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Fandom:
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Characters:
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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2022-12-10
Completed:
2023-01-27
Words:
28,949
Chapters:
32/32
Comments:
154
Kudos:
530
Bookmarks:
48
Hits:
6,688

Danach

Summary:

Adam ist frei. Adam hat einen Gips. Und dass er mit zu Leo kommt, darüber müssen sie nicht reden, das müssen sie nicht sagen, das wissen sie beide auch so.

Notes:

Ja, juhu? Ich schaffe es dann nach (*checks calendar*) 11 Monaten auch endlich mal, meine "kleine", "simple" post-HdS Fic zu veröffentlichen. Und vielleicht ist es auch gar keine Fic – keine große, zusammenhängende, plot-getriebene Geschichte jedenfalls. Vielleicht sind es nur ein Haufen Headcanons und Szenarien in a Trenchcoat. Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht doch auch daran monatelang rumwerkeln und schleifen und umbauen und verzweifeln und zerhacken und spachteln würde.
Naja, der Plan ist jedenfalls, dass es jetzt jeden Abend ein neues Kapitel gibt. Wie dieses erste Kapitel sind die Kapitel alle sehr kurz, dafür gibt es relativ viele. Die erste Hälfte der Kapitel ist fertig, an der zweiten arbeite ich noch, vielleicht wird es also gegen Ende doch jeder zweite Abend, aber vor dem 29. Januar kriegen wir das auf jeden Fall durch.
Aber jetzt katapultiert euch einfach noch mal zurück in den Januar 2022: Das Herz der Schlange ist vor ein paar Tagen gelaufen und eure Eindrücke davon sind noch ganz frisch — Adam, der aus dem großen Gefängnistor tritt. Leo, der an der Motorhaube seines Autos lehnt und auf ihn wartet. Adam, der auf Leo zugeht, Leo, der auf Adam zugeht, wie die beiden sich dann treffen in der Mitte und sich ansehen im Sonnenschein und sich in den Arm nehmen, weil doch noch mal alles gut gegangen ist. Adams Arm, der in einem Gips steckt und der König, der tot ist und wie sie sich dann umdrehen, wie Leo Adam den Arm um die Schultern legt und ihn langsam zum Auto schiebt...

Chapter 1: Pizza

Chapter Text

Er hat die Schläfe an die warme Scheibe gelehnt, die Luft im Auto ist heiß und abgestanden. Es hat alles ein bisschen gedauert — der Papierkram und so, auch alles nur Beamte, da hat es niemand eilig und Leo musste wahrscheinlich eine ganze Weile warten in der warmen Sonne. Jetzt rollen sie runter in die Stadt, die Klimaanlage arbeitet und Adam fallen die Augenlider zu. Sie sind tonnenschwer und es ist, als wolle ihn etwas hinunterziehen in einen dunklen, schwarzen Schlaf. Aber er kämpft dagegen an, schafft es irgendwie, die Lider offenzuhalten, sein Bewusstsein nicht hinuntergleiten zu lassen in die Dunkelheit. Er will noch hier bleiben. Hier in der Wirklichkeit. Hier bei Leo.

»Willst du was essen?«, fragt Leo.

Dass Adam mit zu ihm kommt, darüber müssen sie nicht reden, das müssen sie nicht sagen, das wissen sie beide auch so.

Adam schüttelt den Kopf gegen die sanft vibrierende Scheibe. Spürt Leos schnellen Seitenblick auf sich.

»Sicher?«

Adam nickt.

»Keine Pizza?«

Adam schüttelt den Kopf, obwohl sein Magen ganz hohl und leer ist, er seit dem Restaurant nichts gegessen hat, und selbst das ja wieder ausgekotzt hat.

Leo hält trotzdem vor der Pizzeria.

»Aber ich will eine«, sagt er nur. »Kannst dir dann ja überlegen, ob du was abhaben willst.«

Er schnallt sich ab, zieht den Schlüssel, legt die Hände zögernd ans Lenkrad. »Kommst du mit rein?«

Das ist weniger eine Frage als eine Entschuldigung. Denn dass Leo ihn jetzt hier nicht alleine lässt und dass Adam jetzt hier nicht alleine sein will und dass er deswegen mit aussteigen muss, wohl oder übel, das wissen sie beide.

Adam setzt sich auf einen der schwarzen Barhocker neben der Eingangstür. Es riecht nach Mehl und heißem Käse und italienischen Kräutern. Er sieht Leo zu, wie er rüber zum Tresen geht, die Schultern spannt, wartet, bestellt. Sieht ihm entgegen, als er dann zurückkommt zu ihm. Sich neben ihn stellt, eine warme Hand auf seine Schulter legt, ihn ansieht mit einem kleinen Lächeln. Alles okay?

Adam nickt langsam. Leos Hand bleibt, wo sie ist.

Seine eigene Hand tut weh. Der Schmerz ist schwer und dumpf von den Tabletten und er spürt, wie seine Augenlider wieder schwerer werden, während der Pizzaduft an seinen ausgehungerten Eingeweiden zieht und während Leo immer noch neben ihm steht, die Hand immer noch warm und fest auf seiner Schulter. Am liebsten würde er sich gegen ihn sinken lassen, gegen seine Brust, zurück in seinen Arm.

»Ich will auch eine«, sagt er stattdessen leise, beinahe kleinlaut. Und also bestellt Leo ihm auch noch eine.

Chapter 2: Dunkelheit

Chapter Text

Leo sagt nichts, fragt nichts, nicht über die Nacht und nicht über den Knast und Adam liebt ihn dafür. Er will ihm alles erzählen, wird ihm alles erzählen, irgendwann. Irgendwann, aber nicht jetzt. Jetzt will er einfach nur hier sitzen und essen und schweigen. Bei Leo. Mit Leo.

Die Pizza ist fast wie eine Umarmung. Sie essen sie direkt aus dem Karton, an Leos Esstisch, in dem angenehm kühlen Windzug, der durch das weit geöffnete Fenster hineinkommt. Schon nach den ersten paar Bissen fühlt er sich wieder so rund und so ganz und begreift auch erst da, wie ausgezehrt er eigentlich war und wie er in diesen zwei, drei Tagen schon wieder fast vergessen hat, wie es sich anfühlt, keinen Hunger zu haben.

Unter der Dusche dreht er das Wasser so heiß auf, dass es weh tut — als könne er sich die letzten Tage so von der Haut brennen. Leo hat ihm einen kleinen Schutz für seinen Gips gebastelt, aus zwei Gefrierbeuteln und sehr viel Tesa. Das Wasser prasselt darauf und perlt glänzend, dampfend davon ab. Irgendwann, als seine Haut rot und seine Finger schrumpelig geworden sind, dreht er das Wasser ab, steigt aus der Dusche ins vernebelte Bad, trocknet sich ab mit dem viel zu großen, flauschigen Handtuch, das Leo ihm rausgelegt hat, rubbelt sich einhändig die Haare trocken, steigt in die frischen Klamotten, die Leo ihm auch hingelegt hat (graue Jogginghose, weißes T-Shirt) friemelt sich die Gefrierbeutel wieder vom Arm, macht das Fenster auf Kipp und tappt dann zurück zu Leo, der in der Küche beschäftigt ist, irgendetwas hin- und herzuräumen. Er lehnt sich gegen die Wand und sieht ihm dabei zu, bis Leo ihn bemerkt, innehält und ihm zulächelt.

»Na«, sagt er.

»Na«, antwortet Adam und spürt wie sein Mundwinkel unwillkürlich zuckt unter Leos Blick.

Leo macht ein paar Schritte auf ihn zu, bis er direkt vor ihm steht. Seine Hand wandert in Adams feuchte, zerzauste Haare, ordnet sie ein bisschen, verharrt dort für einen langen Moment. Schließlich zieht er sie wieder zurück, schiebt beide Hände in seine Hosentaschen.

»Und jetzt?«, fragt er.

Die Sonne scheint durch die hohen Fenster, es ist kaum früher Abend, der Tag noch jung, eigentlich. Adam atmet tief durch. Sieht Leo direkt an. Sieht in seine blau-grünen Augen, die ihn fragend ansehen und so sanft und so weich sind und fast noch ein bisschen blau-grüner als sonst, könnte er schwören. Aber auch Leos Anblick hilft nicht mehr, er kann seine Augen jetzt wirklich nicht mehr länger offen halten.

»Schlafen?«, sagt er also leise, vorsichtig.

Leo nickt. Reibt seine Hand kurz über seinen Oberarm. »Klar. Hab dir schon alles hingelegt.«

Adam folgt Leo ins Schlafzimmer. Da liegt wirklich schon eine zweite Bettdecke, ein zweites Kopfkissen, beides frisch bezogen. Wortlos kriecht er darunter, lässt seinen Kopf ins unendlich weiche Kissen sinken, zieht die Bettdecke bis unters Kinn, während Leo zum Fenster geht und die Jalousie runterlässt, bis der Raum im Halbdunkeln liegt.

»Brauchst du noch was?«, fragt Leo.

Adam schüttelt den Kopf, hat die Augen schon geschlossen, seinen schweren Lidern nachgegeben. Er hört Leos Schritte, die zur Tür gehen.

»Wo gehst du hin?«, murmelt er leise und noch ehe er darüber nachgedacht hat, öffnet die Augen noch einmal und blinzelt Leo an, der schon im Türrahmen steht, sich aber noch einmal zu ihm umgedreht hat.

Leo antwortet nicht, sieht ihn nur fragend an und Adam schüttelt den Kopf. Sieht ihn bittend an. Ich will nicht alleine sein.

Leo nickt. »Okay. Ich geh nur kurz Zähne putzen.«

Mit letzter Kraft hält Adam sich noch diese letzten Minuten wach, lauscht den Geräuschen aus dem Bad. Dem Lichtschalter, dem Schließen der Tür, dem Rauschen des Wasserhahns, dem Summen von Leos Zahnbürste, der Klospülung, wieder des Wasserhahns. Schließlich, endlich, wieder die Tür, der Lichtschalter, dann Leos Schritte, barfuß auf dem Parkett. Er blinzelt ihm entgegen, als er reinkommt, die Tür hinter sich schließt. Sieht zu, wie er seinen Pullover auszieht, die Hose, beides über die Stuhllehne hängt. Und dann schließlich zu ihm rüberkommt, nur in Unterhose und T-Shirt, und unter die Bettdecke kriecht, die auf der anderen Seite liegt, das Kopfkissen aufschüttelt und seinen Kopf darauf sinken lässt, den Blick ihm zugewandt.

Aber Adam muss ihn nur ansehen, seinen eingegipsten Arm nur ein klein wenig zur Seite schieben, da versteht Leo schon. Versteht und rutscht noch ein Stückchen näher zu ihm, unter Adams Decke und nimmt ihn in den Arm.

Und dann endlich gibt Adam nach. Lässt er die Dunkelheit über sich kommen. Weil sie jetzt, hier, in Leos Arm, auch gar nicht mehr bedrohlich ist, die Dunkelheit. Nur noch einladend und wohlig und sicher. Und so folgt er ihr, hinein, hinunter in einen tiefen, tiefen, traumlosen Schlaf.

Chapter 3: Magengrube

Chapter Text

Es dauert einen langen Moment, bis er sich erinnert, wo er ist. Aber weil es so weich ist und so warm, weil es so vertraut riecht und weil da immer noch ein Arm über ihm liegt, ist es kein bedrohlicher Moment, eher ein wundersamer. Verschlafen blinzeln sich seine Augenlider auf, finden seine Augen die Jalousieritzen, durch die das erste feine Licht des beginnenden Morgens fällt. Langsam begreift er dann, dass das Leos Bett ist, in dem er hier liegt und dass das auch Leos Arm ist, der da so warm und fest auf seiner Brust liegt. Und dann setzt sich Stück für Stück alles wieder zusammen. Gestern, die letzten Tage, die verdammte Nacht. Etwas zieht sich zusammen in ihm und über den eben noch so weichen und angenehm ungewissen Morgen legt sich ein trüber, wenn auch allzu vertrauter Schleier.

Aber dann ist da auch noch etwas anderes. Etwas, was zu all dem so gar nicht passen will. Etwas, das so viel nebensächlicher, egal eigentlich sein müsste neben all dem anderen. Aber Leos Arm und das Wo er hier liegt und das Wie drängen sich unerbittlich in den Vordergrund. Katapultieren ihn zurück ins Vorher. Zurück an den Punkt, an dem sie waren, bevor sein Vater ihm geschrieben hat. Bevor das alles passiert ist. Das Restaurant fällt ihm wieder ein und sein scheiß Glückskeks. Und all die Blicke und all die Worte und all der Schwachsinn, den er von sich gegeben hat. Nicht nur im Restaurant, auch vorher schon, während dem gesamten letzten Fall. Die nächtlichen Observationen mit Leo, alleine im Auto, übermüdet und aufgedreht zugleich. Die kleinen Berührungen, die sich hineingeschlichen hatten in ihren Alltag, mehr noch als sonst, anders als sonst. Plötzlich ist ihm das alles wahnsinnig peinlich und fast wünscht er sich, er wäre jetzt nicht hier, wäre nicht mit hergekommen, hätte sich einfach von Leo ins Hotel bringen lassen. Denn auch gestern Abend fällt ihm wieder ein und wie er quasi darum gebettelt hat, dass Leo zu ihm ins Bett kommt und ihn in den Arm nimmt zum Einschlafen, als wäre er ein fucking Baby. Und dann Leo, der es natürlich auch noch gemacht hat, weil er eben Leo ist oder vielleicht auch doch weil... Aber allein der Gedanke lässt sein Herz rasen, lässt die Angst sich in ihm zusammenziehen wie eine Faust in die Magengrube. Also schüttelt er ihn ab, diesen Gedanken. Drückt ihn weg, so gut er kann, bis die Faust in seinem Magen sich langsam wieder löst.

Er bemerkt, dass er mal muss, also schält er sich behutsam aus Leos Umarmung, bedacht darauf, ihn nicht zu wecken. Es muss wirklich noch früh sein, denn auch der Rest der Wohnung liegt noch im stillen Halbdunkel, nur durch das auf Kipp stehende Badfenster dringen die ersten hellen Vogelstimmen, die einzigen Geräusche der noch schlafenden Stadt. Er spürt, wie die Müdigkeit immer noch in seinen Gliedern spannt. Er hat kaum geschlafen, die ganze Zeit seit der Nacht. Ist nur in seiner Zelle für ein paar magere Stunden in einen zähen, porösen Schlaf gefallen, aus dem er in regelmäßigen Abständen mit panikrasendem Herzen erwacht ist, ohne sich sofort zu erinnern, wo er ist. Kein Wunder also, dass ihm jetzt immer noch die Augenlider schwer sind. Er unterdrückt ein Gähnen, drückt die Spülung und geht dann ganz leise wieder ins Schlafzimmer und schlüpft zurück ins warme Bett, weil er am Ende natürlich doch nirgendwo anders sein will als ganz genau hier.

Auch Leo schläft noch tief und fest. Ganz friedlich sieht er aus. Die Haare zerlegen und weich, die Lippen leicht geöffnet. Die geschlossenen Wimpern dicht und dunkel. Und da kommt es Adam zum ersten Mal in den Sinn, dass wohl auch Leo Schlaf nachzuholen hat. Dass wohl auch Leo nicht viel geschlafen hat in den letzten Tagen. Zumal sie ja in die ganze Sache schon reingestartet sind mit einem ordentlichen Schlafdefizit. Und dann zieht es ihn plötzlich im Herzen, wenn er über all das nachdenkt. Über Leo, wie Leo ihn schon wieder rausgeboxt hat, was das alles überhaupt für Leo bedeutet, und wie lange es wohl her ist, dass Leo so tief und so friedlich geschlafen hat.

Und auch wenn irgendetwas in ihm nur weglaufen will, sich in Grund und Boden schämt und wahnsinnige Angst hat vor allem, was sein oder auch nicht sein könnte, schiebt er sich ganz vorsichtig zurück an Leos Seite, schließt die Augen und schläft dann tatsächlich nochmal ein.

Chapter 4: Herzklappe

Chapter Text

Er hat keine Ahnung, wie spät es ist, aber Leo ist schon angezogen.

»Musst du zur Arbeit?«

Leo schüttelt den Kopf. Er sitzt neben ihm auf der Bettkannte, eine Hand noch ausgestreckt auf seiner Schulter, da wo er ihn sanft, aber bestimmt wachgerüttelt hat.

»Ich hab überstundenfrei genommen.«

»Oh. Okay«, murmelt Adam und sieht Leo fragend an, denn irgendwas will er doch von ihm.

»Ich dachte, wir gehen mal zum Arzt?«, sagt Leo vorsichtig.

Adam lässt sich zurück ins Kissen fallen und schließt die Augen.

»Ich hab schon Termine gemacht. Nur mal durchchecken — Blut abnehmen, zum Kardiologen, Neurologen, Lungenfunktionstest, Organe durchleuchten… Und deine Hand sollte sich vielleicht auch mal ein richtiger Unfallchirurg angucken. Für einen Privatpatienten wie dich hatten alle noch Zeit. Und heute ist Freitag, willst du damit bis Montag warten?«

Adam sieht ihn nur gequält an. Er muss wohl nicht sagen, dass er von sich aus überhaupt nichts von alledem gemacht hätte. Nicht heute, nicht Montag und auch sonst nie.

»Hey, das ist dein Körper«, sagt Leo streng.

Adam verdreht unwillkürlich die Augen und bläst einem Schwall Luft durch die Lippen. Weil er und sein Körper, das ist wirklich eine andere Geschichte.

»Ja, was?«, sagt Leo. »Ich brauch den noch.«

Adam stutzt kurz und kann dann nicht anders als ein wenig amüsiert die Stirn in Falten zu legen. »Du brauchst den noch…?«

Aber obwohl Adam fast glauben könnte, dass er ein bisschen rot wird, lässt Leo sich nicht beirren, sein Blick und seine Stimme bleiben ernst.

»Weil du da drin bist«, sagt er und legt ihm bestimmt einen Zeigefinger auf die Brust. »Und dich brauch ich noch.«

Für einen langen Moment sehen sie sich nur an.

Bis Adam schließlich seufzt und ergeben sagt: »Na gut.«

 

Natürlich kommt Leo mit rein. Auch darüber müssen sie nicht reden, dass Adam da nicht allein durchwill. Und so guckt Leo zu. Guckt zu, wie sein Blut rot und dunkel in eine Handvoll Plastikröhrchen sprudelt. Guckt zu, wie er sich das T-Shirt auszieht und verkabelt wird. Sieht zu, wie sein Herz regelmäßig-gezackte Linien auf eine lange Bahn Papier zeichnet und dann, wie sein Herz schlägt auf dem kleinen, schwarz-weißen Monitor. Und Adam weiß gar nicht, wie er es schafft, sich dabei einigermaßen unter Kontrolle zu halten, dass sein Herz ihm nicht aus der Brust, aus dem Monitor springt, nicht wie wild zu schlagen beginnt, jetzt wo Leo ihm, buchstäblich, dabei zusieht. Adam hat den Kopf verrenkt zum Monitor, sieht seiner Herzklappe dabei zu, wie sie auf und zu wummert im Takt mit dem Hämmern in seiner Brust. Regelmäßig, kräftig und bestimmt trotzdem zu schnell, denkt er, schneller als gewöhnlich.

»Bin ein bisschen aufgeregt«, sagt er entschuldigend und so leise, dass nur die Ärztin es hören kann. Sie soll es nicht für ein Symptom des Gifts halten. Doch sie lächelt nur verständnisvoll, als wisse sie ganz genau, was sein Herz da tut, was natürlich, denkt Adam dann, vermutlich auch so ist.

 

Es ist alles okay mit ihm, so lautet jedenfalls das einhellige Urteil der Mediziner. Auch seine Hand wird wieder werden nach ein bisschen Ruhe und einer vernünftigen Physiotherapie, da jedenfalls war sich der Orthopäde sicher. Und als sie dann am frühen Nachmittag, nach ihrem letzten Termin, wieder zurück in die Sonne treten und Leo ihn draußen vor der Tür unwillkürlich in den Arm nimmt vor offensichtlicher Erleichterung und ihn fragt, was er essen möchte, dass er ihn einlädt, zu was auch immer er will, wie zur Belohnung oder zur Feier, da fragt Adam sich plötzlich, wie viel von dem verdammten Video Leo wohl gesehen hat. Aber er fragt ihn das nicht, lässt sich nur von ihm zurück zum Auto schieben, mit einer Hand auf seinem Rücken, fast wie gestern, weil er das, wenn er ehrlich ist, lieber gar nicht wissen will.

Chapter 5: Mailbox

Chapter Text

Es liegt da, auf dem Nachtisch auf seiner Seite des Betts, seit er es gestern aus seiner Hosentasche gezogen und achtlos dorthin gelegt hat. Denn wer sollte schon was von ihm wollen, wenn nicht Leo, der ja die ganze Zeit bei ihm gewesen ist. Aber jetzt hat er es dann doch genommen und wandert langsam damit ins Wohnzimmer. Nur um mal zu gucken, ob da nicht vielleicht doch irgendwas ist, was seine Aufmerksamkeit erfordert. Mit seiner einen Hand schält er es umständlich aus der Silikonhülle, fängt die SIM-Karte auf, die ihm gleich entgegenfällt, friemelt sie zurück in den kleinen Schlitz an der Seite und schaltet es dann zum ersten Mal seit der Nacht wieder ein.

Und kurz weiß er dann gar nicht, was los ist, weil es, nachdem er die PIN eingegeben hat, einen Moment lang so scheint, als würde es gar nicht wieder aufhören zu vibrieren. Und weil da so viele Sachen auf einmal aufploppen, dass er sie gar nicht sofort erfassen kann. Er überfliegt die vielen Benachrichtigungen — bis er an einer hängenbleibt. 76 steht da und er versteht es nicht sofort. Was das bedeuten soll. Aber da steht sie, die Zahl. 76. In dem kleinen blauen Kreis unten rechts in dem SMS-Vorschau-Feld, das Leos Namen trägt. 76 SMS? Er öffnet den Nachrichtenverlauf. Nein, 76 Anrufversuche. Es ist immer wieder der gleiche Text: dass Leos Nummer am soundsovielten um soundsoviel Uhr versucht hat, ihn anzurufen und keine Nachricht hinterlassen hat. Am Morgen nach der Nacht, als Leo noch nichts gewusst haben kann von seinem Vater, da fängt es schon an. Dann später am Vormittag plötzlich zehn, fünfzehn, zwanzig hintereinander. Das wird gewesen sein, als er die Nachricht bekommen hat. Dann eine Pause, nachdem Adam ihn ja angerufen hat vom Münztelefon aus. Aber danach, später am Tag, geht es wieder los. Den ganzen Abend, die ganze Nacht hindurch. Obwohl er doch gewusst haben muss, dass Adam sein Telefon nicht einschalten würde. Obwohl sie sich doch verabredet hatten.

Er lässt sich auf einen der Stühle am Esstisch sinken, legt das Handy weg und fährt sich mit der Hand durchs Gesicht. Ihm ist klar gewesen, dass Leo versucht haben wird, ihn zu erreichen, aber das hier ist...

Er schaut sich die restlichen Nachrichten an. Auch seine Mutter hat ein paar Mal angerufen, allerdings bei weitem nicht so oft wie Leo, und auch Pia und Esther haben es ein paar Mal probiert, aber auch recht bald wieder aufgegeben. Und dann natürlich ein paar Anrufe von unbekannten oder unterdrückten Nummern, mit Sicherheit das LKA 3. Und dann sind da, ganz zuunterst, auch noch fünf andere Nachrichten. Fünf Mailboxbenachrichtigungen. Sie sind alle von Leo.

Er horcht hinaus in den Hausflur. Die Wohnungstür steht einen Spalt offen und er hört ein paar undeutliche Geräusche aus den anderen Wohnungen, gedämpfte Stimmen, einen Fernseher. Aber aus dem Flur ist nichts zu hören. Also hat er noch Zeit.

Die erste Nachricht ist vom Morgen nach der Nacht. Nur ein noch relativ unbesorgtes »Wo bist du?«. Ein bisschen chefig auch — sie hätten zu tun, wo er denn bleiben würde und dann ein kurzer Abriss des Falls und dass er dann schon mal zu Dennis Weidmann fahren solle, sobald er das gehört hat. Und sich bei ihm melden.

Die nächste dann am späten Vormittag. Stimmen im Hintergrund sind da, er muss an einem der beiden Tatorte gewesen sein. Wirr ist sie, diese Nachricht. Leos Stimme zittrig, die Sätze abgebrochen. »Adam, dein Vater... wo bist du? Ich... kannst du einfach... was... Dein Vater, Adam, dein Vater.« Ein bisschen geht es noch so weiter, dann irgendjemand, der etwas zu Leo sagt und dann Leo, der einfach auflegt, ohne Abschiedsgruß, mitten im Satz.

Dann abends. Leo klingt gesammelter, ruhiger jetzt. »Adam. Ich weiß, du hast dein Handy aus und wirst es wahrscheinlich auch nicht anmachen, aber keine Ahnung... vielleicht hörst du das ja doch. Sorry, dass ich nicht reden konnte, als du angerufen hast. Wir waren bei deinen Eltern und Esther war da. Aber egal. Wir wurden abgezogen von dem Fall. Ich meine, war ja klar. Pia und Esther glauben, dass du das warst. Die wollen nicht mehr ermitteln. Aber ich schaff das trotzdem irgendwie. Deine Mutter meinte, dass bei denen zu Hause eingebrochen wurde vor drei Monaten. Wie bei Cora Reuters. Und bei euch war auch der Tresor offen. War der schon offen, als du gekommen bist? Hast du... Oder... verdammt, du musst mir einfach sagen, was passiert ist. Oder was du gesehen hast. Wir schaffen das schon irgendwie... Ich wollte auch einfach nur sagen, ich bin jetzt alleine und wenn du das hörst, kannst du mich nochmal anrufen. Dann können wir reden. Okay? Also... jedenfalls. Ich hoffe, du hörst das... Ich... Meld dich, okay? Ich schaff das irgendwie.«

Die nächste nur etwa eine halbe Stunde später. Irgendetwas anderes in der Stimme jetzt. Sorge, Überforderung vielleicht. Vielleicht auch einfach Müdigkeit. Dass er in der Gerichtsmedizin gewesen ist, dass sein Vater Krebs hatte, dass er nicht mehr lange zu leben gehabt hätte. Und dass Henny gesagt hat, dass das Erbrochene am Tatort von ihm, von Adam gewesen sei. Was denn bloß passiert sei. Zum Schluss noch einmal die hoffnungslose Bitte, dass er sich melden soll, dann Ende.

Adam macht eine Pause nach dieser Nachricht. Lässt das Handy sinken und schließt die Augen. Lauscht der Stille der Wohnung. Dem Brummen des Kühlschranks, den entfernten Geräuschen, die durch das Treppenhaus hineindringen. Denn so ist sie also dahin, diese klitzekleine Hoffnung in ihm, die er immer mit sich herumgetragen hat, seit seiner Kindheit eigentlich. Dass es vielleicht doch nicht sein Blut ist, das da durch seine Adern fließt, dass es nicht seine Gene sind, die in seinen Genen stecken, aus denen er gemacht ist. Dass es vielleicht doch immer nur Einbildung gewesen ist, wenn er sich manchmal aus einem komischen Winkel im Spiegel gesehen hat oder auf einem Foto, dass er dann plötzlich ihn gesehen hat. Dass da vielleicht irgendjemand anderes gewesen ist im Leben seiner Mutter, irgendeine heimliche Liebe, aus der aus irgendwelchen Gründen dann doch nichts geworden ist. Zwar hat sich die Vorstellung darüber, wer das gewesen sein könnte, stetig gewandelt im Lauf der Jahre, aber groß ist er eigentlich immer gewesen und schlank und sehr oft ist der Rest geprägt gewesen von den langhaarigen Gestalten, die er aus den alten Fotoalben seiner Mutter gekannt hat. Enge Hosen mit weitem Schlag, weite Strickpullover, grüne Bundeswehrparkas, immer eine Kippe im Mundwinkel. Natürlich hat das alles von der Zeit her nie Sinn gemacht, weil die Fotos viel älter gewesen sind als er, aber das ist ihm immer ein bisschen egal gewesen, irgendwie wäre das schon hingekommen. Aber nein also. Reines Drecksaublut in seinen Adern. Reine Drecksau-DNA.

Die letzte Nachricht hat Leo ihm mitten in der Nacht hinterlassen, um kurz nach vier. Er klingt wahnsinnig müde und ausgelaugt. Die Konsonanten schwimmen und Adam kann ihm kaum folgen, weil er nur laut denkt, die genuschelten Sätze erst verschachtelt und dann nicht beendet. Irgendwas von Tresoren und Banden und Überwachungskameras und Fingerabdrücken und seinem Vater. »Sorry«, sagt er zum Schluss. »Ich musste nur mit jemandem reden.«

Er hört die Wohnungstür gerade in dem Moment, als er die Mailboxstimme wegdrückt, die wissen will, ob er die Nachricht speichern oder noch einmal hören will. Schnell macht er den Bildschirm aus und schiebt das Handy in seine Hosentasche. Er will nicht, dass Leo ihn damit sieht, weil er dann sofort wüsste, was er gerade gemacht hat. Und das will er ihm jetzt nicht antun.

Leo bleibt mit dem Wäschekorb unterm Arm in der Wohnzimmertür stehen und sieht Adam an, ein bisschen fragend. Vielleicht weil der einfach nur so dasitzt scheinbar. Ein bisschen ertappt wirkt vielleicht.

Leo lächelt ihn schief an. »Na«, sagt er.

Und dann ist es da wieder. Dieses Ziehen in Adams Herzen. Am liebsten würde er aufstehen und zu ihm gehen. Ihm den Wäschekorb abnehmen, auf den Boden stellen und ihn dann in den Arm nehmen. Ganz fest. Ihn an sich drücken und nie wieder loslassen. Aber er lächelt nur schief zurück erwidert sein »Na« und sieht ihm nach, als er mit dem Wäschekorb in Richtung Schlafzimmer verschwindet.

Und da ist eine dumpfe Wehmut ist in ihm. Wegen Leo, wegen all dem, was Leo schon wieder wegen ihm durchmachen musste, wegen allem, was Leo durchmachen musste wegen ihm, nicht nur diesmal sondern überhaupt, immer. Aber da ist auch noch etwas anderes. Etwas wohliges und warmes, das sich in ihm ausbreitet, weil Leo das alles gemacht hat, wegen ihm gemacht hat, für ihn gemacht hat und für einen Moment, einen ganz kurzen nur, fast so, als ob nur ganz kurz eine Tür aufschwingt und dann wieder zufällt, vielleicht auch weil es ein so ganz fremdes und unwahrscheinliches Gefühl ist, aber für diesen kurzen Moment kann er sich nicht helfen — er fühlt sich wahnsinnig geliebt.

Chapter 6: Mama

Chapter Text

Am Sonntagabend ruft seine Mutter an. Sie hatte es ja auch vorher schon versucht. An dem Morgen, als sie seinen Vater gefunden haben muss. Nach dem Knast, an dem Abend noch, dem ersten, als er schon lange geschlafen hat. Als sie im Wartezimmer beim Neurologen gesessen haben. Am Samstagvormittag, als sein Handy zwar schon wieder an gewesen ist, den sie dann wirklich mal zum Ausschlafen genutzt haben. Und dann schließlich Samstagnachmittag, als er mit Leo auf dem Sofa gehangen hat und sie irgendwie im Rabbithole der Hausrenovierungsdokus verschwunden waren. Sich einfach eine nach der anderen angesehen und dabei Leos Süßigkeitenschublade leergegessen haben und es eigentlich auch egal gewesen ist, was sie geguckt haben, weil ja die Hauptsache gewesen ist, dass sie es zusammen gemacht haben und dass Adams Beine auf Leos Beinen gelegen haben auf der kleinen Couch und alles so gemütlich und heimelig und normal gewesen ist und er jedenfalls definitiv nicht bereit gewesen ist, das zu unterbrechen, um mit seiner Mutter zu telefonieren. Aber diesmal geht er ran.

Sie ist still, wortkarg, wirkt noch ein bisschen monotoner als sonst, ein paar Mal schweigen sie sich sekundenlang an, weil sie beide nicht wissen, was sie sagen sollen. Sie fragt, wie es ihm geht, er erzählt ihr von seiner Hand, auch wenn er weiß, dass sie es so nicht gemeint hat. Sie fragt ihn, wo er jetzt ist und er sagt ihr auch das. Leo hat ihm erzählt, was sie ihm erzählt hat — von dem Einbruch und von den Übernachtungen im Hotel. Seltsam, hat Adam gedacht, dass sie beide zur gleichen Zeit in ihrer eigenen Stadt im Hotel geschlafen haben, ohne es zu wissen. Denn das mit dem Hotel weiß sie natürlich nicht und er sagt es ihr auch jetzt nicht. Trotzdem scheint es sie nicht weiter zu wundern, dass er jetzt bei Leo ist, jedenfalls sagt sie nichts dazu und er ist froh darum. Das ist schließlich etwas, worüber er selbst lieber gar nicht so genau nachdenken will. Denn sie sind dort gewesen, er und Leo, beim Hotel, haben seine Sachen geholt und Leo hat ein Fach im Schrank leergemacht und da sind sie jetzt drin, seine Sachen. Und darüber haben sie natürlich schon gesprochen, also dass sie seine Sachen holen, aber nicht darüber, was das bedeutet, dass sie das tun. Leo hat nur gemeint, nach dem Essen nach dem Ärztemarathon, ob sie nicht noch beim Hotel vorbeifahren sollen und seine Sachen holen und Adam hat nur genickt, weil das wie eine vernünftige Idee geklungen hat. Und dann hat Leo eben das Fach freigemacht und Adam hat seine paar Sachen reingeräumt. Aber das ist es dann auch gewesen mit dem drüber reden. Und weil er lieber gar nicht so genau wissen will, was das bedeutet, oder was das vor allem vielleicht auch nicht bedeutet, will er darüber eben lieber nicht so genau nachdenken.

Er fragt auch seine Mutter nicht, wo sie jetzt ist, auch wenn er annimmt, dass sie immer noch im Hotel ist. Wenn sie vorher nicht gern im Haus gewesen ist, dann sicher jetzt noch sehr viel weniger. Aber wenn er das fragen würde, dann würde das zu so vielen Dingen führen, über die er jetzt gerade noch nicht, oder am liebsten vielleicht auch einfach nie reden will, dass er lieber nicht fragt. Stattdessen schweigen sie sich noch ein bisschen an, bis es irgendwann dann endlich vorbei ist.

Erst nachdem er aufgelegt hat, kommt ihm in den Sinn, dass vielleicht auch seine Mutter gar nicht darüber reden wollte. Dass sie vielleicht wirklich einfach nur wissen wollte, wie es ihm geht. Und für einen seltsamen Moment bedauert er plötzlich, dass es vorbei ist und wünscht sich fast das Anschweigen zurück.

Chapter 7: Leolos

Chapter Text

»Ruf mich an, wenn was ist«, sagt Leo und einen Augenblick lang liegen soviel Sorge und soviel Zweifel in seinem Blick, dass Adam fast das Bedürfnis hat, ihm dasselbe zu sagen. Aber er nickt nur.

»Klar«, sagt er.

Als die Tür hinter Leo ins Schloss gefallen ist, liegt er einen Moment einfach nur da, schaut an die Decke, lauscht den Geräuschen der morgendlichen Stadt. Dem Zwitschern der Vögel, dem Müllwagen, der durch die Straße rumpelt, dem Martinshorn eines Rettungswagens irgendwo in der Ferne. Es ist noch früh, definitiv noch keine Zeit aufzustehen. Vor allem nicht, wenn man keine Verpflichtungen hat, keinen Ort, an dem man sein müsste, niemanden, der auf einen wartet. Er dreht sich auf die Seite, zieht die Beine an, schließt noch einmal die Augen. Öffnet sie wieder. Betrachtet eine kleine Weile lang Leos leere Seite des Betts. Seufzt leise, zögert, zieht die Nase hoch und atmet schwer aus. Schiebt schließlich ergeben den letzten Funken Selbstachtung beiseite und rutscht rüber in Leos Restwärme, die er sich einbildet noch zu spüren. Zieht Leos Bettdecke in seinen Arm, drückt die Nase in Leos Kopfkissen und schließt dann abermals die Augen. Doch er findet keinen Schlaf mehr — trotz oder wegen Leos Geruch in seiner Nase und vielleicht auch einfach wegen Leos Abwesenheit, dem Fehlen von Leos regelmäßigen Atemzügen, die ihn in den letzten Nächten immer in einen erstaunlich guten und langen Schlaf begleitet haben. Also döst er nur so vor sich hin, versucht an ausnahmsweise einfach mal gar nichts zu denken und ein bisschen gelingt ihm das sogar.

Irgendwann vibriert sein Handy und es ist natürlich Leo. Ein Foto von einem Aktenstapel hat er ihm geschickt und ein augenrollendes Emoji dazu. Und dann kommt noch eine Nachricht, in der er ihm nochmal erklärt, wie die Kaffeemaschine funktioniert und wo Essen ist, dass er noch dieses oder jenes eingefroren hat, dass der Asiate auf der Ecke zur Not aber auch ganz gut ist, nur falls er Hunger hat bis heute Abend... Als ob er ihm das alles nicht schon gesagt hätte. Als ob Adam jetzt nicht auch schon seit drei Tagen hier wäre. Er antwortet ihm irgendwas, was zur Arbeit und dass er schon klar kommt und aber danke und dann schickt er ein Kussherzemoji hinterher und will es natürlich irgendwie leicht ironisch meinen, obwohl er es eigentlich natürlich gar nicht ironisch meint und dann findet er auch plötzlich, dass es gar nicht ironisch wirkt und er würde die Nachricht am liebsten wieder löschen, aber da ist sie natürlich schon raus. Also legt er einfach schnell sein Handy weg, steht auf und versucht es zu vergessen.

Macht sich Kaffee stattdessen. Läuft mit der Kaffeetasse in der Hand etwas ziellos durch die verwaiste, leolose Wohnung. Geht ins Arbeitszimmer, betrachtet die feinsäuberlich beschrifteten und aufgereihten Aktenordner. Zieht den raus, auf dem Zeugnisse steht, blättert hindurch durch die abgehefteten Klarsichthüllen. Fünfte, sechste, siebte, achte, neunte, zehnte Klasse. Dann die elfte, zweites Halbjahr. Es unterscheidet sich durch nichts von den vorherigen. Die Noten Durchschnitt, viele zweien, ein paar dreien. Wüsste man es nicht, würde man es nicht vermuten, dass hier irgendetwas geschehen ist in der Zwischenzeit. Aber Adam weiß es natürlich. Ab hier ist er nicht mehr da gewesen, das war nach ihm, das ist das, wovon er nichts weiß. Er blättert sich noch durch bis zum Abischnitt (2,4), dann stellt er den Ordner zurück, geht raus auf den Balkon und schaut runter auf die Straße, auf die Balkone der Nachbarschaft. Überlegt eine zu rauchen, aber lässt es dann. Geht wieder rein, schaut die Familienfotos an den Wänden an, von Leos Eltern und von Caro und ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn. Und von Leo, immer wieder Leo. Der Leo, bei dem er nicht gewesen ist, der fremde Leo, der aus seinen Gedanken, der, von dem er sich gefragt hat, wie es ihm geht, was er wohl macht. Der Leo, den er vermisst hat. Er wandert weiter durch die Wohnung, betrachtet die Buchrücken im Bücherregal, die vielen CDs. Öffnet Schränke, zieht wahllos Schubladen auf. Nicht weil er irgendetwas sucht, sondern einfach so, halb aus Langeweile, halb aus Neugierde auf Leo hinter den Kulissen. Etwas wirklich spannendes findet er auch nicht — Leo ist ein ordentlicher Mensch durch und durch, ohne geheime Schmuddelecken. Nur in einer der Nachttischschubladen findet er schlussendlich eine angebrochene Packung Kondome, die ihn, als wäre es irgendwie ein erschütternder und ohne dieses Indiz nicht zu erahnender Umstand, dass Leo hier mit mindestens einem anderen Menschen Sex gehabt hat, mit einem so flauen Gefühl im Magen zurücklässt, dass er die Schublade schnell wieder schließt und diese kleine Erkundungstour für beendet erklärt.

Chapter 8: Schatzsuche

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Kurz denkt er darüber nach, sein Auto zu holen. Aber einhändig zu fahren ist vielleicht keine so gute Idee und außerdem — wie sollte er das Leo erklären? Also fischt er seine dreckigen Klamotten von letzter Woche aus dem Wäschekorb im Badezimmer, nimmt den Zweitschlüssel, den Leo ihm rausgelegt hat und läuft runter zur Straßenbahnstation an der nächsten Kreuzung. Fährt ein paar Stationen, steigt an der Trierer Straße in den Bus um. Der muffige Geruch, die durchgesessenen Sitzpolster und das schwerfällige Keuchen des Motors erinnern ihn an früher. An die unzähligen Fahrten in die Stadt oder zum Training oder sonst wo hin. Manchmal auch mit Leo, ganz hinten in der Fünferreihe, die Füße in die Sitze vor ihnen geklemmt, jeder einen Stecker von den Kopfhörern zu Leos Discman im Ohr. Ihre Schultern, die sich dabei wie zufällig aneinanderpressen, warm und fest und vertraut und aufregend zugleich, auch an die muss er denken.

Er fährt den Bus bis zur Endstation und schlägt sich dann durchs Unterholz. Den schmalen Trampelpfad neben den Bahngleisen entlang bis hin zu dem kleinen Schuppen im Wald. Es sind keine guten Erinnerungen, die er an diesen Ort hat. An die schlaflos durchfrorene Nacht, gemartert von den immer gleichen Gedankenkreisläufen, erdrückt von Einsamkeit, aufgeschreckt von jedem kleinen Knacken im Wald, immer in der Überzeugung, schon längst umstellt zu sein, dass jeden Augenblick die Tür aufgerissen wird und ihm grelle Taschenlampen ins Gesicht leuchten. Also geht er nur kurz rein, holt einen Spaten aus der Ecke und den Metalldetektor, zieht die alte blau-rote Reisetasche aus einem Stapel Gerümpel, staubt sie ein bisschen ab und tritt dann wieder hinaus in den Wald. Zurück ins Unterholz, noch ein Stückchen weiter Richtung Norden.

Damals, in der Nacht, da hat er es nicht verstanden. Wovon er geredet hat. Was das alles sollte. Aber dann, als Onkel Boris bei ihm am Bett saß, nach der OP, da wusste er es plötzlich. Seine Krone. Da, wo seine Krone ist.

Und das ist sie. Da. Immer noch da. Ihre Initialen, der König und sein Nachfolger. Der König ist tot, lang lebe der König. Er fährt mit der Hand darüber, in einer einzigen, langsamen, aber bestimmten Bewegung. Nicht um die eingekerbte Zeichnung zu befühlen, sondern als könne er sie so wegwischen. Aber sie bleibt da natürlich. So wie sie die ganzen Jahre dagewesen ist. Dableiben wird.

Er muss nicht lange suchen, bis der Detektor anschlägt. Es ist mühselig mit nur einem Arm, in der heißen Sonne. Aber es geht. Irgendwann schlägt der Spaten auf Metall.

Es ist eine alte, verrostete Geldkassette aus einem Bankschließfach, so groß wie ein Blatt Papier etwa und relativ hoch. Fast ist er ein bisschen überrascht, als er sie öffnet. Dass da tatsächlich Geld drin ist. Echtes Geld. Kein Falschgeld, kein Spielgeld, keine Zeitungsschnipsel. Weil er sich bis zuletzt nicht sicher war, ob er wirklich erwarten soll, hier überhaupt etwas vorzufinden. Ob er ihn nicht doch verarscht hat. Noch ein letztes Reinwürgen mit dem letzten Atemzug. Die letzten Worte ein letztes Verderben für den verhassten Sohn. Wenn Adam nicht gewusst hätte, dass er es allein nie hierher geschafft hätte, wäre er sich sicher gewesen, nichts vorzufinden als eine Sprengfalle.

Er weiß von Leo, wieviel es ist. Wieviel es sein sollte, jedenfalls. Er hat schon große Geldmengen gesehen, ein paar Zehntausend hier, ein paar Zehntausend da, auch mal Ein- oder Zweihunderttausend. Aber das hier ist mehr. Das hier ist viel. Wirklich viel.

Und er hat keinen Plan. Weiß nicht mal so richtig, was er hier überhaupt tut. Aber er war neugierig. Musste wissen, ob er recht hatte. Und er will es weg haben hier. Dann kann er immer noch weiterschauen. Also klaubt er alles hinaus, füllt die alte Reisetasche damit. Setzt die leere Kassette zurück in die Erde und füllt das Loch wieder auf. Schultert die Tasche, klemmt sich die Werkzeuge unter den Arm, wirft der Krone noch einen letzten Blick zu und macht sich dann auf den Weg zurück. Zurück zur Hütte erst und dann zurück in die Stadt.

An dem Schlüsselbund, den Leo ihm rausgelegt hat, ist zum Glück auch ein Kellerschlüssel.

 

Chapter 9: Glückskeks

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Adam liegt schon wieder im Bett, als Leo abends nach Hause kommt. Seit der Nacht mit seinem Vater und allem, was darauf gefolgt ist, steckt ihm eine Müdigkeit in den Knochen, der mit gutem Nachtschlaf allein nicht beizukommen zu sein scheint. Er hat die jetzt noch schmutzigeren Klamotten zurück in den Wäschekorb geschoben, sich gründlich die Hände gewaschen, sich aus seinem Fach in Leos Schrank ein frisches T-Shirt genommen, sich aufs Bett fallen lassen und es dann nicht wieder hochgeschafft. Ob er tatsächlich geschlafen hat, weiß er gar nicht so genau, aber als er Leos Schlüssel in der Wohnungstür hört, hat er keine Ahnung, wie lange er hier schon liegt und wie spät es eigentlich ist.

»Hey«, sagt Leo, als er den Kopf durch die Tür streckt. »Du bist ja immer noch da, wo ich dich zurückgelassen hab. Bist du gar nicht aufgestanden?«

Adam brummt nur.

»Alles gut?«

Adam brummt nochmal, zustimmend diesmal.

»Komm mal mit«, sagt Leo. »Ich hab was für dich.«

Jetzt schlägt Adam endgültig die Augen auf, sieht Leo mit runden, fragenden Augen an.

Aber der bedeutet ihm nur mit einer Kopfbewegung mitzukommen und verschwindet dann in Richtung Wohnzimmer. Also rafft Adam sich auf, zieht sich Leos Jogginghose, die er immer noch benutzt, über und trottet Leo hinterher.

Auf dem Esstisch steht ein großer Blumenstrauß und daneben eine Art... Präsentkorb. Er sieht stirnrunzelnd zu Leo.

Der zieht die Schultern hoch. »Von Pia und Esther. Für dich.«

Adam hebt die Augenbrauen und bleibt weiterhin einfach mitten im Raum stehen, weil er gar nicht so genau weiß, was er machen soll. Ob das irgendein schräger Witz ist. Aber an der Blumenvase, in der die Blumen stehen, lehnt eine Karte mit einem großen gelben Smiley drauf und in einem geschwungenen Halbkreis steht darunter ‚Get well soon‘. Also macht er doch ein paar Schritte auf den Tisch zu, nimmt zögernd die Karte, klappt sie auf. Das ist Pias Handschrift innen drin, das erkennt er gleich. Es ist ein langer Text, relativ jedenfalls, findet Adam. Dass sie froh sind, dass doch noch mal alles gut gegangen ist, steht da. Dass sie hoffen, dass seine Hand ganz schnell wieder wird. Dass er Bescheid sagen soll, falls er irgendwas braucht, egal was. Dass sie froh sind, dass sie ihn im Team haben. Dass sie ihn vermissen. Darunter ihre beiden Namen. Der Text ist von einer Wahrhaftigkeit, ohne Ironie und doppelten Boden, dass sich irgendetwas tief in seinem Innern zusammenzieht, seine Augen beginnen zu brennen. Er weiß, dass das nicht nur Leos Verdienst ist, dass er nicht im Knast verrottet. Leo hat ihm alles erzählt. Dass Pia nicht geschlafen hat, dass sie das LKA 3 angezapft hat. Auch dass Esther ihn verraten hat, ja. Aber auch, dass sie am Ende trotzdem mitgemacht hat, bei der Sache mit Dennis Weidmann, bei allem. Und das alles, obwohl sie beide an ihm gezweifelt haben. Er schluckt den Kloß in seinem Hals runter, wendet seinen Blick lieber dem Korb zu.  

Schokolade ist darin, Kekse, Chips, Gummibärchen, M&Ms. Und in der Ecke eine Packung Glückskekse. Er muss lächeln. Erst dann sieht er, dass oben auf der Packung schon ein kleiner Papierstreifen klebt, befestigt mit einem breiten Stück Tesafilm: Sie haben ein freundliches Herz und werden sehr bewundert. Daneben hat jemand mit Kugelschreiber ein kleines Herz gekritzelt.

Chapter 10: Mittwochs

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Es ist der Geruch. Dieser penetrante Geruch von Linoleum und Gummimatten und altem Schweiß. Und es sind die Geräusche. Das Quietschen der Hallenschuhe auf dem glatten Boden, die undeutlichen Rufe, das Trappeln und Prallen und Klappern von Füßen, Bällen, Sportgeräten.

Die Trennwände der großen Mehrzweckhalle sind heruntergelassen, nebenan wird Volleyball gespielt und die Geräusche, die aus der ganz hintersten Abtrennung kommen, klingen nach Geräteturnen. Er sitzt auf der langen Holzbank am Rand, hat sich zurückgelehnt gegen die kratzige Prallwand, die besockten Füße ausgestreckt und übereinander verschränkt. Auch das weckt Erinnerungen. Erinnerungen an die unzähligen Male, als er genauso, in Straßenkleidung, nur ohne die Schuhe, auf solchen Bänken gesessen und den anderen beim Sportmachen zugesehen hat. Entweder, weil er angeblich seine Sportsachen vergessen hatte oder weil er angeblich verletzt gewesen ist oder aber natürlich, weil er wirklich verletzt gewesen ist. Erlauben hat er sich das oft genug können, weil er ja sonst alles gekonnt hat. Weil er der ausdauerndste gewesen ist, der schnellste, der stärkste, der taktisch, technisch versierteste. Wenn er wollte. Wenn er musste. Seine eins auf dem Zeugnis hat das nie gefährdet, er hat sein Aussetzen immer gut zu dosieren gewusst.

Aber diesmal ist es alles gar nicht so übel. Diesmal ist er freiwillig hier und ganz offiziell nur als Zuschauer. Und zwölf Männern in kurzen Hosen dabei zuschauen, wie sie Handball spielen — das kann man schon mal machen. Insbesondere dann, wenn einer von ihnen Leo ist.

Es hat alles damit angefangen, dass Leo angerufen wurde gestern Abend und Adam gehört hat, wie er irgendetwas für heute abgesagt hat. Und als Leo dann aufgelegt hat, hat Adam ihn gefragt, wer das war und Leo hat ihm gesagt, dass er mittwochs immer Handball spielt mit ein paar Kollegen. Eigentlich. Und dann hat Adam natürlich gesagt, dass er doch gehen kann und Leo hat gemeint, dass, nee, passt schon, dass Adam doch den ganzen Tag schon alleine zuhause rumhängt. Und so ging es dann ein bisschen hin und her, bis sie sich geeinigt haben, dass Adam einfach mitkommt. Und so sitzt er nun also hier.

Ein paar von Leos Mitspielern kennt er grob vom Sehen. Den einen, der gerade auf der Position rechts neben Leo steht, hat er irgendwann mal auf dem Gang im 4. Stock gesehen, also wahrscheinlich Computerkriminalität. Der Torwart und der Linksaußen der gegnerischen Mannschaft, glaubt er, gehören zum Dauerdienst.

Sie sind schon in der zweiten Halbzeit jetzt und Leos Mannschaft gewinnt und Leo ist glücklich, das kann Adam sehen und manchmal guckt Leo rüber zu ihm und lächelt und dann flattert sein Herz ein bisschen.

Früher ist das anders gewesen. Auch wenn Adam früher natürlich auch die Gelegenheit genutzt hat, sich Jungsbeine anzugucken. Jungsschulterblätter. Jungsärsche. Und auch von Leo manchmal, ja natürlich. Aber es ist trotzdem anders gewesen. Weil Leo im Sport früher eigentlich nie glücklich ausgesehen hat. Weil er nicht schnell laufen konnte und keine Pässe annehmen und dann alle entweder die Augen verdreht oder gelacht haben, je nachdem, ob sie in seiner oder in der gegnerischen Mannschaft gewesen sind. Und da war es dann immer nicht so weit her mit dem Herzflattern, weil Adam immer nur ein schlechtes Gewissen bekommen hat, ihn da draußen auf dem Feld allein zu lassen. Und dafür, sich ab und zu einfach auch eine Ausrede einfallen zu lassen und sich zu Adam auf die Bank zu setzen, dafür ist Leo natürlich viel zu brav gewesen.

Er weiß nicht so genau, was seitdem passiert ist mit Leo. Wieso Leo jetzt freiwillig Sport macht und dabei glücklich aussieht. Er fragt sich, ob er das jemals können wird.

Leos Mannschaft gewinnt tatsächlich und Leo strahlt richtig, als er nach dem Spiel auf Adam zukommt. Er ist verschwitzt und seine Haare sind wuschelig und fallen ihm in Strähnen in die Stirn und am liebsten würde Adam ihn in den Arm nehmen, so schön sieht er aus. Aber er hebt nur seine Hand, in die Leo einschlägt, bevor er sich neben Adam auf die Bank fallen lässt und ein paar große Schlucke aus seiner Wasserflasche nimmt. Sein feucht-kalter Oberarm streift Adams dabei und Adam wird den Schatten dieser Berührung noch den ganzen Nachhauseweg lang auf seiner Haut spüren.

Als die anderen sich zu ihnen gesellen, stellt Leo ihnen Adam vor und auch wenn niemand sich etwas anmerken lässt, kann Adam das Gefühl nicht abschütteln, dass sie alle ganz genau wissen, wer er ist. Der Bulle, nach dem gefahndet wurde, der Bulle, der im Knast saß, der Bulle, dem der eigene Vater seinen Mord anhängen wollte. Aber auch er lässt sich nichts anmerken, nickt und lächelt nur und hört sich ein Dutzend Namen an, von denen er die Hälfte gleich wieder vergisst. Die beiden aus der gegnerischen Mannschaft sind tatsächlich vom Dauerdienst, der andere aus Leos Mannschaft tatsächlich aus der Computerkriminalität. Der Rest ist vom Betrug, Rauschgift, Wirtschaftskriminalität, zwei Schutzkollegen sind auch dabei und dann noch drei oder vier, die gar nicht bei der Polizei sind, nur von einem der anderen mitgebracht wurden. Und sie sind alle ganz okay irgendwie. Okayer als Adam sich das gedacht hätte zumindest. Und zum Glück fragt auch niemand, was er überhaupt hier tut, ob er nichts besseres zu tun hat, als ihnen beim Handball zuzugucken.

Sie unterhalten sich noch eine Weile lang, tauschen die neuesten Interna und Kuriositäten aus, bis dann nach und nach alle in Richtung Umkleidekabine verschwinden, auch Leo sich schließlich mit einer Hand auf Adams Schulter und einem kleinen »bis gleich« von ihm verabschiedet.

Adam schlüpft zurück in seine Schuhe, schlendert langsam durch den fensterlosen, tunnelartigen Flur, der zwischen der Halle und den Umkleidekabinen entlangführt, durchquert den verwaisten Vorraum und tritt hinaus vor die Halle. Macht sich eine Zigarette an, weil er diesmal wirklich eine braucht. Über der Halle geht die Sonne unter, so wie sie nur über Sporthallen oder leeren Supermarktplätzen oder verlassenen Industriegebieten untergehen kann. Immer wieder schwingt die Tür auf und entlässt einen oder zwei oder drei von Leos Mitspielern in die Nacht. Sie grüßen ihn und sagen »bis dann«, als käme er jetzt immer hierher. Er grüßt zurück, sagt »bis dann«, als käme er jetzt immer hierher.

Irgendwann, endlich, kommt auch Leo heraus. Er ist frisch geduscht und fast findet Adam das ein bisschen schade, aber seine Haare sind immer noch wuschelig, also ist es okay. Sie gehen rüber zum Parkplatz, Leos Auto blinkt und zirpt in der Dämmerung, um sie herum ist die Stadt schon still geworden.

Sie fahren runter ins Zentrum, über die Saar, der Himmel über ihnen zuckerwattefarben, die Luft durch die geöffneten Fenster kühl und klar. Adam hält seine Hand durchs Fenster hinaus in den Fahrtwind und ertappt sich bei dem Gedanken, dass, wenn die andere Hand irgendwann wieder ist, er das ja vielleicht wirklich mal machen kann. Mittwochs dahin gehen. Mittwochs mit Leo und den anderen Handball spielen.

Chapter 11: Vorbei

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Es ist mitten am Vormittag, als Henny ihn anruft und kurz denkt er, dass sie nicht mitbekommen hat, dass er krankgeschrieben ist, will sie schon an Leo verweisen oder an Pia oder an Esther. Aber sie will wirklich ihn sprechen. Die Staatsanwaltschaft hat seinen Vater freigegeben, ob er ihn nochmal sehen will. Er sagt nein danke natürlich. Weil er ihn ja schließlich schon gesehen hat — sterben gesehen hat, tot dahängen gesehen hat, stundenlang. Da gibt es nichts, was er noch sehen muss. Henny klingt, als hätte sie diese Antwort schon erwartet. Geht gar nicht weiter darauf ein. Fragt nur noch, wie es ihm geht. Auch sie weiß ja sicherlich alles, wird Adam auf einmal klar. Ein Gedanke, an den er sich vielleicht wirklich schon mal gewöhnen muss, bevor er ins Kommissariat zurückkehrt. Dass alle alles wissen. Er sagt gut, denn was soll er schon sagen und dann sagen sie bis bald und legen auf.  

Doch dann, als er gerade aufgelegt, das Handy gerade weggelegt hat, da ist plötzlich etwas in ihm, etwas das er nicht beschreiben kann oder verstehen. Aber es ist da in ihm und er nimmt sein Handy und dann ruft er Henny nochmal zurück. 

 

Es ist kalt und steril wie immer und in der Luft hängt der vertraute, beißend-süßliche Geruch nach Putzmitteln und kaltgestelltem Tod. Es ist eine Atmosphäre, an die er sich nie gewöhnen wird. Ein Ort, an dem er nie gerne sein wird.

Henny lässt ihn gleich allein mit ihm und Adam ist ihr dankbar dafür. Er ist noch immer nackt, soweit er das sehen kann jedenfalls, Henny hat das grüne Tuch bis knapp über seinen Bauchnabel hinabgezogen. Er sieht die lange Obduktionsnaht, wie sie sich von seinem Brustbein aus hinunter über den Körper zieht, schließlich unter dem grünen Tuch verschwindet. Daneben die Einschusswunde, dunkel und glatt. Es ist seltsam, wie er da liegt, denkt Adam, wie ein Gegenstand. Die Haut fahl und fleckig schon an einigen Stellen, die Wangen eingefallen. Alles an ihm verrät, dass das Leben ihn schon lange verlassen hat. Es ist noch viel deutlicher jetzt — hier, so —, als es in der Nacht gewesen ist. Er sieht viel toter aus jetzt, falls es sowas gibt. Viel weniger wie der, der er gewesen ist. Viel mehr wie eine mangelhafte, absurde Nachbildung davon.  

Und all der Schmerz, all die Demütigungen, die Verletzungen, der Hass, die Wut, die Verzweiflung, die Sehnsucht — all das hat plötzlich keinen Ort mehr. Denn das hier kann nicht ihr Ort sein, nicht dieser Gegenstand. Er sieht ihn einfach nur an, für einen sehr langen Moment oder doch zumindest für etwas, das sich anfühlt wie ein sehr langer Moment, aber vielleicht ist es nur der Bruchteil einer Sekunde, vielleicht sind es Minuten, vielleicht auch Stunden oder Jahre oder Jahrzehnte, er könnte es nicht sagen, denn alles verschwimmt zu einem zeitlosen, leeren Ort und er macht einen Schritt zurück, einen kleinen nur, einen halben und der Raum um ihn fühlt sich erdrückend eng und unbegreiflich weit zugleich an und kurz ist es, als würde selbst der Boden unter ihm nachgeben, als er spürt, wie sich seine Kehle zusammenschnürt und ihm Tränen in die Augen steigen und er begreift, dass es vorbei ist. Vorbei. Für immer.

Am liebsten würde er sich auf den Boden sinken lassen, gegen die Wand oder den anderen Obduktionstisch hinter sich, aber er hält sich aufrecht, irgendwie. Schlingt den gesunden Arm um seinen bebenden Körper, während sein tränenverschleierter Blick haltlos von Fliese zu Fliese wandert, vom Waschbecken zum Seifenspender zum Boden, verzweifelt nach irgendetwas sucht, an dem er sich festhalten kann, irgendetwas, was er ansehen kann, was nicht er ist, was nicht dieser Gegenstand ist. Und er wünscht sich, dass er aus Erleichterung weinen würde, aus Freude vielleicht sogar oder aus Genugtuung. Aber wenn es das Herz einem jemals so leicht machen würde. Wenn man jemals nur einmal sich selbst verstehen könnte. Nein, er weint aus Trauer. Weil er sein Vater war. Sein Papa sogar — irgendwann mal, vor sehr langer Zeit. Weil die letzte Hoffnung versiegt ist, ein für alle mal, jemals eine Antwort zu bekommen. Warum er ihn nie zurückgeliebt hat, egal wie sehr er darum gekämpft hat. Warum er nie genug war. Warum er ihn so sehr gehasst hat. Was falsch an ihm gewesen ist — was falsch an ihm ist. Weil sich niemals mehr etwas an allem ändern wird. Weil das hier ist wie es ist, unumstößlich, für immer. 

Chapter 12: Im Arm

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Leo riecht es sofort, als er abends nach Hause kommt. Adam sitzt am Esstisch und erledigt Papierkram für die Krankenversicherung und Leo legt ihm zur Begrüßung beiläufig eine Hand auf die Schulter und hält dann inne. Beugt sich ein wenig runter zu ihm und schnüffelt kurz.

»Warst du bei Henny?«, fragt er und sie wissen beide, was er damit meint.

Adam blickt auf. »So schlimm?«, fragt er und versucht ein halbgares Grinsen.

Aber Leo sieht ihn ernst an. Er hat sich neben ihn auf den Stuhl am Kopfende gesetzt, der erstaunte Blick auf seinem Gesicht weicht langsam einem anderen, weicheren.

»Und? Wie war’s?«, fragt er leise.

Adam sieht ihn einen Moment lang nur an. Denkt, dass er da wohl jetzt nicht mehr rauskommt. »Seltsam«, sagt er also, weil es die Wahrheit ist, wenn auch nicht die ganze.

Und Leo sieht ihn aufmerksam an. Mit einem seiner Blicke, als würde er direkt in Adams Innerstes gucken. Jedes Geheimnis in ihm sofort durchschauen.

»Schlimm«, setzt Adam also hinzu, weil er es ja doch nicht vor ihm verbergen kann. Und weil er es eigentlich auch will — Leo das sagen, Leo alles sagen, Leo immer alles sagen, wenn das bloß ginge.

Er fährt sich mit der Hand durchs Gesicht und atmet schwer aus, sieht Leo direkt in Augen. Spürt wie die Fassung, die er sich wieder auferlegt hat seit heute Mittag, zu bröckeln beginnt unter Leos Blick. Und dann, ohne dass es noch irgendwelcher Worte bedürfte, rutscht Leo mit seinem Stuhl ein Stück zur Seite, beugt sich zu Adam rüber und nimmt ihn in den Arm. Und Adam lässt sich hineinsinken in seine Umarmung, gegen seine Schulter. Spürt Leos festen Griff an seinem Rücken, eine warme Hand, die ihm über die Schulter streicht, dann hinaufwandert in seinen Nacken, in seine Haare, die ihn da hält und ihren Daumen sanft durch seine Haare gleiten lässt. Und erst jetzt, als Leos Wärme beginnt, sich auch in ihm auszubreiten, als zwar auch die Tränen wiederkommen, in ihm aber dennoch eine Ruhe einkehrt, wie sie nur Leo hervorbringen kann, erst da begreift er, wie sehr er das gebraucht hat. Und da klammert er seinen Arm noch etwas fester um Leos Schultern und drückt sein Gesicht noch etwas tiefer in Leos weichen Pullover. Damit er ihn bloß noch nicht loslässt, damit es bloß noch so bleibt, so lange wie möglich.

Chapter 13: Normal

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Ob er schon was gegessen hat, hat Leo ihn gefragt, als sie sich dann doch irgendwann wieder losgelassen haben. Er hat ihm noch einmal über den Oberarm gestrichen dabei und Adam hat die Nase hochgezogen und den Kopf geschüttelt.

»Hunger?«, hat Leo dann gefragt und Adam hat noch einmal den Kopf geschüttelt, weil ihm wirklich nach allem zumute gewesen ist, aber nicht nach Essen.

Natürlich kocht Leo jetzt trotzdem. Für sich offiziell, aber sie wissen beide, dass sie beide wissen, dass Leo für zwei kocht, damit Adam es sich dann nochmal überlegen kann. Die Abzugshaube summt, aber ein wenig Dampf zieht trotzdem aus der offenen Küche ins Wohnzimmer, beschlägt dort die hohen Scheiben und lässt die Lichter der Nachbarfenster schwimmen. Adam sitzt auf der Arbeitsfläche zwischen Spüle und Kühlschrank, lässt die Beine baumeln und sieht Leo dabei zu, wie er schnibbelt und rührt und anbrät, wie konzentriert und genau er alles macht. Ab und zu braucht Leo was aus dem Kühlschrank, dann drückt Adam von der Seite aus die Tür auf, greift umständlich herein und reicht es Leo rüber. Und manchmal geht Leo auch selbst und dann streifen seine Beine im Vorbeigehen Adams Füße oder Adams Knie und das ist ein so wunderschönes Gefühl, dass ihn jedes mal ein Kribbeln durchläuft, von der Stelle, an der Leo ihn berührt hat bis in seine Magengrube — auch wenn er sich das natürlich durch nichts anmerken lässt. Und wenn Leo dann direkt neben ihm am Kühlschrank steht, dann denkt Adam manchmal so bei sich, dass das eigentlich so von der Position her auch perfekt wäre, um sich wieder in Leos Arm sinken zu lassen oder um… oder naja — und dann lässt er das mit dem Denken ganz schnell wieder.

Jetzt steht Leo am Herd, den Rücken ihm zugewandt und Adam hat sich zurückgelehnt, hat den Kopf gegen den Kühlschrank sinken lassen und knabbert an einem der vorgeschnittenen Paprikastreifen, die Leo wie zufällig in seine Nähe geschoben hat. Beobachtet Leos Handgriffe und seine Rückenmuskulatur und hört ihm zu, wie er von dem Fall erzählt, den er gerade nochmal durchgehen muss, weil nächste Woche die Gerichtsverhandlung startet und er aussagen muss. Es ist ein Fall von vor Adams Zeit und er hört ihm gerne zu, weil es ihn ablenkt und weil er weiß, dass Leo es ihm auch erzählt, um sich vorzubereiten auf nächste Woche und weil er Leo natürlich sowieso immer und stundenlang zuhören könnte, ganz egal, worum es geht. Also sitzt er einfach nur da, den Geruch vom Essen in der Nase, das Brutzeln und Köcheln und Leos Stimme im Ohr, hakt ab und zu mal nach und lässt ihn ansonsten einfach erzählen.

Und irgendwie ist es okay, obwohl eigentlich gar nichts okay ist, obwohl in ihm und um ihn Chaos ist, obwohl ihm der Tag und alles immer noch in den Knochen steckt. Aber wenn er hier sitzen kann und Leo beim Kochen zusehen und alles so unendlich normal ist, dann ist auch der Rest irgendwie okay.

»Und?«, fragt Leo, als die Abzugshaube schließlich schweigt, das Essen fertig und dampfend auf dem Herd steht.

Adam antwortet nicht sofort und Leo kommt rüber zu ihm, sieht ihn sanft aber durchdringend an.

»Besser?«, fragt er leise und klingt ernst jetzt und in seinem Tonfall liegt etwas, das nichts als Aufrichtigkeit zur Antwort duldet.

Adam nickt. Leo sieht ihn einen Moment lang prüfend an, wie um sicher zu gehen. Dann entspannen sich seine Gesichtszüge ein wenig und in seinen Augen breitet sich etwas so unendlich liebevolles aus, dass es Adam das Gesicht heiß werden lässt. Und dann spürt er plötzlich Leos Hände auf seinen Knien, wie sie kurz darüber reiben und einen Moment lang scheint es Adam, als hätte er vergessen, wie man atmet, wie man spricht, wie man denkt. Weil es für einen Moment so einfach wäre, Leo jetzt einfach zu küssen. Weil er da so steht, direkt vor ihm, die Hände auf seinen Knien und weil er ihn so ansieht, mit diesem weichen Blick und weil seine Lippen so rosig aussehen und so wahnsinnig einladend. Aber er widersteht, versteckt nur schnell sein verlegenes Lächeln in einer kurzen, aber festen Umarmung. Nicht heute, nicht jetzt, noch nicht.

»Hunger?«, fragt Leo dann, zum zweiten Mal an diesem Abend. Und diesmal nickt Adam.

Chapter 14: Robin

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Die Sonne scheint, also will Leo zu Fuß los und viel Überzeugungsarbeit muss er gar nicht leisten, bis Adam sich bereit erklärt, mitzukommen. Als Leo ihn vor ein paar Tagen gefragt hat, ob das okay ist, wenn Robin zu ihnen kommt, da Adam nur die Schultern gehoben und genickt, weil warum nicht. Leo hat ihm schon mal erzählt, dass Caro ihn an seinen freien Tagen manchmal zum Babysitten einspannt und warum sollte das anders sein, nur weil er jetzt da ist? Zwar hatte er sich nicht vorgestellt, dass er dabei besonders involviert sein würde, aber ein kleiner Spaziergang kann ja nicht schaden. Er hat in der letzten Woche wahrlich genug Zeit im Bett oder zusammengerollt auf dem Sofa verbracht.

Eine gute halbe Stunde geht man bis zur Kita, einmal quer durch die Innenstadt, über die Saar und dann noch ein kleines Stück. Die Luft ist warm und die Stadt beinahe still, der Verkehrsfluss im mittäglichen Tief zwischen morgendlichem Berufs- und abendlichem Feierabendverkehr, die Baustellen in der Mittagspause. Leo hat kurze, khakifarbene Hosen an, aus denen seine noch ein bisschen winterblassen Beine herausgucken und er sieht so schön aus so und es ist so schön so neben ihm durch die Stadt zu schlendern, dass Adam sich kurz bei dem Gedanken ertappt, wie das wohl wäre, Leos Hand zu nehmen, seine Finger zwischen Leos Finger zu schieben, Hand in Hand durch die Straßen zu laufen. Seine Hand kribbelt bei dem Gedanken, er ballt sie zur Faust und schiebt sie noch etwas tiefer in seine Hosentasche.

Für den Rückweg brauchen sie natürlich doppelt so lang. Überall gibt es etwas zu sehen, entdecken oder fragen. Und wenn Adam gedacht hat, er könne sich raushalten aus dem Kinderbetreuungsteil dieses kleinen Ausflugs, dann hat er seine Rechnung ohne Robin gemacht. Der erspäht nämlich von der Alten Brücke aus sofort das Kommissariat, fragt Adam, ob er denn auch dort arbeiten würde und löchert ihn dann, nachdem Adam das bejaht hat, mit unzählig vielen Fragen, die Adam dann Mühe hat so kindgerecht wie möglich zu beantworten. Er wird erst erlöst, als Leo ihnen am Markt allen dreien ein Eis kauft, mit dem sie dann noch geschlagene zehn Minuten vor einer Tankstelle Halt machen müssen, um der Autowaschanlage bei der Arbeit zuzusehen.

Zuhause plündert Robin sofort die Legokiste in einem der unteren Regalfächer im Wohnzimmer und verkündet, dass sie jetzt das ‚Tommissajat‘ bauen. Auch zwei kleine Legomännchen finden sich dabei, eins mit blonden, eins mit braunen Haaren, die zu Adam und Leo auserkoren werden. Für Lego-Adam muss Leo aus der Küche ein weißes Gummiband holen, das ihm dann sorgfältigst um den linken Arm gewickelt wird, damit auch alles seine Richtigkeit hat. Das ‚Tomissajat‘ wird ein wenig bunter und von den Proportionen her auch ein wenig höher als das Original, weil Robin darauf beharrt, dass es mindestens hundert Stockwerke hat, ersichtlicherweise ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was das bedeutet. Dafür wird dann aber oben auf dem Dach auch noch ein Sprungbrett installiert, das über die Stadtautobahn reicht und von dem aus man direkt in die Saar springen kann. Keine so schlechte Idee, findet Adam und lässt sein Lego-Selbst als erstes in die Tiefe springen. Gleich darauf folgt Leo-Leo und schließlich finden sich auch noch Lego-Mama und Lego-Papa und Lego-Oma Ilona, Lego-Opa Jarek, Lego-Oma Petra und Lego-Opa Rainer ein, um in den Genuss der neuen Saarbrücker Freizeitattraktion zu kommen.

Eine Weile lang erscheint es Adam, als sei Robins Energie unerschöpflich. Aber irgendwann am späten Nachmittag, als Leo sich in die Küche zurückgezogen hat, um ihnen Spaghetti Bolognese zu kochen, da zieht Robin dann doch seine Kuscheldecke aus seinem kleinen Rucksack und dann muss Adam ihm vorlesen und es dauert keine fünf Minuten, bis er eingeschlafen ist, die Kuscheldecke in der einen Hand, den Daumen der anderen im Mund und den Kopf auf Adams Oberschenkel gelegt. Er sieht Leo ein bisschen ähnlich, findet Adam, so um die Augen rum und um die Nase. Das macht natürlich keinen Sinn und wahrscheinlich sieht er eher Caro ähnlich oder Leo und Robin kommen beide nach Leos Vater oder so. Aber trotzdem. Es fasziniert ihn, dass da ein so kleines Wesen ist, das mit Leo verwandt ist und dass man ihm das ansieht. Es überrascht ihn auch, wie lieb er ihn schon nach nur diesem einen Nachmittag gewonnen hat, wie er ihn ins Herz geschlossen hat, obwohl er noch bis heute morgen bloß irgendein Kind für ihn gewesen ist, das er nur von den Fotos in Leos Wohnung kannte. Er streicht ihm eine Haarsträhne aus der Stirn und denkt, wie klein Robin ist. Vielleicht fällt es ihm auf, weil er ihn jetzt kennt. Weil er so ganz Mensch ist, mit einer Persönlichkeit und einem Willen und Gedanken und Ideen und weil gerade im Gegensatz dazu alles an seinem Körper so miniaturhaft wirkt. So klein und so zerbrechlich. Er fragt sich, ob er selbst wirklich auch je so klein und so zerbrechlich gewesen ist und kann es eigentlich kaum glauben. Weil er sich selbst immer so fest vorgekommen ist und so hart. Obwohl natürlich so vieles an ihm zerbrochen wurde, buchstäblich, und ihm ja immer und immer wieder eingebläut wurde, dass er weich sei und schwach. Aber die Wände gegen seinen Kopf, die waren hart, genauso wie die Gürtelschnallen auf seinem Rücken und die Schläge in seinem Gesicht und die Schuhspitzen in seinen Rippen. Und deswegen ist auch er sich immer hart vorgekommen und fest, metallisch fast, weil er doch erduldet hat, weil er doch all das erduldet hat, all das buchstäblich von ihm abgeprallt ist. Aber wie er jetzt Robin ansieht, da fragt er sich, wie das überhaupt geht. Wie man so etwas so einem kleinen Körper überhaupt antun kann und wie ein so kleiner Körper das überhaupt aushalten kann und dann fragt er sich, wann es überhaupt angefangen hat, so richtig, wie alt er da war und ihm wird klar, dass er das gar nicht weiß. Dass es immer schon so war, in seiner Erinnerung zumindest.

Er sieht auf, weil er Leos Bick auf sich spürt und da steht Leo tatsächlich, das rot-karierte Handtuch über der Schulter, eine Hand in der Hüfte, die andere auf der Kücheninsel abgestützt und sieht sie beide an. In seinem Mundwinkel hängt ein kleines Lächeln und Adam lächelt ein wenig schief zurück. Im Hintergrund blubbert das Nudelwasser, bald wird das Essen fertig sein, dann muss er Robin wieder wecken, vielleicht war es nicht so schlau, ihn einschlafen zu lassen. Aber bevor er sich darüber noch weiter Gedanken machen kann, fallen auch ihm die Augen zu.

Chapter 15: Drei Kartons

Notes:

Dieses Kapitel ist meinem guten und ältesten Freund T. gewidmet.

Chapter Text

Es sind drei alte Bananenkartons, auf denen ‚Adam‘ steht, mit schwarzem Filzstift in der filigranen Handschrift seiner Mutter. Irgendwo ganz hinten in der Ecke haben sie gestanden, begraben unter Kartons voller Weihnachtsdeko und altem Geschirr und Gartenpolstern. Er ist alleine hier unten, Leo und seine Mutter sind mit der zweiten Fuhre unterwegs zur neuen Wohnung in der Stadt. Von der ersten sind sie zurückgekommen und haben sich geduzt, also beide sich gegenseitig, auch Leo seine Mutter. »Heide?«, hat er ihn fragen gehört und dann, ob sie die Esstischstühle auch schon mitnehmen will oder für die Möbelpacker lassen. Und Adam weiß nicht so genau, wie er das eigentlich finden soll und es ist definitiv ein seltsames Gefühl, jetzt wo sie schon wieder unterwegs sind ohne ihn und er sich fragen muss, was sie wohl reden die ganze Zeit, ob sie über ihn reden oder über was sonst. Aber was soll er machen, beim Tragen kann er nicht helfen, also ist er hier geblieben, auch wenn Leo ihm, bevor sie das erste Mal los sind, einen langen, prüfenden Blick zugeworfen hat, ob das auch wirklich ok ist. Aber Adam hat nur knapp genickt. Dieses eine letzte Mal schafft er das schon.

Zuerst hat er oben ein bisschen übrig gebliebenen Kleinkram in Kartons gepackt. Hat versucht, nicht hinzusehen dabei, nicht ins Wohnzimmer zu sehen hinter den Kamin. Hat es dann doch getan, hat vielleicht fünf Minuten da gestanden und hingestarrt, obwohl es überhaupt gar nichts mehr zu sehen gegeben hat, weil der Tatortreiniger ja längst da gewesen ist und die Sitzgruppe und der Teppich eh schon längst vom Sperrmüll abgeholt worden sind.

Nach der ersten Tour hat seine Mutter ihn dann runter in den Keller geschickt. Da wären auch noch Sachen von ihm, die solle er doch mal durchgucken, was davon weg kann und was nicht. Und so sitzt er nun hier mitten auf dem kalten Kellerfußboden und stöbert durch die drei Kartons mit seinem Namen drauf.

Der erste ist voller Schulsachen. Seine ersten Schreibhefte aus der Grundschule, gefüllt mit seinen ersten krakeligen Buchstaben, die ersten Rechenhefte, Schnellhefter um Schnellhefter voller Arbeitsblätter, ein Herbarium, ein Vokabelheft aus der Englisch-AG, eine Mappe mit Klassenfotos und den ersten, handgeschriebenen Zeugnissen, eine Sankt-Martins-Laterne. Dann auch Sachen vom Gymnasium. Klassenarbeitshefte voller Kurvendiskussionen und Gedichtsanalysen und Aufsätze in vollkommen unbeholfenem Englisch und erstaunlich flüssigem Französisch, von dem er kaum noch was versteht. Noch mehr Zeugnisse, mit weniger Text jetzt, nur kalten, gedruckten Noten. Viele befriedigends und ausreichends irgendwann — in der achten, neunten Klasse ist es vorübergehend nicht mehr ganz so gut gelaufen — nur das sehr gut hinter Sport ist natürlich immer unverändert geblieben. Auch dort dann Klassenfotos. Das aus der siebten Klasse erkennt er sofort wieder, wahrscheinlich weil er es so oft angesehen hat früher. Es muss das erste Foto sein, das es gibt von ihnen beiden, von Leo und ihm. Leo war da gerade von der Realschule aufs Gymnasium gewechselt und die Fotografin, die natürlich keine Ahnung gehabt hat von sozialen Rangordnungen in der Klasse und wer hier eigentlich wer ist, hatte Leo, den Neuen, ganz nach vorne in die Mitte gesetzt und ihm die kleine Schiefertafel in die Hand gedrückt, auf der mit Kreide ‚7b‘ steht. Wahrscheinlich weil er so ein schönes, unschuldiges und adrettes Gesicht gehabt hat mit seinem schüchternen, aber gewinnenden Lächeln darin. Adam hingegen ganz hinten links, die Mundwinkel mechanisch nach oben gezogen, in den Augen etwas verbissenes. Er kann sich nicht mehr erinnern an den Tag, nicht wie sein Morgen ausgesehen hat und seine Nacht, aber er kann es sich auch so denken.

Im nächsten Karton sind Kinderbücher — Die kleine Hexe und Räuber Hotzenplotz, Die schwarze Mühle, Pünktchen und Anton und Der Wunschpunsch und ein ganzes Duzend Tiger-Team-Bücher. Eine kleine Sammlung Die-Drei-???- und Bibi-Blocksberg-Kassetten. Dann auch das Playmobil-Piratenschiff, bergeweise Pokémon- und Yu-Gi-Oh-Karten, sein innig geliebter, lila-transparenter Game Boy Color.

Er schiebt den Karton zur Seite und zieht den dritten und letzten Karton über den staubigen Kellerfußboden zu sich herüber. Im Vergleich zu den anderen beiden fühlt sich dieser hier leicht an. Mühsam ruckelt er mit seinem einen Arm den Deckel ab und —

Einen Moment lang ist er nur verwirrt. Ein ganz altes, lange vergessenes Gefühl breitet sich schlagartig in ihm aus, viel schneller, als er überhaupt erfassen kann, was er sieht, viel schneller, als sein Bewusstsein die Erinnerungen findet in den Windungen seines Gehirns. Unendliche Geborgenheit und unendlicher Schmerz zugleich sind es, die sich in ihm ausbreiten, als er hinabsieht auf das kleine, braune, plüschige Etwas, das da liegt, gebettet auf alter Kinderkleidung, und ihm entgegenblickt mit blanken Knopfaugen. Verfilzt, abgewetzt, kaputtgeliebt. Er ist für einen Augenblick so perplex, dass er gar nicht bemerkt, dass Leo und seine Mutter zurückgekommen sein müssen, dass seine Mutter plötzlich in der Kellertüre steht.

»Na, bist du hier durch?«, fragt sie.

Er blickt auf und sieht sie an und kann ihr ihn dann nur wortlos entgegenhalten.

»Ach der«, sagt sie und lächelt.

»War der die ganze Zeit hier unten?«, fragt er.

Seine Mutter zuckt nur mit den Schultern. »Ich denke. Den hast du wohl irgendwann mal aussortiert... Kann ich von dem anderen schon was mit hochholen?«

Also lässt Adam es sein, schiebt ihn in die Bauchtasche seines Kapuzenpullovers, nimmt einen kleinen Karton, packt den Game Boy und das Klassenfoto hinein und dann noch das Piratenschiff und die Bücher und die Kassetten für Robin und überlässt seiner Mutter den Rest.

 

Erst erwägt er, ihn einfach heimlich in sein Fach im Schrank wandern zu lassen, irgendwo ganz hinten unter seinen T-Shirt-Stapel. Aber als er da dann steht, vor dem Schrank und ihn jetzt gerade eigentlich recht unauffällig aus seinem Pullover ziehen und im Schrank verschwinden lassen könnte, weil Leo sich rücklings aufs Bett hat fallen lassen und mit geschlossenen Augen seine wahrscheinlich umzugsschmerzenden Glieder reibt, da entscheidet sich irgendetwas in ihm dagegen.

»Ich muss dir jemanden vorstellen«, hört er sich stattdessen sagen.

Leo schlägt die Augen auf und sieht ihn fragend und etwas verwundert an, ohne aber ansonsten seine Position zu verändern.

»Meinen besten Freund vor dir«, sagt Adam ein bisschen absichtlich geheimnisvoll und presst die Lippen aufeinander, weil es ihm jetzt doch ein bisschen peinlich ist.

»Aha?«, fragt Leo und Adam nickt. Greift dann in seine Bauchtasche, zieht ihn langsam hervor und hält ihn vor seine Brust.

Leos Blick wird ganz weich. »Och«, macht er und grinst. »Ist das deiner?«

Adam nickt.

Leo streckt ihm auffordernd seine Hände entgegen, also wirft Adam ihn rüber zu ihm. Er landet weich und klein in Leos großen Händen, die ihn ein bisschen hin und herdrehen, die plüschig-filzigen Ärmchen hochklappen.

»Und? Wie heißt der?«, fragt Leo.

»Teddy«, sagt Adam.

»Pragmatisch«, sagt Leo und Adam muss ein bisschen grinsen und setzt sich zu Leo aufs Bett, ganz hinten auf die Kante. Leo hält seinen Teddy immer noch in beiden Händen, schnüffelt dann ein bisschen. »Uh«, macht er, »Teddy riecht ein bisschen nach Keller.« Er lacht und wirft ihn zu Adam zurück. Adam fängt ihn auf, legt ihn in seinen Schoß.

»Ja«, sagt er, lässt seine Fingerspitzen durchs grau-braune Fell gleiten, weiß nicht, ob er das jetzt sagen soll oder nicht. Entscheidet sich dafür. »Vielleicht, weil er da zwanzig Jahre lag«, sagt er. In seiner Stimme liegt eine Bitterkeit, von der er sich nicht sicher ist, ob er sie absichtlich hineingelegt hat, oder ob sie sich von selbst hineingeschlichen hat. In jedem Fall zeigt sie Wirkung: Leo sieht ihn fragend an.

Adam streicht die Falten in der Bettdecke glatt, starrt auf seine Fingerspitzen, spannt den Unterkiefer. »Den hat mir irgendjemand weggenommen. Als ich aufs Gymnasium gekommen bin. Weil er meinte, ich wäre da jetzt zu alt für.« Er versucht, es beiläufig klingen zu lassen, aber das tut es gar nicht. »Ich glaub, ich hab zwei Wochen lang nur geheult.« Er macht eine Pause. »Heimlich.« Natürlich heimlich. »Vor allem, weil er es absolut so klingen hat lassen, als hätte er ihn weggeschmissen. Ich hab mir immer vorgestellt, wie er in irgendeiner Müllverbrennungsanlage landet. Und dabei war er die ganze fucking Zeit im Keller. Wahrscheinlich hat Mama den abgefangen. Sie konnte sich nicht mal dran erinnern.«

Leo sagt nichts und das muss er auch nicht, was soll man auch sagen. Zu so einer blöden Sache, die so lange her ist, die Adam egal sein könnte, jetzt wo er doch erwachsen ist und die es aber nicht ist, vielleicht auch, weil sie so sinnbildlich ist für die ganze Scheiße und für die ganzen, vielen kleinen Dinge, von denen Leo immer noch nichts weiß. Und so sieht Leo ihn nur an und Adam schaut zurück und kräuselt die Lippen und ist so froh, dass er Leo nichts erklären muss, dass Leo ihn immer genau versteht. Dass Leo versteht, dass es nicht darum geht, dass er etwas sagt dazu, dass es nur darum geht, dass er es weiß. Weil er doch der ist, der solche Sachen weiß, der einzige, der solche Sachen weiß über ihn.

Leo klappt sein Knie aus und stupst Adam damit in den Oberschenkel. »Muss der jetzt bei uns im Bett schlafen?«

»Ja«, sagt Adam leise und ein Grinsen schleicht sich in sein Gesicht, während er versucht zu ignorieren, dass Leo ‚bei uns im Bett‘ gesagt hat. »In der Ritze.«

Leo runzelt die Stirn und blickt neben sich und lacht. »Mein Bett hat überhaupt gar keine Ritze, du Experte.«

Adam verdreht die Augen. »In der gedachten Ritze halt.« Er sieht Leo an und beißt sich auf die Lippen und dann muss er ein bisschen kichern und Leo auch und dann sind sie beide noch ein bisschen herrlich albern über die gedachte Ritze, in der Adams Teddy dann schließlich wirklich landet. Ganz brav in der Mitte zwischen ihnen am Kopfende des Betts sitzt er — zumindest solange, bis er dann später, im Schutz der Dunkelheit eventuell und trotz Kellergeruch die Nacht in Adams Arm verbringt.

Chapter 16: Rigatoni

Chapter Text

Sie haben sich für halb sieben am Markt verabredet. Jetzt ist es kurz vor halb, Adam sitzt auf den warmen Stufen des Brunnens in der Sonne, wippt mit den Knien und erwartet fast, dass jeden Moment sein Handy klingelt — dass doch noch was reingekommen ist, dass es etwas später wird, ob es vielleicht auch an einem anderen Abend…?

Aber dann sieht er drei vertraute Silhouetten die Gasse von der Saar her hochkommen. Pia in der Mitte, Leo und Esther links und rechts von ihr. Adam hat die anderen beiden nicht gesehen seit dem Restaurant und er weiß nicht genau warum, aber sie jetzt wiederzusehen, macht ihn fast ein bisschen nervös. Weil so wahnsinnig viel passiert ist in der Zwischenzeit. Weil sie soviel mehr wissen über ihn jetzt. Weil alles anders ist, als es vorher war.

Aber es ist alles gut. Pia umarmt ihn zur Begrüßung, so wie sie sich noch nie umarmt haben — falls sie sich überhaupt jemals umarmt haben, er ist sich nicht sicher. Und Esther ist zwar etwas zögerlicher — er kann die Unsicherheit sehen in ihren Augen, vielleicht auch die Reue — aber er nickt ihr zu, gibt ihr stumm zu verstehen, dass alles gut ist zwischen ihnen, dass sie alles richtig gemacht hat. Und dann lächelt sie und dann umarmen auch sie sich. Ganz kurz nur zwar, aber irgendwie aus ernst gemeinter Erleichterung auf beiden Seiten.

 

Die anderen wollen Rigatoni essen und lassen sich absolut nicht davon abbringen, auch nicht als Adam »Boah Leute« sagt und stöhnt, weil er sie doch einladen wollte. Und er hatte eher so an Sushi gedacht oder an La Bastille oder zumindest den Italiener, in jedem Fall etwas mit Tischen und Stühlen und mehr als einem Gericht auf der Karte. Aber die anderen lassen sich nicht überzeugen, nicht mal Leo springt ihm bei und so balanciert er kurze Zeit später zusammen mit Pia vier heiße Aluschalen, drei Colaflaschen und ein Wasser zurück zum Brunnen. Er verteilt die Aluschalen, Pia die Getränke und dann rutschen sie zusammen auf den Brunnenstufen und lassen die Flaschen klirren und machen sich über die dampfenden Nudeln her.

Und sie reden überhaupt gar nicht über das alles. Nicht über seinen Vater, nicht über den Knast, nicht über den Spaten. Reden über alles andere stattdessen. Über die Arbeit, über die Ausbildung, über Berlin, über Buffy und Vampire Diaries und Kommunionsunterricht, über Neuseeland und über Thai-Boxen. Und trotzdem ist es irgendwie da. In jeder Anekdote, in jedem gemeinschaftlichen Lachen. Wie ein unsichtbares Band, das sie miteinander verbindet. Ein Geheimnis.

Adams Blick trifft Leos irgendwann und er sieht in Leos Augen, dass auch er es spürt. Er lächelt ihm zu und Leo lächelt zurück und ja, er hat verstanden. Adam schiebt sich noch eine letzte Holzgabel Rigatoni in den Mund, lehnt sich dann zurück gegen die Stufe hinter sich, schließt die Augen und hält sein Gesicht in die warme Abendsonne. Hört dem abendlichen Stimmengewirr auf dem Markt zu, dem entfernten Beat einer Bar und Esther, die neben ihm von ihrem letzten Norwegenurlaub erzählt.

Und für einen Moment fühlt sich alles so wahnsinnig leicht an. Als ob ein Gewicht, das er sein halbes Leben lang mit sich herumgeschleppt hat, an das er sich so gewöhnt hatte, dass er fast vergessen hatte, dass es da ist, plötzlich weg ist. Oder leichter geworden ist. So, so unendlich viel leichter. Weil sie nach fünfzehn Jahren auf einmal Verbündete haben. Weil da auf einmal jemand ist, der Bescheid weiß. Weil sie nicht mehr so allein in der Welt damit sind. Weil sie nicht mehr alleine sind.

Chapter 17: Das Tier

Chapter Text

Manchmal weiß Adam gar nicht, wie er das eigentlich macht. Ständig in Leos Nähe zu sein, mit ihm zusammenzuleben, in einer Wohnung. Zu sehen, wie er nur mit einem Handtuch um die Hüfte aus dem Bad kommt. Oder wie er mit kurzen Hosen und langen Beinen vom Laufen zurückkommt. Abend für Abend, Nacht für Nacht neben Leo im Bett zu liegen. Seinen Atem zu hören und das Knistern der Bettwäsche, wenn er sich bewegt. Ihn zu riechen — sein Duschgel, seine Haare, seinen Schweiß, die letzten Reste seines Aftershaves. Und seine Wärme zu spüren, selbst dann, wenn er ihn gar nicht berührt. Weil dann doch die Gedanken kommen, die Fantasie kommt und die Lust, die wie ein ausgehungertes Tier in ihm aufsteigt, zähnefletschend und erbarmungslos.

Dann spürt er die Präsenz von Leos Körper so überdeutlich neben sich. Dann liegt er da und kann kaum atmen, dann hämmert sein Herz und dann glühen seine Gedanken. Dann will er genauso liegen, wie er jetzt liegt, auf der Seite zusammengerollt, den Rücken zu Leo. Will Leo hinter sich spüren, wirklich, physisch. Will Leos Arm um sich, will dass Leo ihn hält, während er ihn von hinten nimmt, will ihn in sich spüren, will seinen heißen Atem in seinem Nacken spüren, seine Zähne in seinem Hals, will sich gegen ihn pressen, will so kommen, mit Leo in sich, in Leos Arm, mit seiner Hand, die Leos hält, mit Leos Hand, die seine hält.

Manchmal ist es so schlimm, dass er sich, wenn er sich noch nicht sicher ist, ob Leo schon eingeschlafen ist, oder doch, wie er selbst, noch still wach liegt in der Dunkelheit, ins Bad schleichen muss. Er macht es dann immer extra schnell, damit Leo, falls er noch wach ist, bloß nicht auf den Gedanken kommt, was er hier tut. Aber meist ist es, bis er sich eingesteht, dass es doch wieder so enden muss, dass es nicht einfach weggeht, eh schon so weit, dass es nur zwei, drei routinierte Handgriffe braucht, bis es vorbei ist. Und schon wenn er sich dann mit knallroten Wangen und schwerem Atem unter dem kalten Wasserhahn die Hände wäscht und sein erbärmliches Ebenbild im Spiegel vermeidet anzusehen, kommt er sich wie ein Verräter vor. Weil er ihre oberflächlich unschuldige, harmonische Realität in Gedanken schon wieder so schamlos hintergangen hat.

Und wenn er sich dann zurückgeschlichen hat, zurück ins Bett, unter die Decke neben Leo gekrochen ist, dann muss er manchmal an früher denken und daran, dass das da auch schon so war. Nicht immer, aber manchmal. Vor allem wenn sie sich, fast wie jetzt, in Leos (damals viel kleinerem) Bett zusammengedrängt haben in den wenigen Nächten, in denen Adam mal bei Leo übernachten durfte. Wenn sie dicht nebeneinander im Baumhaus saßen, billige Paprikachips gegessen und Musik gehört haben oder gelesen oder sinnlose Überwachungsprotokolle erstellt haben über Herr und Frau Junk, die Nachbarn der Schürks, deren Grundstück man mit Leos Fernglas auch einsehen konnte. Oder wenn sie baden waren am einsamen, alten Angelplatz und Leo mit seinem spindeldürren aber schönen Körper vor ihm in den See gestiegen ist und wenn er ihm dann gefolgt ist und sie sich gegenseitig untergetaucht und festgehalten haben im rettend kühlen Wasser.

Aber damals ist er ein Teenager gewesen, mitten in der Pubertät, wo eh beinahe jede Berührung, beinahe jede Form von körperlicher Nähe aufregend, erregend bis hin zur Unerträglichkeit ist, die Gedanken eh die ganze Zeit verpestet sind von perversen Fantasien. Und jetzt ist er nicht mehr fünfzehn. Jetzt sollte er sich unter Kontrolle haben, sollte er das wegdrücken können, verdammt.

 

An anderen Tagen, wenn das Tier in ihm schläft, dann genießt er das alles, hinterfragt nicht, bedauert nicht, nimmt es einfach wie es ist. Leo und er wie ein altes Ehepaar. Nebeneinander einschlafen, nebeneinander aufwachen, zusammen frühstücken, zusammen abendessen, sich ab und zu mal in den Arm nehmen, über den Rücken streichen, den Kopf auf die Schulter legen. Abends noch gemeinsam fernsehen oder eins von Leos Brettspielen spielen. Manchmal sitzen sie auch einfach zusammen auf dem Sofa und lesen.

Am Abend solcher Tage kann er noch bis spät in die Nacht ganz unverfänglich neben Leo im Stockfinstern liegen, während sie über irgendwelchen Blödsinn oder auch Nicht-Blödsinn reden oder sich kringeln vor Lachen über Sachen, die nur im Hier und Jetzt lustig sind und die auch sowieso niemand auf der Welt außer ihnen verstehen würde oder lustig fände. Wenn sie ihre Sätze gar nicht mehr zu Ende sprechen müssen, weil der andere es ja eh schon längst verstanden hat. Bis ihnen dann schließlich doch die Augen zufallen, das Lächeln noch auf den Lippen, irgendwo zwischen zwei gemurmelten Halbsätzen.

Chapter 18: Im Flur

Chapter Text

»Gucken wir heute Abend noch was?«, fragt Leo auf dem Weg nach oben.

Sie haben für Adams Mutter eben noch eine Kommode — ein hässliches Designerstück aus den Zweitausendern — von ebay Kleinanzeigen abgeholt. Das heißt, natürlich war es wieder Leo, der das alles gemacht hat, Adam hat mit seinem Arm nur blöd daneben gestanden und Türen aufgehalten.

»Kann nicht«, sagt Adam, während hinter ihnen krachend die schwere Haustür ins Schloss fällt. »Bin heute Abend bei Pia.«

Er nimmt zwei Stufen auf einmal und hört sehr genau die Pause, die entsteht, bis Leo reagiert.

»Bei Pia?«, fragt Leo schließlich. In seiner Stimme liegt Verständnislosigkeit, aber auch noch etwas anderes.

»Buffy gucken«, sagt Adam. Sie sind fast oben und Adam friemelt seinen Schlüssel aus der Hosentasche, schließt die Wohnungstüre auf. Lässt sie offen stehen für Leo, hängt seinen Schlüssel ans Schlüsselbrett, tritt seine Sneaker unter die Garderobe.

»Wann habt ihr das ausgemacht?« Leo hat die Wohnungstür hinter sich zugemacht. Es hallt nicht mehr so wie im Treppenhaus. Der Klang ist ganz anders, plötzlich sind es nur noch sie beide.

Adam hebt die Schultern. »Irgendwann die Tage.«

»Ich wusste nicht, dass du Pia gesehen hast.« Da ist es wieder. Dieses andere in seiner Stimme.

»Hab ich auch nicht«, sagt Adam.

Sie stehen immer noch Flur, ein wenig grundlos. Auch Leo hat längst die Schuhe ausgezogen.

»Wir haben geschrieben«, setzt Adam hinzu.

»Du schreibst mit Pia?«

Kurz würde Adam am liebsten lachen, weil es so absurd ist. Weil er nicht glauben kann, dass... Wenn er es nicht besser wüsste, dann würde er wirklich denken, dass Leo... aber nein, nein. Es macht keinen Sinn. Aber er guckt auch so. Guckt ihn so an. Fast wie im Restaurant, nach der Sache mit den Glückskeksen. Als er versucht hat seine Mutter anzurufen und Esther »...innen« gesagt hat und bedeutungsschwer gegrinst. Und Leo ihn angeguckt hat mit diesem Blick. Mit dieser Mischung aus Unverständnis und Sorge und Vorwurf.

Meistens ist Adam sich extrem bewusst darüber, wo er geoutet ist und wo nicht. Und er weiß dann natürlich, dass da, wo er nicht geoutet ist, die Leute, Heteronormativität sei Dank, automatisch davon ausgehen, dass er auf Frauen steht. Und daraus resultierend ist es natürlich eher der Gedanke, dass jemand herausfinden könnte, dass er auf Männer steht, der ihn beschäftigt. Insbesondere seit er weg ist aus Berlin. Aber manchmal, insbesondere, wenn er so direkt damit konfrontiert wird wie im Restaurant oder wie — scheinbar, anscheinend? — jetzt, dann erschreckt ihn die Erkenntnis, dass Leute wirklich so bereitwillig bereit sind glauben, er stünde auf Frauen, noch viel mehr als der Gedanke, dass jemand herausfinden könnte, dass er es nicht tut. Dass Leo das glauben kann. Nach allem. Natürlich weiß er, dass das eine das andere nicht ausschließt, zumindest im Allgemeinen. Aber in ihm, da schließt sich das doch aus und haben sie nicht... sind sie nicht...

Er zwingt sich zurück in die Realität, raus aus Gedanken-Traumwelten, in denen Leo... Leo sieht ihn immer noch an. Und Adam hebt einfach nur die Schultern.

»Klar, wieso nicht?«, sagt er und erklärt nichts, stellt nichts klar, lässt Leo einfach stehen mit seinem Fragezeichen im Gesicht.

Vielleicht, weil etwas in ihm sich entscheidet, die Eifersuchtstaktik voll abzufahren. Vielleicht, weil die Option, sich jetzt und hier zu offenbaren, jetzt und hier Dinge zu klären, die bisher noch so furchtbar, so wundervoll unklar sind, doch immer noch die beängstigendere Option ist.

Chapter 19: Buffy

Chapter Text

Sie haben vorne angefangen: erste Staffel, erste Folge. Weil wenn schon denn schon. Es ist Ewigkeiten her, dass er Buffy gesehen hat, aber es erinnert ihn an früher. An die Nachmittage, an denen er das Haus und den Fernseher für sich hatte. Oder an die Sonntagvormittage, wenn sein Vater irgendwo unterwegs war und er sich stundenlang die Wiederholungen angesehen hat. Für eine kleine Weile ist dann immer alles fast ein bisschen ok gewesen. Für eine kleine Weile ist er nicht allein gewesen, ist er in einer anderen Welt gewesen. Er hat später auch mit Leo mal ein oder zwei Folgen geguckt, aber Leo wollte nichts mit Monstern gucken — viel zu gruselig anscheinend für jemanden, dessen Traum es schon damals war, zur Mordkommission zu gehen. Später hat er sich dann auch mal ein paar Staffeln auf DVD gekauft, aber die sind irgendwann im Keller seiner letzten WG in Berlin gelandet und liegen da vermutlich noch immer.

Pias Wohnung erinnert ihn ein bisschen daran, an seine WG, so vom Stil her — und vom latenten Chaos. Nicht dass er etwas dazu beigetragen hätte, also zum Stil, zum Chaos schon, aber die sorgfältig ausgewählten Flohmarktmöbel, die kreativ-eigenwillige Deko, all das erinnert ihn an Berlin. An verqualmte Abende in der Küche, an durchzocke Nächte im Wohnzimmer. Oder an Fernsehabende, so wie heute, bei denen sie zu dritt auf dem großen Sofa gehangen haben und bei denen er sich, genau wie jetzt, immer wieder dabei erwischt hat, wie seine Gedanken gewandert sind. Nach Saarbrücken, zu dem einen jemand, den er da zurückgelassen hat, vor so langer Zeit. Wie völlig unerreichbar es ihm da erschienen ist. Dass er ihn jemals wiederbekommen würde. Dass er jemals eine zweite Chance bekommen würde. Und wie schnell dann alles gegangen ist. Und jetzt steckt er mittendrin im Schlamassel und traut sich nicht vor und kann nicht zurück. Und dabei ist doch alles schon so unendlich gut, dabei hat er doch schon so unendlich viel mehr, als er vor einem Jahr nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Die zweite Folge ist rum und der Abspann reißt ihn ein bisschen raus, zurück in die Realität und er merkt, dass er wirklich ein bisschen abgedriftet ist zum Schluss.

»Pinkelpause?«, fragt Pia und Adam nickt.

Als er zurück ins Wohnzimmer kommt, hat Pia die leeren Pizzakartons weggebracht und stattdessen zahlreiche Snacks aus der Küche geholt. Chips und Gummibärchen und Schokolade und was nicht noch alles, Pia ist wirklich eine Gute. Er lässt sich zurück auf seinen Platz fallen, greift sich ein paar chiliummantelte Erdnüsse und lässt sie zwischen den Zähnen zerknacken.

»Und?« Pia hat die Knie angezogen, kaut an einer Gummischnur und er kann ihren Blick auf sich spüren. »Wie isses so beim Chef?«

Adam seufzt innerlich. Insgeheim hat er ein bisschen damit gerechnet, dass irgendwann im Laufe des Abends sowas kommen würde. Er hatte schon während dem letzten Fall das Gefühl, dass Pia sie beide mit Argusaugen beobachtet hat, dass ihr das, was auch immer da zwischen ihnen angefangen hat, nicht entgangen ist. Und der säuselnde Ton in ihrer Stimme lässt jetzt wenig Zweifel daran, wie die Frage gemeint ist.

Er hebt den Blick zu ihr, sieht sie lange an. »Ordentlich?« sagt er dann. Aber in seiner Stimme liegt etwas, dass Pia sagt, dass er weiß, dass sie es so nicht gemeint hat und in Pias Blick liegt etwas, dass ihm sagt, dass sie weiß, dass er das weiß.

Sie lacht. »Ach was. Schade eigentlich. Ich hatte immer so ein bisschen gehofft, vielleicht ist er so ein bisschen... außen hui, innen pfui. Aber rundum hui, oder was?«

Jetzt muss Adam auch lachen. »Rundum hui«, wiederholt er. »Da wird jeden zweiten Tag gesaugt.«

»Ambitious.« Sie schweigt einen Moment und legt den Kopf schief, schaut ihn an. »Und sonst so?« So schnell gibt sie nicht auf.

Er antwortet nicht diesmal. Weil er nicht weiß, was er sagen soll. Weil er sich natürlich nicht in die Karten gucken lassen wird von Pia. Weil er das Leo echt nicht antun kann, das ausgerechnet mit Pia zu bereden, ihrer gemeinsamen Kollegin, deren Vorgesetzter Leo auch noch ist. Aber irgendwie, merkt er, würde er auch gerne. Die Erkenntnis überrascht ihn und er weiß nicht so genau, wohin mit ihr.

Er nimmt sich eine Handvoll Gummifledermäuse, schiebt eine von ihnen zwischen die Vorderzähne, beißt ihr einen Flügel ab und tut, als ob er Pias aufmerksamen Blick nicht spürt.

»Mach mal weiter«, sagt er stattdessen mit einem Blick zum Fernseher, macht die Beine lang und verschränkt sie auf dem Couchtisch.

 

Als er spät in der Nacht nach Hause kommt, ist in der Wohnung schon alles dunkel. Also geht er direkt Zähne putzen, zieht sich im Bad schon die Jeans und den Pulli aus, schleicht dann auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer, findet im Dunkeln den Stuhl, legt seine Sachen darauf und schlüpft leise unter die Bettdecke.

Und wie er dann so daliegt, da denkt er, dass er es ihm vielleicht einfach sagen sollte. Also nicht das natürlich, aber das andere, dass er nicht auf Frauen steht, dass er auf Männer steht, dass mit Pia nichts läuft, dass sie doch einfach nur Buffy geguckt haben, dass sie vielleicht Freunde sind oder sowas in der Art, aber mehr doch nicht. Weil das mit der Eifersuchtstaktik ihm plötzlich so völlig albern vorkommt und so fehl am Platz.

»Leo?«, fragt er also in die Dunkelheit. So leise, dass es fast ein Flüstern ist. Aber es kommt keine Antwort, nur regelmäßige Atemzüge.

Chapter 20: Leos Lachen

Chapter Text

Adam liebt Leos Lachen. Liebt wie kieksig und albern er wird, wenn er lacht. Wenn Adam ihm irgendeine lustige Story aus den verlorenen fünfzehn Jahren erzählt. Wenn Leo abends mit einer Anekdote im Gepäck nachhause kommt, die er kaum schafft Adam zu erzählen, weil er selbst so lachen muss, dass er kein Wort rausbringt. Aber auch dann, wenn Leo am Abend eines langen Gerichtstages auf dem Sofa liegt und Adam es in ihm arbeiten sehen kann. Weil es ein Indizienprozess ist und es noch nicht so ganz klar ist, ob die Beweisführung der Staatsanwaltschaft aufgehen wird. Weil es einer von diesen Fällen werden könnte, bei denen am Ende alle Arbeit, jede durchgearbeitete Nacht, jeder feinsäuberlich niedergeschriebene Bericht umsonst gewesen ist. Und wenn sie dann wirklich alles durchdiskutiert haben, wenn Adam Leo jede erdenkliche Gegenfrage gestellt hat, die die Richterin oder die Verteidigung ihm womöglich bei der nächsten Aussage stellen könnten, wenn Adam dann langsam sehen kann, wie das Kreisen von Leos Gedanken langsamer wird und wenn er dann mutig ist, furchtlos fast und es wagt, das letzte bisschen Anspannung aus Leo herauszukitzeln, buchstäblich, wenn Leo dann ganz klein und weich und jung wird unter seinen Händen. Wenn sie dabei in ihre abendliche Albernheit abdriften und Leos Augen verlegen strahlen, wenn er kichernd lacht, ganz gelöst und ganz frei.

Es fällt Adam erst jetzt auf, wie wenig Leo gelacht hat in den ersten Monaten nachdem er zurückgekommen ist. Erinnert sich jetzt erst daran, wieviel Leo früher gelacht hat, damals. Vorher. Wie einfach es früher war, Leo zum Lachen zu bringen. Und wie einfach es jetzt wieder ist.

Und deshalb verbirgt er die Dunkelheit, die da immer noch in ihm selbst ist. Spart sie sich auf für die Zeit, wenn Leo auf der Arbeit ist, für die einsam verschlafenen Vormittage. Wenn er daliegt und an die drei Nächte denkt — die im Bunker und die einsame im Wald und die noch einsamere im Knast. Wenn er an Boris denkt und an das Geld und daran, dass sein Vater sein Erzeuger ist, dass es keine Ausflucht gibt aus dieser Tatsache. Wenn seine Hand immer noch weh tut und er Angst hat vor dem immer näher rückenden Tag, an dem der Gips abkommen wird. Angst davor, dass seine Finger völlig unbrauchbar sein werden, dass es doch ein irreparabler Schaden ist, dass er in den Innendienst versetzt werden wird und für den Rest seines Lebens ohne Leo am Schreibtisch versauern wird.

Manchmal ist das Loch, in das er dann rutscht, so tief, dass er seine Mutter besucht. Manchmal macht das alles nur noch schlimmer, aber manchmal, meistens sogar, macht es es besser. Manchmal erinnert es ihn daran, dass er aus mehr als nur Drecksau gemacht ist. Er trägt lieber zehntausend Mal ihre Passivität in sich, als seine sadistische Arschloch-DNA.

Seine Mutter hat jetzt einen kleinen Job in der Buchhaltung, ein paar Stunden in der Woche nur und nur, um was zu machen, hat sie ihm gesagt. Manchmal muss er ihr was ‚am Computer zeigen‘ und dann sitzen sie zusammen in ihrem neuen Altbauwohnzimmer an ihrem neuen Esstisch und schauen in ihren Laptop und sie erzählt ihm dabei Geschichten, in denen es immer darum geht, dass eine Kollegin dieses und der Chef jenes gesagt hat und auch wenn ihn das alles nicht an sich interessiert, entspannt es ihn irgendwie, ihren Alltagsnichtigkeiten zuzuhören. Bei ihr zu sein. Zeit mit ihr zu verbringen. Er hat auch sie vermisst in den fünfzehn Jahren.

Manchmal hat er wochen-, monatelang nicht an sie gedacht, hat sein Leben gelebt, wo und wie auch immer. Aber irgendwann, da hat es ihn dann immer getroffen wie aus dem Nichts. Die absurdesten Momente sind es gewesen, die abwegigsten Orte. Im Linsengang eines Supermarkts in Kuala Lumpur. Im Lärm einer holzgetäfelten Gaybar in Auckland. Auf dem Heimweg von der Abendschule durchs dunkle und verschneite Berlin. Irgendwann ist es einfach immer da gewesen. Dieses uralte, älteste, absurde Gefühl. Die Sehnsucht nach seiner Mama.

Heute hat sie aktenordnerweise Hausunterlagen angeschleppt. Irgendwas will sie wissen wegen der Steuern wegen dem Hausverkauf. Es hat sich immer noch kein Käufer gefunden, nicht mal so richtig ein Interessent. Ein oder zwei Leute sind wohl da gewesen hat sie gemeint, aber irgendwann haben sie sich dann nicht mehr gemeldet, vielleicht weil sie sie doch noch mitbekommen haben, die Gerüchte, die sich um den grauen Klotz am Waldesrand ranken. Denn irgendwie haben sie es zwar geschafft, den Fall aus der Presse rauszuhalten, aber in einem Vorort wie Scheidt macht sowas natürlich trotzdem die Runde. Und vielleicht regt es die Mythen- und Legendenbildung auch umso mehr an, desto weniger man weiß, was sich hinter den Sichtbetonmauern eigentlich genau abgespielt hat in jener Nacht.

Er ist ihr keine große Hilfe. Was weiß er schon von Immobilien oder Spekulationssteuersätzen.

»Aber du bist doch Beamter«, sagt seine Mutter.

»Ja, bei der Kriminalpolizei. Nicht beim Finanzamt, Mama«, sagt er und er glaubt fast, dass sie ein bisschen lächelt, als er das sagt, so als hätte er einen Witz gemacht. Er kann sich nicht erinnern, wann er zuletzt mit seiner Mutter über irgendetwas gelacht hat. Kann sich nicht erinnern, wann er seine Mutter zuletzt hat lachen sehen.

Er bietet ihr an, Leo zu fragen, damit der seinen Vater fragt, der muss sowas doch schließlich wissen und dann seufzt sie und nickt und schlägt die Aktenordner wieder zu.

 

Es ist ein wolkenverhangener, grauer Tag und der Regen fisselt ihm unangenehm ins Gesicht, als er die paar Straßen nach Hause läuft. Sie hat ihm angeboten, ihn zu fahren, aber eigentlich ist er froh, ein paar Schritte gehen zu können. Außerdem war sein Mama-Konto dann langsam aber sicher doch auch wieder voll. Er ist sich nicht so sicher heute, ob es ihm gut getan hat oder nicht, zu ihr zu gehen. Vielleicht wäre er besser auf dem Sofa geblieben und hätte sich durchs Nachmittagsfernsehen gezappt. Nicht wegen ihr persönlich, nein. Aber die ganze Sache mit dem Haus hat einen dunklen Fleck auf seinem Gemüt hinterlassen. Vielleicht sollten sie es lieber abreißen lassen. Damit sich irgendjemand ein normales Haus hinbauen kann. Mit einem oben und einem unten und mit geräumigen Kinderzimmern und Tapeten an den Wänden. Und ohne alte Dämonen, die wie schwarze Schatten in jeder Ecke kauern. Aber vielleicht hat die auch immer nur er gesehen.

Leo ist schon zuhause, als er zurückkommt. Er hat gute Laune, dass merkt Adam gleich, als er reinkommt. Es läuft Musik, irgendwas generisch poppiges — vielleicht Coldplay, die neueren Sachen — und in der Wohnung riecht es nach gebratenem Gemüse und kochendem Reis.

Also atmet Adam einmal tief durch und dann legt er sie ab, die Dunkelheit, verstaut sie sicher ganz tief in sich und als er dann in die Küche tritt und Leo aufhorcht und sich umdreht und ihm entgegenlächelt, da lächelt er zurück.

Chapter 21: Geburtstag

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Adam sagt nichts und Leo sagt auch nichts und deshalb sagt Adam erst recht nichts, denn es ist wohl eh am besten, den Tag einfach verstreichen zu lassen — so wie immer. Das einzig unangenehme an dieser Variante ist, dass er immer die vollkommen unbegründete und schräge Angst hat, er könne irgendwie auffliegen. Als könne man es ihm irgendwie ansehen.

 

Es ist ein ganz normaler Wochentag, ein Dienstag und als er aufwacht, ist das Bett neben ihm schon leer, Leo muss ja arbeiten. Umso besser.

Aber als er aufsteht und zur Küche schlurft, um sich Kaffee zu machen, bleibt er abrupt in der Wohnzimmertür stehen. Der Esstisch ist gedeckt und es duftet nach Kaffee und da sind Luftschlangen und vor dem Fenster eine Girlande mit bunten Buchstaben.

Für einen irren Moment fragt er sich, ob wohl noch jemand anderes Geburtstag hat, irgendjemand, der plötzlich auch hier wohnt, oder der gleich zu Besuch kommt. Weil es ihm so vollkommen ungewohnt und unbegreiflich ist, dass das für ihn sein soll.

Aber er hat keine Zeit, sich das länger zu fragen, weil er da schon Leos unverkennbare Schritte im Treppenhaus hört und dann den Schlüssel in der Tür.

»Hey«, sagt Leo als er durch die Wohnzimmertür tritt. »Du bist ja schon wach.«

Er hat eine Brötchentüte in der Hand und eine kurze Hose an und in seinen Augenwinkeln sind kleine Fältchen, weil er ihn so anstrahlt. Und Adam steht einfach nur da und guckt Leo ein bisschen verlegen und unsicher an, weil er ein bisschen überfordert ist mit der Gesamtsituation.

Aber Leo zögert nicht, geht sofort auf ihn zu, die Brötchentüte immer noch in der Hand, und nimmt ihn in den Arm.

»Alles Gute zum Geburtstag«, sagt Leo in seine Schulter und drückt ihn an sich, so richtig fest, so dass sein Bart kratzt an Adams Hals und Adam seine Wärme spürt durch Leos T-Shirt und durch sein eigenes.

»Danke«, sagt Adam ganz klein, als Leo ihn wieder loslässt und steht dann immer noch so überfordert da, dass Leo lacht.

»Was? Dachtest du, ich denk da nicht dran?«

Adam hebt die Schultern.

»Natürlich, du«, sagt Leo, grinst ihn an und stupst ihn mit der Brötchentüte ein bisschen gegen den Oberarm.

 

Es gibt alles, was man sich nur vorstellen kann. Kaffee und frisch gepressten Orangensaft, Rührei und Obstsalat, Käsespieße und Mini-Waffeln und nicht zuletzt einen runden Butterkuchen mit dreiunddreißig bunten Kerzen darauf, die Leo alle anzündet und die Adam dann so ziemlich gleich darauf wieder auspusten muss, damit das Wachs nicht auf den Kuchen läuft.

Adam hat keine Ahnung, wie früh Leo aufgestanden sein muss, um das alles vorzubereiten und er kann immer noch nicht so ganz begreifen, dass er das wirklich alles nur für ihn gemacht hat. Aber Leo lässt sich nicht beirren, schenkt ihm immer sofort nach, wenn sein Glas oder seine Tasse leer sind, schneidet ihm Brötchen auf und Kuchenstücke ab und wirkt rundum so, als müsse das alles ganz genau so sein und nicht anders.

»Ich hab auch noch was für dich«, sagt Leo irgendwann und zieht von irgendwoher neben sich ein rechteckiges, in orange-rot-gemustertes Papier verpacktes Geschenk hervor. Reicht es Adam rüber und lächelt ein so kleines Lächeln dabei, dass Adam für einen Moment wirklich schwören könnte, dass er verlegen aussieht.

»Ist nur eine Kleinigkeit«, sagt Leo, während Adam vorsichtig das Papier löst.

Aber es ist gar keine Kleinigkeit. Es ist ein Buch, ein ziemlich dickes und ziemlich schweres. Gebunden und mit einem papiernen Schutzumschlag, auf dem in der Mitte, in einem Netz aus dünnen, rechtwinkligen Linien, eine dunkle Gestalt abgebildet ist, über ihr ein lilafarbener, sichelförmiger Mond.

»Ich hoffe, du liest sowas noch«, sagt Leo. »Die in der Buchhandlung haben mir das empfohlen. Und ich dachte, du hast ja jetzt so viel Zeit…«

Adam dreht es in seiner Hand, überfliegt den Text auf der Rückseite. Es ist ein Krimi, aber in einer Fantasywelt. Hexen sollen vorkommen und Wölfe, ein geheimer magischer Zirkel. Er hat meist einen Bogen um Krimis gemacht, seit er arbeitet, aber das hier klingt tatsächlich nicht schlecht.

»Danke«, sagt er, als er das Buch beiseite legt und kommt sich ein bisschen blödsinnig dabei vor. Weil es so wenig ist im Vergleich zu allem. Er sieht Leo an, direkt in die Augen und versucht es ihm wenigstens so zu sagen, sicherzugehen, dass Leo immerhin weiß, dass er es wirklich ernst meint. Dass er wirklich dankbar ist. Für das Buch, für das alles hier.

Sie schweigen eine Weile. Trinken die letzten Schlucke aus ihren Kaffeetassen, schieben sich die letzten liegengebliebenen Mandeln vom Butterkuchen zwischen die Zähne.

»Ich hab immer an deine Geburtstage gedacht«, sagt Leo irgendwann ein wenig unvermittelt in die Stille hinein, so als müsse er das auf jeden Fall noch klarstellen und aber auch so, als ob das ja wohl selbstverständlich wäre.

Adam schaut auf, öffnet die Lippen. Ich auch an deine, will er sagen. Jedes einzelne Jahr, den ganzen Tag lang, fünfzehn Mal.

Aber er kann es gerade noch hinunterbeißen, weil was ist das für eine miese Aussage, dass er immer daran gedacht hat und sich trotzdem nie gemeldet. Also presst er nur die Lippen aufeinander und schiebt mit dem Messer ein paar Brötchenkrümel hin und her.

»Hey«, sagt Leo sanft und Adam blickt auf und sieht ihn an. »Ist okay«, sagt Leo.

Aber Adam schüttelt den Kopf. »Nee«, murmelt er. »Ist nicht okay.«

»Doch«, sagt Leo, leise aber bestimmt.

Adam zieht die Nase hoch, arrangiert die Krümel auf seinem Teller noch einmal neu.

»Aber ich hab dran gedacht«, sagt Adam jetzt doch. »Immer.«

»Okay«, sagt Leo. »Gut.«

 

Leo hat sich den ganzen Tag freigenommen und irgendwie schafft er es, Adam davon zu überzeugen, eine Rudertour auf der Saar zu machen. Nicht dass Adam an sich finden würde, dass das eine schlechte Idee ist, aber jetzt bedeutet das ja effektiv, dass er sich von Leo durch die Gegend rudern lassen wird und das, findet eine kleine Stimme in ihm, ist dann vielleicht doch ein bisschen drüber. Aber das Wetter ist schön und Leo beharrt darauf und so gibt Adam schließlich nach.

Leo rudert sie ein wenig die Saar rauf, ein gutes Stündchen oder zwei, fast bis nach Frankreich und dann mit der Strömung wieder zurück bis zum Staden, wo sie das Boot zurückgeben und Leo am Kiosk für sich selbst ein Bier und für Adam eine Apfelschorle kauft. Sie setzen sich auf die große Wiese damit, strecken die Beine aus und sehen der Saar und den weißen Wolken am blauen Himmel beim Vorbeiziehen zu. Als er seine Apfelschorle leergetrunken hatt, lässt Adam sich rücklings ins Gras sinken, verschränkt seinen gesunden Arm unter seinem Kopf und beobachtet die Schwalben, die hoch am Himmel ihre Kreise ziehen. Früher als Kind hat er sich immer gewünscht, ein Vogel zu sein. Weil er diese Vorstellung immer so schön fand und so befreiend, dass man alles von oben sehen könnte, so fernab von allem und allen. Und dass man einfach wegfliegen könnte, ganz egal wohin.

Und irgendwie ist es ja am Ende doch fast ein bisschen so gekommen, denkt er. Er ist ja weggegangen, er ist ja frei jetzt. Kann, könnte hingehen, wohin er auch will. Und trotzdem liegt er jetzt am Staden im Gras und irgendwie ist auch das okay. Vielleicht weil er sich dafür entschieden hat diesmal. Vielleicht weil Saarbrücken beginnt, etwas ganz anderes zu sein, als es früher gewesen ist. Vielleicht weil es schon jetzt etwas ganz anderes ist. Weil es nach all den Jahren vielleicht doch noch das Potenzial bekommen hat, ein zu Hause zu werden.

Auch wenn gerade alles noch so unklar ist. Auch wenn bald sein Gips abkommt und das bedeutet, dass damit sicher auch sein Welpenschutz bei Leo auslaufen wird, dass sein Bleiberecht in Leos Bett, in Leos Wohnung enden wird und er bald anfangen müssen wird, nach einer Wohnung zu suchen, wenn er nicht wieder im Hotel landen will oder am Ende alleine im Bunker, um sein königliches Erbe so richtig anzutreten.

Er spürt Leos Oberarm, der seinen streift. Auch Leo hat sich ins Gras gelegt, Adam kann seine Wärme spüren neben sich. Er schließt die Augen und erinnert sich, dass er Geburtstag hat, manchmal vergisst er es fast. Es ist immer noch ein seltsames Gefühl und er wird nicht traurig sein, wenn der Spuk am Abend wieder beendet sein wird. Aber von allen Geburtstagen, die er so hatte bisher, war das hier ganz sicher einer von den besseren. Vielleicht sogar der beste.

 

Abends, als er schon im Bett liegt und Leo noch duscht, nimmt er das Buch vom Nachttisch, beschließt mal reinzulesen ins erste Kapitel. Doch er stolpert gleich am Anfang über etwas ganz anderes. Auf dem olivgrünen Vorsatzpapier hat Leo etwas notiert. ›Zum Geburtstag für Adam von Leo‹, steht da. Und darunter: ›Schön, dass es dich gibt.‹

Chapter 22: Shira

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Am nächsten morgen schreibt ihm Shira, eine Freundin aus Berlin. Sie gratuliert ihm nachträglich und er ist gleich ein bisschen schuldbewusst, weil er sich nicht wirklich bei ihr gemeldet hat seit er weg ist — so wie er sich eigentlich bei den allerwenigsten seiner paar Freunde gemeldet hat seitdem. Nur ein oder zweimal knapp zurückgeschrieben hat er ihr, dass ja, alles gut, sie könnten ja bald mal telefonieren. Und aus dem bald ist dann nie was geworden. Also fragt er sie kurzerhand, ob sie jetzt Zeit hat.

Er erzählt ihr nichts von seinem Vater und dem Knast, weil sie das alles eh nicht weiß und er jetzt sicher nicht anfangen wird, es ihr zu erklären. Er sagt ihr nur, dass er sich bei einem blöden Unfall die Hand gebrochen hat und krankgeschrieben ist. Auch von Leo sagt er nichts zuerst, nur als sie irgendwann fragt, ob er denn schon jemand nettes kennengelernt hat, da sagt er »Vielleicht« und erschrickt ein bisschen über sich selbst, weil er das so noch nie jemandem gegenüber ausgesprochen hat.

Natürlich will sie sofort alle Einzelheiten wissen, aber er gibt ihr nur gerade so viele Infos, dass sie zufrieden ist. Zuerst zumindest. Aber dann ist es eigentlich doch ganz schön, weil er endlich mal jemandem so ganz ungeniert erzählen kann, wie schön Leo ist und wie toll und wie lustig und wie lieb. Und dann erzählt er ihr auch von ihren kleinen Blicken und Berührungen, von Leos vermuteter Eifersucht und dem ewig Ungewissen. Natürlich sagt sie ihm, dass er doch einfach mal auf ein richtiges Date gehen soll mit ihm und ihm sagen, was er will. Als ob es so einfach wäre. Aber sie kennt halt den ganzen Rest der Geschichte nicht, weiß nicht, wie scheiße kompliziert alles ist und wie fucking hoch die Stakes sind.

Denn dass dieser jemand sein bester Freund ist, den er fünfzehn Jahre lang hat sitzen lassen, nachdem der fast seinen Vater erschlagen hat, dass er außerdem sein Chef ist und der Grund, warum er überhaupt zurück nach Saarbrücken ist und dass er zu allem Überfluss auch noch seit einem Monat mit ihm in einem Bett schläft, all das sagt er ihr natürlich nicht.

Sie erzählt ihm dann auch von ihrem Beziehungskram. Von miserablen Dates und ihrer letzten kurzen Beziehung, aus der dann auch wieder nichts geworden ist. Und bei ihr klingt es alles total einfach und unkompliziert. Aber es sind ja auch nur irgendwelche fremden Leute von Tinder oder Bumble, die sie da verbrät, nicht der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Und es ist ja auch nicht so, als hätte Adam sowas nicht auch schon durch, als hätte er noch nie gedatet. Aber bei Leo ist eben alles anders. Leo ist halt nicht irgendwer, mit dem man mal auf ein Date geht und dann weiterschaut. Leo ist doch schon so fest und untrennbar mit seinem Leben verwoben. Leo ist doch schon sein Leo. Ist doch auch schon so sehr sein Leo, dass es gar nicht mehr mehr wäre, wenn er auch mit ihm zusammen wäre, dass es gar nicht so wäre, also ob die Liebe dann irgendwie noch stärker wäre. Nein, es wäre nur anders. Aber was ist daran schon ›nur‹? Und außerdem, auch wenn es nicht mehr wäre und ›nur‹ anders, so ist es doch so, wie es jetzt ist, trotzdem nicht genug — ein Oxymoron, das ihm den Kopf zerbricht, in die Verzweiflung treibt. Warum, warum nur kann es nicht genug sein?

Vielleicht hat sie das am Ende irgendwie doch rausgehört, dass das nicht irgendwer ist, in den er da verliebt ist — auch das hat er ihr so natürlich nicht gesagt, dass er verliebt ist, aber sie ist eben vielleicht auch nicht bescheuert. Jedenfalls fragt sie ihn irgendwann, ob er denn warten will, bis da jemand anderes kommt.

Der Gedanke hat ihn auch schon umgetrieben. Dass jemand anderes kommen könnte. Jemand anderes, der nicht so zögerlich ist. Und überhaupt, wie Leo das wohl eigentlich findet, hat Adam sich gefragt, dass er die ganze Zeit sein Bett blockiert. An die Packung Kondome in Leos Nachtschränkchen muss er manchmal denken und ob Leo die wohl mit irgendwem benutzen würde, wenn Adam nicht wäre.

Aber nein, meint sie dann, als er irgendetwas in der Richtung sagt. Ihn meint sie doch, Adam. Dass für ihn jemand anderes kommt. Weil früher oder später, da wird da doch schon auch noch jemand anderes sein und mit dem wird es nicht so kompliziert sein — was auch immer jetzt gerade so kompliziert ist. Und schwupps wird es da klappen. Mit jemand anderem.

Und das ist ein Gedanke, der Adam wirklich noch nie gekommen ist. Dass er sich in jemand anderen verlieben könnte. Dass es plötzlich mit jemand anderem klappen könnte. Zumal er bisher wirklich kein gutes Händchen für Beziehungen hatte, nur ein, zwei halbgare toxische Reinfälle hat er abgegriffen. Die Vorstellung, dass ihm jetzt plötzlich der Traummann über den Weg laufen soll, der nicht Leo ist, ist absurd. Und trotzdem hat er plötzlich Angst, Shira könnte Recht haben.

Er will nicht, dass jemand anderes kommt. Er will nicht, dass es mit jemand anderem einfach ist, nur weil er sich bei Leo nicht getraut hat.

Er will niemand anderen, mit dem alles einfach und klar ist. Er will Leo. Er will doch Leo. Verdammt.

Chapter 23: Froschkönig

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»Sie hat ihn einäschern lassen. Und anonym bestatten.« Die Worte fallen einfach aus ihm raus. Er hat Leo im Büro angerufen, also über seine Durchwahl. Warum, weiß er selbst nicht so genau, aber er konnte wohl vor Aufregung gar nicht richtig denken. Aber jedenfalls ist Leo mit seinem ganzen kleinen Satz ans Telefon gegangen: »Kriminalpolizei Saarbrücken, Erste Mordkommission, Hölzer am Apparat, Guten Tag« und Adam hat dann einfach sofort das gesagt: »Sie hat ihn einäschern lassen. Und anonym bestatten.«

Und eine ganz kleine Pause macht Leo, vielleicht um sicherzugehen, dass das nicht doch ein kryptischer Hinweis zu irgendeinem Fall ist, der da gerade reinkommt — wenn nicht gar ein ganz neuer Fall. Aber dann hört Adam ihn scharf einatmen. Wieder ausatmen. Und dann sagt Leo einfach nur Adams Namen. Und da ist ein Lächeln in seiner Stimme und Adam liebt ihn so sehr dafür, dass er sofort weiß, was Adam ihm damit sagen wollte. Dass er nicht mehr in der Welt ist. Dass er jetzt wirklich, wirklich nicht mehr in der Welt ist. Auch seine leere Hülle nicht.

Ganz ruhig und sachlich hat seine Mutter geklungen am Telefon. »Nur dass du Bescheid weißt«, hat sie gesagt und dann haben sie für eine Moment geschwiegen, aber irgendwie hat Adam trotzdem hören können, dass auch sie erleichtert gewesen ist und er hat fast ein bisschen bedauert, dass sie nur angerufen hat, weil er sie gerne in den Arm genommen hätte.

Er erzählt Leo davon, von dem Gespräch mit ihr, erzählt ihm auch die ganzen restlichen Einzelheiten und irgendwie, weil das eine zum anderen führt, reden sie dann auch über die Nacht, was sie noch überhaupt nicht gemacht haben bisher. Jedenfalls nicht so, nicht so direkt. Und es tut so unfassbar gut, merkt Adam, darüber zu reden. Endlich wirklich darüber zu reden. Vielleicht auch, weil sie es auf eine so undramatische und so gelöste und fast schon lustige Art und Weise tun. Ohne den dunklen Schatten und ohne das dumpfe Gewicht, sondern in vollkommener Anerkennung der Absurdität von allem. Weil es zwar alles furchtbar war und absolut grausam, ihn stundenlang vor den eigenen Augen krepieren zu sehen wie ein Tier, ohne sich selbst bewegen zu können, gefangen wie damals Schrank, ausgeliefert und machtlos wie immer, weil es aber gleichzeitig auch so grotesk und absolut bizarr war. Und niemand könnte diese Dualität und das Wahrsein von beidem so sehr verstehen wie Leo. Mit niemandem könnte er über all das lachen, als nur mit Leo. Und irgendwie lachen sie dann auch über den Spaten und über überhaupt alles und steigern sich so sehr rein, dass das Gespräch dann am Ende nochmal eine ganz neue Wendung nimmt. Weil Leo nämlich irgendwann, begleitet von einem seiner albernen Lachanfälle, sagt, dass Adam ja immerhin froh sein könne, dass sein Vater ihn nur vergiftet und nicht gleich in einen Frosch verwandelt habe. Und darauf hört Adam sich dann fragen, was Leo dann denn wohl gemacht hätte, um ihn zu retten und er legt einen Tonfall in diese Frage, die keinen Zweifel darüber lässt, worauf er hinauswill und dann drucksen sie beide nur rum und alles wird glucksig und noch alberner als vorher, ohne dass einer von beiden es wagt, wirklich etwas auszusprechen, wirklich etwas zu sagen. Sie tänzeln nur umeinander herum und Adam wird es unwahrscheinlich warm in der Magengrube und am liebsten hätte er, dass sie das immer so weiter machen. Weil er ein so blödes Grinsen im Gesicht hat, das er, und wenn er alle Muskelkraft aufwenden würde, da jetzt gerade nicht wegbekommen würde und weil er das gleiche Grinsen in Leos Stimme hört und weil sein ganzer Körper so voller Endorphine und Serotonin ist, dass er am liebsten in den Hörer zu Leo kriechen würde und für immer da bleiben, in ihrem seltsamen Limbo.

Aber irgendwann endet es dann leider doch, weil irgendwann Esther Leo auf dem Handy anruft und ihn fragt, wieso denn seit zwei Stunden die Festnetzleitung belegt ist, ob sich endlich ein Zeuge auf ihre Öffentlichkeitsfahndung gemeldet hat und dann druckst Leo nur rum und sagt »Oh, nee, Hörer daneben gelegt, sorry« und dann hört Adam nur noch Leo, der »Sorry, ich muss Schluss machen, bis später« in den Hörer flüstert und dann ist das Gespräch beendet.

Und für einen Moment lauscht Adam noch seinem nun schweigenden Telefon, der Stille um sich her. Lässt es dann sinken und schafft es irgendwie, dass ihm das alles diesmal rückwirkend nicht peinlich ist. Obwohl es doch alles so unglaublich albern und enthüllend und wahr war. Aber er kann nichts anderes tun, als sich mitten im Wohnzimmer rücklings auf den Fußboden sinken zu lassen, das Handy auf seine Brust zu legen und zu grinsen wie der allerletzte Idiot.

 

Sie reden abends noch ein bisschen weiter, aber nicht mehr über Froschverwandlungen und derlei. Es ist alles etwas geerdeter, nicht mehr ganz so albern, nicht mehr ganz so waghalsig. Sie sind zurück auf sicherem Boden, auf ebenem Terrain.

Nur später, als sie im Bett liegen, als Adam gerade fast schon eingeschlafen ist, da spürt er plötzlich, wie sich ein Fuß von Leos Bettdecke unter seine schiebt und sich dann in einer sanften, vorsichtigen Bewegung um seinen Fuß hakt. Einfach nur das, nichts weiter. Für einen Moment hält Adam den Atem an, lauscht in die Dunkelheit, ob da noch etwas kommt. Aber nichts rührt sich mehr. Kein Laut kommt von Leo. Da ist einfach nur Leos Fuß, der sich um seinen geschlungen hat. Und Adam drückt seinen ein ganz kleines bisschen gegen Leos, rollt ein wenig die Zehen ein, sodass sie über Leos Fußrücken streichen und genau so, Fuß um Fuß, schlafen sie dann ein.

Chapter 24: Gips ab

Chapter Text

Es ist ein ekeliges Gefühl. Das Vibrieren, das Kitzeln unter dem Gips, das kreischende Geräusch der kleinen Kreissäge und dann schließlich nach fünf Wochen das erste Mal Luft auf seiner Haut. Sie ist blass und auf eine seltsame Weise glatt und rau zugleich und an den Fingerknöcheln immer noch blau-grün verfärbt. Seine Armhärchen sind ungewöhnlich dunkel und kleben ihm feucht vom Schweiß auf der Haut. Vorsichtig dreht er ein wenig das Handgelenk, versucht die steifen Finger zu bewegen. Es fühlt sich seltsam und falsch an, nackt und unbeholfen. Und es tut weh. Die Finger, die ganze Hand. Ein zäher, dumpfer Schmerz.

»Ist ein komisches Gefühl, oder?«, fragt die Arzthelferin routiniert verständnisvoll, die kleine Kreissäge hält sie immer noch in der Hand.

»Joa, bisschen«, sagt Adam schnell und lässt den Arm sinken, versucht ihn lässig an der Seite runterhängen zu lassen, weiß aber überhaupt nicht, was er mit ihm machen soll und hält ihn dann da wie einen Fremdkörper und hofft, dass ihr das nicht auffällt.

Er hat den Termin extra so gelegt, dass Leo arbeiten musste diesmal. Weil die Zeiten, wo Leo ihn wie ein kleines Kind zum Arzt begleitet hat, jetzt wohl langsam mal vorbei sind. Der Orthopäde guckt noch mal drüber und drückt ihm dann nur die Überweisung zur Physiotherapie in die Hand und sagt ihm, dass er einfach versuchen soll, den Arm vorsichtig so normal wie möglich zu benutzen. Aber Adam trägt ihn nach Hause wie einen nutzlosen Gegenstand.

Als erstes hält er ihn unter den Wasserhahn — ein ziemlich großartiges Gefühl. Er genießt die Kälte, das Gefühl des Wassers auf seiner Haut. Schrubbt all den alten Schweiß und die abgestorbenen Hautschuppen herunter. Trocknet ihn dann vorsichtig ab, setzt sich auf den Rand der Badewanne und versucht es noch mal mit dem Bewegen. Aber seine Finger sind steif und jeder Versuch, sie mehr als ein ganz kleines bisschen zu krümmen oder ganz gerade auszustrecken, scheitert und tut wahnsinnig weh. Auch sein Handgelenk bekommt er nur ein paar Millimeter bewegt und der Schmerz zieht ihm dabei den ganzen Arm hoch. Er seufzt und fährt sich mit der funktionstüchtigen Hand durchs Gesicht. Sieht vor seinem inneren Auge schon den Innendienst an sich vorbei ziehen.

Leo schreibt ihm und fragt, wie es gelaufen ist, aber Adam antwortet nicht. Was soll er schon sagen dazu. Und als Leo abends nach Hause kommt, da lässt Adam ihn seine Hand inspizieren und sich von ihm sagen, dass es doch ganz gut aussieht und bestimmt bald wird und nickt dann nur und sagt Leo nichts vom Innendienst.

Chapter 25: L++

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Nach dem ersten Termin bei der Physio fühlt er sich so beschissen, dass er auf dem Nachhauseweg bei dm vorbeigeht. Wenn seine Hand auch zu sonst nichts mehr zu gebrauchen ist, dann doch vielleicht wenigstens dazu, sich endlich die Haare neu zu blondieren. Er hat Ansätze aus der Hölle und ja eh nichts besseres zu tun.

Es ist immer noch ein bisschen umständlich alles, seine Hand ist immer noch weitestgehend nutzlos, schafft es kaum, die kleine Plastiktube zu halten, weil seine Finger so wenig Kraft haben. Dabei haben sie heute die Hälfte der Zeit Greifen geübt. Finger einklappen, Finger ausklappen, Finger einklappen, Finger ausklappen. Einen kleinen weichen Ball halten, drücken, loslassen. Mit dem Daumen zum kleinen Finger, zum Ringfinger, zum Mittelfinger, zum Zeigefinger und wieder von vorne. Banale, blödsinnige Übungen, an denen er trotzdem fast verzweifelt ist. Und er hat noch einen ganzen DIN-A4-Zettel voll von ihnen mitbekommen, jede erläutert durch eine kleine Zeichnung. ›Hausaufgaben‹, hat der Physiotherapeut das genannt, in seiner etwas schulmeisterhaften Art und Weise. Auf Anfang sechzig hätte Adam ihn geschätzt, bald reif für den Ruhestand. Aber er hat trotzdem gewirkt, als wisse er, was er tue. Hatte ein kleines Handmodell da mit allen Sehnen und Muskeln und hat ihm erklärt, wie alles zusammenhängt, wofür die Übungen gut sind. Aber Adams Stimmung hat er trotzdem nicht vermocht zu heben. Zu wenig Fortschritt war da — und zu viel Schmerz.

Er hat das Fenster auf Kipp gemacht, aber der beißende Geruch hat sich mittlerweile trotzdem im ganzen Bad verteilt. Die Fliesen unter seinen nackten Füßen sind kalt. Er hat Leos flauschigen Badteppich durch die Tür in den Flur geschoben, hat T-Shirt, Jeans und Socken ausgezogen, damit keine Flecken darauf kommen. Das Färbemittel brennt auf seiner Kopfhaut, eine, zwei Minuten hält er es noch aus, dann entscheidet er, dass es jetzt reicht. Zieht auch die Unterhose noch aus und stellt sich dann unter die Dusche. Immerhin das geht ja jetzt wieder einfach so.

 

»Oh«, macht Leo, als er abends aus dem Wohnungsflur ins Wohnzimmer tritt.

Adam sitzt, liegt halb auf dem Sofa, liest in dem Buch, das Leo ihm geschenkt hat, das erste Drittel hat er schon durch. Er blickt auf und sieht Leo an.

»Was?«, fragt er.

»Deine Haare«, sagt Leo. Es ist eine Feststellung, aber irgendwo ganz tief unten, glaubt Adam, klingt auch etwas anderes daraus. Sowas wie ein Vorwurf. Oder Enttäuschung.

»Ach so«, sagt er langsam, weiß Leos Reaktion nicht so richtig einzuordnen. »Ja. Die mussten mal wieder…«

Leo nickt langsam, presst die Lippen aufeinander. Er hat einen Stapel Post in der Hand, den er offenbar aus dem Briefkasten mit hochgebracht hat und den er jetzt etwas abwesend von einer Hand in die andere schiebt. Adam richtet sich ein wenig auf, macht dann ein Eselsohr, schlägt das Buch zu und legt es in seinen Schoß.

»Was?«, fragt er – noch einmal. Doch diesmal hat auch er noch etwas hineingelegt in seinen Tonfall. Vielleicht so etwas wie Trotz.

»Nee, nichts«, sagt Leo schnell. Er hat bis eben immer noch im Türrahmen gestanden, aber jetzt geht er in Richtung Küche, legt den Poststapel auf der Kücheninsel ab. Einen Moment lang sagt keiner von beiden etwas. Adam sieht nur Leo an, der mit dem Rücken zu ihm angestrengt die Post durchsieht und wohl merkt, dass Adam ihn immer noch ansieht. »War doch gut so. Vorher«, sagt er nämlich schließlich in Richtung Poststapel.

»Der Ansatz?!«, fragt Adam ihn ungläubig.

Leo dreht sich wieder zu ihm um, ohne ihn aber direkt anzusehen und hebt die Schultern. »Nee. Also ja«, beginnt er mit stolpernden Worten. »Ich weiß nicht. Ich mein ja nur, dass es gut war. Also schön. Also...«

Das Licht im Wohnzimmer ist dämmrig, nur die Stehlampe neben dem Sofa ist eingeschaltet, und trotzdem könnte Adam schwören, dass Leo bei den letzten Worten ein bisschen rot geworden ist. Aha, denkt Adam sich, schüttelt fast unmerklich den Kopf und verkneift sich gerade so ein kleines Grinsen.

»Und jetzt ist es nicht mehr gut?«, fragt er dann bewusst herausfordernd.

»Doch, natürlich...«, sagt Leo sofort und wird vielleicht noch ein bisschen röter.

»Aber vorher war besser?«

Leo sieht jetzt auf, sieht Adam direkt an, spannt die Schultern. »Ich meine nur«, beginnt er dann, »ich mag das, wenn du einen Ansatz hast. Das sieht schön aus.«

Es ist vollkommen absurd, wie er das sagt. In welchem Widerspruch die Worte zu dem stehen, wie er sie sagt. Wie sachlich und beherrscht er klingt und wie er dabei die Hände vor die Brust hält, so als wolle er einen wichtigen Sachverhalt erklären.

»Aha?«, sagt Adam nur und kann diesmal nicht verhindern, dass sich ihm ein blödes Grinsen ins Gesicht schleicht. »Aber du weißt schon, dass der Ansatz nur da ist, wenn man sich vorher irgendwann die Haare gefärbt hat, oder?«

Leo schließt die Augen, verzieht den Mund zu einem Grinsen. »Ja, natürlich«, sagt er dann leise.

»Dann ist ja gut«, sagt Adam und sieht Leo noch einen Moment lang an. Dann lehnt er sich wieder zurück, nimmt das Buch aus seinem Schoß und schlägt es wieder auf. Er senkt den Blick hinein, ohne aber auch nur ein einziges Wort zu lesen. Er kann Leos Blick immer noch auf sich spüren, er brennt sich ihm in die Brust, von wo aus auch ihm jetzt die Hitze ins Gesicht steigt. Irgendwann bald wird Leo sicher auch wieder einfallen, dass er heute Physio hatte und dann wird er ihn fragen, wie es war und Adam wird nicht umhin kommen, ihm den Hausaufgabenzettel zu zeigen und dann wird Leo darauf bestehen, dass er noch seine Übungen macht. Aber für eine Weile möchte er diesen absurden kleinen Moment noch auskosten. Was auch immer hier gerade passiert.

Aus dem Augenwinkel sieht er, wie Leo wieder den blöden Poststapel nimmt, sich damit in Richtung Tür wendet, um ihn ins Arbeitszimmer zu bringen. Doch kurz vor der Tür bleibt er noch einmal stehen.

»Adam?«, sagt er und Adam sieht auf. Und Leo sieht ihn an mit dem weichsten und ehrlichsten Blick und sagt dann, bevor er sich dann, ohne noch eine Reaktion oder Antwort abzuwarten, umdreht und wirklich in Richtung Arbeitszimmer verschwindet: »So ist auch schön. Ist beides schön. Du..., also, du bist eigentlich immer schön.«

Notes:

(Mein Baby war beim Frisör playing faintly in the background bzw. Grüße an die ehemalige SchülerVZ-Gruppe "Jungs gehen immer dann zum Friseur, wenn es gerade gut aussieht")

Chapter 26: Paralysiert

Chapter Text

Er wacht auf und er merkt es gleich, dass noch jemand anderes im Raum ist. Jemand anderes außer Leo. Er will die Augen öffnen, schafft es aber nur einen Spalt breit. Doch es reicht, um zu sehen, dass es er ist. Und er weiß nicht warum, aber es wundert ihn noch nicht mal, überrascht ihn nicht. Vielleicht weil er aussieht wie immer, so wie vorher, vor seinem Tod. Er steht am Fuß seines Bettes und sieht ihn an. Hat bemerkt, dass er aufgewacht ist jetzt, kommt rüber gehumpelt zu ihm, rüber ans Kopfende.

»Na, Junge«, sagt er und in seiner zähen Stimme liegt etwas zuckersüß-gehässiges. Adam will zurückweichen vor ihm, will Leo wecken, ihn warnen. Aber seine Beine, seine Arme, sein Körper reagieren nicht. Er kann sich nicht bewegen. Er versucht zu reden, zu schreien, doch es kommt kein Ton aus seiner Kehle, nicht einmal die Lippen vermag er zu öffnen. Das Froschgift. Er hat es wieder getan. Er spürt seine kalte Hand jetzt in seinem Gesicht. Seine Fingerspitzen graben sich in seine Wange, dann packt er sie zwischen Daumen und Zeigefinger, presst die Haut zusammen, dreht sie, bis es wehtut.

»Diesmal krieg ich dich«, sagt er leise und lacht. »Diesmal war ich schlauer. Diesmal hab ich dich durchschaut. Worum es dir eigentlich geht. Um deinen kleinen Freund geht es dir. Ging es dir immer, nicht wahr? Um Leo? Leo Hölzer?«

Er lacht noch einmal auf und lässt dann seine Wange los. Dreht sich um und humpelt zurück, in Richtung Schrank  — und erst dann sieht Adam es. Da ist Leo und er... Nein, nein, nein, denkt Adam, als sein Herz beginnt zu rasen, etwas in seiner Kehle ihm die Luft abschnürt. Er hat Leo. Er sieht es auch aus dem Augenwinkel jetzt, dass Leos Seite des Betts leer ist. Panik steigt in ihm auf wie eine eisige, tödliche Kälte, während er noch einmal vergeblich versucht, sich zu bewegen. Wenigstens bloß zu treten, sich aufzurichten, etwas zu sagen, um Hilfe zu schreien, aber es geht nicht. Egal wieviel Willenskraft er aufwendet, es geht nicht. Starr und schwer wie Blei liegt er da und kann sich nicht rühren. Er sieht zu Leo, versucht Augenkontakt mit ihm aufzubauen, wenigstens irgendwie mit Blicken mit ihm zu kommunizieren. Aber Leo hat die Augen gesenkt und schaut nicht auf. Und er muss ihm doch helfen, er kann doch nicht zulassen, dass... Er kann doch nicht zusehen, wie... Er will seinen Namen sagen, will ihn rufen, doch es kommt nur ein rasselndes Röcheln aus seinem Hals. Warum nur sieht Leo ihn nicht an? Er will ihm doch nur begreiflich machen, dass er sich nicht bewegen kann. Dass er doch will, aber nicht kann. Dass er ihm doch helfen will.

Fieberhaft rasen seine Gedanken, suchen nach einer Lösung, einer Rettung, einem Ausweg. Er denkt an Leos Waffe, aber die ist in dem kleinen Safe im Kleiderschrank, wie sollte er da jetzt dran kommen. Und außerdem kann er ja nicht mal sein Handy erreichen, das auf seinem Nachttisch liegt, weil sein Körper immer noch auf keinen seiner Befehle reagiert, nur versteinert daliegt. Er kann nichts tun, kann nur zusehen, wie sein Vater noch einen weiteren, schwerfälligen Schritt auf Leo zumacht und—

 

Leo steht am Fenster, unversehrt. Macht die Jalousien hoch. Tageslicht fällt ins Zimmer. Vielleicht hat er bemerkt, dass Adam ihn angestarrt hat, denn er dreht den Kopf und sieht ihn an.

»Was ist denn mit dir los? Hast du geträumt?«, fragt er.

Adam will den Kopf schütteln, will nicken — hat er geträumt? Er weiß es nicht. Ich weiß es nicht, will er sagen. Doch seine Stimmbänder gehorchen ihm noch immer nicht, seine Lippen öffnen sich noch immer nicht. Auch seine Glieder sind immer noch starr, nicht einen einzigen Finger schafft er zu bewegen. Also versucht er es diesmal mit einem Blick, sieht Leo flehend an, damit er begreift, dass er doch nur nichts sagt, weil er nicht kann. Aber Leo sieht ihn nur schief an mit gerunzelter Stirn und dann lacht er und schüttelt den Kopf und dreht sich um und geht. Und Adam will ihm hinterherrufen, will — wieder — seinen Namen rufen, legt all seine Konzentration, all seine Kraft nur darauf, auf seinen Namen, weil er doch nur will, dass er zurückkommt, dass er versteht. Aber Leo ist weg und aus seiner Kehle kommt kein Ton.

 

Eine warme Hand rüttelt ihn sanft an der Schulter.

»Hey«, sagt Leos Stimme. »Hey. Adam.«

Adam schlägt die Augen auf. Starrt einen Moment an die Decke, weiß nicht so richtig, wie er hierhergekommen ist, in diesen Moment. Er merkt, dass er sich bewegen kann und greift unwillkürlich an seine Wange, da wo sein Vater ihn gekniffen hat. Seine Haut ist kalt und schweißnass und doch glaubt er, die Berührung immer noch dort zu spüren.

»Ist er weg?«, fragt er dann mit dünner Stimme.

»Ist wer weg?«, fragt Leo.

»Mein Vater.«

Leo antwortet nicht gleich.

»Er war doch hier, oder?«

Leo zögert kurz, seine Hand liegt immer noch auf seiner Schulter. Er drückt sie ein wenig. »Adam, du hast nur geträumt«, sagt er leise. »Dein Vater ist tot. Alles ist gut.«

»Aber...«, beginnt Adam. »Er war... und du… Und er wollte… Und ich, ich konnte mich nicht bewegen und eben, als du die Jalousien hoch gemacht hast—«

Leo schüttelt den Kopf. »Ich hab die Jalousien nicht hochgemacht, Adam«, sagt er. »Ich bin eben erst aufgewacht.«

»Doch«, sagt Adam bestimmt. »Du bist eben aufgestanden und du hast gefragt, ob—«

»Nein, Adam, nein«, sagt Leo ruhig, aber bestimmt. »Es ist mitten in der Nacht.«

Es stimmt, fällt Adam auf. Es ist stockdunkel draußen. Licht kommt nur von Leos eingeschalteter Nachttischlampe.

»Ich hab geschlafen«, fährt Leo fort, »bis ich aufgewacht bin, weil du so panisch geatmet hast.«

Adam sieht Leo einen Moment lang an. »Aber... ich... es war...«, stammelt er dann, während er vergeblich versucht, sich einen Reim auf das alles hier zu machen. »Ich versteh gar nichts«, sagt er schließlich leise.

Leos Hand, die bis eben immer noch auf seiner Schulter gelegen hat, wandert jetzt in seine Haare. Streicht ihm eine schweißfeuchte Strähne aus der Stirn.

»Du hast nur geschlafen, Adam«, sagt Leo dann. »Geträumt. Und jetzt bist du wach und alles ist gut. Du bist bei mir. Robin war gestern bei uns und wir waren auf dem Spielplatz und dann hat es angefangen zu regnen und dann sind wir Pizza essen gegangen und dann war ich noch beim Handball und morgen ist Fronleichnam und wenn alles gut geht hab ich frei und... Es ist alles gut, Adam. Es ist alles gut.«

Und als die Erinnerungen wiederkommen, der Moment, in dem er sich befindet, allmählich wieder Konturen bekommt, da beginnt er langsam, es zu glauben, beginnt er langsam zu verstehen, dass es wirklich — alles — nur ein Traum gewesen ist.

»Sorry, ich...«, beginnt er mit schwerer Stimme. »Es war alles so echt. Und so... so...«

»Hey«, sagt Leo. »Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen, das ist doch...« Er legt den Kopf schief, gräbt seine Finger noch etwas tiefer in Adams Haare. Sieht ihn an mit einem weichen, aber auch ein wenig sorgenvollen Blick, streicht mit dem Daumen über seine Kopfhaut. Dann zieht er langsam seine Hand zurück, stützt seinen Kopf darauf ab. Sieht Adam noch einen Moment lang an und löst dann seinen Blick, verliert ihn irgendwo im Unbestimmten zwischen ihnen. Eine kleine Falte schleicht sich zwischen seine Augenbrauen. »Ich hab auch manchmal noch Albträume«, sagt er dann schließlich leise. Es soll wohl etwas Trostspendendes sein, etwas das Adam zeigt, dass er nicht allein ist, dass das nichts ist, für das er sich zu entschuldigen braucht. Aber er sagt es wie ein Geständnis.

Adam schweigt einen Moment, muss Leos Worte ein bisschen drehen und wenden in seinem Kopf, bis er sich sicher ist, dass er sie richtig verstanden hat. »Noch?«, fragt er schließlich.

Leo nickt. Sieht jetzt wieder auf zu ihm. »Manchmal«, sagt er. »Nicht mehr so oft. Nicht so wie vorher, früher...«

»Aber da schon? Vorher?«

Leo nickt noch einmal.

»Von...?«

»Ja«, sagt er leise.

Adam weiß einen langen Moment nicht, was er sagen soll. »Das tut mir leid«, sagt er schließlich. »Dass du... ich...«

»Da kannst du doch nichts dafür«, unterbricht ihn Leo.

Adam zieht die Schultern ein wenig hoch. »Aber...«, beginnt er. »Es war doch alles wegen mir.«

Leo schüttelt den Kopf. »Nein, es war alles wegen ihm.«

Adam legt den Kopf schief und verzieht ein wenig den Mundwinkel. Technicality, denk er.

Sie schweigen einen Moment. Adam dreht sich ein wenig auf die Seite, schiebt das Kopfkissen unter sich zurecht, legt dann seinen Kopf wieder hinein, betrachtet Leo einen Moment lang. Er sieht ganz verschlafen aus und weich. Auf der einen Wange ist er sich fast sicher, noch Kissenabrücke zu erkennen. Er lässt seinen Blick runterwandern, über seine Schulter, über den Stoff des weißen T-Shirts, der sich über seinem Bizeps spannt, über die gebräunte Haut, die darunter hervorkommt, über die kleinen Fältchen, die sie in seiner Armbeuge wirft, bis hin zu den dunklen Haaren auf seinem Unterarm. Er streckt einen Finger aus und legt ihn dorthin, fährt langsam über die warme Haut, die weichen Haare, über das kleine Muttermal.

»Aber warum sagst du denn nichts?«, sagt er dann leise, ohne seinen Blick von seinem Finger zu lösen, der immer noch langsam über Leos Unterarm streicht.

Er hört Leo ausatmen. »Was soll ich denn sagen? Du hast doch genug eigene Probleme.«

Adam sieht auf. »Aber das gehört doch alles zusammen«, sagt er und seufzt leise. »Leo, du darfst auch mal loslassen. Du musst das nicht immer alles... ich...« Er stockt. Weiß nicht, was er sagen soll. Denn dass er das schon schafft, das stimmt ja nicht. Sonst läge er nicht hier in Leos Bett, würde er sich nicht von Leo bemuttern lassen müssen, aus seinen Albträumen aufwecken lassen und an seiner Schulter ausheulen und überhaupt würde er dann immer noch im Knast versauern und Onkel Boris hätte ihm vielleicht auch noch alle seine restlichen Knochen gebrochen mittlerweile. »Tut mir leid«, sagt er noch einmal. »Ich weiß auch nicht... Das muss doch irgendwann mal aufhören alles. Es ist doch vorbei jetzt. Es muss doch vorbei sein.« Ich muss doch endlich wieder funktionieren, denkt er. Sagt es nicht. Aber vielleicht hört Leo es trotzdem.

Leo seufzt. »Das ist doch alles noch so frisch«, sagt er. »So schnell geht das nicht. Du brauchst... Wir brauchen einfach noch ein bisschen Zeit.« Er macht eine kleine Pause. Mustert Adam mit einem sanften Blick. »Gib uns Zeit«, sagt er leise. »Dann schaffen wir das schon.«

Adam atmet tief durch, versucht Leo zu glauben, will ihm glauben. Es klingt so einfach, so wie er das sagt. Und weil er uns sagt und wir, klingt es auch fast wie etwas gutes. Wie etwas schönes. Es zu schaffen. Irgendwann. Zusammen.

 »Und die wird auch wieder«, sagt Leo dann mit einem Blick auf Adams Hand. »Komm mal her«, sagt er leise und nimmt sie ganz behutsam, schiebt seine Finger zwischen Adams. Lässt seinen Daumen über Adams Handrücken gleiten. Die Hand ist immer noch rau, die Knöchel immer noch gelb, das Handgelenk immer noch schmal.

»Ist doch schon viel besser geworden«, sagt Leo und wie zum Beweis krümmt Adam langsam seine Finger, legt sie hinein in ihre Berührung, bis ihre Spitzen Leos Handrücken berühren. »Siehst du«, sagt Leo.

Seine Hand ist fest und warm und in seinen Fingerspitzen, die sich in Adams Handrücken graben, spürt er Leos Herzschlag pochen.

Er löst den Blick von ihren Händen, sucht Leos Augen, die ganz weich sind und liebevoll. Und dann ist das, worüber er sich seit Wochen den Kopf zerbrochen hat, auf einmal so einfach. So klar. So selbstverständlich. Dann sind die paar Zentimeter zwischen ihnen auf einmal so schnell überbrückt. Ohne dass er überhaupt merkt wie. Auf einmal hat er ihn einfach geküsst. Mitten auf den Mund.

Und Leo küsst ihn zurück. Ist ihm auch noch ein Stück entgegengekommen. Löst seine Hand jetzt aus Adams, legt sie an sein Gesicht stattdessen und dann ist sie da, an seinem Gesicht, groß und fest, so groß, dass sein eigener Kopf Adam ganz klein vorkommt in ihr. Leos Daumen gräbt sich in seine Haut, zärtlich und fest zugleich. Und ihre Nasen drängen sich gegeneinander, ihre Lippen pressen sich aneinander, ineinander, streifen über kratzige Barthaare, suchen und finden sich immer und immer wieder, bis sie sich irgendwann, nach einer kleinen Ewigkeit, ganz sachte voneinander lösen. Und dann treffen sich ihre Blicke und dann müssen sie beide lachen — vor lauter Glück und vor lauter Wahnsinn — und dann küssen sie sich gleich nochmal. Und nochmal. Und nochmal.

Chapter 27: Fast alles

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Adam hat seine Beine längs über das Sofa ausgestreckt, hat den Rücken gegen Leos Brust gelehnt und hält seinen linken Arm etwas ungeschickt über dem Kopf, denn Leo hat mal wieder seine Hand in Beschlag genommen. Behutsam hält er sie in beiden Händen und bewegt vorsichtig Adams Finger, einen nach dem anderen, klappt jedes Gelenk aus und wieder ein, dehnt und streckt sie ein wenig, massiert den Handrücken, den Handballen. Es ist eine der Übungen von Adams Hausaufgabenzettel und seit Leo diese Hausaufgaben in so etwas wie erweitertes Händchenhalten verwandelt hat, macht Adam sie sogar gerne. Sehr, sehr gerne.

Leos Finger streichen noch einmal über seine Haut, umfassen dann die ganze Hand, heben sie ein Stückchen an und dann — dann sind da Leos Lippen. Auf jedes seiner zwölf Fingerglieder drückt Leo einen ganz zarten, federweichen Kuss und Adam presst die Lippen aufeinander, weil er so grinsen muss und weil ihm die Hitze ins Gesicht steigt und auch, damit er nicht aus Versehen ein peinliches Geräusch von sich gibt.

»Das steht aber nicht auf dem Übungszettel«, sagt er stattdessen, als Leo schließlich fertig ist, auch auf den Daumen noch einen Kuss gedrückt hat.

»Ach, ich wollte nur sicher gehen«, sagt Leo und Adam kann das kleine Lächeln hören in seiner Stimme.

»Mhm«, macht Adam, lächelt in sich hinein und drückt sich noch etwas fester in Leos Brust, lässt den Kopf gegen seinen Hals sinken.

Es ist Freitagabend und Leo ist endlich, endlich nach Hause gekommen, ist endlich wieder hier bei ihm. Denn zwar hat Leos Handy — fast so, als hätte es das Universum gut mit ihnen gemeint — gestern am Feiertag tatsächlich nicht ein einziges Mal geklingelt und sie hatten Zeit, ganz viel Zeit, um zu kuscheln und zu knutschen und sich einzufinden in diese so ganz neue Realität. Aber heute musste Leo wieder los und natürlich ist es danm gleich ein langer Tag geworden, so lang, dass Adam fast schon erwartet hat, dass Leo es gar nicht mehr nach Hause schafft, bis er dann irgendwann, als Adam schon fast auf dem Sofa eingeschlafen war, doch endlich seinen Schlüssel in der Tür gehört hat. Aber jedenfalls hat Adam Leo deswegen den ganzen Tag ganz fürchterlich vermisst. Noch so viel mehr als sonst. Und auf eine so ganz andere und neue Art und Weise. Weil es da plötzlich so viel mehr Dinge an ihm gab, die er vermissen konnte. Dinge, die er sich vorher höchstens hat vorstellen können: den Geschmack seiner Lippen, den Rhythmus seines Herzschlags, die weiche, warme Haut in seiner Halsbeuge, seine große, feste Hand in seiner. Und auch das hier hat er vermisst. Auf dem Sofa hängen und kuscheln und Blödsinn reden.

Leo hat Adams Hand sinken lassen, hat seine Arme stattdessen um Adams Bauch geschlungen, drückt ihm kleine Küsse ins Haar.

»Leo?«, fragt Adam leise und fährt mit den Fingerspitzen über Leos Unterarm.

»Mmhhh«, summt Leo in seinen Hinterkopf.

»Dachtest du eigentlich wirklich, ich hab was mit Pia?«

Leo zögert einen Moment, hebt seine Nase aus Adams Haaren, stützt stattdessen sein Kinn auf Adams Kopf ab.

»Ähm«, sagt er dann und klingt ein bisschen ertappt. »Nee, also ich weiß nicht… ich wusste ja nicht… Ich glaub ich hatte einfach irgendwie Angst, dass du mich doch nicht willst. Oder dass ich warte und warte und… und dann bekommt dich jemand anderes am Ende.«

Adam überlegt einen Moment. »Und warum hast du gewartet?«, fragt er dann. »Also… worauf?«

»Auf… keine Ahnung. Auf dich, denke ich. Ich dachte irgendwie, das muss von dir kommen, weil… wegen allem halt. Ich dachte, du brauchst vielleicht einfach noch ein bisschen Zeit.«

Adam überlegt einen langen Moment. Nickt dann langsam, liegt seine Hände auf Leos und streicht mit seinen Fingern über Leos Fingerknöchel.

»Ja«, sagt er dann leise. »Brauchte ich glaube ich auch.«

Leo vergräbt sein Gesicht wieder in Adams Haaren, drückt ihm noch ein paar Küsse auf die Kopfhaut, bis er irgendwann innehält, seinen Kopf neben Adams schiebt, seine Wange an Adams presst.

»Ab jetzt sagen wir uns immer alles, okay?«

Adam zögert, weil er nicht gleich weiß, wie Leo das meint und weil ihm auch sofort mindestens 600.000 Gründe einfallen, warum das nicht geht. Er muss wirklich dringend das Geld woanders hinbringen. Und überhaupt, auch Boris, das alles, da kann er Leo nicht mit reinziehen, wirklich nicht.

Er windet sich ein bisschen raus aus Leos Umarmung, dreht sich um zu ihm, damit er ihn ansehen kann, legt seine Arme um Leos Hals.

»Fast alles?«, fragt er vorsichtig.

Leo legt ein wenig die Stirn in Falten, sieht ihn zweifelnd an.

»Alles kann man sich nicht sagen«, sagt Adam. »Wirklich nicht. Aber fast alles, das schon.«

Leo sieht immer noch nicht ganz überzeugt aus, also legt Adam den Kopf schief, setzt seinen unwiederstehlichsten, rundesten, unschuldigsten Blick auf, schiebt ein wenig die Unterlippe vor.

Und dann seufzt Leo schließlich. »Na gut«, sagt er. »Fast alles.«

Chapter 28: 13 Schuss

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Er erschreckt sich noch immer jedes Mal. Aber was heißt noch immer. Außerhalb der Schießhalle hat er seine Waffe noch nie abgefeuert. Naja, also außer—

Er erinnert sich an seinen Ausbilder früher. »Sie müssen sich erschrecken«, hat der gesagt. »Sie dürfen nur deswegen nicht durchreißen. Immer schön ruhig halten, im Stand bleiben, nachhalten.« Und so macht er es auch jetzt, obwohl sein Puls hämmert, Adrenalin durch seine Adern jagt. Er versucht die Aufregung abzuatmen, sich ganz auf den nächsten Schuss zu konzentrieren.

Er hat mit seinem Physiotherapeuten, vor allem aber mit seinem selbsterkorenen zweiten, heimischen Physiotherapeuten bis zum Erbrechen Gegenhalten und Armdrücken und Fingerhakeln trainiert und trotzdem hat er vor dem ersten Schuss der Kraft seiner linken Hand nicht getraut. Hat Druck aufgebaut, bis seine Muskeln gezittert haben und sich dann erst getraut, mit dem Zeigefinger der anderen Hand langsam den letzten Restwiderstand bis zum Abschuss zu überwinden. Aber sie hat ihn gut abgefangen, den Rückstoß. Nur ein kleines bisschen ist ihm die Waffe nach oben weggerissen, aber nicht im geringsten so schlimm, wie er befürchtet hatte. Der Schuss klingt ihm noch immer nach, obwohl er durch die Kopfhörer natürlich nicht annähernd so laut war wie die beiden im Bunker — oder wie Leos im Wald. Aber er versucht ihn hinter sich zu lassen, seinen Fokus ganz auf den nächsten zu legen. Auf die Mitte der grau-weißen Rundscheibe am anderen Ende der Halle. Wieder baut er Druck auf, presst seine linke Hand gegen den Handballen der anderen, presst beide Hände nach vorne, wie gegen einen unsichtbaren Widerstand. Aber als seine Hände diesmal zu zittern beginnen, nimmt er den Druck wieder ein ganz wenig heraus, bis seine Hände gespannt, aber ganz ruhig sind, zieht dann langsam den Abzug nach hinten, in einer weicheren, gleichförmigeren Bewegung diesmal, mit weniger Kraft und mehr Gefühl und —

Der Schreck zuckt durch seine Glieder, wie letztes Mal, wie jedes Mal. Die Patronenhülse landet klirrend auf dem Boden, der Knall hallt in seinen Ohren nach, aber seine Hände sind ruhig, er hat nicht durchgerissen, er hat die Rundscheibe getroffen, nicht in der Mitte, aber immerhin.

Elfmal schießt er noch, bis das Magazin leer ist. Und mit jedem Schuss wird er sicherer, vertraut er sich selbst wieder ein bisschen mehr. Dann schließlich lässt er die Waffe sinken, sichert sie, prüft das Magazin, den Lauf und steckt sie dann weg. Nimmt die Kopfhörer ab und spürt, wie die Anspannung aus seinem Körper fließt, wie sich seine Muskeln entspannen, sein Herzschlag wieder ruhiger wird.

Den ganzen Morgen über war er fast so aufgeregt wie damals vor seinem ersten Schuss in der Ausbildung. Denn obwohl er damals den meisten anderen ja einiges voraus gehabt hatte, die meisten von ihnen noch nie eine Waffe in der Hand gehabt hatten, geschweige denn eine abgefeuert, war ihm damals dermaßen die Pumpe gegangen, dass er fast zu Hause geblieben wäre. Oder vielleicht war es auch gerade deswegen gewesen. Vielleicht hatte er Angst gehabt, dass man es ihm irgendwie anmerken würde, die verquere, frühkindliche Ausbildung an der Waffe. Aber andererseits war es ja auch bei ihm über zehn Jahre her gewesen und außerdem hatte er immer nur mit dem Jagdgewehr seines Vaters geschossen und nur das eine Mal mit dem Revolver, der den sein Vater gar nicht hätte besitzen dürfen. Und vielleicht war es deswegen auch einfach nur der Umstand gewesen, es das erste Mal legal tun zu müssen. Es das erste Mal richtig machen zu müssen, alle Sicherheitsaspekte zu beachten, so wie sie es trocken geübt hatten. Und das alles unter den strengen Augen seines Ausbilders, der ihn zwar nicht anschreien oder körperlich züchtigen würde, wenn er etwas falsch machen würde, aber der ihm dafür den Weg in den Polizeidienst hätte versperren können.

 

»Na, das war doch ganz ordentlich«, hört er den Waffenmeister hinter sich sagen.

Adam dreht sich um zu ihm, sieht ihn prüfend an. Auch er erinnert ihn ein bisschen an seinen Ausbilder früher. Dieses absolut beamtenhafte, diese gesammelte Korrektheit, kaschiert von einem lapidaren Tonfall. Nur dass sein Ausbilder damals nicht so ein gemächliches, breites Saarländisch gesprochen hat.

»Das üben Sie jetzt noch ein paar Mal und dann werden Sie noch wieder etwas schneller und dann kommen Sie nächste Woche nochmal zu mir zum Parcours und dann tüten wir das ein«, sagt er und notiert irgendetwas auf seinem Klemmbrett.

Adam nickt, dreht die Kopfhörer in den Händen. »Und dann kann ich wieder arbeiten?«, fragt er und bemüht sich, es beiläufig klingen zu lassen.

»Das entscheidet der Amtsarzt, ich geb ihm nur Ihr Ergebnis durch. Aber außer der Hand war ja nichts, oder?«

Adam schüttelt den Kopf. »Nee, nur die Hand«, sagt er und wundert sich selbst, wie falsch das klingt. Er fragt sich, ob der Waffenmeister es wohl weiß, das alles. Aber dann fällt ihm ein, dass das LKA 3 ja seine Waffe hatte und sie somit auch über das LKA 3 wieder hier gelandet sein muss. Eine überflüssige Frage also.

 

Als er im Flur vor den Fahrstühlen steht, ist er kurz versucht, hoch in den 1. Stock zu fahren. Mal zu sehen, ob die anderen da sind, mal Hallo zu sagen. Aber dann entscheidet er sich dagegen, drückt stattdessen den Knopf zum Erdgeschoss. Er packt das jetzt nicht, die Blicke auf den Fluren von allen, die Nachfragen, ob er jetzt zurück ist, die er mit mit ‚Noch nicht‘ würde beantworten müssen. Und außerdem wäre es eh alles seltsam, weil ja niemand von Leo und ihm weiß und er sich alles verkneifen müsste, an das er sich in den letzten Wochen so schnell und so gerne gewöhnt hat und sich trotzdem noch beobachtet vorkäme.

Also geht er raus, lässt sein Auto aufblinken, steigt ein und rollt runter vom Parkplatz. Fährt dann extra einmal vorne rum, durch die Pestelstraße, um einmal einen Blick auf die Glasfassade zu werfen und sich vorzustellen, dass Pia und Esther dahinter sind — und Leo. Und um dann für einen kleinen Augenblick den Glauben zuzulassen, dass auch er bald wieder dort sein wird.

Chapter 29: Die Kommode

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Er dachte, es wäre nur Leo, der seinen Schlüssel vergessen hat. Der ist nämlich noch mal los zu Edeka, weil sie Kichererbsencurry machen wollten und doch keine Kokosmilch mehr da hatten. Aber als er dann den Türsummer drückt und die Wohnungstür öffnet, hört er anstelle von Leos vertrauten Schritten Stimmen im Treppenhaus.

Er hat ihn noch überhaupt gar nicht gesehen, seit er wieder zurück ist und trotzdem erkennt er ihn sofort. Er sieht immer noch fast genau so aus wie früher, hat immer noch denselben Schnurrbart, dieselben freundlichen Fältchen in den Augenwinkeln. Nur grau ist er geworden, die dichten Haare auf seinem Kopf sind fast weiß. Und er sieht aus wie Leo, fällt Adam jetzt auf, noch so viel mehr als damals. Oder vielleicht ist es auch einfach, weil Leo erwachsen geworden ist mittlerweile.

Die Frau neben ihm muss dann wohl Claudia sein. Sie hat er noch nie gesehen, aber er kennt sie aus Leos Erzählungen, auch von damals noch, als das alles ganz neu war, als sich seine Eltern gerade getrennt hatten und da dann plötzlich Claudia war im Leben seines Vaters.

Auch der erkennt Adam sofort. Oder schlussfolgert zumindest, wer er ist, so genau kann er das natürlich nicht sagen. Und wirklich überrascht, ihn hier zu sehen, scheint er auch nicht zu sein.

»Ach«, sagt er nämlich, als sie um die letzte Treppenwindung biegen. »Du bist das.«

Adam hätte sich, insbesondere jetzt, in Anbetracht der Umstände, mit Sicherheit etwas anderes angezogen für dieses Wiedersehen, wenn er nur darauf vorbereitet gewesen wäre. Aber hier steht er nun in Jogginghose und löchrigem T-Shirt und guckt etwas überrumpelt.

»Wolltet—«, setzt er an. Aber dann ist er sich nicht mehr sicher, ob er sie einfach duzen sollte, denn zwar haben Leos Eltern früher schon immer darauf bestanden, Petra und Rainer genannt zu werden, aber das ist fünfzehn Jahre her und Claudia kennt er ja nun wirklich überhaupt nicht und— »Leo ist kurz was einkaufen«, sagt er also stattdessen und verschiebt die Entscheidung auf später.

»Kein Problem«, sagt Leos Vater und winkt ab, »wir wollten auch nur kurz die Kommode vorbeibringen.«

Die Kommode. Welche Kommode?

Sie sehen wohl an seinem Blick, dass er keine Ahnung hat, wovon sie reden. »Wir haben zuhause ausgemistet«, erklärt Claudia. »Und Leo meinte, er könnte die gebrauchen.«

»Ach so«, sagt Adam. Ach so? »Soll ich…?«, beginnt er dann und deutet vage die Treppe hinab, da er vermutet, dass die Kommode dann wohl unten darauf wartet, hochgetragen zu werden.

»Geht das mit deiner Hand?«, fragt Leos Vater.

Seine Hand. Das weiß er also.

»Jaja, alles gut«, sagt er schnell und hofft, dass auch wirklich alles gut ist. Schwer getragen hat er noch nicht mit seiner Hand.

Er ist so verwirrt, dass er kurz fast auf Socken mitgeht, aber dann denkt er doch noch daran, sich Schuhe anzuziehen und einen Schlüssel mitzunehmen.

Die Kommode hat aber auch wirklich gerade so in den Kofferraum des Kombis gepasst. SB-RH 8789. Genau wie früher, nur dass der alte, silberne Passat inzwischen gegen einen neuen, dunkelblauen eingetauscht wurde. Gemeinsam mit Leos Vater wuchtet er die Kommode aus dem Kofferraum und dann schleppen sie sie zusammen die drei Stockwerke hoch in die Wohnung. Adam am hinteren Ende geht rückwärts und als sie oben angekommen sind, steuert Leos Vater so zielstrebig durch Flur und Wohnzimmer aufs Schlafzimmer zu, dass Adam nichts anderes tun kann, als sich von ihm dirigieren zu lassen und rückwärts durch den kleinen Flur darauf zuzutippeln — obwohl er genau weiß, in welchem Zustand sie das Schlafzimmer zurückgelassen haben.

Sie haben nämlich verschlafen heute morgen und mussten dann beide so überstürzt los — Leo zur Arbeit und Adam zu seinem vorletzten Termin bei der Physiotherapie, dass keiner von ihnen beiden Zeit hatte, das Bett zu machen. Und so sieht man jetzt sehr eindeutig, dass da zwei Leute in dem Bett geschlafen haben, zumal auch noch die Kopfkissen zusammengekuschelt auf Leos Seite des Betts liegen. Adam hat keine Ahnung, ob Leo seiner Familie von ihnen erzählt hat, über sowas haben sie bisher noch überhaupt nicht geredet. Aber irgendwie macht es auch keinen Unterschied, er würde so oder so am liebsten im Boden versinken, insbesondere weil sie gestern Abend hier noch sehr viel mehr gemacht haben, als nur zu schlafen.

Aber Leos Vater nimmt davon entweder keine Notiz oder er übergeht es ganz elegant, jedenfalls stemmt er nur die Hände in die Hüften, macht einen Schritt zurück und betrachtet die Kommode da, wo sie sie abgestellt haben und sagt dann zufrieden: »Na, die passt doch ganz gut rein, oder?«

Und Adam sagt nur: »Äh, ja«, und reibt sich den Unterarm, weil er sonst nicht weiß, was er mit seinen Händen machen soll und ist froh, dass wenigstens Claudia im Wohnzimmer geblieben ist.

 

Die beiden sind gerade fast schon wieder aus der Tür, als dann doch endlich Leo nach Hause kommt. Ein kleines Gespräch entsteht im Wohnungsflur, zwischen Tür und Angel und nur so ein bisschen über dies und über das und Adam nutzt die erstbeste Gelegenheit, um sich unauffällig zurückzuziehen. Und weil es der entlegenste Winkel in der Wohnung ist, geht er bis ins Schlafzimmer, wo er sich quer aufs ungemachte Bett fallen lässt und dem gedämpfen Stimmengewirr im Flur lauscht.

 

»Warum hast du nicht gesagt, dass die kommen?«, fragt er Leo, als er schließlich die Wohnungstür ins Schloss hat fallen hören und Leo einen Augenblick später in der Schlafzimmertür steht.

»Sorry«, sagt Leo. »Voll vergessen.«

Adam hat sich aufgerichtet, sitzt im Schneidersitz auf dem Bett, kratzt sich ein wenig abwesend am Hals. »Wissen deine Eltern das... mit uns?«

Leo schüttelt den Kopf. »Nee, das hätte ich dir doch gesagt. Die wissen nur, dass du bei mir wohnst gerade.« Er zögert einen Moment. »Und naja, vielleicht denken sie sich ihren Teil. Oder auch nicht. Keine Ahnung.«

»Also wissen die, dass du...«

»Ja, klar.«

»Ach so.«

Adam weiß, dass Leo bisher nur Beziehungen zu Frauen hatte, deswegen war er irgendwie davon ausgegangen, dass das auch der offizielle Informationsstand von Leos Familie ist, zumindest aber von seinen Eltern. Aber er hat vielleicht mal wieder nicht mit der Hölzer’schen Familiendynamik gerechnet.

»Also... willst du es ihnen aber sagen?«

Leo sieht ihn schief an. »Ja, natürlich«, sagt er. »Was denkst du denn?« Dann schleicht sich Unsicherheit in seinen Blick. »Oder was...«

»Doch, doch«, sagt Adam schnell. »Natürlich. Ich wusste nur nicht... Und irgendwie dachte ich...« Er deutet um sich aufs ungemachte Bett, vielleicht auch im übertragenen Sinn auf die Gesamtsituation. Seufzt dann leise.

Leo lächelt. Setzt sich dann zu ihm auf die Bettkante und gibt ihm einen Kuss.

»Mein Vater ist bei sowas vollkommen betriebsblind«, sagt er dann. »Du kannst dir sicher sein, dass der Erkenntnisgewinn für den hier gleich Null war. Er ist ein guter Steuerfahnder, aber an einem Tatort wäre er vollkommen verloren. Der kann nur Zahlen lesen, keine Räume.«

Adam muss ein bisschen aufschnauben und verzieht den Mundwinkel zu einem Grinsen. Er weiß nicht, ob er Leo das glauben soll.

»Und was machen wir auf der Arbeit?«, fragt er dann nach einer Pause.

»Na. Wir sagen es allen?«, sagt Leo, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt.

»Ach so«, sagt Adam und muss das einen Moment verarbeiten. »Okay. Gut«, sagt er dann und lächelt. Ja, das ist gut.

Chapter 30: Zuhause

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Er hat es auch vorher fast immer mitbekommen, wenn Leo morgens aufgestanden ist, aber meist ist er dabei nicht mal richtig wach geworden. Hat nur entfernt die mittlerweile vertrauten Geräusche registriert — das Rauschen der Dusche, das Summen des Rasierers, das Klackern und Brummen der Kaffeemaschine, das Knarzen der Kleiderschranktür — und sich dann einfach auf die andere Seite gerollt und weitergeschlafen.

Aber jetzt ist er immer schlagartig hellwach, wenn morgens Leos Wecker klingelt. Weil es dann Zeit ist, sich rüber zu rollen zu Leo — wenn sie nicht eh schon ineinander verschlungen aufgewacht sind — und sich einen Guten-Morgen-Kuss abzuholen. Und weil sie dann, bevor Leo aufsteht, immer noch ein paar Minuten kuscheln und sich dabei irgendeinen Blödsinn ins Ohr flüstern. Das immer gleiche, alberne Gespräch wiederholen, ob Leo denn wirklich zur Arbeit muss, ob Adam denn wirklich nichts tun kann, um Leo davon abzuhalten.

»Bist du dir sicher, dass du schon gehen willst?«, hat Adam ihn zum Beispiel neulich gefragt und ihm einen extra vielversprechenden Kuss in den Hals geknabbert.

»Ich kann nicht jeden Tag zu spät kommen«, hat Leo darauf gesagt — aber auch ein bisschen wehrlos dabei geklungen.

»Du bist doch der Chef«, hat Adam gemeint und Leo hat geantwortet: »Eben. Ich muss mich um meine Teammitglieder kümmern.«

Und dann hat Adam natürlich gesagt, dass, ey!, er auch ein Teammitglied sei und dass Leo ihn doch nicht so vernachlässigen könne, nur weil er krankgeschrieben sei.

Und dann haben sie, so wie immer, noch ein bisschen rumgeknutscht, bis Leo dann, so wie immer, natürlich doch aufgestanden ist.

Und auch dann, wenn Leo ihn irgendwann widerstrebend im Bett zurückgelassen hat, schläft Adam noch nicht wieder ein. Weil er, bevor Leo geht, natürlich auch noch einen Abschiedskuss bekommt. Oder zwei. Oder drei. Oder…

Und manchmal steht er auch mit Leo auf, bereitet das Frühstück vor, während Leo duscht und dann frühstücken sie gemeinsam — das heißt, Adam trinkt einen Kaffee und Leo frühstückt — aber sie verschränken ihre Füße unterm Tisch dabei und das ist ja die Hauptsache.

 

Aber heute ist Sonntag, keine Wochenendarbeit steht an, keine Bereitschaft, keine Verwandtenbesuche, keine Physiotherapie. Heute muss keiner von ihnen aufstehen. Heute können sie für immer kuscheln. Und das haben sie auch schon getan, haben sich ein bisschen durchgeknuddelt und verschlafen rumgeknutscht und irgendwann ist Adam dann nochmal ein bisschen eingedöst. Aber jetzt weckt ihn irgendetwas wieder, ganz sanft. Es sind zarte Fingerspitzen, die auf seinem Rücken kleine Kreise zeichnen. Die hinunter wandern und dann wieder hinauf, bis zu seinem Nacken, sich in seinen Haaren verfangen, dann wieder seinen Rücken hinab gleiten. Und er kann nichts dagegen tun, aber sein Herz beginnt schon wieder zu hämmern, halb vor Erregtheit und halb vor ganz simpler, ohrenbetäubender Verliebtheit. Er brummt leise und zufrieden, versucht es sich nicht anmerken zu lassen, sein hämmerndes Herz, schafft es, dass sein Brummen nicht zittert, schafft es zu klingen, als wäre es zwar das schönste, aber auch das normalste auf der Welt, so von Leo geweckt zu werden. Aber die Wahrheit ist, dass er sich immer noch nicht daran gewöhnt hat. Obwohl es andererseits auch alles so natürlich ist, sich so richtig anfühlt, so einzig konsequent und er manchmal das Gefühl hat, dass es nie anders gewesen ist. Aber wenn Leo ihn küsst, wenn er ihn so berührt, dann ist es immer noch so aufregend, so unglaublich, dass er manchmal glatt explodieren könnte.

Er gibt ein kleines Grunzen von sich und rollt sich auf den Rücken, noch näher hin zu Leo, blinzelt ihm ein wenig verschlafen entgegen, streckt die Arme über dem Kopf aus und unterdrückt ein Gähnen.

»Na«, sagt Leo mit einem breiten Grinsen, beugt sich runter zu ihm und gibt ihm einen Kuss.

»Na«, murmelt Adam mit schlafrauer Stimme und küsst ihn zurück. Schlingt seine Arme um Leos Hals, zieht Leo noch ein bisschen näher hin zu sich, bis Leo halb auf ihm liegt, er seine warme Haut auf seiner spürt. Er lässt seine Hand in Leos Haare wandern, in seine wunderschönen, weichen Haare. Vergräbt sie da, während er sich von Leo küssen lässt, ihn zurückküsst, ihre Zungen sich aneinanderpressen, Zähne sich in Lippen graben, Leo sich noch weiter auf ihn schiebt, bis er ganz auf ihm liegt. Und das ist ein so wunderschönes Gefühl, so unter ihm zu liegen, in die Matratze gedrückt zu werden von seinem Gewicht, dass Adam sich kurz ganz verliert in diesem Gefühl, alles Denken, jede Realität um ihn her verschwimmt und da nur noch Leo ist, nur noch Leo, Leo...

Leos Lippen lösen sich von seinen, ganz sachte und behutsam, drücken ihm noch einen kleinen Kuss auf den Mund, bevor er sich ein ganz kleines bisschen aufrichtet, bis seine Augen Adams finden.

Leo macht das gerne Mal, ein bisschen Geschwindigkeit rausnehmen, ein bisschen auskosten. Und er hat ja Recht, sie haben noch den ganzen Tag Zeit. So wie sie überhaupt Zeit haben jetzt. Zeit, alles in Ruhe zu machen. Einfach nur rumzuknutschen, ganz entspannt und unaufgeregt. Zeit, alles nachzuholen, rumzumachen, ihre Körper kennenzulernen, auf diese neue, andere Weise, Stück für Stück. Die Hände sich vortasten zu lassen, sie wandern zu lassen, unters T-Shirt, über den Bauch, die Brust, den Rücken, die Oberschenkel. Die vielen kleinen Geräusche kennenzulernen, die sie einander entlocken können. Und dann, so wie jetzt, auch einfach wieder innezuhalten.

Aber auch Leo atmet schwer und seine Lippen sind ganz rotgeküsst und seine Haare sind verwuschelt vom Schlafen und vom Kuscheln und von Adams Händen.

Adam muss ein bisschen lächeln über diesen Anblick. Aber vermutlich sieht er selbst nicht viel besser aus. Fühlen tut er sich jedenfalls so. Ganz verzauselt und aufgeheizt und glücklich.

Für einen langen Moment sehen sie sich nur an. Streichen sich durch die Haare, durchs Gesicht, über jedes Stückchen Haut, dass ihre Finger von hier aus erreichen können.

»Hast du mich eigentlich deshalb mit zu dir genommen?«, fragt Adam irgendwann und hebt verschmitzt eine Augenbraue. Drückt wie zur Verdeutlichung dessen, was er meint, ein wenig die Hüfte hoch, gegen Leos, schiebt die Zunge zwischen die Lippen und grinst ihn an.

Aber Leo lächelt nur ein feines Lächeln und schüttelt den Kopf. Seine Finger spielen mit Adams Haaren, sein Blick ist weich und liebevoll, die Lust in seinen Augen ist einer gewissen Ernsthaftigkeit gewichen, einer Aufrichtigkeit.

»Nee«, sagt er dann ganz ruhig und streicht Adam mit dem Daumen über die Schläfe. »Ich hab dich mitgenommen, weil du ein Zuhause brauchtest.« Er lächelt und senkt den Kopf und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn.

Etwas ganz warmes breitet sich in Adam aus, kriecht von seinem Herz bis in seine Zehen, seine Fingerspitzen, seine Mundwinkel. Er legt die Arme um Leos Hals, zieht ihn wieder zu sich hinab, bis sein Kopf auf Adams Brust liegt, Adam ihn an sich drücken kann. Und so bleiben sie liegen für einen Moment, Leos Kopf auf Adams Brust, Adams Hand in Leos Haaren, während die andere über Leos warmen Rücken streicht.

Adams Blick fällt auf die Kommode. Sie ist schlicht, zwei Türen, drei Schubladen, weiß lackiert, genau wie Leos Kleiderschrank. Sie passt wirklich hier rein, denkt er, so als könne sie bleiben.

Chapter 31: Innen

Chapter Text

»Herr Schürk, wie geht es Ihnen?«

Amtsarzt Dr. Hettrich hat die weiß-bekittelten Ellbogen auf seinem Schreibtisch abgestützt, die Hände unter dem Kinn gefaltet und sieht Adam erwartungsvoll an.

Adam spannt die Schultern. »Gut.«

»Hand macht wieder, was sie soll?«

Adam nickt. Hebt wie zum Beweis seine linke Hand, dreht sie ein bisschen und wackelt mit den Fingern. Er hat vorhin am Empfang alle seine Unterlagen abgegeben und sieht sie jetzt vor Dr. Hettrich ausgebreitet auf dem Schreibtisch liegen. Eine völlig unnötige Frage also.

»Durchchecken lassen haben Sie sich auch?«

Adam nickt.

»Keine Beschwerden mehr seitdem?«

Adam schüttelt den Kopf.

»Schwindel? Benommenheit? Taubheitsgefühle? Kribbeln? Verdauungsprobleme? Fieber? Irgendetwas außergewöhnliches?«

Adam schüttelt den Kopf.

Dr. Hettrich nickt, murmelt »gut, gut«, und notiert eine kleine Weile lang irgendetwas in seinen Unterlagen. Legt dann den Stift wieder beiseite, blickt auf, stützt das Kinn wieder auf seine verschränkten Hände und sieht Adam an.

»Und wie sieht es so innen drin aus?«

»Wo?«

Dr. Hettrich lächelt. »In Ihnen drin.«

Einen Moment lang sieht Adam ihn nur perplex an. Hebt dann betont beiläufig die Schultern und sagt: »Okay. Gut.«

»Mhm«, macht Dr. Hettrich.

Sie sehen sich einen Moment lang an.

»Das war ja doch schon ein ganz schöner Brocken, oder?«, fragt Dr. Hettrich schließlich.

Adam bläst ein wenig Luft durch seine Lippen, hebt die Augenbrauen dabei, ganz so, als denke er jetzt gerade in diesem Moment zum ersten Mal darüber nach. »Joa«, sagt er. »Ich denke.«

»Mhm«, macht Dr. Hettrich noch einmal und sagt dann einen langen Moment lang nichts.

Adam bemüht sich, ungerührt zu gucken oder so, als wisse er gar nicht, worauf Dr. Hettrich hinauswill oder so, als hätte er alles im Griff. Aber irgendwie, hat er das Gefühl, gelingt ihm das nicht. Irgendwie, hat er das Gefühl, müsste er besser sein, überzeugender. Irgendetwas tun, irgendetwas sagen. Aber er weiß nicht was.

»Und haben Sie denn jemanden, mit dem sie da auch mal drüber reden können?«, fragt Dr. Hettrich schließlich.

Adam nickt schnell. Zu schnell vielleicht. Obwohl es ja, stellt er selbst ein wenig überrascht fest, nicht mal so ganz gelogen ist.

»Wer ist das?«, fragt Dr. Hettrich.

Was geht Sie das an?, denkt Adam, sagt: »Mein... ein… mein bester… Mein Freund.« Er blinzelt, kratzt sich an der Wange. Was für ein seltsamer Ort, um das das erste Mal so zu sagen.

»Und machen Sie das dann auch?«, fragt Dr. Hettrich.

»Was?«

»Da drüber reden.«

Adam öffnet den Mund, will etwas sagen, aber keine Lüge will über seine Lippen kommen. Er stockt, zieht die Schultern hoch. »Nicht so wirk...«, setzt er an, denkt an den Tag, als er bei Henny war, an seinen Alptraum. Halbgar das alles, aber gut genug, um als Wahrheit durchzugehen vielleicht. »Manchmal?«, sagt er also zögerlich.

Eine kalte Furcht ergreift ihn, in dem Moment, in dem die Worte seinen Mund verlassen haben, schlingt sich um seinen Magen, drückt ihn zusammen. Die Gewissheit, dass es das jetzt war, breitet sich in ihm aus. Dass er versagt hat, dass Dr. Hettrich ihn durchschaut hat. Dass er gleich einen Fragebogen hervorziehen wird und dann eine nach der anderen die Fragen mit ihm durchgehen wird, Merkmal für Merkmal. Auf einer Skala von 0 bis 4: nicht vorhanden, leicht, mittel, schwer, keine Aussage. Gedächtnisstörungen, Paramnesien, Derealisation, Depersonalisation, Zwangsdenken, Zwangsimpulse, Grübeln, Gefühllosigkeit, Deprimiertheit, Angst, sozialer Rückzug, Schuldgefühle, Affektstarre, Affektlabilität, Dysphorie, Aggressivität, Gereiztheit, innere Unruhe, Insuffizienzgefühle, Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen, Früherwachen, Appetitverminderung, Parasomnien. Er wird die Lügen wiederfinden müssen bis dahin.

Und Dr. Hettrich zieht tatsächlich etwas hervor. Aber er zieht es aus seiner Brusttasche und es ist klein. Er schiebt es über den Tisch. Es ist eine Visitenkarte.

Dr. med. Ulrike Hradetzky, Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Petersbergstraße 113, 66119 Saarbrücken.

»Falls Sie mal Bedarf haben. Oder Fragen. Das ist eine sehr nette, kompetente Kollegin. Aber bei mir können Sie sich natürlich auch jederzeit melden. Falls irgendetwas ist.«

 

Adam weiß nicht genau wie, aber irgendwie steht er dann plötzlich draußen in der Sonne. Er hat den großen Umschlag in der Hand mit den Befunden und Röntgenbildern, darüber einmal in der Mitte gefaltet und noch druckwarm die Bescheinigung über seine Dienstfähigkeit. Die Visitenkarte steckt in seiner Hosentasche, er spürt sie da, klein und eckig. Er lässt seine Finger zu ihr wandern, befühlt das feste Papier und schiebt sie dann noch etwas tiefer hinein.

Chapter 32: Eigentlich

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Irgendwie hatte Adam erwartet, dass sie gleich einen neuen Fall reinbekommen würden, wenn er wieder zurück ist. Also einen echten, nächtezehrenden, mit Klinkenputzen und Observationen und stundenlangen Verhören, irgendwo zwischen Energydrink und 5-Minuten-Terrine. Keinen, der im ersten Angriff gelöst ist, weil der Tatverdächtige heulend und geständig und mit der Tatwaffe noch in der Hand in der Ecke sitzt, wenn man am Tatort eintrifft.

Aber natürlich ist genau das nicht passiert. Zweieinhalb Wochen ist er jetzt zurück und sie haben bloß Papierkram weggearbeitet und ein bis zwei Kleinstfälle betreut. Und was sie beide angeht, so sind sie bisher ganz und gar professionell mit sich und allem umgegangen.

»Ach ja, Adam und ich sind jetzt übrigens zusammen, aber das ändert ja hier im Team nichts«, hat Leo einfach beim ersten gemeinsamen morgendlichen Teammeeting gesagt, ganz sachlich und chefig, als würde er nur eine kleine Info von der Staatsanwaltschaft weitergeben. Und dann ist er einfach zum nächsten Tagesordnungspunkt übergegangen und Adam hat in seinen Kaffee gegrinst, während Pia und Esther etwas ungläubig vom einen zum anderen geschaut haben. Leo hat es natürlich ganz pflichteifrig auch gleich der Dezernatsleitung mitgeteilt und letzte Woche haben sie es den anderen beim Handball gesagt und so ist davon auszugehen, dass es mittlerweile das gesamte Kommissariat, wenn nicht die gesamte Saarbrücker Polizei weiß. Aber ansonsten haben sie sich eigentlich fast nichts anmerken lassen. Haben eigentlich nicht rumgeknutscht, selbst wenn sie allein im Büro waren, haben eigentlich nicht näher zusammen gesessen als früher oder sich mehr oder anders berührt als vorher auch. Nicht dass sie sich nicht trotzdem blöde Sprüche anhören müssten, jedes Mal wenn sie zu zweit irgendwo hingehen oder wenn sie morgens drei Minuten zu spät reinkommen. Aber alles in allem ist es nichts, was über das Maß hinaus geht, das sie eh erwartet haben — ein bisschen Hihi und Haha gibt es bei jedem neuen Kollegenpärchen. Ganz im Gegenteil sind alle sogar überraschend entspannt und unaufgeregt und jetzt, nach diesen zweieinhalb Wochen scheint es fast schon so, als hätten sich alle ein bisschen daran gewöhnt. Und vielleicht liegt das ja auch gerade daran, dass sie selbst eigentlich so professionell damit umgehen. Eigentlich.

Aber jetzt gerade ist alles etwas anders. Leo hat Adam nämlich so angesehen eben. Immer wieder. Und dann hat er Adam unter irgendeinem gemurmelten Vorwand gebeten, mal mitzukommen — also so richtig auffällig und ungelenk. Aber Pia und Esther waren ausgerechnet diesmal so vertieft in irgendwelche Akten, dass sie nicht mal aufgeblickt haben. Jetzt schiebt Leo Adam ungeduldig den Flur entlang. Aber sie kommen nicht weit. Denn auf dem Flur kommt ihnen Henning vom Betrug entgegen.

»Mahlzeit, Mahlzeit, Mahlzeit«, murmeln sie im Chor und zunächst auch nur im Vorbeigehen.

Aber dann bleibt Adam halb stehen und dreht sich doch noch einmal um.

»Wo warst du gestern?«, fragt er Henning, denn Leo und er waren auch gestern Abend beim Handball und Henning, der sonst zum Stammpersonal gehört, nicht.

»Hatte was aufm Schreibtisch«, sagt Henning, verdreht die Augen und deutet mit einem Kopfnicken auf die prall gefüllte Aktenmappe, die er unter den Arm geklemmt trägt.

»Aber nächste Woche wieder, ne?«, sagt Adam.

Leo neben ihm tritt nervös von einem Bein aufs andere.

»Ja, gucken wer mal«, sagt Henning. »Ich versuchs!«

Adam will noch etwas erwidern, aber dann spürt er Leos Hand an seinem Arm und hört ihn, wie er: »Ja, dann bis nächste Woche!«, sagt und dann zieht Leo ihn auch schon ungeduldig weiter.

 

»Was ist denn mit dir los?«, fragt Adam lachend, als die Tür des Verhörraums hinter ihnen zugefallen ist.

Aber Leo antwortet ihm gar nicht, zieht ihn nur rüber in die äußerste Ecke rechts neben der Tür, drückt ihn da gegen Wand und ehe Adam sich versieht, hat Leo seinen Mund auf Adams gepresst, schiebt jetzt seine Zunge zwischen Adams Lippen, findet Adams, saugt sich dann an seiner Oberlippe fest, presst sich noch etwas enger an Adam und beendet dann, mit einem kleinen Japser, den Kuss so abrupt, wie er ihn begonnen hat.

Adam hebt die Augenbrauen. »Okay...?«, sagt er und versucht vergeblich sich ein Grinsen zu verkneifen, weil Leo so verwuselt und süß aussieht.

»Ich musste dich nur so ganz dringend küssen«, sagt Leo und zieht fast ein wenig verlegen den Mundwinkel hoch.

Adam lacht, legt eine Hand an Leos Wange. »Und isses jetzt besser?«

Leo wiegt den Kopf. »Bisschen«, sagt er. »Aber...«, beginnt er und dann hat er ihn schon wieder in einen Kuss gezogen. Und diesmal hört er nicht gleich wieder auf. Diesmal küsst er sich so richtig fest an Adam und diesmal küsst Adam ihn zurück. Diesmal versinken sie ineinander.

Und Adam hört das Klopfen zwar, aber er hört es auch nicht. Denn sein Unterbewusstsein schiebt es gleich beiseite in irgendeine Schublade seines Gehirns, auf der ›jetzt gerade nicht wichtig‹ steht. Weil Leos Hand auf seiner Hüfte liegt und die andere auf seinem Rücken ihn näher hin zu Leo zieht, während seine eigenen Arme sich um Leos Nacken klammern und ihre Zungenspitzen gegeneinander pressen und er Leos Herzschlag an seiner Brust spürt, er gar nicht mehr so genau unterscheiden kann, was sein Herzschlag ist und was Leos. Und weil er vielleicht auch gar nicht mehr so genau sagen könnte, wo er eigentlich ist gerade, weil das einzige, was er weiß, das einzige, was wichtig ist in diesem Moment, ist, dass da Leo ist. Dass da Leos Hände sind, Leos Lippen, Leos Zunge, Leos Nase, Leos Bart, Leos Körper, Leos Wärme, Leos Herzschlag.

Erst als er dann die Tür aufgehen hört und das Licht vom Flur in den Raum fällt, reicht sein Gehirn diese Informationen bis in sein Bewusstsein durch. In der Tür steht Pia. Sie sieht sie an mit einem langen Blick und verzieht spöttisch den Mund. Leo und Adam lassen voneinander ab und stehen dann ein bisschen sinnlos nebeneinander. Leo räuspert sich verlegen, Adam grinst Pia entschuldigend an.

Aber Pia seufzt nur und verkneift sich ihre zwei bis drei blöden Kommentare.

»Die Streife vom Zwölfer hat ‘ne Leiche«, sagt sie dann. Blickt einmal an ihnen auf und ab. »Die wär eigentlich eure. Seid ihr hier fertig?«

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Notes:

Kinners, was soll ich sagen. Ich habe es geschafft? Und habe irgendwie ein Déjà-vu. Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann, nicht kurz vor knapp noch Post-[Tatort-vom-letzten-Jahr]-Fics zu veröffentlichen – und insbesondere fertig zu schreiben. Aber so oder so, ich bedanke mich ganz allerherzlichst bei allen, die das hier gelesen haben, ge-kudo-t haben und ganz besonders natürlich bei denen, die mir Kommentare dagelassen haben! Ich hab mich über jeden sehr, sehr, sehr gefreut! ❤❤❤ Es war mir eine Ehre, see you on the other side!