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Schlaf gut, Tiger!

Chapter 2

Notes:

Ich danke euch allen für die lieben Kommentare & Kudos, sie waren wie Catnip für mich <3

Und da ich euch nicht allzu lange schmoren lassen möchte, kommt hier auch schon der zweite Teil.
Bitte seid vorsichtig beim Lesen, wenn euch Mobbing-Themen und körperliche Übergriffe triggern!

Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß - und Miau!

Chapter Text

> ^..^ <

Die Rückkehr in sein Team nach dem Urlaub fiel ihm noch schwerer als erwartet und bis auf Pia schien auch keiner sich zu freuen, dass er wieder da war. Esther hatte ihm nur finster zugenickt. “Hätte nicht gedacht, dass du nochmal hier auftauchst.” 

Auf Leos Gesicht hatte sich eine merkwürdige Mischung aus Erleichterung und Wut abgespielt, die Adam bereits zur Genüge kannte. Wenigstens hatte er seine Rückkehr nicht kommentiert und ihm nur ein kurzes Update zu ihrem aktuellen Fall gegeben, bei dem sie aber kurz vor der Lösung standen. Ein potenzieller Täter war für den Nachmittag einbestellt und sie hofften, den Fall dann zum Abschluss zu bringen. Adam war also pünktlich zu einer neuen Runde Aktenstudium zurückgekehrt. 

Die schlechte Stimmung in ihrem Büro war fast zum Greifen dick und als sich Esther und Leo zum Verhör verabschiedeten, konnte Adam das erste Mal befreiter aufatmen. Die Mittagspause hatte er alleine auf der Dachterrasse verbracht und hinter einem Blumenkübel auf dem Boden gehockt und sich Bilder von Tiger angesehen. 

Nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen hatte er sich gefragt, was er noch hier machte und ob er nicht besser um eine Versetzung bitten sollte. Seine alleinige Anwesenheit sorgte für schlechte Stimmung und er wusste nicht, wie lange dies noch ohne Konsequenzen für ihre Arbeit blieb. Er konnte nicht immer mit Pia zum Einsatz fahren, doch auf Esther und Leo wollte er nicht vertrauen. Nicht, dass sie ihn bewusst in Gefahr brachten, aber er vielleicht sie. Keinesfalls wollte er, dass Leo etwas zustieß. 

Wie ironisch, dass das ihn überhaupt erst in diese Lage gebracht hat. 

 

Als die Tür hinter Leo und Esther ins Schloss fiel, rollte Pia hinter ihrem Schreibtisch hervor, die Tüte mit den Hörnchen auf dem Schoß. Ihre hellen Augen schauten ihn freundlich an, als sie ihm eins reichte und er es mit einem schmalen Lächeln annahm.

“Ich bin froh, dass du wieder da bist!”, sagte sie ehrlich und Adam schluckte betreten. 

“Da bist du aber die Einzige”, nuschelte er zwischen zwei Bissen. Wer kaute, musste nicht reden. Pia legte den Kopf schief und ihr Lächeln wurde traurig. 

“Leo ging es auch nicht wirklich besser, als du nicht da warst. Er war genauso mies drauf wie sonst. Er hatte wahrscheinlich Angst, dass jederzeit die Information kommt, dass du dich versetzen lässt. Keinen hier würde es verwundern.”

Das Stück Blätterteig in seinem Mund wurde immer mehr und er senkte den Blick. “Es würde es aber leichter für ihn machen, oder?”, flüsterte er und Pias Hand schob sich auf seinen Unterarm.

“Das weiß ich nicht, Adam!” Sie strich über seinen Unterarm, bis sie stutzte und ihn umdrehte. Feine Kratzer, rot und teilweise noch sehr frisch zierten die blasse Haut. Adam konnte förmlich die Gedanken hinter Pias Stirn rasen hören. 

“Adam? Was ist das?” Ihre Stimme klang leicht panisch, während ihre Augen sein Gesicht nach etwas abzusuchen schien. “Was hast du gemacht? Doch nicht wegen Leo…?”

Adam schüttelte lächelnd den Kopf und zog sein Handy aus der Hosentasche. Dabei wischte er einige Katzenhaare vom Oberschenkel. Die Dinger waren sein neuestes Lieblingsaccessoire und fanden sich auf jedem Kleidungsstück.

 

Er tippte auf seinem Display herum und öffnete das letzte Bild in seiner Galerie. Es war an diesem Morgen entstanden, als er mal wieder weit vor dem Wecker wach geworden war. Tiger hatte noch friedlich an seiner Seite geschlafen, das leise Schnarchen klang fast wie ein Schnurren. Behutsam hatte Adam die kleine Stelle hinter seinem linken Ohr gestreichelt, die ihn immer so entspannt schnurren ließ. Erst das dröhnende Klingeln seines Weckers hatte auch den Kater zucken lassen und mit zerknautschtem Gesicht hatte er ihn angeblinzelt. Adam hatte blind nach seinem Handy getastet und den Moment, als Tiger sich gähnend lang machte, eingefangen. Das Foto drehte er nun Pia zu, die mit einem verzückten Laut das Handy in die Hand nahm.

“Du hast eine Katze?” Ihre Augen glitzerten und sie lächelte ihn begeistert an. Adam nickte.

“Einen Kater, vier Monate alt. Er heißt Tiger! Ich habe ihn und seine Geschwister auf einer Raststätte gefunden. Vor drei Wochen ist er bei mir eingezogen."

Ein verzücktes Quietschen entkam Pia und sie betrachtete wieder das Bild. “Kein Wunder, dass du so verliebt ausgeschaut hast. Bei diesem kleinen Fratz wäre ich auch angeklatscht.” 

Adam grinste schief und griff nach seiner Kaffeetasse. “Ich kann derzeit nicht viel richtig machen, aber bei ihm schon!“ Ein Seufzen entwich ihm und Pia reichte ihm das Handy. Ihr Lächeln war verschwunden und sie blickte ihn ernst an.

“Das mit Leo kommt auch wieder ins Reine. Er braucht Zeit! Soll ich mal mit ihm reden?“ 

Adam schnaubt traurig und schüttelt den Kopf. “Lass gut sein, Pia! Entweder schaffen wir das allein oder gar nicht.“ Über die Konsequenzen, wenn sie es gar nicht schaffen, will er lieber nicht nachdenken. Betreten senkte Pia ihren Blick und vergrub ihre Hände in den Taschen ihrer Jacke. 

“Vielleicht ist es aber meine Schuld, dass er so ist. Ich habe ihm damals gesagt, dass eure Beziehung toxisch ist und er aufpassen soll. Ich wollte doch aber nie, dass es so zwischen euch wird!“ 

“O“, macht Adam und fühlt sich wie mit kalten Wassern übergossen. Ja, vielleicht ist Leos Verhalten auf Pias Worte zurückzuführen. Vielleicht hat Leo einfach eine Entscheidung für sich getroffen, die eine Zukunft mit Adam nicht mehr vorsieht. Könnte er es ihm verübeln, nach alledem was war? Sie waren wie diese verfluchten Königskinder, die nicht zusammen sein konnten. Ihre Nähe tat ihnen beiden weh und doch zog es sie immer wieder zueinander. Pia hatte recht, ihre Beziehung als toxisch anzusehen, bei so viel Dunkelheit, die sie übereinander brachten.

Er strich sich seufzend mit einer Hand über das Gesicht und sah an Pia vorbei aus dem Fenster. Seine Kollegin musterte ihn immer noch mit wachsamen Blick und die Hände in ihrer Tasche zuckten nervös. Adam atmete tief durch.

“Danke, dass du Leo eine Freundin bist! Jemanden wie dich kann er gut brauchen, der ihn ermutigt, die richtigen Entscheidungen zu treffen.”

Die Worte waren wie Scherben und schnitten tief in sein Herz, doch sie waren wahr. Leo brauchte Freunde wie Pia, die ihm auch mal den Kopf wuschen und ihn gerade rückten. Viel zu lange hatte Leo sich versteckt und niemanden, außer ausgerechnet Adam, an sich herangelassen. 

Er hatte Moritz und Vincent, die zwar nicht mit ihm in Saarbrücken waren, aber es bedurfte nur einen Anruf und sie waren für ihn da. Die Freundschaft mit ihnen war nicht immer einfach, jeder von ihnen trug sein Päckchen, aber gemeinsam halfen sie sich beim Tragen. Auf eine gesunde Art und nicht, wie bei Leo und ihm.

Leos Päckchen lastete auch auf seinen Schultern und statt dass es gemeinsam leichter wurde, drückte es sie nieder und trennte sie. Sie mussten loslassen, um nicht gemeinsam zu Grunde zu gehen.

Pia öffnete den Mund, als würde sie Adam widersprechen wollen, aber er schüttelte sacht den Kopf.

“Lass gut sein, Pia!” Er schob sich den letzten Bissen des Hörnchens in den Mund und nickte ihr aufmunternd zu. Pias blaue Augen glitzerten verdächtig und sie starrte auf die braune Tüte in ihrem Schoß, bevor sie das Letzte auf seinen Tisch legte.

“Ich mag dich, Adam! Vielleicht gerade wegen all dem, was passiert ist.” Sie lehnte sich vor und zog Adam in eine ungelenke, einarmige Umarmung. Perplex sah Adam ihr nach, als sie sich auf ihre Seite des Tisches rollte und ihm ein letztes, warmes Lächeln schenkte. 

“Und deinen Tiger würde ich gern irgendwann mal kennenlernen!”

 

> ^..^ <

Der Tag fing schon beschissen an, wie Adam fand. Erst der Anruf der Personalstelle, dass immer noch der Bericht des Amtsarztes vom jährlichen Checkup fehlte und dass er diesen bis zehn Uhr abzugeben hatte. Adam hätte gedacht, dass er direkt an seinen Arbeitgeber geschickt wurde, immerhin wollten sie doch wissen, ob er noch diensttauglich war. Zu allem Überfluss hatte sein Handy ihn daran erinnert, dass er um neun Uhr beim Tierarzt sein musste für Tigers Impfung. Den Überstundenabbau dafür hatte er zum Glück noch bei Leo eingereicht, um den Kater entspannt zum Arzt und wieder nach Hause fahren zu können. Das tröge Aktenstudium könnte er auch später auch von Zuhause machen. Alles Notwendige hatte Leo ihm bereits am Vortag per E-Mail geschickt und dabei erleichtert ausgesehen. Der Stachel, der sich sonst tief in sein Herz bei diesem Gedanken bohrte, pikste nur leicht und Adam wollte lieber nicht genau darüber nachdenken, was das bedeutete. 

Das Präsidium lag auf dem Weg zum Tierarzt, so dass er Tiger mit viel Überredungskunst in die Transportbox lockte, was der Kater mit empörten Blick über sich ergehen ließ. Immerhin hatte Adam ihm schon das Frühstück verwehren müssen und der kleinen Persönlichkeit hatte das ganz und gar nicht gefallen. Dementsprechend sah Adam jetzt auch nur das Hinterteil aus dem Gitter luken. 

“Tut mir leid, Kumpel, ich mache das nachher wieder gut. Versprochen!”, sagte er leise und kraulte das Hinterteil durch das Gitter hindurch. Seinen Disput mit Tiger würde er jedenfalls leichter fixen können, als den mit Leo, soviel stand fest. Wobei er mittlerweile auch nicht mehr wusste, ob er das noch wollte. Wie sollte diese Freundschaft denn jetzt noch aussehen? 

Da war so viel kaputt zwischen ihnen, dass Adam sich nicht sicher war, ob das neue Konstrukt halten würde. 

Die umliegenden Büroräume waren noch leer, als Adam zu ihrem huschte. Er hatte Tiger nicht im Auto lassen wollen. Alleine lassen klappte zwar immer besser, aber nicht in fremden Umgebung wie sein Auto und schon gar nicht, wenn er in der Transportbox eingesperrt war. Im Büro war es auch nicht besser, aber wenigstens war die Geräuschkulisse dort eine andere als vorbeifahrende Autos. 

Mit schweren Herzen hatte Adam gesehen, wie der Kater vom Balkon reingerannt war, als unten vor dem Haus ein LKW hupte. Es schien ihn zu sehr, an die Schreckmomente auf der Autobahnraststätten zu erinnern. Leise und mit sanfter Stimme hatte Adam auf ihn eingeredet, bäuchlings auf dem Boden vor der Couch, unter die er sich geflüchtet hatte. Nur langsam war Tiger aus der hinteren Ecke hervorgekrochen und hatte sich von Adam streicheln lassen. Hier im Büro war die Gefahr geringer und er hoffentlich auch nicht zu lange bei der Personalstelle. 

Er stellte die Box hinter ihrem Konferenztisch ab, den Blick durch die Glasfronten über die Saar. “Ich bin gleich wieder da”, flüsterte er dem Kater zu und huschte aus dem Raum. 

Er war nicht lange fort gewesen, doch für seinen Geschmack lange genug. Die Sekretärin hatte ihm einen ellenlangen Vortrag über die Wichtigkeit der pünktlichen Einreichung von Gesundheitsbescheiden gehalten, den sie sich in Adams Augen hätte sparen können. Es änderte nichts an der Situation, dass er spät dran gewesen war.

Mit langen Schritten hastete er die Gänge entlang zu ihrem Büro. Bereits durch die Glasfronten konnte er sehen, dass seine Kollegen mittlerweile eingetroffen waren. Er stieß einen leisen Fluch aus, hatte er das hier doch ohne Publikum über die Bühne bringen wollen. 

 

Er riss die Tür auf und fand Leo auf dem Boden sitzend mit einer Schnur in der Hand vor, Tiger unter dem Konferenztisch zusammengekauert und misstrauisch auf den fremden Mann schauend. Leos lockende Stimme und die wackelnde Schnur wollten keine Früchte tragen, er verschanzte sich noch weiter unter dem Tisch. Wie er überhaupt aus der Box gekommen war, war Adam ein Rätsel. Er war sich sicher, dass er sie sorgsam verschlossen hatte. Doch sein Kater war wohl ein kleiner Panzerknacker, der jedes Schloss auf bekam, wenn er wollte.

Pia hockte mit angezogenen Beinen auf ihrem Stuhl und grinste in ihre Kaffeetasse. Adam stürzte sich auf die Knie neben Leo, der ihn überrascht ansah, bevor er unter den Tisch krabbelte. Tiger blickte ihn überrascht an, ließ sich aber widerstandslos am Genick packen.

“Du kleiner Schlawiner! Wie bist du da rausgekommen?”, tadelte er mit liebevoller Stimme den Kater, der seine Vorderpfoten in seine Richtung ausstreckte und maunzte. 

Adam krabbelte unter dem Tisch hervor und schob den kleinen Körper vorsichtig zurück in die Transportbox, bevor er sich zu Leo und Pia umdrehte. Leos Blick war eisern und er konnte den Vorwurf in seinen Augen lesen. Innerlich seufzte Adam schwer. Er hatte es wieder geschafft, Leo auf die Nerven zu gehen. 

“Ist das deine Katze?”, fragte Leo mit eisigem Ton und Adam schluckte schwer. 

“Kater, aber ja!”, antwortete er leise und hob die Box in seine Arme. 

“Und was hat ein Kater hier im Büro verloren, Adam?” Leo richtete sich auf und streifte sein Oberteil glatt. Pia hinter ihm rollte mit den Augen, bevor sie ihre Beine entwirrte und aufstand.

“Lass gut sein, Leo!”, murmelte sie, als sie an ihm vorbeiging und vor Adam stehen blieb, um in die Box zu spähen.

“Das ist also Tiger?”, fragte sie begeistert und Adam nickte, den Blick aber weiterhin auf Leo gerichtet.

“Ich musste zur Personalstelle, das blöde Gesundheitsattest abgeben. Ich wollte Tiger nicht im Auto lassen, weil wir gleich zum Tierarzt müssen und ich es nicht noch mal nach Hause schaffe.” Er merkte selbst, wie verzweifelt er klang, doch alles an Leo schrie immer noch nach Ablehnung und Wut. 

“Und da kannst du nicht dafür sorgen, dass die Box ordnungsgemäß verschlossen ist?”

Adams Schultern sackten kraftlos nach vorne und er schaute hinab auf Pia, die Tigers Pfötchen durch das Gitter streichelte. 

“Er muss es aufbekommen haben”, nuschelte er und umklammerte die Box fester. Leo schnaubte spöttisch.

“Klar, bei dir passieren immer kuriose Sachen, was?” 

Er presste die Lippen fest aufeinander, bis sie nur noch ein dünner Strich waren. Er wollte zurückgiften, sich wehren, doch sein monatelanges Schweigen hatte ihm die Stimme und die Kraft dafür genommen.

Leo trat einige Schritte näher, blieb jedoch weiterhin auf Abstand. “Oder ist das eine billige Masche von dir?” 

Pia richtete sich ruckartig auf und fuhr zu Leo herum. “Leo! Was soll das?” Sie schob sich beinahe schützend vor Adam. “Du bist unfair!”

Adam trat neben sie und schüttelte den Kopf. Es brachte nichts mit Leo zu argumentieren. “Lass gut sein, Pia!”, raunte er mit einem Seufzen und nickte ihnen kurz zum Abschied zu. “Ich muss los. Ich melde mich, sobald ich Zuhause erreichbar bin. Wenn etwas Dringendes ist, komme ich auch rein.”

Für einen Augenblick glaubte er, auf Leos Gesicht so etwas wie Reue zu sehen, doch er wandte sich hastig ab und verließ das Büro.

> ^..^ <

Mit einem erschöpften Schnaufen ließ Adam sich auf das Sofa fallen. Der Besuch beim Tierarzt war furchtbar gewesen. Tiger hatte sich gegen die Hände des Tierarztes gewehrt, der ihn vorsichtig hatte hochnehmen wollen, immerhin war er trotz Gewichtszunahme immer noch zu leicht. Dafür war er umso wendiger, wenn es darum ging, unliebsamen Händen zu entweichen. Die panischen Laute, die er dabei ausstieß, brachen Adam das Herz und er hatte sich zurückhalten müssen, den Arzt nicht anzuschreien. Das half keinem von ihnen in der Situation. Am Ende hatte er Tiger halten müssen, der sich nur zu bereitwillig in seine Hände kuschelte. Als die Spritze sich in die kleine Speckfalte bohrte, sah der kleine Kater ihn vorwurfsvoll an und hatte auch jetzt noch nicht damit aufgehört, ihn zu ignorieren. 

Kaum hatte Adam die Transportbox im Flur abgestellt, war Tiger hoch erhobenen Schwanzes ins Schlafzimmer spaziert und hatte sich dort in die kleine Höhle unter dem Bett verkrochen. Egal wie sehr Adam probierte, ihn dort wieder herauszulocken, er bekam nur den kleinen pelzigen Hintern entgegen gereckt. Kein süßes Locken oder rascheln mit der Leckerli-Tüten konnten ihn bewegen, Adam nicht mehr zu ignorieren. Da hatten sein Kater und Leo wohl was gemeinsam. 

Nur, dass er glaubte, Tiger würde ihm schneller verzeihen. Für Leo würde er weiterhin nichts als Ärger bedeuten. Selbst wenn er offiziell nicht im Dienst war, schaffte er es Leo auf die Palme zu bringen. Er würde lügen, wenn er sagte, dass Leos Worte ihn nicht verletzt hatten. Er hatte Tiger sicherlich nicht als Bestechung nutzen wollen. Er hatte nicht mal geglaubt, dass überhaupt irgendjemand bemerken würde, dass er mit dem Kater im Präsidium war. 

Die Bilder, wie Leo auf dem Boden hockte und mit Tiger spielte, schoben sich vor seine Augen und er presste mit einem gequälten Stöhnen die Fäuste gegen sie. Für einen Moment hatte er die Wärme in seiner Brust genossen und sich erlaubt, sich vorzustellen wie es wäre, wenn er das jeden Tag haben könnte. Einen so gelösten Leo, der mit dem Kater spielte und dabei so sanft lächelte. Früher hatte er oft dieses Lächeln bekommen, das selbst den sonnigsten Tag noch heller scheinen und ihn sich geborgen fühlen ließ. Er hatte diese lächelnden Leo in ihrem Büro so gerne angesehen, erinnerte er ihn doch an den Jungen, mit denen er vor so vielen Jahren im Baumhaus gesessen hatte. 

Warum machte er immer alles kaputt?

Kurz nach dem Verlassen der Arztpraxis hatte er eine Nachricht von Leo erhalten, dass er heute gern weitere Überstunden abfeiern sollte. Er hätte Pia und Esther auch bereits nach Hause geschickt. Die Aufgaben, die er ihm gestern noch geschickt hatte, könnten auch bis morgen warten. Die oberste Chefetage war eh heute den ganzen Tag in Meetings und würden nicht nach den Ergebnissen fragen. So hatte er jetzt wenigstens den restlichen Tag, um sich mit der verkorksten Situation zwischen ihnen zu beschäftigen. Oder auch nicht.

 

Er stöhnte gequält auf und angelte in seiner Hosentasche nach seinem Handy. Die Chatgruppe mit seinen beiden alten Mitbewohnern war ganz oben angepinnt und quoll über mit Bildern von Tiger. 

>> Nie wieder Tierarzt! Tiger guckt mich mit dem Arsch nicht an!

Moritz war der Erste, der antwortete:

>> Der regt sich spätestens dann ab, wenn er Hunger hat.

Adam rollte mit den Augen und die drei Punkte am unteren Bildschirmrand verrieten, dass Moritz noch eine weitere Nachricht tippte.

>> Außerdem, wer könnte dir schon lange böse sein!

Adam kannte da jemanden, der nur allzu gut böse auf ihn sein konnte. Sein Handy vibrierte erneut. Vincent.

>> Ganz dünnes Eis, Moritz! 

Er konnte seinen Freund beinahe hören und den stechenden Blick spüren, den er in solchen Momenten seinem Gegenüber zuwarf. Eine weitere Nachricht von Moritz ploppte auf.

>> Vielleicht hast du bei Leo bessere Chancen mit Tiger auf dem Arm?

Adams Finger flogen über das Display.

>> Nein, Leo kann sehr wohl weiterhin auf mich sauer sein, wenn ich Tiger auf dem Arm habe. Bereits für euch getestet!

Er erntete einen Reihe an Fragezeichen als Antwort von Moritz und ehe er antworten konnte, kündigte sein Handy einen eingehenden Gruppenanruf an. Wie Vincent in der brandenburgischen Provinz Empfang haben konnte, war ihm ein Rätsel. 

 

Das Video baute sich auf und nach wenigen Sekunden sah er die besorgten Gesichter seiner beiden Freunde. Moritz lag auf einer weißen Couch, eine bunte Decke bis zum Kinn hochgezogen. Die dunklen Schatten unter seinen kleinen Augen ließen einen Nachteinsatz vermuten. Er gähnte hinter vorgehaltener Hand. Vincent sah wie immer wie aus dem Ei gepellt aus und schien in seinem Auto zu sitzen. Aus dem Fenster konnte man grüne Flächen und blauen Himmel sehen.

“Was ist passiert, Adam?” Vincents Stimme hatte die Tonlage Therapeut angenommen, mit der er ihnen immer zu Leibe gerückt war, wenn einer von ihnen nicht reden wollte und sich zurückzog. Adam lehnte seinen Kopf gegen die Lehne des Sofas und schaute für einen Moment schweigend die beiden Gesichter in seinem Handy an.

“Ich vermisse euch!”, rutschte es ihm von den Lippen und sein Herz gab ein Ächzen von sich. Dabei war es gar nicht so lange her, dass sie sich erst gesehen hatten. Doch in den letzten Tagen hatte Adam verstärkt gespürt, dass er die Menschen vermisste, die immer freundlich zu ihm gewesen sind.  

Moritz’ Gesichtsausdruck wurde besorgt und er richtete sich auf. Das Bild wackelte, bis er aufrecht saß, die blonden Haare standen wirr von seinem Kopf ab.

“Was ist los, Adam?”, wiederholte nun auch er Vincents Frage. Adam rollte mit den Augen.

“Darf ich nicht mal meine beiden liebsten Freunde vermissen?”

Vincents Augenbrauen zogen sich misstrauisch zusammen.

“Ja schon, aber normalerweise sagst du uns das nicht so direkt!” 

Moritz nickte zustimmend.

“Sonst ist das subtiler und flapsiger formuliert. Also?”

 

Adam seufzte und fuhr sich mit der freien Hand durch die Haare. 

“Mit Leo wird es einfach nicht besser. Egal wie sehr ich mich bemühe, ihm nicht auf die Nerven zu gehen, ich mache es falsch. Vorhin hatte ich Tiger kurz im Präsidium dabei, weil ich mein Gesundheitsattest abgeben musste, und irgendwie hat sich der Schlawiner aus der Box befreit. Natürlich ist genau da Leo ins Büro gekommen und als ich mich als Besitzer zu erkennen gegeben habe…” 

Er brach mit einem langen Seufzen ab und starrte an die Decke, Leos wütenden Blick klar vor Augen. “Er ist immer so wütend auf mich”, flüsterte er und erschrak selbst, wie brüchig seine Stimme klang. 

Nur ein Mensch in seinem Leben, außer ihm selbst, war ihm je mit so viel Wut begegnet. 

Ein leises Räuspern aus dem Lautsprecher ließ ihn sich wieder auf den Videoanruf fokussieren. Vincent sah noch ernster aus, als bei Beginn des Anrufes und auch um Moritz’ Mundwinkel zuckte es, als würde er etwas zurückhalten.

“Adam, ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber du solltest darüber nachdenken, ob dir das alles noch gut tut. Ich wage es zu bezweifeln!” Vincent sprach leise und eindringlich und Adam merkte, wie es an seinem empfindlichen Nervenkostüm kratzte. Unwirsch winkte er ab.

“Mir geht’s gut. Wenigstens hat er heute mal überhaupt mit mir geredet und mir nicht nur Anweisungen gegeben.” Dass er etwas Falsches gesagt hatte, merkte er, kaum dass er den Satz zu Ende gesprochen hat. Alarmiert sahen sie ihn an.

“Was meinst du damit?” 

Er zuckte mit den Schultern.

“So wie ich es sage. Kommunikation gibt es nur, wenn es sich im Büro nicht vermeiden lässt oder wir einen Fall bearbeiten und er mich nicht ignorieren kann.” 

 

Es raschelte im Schlafzimmer und für einen kurzen Moment sah er abgelenkt auf. Tiger kam ins Wohnzimmer getapst, die grünen Augen müde auf ihn gerichtet. Ein Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln, als der kleine Kater sich aufs Sofa und auf ihn hangelte. Der Kater stupste gegen Adams freie Hand, die er nur allzu bereitwillig um den Körper legte und Tiger auf seine Brust zog, wo er schnurrend liegen blieb. Wenn es mit Leo auch nur so einfach wäre. 

Adam hörte die verzückten Laute aus seinem Handy und sah das breite Grinsen der beiden Männer. Mit einem ebenso breiten Grinsen drehte er das Handy, so dass es auch Tiger einfing, der mit halb geschlossenen Augen auf die fremden Gesichter sah.

“Nun lenk aber nicht ab!”, knurrte Vincent und rutschte wohl näher an sein Handy. “Leo redet also nicht mit dir? Soweit nichts Neues, aber auch dienstlich, ist er kurz angebunden? Könnt ihr denn so überhaupt zusammen arbeiten?”

Er presste die Lippen fest zusammen und starrte auf Tigers Kopf. 

“Adam!”, ermahnte ihn Vincent und er ruckte mit dem Kopf. 

„Ich habe es doch aber verdient!“, erwiderte Adam zornig und Tigers Ohren zuckten. Vincent stieß einen frustrierten Laut aus. 

„Nein Adam! Du verdienst so eine Behandlung nicht! Du hast Mist gebaut, ja, aber das ist trotzdem keine gesunde Art, wie Leo damit umgeht. Er sollte sich mit dir hinsetzen und darüber reden. Wenn eure Freundschaft beendet ist, dann ist das so. Das kannst du akzeptieren und damit abschließen. Wenn ihr danach sogar noch zusammen arbeiten könnt, ist das ein Zugewinn. Aber wenn Leo da Bedenken hat, weil er dir nicht vertraut, dann soll er um deine Versetzung bitten! Er bringt euch beide in Gefahr! In unserem Beruf müssen wir uns auf unsere Partner verlassen können.“ 

Adam senkte betreten den Blick und strich hauchzart über Tigers Schnurrhaare. Ein schaler Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Es stand außer Frage, dass Vincent recht hatte. Sollte es zu einer Gefahrensituation kommen und sie könnten sich nicht auf einander verlassen, dann könnte das übel für sie ausgehen. Und er konnte nicht immer nur mit Pia rausfahren oder am Schreibtisch versauern. 

„Aber wo soll ich hin?“, sagte Adam mit einem Seufzen und vergrub seine Finger in Tigers weichem Fell. 

 

Nun war es Moritz, der sich räusperte. 

„Komm doch nach Leipzig !“

Überrascht sah Adam ihn an. Moritz zuckte mit den Schultern. „Meine Kollegin Kim will sich ein halbes Jahr Auszeit nehmen und reisen. Noch wurde die Stelle nicht offiziell ausgeschrieben. Ich kann meiner Chefin den Tipp geben, dass es für dich infrage käme.” 

Vincent sah begeistert aus und nickte eifrig, Adam legte skeptisch die Stirn in Falten.

“Was soll ich denn in Leipzig?”

Moritz kräuselte die Lippen, dass sein Oberlippenbart wackelte.

“Bei deinem guten Kumpel Moritz wohnen. Kim überlässt dir sicherlich ihr Zimmer für die Zeit und nach den sechs Monaten suchen wir uns gemeinsam was!”

Immer noch nicht überzeugt, huschte Adams Blick zu Vincent, der aufmunternd lächelte.

“Ich finde die Idee großartig, Adam! Von Leipzig seid ihr auch schneller hier und wir können uns regelmäßiger sehen. Und es wird dir gut tun ein wenig Abstand von Leo zu bekommen. Es muss ja kein Abschied für immer sein.” 

Tiger hob den Kopf und sah verschlafen zu Adam auf, als würde er aufmerksam auf seine Antwort lauern. Ein Kribbeln fuhr durch Adams Körper und etwas, das er lange nicht mehr gefühlt hatte, breitete sich in ihm aus. Hoffnung, dass er bald nicht mehr in dieser verhassten Stadt sein musste, ohne einen einzigen Freund, und Vorfreude wieder mit Moritz zusammen zu wohnen. 

 

Er war als Letztes zur WG dazugestoßen. Moritz und Vincent hatten sich über eine gemeinsame Freundin kennengelernt und beschlossen gemeinsam dem Berliner Wohnungsmarkt zu trotzen. Hilfreich waren da sicherlich auch die Kontakte von Moritz Mutter gewesen, die als Polizeirätin so einige Türen öffnen konnte. Moritz hatte er an der Hochschule getroffen, als er vor der Pinnwand stand und Wohnungsangebote sichtete. Er hatte den großen, blonden Mann vom Sehen her gekannt und es gab genug Tuscheleien über den Sohn der Brenner. Irgendwie waren sie ins Gespräch gekommen und am Ende des Gesprächs hatte Moritz ihn zum Abendessen in die WG eingeladen, damit sich auch Vincent ein Bild von dem Dritten im Bunde machen konnte. 

Am nächsten Tag war Adam mit seinen wenigen Habseligkeiten eingezogen. 

Zahllose Nächte hatten sie sich in ihrer WG-Küche um die Ohren geschlagen und geredet. 

Am Anfang über alles und nichts. Adam hatte sich nicht so leicht öffnen können und war mit vielen Themen oberflächlich geblieben. Nach und nach hatten Vincent und er seine Geschichte aus ihm herausgekitzelt und ihm geholfen, seinen Weg damit zu finden, sich endlose Geschichten über Leo angehört und Adam gehalten, wenn die Sehnsucht nach seinem besten Jugendfreund ihn überwältigte.

Sie waren auch dabei gewesen, als er das Versetzungsgesuch angenommen hatte, auch wenn sie die Idee nicht gut hießen. Manchmal sollte man die Vergangenheit besser ruhen lassen.

Monate später hatte Adam ihnen recht gegeben. Seine Rückkehr nach Saarbrücken hatte ihm nicht den gewünschten Abschluss mit der Vergangenheit gebracht, sondern nur die Hölle auf Erden losgetreten. Jeder an seiner Stelle wäre längst wieder gegangen, nur sein Selbsterhaltungstrieb war von jeher nicht ausgeprägt gewesen und so riskierte er es lieber, immer wieder aufs Neue verletzt zu werden, als zu gehen. Egal wie unerträglicher es mit jedem Tag wurde.

 

Adam schob sich Tiger ein Stückchen höher auf der Brust und wechselte das Handy in die andere Hand.

“In Ordnung! Ich rede mit Leo und bitte ihm, meiner Versetzung zuzustimmen.” 

Er konnte die Erleichterung auf den Gesichtern seiner Freunde sehen, bevor sie mit letzten Grüßen auflegten.

 

Für einen Moment blieb er reglos auf dem Sofa liegen und lauschte nur auf Tigers gleichmäßiges Schnurren. Die Traurigkeit, die er erwartet hatte, blieb aus und an ihrer Stelle machte sich Erleichterung breit. Dieses Mal würde er es richtig machen. Er würde mit Leo reden und ihm erklären, warum er ging. Er würde nicht einfach kopflos wie vor siebzehn Jahren verschwinden. Und selbst wenn Leo das ihm nicht anerkennen konnte, hätte er es für sich getan.

Er hob Tiger hoch und steckte ihn vorsichtig in die Bauchtasche seines Hoodies, aus dem ihm der Kater nun verdutzt ansah. Die Spätsommersonne stand hoch am Himmel und durch das angekippte Fenster drang ein Windhauch, der ihn frösteln ließ. Ein paar Minuten auf dem Balkon würden ihnen gut tun.

Er lehnte sich genüsslich in dem Liegestuhl zurück, die glimmende Zigarette in der rechten Hand, weit weg haltend. Die letzten Sonnenstrahlen des Sommers wärmten schwach sein Gesicht und er schloss selig seufzend die Augen. 

Auf seinem Bauch hatte sich Tiger eingerollt, durch dessen weiches Fell seine linke Hand kraulte. 

„Weißt du, du bist wie Leo damals! Den habe ich auch vor den Schlägern der Schule geschützt und er hat sich vertrauensvoll an mich gehangen und wurde mein bester Freund.“

Ein wehmütiger Stich fuhr durch seine Brust, er drückte seufzend die Zigarette im Aschenbecher aus. Tiger schnurrte und reckte sich seinen Fingern entgegen. 

„Ich hoffe, ich tue dir nie so weh wie ihm!“, flüsterte er mit belegter Stimme und wie zum Trost leckte Tigers raue Zunge über seine Fingerspitzen. 

 

Morgen würde er mit Leo reden. Morgen würde er einen wichtigen Schritt gehen und die Überreste ihrer Freundschaft retten.

 

> ^..^ <

Die Unruhe hatte ihn die ganze Nacht kaum schlafen lassen. Hellwach hatte er im Bett gelegen, Tigers Wärme neben sich auf dem Kissen gespürt und auf die leisen Geräusche gelauscht, die er von sich gab. Kaum, dass die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster gefallen waren, war er aufgestanden und hatte sich vor den Laptop gesetzt. Moritz hatte ihm nach ihrem Telefonat noch die interne Stellenausschreibung geschickt, auf die er sich in seinem Versetzungsgesuch beziehen konnte. Mit seiner Chefin würde er später reden und sie vorwarnen, dass eine Anfrage aus Saarbrücken kommen wird. 

Adam würde sich selbst belügen, wenn er sagen würde, dass er nicht erleichtert war, einen Ausweg präsentiert zu bekommen. Er hatte es so sehr gewollt, hatte Leo beweisen wollen, dass er auch da war, immer da sein würde und nicht mehr ging. Doch war das nicht genau das egoistische Verhalten, das Leo ihm vorwarf? Er dachte nur an sich und dass es ihm besser ginge, wenn er bei Leo sein dürfte. Was, wenn nun es aber andersherum nicht der Fall war? Wenn Leo noch mehr Abstand brauchte und sich nur nicht eingestehen wollte, dass Adam besser wieder verschwinden sollte. War es dann nicht seine Aufgabe, den Schritt für ihn zu gehen?

Frustriert rieb er sich über das Gesicht, als er die leisen Schritte von Tiger vernahm, der ins Wohnzimmer schlich und ihn aus hellen Augen prüfend ansah. Mit einem Sprung war er auf den Polstern und rollte sich neben Adam zusammen, den Kopf auf seinen Unterschenkel abgelegt. 

“Ich mache das Richtige, oder Tiger?”, murmelte er und kraulte das weiche Fell hinter seinen Ohren. Ein zufriedenes Schnurren war die Antwort und entlockte ihm ein Lächeln.

“Ich werte das als Ja.” 

 

Er war der Erste im Büro und für einen Augenblick blieb er in der Tür stehen. Wehmütig sah er über den Raum, der über die letzten beiden Jahre fast heimelig für ihn geworden war. Sein erster Arbeitstag mit Leo und die zarte Annäherung an ihre Freundschaft, die Beklemmung nach dem sein Vater erwacht war und ihm das Leben zur Hölle gemacht hatte, hier hatten Leo und Pia ihn aus dem Gefängnis rausgeboxt und hier hatte er auch das größte Geheimnis vor Leo versteckt. 

Er ging zu seinem Tisch und hängte seine Jacke über die Lehne, ehe er in der Küche verschwand und Kaffee für sie kochte. Wenigstens das konnte er tun, bevor er Leo mit seiner Entscheidung konfrontierte und um sein Verständnis bat. 

Als er mit der Kanne zurückkehrte, war Leo bereits da und entledigte sich seiner Jacke. Adam fiel auf, dass er heute noch müder aussah als sonst und er biss sich auf die Zunge nicht zu fragen. Die Antwort war offensichtlich und würde Leo nur noch mehr nerven. Innerlich seufzte er resigniert auf. Wie war es so weit gekommen, dass er seinen Kollegen nicht mal mehr fragen konnte, wie es ihm ging, ohne zu befürchten, Wut und Frust abbekommen zu müssen?

Er griff nach Leos Tasse auf dem Konferenztisch und füllte sie. Kurz starrte er auf die dunkle Flüssigkeit, ehe er sich einen Ruck gab und mit der Tasse an Leos Tisch trat. Vorsichtig streckte er sie ihm hin und Leos Augen wurden vor Erstaunen groß. Adam konnte sehen, wie Leo schwer schluckte, bevor er die Tasse ergriff und einen kaum hörbaren Dank murmelte. Unschlüssig blieb Adam neben ihm stehen und sah ihm zu, wie er einige vorsichtige Schlucke nahm.

“Gibt es noch was, Adam?” Seine Stimme klang rau und müde und am liebsten würde Adam seinen Plan über den Haufen werfen, sich in seine Ecke verkrümeln und den Tag über Leo nicht in die Quere kommen oder zumindest keinen Anlass für noch mehr Kopfschmerzen geben, als er womöglich schon hatte. Er konnte es an der kleinen Falten zwischen seinen Augen erkennen, die nur auftrat, wenn Leo Kopfschmerzen plagten. Vielleicht hatte Pia später eine Aspirin für ihn, die sie ein wenig lindern konnten. 

Leos Räuspern riss ihn aus den Gedanken und er blickte in die ausdruckslosen Augen seines Kollegen. Früher hatte er so nur besonders aufmüpfige Zeugen angeschaut und nicht ihn. Adam leckte sich die Lippen und schob seine bebenden Hände in seine Hosentaschen.

“Ich wollte mit dir über eine mögliche Versetzung sprechen. Ich habe den Antrag bereits ausgefüllt, du bekommst später auch den Anruf dazu und musst nur noch deine Unterschrift darunter setzen.” 

 

Leo schien in seinem Stuhl zu erstarren und die wenige Gesichtsfarbe entwich ihm.

“Was?”, stammelte er tonlos und seine Hände begannen, um die Kaffeetasse herum zu zittern und zu krampfen. Adam wich instinktiv ein wenig zurück und sah betreten zu Boden.

“Ich merke, dass es dir nicht gut geht, wenn ich weiterhin in deinem Team bleibe und ich denke, dass es besser für uns alle wäre, wenn ich mich versetzen lasse. In Leipzig suchen sie jemand, wie ich von einem Freund weiß.“

Leo hielt geschockt inne und eine bedrohliche Stille kroch zwischen sie. Auf Leos Gesicht zeichnete sich ein Wechselbad der Emotionen ab: Unglauben, Schmerz, Traurigkeit und schlussendlich die ihm mittlerweile so vertraute Wut.

“Du machst es dir mal wieder sehr einfach, Adam! Weglaufen, wenn es schwierig wird. Manche Dinge ändern sich wohl nie, hm?“ Adam senkte den Kopf, starrte auf die Schrammen in der Tischplatte. Er wusste, worauf Leo anspielte und der Knoten in seiner Brust wurde enger. Er leckte sich über die rauen Lippen.

“Wie damals, möchte ich es nur einfacher für dich machen und dich nicht unnötig meinetwegen leiden sehen.“ 

Ein bedrohliches Knurren entwich Leos Kehle und mit einem Satz war er von seinem Stuhl aufgestanden und stützte die Hände vor Adam auf der Tischplatte ab, die blaugrünen Augen erbarmungslos kalt auf ihn gerichtet. „Du willst es nur einfacher für dich machen! Dir geht’s hier nicht um mich oder was ich fühle! Es ist das alte Lied – Adam der Mittelpunkt der Welt und allen Leidens!“

 

Adams Magen rebellierte, als er die alte Anschuldigung hörte, exakt die Worte, die Leo in ihrem Streit in der Notaufnahme wählte. Er hatte Leo nie gesagt, dass sein Mittelpunkt der Welt immer Leo gewesen war, für den er sogar nach Saarbrücken zurückgekehrt war, um sich der Vergangenheit zu stellen. Er hatte nicht ahnen können, dass das so kolossal schief gehen und ihm die Kontrolle immer mehr entgleiten würde, bis er nichts mehr retten konnte. Er seufzte schwer und sah zu Leo, der immer noch bedrohlich über ihn aufragte. Es war vergebene Liebesmüh, Leo zurückzugewinnen, wenn dieser sich lieber in seiner Wut auf Adam verlieren wollte. 

„Fällt dir darauf dieses Mal keine schlaue Erwiderung ein?“, höhnte Leo und stieß sich vom Tisch ab. 

Noch ehe Adam groß darüber nachdenken kann, was gerade geschah, war er dabei, vor Leo zurückzuweichen, der wütend auf ihn zu kam. Er spürte zuerst den kleinen Schrank in seinem Rücken und dann Leos Stoß gegen seinen Brustkorb, immer und immer wieder. Noch kräftiger als damals, nachdem sein Vater aufgewacht war und Leo es herausgefunden hatte.

 

Ein scharfer Schmerz durchfuhr seine Brust und ihm blieb für Sekunden die Luft weg. Nach der Sache mit dem Froschgift wollte sein Herz manchmal nicht so recht seine Aufgabe erfüllen und stolperte. Vor allem, wenn er Panik verspürte oder Angst. 

Ein heiserer Schmerzensschrei entfuhr ihm und er rang panisch nach Luft. Er sah noch Leos erschrockenes Gesicht vor sich, als sich neben ihnen die Tür öffnete und Pia und Esther sie mit großen Augen ansahen. 

Als hätte er sich verbrannt, wich Leo von ihm zurück, die panisch geweiteten Augen auf ihn gerichtet. 

„Alles in Ordnung bei euch?“, fragte Pia vorsichtig und kam auf Adam zu, der kurz mit dem Kopf ruckte. Er leckte sich über die Lippen und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an. Pias sanfte Hand landete auf seinem Unterarm und sie schob sich zwischen ihn und Leo, der kreidebleich geworden war. 

„Adam? Alles in Ordnung?“, fragte Pia erneut und er wollte auflachen. Natürlich war nichts in Ordnung. Sein ehemals bester Freund und der Mittelpunkt seiner Welt hasste ihn so sehr, dass er ihm gegenüber körperlich wurde. Wie einst sein Vater. Vielleicht hatte er auch damals als Kind etwas getan, womit er die Liebe seines Vaters vertan hatte und dieser nur noch Gewalt für ihn übrig hatte. Vielleicht lag es einfach in seiner Natur, die Liebe von Menschen in Hass zu verwandeln. Jetzt war es der sanfte Leo, den er dazu gebracht hatte, ihn zu hassen. Nur dieses Mal wusste er wenigstens, dass es verdient war.

Seine Knie waren weich, als er an Pia vorbei zu seinem Schreibtisch stolperte.

„Adam“, setzte Leo stotternd an, doch Adam schüttelte nur den Kopf.

„Lass gut sein, Leo!“ Er zog seine Jeansjacke von der Lehne und schlüpfte hinein, ohne Leo anzusehen. „Ich melde mich für den restlichen Tag krank. Sollte es länger dauern, reiche ich natürlich einen Krankenschein ein.“

Er stopfte fahrig sein Handy in die hintere Hosentasche und will an Pia vorbeigehen, die nach wie vor ungläubig am Schrank stand, als Esther zu ihm aufschloss. 

„Du siehst nicht aus, als solltest du selbst fahren, Schürk! Ich fahre dich!“

> ^..^ <

Esther bugsierte ihn in die Tiefgarage zu seinem Wagen und nahm ihm die Schlüssel ab, ehe er sich doch noch hinters Steuer setzen konnte. Als sie sich neben ihn auf den Fahrersitz schob und ihn richtig einstellte, konnte Adam zum ersten Mal einen Blick auf ihr Gesicht erhaschen. Sie war ungewöhnlich blass und ihre Augen hatten nicht die ihm so vertraute Kälte.

Ihre Schultern entspannten sich ein wenig, als sie den Wagen in den Saarbrücker Morgenverkehr lenkte und sie das Präsidium hinter sich ließen.

“Es tut mir leid Adam!”

Überrascht sah er sie an. Seufzend schloss sie kurz die Augen, bevor sie sich wieder auf den Straßenverkehr konzentrierte.

“Ich habe mit Pia geredet, über die letzten Wochen und Monate. Mein Verhalten war nicht in Ordnung. Du hast einen Fehler gemacht, mehr als einen, aber du hast ihn gerade gerückt und dich entschuldigt. Vor allem bei Leo, wie Pia mir erzählte.”

 

Sie setzte den Blinker und Adam wunderte sich für einen Augenblick, woher sie wusste, wo er wohnte. Doch sie lenkte den Wagen zielsicher auf dem schnellsten Weg zu seiner Wohnung. 

Adam lehnte sich gegen das Fenster und sah mit gerunzelter Stirn zu Esther. Die Situation war ihm immer noch nicht geheuer. Gestern noch hatte sie ihm die kalte Schulter gezeigt und einen spitzen Kommentar nach dem anderen fallen lassen und heute fuhr sie ihn nach Hause, weil sie der Meinung war, dass er nach Leos Angriff nicht mehr allein in der Lage dazu war. 

Esthers Finger trommelten unruhig auf dem Lenkrad, als sie sich in die Linksabbiegerspur einfädelte. 

“Ich habe Leo bewusst angestachelt. Es war erfrischend, dass er dich mal nicht ständig verteidigte, sondern für sich selbst einstand. Das hat er früher nie und es hat mich wahnsinnig gemacht, dass ausgerechnet jemand wie er Teamleiter wurde. Und dann kamst du und er hat ein krummes Ding nach dem anderen durchgehen lassen.”

Ihr Kiefer spannte sich an und sie warf ihm eine kurzen Blick aus dem Augenwinkel zu. 

“Ich fand es gut, dass er dich in die Schranken wies. Ich habe nur zu spät gemerkt, dass Pia und ich viel früher hätten eingreifen müssen. Pia hat zuerst gemerkt, wie sehr Leo sich veränderte, wie wenig rational er dir gegenüber handelte. Was er noch nie konnte, wenn wir mal ehrlich sind, aber das war am anderen Ende des Spektrums. Dass er dich nun sogar körperlich angreift, als dein Vorgesetzter, das geht nicht, Adam und ich trage meine Mitschuld daran.”

 

Adam schnaubte abfällig, ob des langen Monologs, den Esther ihm um die Ohren warf. Wäre er nicht noch zu sehr unter Schock, wäre er bereits aus dem fahrenden Wagen gesprungen oder hätte Esther zu verstehen gegeben, dass sie sich ihre Entschuldigungen jetzt auch in die Haare schmieren konnte. 

“Warum ist es eigentlich eskaliert?”, fragte Esther, die sein Schweigen ignorierte.

Adam verzog das Gesicht zu einem steifen Grinsen.

“Ich habe euch allen einen Dienst erweisen und mich versetzen lassen wollen. Mit euch arbeiten ist nicht gut, aber wenn ich mich aus der Gleichung ziehe, passt es wohl auch nicht und ich bin feige. Was soll ich noch machen, deiner und Leos Meinung nach? Mich umbringen? Ist es das, was ihr wolltet?”

Er spürte, wie die Wut nun doch in ihm hochkochte und sich hier im Wagen entlud. Esther wurde blass und leckte sich über die Lippen.

“Natürlich nicht! Ich weiß nicht, welche Reaktion ich von dir erwartet habe. Vielleicht, dass du explodierst, wütend wirst und rumschreist. Auch mal deinem Ärger Luft machst! Du warst so passiv, als würde dich das alles nicht interessieren.” 

Ein spöttisches Lachen entfuhr ihm.

“Mich nicht interessieren! Ich wollte es Leo recht machen. Mich beweisen und es mir nicht einfach machen und abhauen. War wohl auch falsch! Wie alles, was ich anfasse.” Gegen Ende brach seine Stimme und er schloss die Augen, rieb sich die Nasenwurzel, ehe er sie wieder öffnete und Esther ansah, die mittlerweile vor seiner Wohnung geparkt hatte. 

 

“Was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?”, fragte er an sie gerichtet und sie sah ihn ratlos an.

“Du hättest jedes Recht, den Vorfall zu melden!”

Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, schüttelte Adam den Kopf.

“Nein, ich bin schuld, dass es soweit kam und–”

“Bullshit, Adam!”, unterbrach Esther ihn scharf und fuhr auf dem Fahrersitz zu ihm herum.

“Du bist nicht schuld, wenn dir jemand Gewalt antut, nur weil du existierst und dem anderen etwas daran stört. Ich weiß, ich bin nicht die Richtige, dir das zu sagen, aber Pia würde das auch bestätigen - und auch Leo! Ich weiß nicht, was falsch gelaufen ist, Adam, und es tut mir aufrichtig Leid!”

Adam schluckte schwer und wandte sich von ihr ab. Ehrlichkeit und gar eine Entschuldigung von Esther Baumann hatte er nicht erwartet und er wusste im Augenblick nicht, wie er damit umgehen sollte. So nickte er stumm und schnallte sich ab. Esther tat es ihm gleich und stieg aus dem Wagen. 

 

Auf dem Bürgersteig drückte sie ihm seinen Autoschlüssel in die Hand. Adam wollte sie schon fragen, wie sie zurückkam, doch da fischte sie ihr Handy aus der Tasche. Bevor sie jedoch einen Kontakt auswählte, sah sie zu ihm auf. 

“Eine vorübergehende Versetzung wird dir guttun. Uns allen, wenn du wieder zurückkommst.” 

Sie reichte ihm die Hand und Adam zögerte einen Augenblick, ehe er einschlug. 

“Danke, Baumann.” 

Er musste nicht konkretisieren, was er meinte, sie wusste es auch so. 

> ^..^ <

Erschöpft sank Adam gegen das Innere seiner Wohnungstür und drückte sie mit dem Rücken ins Schloss, ehe er auf den Boden sank und dort sitzen blieb. Er würde gleich Linda Bescheid geben, dass sie heute nicht nach Tiger sehen musste. Besagter Kater streckte neugierig seinen Kopf aus der Katzenklovorrichtung und sah ihn prüfend an. Ein Scharren erklang und kurz darauf sprang der kleine Kater hervor und kam auf ihn zu. Er schnüffelte an Adams Hosenbein und schmiegte dann freudig seinen Kopf daran. Mit einem einem schwachen Grinsen lehnte sich Adam nach vorne und hob ihn hoch. Tiger war immer noch zierlich, obwohl der Tierarzt meinte, dass alles noch im Rahmen lag. Er konnte den Kater zwar immer noch mit seiner Hand abschirmen, während er ihn an die Kuhle zwischen Schultern und Hals presste und seinen Kopf vorsichtig auf Tiger ablegte, aber lange würde das nicht mehr gehen. Ein behagliches Schnurren drang an sein Ohr und er spürte die Vibration gegen seine Haut. 

“So eine Scheiße, Tiger”, murmelte er und seinen Augen begannen zu brennen, ob der Tränen, die sich hochkämpften. Er wollte sie zurückdrängen, doch es gelang ihm nicht. 

Tiger bewegte sich unruhig in seiner Hand, als die ersten Tropfen auf sein Fell fielen und er maunzte leise, beinahe fragend. Und als ob er wüsste, dass Adam Trost brauchte, schmiegte er sich noch fester an ihn, ließ seine raue Zunge kurz über seinen Hals gleiten. Adam schniefte leise und ließ die Tränen nun ungehemmt laufen.

Er sah wieder Leo vor sich, der ihn so wütend und enttäuscht ansah, der auf ihn zukam, die Hände erhoben und gegen seinen Brustkorb donnernd. Er hatte den sanften Jungen von einst zu diesem harten, wütenden Mann gemacht, er allein. Egal was Esther oder Pia sagen mochte, er verdiente es, Leos Wut zu spüren. Leo hatte jedes Recht darauf, wütend auf die Person zu sein, die sein Leben so zerstört hatte. 

 

Das Vibrieren des Handys in seiner Hosentasche riss ihn aus dem Gedankenkarussell des Selbsthasses. Er fischte es aus der Tasche und blinzelte gegen die Tränen an. Auf dem Display stand Moritz’ Name, zusammen mit einem alten Selfie als Kontaktbild. Unwillkürlich lächelte er und zog die Nase hoch, ehe er ranging.

“Ja, Moritz?” Er hörte selbst, wie heiser und tränenerstickt seine Stimme klang. 

“Adam? Alles in Ordnung?”, fragte sein Kumpel besorgt und er hörte, wie sich Schritte auf der anderen Seite der Leitung entfernten.

Jetzt wo du anrufst ja, wollte Adam sagen, doch er schluckte die Worte herunter. Sie würden keineswegs zur Beruhigung beitragen und im schlimmsten Fall würde Moritz Vincent alarmieren. 

“Ja, alles gut”, sagte er daher schlicht und rappelte sich vom Boden auf, Tiger weiterhin an sich gepresst. Moritz klang nicht überzeugt, doch er schien seine Antwort fürs erste Erste anzunehmen.

“Ich habe gerade mit Ina, meiner Chefin, gesprochen. Sie sagte, dass deine Dienststelle dem Versetzungsgesuch zugestimmt hat und du zum nächsten Monat bei uns anfangen kannst. Erstmal für ein halbes Jahr, bis Kim wieder da ist. Warum hast du denn nicht Bescheid gesagt, dass es klappt?” 

 

Adam schleppte sich ins Wohnzimmer und setzte Tiger vorsichtig auf dessen Lieblingskissen ab. 

“Tut mir leid, das muss hinter meinem Rücken genehmigt worden sein.” 

Er trat ans Fenster und sah hinaus auf die Straße, die an diesem Vormittag wenig befahren war. 

“Ist wirklich alles in Ordnung, Adam?”, bohrte Moritz weiter und seine Tonlage war nun eindringlicher. Mit einem tiefen Seufzen ließ er seinen Kopf gegen die Glasscheibe fallen. Die Kühle linderte etwas den beginnenden Kopfschmerz hinter seinen Augen. 

“Alles eine abegefuckte Scheiße hier! Ich freue mich, wenn ich bald bei dir bin!”, gab er ehrlich zu und er hörte wie Moritz tief ausatmete.

“Leo?”, fragte er behutsam und neue Tränen sammelten sich hinter Adams Augenlidern

“Ja! Wann kann ich kommen?” 

 

Moritz verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und bohrte nicht weiter nach.

“Kim ist in zwei Wochen weg. Falls du Möbel mitbringen willst, kann ich mit einem Sprinter rüberkommen und wir fahren den Kram gemeinsam her. Vielleicht kann Vincent sich auch freinehmen.” 

Adam lächelte traurig.

“Das wäre schön”, flüsterte er und löste sich vom Fenster, um den Blick über seine Wohnung wandern zu lassen. Wenn er wirklich nur ein halbes Jahr weg war, würde er seine Wohnung hier sicher untervermietet kriegen. 

“Ich muss wahrscheinlich nur Tigers Kram mitnehmen”, überlegte er laut und Moritz lachte. 

“Sag einfach Bescheid und ich bin da! Immer!” 

Und Adam hörte heraus, dass Moritz nicht nur den Umzug meinte. Dankbar lächelte er und verabschiedete sich.

 

“Es geht nach Leipzig, Tiger!”, sagte er zu dem kleinen Kater und warf sich neben ihn auf die Couch. Nachher würde er die Umzugskisten aus dem Keller holen und sich einen Plan machen, was er mitnehmen wollte. 

Die Aussicht auf einen Neuanfang hatte etwas Tröstliches. 

> ^..^ <

Wie er überhaupt in den Schlaf finden konnte, war Adam im Nachhinein ein Rätsel. Doch kaum hatte sein Kopf das Kissen berührt und Tiger sich neben ihn gekuschelt, war er eingeschlafen. Den restlichen Tag hatte er damit verbracht, seinen Hausstand zu sichten. In zwei Jahren Saarbrücken und in dem knappen Jahr, das er hier wohnte, hatte sich einiges angesammelt. Er hatte auch mit seiner Verwaltung telefoniert und die temporäre Zwischenmieter-Lösung abgesprochen, bevor er das Inserat in verschiedenen Online-Portalen eingestellt hatte. Tiger hatte ihn dabei die ganze Zeit neugierig beobachtet und immer wieder nach seinen Händen gejagt, die über die Tastatur wanderten. Fast schon, als wollte er nicht, dass Adam das Inserat aufgab. 

Sein Handy hatte er stummgeschaltet. Irgendwann gegen Abend war eine Nachricht von Leo eingetroffen. Vor diesem Morgen hätte Adam alles dafür gegeben, dass Leo sich von sich aus meldete und die Hand annahm, die Adam ihm nun bereits seit Monaten entgegen streckte. Er hatte die Nachricht ignoriert und sein Handy in dem Körbchen auf der Flurkommode versteckt, um sich nicht selbst in Versuchung zu bringen, Leo doch zu antworten.  Egal, was der Inhalt der Nachricht war, Adam würde heute nicht damit umgehen können. Zur Ablenkung hatte er einen Film geschaut, eine leichte Romcom, an dessen Ende immer alles gut wurde und die Liebenden sich fanden. Adam mochte diesen unrealistischen Quatsch nicht, aber heute hatte er sowas gebraucht, damit seine Gedanken sich entspannen konnten und die Chance auf ein wenig Schlaf bestand. 

 

Dieser wurde jedoch mit dem jähen Schellen seiner Türklingel unterbrochen. Benommen fuhr Adam hoch und blinzelte in das schummrige Licht, das durch die Straßenlaterne ins Zimmer fiel. Tiger war mit einem entsetzten Maunzen vom Bett gesprungen und in die kleine Höhle darunter gekrochen. Adam schlug die Decke weg und knipste das Licht auf dem Nachtschrank an, als es erneut klingelte. Der Lärm würde am Ende noch seine Nachbarn wecken. 

Auf nackten Füßen schlich er in den Flur und spähte durch den Spion an der Tür. Das Treppenhaus dahinter war dunkel und er konnte nur schemenhaft erkennen, dass dort jemand vor seiner Tür stand. Erschrocken wich er zurück, als es nun zaghaft klopfte.

“Adam?”, hörte er Leos leise Stimme durch das Holz und sein Herzschlag setzte einen Moment lang aus.

“Bitte Adam, mach’ auf!”, flehte er und ein dumpfes Geräusch, wie als wenn jemand die Stirn gegen die Tür fallen ließ, erklang. Adams Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Er wollte nichts sehnlicher als die Tür öffnen und Leo in seine Arme ziehen und zugleich sträubte sich alles in ihm, die schützende Barriere zwischen ihnen zu überwinden. 

 

Hinter ihm im dunklen Flur hörte er Tigers Pfoten auf den Dielen und kurz darauf umschmeichelte der Kater seine nackten Beine. Adam beugte sich zu ihm hinunter und hob ihn auf seine Arme, als es wieder leise klopfte und er meinte, ein Wimmern auf der anderen Seite der Tür zu hören. Er betätigte den Lichtschalter und kniff die Augen wegen der plötzlichen Helligkeit zusammen. Mit immer noch kleinen Augen drehte er den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür gerade weit genug, um in Leos blasses Gesicht blicken zu können. Überrascht vom plötzlichen Licht, presste dieser die Augen zusammen und wich ein Stück zurück. 

Er hatte immer noch die gleichen Klamotten an, wie am Morgen im Büro, weißes Henley, schwarze Jeans und Lederjacke. Nur die Haare lagen nicht mehr so ordentlich wie noch vor einigen Stunden und wirkten, als hätte er mehrmals unkontrolliert in sie hinein gegriffen und sich daran festgekrallt. Als er die Augen wieder öffnete, sah er die tief violetten Augenringe und die blutunterlaufenen Augen, die ihn müde und glasig ansahen. Tiger in seinem Arm zappelte und kroch mit dem Kopf voran in Adams Achselhöhle, um sich vor dem Fremden zu verstecken. Wie gern würde er Tiger zuflüstern, dass er vor Leo keine Angst haben brauchte, weil er sein Freund war, doch es kam ihm nicht über die Lippen. Leo würde einem kleinen Tier nichts tun und dennoch spürte Adam das altbekannte Misstrauen in sich, das er sonst nur bei seinem Vater und Fremden hatte. Nie hätte er gedacht, dass sich das Gefühl auch mal beim Anblick von Leo melden würde. 

Der Mann vor ihm schluckte mehrmals und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.

“Adam”, flüsterte er bebend und geriet ins Wanken. Er fing sich am Türrahmen ab und Adam machte erschrocken einen Schritt nach vorn. Der Gestank nach abgestandenen Bier und kaltem Zigarettenrauch drang in seine Nase, zusammen mit Leos Aftershave, das kaum noch den Geruch nach Schweiß überdecken konnte. 

Adam stieß die Tür weiter auf und griff nach Leos Arm, um ihn in die Wohnung zu ziehen. Seine Nachbarn mussten nicht mitbekommen, dass mitten in der Nacht ein Kollege der Kripo betrunken vor seiner Tür auftauchte. 

 

Leo stolperte hinter ihm her in die Wohnung und sackte gegen die Wand des Flures, während Adam die Tür schloss und ihn besorgt musterte.

“Bist du betrunken mit dem Auto gefahren?”, fragte er eindringlich, als Leos Augen flatterten und er im Licht des Flures einen noch erbärmlicheren Eindruck machte. Leo schüttelte den Kopf und murmelte etwas von Taxi, ehe er sich aufrappelte und eine Hand nach Adam ausstreckte. Doch ehe Adam ihm ausweichen konnte - die Situation vom Morgen steckte ihm noch in den Knochen - hob Tiger fauchend seine kleine Tatze und langte nach Leos Hand, der zurückwich und auf den Kratzer auf seinem Handrücken sah. 

Adam räusperte sich verlegen und strich dem Kater auf seinem Arm beruhigend über den Kopf. “Geh schon mal ins Wohnzimmer, ich komme gleich nach!” 

Leo sah ihn für einen Augenblick verwirrt an und Adam wurde schlagartig bewusst, dass Leo sich hier in der Wohnung nicht auskannte, weil er noch nie hier gewesen war. Die Adresse musste er aus seiner Personalakte haben. Oder aus dem Versetzungsgesuch, den Leo jetzt aus der Innenseite seiner Jacke holte, zerknittert und an der oberen Kante eingerissen.

“Ich habe…ich wollte…” Er brach ab und blickte mit traurigem Blick auf das Papier in seiner Hand.

“Das Wohnzimmer ist den Flur runter, geradezu." Adam nickte in die Richtung und Leo seufzte schwer, ehe er sich wankend in Bewegung setzte.

 

Adam ging zurück ins Schlafzimmer, wo er Tiger auf dem Bett absetzte. 

“Du brauchst keine Angst haben, das ist nur Leo. Und den mögen wir”, er stutzte und bohrte seine Zähne in seine Unterlippe. “Vielleicht nicht gerade jetzt, aber im Grunde schon.” 

Tiger sah ihm aufmerksam nach, ehe Adam die Tür anlehnte und aus der Küche sein kleines Erste-Hilfe-Kit und ein Glas Wasser holte. Tiger hatte ihm im Spieltrieb schon öfters die Krallen in die Haut gejagt und auch wenn er Schnittwunden seit seiner Kindheit gewohnt war, wollte er nicht zwangsläufig neue Narben. 

 

Leo hockte auf seinem Sofa, die Lederjacke ausgezogen auf dem Polster neben sich, das zerknüllte Papier auf dem Couchtisch. Sogar die Stehlampe in der Ecke hatte er angemacht und sein verklärter Blick wanderte in ihrem warmen Schein durch den Raum. Verlegen sah er zu ihm auf, als Adam an das Sofa trat und ihm das Glas Wasser in die Hand drückte. Mit einem leisen Dank auf den Lippen leerte er es in großen Schlucken und als er das Glas auf dem Tisch abstellte, griff Adam nach seiner verletzten Hand. Leo zuckte zusammen, als das Desinfektionsmittel in der Wunde brannte und Adam sie behutsam trocken tupfte.

“Was machst du hier, Leo?”, durchbrach er die Stille zwischen ihnen, die mit jeder Minute unangenehmer wurde. Er klebte ein Pflaster auf den Kratzer, aus dem immer noch ein wenig Blut sickerte, und blickte nur kurz zu ihm auf. Die blaugrünen Augen, die ihn sonst alles um sich herum vergessen ließen, waren stumpf und noch trauriger. Seinetwegen mal wieder.

“Ich wollte mich entschuldigen”, nuschelte Leo und seine Finger strichen vorsichtig über Adams Hand. “Ich weiß nicht, was da heute morgen in mich gefahren ist.” Nach dem Glas Wasser lallte er deutlich weniger und wirkte auch sonst wieder klarer. 

Adam entzog ihm seine Hand und lehnte sich seitlich gegen die Sofalehne, so dass er Leo immer noch im Blick hatte.

“Du brauchst dich nicht entschuldigen, Leo!”, sagte er leise und merkte selbst, wie unaufrichtig es klang. Leo schüttelte umgehend den Kopf.

“Als dein Teamleiter hätte ich dich nicht angreifen dürfen, nicht so und auch sonst nicht, wie in den letzten Monaten.” Er rieb sich seufzend über das Gesicht. “Und schon gar nicht als dein Freund.”

 

Adam schnaubte und selbst in seinen Ohren klang es viel zu spöttisch. Leo zuckte zusammen und hob den Kopf. Reue stand in seinen Gesichtszügen, die Adam schnell wieder wegschauen ließ.

“Du hattest jedes Recht dazu auf mich wütend zu sein und dem auch Ausdruck zu geben.” Seine Worte klangen wie einstudiert, so oft hatte er sie sich in letzter Zeit eingeredet, dass er Leos Wut verdiente und er büßen musste.

Leo schüttelte wieder den Kopf, strich sich mit der Hand die wirren Strähnen aus der Stirn und starrte auf das Pflaster auf seinem Handrücken.

“Vielleicht hatte ich jeden Grund dazu sauer auf dich zu sein für die ganze Scheiße, aber nicht so.” Er leckte sich über die Lippen. “Ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist. Ich habe gesehen, wie sehr du dich bemüht hast, es wiedergutzumachen und statt es anzunehmen, mich zu freuen, dass ich dir vielleicht doch nicht so egal bin, wie ich dachte, hat es mich wütend gemacht.” 

Leo wandte den Kopf in seine Richtung, die graublauen Augen mit den Tränen gefüllt. 

“Ich war so wütend, Adam. Auf alles und jeden und besonders auf dich, weil du plötzlich nicht mehr das Arschloch warst, für das ich dich gehalten habe und von dem ich loskommen wollte. Plötzlich warst du wieder der Adam, den ich von früher kannte. Der Verletzliche, der auf seine Art und Weise Liebevolle. Fuck, du hast sogar einen Kater aus dem Tierheim adoptiert.” Er schluchzte trocken auf. “Ich hatte Angst, dass alles wieder von vorne beginnt, wenn ich dich an mich ranlasse, dass alles am Ende nur ein Spiel von dir ist und ich wieder der Dumme bin!”

 

Die Tränen rollten nun über Leos Wange, was er gar nicht zu bemerken schien und Adam vergrub seine Hände zwischen seinen Oberschenkeln, um sie ihm nicht aus dem Gesicht zu streichen. Etwas zog schmerzvoll in seiner Brust, riss an ihm und wollte ihn niederringen, damit er sich einfach gegen Leo fallen ließ und sie vielleicht einander auffangen konnte. Leo auf seinem Sofa, so offen und gesprächsbereit, wie er es sich in den letzten Monaten gewünscht, kratzte an seinen Nerven. Er spürte noch wie ein Phantom Leos Fäuste gegen seine Brust, die ihm den Atem nahmen, sah den kalten Blicke und die Abneigung vor sich. 

Das leere Glas klirrte auf dem Tisch, als Leo mit dem Fuß gegen den Tisch stieß und sich nervös seine Hände rieb. 

“Es tut mir leid, Adam. Du hast so viel Gewalt in deinem Leben erfahren und ich habe es nicht besser gemacht.” Adam wollte protestieren, doch Leo schüttelte den Kopf. “Ich weiß nicht, was ich machen soll. Dich im Büro zu sehen und mit dir zu arbeiten, geht gerade nicht, aber ich will auch nicht, dass du wieder verschwindest und ich alleine bin.” Leo presste die Augenlider zusammen und krümmte sich, als hätte er Schmerzen.

“Ich muss lernen, die Wut in den Griff zu kriegen, um überhaupt zu verstehen, was ich will. Vielleicht sollte ich mir auch endlich Hilfe suchen, so wie du es gemacht hast. ” Er blickte beinahe schüchtern auf und Adam schluckte schwer.

“Ich habe das für dich gemacht, weißt du?”, murmelte Adam leise und hielt Leos Blick. “Weil ich für dich besser sein und meinen Scheiß endlich auf die Reihe kriegen wollte, damit ich dir nicht mehr weh tue. Nur manchmal ist es auch zu spät für Einsicht.”

Leo schniefte und wischte sich nun doch die Tränen fort, die sich in seinem Bart sammelten. 

“Ich hätte dir zuhören sollen”, presste er heiser hervor und sein ganzer Körper zitterte unter den Schluchzern. Adam rutschte nun doch näher und streckte vorsichtig die Hand nach Leo aus. Der Jeansstoff war rau unter seiner Hand und er spürte die Wärme, die Leos Körper ausstrahlte. 

 

Ein Schluchzen entfuhr Leo und er krallte seine Hand um Adams, als würde er zu ertrinken drohen. Vielleicht taten sie das auch beide. Sie ertranken im Meer aus Schmerz und Liebe zueinander, auf dem sie beide wie ankerlose Boote getrieben waren, die Rettung bei dem anderen suchend. Nur waren sie beide zu kaputt, als dass sie einander helfen konnten. Wie sollten sie die Last des anderen mittragen, wenn sie doch selbst fast zerbrachen. 

Zitternd holte Leo Luft und seine Atemzüge wurden wieder gleichmäßiger. 

“Eine Frau Zimmermann aus Leipzig hat angerufen vorhin, da sie gehört hat, dass du um Versetzung bittest.” Adam hörte die Frage, die in seinen Worten mitschwang.

“Mein Kumpel Moritz hat das eingefädelt”, sagte er behutsam und strich mit dem Daumen über Leos Handrücken. Der Griff seiner Hand hatte sich etwas gelockert, aber er hielt immer noch an ihm fest. 

Leo nickte matt und wischte sich mit der freien Hand über die Augen.

“Ich habe meine Empfehlung ausgesprochen”, sagte er mit brüchiger Stimme und Adam zögerte einen Augenblick, ehe er tief Luft holte.

“Es ist vorerst nur für sechs Monate. Danach würde ich erstmal wiederkommen.”

Leo sah auf und sein Blick bohrte sich in seinen. 

Schwach lächelte Adam. 

“In einem halben Jahr kann viel passieren. Vielleicht wissen wir danach beide besser, wie es weitergehen soll. Abstand–” Seine Stimme versagte und er räusperte sich. Er wollte keinen Abstand zu Leo, hatte er noch nie gewollt. Doch die Nähe, wie sie im Augenblick war, tat ihm nicht gut, tat Leo nicht gut. Er musste der Vernünftige von ihnen sein und diesen Schritt für sie beide gehen. Er holte Luft. 

“Abstand wird uns guttun, Leo.” 

Leo nickte erschöpft und schloss die Augen. 

 

Er hörte ein leises Maunzen und sie beide zuckten zusammen. Tiger saß auf dem Teppich neben ihnen und schaute sie mit schief gelegtem Kopf an. Lächelnd beugte sich Adam nach unten und hob ihn hoch.

“Magst du unserem Besuch jetzt freundlicher Hallo sagen?”, flüsterte er dem Kater zu und setzte ihn zwischen sich und Leo ab. Leos verweintes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, als er vorsichtig seine freie Hand ausstreckte und mit einem Finger Tiger über dem Kopf strich. 

“Du und eine Katze”, murmelte er und Adam lachte leise. 

“Manchmal führt das Leben die merkwürdigsten Begegnungen zusammen.” Wie uns, wollte er noch sagen, doch er schluckte die Worte runter. An Leos Blick, der sich von Tiger zu ihm hob, erkannte er auch so, dass er die versteckte Botschaft verstanden hatte. 

“Willst du heute Nacht hier bleiben? Du siehst nicht aus, als solltest du heute irgendwo noch alleine hinfahren.”

Adam wollte ihn fragen, wo er überhaupt gewesen war, warum er getrunken hatte. Doch Leo sah aus, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen und Adam wollte ihn nicht noch weiter drängen. 

 

Leo atmete erleichtert auf. 

“Wenn es in Ordnung für dich ist?” 

Adam nickte und drückte zur Bestätigung die Hand, die immer noch Leos hielt. 

“Wir können ja morgen weiterreden?”, tastete er sich vorsichtig vor und Leo nickte zustimmend.

“Das wäre schön!”, flüsterte er und gluckste leise, als Tiger zu ihm auf den Schoß kletterte und sich an ihn schmiegte. Adam lächelte sanft. Sein Kater hatte diesen Mann nach anfänglichen Schwierigkeiten in sein Herz geschlossen.

 

Als Leo wenig später auf dem Sofa lag und sich in die Decke und das Kissen kuschelte, das Adam seit jeher für ihn bereit hielt, löste sich etwas in Adams Brust und er ließ ihn freier atmen. Noch lange war es nicht wieder gut zwischen ihnen und es bestand auch keine Garantie, dass es das je sein würde. Aber sie hatten einen wichtigen Schritt gemeinsam gemacht und er würde darum kämpfen, dass sie auch die nächsten gemeinsam gingen. 

Er löschte das Licht, Tiger auf seinem Arm und einen letzten Blick auf Leo werfend, der innerhalb weniger Sekunden eingeschlafen war. 

“Schlaf gut, Tiger”, flüsterte er liebevoll in die Dunkelheit und bekam ein leises Schnarchen von Leo als Antwort.



Notes:

Katzengras, Leckerlis und Streicheleinheiten in Form von Kudos oder Kommentaren sind herzlichst willkommen!