Chapter Text
"Wilson et al (1981) gelang der erste Versuch, das Shielding auch auf physisch-verletzende Seelenverwandtschaften zu übertragen. Im klinischen Setting berichtete keiner der Proband*innen von darauffolgenden physischen, psychischen oder sonstigen Beeinträchtigungen. Mit dem Aufkommen von Shielding-Expert*innen und -trainer*innen entbrannte jedoch in der Seelenverwandtschaftscommunity ein reger Austausch über Sinn, Unsinn und moralische Verwerflichkeit der Techniken (vgl. Schneider 1984; vgl. Millovic 1983).
Trotz der teilweise heftigen Abwehrreaktionen aus Teilen der Community (vgl. Robertson 1985) hat sich Shielding mittlerweile doch als regulärer Bestandteil in vielen Seelenverwandtschaften etabliert. Dennoch ist anzumerken, dass der Anteil an Seelenverwandten, die aktiv Shielding betreiben, seit Beginn der Forschung ziemlich konstant bei circa 30% der Betroffenen (vgl. Knies 2016) lag. Die von Wilson et al. angekündigte “Zeitenwende” (1981, 4) kam somit nicht zustande, da nie eine Mehrheit der Betroffenen vom Nutzen des Shieldings überzeugt werden konnte.
Von den Seelenverwandten, die Shielding betreiben, ist die große Mehrheit in einer eher physisch-verletzenden Seelenverwandtschaft (87 % laut Knies 2016, 273). Dies ist zumindest bemerkenswert, da die ursprüngliche 'Entdeckung' der grundsätzlichen Möglichkeit des Shieldings in rein emotional-emotiven Seelenverwandtschaften stattgefunden hatte (vgl. Benoit 1976).
Zur Frage, ob Shielding eher zum Verhindern des ‘Rüberschickens’ oder mehr zur Verhinderung des Empfangs des ‘Rübergeschickten’ genutzt wird, ist die aktuelle Studienlage dünn. Hirschfeld (2014b) bemerkt zwar, dass “Seelenverwandte zu großen Teilen mit instinktiver Abwehr reagieren, wenn die Frage des sogenannten 'Abwehr-Shieldings' (d.h. das Verweigern der Schmerzen des Gegenübers, Anm. d. Verf.) angesprochen wird” (46), aber mehr als Einzelfall-Berichte gibt es hierzu leider noch nicht."
Gudrun von Ribbeck, Seelenverwandtschaft - Entmystifizierung des Unerklärbaren (2016)
Neustadt am Rübenberge, Januar 1998 (Leo ist gerade 11 Jahre alt geworden)
Mittlerweile waren Weihnachten, Silvester und Leos 11. Geburtstag gekommen und gegangen. Das Shielding Training mit Dr. Nowak in Hannover war zur neuen Normalität geworden. Sie hatten sogar die Treffen statt jede Woche auf alle zwei bis drei Wochen runtergefahren.
(Leo hatte die geheime Vermutung, dass Dr. Nowak auf mehr Fortschritte bei Leos Shielding gehofft hatte und ihm jetzt die Lust ausging, mit Leo daran zu arbeiten. Aber er behielt diesen Gedanken lieber für sich. Je weniger er zum Shielding musste, desto besser.)
Zum Ende des ersten Halbjahres fanden in der Schule “Projektwochen” statt. Alle Jahrgänge mussten teilnehmen, hatten aber unterschiedliche Themen. Caro und die anderen 7. Klässler hatten “Suchtpräventionstage”, damit sie keine Drogen nahmen und andere Jahrgänge irgendwas mit Sport oder Ausbildungen. Leos Klasse und die anderen 5. Klassen hatten als Thema “Seelenverwandtschaften”. Leos Klassenlehrer hatte betont, dass das wichtig sei, weil sie ja bald in die Pubertät kommen würden und dann könnten sie “auch die Symptome bekommen”.
Leo fiel es richtig schwer, da nicht Herr Schulze ins Wort zu fallen und ihm zu sagen, dass man Seelenverwandtschaften auch schon früher bekommen konnte. Frau Dr. Gerdes hatte ihm erklärt, dass man ganz lange gedacht hatte, dass die Pubertät das Awakening auslösen würde, aber dass das mittlerweile von Forschern widerlegt worden war.
Aber anscheinend wusste das Herr Schulze nicht.
Doch Leo wollte nicht erklären müssen, warum er sich so mit Seelenverwandtschaften auskannte. Er hatte das Gefühl, dass die anderen in der Klasse ihn sowieso schon für ein bisschen komisch hielten, weil er nie beim Fußball spielen in der Pause mit machte, und da wollte er lieber nicht auffallen.
Außerdem verstand seine Seelenverwandtschaft eh niemand so richtig. Jedenfalls nicht so gut wie er. Und er fand, er hatte schon genug Leute, die ihm da reinreden wollten.
Als Leo das Thema in der Grundschule gehabt hatte, hatte er sich super gefreut, weil er Seelenverwandtschaften einfach spannend fand und er noch die leise Hoffnung gehabt hatte, dass der magische Maler doch eigentlich eine Seelenverwandtschaft war.
Jetzt wusste er, dass er eine Seelenverwandtschaft hatte. Doch der magische Maler war auf einmal nicht mehr so magisch, sondern eher eine ungesehene Bedrohung; ein Gegner, der seine Seelenverwandtschaft quälte. Die Seelenverwandtschaft würde Leo niemals aufgeben wollen, aber so mit anderen darüber zu reden, als wenn ihn das gar nichts angehen würde …
Darauf hatte er keine große Lust.
Darum fand Leo die anstehenden Projekttage eh schon anstrengend und wollte am liebsten, dass sie schnell vorbeigingen.
Und dann erfuhr er, dass die Schulleitung einen besonderen Redner eingeladen hatte, der sogar vor der ganzen Schule einen Vortrag über Seelenverwandtschaften und Awakenings in der Aula halten sollte.
Herr Schulze sagte am Freitag vor der Projektwoche, dass das etwas ganz Besonderes sei.
“Normalerweise sind solche Wissenschaftler immer viel zu beschäftigt, um an Schulen Vorträge zu halten, aber wir haben dieses Jahr einfach total viel Glück: er hatte Zeit und Lust und kommt darum zu uns ans Gymnasium!”
Im ersten Moment dachte Leo, dass er vielleicht von diesem Redner etwas Neues lernen konnte. Wenn er ein Seelenverwandtschaftswissenschaftler war, dann würde er doch bestimmt mindestens so viel darüber wissen wie Frau Dr. Gerdes.
Und dann sagte Herr Schulze, wer der Wissenschaftler war.
Dr. Nowak.
Am liebsten wäre Leo im Boden versunken, obwohl das natürlich Quatsch war. Niemand aus seiner Klasse konnte ihm ansehen, dass er Dr. Nowak kannte. Aber Leo fühlte sich trotzdem beobachtet.
Hoffentlich würde Dr. Nowak ihn nicht grüßen oder so was.
Zum ersten Mal wünschte sich Leo, dass er den Shielding Termin noch vor sich hätte. Dann hätte er Dr. Nowak sagen können, dass an seiner Schule niemand wusste, dass er eine Seelenverwandtschaft hatte.
Aber die Sitzung war schon am Dienstag gewesen und eigentlich hätte Leo jetzt zwei Wochen Pause von Dr. Nowak gehabt.
Tja. Denkste.
Leo seufzte.
Und dass er an Leos Schule kommen würde, hatte Dr. Nowak natürlich mit keinem Wort erwähnt.
(Leo hatte zwar auch nichts von der anstehenden Projektwoche erzählt, aber das musste er ja auch nicht. Er schuldete Dr. Nowak gar nichts. Aber er fand, dass Dr. Nowak ihm schon eine Warnung hätte geben können.)
So kam es, dass Leo mit einem sehr unguten Gefühl in die Projektwoche startete.
Der erste Tag war dann aber gar nicht so schlimm: eine Gruppenarbeit, in der sie Plakate erstellen sollten, auf denen sie erklärten, was Seelenverwandtschaften waren, welche Typen es gab, was wichtige Zeitpunkte waren und welche Merkmale insbesondere beim Awakening vorkommen konnten.
Leo war sich ziemlich sicher, dass er sich dabei nicht groß verraten hatte. Er hatte nämlich ganz genau darauf geachtet, dass er in seiner Gruppe nur Informationen nutzte, die in den Texten standen, die Herr Schulze ihnen als Quellen gegeben hatte.
Auch der Dienstag war besser, als Leo befürchtet hatte. In den ersten zwei Stunden hatten sie einen Film geguckt (“Jerry Maguire – Spiel des Lebens”) und sollten dann aufschreiben, wie die Seelenverwandtschaft zwischen Jerry und Dorothy dargestellt worden war und woran sie sie bemerkt hatten.
Dabei war Leo aufgefallen, dass die meisten Seelenverwandtschaften auch Pärchen waren. So wie Jerry und Dorothy im Film. Aber wenn Leo an seine Seelenverwandtschaft dachte, dann stellte er sich immer einen besten Freund oder eine beste Freundin vor.
Auf den Gedanken, dass er auch direkt in seine Seelenverwandtschaft verliebt sein sollte, war er noch gar nicht gekommen.
Aber als sie in der 5. Stunde alle zusammen über den Film diskutierten, redete keiner über das Verliebtsein. Nur über die Seelenverwandtschaft.
Anscheinend fand es niemand bemerkenswert, dass Jerry und Dorothy verliebt waren und seelenverwandt. Als wäre das normal. Oder als wären sie verliebt, weil sie seelenverwandt waren.
Leo biss sich auf die Lippen, um diese Fragen nicht Herrn Schulze zu stellen. Stattdessen nahm er sich vor, bei der nächsten Untersuchung Frau Dr. Gerdes zu fragen. Vielleicht war das mit dem Verliebt-sein-in-seine-Seelenverwandtschaft ja auch so etwas wie das Awakening und die Pubertät: Nur weil alle in der Schule das sagten, musste es noch lange nicht stimmen.
Aber eine Sache fand Leo doch gut an dem Film. Ein Satz, über den Herr Schulz auch lange mit ihnen geredet hatte: "Du vervollständigst mich."
Das gestand Jerry am Ende des Films seiner Seelenverwandten und den Gedanken fand Leo toll. Er stellte sich gerne vor, dass seine Seelenverwandtschaft die Dinge gut können würde, die ihm schwer fielen. Freunde finden zum Beispiel, Englisch lernen oder sich auf die Schnelle Ausreden einfallen lassen.
(Leo war sich sicher, dass er seiner Seelenverwandtschaft dabei helfen könnte, sich gegen den Gegner zu wehren, der sie ständig verletzte.
Da würden sie sich bestimmt auch ergänzen.
"Vervollständigen" eben, wie im Film.
Ein gutes Team - Seelenverwandt halt.)
—
Und dann wurde es Mittwoch. Der Tag des Vortrags.
Leo stand mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auf. Er wusste nicht mal so genau, warum er den Gedanken so komisch fand, dass Dr. Nowak eine Rede vor allen halten würde.
Leo würde ja einfach nur im Publikum in der Aula sein. Nichts Besonderes. Nicht auffallen.
Trotzdem konnte er ein blödes Gefühl nicht abschütteln.
Er war dann auch fast gar nicht überrascht, dass seine Seelenverwandtschaft einen ähnlich blöden Tag vor sich haben würde wie Leo. Das war jedenfalls sein erster Gedanke, als er während des Frühstücks auf einmal wieder von Po-Schmerzen überfallen wurde. Zum Glück hielten die nie super lange an, aber mit einem wunden Po auf einem harten Stuhl in der Schulaula zu sitzen, würde definitiv kein Spaß werden.
Immerhin hatte er noch Zeit, sich vor der Schule von Papa mit Aloe Vera Creme verarzten zu lassen.
Leo war zwar immer krebsrot im Gesicht, solange Papa da an seinem Po herumwerkelte, aber die Creme half.
Wie so oft in diesen Situationen hoffte Leo, dass seine Seelenverwandtschaft neben Leos stiller Hilfe aus der Ferne auch jemanden hatte, der ihn mit Creme versorgte.
—
Die Schulaula war brechend voll. So viele seiner Mitschüler hatte Leo noch nie auf einem Haufen gesehen. Leo hielt nach Caro Ausschau, konnte sie aber in der Menge nicht finden, obwohl er ihre Freundin Hanna direkt gesehen hatte.
Leo hatte es geschafft, einen Platz in einer der mittleren Sitzreihen zu ergattern. Wie erwartet war es recht unangenehm auf dem harten Stuhl zu sitzen, aber immerhin verschwand er so in der Masse der Zuschauer und hatte Zeit, diejenigen zu beobachten, die weniger Glück mit den Sitzplätzen gehabt hatten als er.
Manche lehnten sich an die Wand oder setzten sich auf die Stuhllehnen am Rand der Sitzreihen. Trotz der vollen Aula schoben sich langsam von hinten immer noch Schüler hinein und drückten die Gegen-die-Wand-Lehner noch weiter an die Wand.
Leos Uhr nach hatten sie noch fünf Minuten bis zum Vortrag. Die vielen Menschen in der Aula sorgten dafür, dass es richtig warm wurde und Leo war froh, dass er eine Pullover-Jacke an hatte, die er ausziehen konnte. Während er sich vorsichtig aus den Ärmeln schälte, drückten sich seine Oberschenkel und Po schmerzhaft in den Sitz und Leo verzog das Gesicht.
Gott sei dank war es recht dunkel. Nicht, dass jemand ihn jetzt fragte, ob ihm etwas weh tat. Wobei – er saß neben Kolja und Max, die sich eh für nichts außer Fußball interessierten.
Noch drei Minuten. Wenn Dr. Nowak pünktlich war. Was wahrscheinlich war. Bisher hatte er noch keine von Leos Sitzungen verspätet begonnen, obwohl Leo wirklich nicht böse gewesen wäre.
Leos Gedanken schweiften wieder zu seiner Seelenverwandtschaft ab. Ob sie auch gerade auf einem unbequemen Stuhl in der Schule saß? Vielleicht war sie ja sogar gerade hier, in Neustadt. Leo malte sich aus, wie seine Seelenverwandtschaft in einem Klassenzimmer, das seinem zum Verwechseln ähnlich war, auf einem Holzstuhl saß und zur Tafel guckte. Vielleicht war seine Seelenverwandtschaft ja sogar auf seiner Schule und sogar gerade hier bei dem Vortrag?
Verstohlen schaute Leo sich noch mal um.
Aber im Halbdunkel der Aula fing niemand seinen Blick auf oder beachtete ihn sonderlich. Frau Dr. Gerdes hatte zwar gesagt, dass ein Erkennen-auf-Ersten-Blick selten war, aber es gab sowas anscheinend. Wie Liebe auf den ersten Blick.
Dann wurde das Geraune auf einmal lauter und die Tür hinter der Bühne öffnete sich. Leo schaute verstohlen auf seine Armbanduhr: Dr. Nowak war pünktlich auf die Minute.
Er wurde vom Schulleiter zu einem Pult auf der Bühne begleitet, an dem ein Mikrofon befestigt war. Herr Günzel tappte mit dem Zeigefinger gegen das Mikro und ein lautes boch boch durchbrach das Gemurmel.
“Meine liebe Schülerschaft, wenn ich einmal um Ruhe bitten dürfte!", sprach Herr Günzel in das Mikro.
Langsam wurde es stiller. Leo dachte bei sich, dass es nicht unbedingt etwas mit Herrn Günzels Aufforderung zu tun hatte, sondern eher damit, dass die älteren Schüler angefangen hatten “Ruhe” zu zischen und denjenigen, die noch laut waren, böse Blicke zu zu werfen.
“Es ist mir eine große Ehre,” setzte Herr Günzel wieder an, als endlich so etwas wie Stille herrschte, “hier an unserer Schule einen solch geschätzten Experten für Seelenverwandtschaften begrüßen zu dürfen. Doktor Nowak bedarf eigentlich keiner Einführung, aber ich kann es mir doch nicht verkneifen.”
Er lachte kurz auf und redete dann weiter, aber Leo hörte nicht mehr zu. Dr. Nowak kannte er schließlich schon gut genug.
Stattdessen beobachtete er weiter die anderen Schüler und stellte dabei überrascht fest, dass sogar Kolja und Max ruhig waren und Herrn Günzel gebannt zuhörten. Normalerweise waren bei den Reden des Schulleiters nie alle so still.
Anscheinend gab es neben Hannover 96 doch noch etwas, wofür sich Kolja und Max interessierten. Seelenverwandtschaften. Wer hätte das gedacht.
Da musste Leo grinsen. Wenn die wüssten …
Er stellte sich kurz vor, wie groß Koljas Augen werden würden, wenn er wüsste, dass Leo Teil einer Seelenverwandtschaft war. Und zwar einer ganz besonderen. So besonders, dass sogar der große Dr. Nowak (Leo rollte innerlich mit den Augen) mit ihm zusammenarbeiten wollte!
Doch einen Moment später verging Leo die Laune am Herausposaunen. Seine Seelenverwandtschaft war schließlich nicht für andere da.
Mittlerweile hatte Herr Günzel wohl alles gesagt, was er für eine Einführung wichtig hielt, denn er trat zur Seite und machte eine einladende Handbewegung zu Dr. Nowak.
Applaus brandete auf.
Dabei hatte Dr. Nowak noch nicht mal was gesagt.
Leo verzog das Gesicht. Vorschusslorbeeren waren das.
Er hoffte, dass Dr. Nowak nervös war, vor so einer großen Gruppe zu sprechen.
Er sah aber leider gar nicht nervös aus. Im Gegenteil, Dr. Nowak schien unter dem hellen Licht der Scheinwerfer, die auf das Pult gerichtete waren, eher aufzublühen. Wo Herr Günzel blass und bleich erschienen war, sprühte Dr. Nowak fast vor Energie.
“Lieber Herr Günzel, vielen Dank für die netten Worte, da kann man ja direkt rot werden!” Dr. Nowak sprach ohne zu zögern ins Mikro und lachte direkt sein Nicht-Komisches Lachen (und wurde, wie Leo auffliel, kein bisschen rot).
“Ich freue mich sehr, hier an das Gymnasium Neustadt kommen zu dürfen. Vor zwei Wochen durfte ich noch auf dem International Science of Soulmateism Kongress in Sydney einen Key Note Speech vor den führenden Seelenverwandtschaftswissenschaftlern der Welt halten und heute bin ich hier: in Neustadt am Rübenberge! Und natürlich sind beide Vorträge von gleicher Wichtigkeit. Denn was könnte es Wichtigeres geben, als der Jugend von heute die Faszination und Vorgänge von Seelenverwandtschaften näher zu bringen? Schließlich sitzen hier die Köpfe und Seelenverwandten von Morgen!”
Leo hätte am liebsten laut geschnaubt. In ihren Sitzung hatte Dr. Nowak immer wie beiläufig erwähnt, wie seltsam es war, mit einem “so jungen Menschen” zu arbeiten, wenn er doch sonst nur mit Erwachsenen zu tun hätte.
"Mein besonderes Steckenpferd", fuhr Dr. Nowak fort, "ist natürlich wie Herr Günzel bereits erwähnt hat, das Shielding in schmerzhaften Seelenverwandtschaften. Doch um diese Thematik verstehen zu können, muss man natürlich früher ansetzten–"
Leo schaltete wieder ab.
Shielding in physisch-verletzenden Seelenverwandtschaften? Damit kannte er sich aus.
(Zumindest in der Theorie.)
Statt Dr. Nowaks Rede weiter zuzuhören, stellte Leo sich lieber vor, wie er seiner Seelenverwandtschaft helfen würde, wenn er endlich wüsste, wer er oder sie war. Wie sie zusammen sie den Gegner besiegen würden und danach beste Freunde wären.
Wie genau das ablaufen sollte, war in Leos Fantasie immer unterschiedlich, aber das Ergebnis war das selbe: der Gegner musste ins Gefängnis und Leos Seelenverwandtschaft brauchte nie wieder Angst vor ihm haben. Leo konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand eine Chance gegen seine Seelenverwandtschaft und ihn hatte, wenn sie sich erstmal gefunden hatten.
Plötzlich riss ihn ein Ellbogen, der ihm in die Seite gestoßen wurde, aus seinen Gedanken. Kolja war auf seinem Sitz hin und her gerutscht und so bemerkte Leo auf einmal, dass die beinah ehrfürchtige Stille, die zu Anfang von Dr. Nowaks Rede geherrscht hatte, einer unruhigen Spannung gewichen war.
"Die Frage ist natürlich berechtigt", sagte Dr. Nowak gerade. "Ich kann nicht verschweigen, dass ich auch einen höchstpersönlichen Grund dafür habe, warum ich ausgerechnet hier, am Gymnasium Neustadt, diesen Vortrag halte und dass ich mich auch in Zukunft mehr der direkten Kommunikation mit jungen Menschen wie euch widmen möchte."
Wie bitte?
Wovon redete der?
Leo wurde auf einmal heiß. Dr. Nowak konnte doch nicht Leo meinen?
"Mir ist in der letzten Zeit klar geworden, dass die Forschung an Seelenverwandtschaften sich nicht weiter von den Menschen entfernen darf, die es betrifft: Seelenverwandte. Und die zukünftigen – oder aktuelle, wer weiß! – Seelenverwandtschaftsinhaber müssen dort abgeholt werden, wo sie sind, um bestmöglich auf das Leben mit einer Seelenverwandtschaft vorbeitet zu werden. Und ja, das kann auch Shielding beinhalten! Aber ich will nicht länger um den heißen Brei herum reden, was meinen persönlichen Bezug zu diesem Gymnasium als Ausgangspunkt für diese Überlegungen angeht."
Dr. Nowak machte eine Pause in seiner Rede und Leo fühlte sich, als ob heiße Blitze in seinem Magen einschlagen würden.
Er hielt die Luft an und sein Herz gallopierte in seiner Brust.
Dr. Nowak durfte doch gar nicht über Leo sprechen, oder?
Oder?
Plötzlich fiel Leo ein, dass Dr. Nowak mit ihm nie über ihr "professionelles Verhältnis" gesprochen hatte, so wie Frau Dr. Gerdes das früher gemacht hatte.
Gab es kein Schweigegebot für Dr. Nowak?
"Mein Patenkind Sofia ist im September hier auf dem Gymnasium eingeschult worden!"
Leo atmete schwer aus. Sein Herz klopfte noch wie wild, aber der Druck auf seiner Brust wurde schon weniger.
Puh.
Also ging es nicht um Leo.
Dr. Nowak fuhr mit seiner Rede fort und jetzt war Leo zu angespannt, um seine Gedanken abschweifen zu lassen. Er hing jetzt förmlich an Dr. Nowaks Lippen um ja nicht zu verpassen, falls er nicht doch noch Leo irgendwie erwähnen würde.
Doch das tat er nicht.
Nach 20 Minuten war der Spuk vorbei. Dr. Nowak war von Herrn Günzel unter großem Applaus von der Bühne geholt worden und die Lehrer begannen, ihre Klassen wieder in die Klassenzimmer zu lotsen.
Leo ließ sich von der Menge mitziehen und orientierte sich nur halbherzig an Kolja und Max.
Er hatte das Gefühl, er wäre gerade mit etwas davon gekommen.
Im Flur vor der Aula zog ihn auf einmal jemand am Ärmel und in eine ruhige Ecke.
"Da bist du ja!" Es war Caro, die plötzlich neben ihm stand. "Ich hab dich gesucht!"
"Ich hab nur Hanna gesehen." Verwirrt bemerkte Leo, dass Caro etwas durch den Wind aussah. "Ist alles okay?"
"Oh Leo!", zog Caro ihn nun an sich ran. Sie drückte ihn fest an sich und Leo erwiderte die Umarmung nur aus Reflex.
"Ich dachte voll, der redet gleich von dir!", flüsterte Caro ihm ins Ohr. "Ich hab da drinnen fast den Verstand verloren!"
Oh.
Leo war irgendwie erleichtert, dass er nicht der einzige gewesen war, dem bei Dr. Nowaks Rede bange geworden war.
Persönlicher Grund, warum gerade dieses Gymnasium, also wirklich.
Langsam löste sich Leo aus der Umarmung.
"Ja, ich fand's auch voll komisch. Aber ist ja alles okay."
Caro drückte kurz seinen Oberarm und zeigte dann über ihre Schulter. "Ich muss dann wieder zurück zu den anderen."
Leo nickte. "Bis nachher dann."
—
Als Leo nachmittags wieder nach Hause kam, war ihm, als würde ein Stein von seinem Herzen fallen. Der Vortrag war lag hinter ihm und Dr. Nowak hatte seine Seelenverwandtschaft nicht ausgeplaudert.
Jetzt, da alles vorbei war, kam sich Leo fast schon ein bisschen dumm vor. Natürlich würde Dr. Nowak nicht vor der ganzen Schule über Leos Seelenverwandtschaft sprechen. Caro hatte beim Abendbrot tatsächlich gefragt, wie das mit "Patientenvertraulichkeit" beim Shielding aussähe und Papa hatte gesagt, dass das ganz klar geregelt war und "Shielding-Eperten wie Dr. Nowak auf keinen Fall etwas über die Identität oder die Inhalt der Arbeit mit ihren Klienten verraten dürfen".
Leos Papa arbeitete ja bei einer Versicherung und eine Versicherung bezahlte ja die Treffen von Frau Dr. Gerdes und Dr. Nowak, darum war Leo sich sicher, dass sein Papa sich damit auskannte.
Leo musste also nur noch die letzten zwei Projekttage überstehen und dann war die Schule wieder eine seelenverwandtschaftsfreie Zone.
—
Am nächsten Morgen lief Leo auf dem Weg zur Schule seiner vielleicht-eine-Freundin/vielleicht-nur-eine-Klassenkameradin Marie in die Arme.
(Leo wusste nie, ab wann man offiziell als Freunde galt. Reichte es schon, sich jeden Morgen den Schulweg zu teilen?)
Normalerweise unterhielten sie sich kurz über die Hausaufgaben ("Hatten wir in Bio was auf?") oder die anstehenden Klassenarbeiten, aber heute war Marie schon nach einem kurzen "Hallo, wie geht's?" nicht zu bremsen. Sie redete dabei so schnell, dass Leo ein paar Sekunden brauchte um herauszufinden, worum es überhaupt ging.
Um Sofia.
Die Patentochter von Dr. Nowak aus der 5b.
Die anscheinend gestern gesagt hatte, dass ihr Patenonkel auf jeden Fall mit einem Schüler vom Neustädter Gymnasium Shielding machen würde.
Und sie wüsste auch mit wem.
Leo wurde gleichzeitig heiß und kalt.
Das konnte doch nicht sein. Oder?
Oder?!
Marie war sich jedenfalls sicher, dass "irgendjemand aus unserer Stufe garantiert eine Seelenverwandtschaft hat!"
Zum Glück war Marie von Leo schon eine gewissse Schweigsamkeit gewöhnt, darum war Leo sich recht sicher, dass sie nicht viele Antworten von ihm erwartete.
Was hier seine Rettung war, denn ihm fehlten vor lauter Grauen die Worte.
Konnte Sofia wirklich von ihm wissen? Hatte Leos Papa doch nicht recht gehabt?
—
Diese Frage beschäftigte Leo so sehr, dass er sich kaum auf den Unterricht konzentrieren konnte. Aber was sollte er da auch lernen: dass er eine Seelenverwandtschaft hatte, wusster er ja schon. Viel wichtiger war jetzt – wer ausser ihm (und Caro) wusste das noch?
Darum ging Leo in der ersten großen Pause nicht wie sonst in die Schulbücherei, sondern mit dem Rest seiner Klasse auf den Schulhof. Dort hatte sich schon eine Traube aus seinen Mitschülern gebildet, die sich um ein Mädchen mit langen, brauen Haaren geschart hatten.
War das Sofia?
Marie und ihre Freundinnen Sonja und Lea liefen zielstrebig auf die Gruppe zu und Leo beschloss, sich unauffällig dazu zu gesellen.
Das Mädchen, dem alle zuhörten, trug einen dicken Wintermantel und hatte einen hellblauen Diddl-Schal um. Außerdem hatte sie sogar eine Mütze von Diddl!
"Ja, mein Onkel erzählt mir immer total viel von seiner Arbeit", hörte Leo sie sagen. "Also, wie man shieldet und so."
Das Mädchen – Leo war sich jetzt ziemlich sicher, dass das Sofia sein musste – blickte ernst in die Runde. "Shielden ist total das Muss für schmerzhafte Seelenverwandtschaften. Die wollen alle shielden und kommen dann zu Onkel André."
"Krass", sagte Martin, den Leo aus seiner alten Grundschulklasse kannte. "Dann kennt dein Onkel ja bestimmt voooll viele Seelenverwandte!"
"Ja, total." Sofia nickte. "Er will gerade den armen Leuten aus den schmerzhaften Seelenverwandtschaften helfen. Die können quasi gar nicht ohne ihn und sein Shielding Training."
Leo spürte Widerspruch in sich aufsteigen. Er konnte wunderbar ohne Shielding auskommen.
Doch Sofia war anscheinend noch nicht fertig mit ihrem Vortrag: "Mein Onkel hat gesagt, dass schmerzhafte Seelenverwandtschaften voll schlimm sind für die. Die Leute mit den schmerzhaften Verbindungen sind immer sooo dankbar, wenn sie einen Platz bei ihm bekommen und endlich ihr Leiden aufhört."
"Man sagt aber gar nicht 'schmerzhafte' Seelenverwandtschaften, sondern 'physich-verletzende' dazu."
Plötzlich wurde es still in der Gruppe und ein paar Köpfe drehten sich zu Leo um.
Hatte er das gerade gesagt?
Oh Mist.
Leo spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß, aber wollte jetzt auch nicht klein beigeben. Er schluckte, hielt Sofias Blick aber stand.
"Wer behauptet das denn?" Sofia klang irritiert davon, dass sie so unterbrochen wurde.
"Meine Kinderärztin hat mir das erklärt." Leo versuchte ruhig zu bleiben und sich seine plötzliche Nervosität nicht anmerken zu lassen.
"Mein Onkel sagt aber schmerzhafte Seelenverwandtschaften."
"Das ist aber trotzdem nicht richtig! Auch die Seelenvewandtschaften, die fast nur Gefühle rüberschicken, sind schmerzhaft! Die werden bei dem Ausdruck sonst aber immer vergessen, hat meine Ärztin gesagt."
"Warum redest du denn mit deiner Kinderärztin über Seelenverwandtschaften? Hast du etwa eine?" Sofia blickte ihn herausfordernd an.
"Ne-ee", stotterte Leo. "Wie kommst du denn da drauf?"
Sofia, und zu Leos Unwohlsein auch der Rest der Gruppe, schauten ihn jetzt prüfend an.
"Ich rede nur mit meinem Onkel, der Seelenverwandtschaften erforscht, über so was. Wenn du keine Seelenverwandtschaft hast, warum redest du dann mit deiner Ärztin darüber, mmh?" Sofia schien jetzt wieder Oberwasser zu bekommen.
Leo dagegen war jetzt nicht nur im Gesicht warm, sondern am ganze Körper.
Warum, warum, warum hatte er bloß den Mund aufgemacht?
"Das, … das hat mich halt schon immer interessiert", brachte er schließlich hervor. "Ich rede da mit voll vielen Leuten drüber!"
"Mit mir hast du noch nie über Seelenverwandtschaften gesprochen", schaltete sich jetzt Marie in das Gespräch mit ein. Sie schaute Leo skeptisch an. "Dabei gehen wir jeden Tag zusammen zur Schule!"
Darauf fiel Leo keine Antwort ein. Doch irgendetwas musste er ja sagen. "Aber Seelenverwandtschaften interessieren uns doch irgendwie alle!"
Immer noch skeptische Blicke. Sofia zog sogar die Augenbraue hoch.
Verzweifelt fügte Leo hinzu: "Sogar Kolja und Max haben in der Aula Dr. Nowak zugehört!"
"Aber Kolja", sagte Sofia schnippisch, "versucht nicht, mich zu verbessern, als wenn er mehr wüsste als ich!"
"Ich mein ja nur–"
DONG DONG.
Die Schulglocke läutete das Ende der Pause ein.
"Tut mir leid, Sofia, ich wollte dich nicht ärgern", brachte Leo noch heraus, dann drehte er sich um und floh zurück in die Schule.
Lieber Unterricht als diesen Kreuzverhör.
Was hatte Leo da angerichtet?
—
Die nächsten zwei Schulstunden verbrachte Leo wie in Trance. Hatte er sich jetzt wirklich verraten? Nur weil er Sofia verbessert hatte?
Die nächste Pause verbrauchte Leo sicherheitshalber wieder in der Schulbücherei. Dort redete sowieso niemand.
Nach der zweiten großen Pause war wieder eine Gruppenarbeit dran und Leo nahm sich fest vor, nichts mehr zu sagen. Dann konnte er sich auch nicht verraten.
Leider waren ausgerechtnet Marie und ihre Freundin Sonja mit ihm in einer Gruppe.
Normalerweise wäre er darüber super froh gewesen, weil Marie viel wusste und Sonja gerne die Gruppenergebnisse präsentierte, aber heute hätte er am liebsten Herrn Schulze laut verwünscht, als er die Gruppen verteilt hatte.
Marie guckte ihn schon die ganze Zeit so komisch an und mehr forschende Blicke von ihr waren das Letzte, was er brauchte.
Vor lauter Anspannung war ihm immer noch total heiß. Um sich besser konzentrieren zu können, zog er seine Pulloverjacke aus und vergaß völlig, warum er sonst in der Schule lieber zu warm angezogen war.
Bernd und Sonja waren gerade dabei, Beispiele für berühmte Seelenverwandtschaften auf das Gruppenplakat zu schreiben, als Marie auf einmal sagte: "Leo, wo kommt denn der Fleck her? Den hattest du vorhin noch nicht!"
Erschrocken blickte Leo auf seinen Unterarm: ein blauer Fleck.
Oh nein.
Bei den ganzen Po-, Rücken- und Bauchschmerzen waren blaue Flecke an den Armen und Beinen für Leo in der Regel so unerheblich, dass er sie kaum wahrnahm. Er konnte ja eh nichts dagen tun.
Außerdem bist du ja andere Schmerzen gewöhnt, fügte eine leise Stimme in seinem Kopf hinzu.
Aber andere Menschen fanden plötzlich auftauchende Flecken wohl immer noch bemerkenswert.
"Äh, was?" Verzweifelt versuchte Leo eine plausible Erklärung zu finden. "Die waren wohl schon vorhin da!"
Leo hörte selbst, wie wenig überzeugend das war.
"Nein, waren die nicht! Ich hab da extra drauf geachtet!"
"Warum guckst du mich denn überhaupt so genau an? Das geht dich gar nichts an, ob ich blaue Flecken habe oder nicht!" Leo merkte, wie seine Stimme immer lauter wurde, konnte es aber nicht verhindern. Warum musste Marie auch gerade jetzt so Interesse an ihm zeigen?!
"Leo, Marie, was ist denn hier los?" Ihre Diskussion hatte jetzt auch die Aufmerksamkeit von Herrn Schulze auf sich gezogen und er stand plötzlich bei ihnen am Gruppentisch.
"Herr Schulze, Leo hat gerade hier", Marie zeigte auf Leos nackten Unterarm, "einen blauen Fleck bekommen und will das nicht zugeben."
Leo brachte kein Wort heraus.
Herr Schulze blickte jetzt auch auf Leos Unterarm, wo der Fleck sogar noch weiter zu wachsen schien.
Warum musste der Gegner denn ausgerechtnet heute um diese Zeit schon verletzen? Sonst war das doch nie vormittags, zu Schulzeit?!
Was war das heute für ein Tag? Ging denn einfach alles schief?
"Ähm, ich habe mich wohl irgendwo gestoßen." Leo hoffte inständig, dass das das Thema beenden würde. "Jeder hat doch mal blaue Flecken."
"Aber ich hab gesehen, dass du nach der Pause noch keinen Fleck hattest! Der ist neu!" Marie ließ nicht locker.
Zu Leos Entsetzen stiegen ihm nun Tränen in die Augen und eine gute Erklärung fiel ihm immer noch nicht ein.
"Naja", sagte Herr Schulze, "ein blauer Fleck ist jetzt noch kein Grund für so einen Aufruhr. Ihr habt noch 10 Minuten Zeit für euer Plakat und ich würde vorschlagen, ihr lasst Leo und seinen Fleck jetzt mal in Ruhe und arbeitet lieber weiter."
"Aber Herr Schulze, das beweist, dass Leo eine Seelenverwandtschaft hat!"
Auf einmal war es mucksmäuschen still in der Klasse.
"G-gar nichts beweist das", stammelte Leo, aber er wusste, dass es zu spät war: das Geheimnis war raus.
