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Characters:
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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2017-06-06
Completed:
2017-06-26
Words:
155,376
Chapters:
75/75
Comments:
6
Kudos:
72
Bookmarks:
8
Hits:
2,732

Plötzlich Papa

Summary:

Ein kleiner Brief verändert von heute auf morgen Marcels Leben. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es war. Doch zum Glück hat Marcel Freunde, die ihn in dieser turbulenten Zeit unterstützen...

Notes:

Geschrieben wurde diese Geschichte 2013.

Chapter 1: Der Brief

Chapter Text

Lieber Marcel,
erstmal möchte ich Dir danken, dass Du Dich die ganze Zeit an unsere Abmachung gehalten hast. Leider hat sich jetzt einiges geändert, deswegen würde ich mich gerne mit dir treffen. Wann hast Du mal Zeit?
Viele Grüße,
Melanie

Marcel starrte die wenigen Zeilen an, bemerkte dabei kaum, wie ihm die restliche Post aus der Hand fiel. Er hatte sich schon gewundert, wer ihm eine Postkarte schrieb, aber an Melanie hätte er nicht gedacht. Niemals!

Sie waren vor sechs Jahren mal zusammengewesen, noch in der Schule. An dem Abend, an dem sie ihren Abschluss gefeiert hatten, war es passiert: Sie waren zusammen im Bett gelandet - und Lena war entstanden. Inzwischen hatte Melanie einen neuen Freund und ihn, Marcel gebeten, Lena nicht durcheinander zu bringen und die drei eine Familie werden zu lassen.

Er hatte sich dem Wunsch gefügt, zum einen für Melanie, aber auch für sich selbst. Er war damals nicht bereit für ein Kind gewesen, er war ja selbst noch eins gewesen! Vermutlich hatte er sich deshalb auch so schnell damit einverstanden erklärt.

Er hatte noch versprochen, im Notfall für Lena da zu sein - und möglicherweise war dieser Notfall jetzt eingetreten. Warum sonst sollte Melanie ihn jetzt auf einmal erreichen wollen? Sie hatte ihre Handynummer auf der Postkarte notiert, offensichtlich wartete sie auf einen Rückruf.

Marcel begann auf seiner Unterlippe zu kauen und wählte dann die Nummer. Ob was passiert war? Musste es ja, sonst hätte sich Melanie nicht gemeldet...

Endlich meldete sie sich. "Melanie hier, hallo?"

Marcel setzte sich auf die Treppenstufe. Die Post lag immer noch auf dem Boden vor dem Briefkasten. "Ich...", er räusperte er sich, als er hörte, wie unsicher seine Stimme klang. "Hier ist Marcel."

"Oh", hörte er Melanies vertraute Stimme. "Hallo Marcel." Sie war wohl ebenso nervös wie er selbst.

"Ich... ich hab deine Karte bekommen", sagte Marcel leise.

"Ja... das hab ich mir gedacht..."

Marcel verdrehte die Augen. Klar, woher hätte er sonst auch ihre Nummer. "Du... also... was gibt es?"

"Können wir uns treffen?", fragte Melanie leise.

"Ähm ja klar", sagte Marcel. "Wann... wann passt es dir denn?"

"Die Frage ist wohl eher, wann es dir passt."

"Ich hab heute Nachmittag noch nen Termin, aber gegen 17 Uhr bin ich fertig."

"Kann ich dich danach irgendwo treffen?"

"Wo... wo wohnst du denn? Wir können uns gern bei dir in der Nähe treffen."

"In Unna", sagte Melanie und nannte dann ihre genaue Adresse. Unna, das war glücklicherweise ziemlich in der Nähe.

"Das ist nicht weit", sagte Marcel. "Soll ich zu dir kommen oder... in ein Café oder so?"

"Komm mal zu mir, das ist für Lena dann auch leichter."

Marcel schluckte und musste gegen einen Anflug von Panik ankämpfen. "Ok", antwortete er etwas piepsig. Er hatte wirklich Schiss seine Exfreundin, besonders aber seine Tochter kennenzulernen.

"Dann... bin ich so gegen halb sechs bei dir", sagte er leise.

"Schön". Auch Melanie klang nicht wirklich erfreut, aber sie hatte das alles doch angeleiert.

"Also bis... nachher", verabschiedete sich Marcel.

"Bis... nachher", kam es leise von Melanie, dann legte sie auf. Und Marcel saß in Mitten seiner Post auf der Treppe im Hausflur.

"Scheiße", murmelte er nach einer Weile.

Jetzt wurde es ernst. Hatte er bis jetzt nie etwas davon gemerkt, dass er eine Tochter hatte - mal abgesehen von den paar Euros, die jeden Monat auf Melanies Konto flossen, die er aber ja nun nicht wirklich merkte - wurde es plötzlich real. Ganz real.

Und sofort kam die Panik. Es hatte sich nichts geändert, er fühlte sich nicht bereit für ein Kind. Nicht mal annähernd!

Er war Fußballspieler, konzentrierte sich nur darauf! Außerdem war ihm in den letzten Jahren immer mehr klar geworden, dass Frau und Familie nicht sein Lebensziel waren. Eher Mann und... Fußball. Und beides hatte er auch.

Und jetzt? Was wollte Melanie nur von ihm? Wollte... sie ihn zurück? Als Vater für Lena? Sollte er sich mehr kümmern? Aber was war mit ihrem Neuem, diesem Tobias, der damals in die Parallelklasse gegangen war?

Der war doch Lenas Vater geworden - hatten die beiden nicht auch mal geplant zu heiraten?

Marcel holte tief Luft und stand auf. Langsam wurde es ihm zu kühl auf der Treppe und außerdem musste er noch was essen, ehe er sich auf den Weg zu seinem Termin machte.

Vielleicht würde es ihn auch ablenken - hoffte er. Und danach würde er zu Melanie fahren und alles klären. Es würde bestimmt zu klären sein. Vielleicht brauchte sie auch einfach mehr Geld, jetzt, wo Lena in die Schule gekommen war.

Das wäre kein Problem. Allerdings hätten sie das doch auch am Telefon klären können.

Außerdem musste er essen, rief er sich in Erinnerung. So sammelte er seine Post zusammen, brachte sie hoch und stellte sich vor den Kühlschrank. Ihm war nach diesem Telefonat gar nicht mehr nach Essen, aber er musste, sonst wäre er nicht leistungsfähig. Also suchte er sich letztendlich ein paar Frühlingsrollen aus dem Gefrierschrank. Nicht unbedingt das, was er essen sollte, aber besser als nichts.

Er stand völlig neben sich, als er die Frühlingsrollen warm machte. Die ganze Zeit schwirrten ihm die wildesten Vorstellungen im Kopf herum. Was zum Teufel wollte Melanie nur von ihm? Sechs Jahre hatte Funkstille geherrscht und jetzt?

Letztendlich schlang er innen eiskalte, außen schwarzgebrannte Frühlingsrollen herunter, dann eilte er zu seinem Termin.

Pressetermine waren an sich schon nervtötend, aber heute war er auch noch unkonzentriert und das machte es noch schlimmer. Selbst Neven, der mit ihm den Pressetermin hatte, warf ihm immer wieder irritierte Blicke zu.

Nach der Verabschiedung verschwand Marcel ohne noch viel mit Neven zu reden, er wollte es nur hinter sich bringen. Also lief er schon förmlich zu seinem Wagen und raste los - nach Unna.

Je näher er Melanies Adresse kam, desto flauer wurde das Gefühl in seinem Magen. So hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt.

Vielleicht vor wichtigen Spielen. Aber dann war es eine positive Aufregung - hier wurde es von Meter zu Meter negativer. Als er vor dem Mehrfamilienhaus parkte, das Melanie angegeben hatte, war ihm richtiggehend übel.

Er stellte den Motor ab und starrte an dem Wohnhaus empor. Ein normales Haus, ohne besondere Auffälligkeiten. Hinter welchem der Fenster Melanie wohl wohnte? Vielleicht die Wohnung mit den roten Vorhängen vor dem einen Fenster? Oder doch die mit den ganz klassischen weißen Gardinen?

Es half alles nichts, je schneller er klingelte, desto schneller würde er es auch hinter sich haben. Er holte tief Luft, löste den Gurt und stieg langsam und mit ziemlich wackeligen Knien aus.

Langsam näherte er sich der Eingangstür, las die Klingelschilder und drückte dann bei "Schlüter". Einen Moment später tönte der Summer, und Marcel konnte die Tür öffnen.

Seine Hände zitterten leicht und fühlten sich ekelhaft verschwitzt an. Ganz langsam schlurfte er die Treppen nach oben.

Viel Gnadenfrist blieb ihm nicht, denn Melanie wohnte in der 1. Etage. Hier stand die Tür offen, und als er oben ankam, erschien Melanies Gesicht hinter der Tür. Sie hatte jetzt kurze, dunkle Haare, aber wirklich verändert hatte sie sich nicht.

"Hey", sagte Marcel und rang sich zu einem Lächeln durch.

"Hey - komm rein."

"Danke", murmelte Marcel und folgte ihr in die Wohnung.

"Lena? Kommst du?", rief Melanie über den Flur in Richtung eines Zimmers, dessen Tür bunt beklebt war.

Instinktiv trat Marcel einen Schritt zurück Richtung Wohnungstür. Am liebsten wäre er abgehauen.

Dann kam ein blondes Mädchen aus dem Zimmer. Die dunklen Augenbrauen waren unverkennbar - das war seine Tochter. Marcel wurde schlecht.

"Melanie ich weiß nicht...", fing er an und ging noch einen Schritt zurück.

"Was weißt du nicht?" Ihr Blick, nur ganz kurz, war böse und... enttäuscht. "Komm, Lena. Das ist Marcel. Der ist eigentlich dein Papa, das weißt du ja."

Lena sah ihn mit großen Augen ziemlich nachdenklich an. Jedenfalls vermutete er, dass der Blick nachdenklich war, was wusste er schließlich schon von kleinen Kindern!

"Du bist mein alter Papa", nickte sie dann und kam auf ihn zu. Langsam, und hin und wieder mit einem fragenden Blick zu ihrer Mutter.

Marcel schluckte erneut. "Hi", flüsterte er.

Lena fasste nun Mut und streckte ihre Hand aus. "Hallo Marcel." Das hatte Melanie ihr wohl gesagt, dass sie ihn so und nicht als "Papa" anreden sollte. Gut so, sonst hätte Marcel wohl auf der Toilette verschwinden müssen.

Marcel zögerte kurz, dann nahm er Lenas Hand. "Hallo Lena."

Die Hand war klein und weich und warm, und sie fühlte sich... gut an. Er erinnerte sich noch daran, wie er das letzte Mal ihre Hand berührt hatte, damals, als Melanie mit ihr aus dem Krankenhaus gekommen war. Er hatte seine Tochter ein Mal sehen wollen, irgendwie hätte er sich sonst nicht vollständig gefühlt.

"Du bist ganz schön groß geworden", murmelte er leise.

"Sagt meine Mama auch immer." Große, blaue Augen sahen ihn an. Seine Augen. Es war... unheimlich.

Unsicher sah Marcel zu Melanie, fragend. Auch, wenn er es nicht wagte etwas zu sagen.

"Lass uns ins Wohnzimmer gehen", sagte Melanie leise.