Work Text:
Beim Haare föhnen klappt Noah innerlich zusammen und muss sich setzen. Das mit Colin und ihm steht auf der Kippe und er föhnt sich seine verdammten Haare.
Das Leben geht halt weiter. Jajaja. Er rubbelt sich kurz kräftig und fast schmerzhaft mit dem Handtuch über den Kopf.
Die Haare sind noch etwas feucht. Egal. Das reicht.
Im Flur steht Colin. Müde sieht er aus. Und traurig.
Er ist es auch. Und obwohl er weiß, dass sie beide zu der aktuellen Situation beigetragen haben, schießen ihm die Schuldgefühle durch die Glieder. Er wünschte, er wäre anders, er wünschte, er hätte nicht diese ganze Angst mit in die Beziehung gebracht. Damals hat er halt gedacht, dass die Ängste schon verschwinden werden, wenn sie erst einmal zusammen sind. Falsch gedacht. Manchmal hasst er sich ein bisschen dafür, auch dafür, dass er das mit der Therapie nie versucht hat, obwohl er Colin doch versprochen hat, dass er das irgendwann durchziehen wird. Sein Versprechen hat er nicht gehalten.
Er hätte auch nicht gedacht, dass Colin, sein liebevoller und sanfter Colin, einer der liebsten Menschen, den er je kennengelernt hat, manchmal richtig laut werden kann. Heute weiß er es.
„Noah“, haucht Colin. „Ich glaube, es geht nicht mehr.“
Das war leise. Und irgendwie auch laut. Er will was sagen, klar, aber seine Kehle hat sich bei Colins Worten komplett verknotet. Darum nickt er nur.
Ist ja nicht so, dass Colins Worte überraschend kommen. Er hat's geahnt, spätestens als Colin ihn vorhin nach dem Aufwachen angeguckt hat. Anders als sonst. Sie haben sich geküsst, aber es ist anders gewesen. Wenn er gestern nicht gefragt hätte, warum Colin schon wieder Alex schreibt, wär's vielleicht nicht eskaliert. Oder? Zu spät. Zu spät, um sich darüber Gedanken zu machen. Zu spät.
Es wundert ihn, dass ihm nicht schwarz vor Augen wird. Colin und er trennen sich gerade. Es ist aus. Aus, aus, aus. Vorbei. Seine erste Beziehung endet.
„Ich hol gleich das Wichtigste aus dem Zimmer, den Rest morgen, okay?“
„Okay.“ Gar nichts ist okay.
„Bin gleich zurück.“ Colin zieht die Nase hoch und verschwindet ins Bad.
Er verschwindet kurz in ihr – in sein Zimmer.
Diesmal zieht Colin nicht in eine andere Stadt, jedenfalls erst einmal nicht. Colin zieht in das vor vier Monaten freigewordene WG-Zimmer, ein paar Meter entfernt am Ende des Flurs.
Colin ist nicht weg, aber er ist weiter weg als je zuvor. So fühlt es sich an.
Er ist eine lange Runde mit Freddy gegangen, er hat nicht dabei sein wollen, wenn Colin die Sachen holt. Freddy liebt sie beide.
Als er zurück ist, hämmert der Schmerz unverändert stark gegen seine Brust.
Wie doof er ist. Ein paar Sekunden wundert er sich doch tatsächlich darüber, dass da nur eine Bettdecke und ein Kissen liegen. Er kann sich nicht mehr erinnern, wann er zuletzt alleine eingeschlafen ist. Aber er wird sich wieder dran gewöhnen, muss er ja auch. Jetzt ist es noch zu früh zum Schlafen, obwohl ihm danach zumute ist.
Schlafen, für ein paar Stunden nichts fühlen. Klingt verlockend.
Die nächste Begegnung einige Minuten später findet wieder im Flur statt. „Colin?“
„Ja?“ Colin sieht noch müder und trauriger aus als vorhin.
Er ist es auch. „Ich weiß nicht, ob das eine blöde Idee ist, aber ... wollen wir uns ein letztes Mal küssen? Ganz kurz?“
„Ja.“ Colin zögert zu seiner Überraschung nicht.
„Okay.“ Er zögert. Soll er auf Colin zugehen? Wird der auf ihn zugehen? Diese Fragen hat er sich nie gestellt.
Colin nimmt ihm die Entscheidung ab und kommt langsam näher.
Er nähert sich auch Colin. Die Arme bleiben unten.
Colin neigt sich vor und schließt die Augen.
Er auch. Fast entfährt ihm ein Schluchzen, als sich ihre Lippen finden. Es fühlt sich mehr nach Streicheln als nach Küssen an. Die Berührungen sind so zart, er bekommt kaum mit, als sie enden. Vielleicht will er's auch nicht mitbekommen.
„Ich geh mal rüber, Noah. Bis dann.“
„Okay, bis dann.“ Nichts ist okay. Als er die Augen öffnet, ist Colin weg.
Zurück in sein Zimmer. Wieder schuldbewusst öffnet er den Reißverschluss seines Kissenbezugs. Colins Hemd. Total zerknittert ist es jetzt. Das hat Colin lange nicht mehr angehabt, bestimmt wird Colin gar nicht merken, dass er es genommen hat.
Als er seine Nase in den geliebten Stoff drückt, weint er endlich.
