Chapter Text
Es war einmal in einer kleinen gemütlichen Stadt in Nageria eine Hasenmutter, die Kinder erwartete. Das war natürlich nichts ungewöhnliches, Häsinnen waren in jenen Tagen fast immer schwanger, aber als sich die Zeit der Geburt näherte, wurde sie krank, sehr krank.
Sie spürte, dass ihre Tage gezählt waren, und so begaben sich ihr Mann und die Kinder ihrer vorherigen 41 Würfe auf den Weg, um Hilfe zu suchen. Sie zogen auf ihrer verzweifelten Suche durch ganz Nageria und schließlich sogar in die riesige Nachbarstadt Zoomania, um jemanden oder etwas zu finden, was sie und ihre ungeborenen Kinder retten konnte. Und gerade als sie aufgeben wollten, erreichten ihr Mann und ein paar ihrer älteren Kinder das Rathaus von Zoomania. Dort entdeckten sie, dass die stellvertretende Bürgermeisterin, ein Schaf namens Dawn Bellwether, eine besondere Blume besaß. Diese Pflanze war von einer sehr seltenen Art, die heilende Wirkung hatte, und den Namen Blume des Glücks trug. Sie baten die Bürgermeisterin um Hilfe, aber sie lehnte ab. Sie sagte ihnen, dass es sie Jahre gekostet hatte, diese Blume zu finden. Sie würde sie niemals aufgeben.
Zu ihrem großen Glück kam dies dem Bürgermeister Leodore Lionheart zu Ohren und er hatte Mitleid mit den armen Hasen. Außerdem ärgerte es ihn, dass seine Assistentin ihm immer Termine auf die Freitage legte, die er sich sonst gerne frei genommen hätte, und so schlich er sich, als Bellwether nicht aufpasste, in ihr Büro, nahm die Blume und schenkte sie der Hasenfamilie. Die Hasen waren vor Glück und Dankbarkeit überwältigt und versprachen ihm sogar, dass er der Pate für alle Hasen des Wurfs werden durfte, wenn er wollte.
So wie sie es gehofft hatten, brachte die Blume des Glücks der Hasenmutter ihre Gesundheit zurück, aber zu ihrer großen Überraschung brachte sie keinen ganzen Wurf zur Welt, sondern nur ein einziges kleines Hasenmädchen, ein wunderschönes Häschen mit grauem Fell und lilafarbenen Augen. Das Mädchen tauften sie Judy. Sie nahmen Judy mit offenen Armen und glücklichem Lächeln auf den Lippen in ihrer Familie auf und für einen Augenblick war alles perfekt.
Und dann war dieser Augenblick auch schon vorbei …
Die Familie wusste nicht, dass die Blume des Glücks nicht nur Heilkräfte besaß, sondern auch magische Eigenschaften, die der kleinen Judy und allen, die in ihre Nähe waren, außergewöhnliches Glück bescherte. Die Hasen dachten, dass es sich dabei einfach um Zufälle handelte, aber ein bestimmtes Tier wusste es besser: Bellwether. Außer sich vor Zorn, dass die Hasen ihr ihre Blume, ihren größten Schatz, ihr Glück geraubt hatten, beschloss sie, es ihnen heimzuzahlen. Eines Nachts kam sie nach Nageria, schlich sich in das Haus der Hasen und entführte die kleine Judy aus ihrer Wiege. Sie nahm sie mit sich nach Zoomania und versteckte sie im obersten Stockwerk des höchsten Wolkenkratzers und stellte ein besonderes Halsband für Judy her. Damit konnte sie das Glück, das Judy sonst zufällig auf die Tiere in ihrer Umgebung ausstrahlte, einsperren und kontrollieren.
Die Jahre vergingen und Judy wuchs in dem Dachapartment auf. Sie setzte niemals eine Pfote nach draußen, wo ihre Familie nach ihr suchte und suchte, sie aber niemals fand. Judy verbrachte ihr Leben in dem Zimmer, von dem sie nicht ahnte, dass es ein Gefängnis war. Aber einmal im Jahr, in der Nacht ihres Geburtstages, öffnete sie das Fenster, stellte ihre Ohren auf und lauschte. Denn, wenn sie sehr genau hinhörte, konnte sie in dieser Nacht in der Ferne Musik hören …
Der Glücksbringer
Ein Märchen von Helthehatter
übersetzt von Mr. Manchas
Judy suchte unter dem Tisch, dem Bett und im Kleiderschrank, sogar im Kühlschrank. Sie ließ den Blick durch das ganze Zimmer wandern: Überall waren die Wände mit bunten Farben bemalt, hauptsächlich Rosa und Blau. Der gekachelte Boden war schwarz und weiß und stand überall mit Korbmöbeln voll, obwohl es nur eine kleine Wohnung war. Ein Kühlschrank, ein Ofen und ein Tisch bildeten die Küche, die sozusagen ein Teil des Wohnzimmers war. Es gab noch drei andere Zimmer: Ein Bad, ein Schlafzimmer und ein Gästezimmer, in dem ihre Mutter schlief, wenn sie zu Besuch vorbeikam. Es war klein, aber es war ihr Zuhause.
Judy verzog ihre Lippen zu einem Grinsen, als sie eine kleine Erschütterung des großen Korbs bemerkte, der mit Wollknäueln verschiedener Farben gefüllt war und neben dem Armlehnensessel stand.
„Nun“, sagte sie laut und schlich leise neben den Sessel. „Ich glaube, er ist für immer weg. Dann geh ich mal in mein Zimmer und werde etwas lesen.“
Eine Sekunde später tauchten zwei große, spitze Ohren aus dem Korb auf und Judy packte sie mit einem triumphierenden „Ah-ha!“
Der Kopf eines Fennek-Fuchses erschien zwischen den Wollknäueln im Korb und starrte zu ihr auf. „Das machst du immer!“
Judy kicherte und ließ ihn los. „Tut mir leid, Finnick, aber deine Ohren sind ja so groß und flauschig.“
Er schnaubte: „Das musst du gerade sage, du bist ein Hase!“ Offensichtlich hatte er ihre Worte als Beleidigung aufgefasst.
Vor zwei Jahren, während eines wilden Gewitters, das sie die ganze Nacht nicht schlafen ließ, hatte Judy fast einen Herzanfall bekommen, als das kleines Tier plötzlich aus einem Lüftungsschacht aufgetaucht war. Um genau zu sein, war es überhaupt das erste Tier außer ihrer Mutter, das sie jemals in ihrem Leben zu Gesicht bekommen hatte. Er war völlig durchweicht und halb verhungert. Sie hatte den kleinen Fuchs gesund gepflegt. Sie hatte ihm dabei ihre Lebensgeschichte erzählt, die verständlicherweise insgesamt recht kurz ausgefallen war, er hatte ihr nur seinen Namen und seine Tierart verraten. Dennoch hatte er beschlossen, eine kleine Weile bei ihr zu bleiben, um ihr zumindest zeitweise ein wenig Gesellschaft zu leisten, etwas, was sie dringend brauchte. Die „kleine Weile“ wurde zu Wochen, die Wochen zu Monaten, und diese zu Jahren. Judy hatte sich zusammengereimt, dass Finnick wohl kein Heim hatte, zu dem er zurückkehren konnte, aber sie beschwerte sich nicht bei ihm. Wenn er gehen würde, wäre sie wieder alleine.
„Na gut, dann spielen wir halt etwas anderes“, bot sie an.
Finnick zeigte einen säuerlichen Gesichtsausdruck. „Ich bin nur klein, Judy. Ich bin kein Kind.“
„Schön, schön, Herr Griesgram. Was könnten wir also machen? Sollen wir lesen oder backen? Wir könnten auch ein Kleid schneidern …“ Judys Stimme wurde leise, als sie Finnicks Gesichtsausdruck sah. Alles, was sie vorgeschlagen hatte, taten sie sowieso. Und zwar jeden Tag. So lange, wie sie sich zurückerinnern konnte.
Aber morgen, morgen würde es anders sein: „Nur Geduld“, blieb Judy beharrlich. „Mutter kommt bald zurück und dann frage ich sie, ob sie mir erlaubt, nach draußen zu gehen und mir das Konzert anzuhören. Ich werde morgen achtzehn. Sie muss mich jetzt nach draußen lassen, richtig?“
Finnick holte sich eine Strickzeitschrift aus dem Korb und schlug sie auf. Er sagte kein Wort. Judy musste nicht Gedankenlesen können, um zu wissen, was Finnick von ihrer Mutter hielt, obwohl ihm Judy immer wieder erklärt hatte, dass alles, was ihre Mutter tat, nur wegen Judys Sicherheit geschah.
Sie ging zu dem großen Fenster hinüber, dem einzigen Ausblick nach draußen, und drückte es auf. Eine frische Brise strich durch ihr Fell. Sie blickte auf die Stadt tief unter sich. Alles sah von hier oben winzig aus. Sie legte ihre Pfote instinktiv auf das Halsband. Es hatte eine blaue Farbe und passte zu ihrem Fell. Sie trug es, seit sie denken konnte, um den Hals. Ihre Mutter hatte sie gewarnt, es niemals abzunehmen, sonst würde ihr Glück in alle Winde zerstreut werden und sehr böse Tiere könnten etwas abbekommen. Und dann könnte sie nicht mehr kontrollieren, was geschehen würde.
Plötzlich richtete sie ihre Ohren auf, als sie Schritte hörte. Sie drehte sich um und sah, dass auch Finnicks Ohren in verschiedene Richtungen zuckten: Er hatte es auch gehört.
„Versteck dich, schnell“, flüsterte sie hektisch.
„Judy!“, eine bekannte, muntere Stimme rief von draußen und Finnick sprang vom Stuhl und wuselte in Judys Schlafzimmer, wo er sich unter dem Bett verkroch. Beide wussten, wenn Judys Mutter ihn finden würde, dass sie ihn rausschmeißen würde und Judy den einzigen Freund, den sie in ihrem Leben bisher hatte, nie wieder sehen würde.
Das Geräusch des Schlüssels im Schloss war zu hören und Judy rannte zu dem Stuhl, auf dem Finnick gerade noch gesessen hatte und ließ sich darauf plumpsen. Sie schnappte sich die Zeitschrift und tat so, als hätte sie den ganzen Tag hier verbracht.
Die Tür öffnete sich und Dawn Bellwether trat ein. Dann schloss sie die Tür hinter sich und sperrte ab. Das Schaf ließ den Blick durch den Raum schweifen und lächelte, als sie Judy auf dem Stuhl erblickte. Das Häschen sah, dass sie eine Tüte mit Gemüse und eine kleine Blumenvase mitgebracht hatte.
„Wie geht es meinem kleinen Glücksbringer heute“, fragte sie und stellte die Blumen und die Einkaufstüte auf den Tisch.
„Gut, Mutter“, erwiderte Judy und sprang von ihrem Sitz auf. „Wie war dein Tag?“
„Ach, immer das gleiche“, sie machte mit dem Huf eine abwehrende Bewegung. „Wie immer bin ich die einzige da unten, die ihre Arbeit ernst nimmt.“
Judy nickte. Sie wusste ganz genau, dass ihre Mutter sich unterfordert fühlte, wenn es um ihre Tätigkeit als zweite Bürgermeisterin, oder, wie sie es ausdrückte, „bessere Sekretärin“ ging. Aber ihre Adoptivtochter zu besuchten, verbesserte ihre Laune immer.
Jetzt, wo sie die Hufe frei hatte, breitete Bellwether die Arme aus und Judy lief schnell zu ihr, um sie zu umarmen. „Ich habe dich vermisst.“
„Ich habe dich auch vermisst, mein Liebling“, gurrte Bellwether und schob sie nach einem kurzen Drücken auf Armlänge von sich weg. „Es scheint so, als ob du jedes Mal größer wirst, wenn ich dich besuchen komme.“
Judy lächelte, das war die richtige Gelegenheit: „Wenn wir von schon vom Größerwerden reden. Mutter, wie du weißt ist morgen mein …“
„Hier, Judy“, Bellwether zog eine dornenlose Rose aus der Vase, drehte den Stil zu einem kleinen Kranz zusammen und legte diesen dann über Judys rechtes Ohr. „Siehst du nicht umwerfend aus?“
Judy musste, wie immer, ihren Worten glauben: Sie hatte sich noch niemals selbst gesehen. Es gab in ihrer Wohnung keinen Spiegel, weil ihre Mutter glaubte, dass es Unglück bringen würde, wenn ein Spiegel zerbrach. Sie musste sich darauf verlassen, was Finnick und ihre Mutter ihr sagten, um sich auszumalen, wie sie wohl aussah.
„Mutter, ich wollte fragen …“
„Warum ist das Fenster offen?“ Bellwethers Stimme hatte schlagartig ihren warmen Klang verloren und wirkte plötzlich irgendwie schneidend und kalt.
„Oh, uh“, begann Judy unsicher, „das ist das, worüber ich mit dir sprechen wollte.“
Bellwether schlug das Fenster mit einem lauten Knall zu, so dass Judy erschreckt aufsprang. Sie drehte sich mit strengem Gesichtsausdruck um. „Du weißt ganz genau, dass ich nicht will, dass du das Fenster auf machst. Irgendwelche furchtbaren Raubtiere könnten dich sehen und versuchen, dich zu entführen.“
„Mutter, das hier ist eines der größten Gebäude in Zoomania. Ich glaube nicht, dass irgendein Tier mich sehen könnte, selbst wenn es wirklich gute Augen hätte.“
„Judy“, ermahnte Bellwether sie einfach streng und ging zu der Küche hinüber. Sie stellte das Gemüse in den Kühlschrank.
Judy konnte Finnick förmlich im Nachbarzimmer hören, so als würde er sie über die Entfernung anschubsen, dass sie es weiter versuchen sollte. Sie holte tief Luft und sprach dann eilig: „IchwillzudemKonzertgehen!“
Bellwether drehte sich langsam zu ihrer Tochter um. „Wie war das?“
„Morgen ist mein Geburtstag. Und da ist jedes Jahr dieses Konzert. Und ich möchte da hingehen.“
„Welches Konzert?“, wollte das Schaf wissen.
Judy deutete aus dem Fenster. „An jedem meiner Geburtstage, Nachts, sehe ich Lichter auf der anderen Seite der Stadt. Und ich kann Musik von dort hören. Da ist ein Konzert, u-und ich g-glaube, dass ich alt genug bin, d-dass ich es mir selbst ansehen kann.“
„Oh, mein Liebling“, seufzte Bellwether und ging zu Judy, um ihr den Huf über die Wange zu streicheln. Sie landete auf dem Halsband und rubbelte kurz darüber, bevor sie den Huf zurückzog. „Erinnerst du dich nicht daran, was ich dir erzählt habe? Was an dem Tag passiert ist, an dem ich dich gefunden habe?“
Natürlich erinnerte sich Judy. Sie wusste, dass ihre „Kräfte“ den Tod ihrer Eltern verursachte hatte, weil Raubtiere sie entführen wollten, um an ihr Glück zu kommen. Glücklicherweise war Bellwether gerade noch rechtzeitig angekommen und hatte sie mit Hilfe des ZPD gerettet. Weil Judys Eltern tot waren, hatte sie das Hasenbaby adoptiert und es wie ihr eigenes Fleisch und Blut aufgezogen.
„Aber diese Raubtiere wurden eingesperrt“, erinnerte Judy sie. „Und es können doch nicht alle von ihnen so böse sein?“ Immerhin war da Finnick. Er war zwar oft grummelig, aber er hatte nicht das geringste Interesse an ihrem Glück gezeigt, als sie ihm davon erzählt hatte.
„Raubtiere sind grob und arrogant“, erwiderte Bellwether mit festem Blick in den Augen. „Wenn irgendwelche etwas von deiner besonderen Gabe erfahren, dann werden sie hierherkommen, um sie dir zu stehlen. Du bist hier oben am sichersten.“
„Aber Mutter, ich kann doch nicht für alle Zeit hier oben bleiben, oder?“
Bellwether schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht, mein Liebling. Aber ich würde mich wirklich unwohl fühlen, dich nur auf dich selbst gestellt da hinauszuschicken. Ich könnte nicht auf dich aufpassen, weil ich in meiner Arbeit zu beschäftigt bin und stell dir mal vor, was diese schrecklichen Raubtiere mit dir anstellen werden, wenn sie dich kriegen? Sie werden dein Halsband kaputt machen, oder dich ganz in Stücke reißen. Erinnerst du dich, was ich dir über glücksbringende Hasenpfoten erzählt habe?“
Judy musste sich beherrschen, um nicht zu erschaudern. Ihre Zweifel an dem ganzen Plan kamen zurück. „Könntest du nicht zumindest … darüber nachdenken?“
Bellwether seufzte traurig, aber dann nickte sie. „Na gut. Ich werde darüber nachdenken. Aber jetzt, muss ich zu meiner Arbeit zurück, bevor mich jemand im Büro vermisst. Ich liebe dich.“ Sie zog Judy noch einmal in eine Umarmung und das Häschen erwiderte sie.
„Ich liebe dich mehr, Mutter“, murmelte sie in die weiche Wolle des Schafs.
„Ich liebe dich am meisten, mein Glücksbringer“, gurrte Bellwether und küsste sie auf eines ihrer Ohren.
Judy fühlt dort ein Ziehen und machte einen Schritt zurück. Sie sah, dass Bellwether den Kranz, den sie aus der die Rose gedreht und um ihr Ohr gelegt hatte, jetzt wieder abgezogen und die Blume in ihre eigene Kopfwolle gesteckt hatte. Sie lächelte Judy an. „Hoffentlich ist genug von deinem Glück auf die Rose abgefärbt, dass ich eine Gehaltserhöhung bekomme.“
