machte keiner Anstalten, tatsächlich wieder Abstand zwischen sie zu bringen. Cotta genoss es sehr, Victor einfach so nahe sein zu können, und dem schien es nicht anders zu gehen.
„Die Frage bleibt allerdings“, sagte Victor schließlich leise. „Möchtest du etwas essen?“
Cotta schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Aber einen Drink würde ich nehmen.“
Ein Lächeln; Victor nickte. „Ich habe Cognac, Cordon Rouge, Arak, Umeshu, Bourbon oder Whisky aus der Bretagne da“, bot er an.
Für einen Moment konnte Cotta ihn nur überrascht anblinzeln. Dann musste er grinsen. „Ich weiß grade mal bei der Hälfte, was das überhaupt ist“, stellte er fest. „Also such einfach irgendwas aus.“
Auch Victors Mundwinkel zuckten. Er musterte Cotta kurz, dann ging er zu einem niedrigen Schrank neben dem Sofa hinüber, in dem sich offenbar eine kleine Bar versteckte.
„Bourbon, denke ich“, sagte er, während er eine Flasche heraus nahm. „Obwohl man hier üblicherweise vielleicht eher Wodka trinken würde.“
„Victor Hugenay trinkt Wodka?“, hakte Cotta ungläubig nach. Das konnte er sich nun wirklich nur schwer vorstellen.
Das warme Lachen, das ihm antwortete, prickelte auf seiner Haut. „Ich sagte, man“, gab Victor zurück. „Nicht ich.“
Er reichte Cotta ein Kristallglas, der einen Augenblick lang überlegte, ob sie auf irgendetwas bestimmtes anstoßen sollten. Doch er entschied sich dagegen, und als auch Victor keine entsprechenden Anstalten machte, trank er einen kurzen Schluck.
Und auch wenn Cottas Wissen über hochprozentigen Alkohol jeglicher Art eher beschränkt war, hatte er das ziemlich sichere Gefühl, dass es sich um ausgesprochen gute Qualität handelte.
Bevor er jedoch einen Kommentar dazu abgeben konnte, sagte Victor: „Wenn du dich mit der lokalen Trink-Kultur vertraut machen möchtest, können wir aber gerne eine Flasche Becherovka für dich organisieren.“
„Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es klingt gefährlich“, scherzte Cotta.
Victor, der sich inzwischen auf dem Sofa niedergelassen hatte, warf ihm einen Blick zu, in dem für Cottas Geschmack entschieden zu viel Belustigung lag. „Gefährlich wird es erst, wenn wir zum Absinth kommen.“
Das klang erst recht beunruhigend, aber Cotta zog es vor, nichts darauf zu erwidern. Stattdessen setzte er sich neben Victor, streckte mit einem Seufzen die Beine aus. Nach dem Flug und der Autofahrt tat es gut, sie lang machen zu können.
Vermutlich sollte er noch eine Runde spazieren gehen, oder sich zumindest etwas dehnen, damit ihm am nächsten Tag nicht alles wehtat, aber dazu war ihm gerade so gar nicht zumute.
Er nahm noch einen Schluck von dem Bourbon, wechselte das Glas in die andere Hand und massierte abwesend seine verletzte Schulter.
„Wie ist das eigentlich passiert?“, wollte Victor wissen.
Cotta verzog das Gesicht. „Das ist passiert, weil ich unbedingt beweisen musste, was ich für ein toller Typ bin, und mich dabei leider gehörig verrechnet habe.“
Der skeptische Blick, den Victor ihm zuwarf, brachte ihn zum Lachen.
„Nein, ganz so wars nicht“, gab er zu, „Aber fast. Ich wollte mit einem Kollegen einen Zeugen vernehmen, bei dem sich dann rausstellte, dass er der eigentliche Täter war und außerdem im Besitz einer nicht zugelassenen Pistole. Und weil ich es nach Möglichkeit vermeide, auf Menschen zu schießen, hab ich natürlich versucht, erstmal mit ihm zu reden. Er hatte leider keine solche Hemmungen.“
„Und dann?“, hakte Victor nach.
„Dann haben wir uns zurückgezogen und auf die Kavallerie gewartet.“ Cotta zuckte mit der gesunden Schulter. „Als die auftauchte, hat er klugerweise aufgegeben.“
Er war froh, als Victor die Geschichte nur mit einem amüsierten Lächeln quittierte. Eigentlich hatte er keine Lust, über seinen Job zu reden.
Also ließ er lieber erneut den Blick durch das Zimmer schweifen, über die schlichten, aber eleganten Möbel, die Bücherregale, den Plattenspieler und die Stelle gegenüber des Sofas, wo vermutlich ein Fernseher hätte sein sollen, wo sich tatsächlich jedoch eine große Vase mit dunkelroten Gladiolen befand.
„Du hast es wirklich gemütlich hier“, stellte er fest. Schmunzelte unwillkürlich. „Ich hatte allerdings etwas... größeres erwartet, von dem berüchtigten Meisterdieb.“
Victor lachte leise, trank einen langsamen Schluck.
„Ich habe lange darüber nachgedacht, wo meine Prioritäten liegen“, erklärte er dann ernst, „Was nur... Ballast ist, und was wirklich wichtig.“
Seine Finger schlichen sich auf Cottas Oberschenkel, wie sie es vor so vielen Jahren schon einmal getan hatten, in einer seltsam unaufdringlichen Geste, über deren Implikationen Cotta gerade nicht nachdenken wollte.
Stattdessen leerte er seinen Drink, nahm Victor dessen Glas ab, stellte beide auf den niedrigen Couchtisch. Fuhr mit den Fingern in das Haar, das Victor wieder lang trug wie bei ihrer ersten Begegnung, und zog ihn in einen Kuss.
Weil er es konnte. Weil er es durfte.
Victor erwiderte den Kuss ohne Zurückhaltung, und Cotta genoss es, dass sie endlich wieder einfach nur sie selbst sein konnten.
Nicht Polizist und Kunstdieb. Einfach nur zwei Männer in einer Prager Dachgeschosswohnung.
Später lagen sie in Victors Bett, durch das offene Fenster strömte laue Nachtluft in das kleine Zimmer. Wenn er nach oben schaute, konnte Cotta die Sterne sehen, doch er blieb dem dunklen Umriss von Victor neben sich zugewandt.
Victors Finger tanzten federleicht über sein Gesicht, als wollten sie sich die Konturen einprägen, damit sie sie ja niemals wieder vergaßen.
Ein Teil von Cotta wollte darüber lachen, wollte ihm sagen, dass er sich damit Zeit lassen konnte, dass er sich nicht in Luft auflösen würde.
Und die plötzliche Erkenntnis, dass er sich nicht mitten in der Nacht aus dem Zimmer stehlen musste, dass sie am nächsten Morgen zusammen aufwachen würden, zusammen frühstücken, dass sie alle Zeit der Welt hatten, um einander wirklich kennen zu lernen und zu sehen, ob es eine gemeinsame Zukunft geben konnte, nahm ihm für einen Moment den Atem.
Ihre erste Begegnung war fünfundzwanzig Jahre her, ein Vierteljahrhundert, ein halbes Leben, und endlich konnte Cotta die Worte sagen.
„Ich glaube, ich liebe dich“, flüsterte er in die Dunkelheit zwischen ihnen.
Victor erwiderte nichts darauf, doch aus der Art, wie er Cotta küsste, so sanft als könnte er ihn zerbrechen, konnte er die Antwort lesen.
