Work Text:
Die morgendlichen Nebelschwaden hatten sich noch nicht ganz aus dem Wald verzogen, als ein helles Quäken aus der Bruthöhle eines Raptorenpaares drang.
Zuerst sah Archie nicht anders aus als seine Nestgeschwister: knuddelig mit weichem Dunengefieder, kaum anders als heutzutage Hühnerküken.
Das änderte sich mit der ersten Mauser. Die Federn an seinen Ärmchen standen deutlich weiter ab als bei den anderen Raptoren seines Alters.
Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, doch die Federn wurden immer länger und behinderten Archie beim schnellen, geräuschlosen Laufen, da er immer wieder darüber stolperte und sich zum Schluss meist hüpfend fortbewegte. Die anderen ärgerten sich, weil er durch seine ungeschickte Art oft die Beutetiere verscheuchte, die sie jagen wollten. Ausserdem machte sie seine ungewöhnliche Art sich zu bewegen nervös.
So kam es, dass Archie als Halbwüchsiger verjagt wurde. Auf sich allein gestellt, ernährte er sich von Insekten und den Resten der Beute anderer Raubsaurier. Vor denen nahm er sich besonders in acht und versteckte sich tagsüber. Abends kamen die rattenartigen Säuger aus ihren Löchern.
Als Küken hatte Archie schreckliche Angst vor ihnen, da manchmal so ein Wesen in den Bruthöhlen auftauchte und anschließend fehlte jedesmal danach eines der Nestlinge.
Doch jetzt war alles anders und Archie lauerte geduldig am Eingang der Nagerbaue und schnappte im richtigen Moment zu. Mit seiner körperlichen Stärke wuchs auch sein Lebensmut wieder und er machte sich auf, das Land ausserhalb seines angestammten Gebietes zu erkunden.
Ihm fiel auf, dass wenn er schnell lief und dann seine Arme abspreizte, er vom Wind ein Stückchen in die Luft gehoben wurde. Mit der Zeit gewann er Freude daran und verbesserte seinen Hüpf-/Gleitflug immer mehr. Die Schlangen, die er jagte, zielten mit ihren Bissen auf seine langen Federn, und so konnte er sie leicht zerbeissen. Wenn er kein tierisches Protein vorfand aß er Nüsse und Früchte.
Irgendwann gelangte er wieder in das Revier seines Stammrudels. Doch wo war das fröhliche Gezirpe und Schäkern geblieben, das diesen Teil des Waldes früher erfüllt hatte? Als er endlich einen Artgenossen traf, bot sich ihm ein trauriger Anblick.
Von den ursprünglich 16 der kleinen Raptoren, lebten gerade mal noch 5. Sie waren froh jemanden wie sie zu treffen und begrüßten ihn so wie sich heutige Krähen liebkosten und schnäbelten.
Archie erwiderte die Liebkosungen zunächst schüchtern und kämmte die Kopffedern seiner Artgenossen mit seinen Zähnen ebenfalls durch, wenn auch nicht so entusiastisch, da er so lange Zeit allein war und erst wieder lernen musste sozial zu interagieren.
Doch plötzlich gellte ein Alarmruf und fast gleichzeitig brach etwas durch die großen Blätter neben ihnen. Ein Allosaurus hatte sich gegen den Wind angeschlichen und stürzte sich auf den optisch am auffälligsten: Archie. Die anderen stoben kopflos nach allen Seiten auseinander.
Archie machte es wie sie und suchte etwas, an dem er hochklettern konnte. Der große Raubsaurier hatte nur noch die vermeintlich leichte Beute im Blick.
Archie spürte schon den Atem seines Verfolgers im Nackengefieder. Als er seine bekrallten Arme hochriß um auf einem Farnbaum zu springen, fuhr ihm ein Windstoß unter die Flügel und blies ihn scharf zur Seite. Er hörte nur noch ein dumpfes Krachen.
Der Allosaurus war ihm im Jagdeifer gefolgt und derart heftig mit dem Baum zusammen gestoßen, daß er sich dabei sein Genick gebrochen hatte. Archie blickte verdattert auf den leblosen Körper. Dumm gelaufen für den Jäger. Er mußte wirklich verrückt vor Hunger gewesen sein.
Nur langsam wagten sich die anderen Raptoren heran und als sie überzeugt waren, dass der Schrecken der vergangenen Monate endlich nicht mehr gefährlich und tot war, fraßen sie ihn auf. Sie waren nahrungstechnisch Opportunisten, ähnlich den Wölfen, Hyänen und Geiern unseres Zeitabschnittes. Sie besaßen einen eisernen Magen, der sogar mit letztendlich verdorbenem Fleisch etwas anzufangen wusste.
Archie blieb bei ihnen, fand eine Gefährtin und baute bald mit ihr zusammen ein Nest in einem verlassenen Säugerbau. Ihre Kinder hatten ebenfalls jene langen Armfedern, mal länger, mal kürzer Doch es kümmerte niemanden mehr. Sie lernten die Vorteile des Hüpf/Gleitflugs zu schätzen, von Baum zu Baum machte es sogar noch mehr Spaß!
Alles hätte so schön sein können. Bis zu jenem Tag, der wirklich alles veränderte. Ein merkwürdiges Leuchten drang von dem Teil des Horizontes her wo ein Stern vom Himmel gefallen war.
Archie und seine Freunde spürten die Unruhe, die die Erde hinaufwummerte. Immer lauter werdender Lärm von einer großen Stampede kam näher. Einige Raptoren liefen vor dem Lärm davon, aber Archies Clan hatte noch Jungtiere im Bau und die galt es zu beschützen. So versteckten sie sich in den Bruthöhlen, nahmen die Kleinen unter ihre Fittiche um sie zu beruhigen, während sie selbst vor Angst fast den Verstand verloren.
Große und kleine Füße trampelten über ihnen hinweg. Zwei heftige Erdstösse folgten. Dann war alles seltsam still. Die Eingänge waren verstopft und es dauerte viel Zeit und Mühe sie wieder frei zu schaufeln. Kurz vor dem Ersticken schafften sie es. Als sie die staubige und verrauchte Luft einatmeten die ihnen entgegenkam, hätten sie am liebsten wieder zugeschaufelt.
Verwirrt schaute sich die kleine Schar um. War war nur aus ihrer schönen Welt geworden? Wo früher ein saftiggrüner Urwald stand, erstreckte sich nun eine Trümmerwüste.
Insekten labten sich an den toten Riesen, genauso wie die rattenartigen Säuger, die sich dank der Nahrungsspende nun übermäßig stark vermehrten. Archie und seine Freunde waren gezwungen sich höhere Rastplätze zu suchen. Der Boden war zu gefährlich geworden.
Auf den Felsen und den steilsten Baumtrümmern und später auch auf den neu gewachsenen Bäumen, bauten sie sich ihre Nester und lebten von dort aus ein neues Leben. Sie glitten von Ast zu Ast. Von dem erhöhten Standpunkt aus hatten sie es leicht sich auf die bodenlebenden Säugetiere, Schlangen und andere kleine Reptilien zu stürzen.
Sie spalteten sich im Laufe der Zeit je nach Bevorzugung der Nahrung und Lieblingsorte zum Wohnen auf. Die Clans entwickelten sich zu eigenen Stämmen und Völkern und letzlich zu neuen Arten.
So entstanden unsere Lebensgenossen, die von Frühling bis Herbst morgens und abends das Rock-Konzert ihrer Stimmen zum besten geben, das wir in den dunklen Wintermonaten vermissen und erfreut mit den ersten V-förmigen Formationen der Zugvögel willkommen heißen. Mit einem Mal hört man den Schrei eines Rotmilans, schaut hoch und beobachtet wie zwei Krähen ihn aus ihrem Nistbereich vertreiben. Dieser Kampf hat sich nur vom Boden in die Luft verlagert. Die Saurier haben es trotz allem geschafft - sei es auch nur aus eine kleinen, zu ihrer Zeit unscheinbar erscheinenden Gruppe von Sonderlingen heraus...
