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Mrs. Hudsons Adventskalender der Kuriositäten

Chapter 1: Ein Prolog oder: Der Adventskalender der Möglichkeiten

Chapter Text

Mitten auf Mrs. Hudsons Küchentisch trohnt das Corpus Delicti, der Grund, aus dem sie hier sind. Sherlock und Mycroft sitzen auf der Eckbank und versuchen zu deduzieren, was es ist – traurigerweise behindern sie sich beide in dem Versuch, schneller zu sein als der andere, anstatt sich anzuspornen. Greg und John stehen vor dem Tisch und mustern das Paket ebenso misstrauisch, unentschlossen, ob sie lieber einen Großalarm auslösen und Mrs. Hudson in Sicherheit bringen sollen, oder doch einfach mal mit einem Messer reinstechen sollen, um zu sehen, ob es schreit – ein Vorschlag von John, nur halb ernst gemeint.

Vorsichtig lockert Greg die Paketschnur, um zu sehen, ob dort irgendwas verkabelt ist, während John den Arm so um Mrs. Hudson gelegt hat, dass er sie im Ernstfall sofort durch die Tür in den Hausflur stoßen kann. Vielleicht wäre es auch klüger, die alte Dame vorher schon in Sicherheit zu bringen, aber wie Mrs. Hudson schon wortreich und laut bekräftigt hat, wird es nur einen Weg geben, wie sie die Bakerstreet verlässt: die Füße zuerst. Tatsächlich tut sich nichts anderes, als dass Greg und Mycroft gleichzeitig sagen, dass es wohl keine Bombe ist. Sofort legt Sherlock nach und deduziert, dass es auch kein Giftgas oder eine Bio-Waffe enthält.

»Es ist also keine Bombe...«, fasst John zusammen und setzt sich neben Mycroft.

»Es ist auch keine ABC-Waffe...«, erklärt auch Greg und setzt sich ebenfalls auf die Bank.

»Es ist...«, will Sherlock weiter deduzieren.

»... ein Adventskalender!«, unterbricht ihn Mrs. Hudson einfach. So sehr darin versunken, was es nicht ist, ist keiner von ihnen auf die Idee gekommen, einfach reinzusehen.

Unter dem Adventskalender, einer monströsen Burg aus Holz in der Größe eines Wäschekorbs, liegt noch ein rein weißer Umschlag. Ohne zu zögern oder auf das angespannte Verhalten ihrer Jungs zu achten, reißt sie einfach den Umschlag auf. Natürlich liegt eine gewisse Gefahr darin, das weiß sie sehr gut, Moriarty ist ihr noch sehr präsent, aber wenn man sie hätte töten wollen, wäre das längst geschehen.

»Sehr geehrte Mrs. Hudson,

ich nehme an, dieses Paket hat Sie beunruhigt. So leid mir das auch tut, es war leider notwendig. Sonst hätten Sie niemals die ganze Crew angerufen und einbestellt. Ich habe doch recht und neben Ihnen befinden sich nun Detective Inspector Greg Lestrade, Doktor John Hamish Watson, der inoffizielle Geheimdienstleiter Mycroft Holmes und der weltberühmte Detektiv William Sherlock Scott Holmes in Ihrer Wohnung. Nichts ist so effektiv, um alle zu versammeln, als ein Paket unbekannter Herkunft, adressiert und persönlich abgestellt bei der Vermieterin des weltweit einzigen Consulting Detective.

Ich hege keinerlei böse Absichten, Sie kennen mich sogar alle und wissen, dass mir nichts ferner läge, als Sie zu verletzen. Seit Jahren beobachte ich Sie und sehe sie von Tag zu Tag unglücklicher werden. Das halte ich nicht mehr aus. Deswegen habe ich Mrs. Hudson diesen Adventskalender zugesendet. Auf dem beiliegenden USB-Stick habe ich PDF-Dateien der Adventskalendergaben angelegt, daher bitte ich Sie, Doktor Watson, dass Sie jeden Tag die Dateien an alle anderen Anwesenden senden – diese Dateien lassen sich auch nicht vor dem eigentlichen Tag öffnen.

Es ist ein Adventskalender der Möglichkeiten, dessen, was sein könnte. Vielleicht öffnet er Ihnen die Augen, wenn Sie sehen, was Sie haben könnten, wenn Sie sich drauf einließen. Es wäre Ihnen allen zu wünschen.

Einen besinnlichen Advent und frohe Weihnachten,

ein Fan.«

Mit leiser Stimme beendet Mrs. Hudson den Brief, muss selbst erst einmal durchatmen. Alles was dieser Fan dort beschrieben hat, hat auch Mrs. Hudson so mitbekommen. Zu Anfang hat sie es noch auf den tragischen Tod Marys und die ganze Geschichte rund um Eurus Holmes geschoben. Mittlerweile jedoch sieht sie das ganze ein wenig anders. Eigentlich hat es schon viel früher begonnen, kurz nach der Heirat von John und Mary. Sie hat es bei allen beobachtet, wie aus ehrlicher Freude und Lachen gespielte Fröhlichkeit wurde. Das alles mit Eurus und Mary ist schon wieder über zwei Jahre her und dennoch geht es auf dieser Spirale nur noch abwärts und nicht mehr aufwärts.

Laut und deutlich erklärt John, dass er seinen Laptop dafür nicht zur Verfügung stellen wird. Dateien jemandes Fremden auf seinem PC, direkt neben Steuer und Fotos von Rosie. Nein. Niemals. Er hütet diesen Laptop mittlerweile wie seinen Augapfel. Fotos von Rosie, Videos von Mary – ein paar wenige, dafür umso wertvoller –, Fallgeschichten, die er irgendwann in geschönter Weise seiner Tochter erzählen will. Keine Dateien unbekannter Herkunft.

»Du kannst diesen Stick ruhig anschließen John«, erklärt Mycroft. »Ich kann nicht deduzieren von wem dieser Brief ist, nicht einmal das Papier gibt einen Tipp, aber: Alles was in diesem Brief steht lässt keinen anderen Schluss zu, dass uns diese Person wirklich gut kennt und uns nichts böses will.«

»Sie kennt meine anderen Vornamen und deinen zweiten John, so viele Menschen kennen den nicht. Vielleicht deine Hochzeitsgäste, aber das waren alles gute Menschen ohne böse Absichten. Auch habe ich nicht vielen Menschen von Mycrofts wahrer Arbeit erzählt. Und wie Mycroft schon sagte, alles was ich aus diesen Worten aufnehme, lässt auf einen grundehrlichen Menschen schließen«, ergänzt Sherlock und bringt damit Johns Widerstand zum Bröckeln, aber nicht zum Bersten.

»Nein.« Ein Wort, eine Bedeutung und nichts bringt ihn davon ab. Er wird keine dieser Erinnerungen gefährden. Nachdem Mary gestorben ist, hat er so lange alles zusammengesucht, was auch nur mit ihr in Verbindung stand. Natürlich hat er Sicherungskopien, aber... Nein. Kein Risiko.

Und Mycroft versteht, er versteht es wieder einmal vor Sherlock. Zwischenmenschliches ist nun mal eher seins, als das seines Bruders.

»Ich werde dir einen weiteren Laptop bringen lassen, den du dafür nutzen kannst. Wir werden ihn zudem an ein anderes WLAN koppeln, damit deine Daten sicher sind.«

Sie sitzen noch einige Stunden zusammen und überlegen von wem dieser Kalender wohl stammen könnte – sie kommen auf keinen Nenner. Plötzlich nach Keksen und Tee, nach schmalem Abendbrot und heißem Kakao, nach einigen Stunden, ist es später Abend und niemand weiß, wo die Zeit geblieben ist. Es ist halb zwölf abends als Greg drauf und dran ist, sich zu entschuldigen und nach Hause zu fahren. Doch ein zweiter Blick auf die Uhr sorgt wieder dafür, dass er sich setzt. Eine halbe Stunde kann er auch noch warten und weiß dann endlich seine Neugier beruhigt. Ein Adventskalender der Möglichkeiten; welche er wohl für ihn bereit hält?

[30.11.2017 // 1046 Worte]