Chapter Text
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Es war so weit. Der Ball begann. Walter hielt Ausschau nach Vincent und Madison. Bisher waren sie noch nicht eingetroffen.
Nachdem ihr ursprünglicher kleiner Racheplan spektakulär gescheitert war, brauchten Henry und er einige Zeit, sich von der Überraschung zu erholen, dass Madison und Vincent tatsächlich vorhatten, gemeinsam den Ball zu besuchen.
Die Chancen, dass Vincent nach dem Reinfall mit Maria auf die Einladung eingehen würde, waren nicht schlecht gewesen. Aber Madison? Warum sollte sie Zeit mit Vincent verbringen wollen? Sie konnten sich keinen Reim darauf machen. Sie hatten nie ein Gerücht gehört, dass sie an Vincent auf irgendeine Art interessiert war …
Die Auflösung des Rätsels kam durch Maddie selbst, die bei den Workies ihren verärgerten Freundinnen ihre Motivation erklärte. Walter grinste. Es war zu lustig … Vincent … als Unterstützer der Interessen der Mädchen … die Absicht, eine neue Hillerskatradition für den Valentinstagsball zu beginnen …… Vincent, der von IHR abgeholt werden würde ... Henry und er hatten noch haltlos gekichert, als sie abends in ihren Betten lagen. Der Abend würde interessant werden. Wie lange würde Vincent mit Würde durchhalten?
Die ersten Takte der Musik erklangen. Keiner hatte den Mut, als Erstes auf die Tanzfläche zu gehen. In diesem Moment öffneten sich die Flügeltüren und Vincent af Klintskog schritt mit Madison Arm in Arm à la Sonnenkönig herein. Mit stolzgeschwellter Brust schaute er großspurig lächelnd auf seine wunderschön aussehende Begleiterin hinunter und ging mit einem beneidenswerten Selbstbewusstsein direkt mit ihr auf die Tanzfläche.
Walter fiel die Kinnlade herunter. So war das nicht geplant. Fucking Vincent … Er machte mal wieder das Beste aus der Situation. Seine Resilienz war bemerkenswert. Er, Walter, hingegen saß hier allein und checkte sein Smartphone, ob es Henry wieder besser ging. Dem Armen ging es nach dem Abendessen nicht gut und Walter hatte ihn nur ungern allein gelassen.
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Vincent war glücklich. Es war zwar etwas irritierend, dass Madison als die Einladende fast immer den Ton angab. Diese umgekehrte Rolle war er nicht gewohnt. Sie besorgte sogar abwechselnd mit ihm für sie die Getränke und Snacks in den Tanzpausen. Aber er konnte sich damit abfinden, weil der Abend für ihn ansonsten ein voller Erfolg war.
Sie hatte ihm bei ihrem kleinen Umtrunk in seinem Zimmer Ehre gemacht. Alle Jungs mochten sie. Sie war so unterhaltsam und gesellig, ganz anders als die dummen Puten, die sonst ab und zu ihre Freunde im Forest Ridge House besuchten. Gutmütig hatte sie sogar mit Jonas, bisher ungeübt im Gesellschaftstanz, einige Tanzschritte geübt. Er hatte danach gleich die Gelegenheit genutzt, es mit ihr auch zu probieren. Er wollte sich schließlich später nicht blamieren. Erleichtert stellte er fest, dass sie recht gut tanzen konnte.
Auch auf dem Weg zum Ball kam keine Peinlichkeit auf. Die Unterhaltung floss nur so dahin.
Sein Blick wanderte diskret bewundernd über Madison. Sie sah bezaubernd aus und war seiner Meinung nach mit Abstand das hübscheste Mädchen auf dem Ball. Ihm machte es riesigen Spaß, mit ihr zu tanzen. Er hatte sich selten bei einer Verabredung mit einem Mädchen so wohlgefühlt. Sie war nett und sah großzügig über seine kleinen Fauxpas hinweg. Dass der Chorauftritt ihn wieder mal zu Tode gelangweilt hatte, hätte er vielleicht nicht erwähnen sollen … Sie war schließlich mit Felice und Simon befreundet.
Es war schön, nicht allein die Verantwortung für das Gelingen eines Dates zu haben. Sie hatte keine Erwartungen an ihn, die er erraten und erfüllen musste. Es herrschte weitgehend gute Stimmung und er konnte sich entspannen.
Ihr sichtlicher Spaß miteinander hob sein Renommee. Maria hatte verkniffen geschaut, als sie sah, was ihr entgangen war. Dass Sven zwei linke Füße hatte und umwerfend langweilig war, hätte er ihr vorher sagen können. Aber wer brauchte Maria, wenn er so eine unterhaltsame Begleiterin wie Madison hatte?
MMMMM
Der Ball näherte sich seinem Ende und die Musik wurde romantischer. Madison legte müde ihren Kopf kurz an Vincents Schulter. Er hatte so eine angenehme Größe. Er war nicht ganz einen Kopf größer als sie, sodass sie bequem ihren Kopf an seinen Rüschenkragen legen konnte. Bis jetzt war es wider Erwarten ein schöner Abend gewesen. Vincent konnte wirklich gut tanzen und war ein aufmerksamer und unterhaltsamer Begleiter. Nach kurzen Abstimmungsschwierigkeiten hatten sie sich geeinigt, dass er beim Paartanzen führte. Sie musste leider zugeben, Vincent konnte es eindeutig besser. Genau wie sie konnte er sich völlig dem Moment und der Musik hingeben. Extravagante Tanzmoves hatten keinen Schrecken für ihn. Nichts war ihm peinlich. Er wäre der optimale Partner für einen Lindy Hop Tanzkurs …. Das wollte sie schon ewig gerne mal ausprobieren … Schade, dass die Ballmusik so wenig inspirierend war!
Ihr Blick fiel auf ihr Handgelenk mit dem bezaubernden Armband aus echten kleinen gelben Rosen, die ein Florist heute nach dem Mittagessen geliefert hatte. Es passte so gut zu ihrem Kleid. Wie hatte er die passende Farbe nur erraten? Es hatte ziemlichen Aufruhr in Manor House gegeben, dass jemand ihr Blumen geschickt hatte. So eine nette Idee.
Ihre Ziele mit der Verabredung hatte sie erreicht. Jeder konnte sehen, dass es auch in Ordnung war, wenn ein Mädchen die Valentinstagsballeinladung schickte. Vincent wirkte, für alle gut zu sehen, sichtlich zufrieden. Die Direktorin hatte ihr auf dem Ball sogar signalisiert, dass im nächsten Jahr die Schulleitung die Mädchen aktiv ermuntern würde, auch Einladungen zu verschicken.
„Müde?“ Prüfend schaute er sie an. „Ein bisschen …“
„Es müsste sowieso gleich Schluss sein“, sagte Vincent. „Komm, ich bringe dich heim zum Manor House …“
So war das nicht geplant. Sie intervenierte: „Ich werde dich zum Forest Ridge House zurückbringen. Ich hatte eingeladen …“ Er verdrehte grinsend die Augen und ergab sich seinem Schicksal. Lächelnd griff sie seinen Arm und zog ihn in Richtung Ausgang.
An der Tür stauten sich die Ballgäste, die alle den Gang in die winterliche kalte Nacht scheuten.
„Fuck, es hat geschneit … Ein Schritt in den Schnee und meine Seidenschuhe sind durchgeweicht.“ Ratlos blickte sie in das Schneetreiben.
Vincent musterte sie nachdenklich. „Soll ich dich Huckepack nehmen?“ Das war mal eine schräge Idee. Aber warum nicht. Sie müsste nicht diese schönen Seidenballerinas ruinieren und sich den Tod durch Eisfüße holen.
„Ok … wenn du mich tragen kannst?“ Er seufzte leicht überheblich. „Ich würde es dir nicht anbieten, wenn ich es mir nicht zutrauen würde.“
Sie zogen ihre Mäntel an und er ging leicht in die Knie. Beherzt sprang sie auf und schlang ihre Arme um seinen Hals. Es war etwas merkwürdig, sich so an ihn zu drücken, aber er war den ganzen Abend Kavalier gewesen. Da war nichts peinlich daran, nein. Er griff nach ihren Kniekehlen und nachdem er sich vergewissert hatte, dass er sie sicher auf dem Rücken hatte, fing er an loszurennen. Sie kreischte überrascht vor Vergnügen auf und bald kamen sie lachend im Forest Ridge House an. Vincent schien stärker zu sein, wie sie gedacht hatte. Unter seinen üblichen Jacken und farbenfrohen Pullovern war das nicht so leicht zu erkennen …
Er ließ sie auf der schneefreien obersten Treppenstufe zu Boden. „… und nun? Deine Füße werden auf dem Rückweg auch nur nass …“ Das hatte sie bei dem Versuch, ihren Willen durchzusetzen, nicht bedacht. Er sah sie spöttisch an. Ihr fiel nichts mehr ein, als laut zu seufzen.
„Komm, ich habe noch ein Paar Sneaker oben, die mir zu klein sind. Wenn wir sie fest zuschnüren und du vorsichtig bist, kommst du damit trockenen Fußes zum Manor House.“
Er war ein Mann der schnellen Problemlösungen, das musste man ihm lassen. Sie folgte ihm unbekümmert nach oben auf sein Zimmer.
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In einem anderen Leben, mit einem anderen Mädchen, wäre die Situation eine Steilvorlage für eine sehr sexy Situation gewesen. Aber: …Madison McCoy … Vergiss es, Vincent, sagte er sich. Es war schön gewesen, sie beim Tanzen im Arm zu halten. Sie roch so gut … Das Gefühl, sie auf dem Rücken zu haben …. Das würde ihn bestimmt gedanklich noch eine Weile beschäftigen.
Stop. Sie sollte feste Schuhe bekommen.
Er bot ihr einen Platz auf seinem Stuhl an und suchte den Schuhkarton ganz hinten im Schrank. Die Perücke fiel ihm dabei vom Kopf und er warf sie auf sein Bett. Da waren die roten Sneaker, die ihm seine Mutter beim letzten Elterntag mitgebracht hatte und ihm zu klein waren, ganz hinten im Schrank. Als er sich umdrehte und ihr die Schuhe hinhielt, bemerkte er, wie sie schnell den Blick senkte. Hatte sie gerade seinen Körper gemustert? Sein Herz begann aufgeregt schneller zu schlagen.
Konzentration Vincent, ermahnte er sich … Er musste sich geirrt haben.
Er zog die Schnürsenkel auf und reichte ihr einen Schuh. Sie versuchte, an ihre Füße zu kommen. Aber das enge Mieder und die Stoffmassen ihres Rockes machten es ihr unmöglich, ihre Seidenpumps auszuziehen. So wurde das nichts.
„Soll ich dir helfen?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wenn es dir nichts ausmacht … Kein Wunder, dass die Damen in diesem Jahrhundert eine Zofe beschäftigten mussten. Sich alleine ankleiden, war mit diesen Kleidern nicht möglich.“ Sie lächelte ihn entschuldigend an. „Kein Problem …“
Ein bisschen peinlich war es ihm doch, ihr so nahezukommen. Er hätte, wie so oft, erst nachdenken sollen, bevor er etwas sagte. Aber dazu war es nun zu spät. Wenigstens sie war völlig unbefangen darüber. Er beschloss, die Sache ins Lächerliche zu ziehen. „Darf ich dem gnädigen Fräulein das Schuhwerk wechseln?“, sagte er grinsend, mit einem grässlich verstümmelten französischem Akzent. Ihr Lächeln vertiefte sich.
Was war sie hübsch. Er sonnte sich in ihrem Lächeln. So oft kam es in Hillerska auch nicht vor, dass er einen freundlichen Blick von einem Mädchen bekam, dass nicht nur seine Herkunft oder sein Vermögen als einzigen Anreiz freundlich zu sein empfand.
Er kniete sich vor ihr nieder. Sie streckte mit einem mutwillig werdenden Lächeln ihre Füße unter ihrem Kleid hervor.
„Sie dürfen, mein Kavalier.“
Sollte er wirklich? Sie schien es darauf anzulegen. Ein Klintskog kniff nicht! Er griff vorsichtig nach ihren Füßen und streifte die Seidenschuhe ab. Sie waren eiskalt. Gedankenlos umfasste er sie kurz wärmend, bevor er ihr den ersten Schuh überstreifte. Sie kicherte. „Kitzlig?“ „Das würde ich niemals zugeben!“ Sie mussten beide lachen. Vincent entspannte sich etwas.
Noch den anderen Fuß. Zuschnüren. „Ist das zu fest?“ „Nein, das ist gut so.“ „Probier mal zu laufen.“ Sie stand mit seiner Hilfe auf und ging einige Schritte. „Viel zu groß, aber für den kurzen Weg wird es gehen.“
Mission erfüllt. Es war sinnlos, es weiter auszudehnen. So wie sie ihn gestern angesehen hatte, als er mit der Fake-Einladung vor ihr stand, hatte er bei ihr keine Chance ....
„Dann Danke fürs nach Hause bringen. Es war ein interessanter Abend mit den veränderten Rollen. Ich würde nicht Nein sagen, wenn mich wieder mal ein Mädchen einlädt.“ Er lächelte sie zurückhaltend an und brachte sie bedauernd, dass der Abend schon zu Ende war, zur Tür.
MMMMM
Hach, er hätte weiter ihre Füße wärmen sollen. Irgendwie war es heiß, wie er vor ihr kniete und ihr die Schuhe wechselte. Sie hätte ihm nie zugetraut, dass er so fürsorglich war. Fast hätte sie gehofft, dass er mit seinen Fingern ein wenig höher gerutscht wär … bei dem Gedanken wurde ihr warm. Ob er auch zu mehr bereit gewesen wäre?
Sie standen vor seiner noch geschlossenen Tür und wie vorhin, als er die Schuhe im Schrank suchte, glitt ihr Blick wohlgefällig über ihn. Eigentlich war er sehr attraktiv, wenn er nicht wie sonst seine überhebliche Miene zur Schau trug. Warum war ihr das vorher nie aufgefallen? Wahrscheinlich hatte sie ihn noch nie mit einem freundlichen, entspannten Gesichtsausdruck gesehen. Das Wort Hochmut war ein Synonym für Vincent af Klintskog ….
Madison überdachte ihre Chancen … Beim Tanzen war er recht zutraulich gewesen und hatte keine Scheu gezeigt, ihr Nahe zu sein.
Forschend schaute sie ihm ins Gesicht. Tatsächlich, der stolze Vincent af Klintskog sah fast so aus, als ob er unter ihrem Blick ein bisschen verlegen wurde. Eine leichte Röte kroch in seine Wangen und nervös fuhr er mit seiner Zunge über seine Unterlippe. Er hatte so schöne, rosige, volle Lippen …. Es war ein aufregendes Gefühl, ihn so zu sehen.
Er stand mit dem Rücken Richtung Tür und einer spontanen Eingebung nach stellte sie sich auf die Zehenspitzen und schaute ihm in die Augen. Sie waren wirklich schön. Er wich nicht aus oder schob sie weg. Sie hatte alle Karten in der Hand und fühlte sich so selbstbewusst in ihrer Weiblichkeit.
Madison kam mit ihren Lippen immer näher und sah, wie sein Blick wie hypnotisiert in ihren Augen versank. Kein Zweifel, sie durfte. Rasch gab sie ihm einen Kuss auf die Lippen und spürte erleichtert, dass er den Kuss erwiderte. Schnell wurde es hitziger. Er schlang seine Arme fest um sie und sie hatte es eilig, ihre Zunge in seinen Mund zu bekommen. Wow. Definitiv einer der besten Küsse, die sie jemals bekommen hatte. Sie schmolz regelrecht an ihm dahin.
Bis es laut an der Tür klopfte.
„Fertig mit Wichsen, Vincent? Oder hat Madison dich rangelassen? Hätte nie gedacht, dass du ihr Typ bist.“
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Er musste träumen. Wie sie ihn küsste. Als ob sie für ihn gemacht wäre. Instinktiv trafen sich ihre Lippen perfekt, immer wieder und wieder. So weich … und was sie mit ihrer Zunge alles machte. Es durchfuhr ihn siedend heiß. Einmal in seinem Leben war sein Kopf völlig ausgeschaltet. Ihre Wärme, ihr Duft, ihre Lippen … das Gefühl begehrt zu werden …
Diese emotionale Dunstblase zerplatze, als es an der Tür klopfte und Nils etwas Obszönes vor der Tür rief. Es war wie eine kalte Dusche. Ihm fiel wieder ein, wie sie in dieser Situation gelandet waren.
Weil jemand einen üblen Scherz auf seine Kosten gemacht hatte. Aquamarin, seine Augen, die für sie das einzig Attraktive an ihm waren … warum nur küsste sie ihn, wenn sie ihn doch eigentlich nicht wollte? Irgendeine Wette oder Mutprobe? Sie wollte doch mit ihrem Date eigentlich nur ein Statement geben, dass es genauso in Ordnung ist, wenn in Hillerska ein Mädchen einen Jungen zum Valentinstagsball einlud. Seine Gedanken verhedderten sich mal wieder. Nils …
Er zog seinen Kopf zurück und versuchte, zu Atem zu kommen. Ein „Verpiss dich Nils.“ kam aus seinem Mund. Er hatte Glück, dass Nils in sein eigenes Zimmer abbog und nicht einfach hereinkam.
Aber es war vielleicht gut, dass sie unterbrochen worden waren. Ehe er sich noch mehr hineinsteigerte und sein Blut zu sehr Richtung Süden ging … Um nichts in der Welt würde er sich vor ihr blamieren wollen. Es war Zeit, der Realität wieder ins Auge zu sehen.
„Ähh … vielleicht ist das gerade keine so gute Idee.“ Er räusperte sich. „Es ist spät. Die Jungs kommen alle zurück. Du willst hier sicher nicht mit mir erwischt werden.“ Er nahm seine Arme weg von ihr und ließ sie frei.
MMMMM
Sie fröstelte, als er seinen warmen Körper von ihr wegzog. Von 100 auf 0. Leicht schwankend zog Madison ihre Perücke wieder in die richtige Position. Es war perfekt gewesen. Der Abend, seine Gesellschaft, seine Küsse, wie er sie im Arm gehalten hatte. Aber er hatte das Ende eingeläutet. Das musste sie akzeptieren. War er in Maria verliebt? Oder hatte er eine feste Freundin zu Hause? Madison versuchte enttäuscht ein kleines Lächeln. „Vielleicht hast du recht.“ Sie strich leicht über seine Schulter und öffnete die Tür.
Schweigend gingen sie die Treppe herunter. In der Etage der Erstklässler sahen sie Henry, der kreidebleich auf Walter gestützt in Richtung Toilette wankte.
„N’Abend, Fucker. Alles ok?“, fragte Vincent besorgt das unselige Duo, dem sie diesen Abend zu verdanken hatten.
„Henry ist übel.“
„Ich hatte mich schon gewundert, dass er heute Abend nicht dabei war.“ „Kleine Sünden werden sofort bestraft, nicht wahr, Henry?“ Madison schaute nicht allzu mitleidig in Richtung der beiden Jungen. Sie bemerkte die Teddybären auf dem Kragen von Walters Pyjama, der aus seinem Bademantel herausragte und musste sich anstrengen, ein Lachen zu verkneifen. Walter sah ihre Blickrichtung und errötete heftig.
„Schade, dass ihr keinen schönen Abend hattet. Wir haben uns herrlich amüsiert, nicht wahr, Vincent?“ Vincent lächelte cool in ihre Richtung. „Ohne Scheiß. Das haben wir.“
Henrys Gesicht drehte auf eine grünliche Farbe und es würgte ihn. Walters Pyjamakragen bekam eine kleine Ladung Erbrochenes ab.
„Du hast alles im Griff, Walter?“, fragte Vincent und warf einen prüfenden Blick auf die Beiden. „Ich bringe noch kurz Madison zur Tür. Wenn Du Hilfe mit Henry brauchst, sagt Bescheid.“ Die Beiden zogen ohne Erwiderung schnell in Richtung Toilette ab.
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Madison und Vincent standen noch kurz an der Haustür zum Forest Ridge House.
„Hattest du auch den Verdacht, dass Henry und Walter etwas mit dem Brief zu tun hatten?“
Vincent lächelte spöttisch. „Der Verdacht lag nahe. Ich hatte Walter den Tag vorher wohl etwas zu hart beim Training behandelt. Aber es hat ihn motiviert und er hat es ins Team geschafft. Aber sie werden die ganze nächste Woche außer der Reihe Tischdienst haben … Ein bisschen Strafe muss sein. Auch wenn sie mir mit ihrer kleinen Intrige einen schönen Abend beschert haben.“ „Das wird sie am meisten ärgern.“ Ihr Lächeln war so süß …
Irgendwie musste er jetzt cool die Verabredung zu einem erfolgreichen Ende bringen. Sie musste nicht merken, dass es ihn wurmte, sie wieder ziehen zu lassen. Was gäbe er darum, sie noch mal küssen zu dürfen. Aber dazu würde es nicht kommen. Sie wollte ihn vorher nicht und dieser Abend würde nichts daran ändern.
Er versuchte, das Thema auf etwas Unverfängliches zu bringen. „Kommst du nächste Woche zum Wettkampf mit Granhuld und feuerst uns an?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ok, warum nicht?“ Sie sah aus, als ob sie fröstelte.
Er streckte die Hand aus: „Danke für den schönen Abend. Gute Nacht Madison.“ Madison drückte kurz seine Hand zum Abschied. „Gute Nacht Vincent.“
Wehmütig schaute er ihr hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen war.
HHHHH
„Das darf nicht wahr sein! Er ist wie Teflon. Nichts bleibt an ihm kleben.“
Walter zog sich aufgebracht um. Nachdem er jetzt mehrfach mit Henry den Weg zur Kloschüssel gemacht hatte, war ein frischer Pyjama angebracht. Müde war er nach dem aufregenden Abend noch nicht. Er setzte sich auf die Kante von Henrys Bett und schaute prüfend auf ihn herab.
„Wie gehts dir jetzt?“ „Nach dem letzten Würgen ist es etwas besser. Da war Kotzbrocken Vincent wenigstens zu etwas gut.“ Walter strich beruhigend über Henrys Haar. „Mir wurde auch fast schlecht, als ich Madisons Makeup in seinem Gesicht sah. Dass sie diesen Widerling an sich rangelassen hat … damit hätte ich nie gerechnet. Shit. Sie waren auf dem Ball das Paar des Abends.“
„Also haben wir ihm auch noch einen Gefallen getan“, grummelte Henry.
„Glaubst du, dass da jemals was draus werden wird? Einen Abend kann er sich vielleicht beherrschen, aber auf Dauer? Ein Mädchen wie Maddie. Sie verspeist ihn kalt zum Frühstück.“ Walter überlegte und schüttelte den Kopf. „Nein. Unwahrscheinlich, dass sie wirklich etwas von ihm will. Aber wenigstens scheint er einen Gutenachtkuss bekommen zu haben“, sagte er traurig. „Ich bin hier in Hillerska immer noch ungeküsst.“
„Tut mir leid, dass ich dich nach Hause gerufen hatte. Mir war wirklich nicht gut ….“
„Mach dir keine Vorwürfe. Natürlich komme ich sofort, wenn es dir nicht gut geht. Es ist ja nicht so, dass die Mädchen heute Abend Schlange für mich gestanden haben. Weißt du, was mir gegenüber daaaas Gesprächsthema war?“ „Was denn?“ In Erwartung etwas für Walter Unangenehmes schlang Henry Mut fassend einen Arm um Walter und streichelte seine Schulter. „Wo hast du Henry gelassen? Habt ihr euch zerstritten?“, äffte Walter seine Mitschülerinnen mit einer hohen unangenehmen Stimme nach.
„Was sollte ich sagen? Dass du so unvorsichtig warst, von dem Sprossensalat beim Abendbrot zu nehmen? Wer weiß, was da für merkwürdige Dinge drin waren. Kein Mensch mit klarem Verstand hätte den gegessen, außer dir.“
Walter hatte so recht. Im Nachhinein sah er es ein. Aber er aß so was nun mal gern. Damit hatte er sich und damit auch Walter den Abend verdorben. Schuldbewusst sah er Walter ins Gesicht.
„Es tut mir leid, Henry! Das hätte ich nicht sagen sollen. Es ist ja nicht deine Schuld, dass man für das viele Geld, was unsere Eltern hier für uns zahlen, nicht mal ein einwandfreies und reichliches Abendbrot bekommt.“
Henry winkte ab. „Ich habe dich heute im wahrsten Sinne des Wortes vollgekotzt. Ich verzeihe dir alles für die nächsten Wochen …“ „Musst du nicht. Wie könnte ich dir böse sein, wenn es dir so schlecht geht.“
Walter griff Henrys Hand und streichelte sie. Er schaute ihn so liebevoll an. Das nach der dringend notwendigen Dusche noch feuchte Haar hing in seine Augen und instinktiv strich Henry es hinter seine Ohren. „Ich würde dir ja Pralinen als Trost für den miesen Abend anbieten, aber schon der Gedanke an den Geruch ist unangenehm.“ Walter gab ihm ein kleines Lächeln. „Henry, es sind nicht die Pralinen, die mich trösten. Es ist der Gedanke, dass du für mich da bist und wir zusammen alles durchstehen können.“
Henry wurde eng ums Herz. Seine Gefühle für Walter waren ihm heute so richtig zum Bewusstsein gekommen, als Walter seinen Kopf über die Toilettenschüssel hielt. Nicht einmal seine Mutter hatte das jemals für ihn getan. Sie hatte die unappetitlichen Aufgaben immer an das Kindermädchen delegiert. Walter war nicht zurückgeschreckt und hatte ihm in seinen tiefsten Nöten beigestanden. Wenn das nicht ein Zeichen dafür war, dass er ihn auch gern hatte? Ob Walter ihn auch als Mann wollte, konnte er nicht abschätzen. Er hatte immer nur von Mädchen erzählt. Aber das hatte er schließlich auch.
Egal, sein Freund fühlte sich ungeliebt und einsam. Ihm Zuneigung zu zeigen, würde ihm guttun.
Er rückte in seinem Bett an die Wand und fragte eher schüchtern: „Würde eine Umarmung von mir dann auch reichen?“ Walter ließ sich nicht zweimal bitten, kletterte in sein Bett und kam in seine Arme. Er passte so gut hinein. Walter lächelte ihn ein bisschen verlegen an und seufzte: „Natürlich … Es ist immer schön mit dir.“
Sie lagen eine Weile, ohne etwas zu sagen, beieinander, ihr Nähe und Wärme genießend. Walter in seinen Armen an seiner Seite, seinen Kopf an seiner Schulter, Walters Arm um seine Mitte … Nach dem stressigen Tag und für ihn so furchtbaren Abend war hier Geborgenheit, Trost und das Gefühl zusammenzugehören.
Im Haus kehrte langsam Ruhe ein. Henry musste gähnen. „Wir sollten schlafen. Ich bin endlich müde." „Hmmh …“ Walter gähnte auch und schmiegte sich noch bequemer an Henry. „Mich bekommt heute keiner wieder hier weg.“ „Ich würde dich auch nicht gern gehen lassen.“ Henry suchte nach einer bequemen Schlafposition, ohne dass er Walter loslassen musste. Ah, so würde es gehen. Er zog die Bettdecke hoch.
„Schlaf schön, Walter.“ Er setzte ein Küsschen auf Walters warme Wange, der ihn schläfrig glücklich anstrahlte und ebenfalls einen zarten Kuss auf Henrys Wange setzte.
„Schlaf schön, Henry.“
