Chapter Text
„D-der Tee...“ murmelte ich atemlos gegen seine Lippen.
Sofort löste er sich von mir und sah mich lange an. „Der Tee ist mir egal“ antwortete er und beugte sich vor, um mich ein weiteres Mal zu küssen.
„Mir aber nicht“ keuchte ich. Wieder rückte ich ein Stück von ihm weg, die Gedanken explodierten.
Sein Blick war intensiv, und seine Augen schienen durch meine hindurchzusehen, direkt rein in mein Herz. Irgendwann presste er die Lippen zusammen und nickte. Innerhalb von ein paar Sekunden war der Platz neben mir leer und ich spürte die kalte Luft an meinem Körper. Scharf atmete ich ein und ließ meinen Kopf auf meine Arme sinken. Ein weiteres Mal hate ich es total vermasselt. Was war nur los mit mir? Am liebsten würde ich mich jetzt einfach von einer Klippe stürzen. Ich harre ihn ein weiteres Mal verletzt, obwohl es das war, was ich nicht gewlollt hatte! Wieso war es nur so schwer, das Mittelmaß zwischen sich selbst schützen und andere nicht verletzen zu finden? Ich hatte diesen Kuss doch sogar gewollt! Oder? Wovor hatte ich denn verdammt nochmal Angst!
Nach einer Weile voll selbstzerstörerischer Gedanken hörte ich draußen etwas brummen. Sofort schlug ich die Decke zur Seite und blinzelte erst einmal gegen das helle Licht an. (Anmerkung von Tick: AAGH THE LIGHT!) Als ich aus dem Fenster sah, konnte ich erkennen, dass Sirius‘ Motorrad nicht mehr da war. Mein Herz bekam einen Stich. Ich sank nach hinten gegen die Wand, zog die Knie an die Brust und schlang meine Arme darum. Jap, ich hatte es vermasselt. Und deswegen tat ich etwas, das ich schon seit Tagen hätte tun sollen, es aber verdrängt hatte. Etwas, das in meinem Kopf herumhing seit wir uns zum ersten Mal gesehen hatte: Ich weinte.
Meine Tränen bedeckten meine Knie und hinterließen nasse Flecken, mein Körper zog sich zusammen, und das einzige was die drückende Stille unterbrach waren meine Schluchzer, die niemals zu enden schienen. Als ich schließlich auf die Uhr schaute, war eine Stunde vergangen. Ich hatte das Gefühl, niemals wieder weinen zu können, und gleichzeitig schien mein Körper doch immer wieder ungeahnte Ressourcen an Tränen hervorbringen zu können. Mit zittrigen Knien stand ich auf. Natürlich war Sirius noch nicht zurück, mir kam der Gedanke dass er vielleicht gar nicht mehr wiederkommen würde, aber dann fiel mir ein dass ich ja in seinem Wohnmobil war.
Ich stieß die Tür zum Bad auf und sah in den Spiegel. Meine Augen waren rot und geschwollen, meine Lippen aufgeplatzt und jegliche Farbe war aus meinem Gesicht gewichen. Ich sah aus wie ein Zombie, aber es war mir egal. Scheiß die Wand an, dachte ich, und machte meinen Weg in die Küche. Mir fiel auf, dass ich in den letzten Tagen nicht viel gegessen hatte wie sonst, und sofort machte sich mein Magen mit einem lauten Knurren bemerkbar. Eigentlich interessierte mich das nicht, aber wenn ich nicht damit aufhörte, so wenig zu essen, dann würde ich hier noch draufgehen. Also öffnete ich den Kühlschrank und betrachtete kritisch den Inhalt... ziemlich viel Fleisch. Mann, mit diesem Typen konnte man echt nicht zusammenleben. Düster durchkramte ich die Lebensmittel. Ich kam mir vor, als hätte ich mitsamt den ganzen Tränen auch gleich alle Emotionen rausgeweint... irgendwie fühlte ich mich leer.
Schließlich entschied ich mich, etwas zu kochen. Ich öffnete sämtliche Schränke, bis ich Kartoffeln fand, nahm sie heraus und legte sie ins Spülbecken. Ohne richtig zu merken, was ich tat, setzte ich Wasser auf. Vielleicht konnte ich durch ein Essen bei ihm entschuldigen... Nachdenklich fuhr ich mir mit dem Finger über die Lippen und stockte. Ich brauchte dringend Creme. Vielleicht lag im Bad welche rum, auch wenn ich mir blöd dabei vorkam, seine Sachen zu durchsuchen, aber schließlich wohnte ich bei ihm. Wobei, dachte ich als ich seinen Kulturbeutel aufmachte, es war schon erstaunlich, was Sirius alles mit sich herumtrug. Handcreme, Abdeckstift, Haargel, Eyeliner, Rasierschaum... Moment, Eyeliner? Ich schmunzelte. Vielleicht war Sirius ja doch mehr Beauty-Freak als er zugeben wollte. Schließlich fand ich Labello, aber bevor ich ihn einstecken konnte, erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit. Eine kleine, weiße Dose mit irgendeinem komplizierten lateinischen Namen darauf. Ich stutzte und nahm sie heraus.
Antidepressiva.
Mir wurde schlecht. Langsam drehte ich die Dose in meiner Hand herum und las die Inhaltsstoffe durch. Farbstoffe... Serotonin. Placebo-Effekt. Zitternd legte ich die Schachtel wieder zurück und trat ein Stück vom Waschbecken weg. Was auch immer das zu bedeuten hatte, ich hoffte dass es eine gute Erklärung dafür gab. Mein Atem ging in kurzen Stößen und ich hatte das Gefühl, gleich wieder zu weinen anfangen zu müssen. Lange stand ich einfach vor dem Spiegel und starrte mich an. Mir war nicht aufgefallen, wie fertig ich aussah.
Erst, als ein lautes Zischen die Stille zerriss, zuckte ich zusammen und sprang zurück in die Realität. Ich schnappte mir den Labello und rannte zum Herd, auf dem gerade das Wasser überkochte. Fluchend riss ich den Deckel vom Topf und wischte mit dem Geschirrtuch die Platte sauber. Wenn ich so nachdachte, wollte ich eigentlich keine Kartoffeln mehr. Langsam räumte ich sie zurück in den Schrank und nahm eine Packung Nudeln heraus. Als ich sie in das kochende Wasser schmiss und mich aufmachte, um Sirius‘ Gemüsevorräte zu durchsuchen, waren meine Wangen bereits nass von den Tränen, die daran herunterflossen.
Schließllich endete ich vor dem Backofen sitzend, die warme Luft blies gegen meinen Rücken. Ich hatte die Beine angezogen und mein Kopf ruhte auf meinen Knien, während der Auflauf hinter mir im Ofen vor sich hin dampfte. Es war längst später Abend und Sirius war noch immer nicht zurück. Langsam machte ich mir Sorgen. Ich wollte nicht mehr alleine sein. Ich wollte ihn neben mir, zusammen mit ihm vor dem Ofen sitzen und essen, wollte mich in seine Arme kuscheln und seine Wärme spüren, seinen Duft einatmen... mein Blick fiel zu meinem Handy, das auf dem Tisch lag. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn einfach anzurufen... doch dann fiel mir ein dass ich seine Nummer ja nicht hatte. Wie bescheuert war das denn. Eine einzelne Träne kullerte mein Gesicht herunter, die ich ärgerlich wegwischte. Langsam war es Zeit für mich, damit aufzuhören. In diesem Moment hörte ich das Klappern eines Schlüssels an der Tür. Ich sah auf und Sirius betrat den Van.
Erst bemerkte er mich nicht, aber als er sich umdrehte, trafen sich unsere Blicke. Für einen Moment stand die Zeit still. Ich schniefte und stand auf, die Hände in den Hosentaschen. Sirius streifte seine Schuhe ab, legte die Schlüssel auf den Tisch und kam auf mich zu. Ich sah den Boden an.
„Jamie?“ fragte er vorsichtig, man konnte die Reue in seiner Stimme hören. Ich schniefte, und sofort spürte ich seine Hand an meinem Kinn, als er meinen Kopf anhob. Ich sah ihm in die Augen. „Jamie, weinst du?“
Es hätte vielleicht vorwurfsvoll klingen sollen, aber gerade hörte sich seine Stimme einfach nur besorgt an. Ich wischte mir mit dem Handrücken die verbliebenen Tränen weg und nickte. Lange sah er mich an, und dann schlang er seine Arme um mich und legte seinen Kopf auf meiner Schulter. „Es tut mir so leid James, es tut mir so leid.. ich weiß ich hätte dich nich alleine lassen sollen...“ und ich konnte nichts anderes tun, als zu nicken und meine Hände in seinen wunderbar weichen Haaren zu vergraben.
„E-es ist nicht deine Schuld...“ sagte ich, die Tränen drängten sich mit aller Kraft wieder hervor, und ich konnte sie nicht zurückhalten.
Sofort löste er sich wieder von mir und sah mich an, beide Hände an meinen Wangen. „Shit James, es tut mir so, so leid, bitte hör auf zu weinen...“
Ich schüttelte den Kopf und schluchzte. „H-hör auf dich zu entschuldigen, Sirius!“ Mehr konnte ich nicht sagen, weil seine Lippen über mein Gesicht wanderten und er meine Tränen wegküsste. Eben noch hatte er sich dafür entschuldigt, hatte gesagt, dass es ihm Leid tat, und jetzt ignorierte er einfach wieder alles, weil er sich nicht von mir fernhalten konnte. Und ich hatte vor ein paar Stunden noch um Distanz gekämpft, wo ich jetzt nichts lieber wollte, als seine Nähe. Wir steckten fest in einem Kreis aus Verlangen und Zweifel, Liebe und Angst. Ich fürchtete mich davor, aber im Moment schaltete mein Gehirn jegliche Positivität aus. Ich schluchzte, schlang die Arme um ihn und vergrub mein Gesicht in seiner Schulter. Ich spürte seine Hände an meinem Rücken, seine Lippen in meinem Haar und ich konnte nicht glauben dass sich in meinem Inneren tatsächlich noch Tränen befanden, die jetzt Sirius‘ T-Shirt durchnässten.
„E-entschuldige...“ schluchzte ich, alles was ich wollte war, dass wir uns wieder verstanden. „I-ich war so blöd und ich... w-eiß auch nicht, was-“
„Shh James, jetzt beruhig dich mal. Du musst nichts sagen, beruhig dich einfach, ja?“ Langsam fuhren seine Finger über meine Schulterblätter und die Tränen flossen weniger regelmäßig. Als ich mich irgendwann - gefühlte Stunden später - von ihm löste und mit meinem Handrücken über die Augen führ, fühlte ich mich besser. Er lächelte mich entschuldigend an, holte eine Packung Taschentücher aus einer Schublade und reichte sie mir. Ich schniefte hinein und schmiss es weg.
„Danke“ sagte ich leise, meine Stimme zitterte noch immer.
„Ich wollte nicht, das du deswegen weinst.“ meinte er nur als Antwort. Mir fiel auf, dass er die Zähne zusammengebissen hatte. „Wenn ich gewusst hätte, dass es so schlimm für dich ist, dann-“
„Halt!“ sagte ich und unterbrach ihn. Er sah mich verbissen an. „Du musst aufhören, alle Schuld auf dich zu schieben, Sirius. Wir haben beide was Dummes gemacht, vielleicht auch du, aber hauptsächlich ich. Lass es bitte gut sein, sonst führt das doch zu nichts.“ Wahrscheinlich hatte ich damit genau ins Schwarze getroffen. Er schaute mich an und nickte. Ich seufzte.
„Können wir bitte wieder normal miteinander reden?“ Langsam lief ich auf ihn zu, bis ich direkt vor ihm stand. Dann stellte ich mich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen kurzen Entschuldigungskuss auf die Stirn. Als ich ihm dann in die Augen sah, kam er mir für einen kurzen, seltsamen Moment so fremd vor, dass mir schlecht wurde. Doch nach einer Sekunde lächelte er und das Gefühl war wieder verflogen.
„Komm schon her, du Spinner.“ sagte er und zog mich in seine Arme. Ich lächelte gegen seinen Hals und schloss kurz die Augen, um seinen Gruch in mir aufzunehmen. Wahrscheinlich hatte ich mir das eben einfach nur eingebildet. Als wir uns schließlich voneinander lösten, war die Stimmung um einiges entspannter. Sirius machte eine Kopfbewegung in Richtung Ofen und grinste mich an.
„Sag bloß du bist auch noch Sternekoch.“ Ich lachte und kniete mich vor den Ofen, um zu sehen, ob es schon fertig war. Es tat gut, wieder zu lachen.
„So würde ich das jetzt nicht unbedingt ausdrücken. Aber ja, ich finds selber erstaunlich wie ich aus dem, was hier alles zu finden war, herausbekommen hab. Vielleicht werd ich ja tatsächlich mal Koch, wer weiß.“ Sirius lachte.
„Hoffentlich nicht. Außerdem kaufe ich die meisten Lebensmittel erst dann, wenn ich sie brauche. Nur Sachen, die nicht verderben hab ich immer da. Das hättest du eigentlich wissen müssen.“
Ich hob eine Augenbraue. „Ja, und unmengen an Fleisch.“ Er zuckte mit den Schultern.
„Solang es im Kühlschrank ist, wird es ja nicht schlecht. Außerdem kann ich das nicht ständig nachkaufen“ Er zog eine Flasche Wein aus dem Schrank und entkorkte sie. Seufzend ließ ich mich auf dem Tisch nieder und verschränkte die Arme.
„Sirius“ sagte ich, und er schaute auf. „Ich glaub du hast ein Weinproblem.“ Er grinste mich schelmisch an.
„Kann schon sein. Aber ist ja nicht so, als hättest du auch eins.“ Den Witz kapierte ich nicht.
„...Was?“ fragte ich schließlich, und er lachte.
„Naja, ich bin ja nicht derjenige der den ganzen Abend lang geweint hat.“
Autsch. Das war jetzt echt verletzend gewesen. Ich starrte seinen Rücken an, als er in einer Schublade herumkramte. (Anmerkung von Tick: SchuBLADE...) Bevor er es bemerken konnte, spielte ich mit.
„Das ist mit Abstand der schlechteste Witz, den du jemals gebracht hast, Sirius. Nein, wirklich, ich bin echt geschockt. Ich rede vom Wein zum Trinken okay, nicht vom weinen. Außedem ist es echt krass, dass du aus der Flasche trinkst. Das ist sowas von stillos!“ Gerade noch gerettet. Sirius schmunzelte.
„Du hast das auch schon gemacht, Jamesie.“ ich knurrte.
„Nenn mich nicht so! Und außerdem war das eine Extremsituation. Ich war betrunken und - ja okay, ich weiß, das war ich erst nachdem ich den Wein getrunken hab - aber ich war müde und mir war kalt!“
Er grinste. „Jaja." Bwaah, halt die Klappe jetzt!!
„Ich weiß, was Jaja bedeutet, Sirius.“ Ein Zwinkern. Ich könnte ihn umbringen. In diesem Moment piepste der Backofen. Ich drehte mich um und öffnete die
Klappe, als ein Schwall Hitze auf mich zuströmte. Ein Lächeln umspielte meine Lippen. „Mmmh. Jetzt zeig ich dir mal, wie lecker vegetarisches Essen sein kann.“ Ich nahm mir zwei Tücher und holte langsam den Auflauf aus dem Ofen. Sirius zog eine Augenbraue hoch, als ich das Essen auf den Tisch stellte.
„Was ist das?“ Ich stemmte die Hände in die Hüften.
„Das ist ein Auflauf. Da sind Nudeln drin, Tomaten, Zwiebeln, Brokkoli, Erbsen, Mais, irgendeine grüne Pflanze die auf deinem Fensterbrett steht, Schnittlauch, Rühreier und mit Käse überbacken.“ Sirius schmunzelte und warf einen Blick zum Fensterbrett.
„Petersilie“ sagte er schließlich lächelnd. Ich zog die Brauen nach oben. „Klingt gut.“ Dann stellte er zwei Teller auf den Tisch und fing an, sich aufzuladen. Ich beobachtete ihn misstrauisch. Wo war er hingefahren, was hatte er gemacht, und was hatten die Tabletten zu bedeuten, die ich gefunden hatte? Es war noch lange nicht alles aufgeklärt.
Gedankenverloren schaufelte ich mir mein Essen auf den Teller. Könnte ich ihn denn einfach danach fragen? Womöglich würde er das nicht erwarten. Wobei... wahrscheinlich war das sogar ganz gut. Ich riss mich zusammen und setzte mich auf den Boden vor den Backofen, aus dem die noch heiße Luft kam. Sirius hob eine Augenbraue.
„Isst du immer auf dem Boden?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nur wenn es kalt draußen ist und ich eine Wärmequelle brauch.“ Zaghaft lächelte ich und klopfte neben mich. Anscheinend hatte er nichts dagegen, denn er ließ sich sofort neben mir nieder und grinste mich an. Ich nahm seine Hand und verschränkte unsere Finger miteinander. Er zog sie wieder weg.
„Sirius.“ sagte ich, und meine Stimme zitterte. Was wollte er eigentlich? Er drehte sich zu mir. „Wo warst du?“
Was folgte, war Stille. „Du... hast nicht mit der Frage gerechnet, oder?“ Er schüttelte den Kopf. Verbissen sah ich zu Boden. Lange sagte niemand von uns etwas. Irgendwann unterbrach er die Stille.
„Ich bin in die Stadt gefahren. Nachdem... was passiert ist, hab ich einfach Abstand gebraucht. Ich wollte dir Abstand geben. Ich wollte dich damit nicht verletzen, James.“ Ich nickte.
„Weiß ich doch. Nur... ich wollte nicht alleine sein.“ Ich zuckte zusammen als ich seine Hand in meiner spürte.
„Jetzt bin ich wieder da“ sagte er und ich lächelte. Auch wenn ich die Sache mit den Händen nicht verstand.
* * *
Eine halbe Stunde später standen wir in der Küche und wuschen das Geschirr ab. Ich war glücklich weil er mein Essen gelobt hatte, und ich wollte nicht schlafen gehen. Lächelnd trocknete ich meine Hände ab.
„Also, was machen wir noch?“ Das Lächeln kam zurück.
„Was du willst.“ Na das öffnete mir doch mal ungeahnte Möglichkeiten.
„Okay“ sagte ich und verschränkte die Arme. „Dann... schauen wir jetzt einen Film.“
„Hmm“ machte er und lief ins Bad. Ich presste die Lippen zusammen. „Okay, was willst du denn sehen?“
Ich fuhr mit dem Finger an der Tischkante entlang. Gleich, gleich.. „Also, ich weiß nicht, ist mir eigentlich egal. Kommt drauf an, was du da hast.“
Ich bekam keine Antwort. Langsam und bedächtig atmete ich aus. Als ich aufsah, stand er im Gang und sah mich schmunzelnd an, die Tabletten in der Hand. Ich schaute zurück.
„Ich denke mal, die hast du gesehen, hm?“ In seiner Stimme lag keinerlei Angst, als ob es hier eine versteckte Kamera gäbe. Ich nickte und seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
„Tja, die Antwort ist einfach. Es ist nicht das drin, was draufsteht.“
Ich verschränkte die Arme und „runzelte die Stirn. „Und was ist dann drin?“ Er öffnete die Dose und ließ eine Tablette in seine Hand fallen. Ich starrte sie an.
„Rathiopharm.“ Ich hob eine Augenbraue.
„Kopfschmerztabletten? Wieso sind die da drin?“ Er grinste mich an und schmiss die Tablette zurück in die Box.
„Ich hab mal ne Wette mit jemandem abgeschlossen, die ich verloren hab, und deswegen musste ich dann meiner damaligen Mitfahrerin weis machen, ich würde die tatsächlich nehmen. Naja, irgendwie hab ich mich dran gewöhnt, deshalb hab ich sie nicht mehr umgefüllt.“
Oh. Ich schaute ihn an. Sirius verschwand wieder im Bad, um die Tabletten zurückzustellen. Ich wusste nicht genau, ob ich ihm glauben konnte, aber gleichzeitig sah ich auch keinen Grund ihm zu misstrauen. Wenn er das sagte, würde es wohl stimmen. Tief durchatmen, James.
„Das wusste ich nicht“ murmelte ich schließlich. Sirius lachte und warf mir einen verständnisvollen Blick zu.
„Schon okay, natürlich wusstest du das nicht. Jeder hätte nachgefragt, James.“ Er nahm seine Laptop Tasche und kramte in ihr herum. „Also, kann ich schonmal irgendwelche Arten von Filmen ausschließen?“
Was? Woher der Themawechsel? Ach ja, das Gespräch war ja schon beendet. Wieso dachte ich also verdammt nochmal die ganze Zeit daran. „Umm... Zombiefilme denke ich.“ Sirius zog die Augenbrauen zusammen und legte ein paar Filme auf einen Stapel. Dann nickte er. „Und, also.. am Besten einfach keine Horrorfilme allgemein. Und keine bescheuerten Actionfilme die nicht mal eine Handlung haben.“ Er kicherte.
„Sonst noch was?“ Ich biss mir auf die Lippe. Jap, keine Liebesfilme bitte. Aber das verkniff ich mir, denn im Ernst, was würde denn dann noch an guten Filmen übrig bleiben.
„Nope“ sagte ich schließlich und setzte mich neben ihn. Er drehte sich zu mir und schmunzelte.
„Stolz und Vorurteil?“ Oh shit. Bitte nicht.
„Um.. okay. Wieso nicht?“ JAMES POTTER WIESO SAGST DU IMMER DAS GEGENTEIL VON DEM WAS DU DENKST!!
Er grinste und nahm Film und Laptop, seine Hand an meinem Arm und er zog mich ins Schlafzimmer. Lächelnd kletterte ich auf das Bett und klopfte neben mich. Als Antwort bekam ich nur ein amüsiertes Kopfschütteln.
„Sirius tu mir einen Gefallen, ja, und erspar mir die Analyse während des Films. Ich kanns nicht leiden wenn jemand derweil quatscht.“
„Aber sicher James, sonst noch was? Willst du vielleicht noch Trauben?“ Ich stach ihm fest in die Rippen und wir fingen beide an zu lachen.
„Ich meins Ernst, jetzt sei einfach still. Ich will nichts vom Film verpassen.“ Ein Kichern und der Bildschirm wurde schwarz, als kurz darauf in weißen Lettern ‚Pride and Prejudice‘ erschien. Ich biss mir auf die Lippe und drehte meinen Kopf zu ihm.
„Sirius?“
„James?“ Ich rang nach Worten.
„Kann ich, uhm... meinen Kopf auf deine Schulter legen?“ Er sah mich verspottend an.
„James.“
„Sirius.“ antwortete ich trotzig.
„Wann hast du jemals danach gefragt? Sonst machst du es einfach.“
„Ja, aber ich dachte dass es vielleicht... höflicher wäre dich zu fragen.“ Ok, shit, vielleicht doch nicht. Wäre sein Blick ein Bild gewesen, stünde jetzt ‚Are you kidding me‘ darunter. Ich kaute auf meiner Lippe herum und starrte auf den Bildschirm.
„...James.“
„Was?“ Er seufzte.
„Jetzt leg deinen Kopf schon verdammt nochmal auf meine Schulter.“ Ich lächelte und gehorchte. Manchmal machte ich mir das Leben einfach viel zu schwer.
„Danke Sirius.“
„Sei leise, ich dachte es wird nicht gequatscht. Außerdem will ich Mr. Darcy nicht verpassen.“
Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd und konzentrierte mich auf den Film.
* * *
Langsam klappte er den Laptop zu und das Licht im Raum erlischte. Er konnte das zerzauste schwarze Haar an seinem Hals spüren und überlegte einen Moment, seine Pläne über den Haufen zu werfen, doch dann besann er sich wieder und drehte sich um.
Ganz vorsichtig legte er eine Hand an James‘ Rücken und legte ihn auf das Bett. Er war kurz vor Ende des Films eingeschlafen und hatte den ganzen Kuss zwischen Lizzy und Mr. Darcy verpasst, was die ganze Situation aber vielleicht auch weniger kompliziert machte.
Sirius strich mit seinen Fingern so sanft er konnte über den Arm des anderen und er schloss die Augen. Genieß den Moment solange du noch kannst. Dann zog er seine Hand zurück und legte sich auf die andere Seite des Betts, so weit wie möglich von James weg.
Als er sich umdrehte, fuhr ein stechender Schmerz durch seinen Arm. Sofort setzte er sich auf und zog seinen Pulli aus, leise fluchend. Natürlich hatte er kein Verbandszeug dabei gehabt, und überhaupt, James würde es sofort merken wenn er seine Handgelenke einbandagiert hätte. Nein, er durfte eben einfach für ein paar Wochen keine T-shirts tragen. Langsam tastete er seinen Arm ab und spürte sofort etwas nasses, klebriges... Oh.
Es hätte nicht so tief sein sollen. Aber wenn er jetzt aufstand, würde er James aufwecken, und das wollte er nun wirklich vermeiden. Langsam ließ er sich wieder auf das Bett sinken und biss sich fest auf die Lippe, um keinen Laut von sich zu geben. Einfach nicht bewegen und dafür sorgen, dass sie nicht noch weiter aufreißen. Das kannst du, Sirius. Das bist du ihm schuldig.
Langsam schloss er seine Augen zu und sofort setzte das allabendliche, vertraute Gefühl der leisen Panik ein, die er immer bekam wenn er schlafen ging. Alpträume waren die ersten Monate noch Probleme gewesen, aber mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt. Was wäre eine Nacht ohne ein bisschen Panik.
Seine Gedanken schweiften ab zu dem heutigen Tag. Wie lang er gewesen war... Erst die Schneeballschlacht, dann dieser Moment und dann hatte er ihn schon zweimal verletzt... schließlich die Motorradfahrt und wie glücklich er ausgesehen hatte... Eine weitere Welle von Schmerz durchzuckte seinen Arm und er presste die Lippen zusammen.
Dieser Kuss hätte nie passieren dürfen. Sirius war sich sicher, dass er James damit verletzt hatte, das dürfte dann wohl das vierte mal diesen Tag gewesen sein. Es war nun mehr als klar, dass er etwas anderes von ihm wollte, als Sirius von ihm. Und dabei war er sich so sicher gewesen, es wäre anders herum... aber was sollte das schon bedeuten, selbst wenn es so wäre. Er durfte sich nicht in James verlieben. Und James durfte sich nicht in ihn verlieben. So einfach war das.
Sein letzter Gedanke war, bevor er in einen sehr unruhigen Schlaf fiel, dass er James nicht noch einmal verletzen würde. Er würde ihn nie wieder auch nur anfassen, wenn es das war, was ihn glücklich machte. Denn seine eigenen Gefühle zählten hier nicht.
Das hatten sie noch nie.
