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Category:
Fandom:
Character:
Language:
Deutsch
Series:
Part 7 of Sommerchallenge 2017
Stats:
Published:
2017-08-07
Updated:
2017-08-29
Words:
3,191
Chapters:
2/3
Comments:
5
Kudos:
17
Hits:
192

How it is

Chapter 2: How it is

Notes:

Rating: P12
Team: Rapunzel
Challenge: Farben: schwarz - Humor - für mich
Genre: Drama...ish, Rückblick
Handlung: Die zweite Ratte.
Warnungen: Wieder 'ne tote Ratte, sonst aber nichts.
Länge: 1950 Wörter
Zeit: ca. 100 Minuten

Chapter Text

 

 

Die zweite Ratte, der Karl-Friedrich Boerne begegnet, trifft er erst Jahre später.

 

Er ist immer noch relativ jung, wohl knapp zwanzig Jahre alt, und hat gerade erst mit seinem Medizinstudium begonnen. Und obwohl er noch im vorklinischen Teil des Studiums ist, stehen heute im Rahmen des Anatomiekurses Sektionen kleiner Tiere an, damit die Studenten langsam lernen, wie sie ihr Skalpell handhaben müssen und wie ein Lebewesen tatsächlich von innen aussieht.

Amphibien, hat sein Professor gesagt. Wenn sie an welche kommen, dann nehmen sie Amphibien. Frösche oder Kröten oder etwas in dieser Richtung, je nachdem, was einfacher zu beschaffen ist. Leicht scheint das offenbar nicht zu sein, immerhin ist Winter, aber bisher ist Boerne immer der Auffassung gewesen, dass Universitäten mit Forschungs- und Lehrmitteln ausgestattet werden würden. Könnten. Aber dem scheint nicht so zu sein, jedenfalls nicht hier in Münster, und deshalb nehmen sie einfach, was sie kriegen können.

 

Erst im Hörsaal, nach einem langen Vorwort, erklärt der Prof, dass Weichtiere so kurzfristig nicht mehr zu bekommen waren. Dafür arbeiteten sie nun mit rodentia, genauer gesagt mit murinae, das stelle doch kein Problem dar?

Natürlich nicht. Die waren schließlich ganz einfach bei einem Züchter zu bekommen, der Ratten und Mäuse normalerweise als Beute für Reptilien, vornehmlich Schlangen, verkauft. Und jetzt sezieren sie halt Ratten.

 

Boerne ignoriert das flaue Gefühl, das er im Magen hat und das er sich im ersten Moment nicht erklären kann, und bereitet sorgfältig seinen Arbeitsplatz vor. Auf die Sektion freut er sich schon seit dem Tag, an dem der Prof sie angekündigt hat. Ihn fasziniert das. Nicht zwingend der Tod an sich, das nicht, aber das wirkliche, physische Innenleben von Lebewesen und wie sorgfältig man arbeiten muss, um nichts kaputt zu machen. Aber auch die Tatsache, dass man so gesehen eigentlich gar nicht mehr so viel kaputt machen kann, schließlich kann dem Patienten ja nun nicht mehr viel passieren.

Ihn faszinieren auch die Sachen, die er heute nicht erleben wird. Krankheiten. Die Herkunft von Krankheiten. Und wie man ihre Ursachen erkennt, selbst wenn der Patient schon nicht mehr am Leben ist.

Sein Vater will ihn in einer hochspezialisierten, technischen Fachrichtung sehen, das weiß er. So schwierig und so angesehen wie möglich. Natürlich. Neurochirurgie, das wäre was, findet er. Herzchirurgie. Oder, wie er selber, Ophthalmiatrie – Augenheilkunde. Das ist das Wahre, sagt sein Vater.

Boerne findet das nicht. Ihn reizt die Pathologie, ihn reizt die Rechtsmedizin – aber Leichenfledderer wird im Hause Boerne beruflich leider nicht anerkannt. Und seinen Vater zu verärgern, das hat er schon in seiner Kindheit gelernt, ist nun wirklich keine gute Idee. Deshalb steckt er im Zwiespalt, schon seit er das Studium angefangen hat – aber eigentlich hat das ja alles noch Zeit. Er ist ja noch lange nicht an dem Punkt, an dem er sich für seine Fachrichtung entscheiden soll, also kann er sich darüber auch später noch Gedanken machen.

 

Als er nach vorne geht, um sich sein Versuchstier abzuholen, fällt ihm schlagartig ein, warum ihm so flau im Magen ist. Rattus norvegicus forma domestica. Die Farbratte. Die domestizierte Form der Wanderratte.

Er erinnert sich.

Damals, die Ratte. Im Garten. Die er verzweifelt versucht hat zu retten, woran er gnadenlos gescheitert ist.

Die Ratte, die ihm ein oder zwei Sachen über das Leben beigebracht  hat.

 

Seine Knie beginnen zu zittern und er muss sich setzen.

 

Durch die Ratte damals hat er wirklich einiges gelernt. Dass die Welt nicht nur gut und böse ist. Dass gute Sachen schlecht sein können und andersrum. Dass es manchmal eben nicht gerecht ist. Und dass auch seine Eltern falsch liegen können.

 

Und jetzt sitzt er an seinem Tisch, während ein Großteil seiner Mitstudenten bereits begeistert angefangen hat, die ersten Schnitte zu setzen, und erinnert sich an Dinge, die über zehn Jahre her sind. Ganz plötzlich, im unpassendsten Moment. Wie ein Flashback.

 

 

„Boerne, was ist los?“, reißt ihn die freundliche Stimme seines Profs aus den Gedanken. „Wollen Sie nicht anfangen?“

 

Boerne blinzelt. Er braucht ganze zwei Sekunden, bis er verarbeitet hat, was der Prof ihm sagen will, dann nickt er eilig. „Selbstverständlich“, murmelt er mehr zu such selbst und setzt mit zitternden Fingern das Skalpell an.

 

„Weiter oben“, sagt der Prof. „Noch etwas. Genau da. Und jetzt vorsichtig schneiden.“

 

Irgendwas blockiert.

 

Boerne weiß nicht, was es ist, aber er kann nicht zudrücken, kann nicht schneiden. Kann sich nicht bewegen.

 

Der Prof lächelt immer noch. „Worauf warten Sie denn?“, fragt er.

 

„Ich kann das nicht“, bricht es aus Boerne heraus, zu seiner eigenen Überraschung. Ein paar seiner Kommilitonen starren ihn an, aber das bekommt er gar nicht mit. „Ich kann das nicht.“

 

Der Prof legt ihm eine versichernde Hand auf die Schulter.

„Sie schaffen das schon“, sagt er. „Es ist gar nicht so schwer. Es kostet nur die erste Überwindung.“

 

Boerne schüttelt den Kopf. ‚Sie verstehen das nicht‘, will er sagen, ‚Das hat andere Gründe‘, aber er bringt kein Wort heraus.

 

„Die Ratte ist sowieso schon an einem besseren Ort“, versucht der Prof noch, ihn zu beruhigen, aber als ein vorlauter Kommilitone ein „Stimmt, hier auf dem Seziertisch“ dazwischenruft, ist das auch schon wieder vorbei.

 

Er schafft es gerade noch so, ein „Bin gleich wieder da“ rauszubringen, dann stürmt er schon aus dem Saal.

 

 

Dass ihn das so mitnimmt, hätte er selbst nicht erwartet. Immerhin ist die letzte Begegnung mit einer Ratte – die, die ihn jetzt so aus der Bahn geworfen hat – schon unfassbar lange her und war unfassbar kurz. Eigentlich so kurz, dass er sich gar nicht mehr wirklich daran erinnert. Hat. Bisher. Aber als eben die tote Ratte vor ihm lag, da kam alles wieder hoch. Die ganzen Bilder und Eindrücke. Es ging einfach nicht.

 

Er hört die Tür klacken und als er aufsieht, steht sein Professor vor ihm. Wohlwollend lächelnd. Boerne hat ihn noch nie nicht lächelnd gesehen, eigentlich ist das erstaunlich.

 

„Hören Sie“, sagt er. „Wenn Sie die Sektion nicht machen möchten, dann müssen Sie das nicht, es zwingt Sie niemand dazu.“

 

„Danke“, sagt Boerne.

 

„Aber“, fährt der Prof fort, „falls Sie darüber reden müssen oder möchten, warum Sie gerade diese Panikattacke haben, dann kommen Sie bitte auf mich zu.“

 

„Danke“, sagt Boerne erneut.

 

„Das war nicht nur wegen der Sektion, oder?“, fragt der Professor leise nach.

 

Boerne schüttelt den Kopf. „Ich hatte früher... ganz früher, als ich klein war, ein sehr prägendes Erlebnis, bei dem eine Ratte eine große Rolle gespielt hat. Es überrascht mich selber, dass mich das heute noch verfolgt.“

 

Der Professor nickt nachdenklich und für einige Sekunden fallen sie in ein angenehmes Schweigen.

 

„Kommen Sie“, sagt er dann. „Ich muss wieder rein. Der Bruckner nimmt mir sonst die ganze Klasse auseinander, das haben Sie ja schon mitbekommen.“

Bruckner...? Ah, wahrscheinlich der, der sich vorhin für so witzig gehalten hat.

„Wenn Sie noch ein paar Minuten brauchen, dann sind die Ihnen gewährt, aber bitte kommen Sie danach wieder rein.“

 

Boerne nickt. „Danke“, sagt er schon wieder.

 

 

Er nimmt sich noch fünf Minuten, um sich gänzlich wieder zu beruhigen, dann betritt er das Zimmer.

 

„Ah“, kommt es da gleich von jemandem aus der letzten Reihe. „Unser mutiger Rechtsmediziner ist wieder da!“

 

Das ist dann wohl der Bruckner. Martin. Klar, wer auch sonst. Das hätte er sich auch denken können. Er sollte wirklich anfangen, sich seine Kommilitonen nicht nur mit dem Vornamen zu merken.

 

Boerne ignoriert den Kommentar und setzt sich schweigend an seinen Tisch, auf dem die Ratte immer noch unberührt liegt. Er starrt sie an und ist ziemlich dankbar dafür, dass er ein Exemplar mit geschlossenen Augenlidern erwischt hat. Wenn die Ratte jetzt auch noch zurückstarren würde...

 

Plötzlich steht Martin neben ihm. „Ja, Mensch, lass mich mal sehen“, sagt er und beugt sich ganz nah an Boernes Ratte. „Doch, ich glaube, ich weiß, was ihr fehlt. Die ist tot.“

 

Die gesamte hintere Reihe, aus der Martin gekommen ist, bricht in Gelächter aus.

 

„Hätte sie am Nordpol gelebt, dann würde sie auch jetzt noch leben“, fährt Martin fort und kostet den Moment vollständig aus. „...Weil sie dann nicht hätte ins Gras beißen können!“

Boerne macht sich nicht die Mühe, mit Martin zu diskutieren. Darüber, dass Ratten am Nordpol nicht leben können, dass man am Nordpol sowieso nicht leben kann und dass er die blöden Witze doch mal lassen soll. Aber das wäre in dem Gelächter seiner Mitstudenten sowieso untergegangen.

 

„Bruckner, Schluss jetzt. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie Ihre Kommilitonen in Ruhe lassen sollen?“, geht der Prof dazwischen. Boerne unterdrückt den Impuls, sich erneut zu bedanken.

 

 

Wie durch ein Wunder lässt Martin ihn tatsächlich in Ruhe und erstaunlicherweise zieht sich die Stunde auch nicht so sehr, wie Boerne erwartet hat. Die Ratte hat er in eine Plastiktüte gepackt und danach hat er sich einfach ein wenig über seine Chemie- und Physikbücher gesetzt, da stehen immerhin bald Klausuren an. Die anderen haben weiter seziert und dann aufgeräumt und Boerne hat erst wieder aufgeschaut, nachdem sich der Prof verabschiedet hat.

 

Die meisten Studenten verlassen den Raum, nur Martin baut sich noch mal vor Boerne auf. Natürlich, wie hätte es auch anders sein sollen.

 

„Na?“, fragt er gehässig. „Hose wieder trocken?“

 

Boerne schnaubt nur.

 

„Ich hätte ja nicht gedacht, dass du nochmal wiederkommst, so eilig wie du es hattest“, provoziert Martin weiter. „Schiss, hm? Ja, so ein Medizinstudium ist eben nicht für jeden gut. Dabei dachte ich, du willst in die Rechtsmedizin... Wird wohl nichts.“

 

Boerne packt seine Sachen zusammen. Und da ist auch noch – Verdammt, die Ratte hat er noch hier, das hat er ganz vergessen. Aber der Prof ist weg, nichts zu machen, und einfach wegschmeißen kommt wirklich nicht infrage. Mitnehmen? Das ist auch nicht das Wahre. Er könnte...

 

„Hey, Boerne, sprich mit mir!“ Martin grinst überheblich. „Oder hat es dir schon wieder die Sprache verschlagen?“

 

Genug jetzt.

Stirnrunzelnd sieht er Martin an. „Du wirst Hausarzt, oder?“

 

„Allgemeinmediziner.“ Martin verschränkt die Arme. „Warum?“

 

„Ach, nur so“, sagt Boerne und dreht sich um. Gespräch beendet. Und im selben Moment wundert er sich über sich selbst, aber nur ein bisschen.

Das ist die erste Diskussion seit Jahren, die er von sich aus auslässt. Freiwillig. Weil er selber weiß, wie sinnlos sie wäre. Jemandem, der nur blöde Sprüche und schwarzen Humor versteht und ein Ego hat, bei dem selbst Napoleon blass werden würde, dem kann nicht mal er erklären, wie emotionale Verbindungen und andere Faktoren zusammenspielen können, damit selbst jemand, der sich die Rechtsmedizin zum Ziel gesetzt hat, bei der Sektion einer kleinen Ratte so reagiert. Und wenn er ehrlich ist, dann will er das auch gar nicht erklären. Das hat jemanden wie Martin nämlich absolut nichts anzugehen.

 

 

Erst auf dem Heimweg bemerkt er, dass er die Tüte mit der Ratte jetzt doch mitgenommen hat. Und nur Sekunden später beschließt er, sie zu begraben. Wie er das mit der ersten Ratte auch gemacht hat. Die Stelle findet er bestimmt wieder.

Und er beschließt auch, dass er das jetzt durchzieht. Das mit der Rechtsmedizin. So ungerne sein Vater das auch sehen mag, jetzt hat er etwas zu beweisen. Jetzt muss er zeigen, dass er das sehr wohl kann, und zwar besser und schneller als alle anderen.

Eigentlich ist es gar nicht seine Art, sich von anderen derart provozieren zu lassen, aber dieser Zusammenstoß mit Martin – bei Weitem nicht der erste seiner Art – hat ihm jetzt den finalen Schubs gegeben. Jetzt muss er nur noch sehen, wie er am besten aus Martins Klasse kommt.

 

 

Die Stelle findet er wirklich schnell wieder und auch ein kleiner Karton ist schnell beschafft.

Er beerdigt die Ratte schnell und schmerzlos, versucht, keine große Sache daraus zu machen, aber irgendwie funktioniert es nicht. Er denkt schon wieder viel zu viel über das Tierchen nach.

 

 

Zwei Tage später wirft er eine Bewerbung ab. Auslandssemester. Sorbonne, Frankreich.

 

 

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