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god help the girl (she needs all the help she can get)

Chapter 4

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

"I am a girl and I’m happy to be here
Whatever that’s worth"
I Just Want Your Jeans, God Help The Girl

 


Lesley konnte sich gut daran erinnern, wie sie sich noch vor einem Jahr, direkt nach der Trennung, von Vorlesung zu Vorlesung geschleppt hatte. Der Bus nach Rocky Beach und die Arbeit in der Buchhandlung waren ein Rettungsanker gewesen. Mr. Smith hatte sie nie nach ihrem Privatleben gefragt, aber die Wohnung hatte er ihr innerhalb einer Woche vermittelt, als hätte er geahnt, daß sie aus Ruxton hatte fliehen wollen. 

Auf ein abschließendes Treffen mit Marina hatte sie verzichtet. Der Campus war so klein, daß es ohnehin nicht das letzte Mal gewesen wäre, daß sie sich gesehen hätten, und irgendwo empfand sie Genugtuung bei der Vorstellung, daß sie ihr nicht die Möglichkeit gegeben hatte, sich auszusprechen. Mach’ dein schlechtes Gewissen nicht zu meinem Problem.

Ein sauberer Schnitt. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

In der ersten Nacht auf der Matratze in ihrem neuen Schlafzimmer hatte sie die Sehnsucht doch ergriffen, und sie hatte zu einer Dusty-Springfield-CD und alten Photos, die zu löschen sie nicht über sich gebracht hatte, in ihr Kissen geweint. 

Und so wenig ihr der Gedanke gefiel: wirklich aufgehört hatte der Herzschmerz erst, als Bob Andrews mit einem schiefen Grinsen den neuesten Ben Hustler Roman auf den Verkaufstresen gelegt hatte.

 


Nach dem Kinoabend war sie beinahe versucht, ihn in ihre Wohnung einzuladen. Sie waren beide aufgewühlt, ohne daß sie darüber sprechen wollten. Beim Fahren hatte Bob so geistesabwesend gewirkt, daß Lesley innerlich aufatmete, als der Käfer in ihrer Straße hielt. Im Grunde, dachte sie, war es unverantwortlich, ihn in diesem Zustand zu verabschieden.

Aber es hatte Monate gedauert, sich aufzuraffen und in ihrem neuen Zuhause heimisch zu werden. Die Kunstdrucke an den Wänden, die Pflanzen und das altmodische Radio auf ihrer Fensterbank, die weinrote Couch — sie mochte diesen liebgewonnen Ort nicht wieder mit einer gescheiterten Romanze in Verbindung bringen.

Also fragte sie: „Hast du Lust auf Pommes im Diner um die Ecke?“

Bob nickte langsam. „Klar, nach den Lakritzen und dem Popcorn sollten wir was etwas Vernünftiges in den Magen bekommen“, sagte er, und Lesley konnte beim besten Willen nicht erkennen, ob er einen Witz machen wollte.

 


Sie nahmen sich einen Platz am Fenster. Gil, die Besitzerin, warf Lesley einen verschwörerischen Blick zu und Lesley versuchte ein unverbindliches Lächeln. Beim nächsten Mal würde sie erklären müssen, wer der nette junge Mann gewesen war und ob sie ihn wieder mitbringen würde, da war sie sich sicher. Wie die endlosen Familienfeiern zu Thanksgiving und Weihnachten, wenn ihre Tante ihr in die Wange kniff und wissen wollte, ob sie in Ruxton jemanden kennengelernt hatte. 

Energischer als notwendig schob sie Bob die Speisekarte zu. „Such’ dir was aus, ich weiß schon, was ich nehme.“

Noch vor ein paar Wochen hatte sie sich Nacht für Nacht ein erstes Date mit ihm ausgemalt. Das neue Café am Hafen oder Giovanni’s auf dem Marktplatz. Einen langen Spaziergang, eine Lesung bei Crimebusters in Santa Monica oder vielleicht eines der Konzerte, die er für seinen Job hin und wieder kostenlos besuchen durfte. Sie hatte sich ihre Gesprächsthemen zurechtgelegt — Lieblingsbands, die sie ihm gegenüber erwähnt hätte, Romanempfehlungen — und Fragen nach seinem Leben und seinen Interessen vorbereitet. 

Gerade in diesem Moment erschien er zu unkonzentriert für eine ernsthafte Konversation. Er starrte wie hypnotisiert auf das Menü und biss auf seiner Unterlippe herum. Als Gil mit der Kaffeekanne an ihren Tisch kam, zuckte er zusammen ehe er den Kopf schüttelte. 

„Dann vielleicht einen Brownie? Oder einen Milkshake?“, fragte Gil mit einem bekümmerten Blick auf seine dünnen Arme. 

„Entschuldigen Sie, ich…“, Bob deutete hilflos auf die Speisekarte. 

Es dauerte einen Moment bis Lesley verstand. Womöglich glaubte er, daß sie von ihm erwartete, nach den Tickets, der Cola und den Lakritzen auch für das gemeinsame Essen zu bezahlen. Das schlechte Gewissen legte sich wie ein bitterer Film auf ihre Zunge. Am Ende war er nur ein High School Schüler mit einem Aushilfsjob und einer ungefähren Vorstellung von Etikette. Lesley hatte keine Ahnung, wie viel er verdiente und ob er auf das College sparen musste. Sie war wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß sie bezahlen würde.

„Wir wollten uns doch die Pommes teilen. Magst du ein Sandwich dazu? Bestell’ dir ruhig, was du willst, dann kann ich mich gleich für das Kino revanchieren“, sagte sie, um einen lockeren Tonfall bemüht. 

Bob warf ihr einen dankbaren Blick zu. 

 


„Gefällt er dir denn immer noch?“, fragte er, und wischte sich die Finger an der Serviette ab, ehe er nach seinem Glas griff. Das frittierte Hühnchen hatte er beinahe inhaliert und erst in letzter Sekunde daran gedacht, Lesley anstandshalber davon anzubieten. Sie hatte bloß den Kopf geschüttelt, fasziniert davon, in welcher Geschwindigkeit er essen konnte. 

Mit der Gabel spießte sie ein paar Pommes auf und tauchte sie in Ketchup. „Klar. Ich hab’ den auch zu Hause“, erwiderte sie, und fügte zwinkernd hinzu: „James Dean ist jedes Mal eine Augenweide, denkst du nicht?“

Bob nahm einen Schluck von seinem Milkshake. „Klar“, sagte er dann, mit unlesbarer Miene, „James Dean sah schon gut aus.“

Da war wieder dieser Unterton, und Lesley beschloss, daß sie es doch wagen sollte. Sie hatte nie wirklich ein Geheimnis daraus gemacht, aber sie hatte auch nie wirklich kein Geheimnis daraus gemacht. Ihre Eltern und ihre Schwester hatten von Marina gewusst. Ihren Verwandten hätte sie es erst dann erzählt, wenn sie zusammengezogen wären, wie sie es sich vorgenommen hatten. An der Uni wäre es absurd gewesen, es zu verstecken. Ihre Schulfreunde hatten es spätestens über die sozialen Netzwerke mitbekommen, aber es hatte keine große Rolle gespielt. Es war das einundzwanzigste Jahrhundert, verdammt.

Und was auch immer aus ihr und Bob werden sollte, Freunde oder mehr, er hätte es früher oder später ja doch erfahren.

„Meine Ex“, sie räusperte sich, das Herz klopfte wie wild in ihrer Brust, „Meine Exfreundin meinte, daß er einen Kiefer wie ein Nussknacker hatte.“

Bobs Augen weiteten sich kurz. Dann begann er zu lachen, erst glucksend, mit geschlossenem Mund, aber bald mit einer solchen Heftigkeit, daß es ihn am ganzen Körper schüttelte. „Ein…“, er hielt sich die Hand vor den Mund, „Ein Nussknacker, ich…“

Lesley stimmte hinter einem verhaltenen Grinsen ein und zuckte die Schultern, „Ein Nussknacker“, wiederholte sie, und dachte daran, wie Marina mit einer hochgezogenen Augenbraue das vergilbte Poster in ihrem Wohnheimzimmer begutachtet hatte. Zum ersten Mal tat es nicht weh, sich an ihre gemeinsamen Momente zu erinnern.

 


„Also, James Dean, mhm?“, hakte sie nach, als sie sich beide wieder ein wenig beruhigt hatten.

„Na ja“, er überlegt kurz, „Vielleicht eher Sal Mineo.“

„Ach ja. Das passt. Liz meinte, daß du auf Ralph Macchios Filme stehst“, fiel ihr ein. Die Anspannung löste sich zunehmend auf, die ständige Angst, ein falsches Wort zu sagen, und ihn zu verschrecken.

„Ich bring’ sie um“, sagte Bob und rollte mit den Augen.

„Das hat sie auch gesagt, als sie mich bei Booksmith abgeholt hat und ich keine Ahnung hatte, wer sie war“, gab sie zurück, aber lächelte dabei und streckte die Hand aus, um seine Fingerknöchel zu berühren. 

Es war alles verziehen, es war alles in Ordnung.

 


Als sie um Mitternacht im Bett lag, frisch geduscht und mit föhnwarmen Haaren, dachte sie mit weicher Zufriedenheit an den gemeinsamen Abend. 

Sie hatte Bob zu seinem Käfer begleitet und ihm das Versprechen abgenommen, daß sie sich bald wiedersehen würden. Zum Abschied hatten sie sich umarmt, und sie hatte sich kein bißchen danach gesehnt, daß er sie in einen überraschenden Kuss ziehen würde.

Ganz ohne Wunschvorstellungen glitt sie mit leichtem Herzen in den Schlaf.

Notes:

der dreitag ist nicht canon, aber gil und ihr diner habe ich daraus geklaut. die eisdiele auf dem markt ist aus der kids-reihe. die buchhandlung crimebusters kommt in höhenangst vor.

Notes:

der titel ist von god help the girl geklaut, obwohl ich beim schreiben GRWM von lorde in dauerschleife gehört habe.