Actions

Work Header

Ewige Flamme

Summary:

Lambert vermisste Keira kein bisschen. Was aus diesem untreuen, herrischen Weib wurde, war ihm komplett egal. Dass der Pfad ihn diese Saison nach Kovir führte, wo sie die letzten Monate zusammen mit diesem widerlichen Schnösel gelebt hatte, war reiner Zufall. Triss zufolge hatte sie sich offenbar von diesem reichen Trottel getrennt hatte, aber das hätte Lambert nicht gleichgültiger sein können. Er war ein für alle mal über diese Zauberin hinweg …

Notes:

Hallo werte Leser,

mit Kapitel 20 meiner Geschichte “Das Herz der Alchemie” hatte ich ja eine kleine Überraschung versprochen und hier ist sie: Ein eigenständiges, kleines Lambert-Spin-off. Auf die Idee dazu hat mich übrigens die wunderbare OpheliaTheMoth gebracht.

Wer “Das Herz der Alchemie” noch nicht gelesen hat, kann dieses Spin-off selbstverständlich davon losgelöst lesen und kann dann (voraussichtlich ab Kapitel 23) im “Herz” weiterlesen, wie die Sache für Lambert weitergehen wird.

Wer die Hauptgeschichte bisher verfolgt hat, sollte dieses Spin-off am besten nach Kapitel 20 lesen - dann ist chronologisch alles im Fluss … ;-)
Es handelt sich hierbei um einen Nebenhandlungsstrang, der nach drei Kapiteln wieder mit der Hauptgeschichte verschmelzen wird.
Es ist nicht nötig, diese Geschichte hier zu lesen, um den kommenden Geschehnissen im “Herz” folgen zu können. Aber vielleicht wollt ihr ja miterleben, wie Lambert in den Schlamassel hineingerät, in dem er bald schon sitzen wird.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Viele Grüße
die Lady

Chapter 1: Zufällig in Kovir

Chapter Text

Kapitel 1 - Zufällig in Kovir

 

Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens fielen auf den noch gefrorenen Boden. Die Nächte waren nach wie vor frostig, doch die letzten Tage hatten bereits eine Veränderung bewirkt. Die Bäume und Sträucher am Rand der Straße trieben aus, bildeten Knospen. Kovirs üppige Vegetation hieß den Frühling willkommen.
Ein Spatz saß in einem Baum am Wegesrand und pfiff munter sein Lied - vermutlich, um irgendeine Spatzenfrau zu beeindrucken. Oder um sie einem anderen Spatz auszuspannen … auf jeden Fall hatte der kleine Kerl ekelhaft gute Laune.
“Blödes Mistviech.” Lambert hasste diesen Morgen. Genauso wie die Morgende davor. Durchgefroren war er in der Scheune erwacht, in der ihn ein misstrauischer Bauer hatte übernachten lassen. Dieser Hundsfott hatte sich das Lager im Stroh von ihm bezahlen lassen. Lambert hatte nicht übel Lust gehabt, dem Mann auf seine Art mitzuteilen, was er davon hielt, wenn Reisende ausgenommen wurden. Aber da die Alternative in einer Übernachtung im Freien bestanden hätte, hatte er seine Wut hinuntergeschluckt und seine Geldkatze gezückt.
Er bewegte seine eiskalten Zehen in seinen Stiefeln. Verdammte Kälte. Wieso war er auch nur so früh wieder auf den Pfad gegangen? Noch zwei, drei Wochen länger in Kaer Morhen und er hätte sich diesen Mist erspart. Aber nach mehreren Monaten in dieser zugigen Ruine, allein mit Eskel, war er froh gewesen, endlich aufzubrechen. Trotzdem hatte er noch ein paar Tage länger gewartet, als sein Bruder, der bereits wieder in den Sattel gestiegen war, sobald die Gebirgsstraße passierbar war. Konnte es wohl gar nicht erwarten, nach Oxenfurt zu kommen.
Lambert schnaubte. Verdenken konnte er es Eskel nicht. Wenn ihn eine Frau wie Thalia erwarten würde, dann hätte er selbst wahrscheinlich schon versucht, das Eis auf den Pässen mit Igni zu schmelzen.
Aber ihn erwartete keine Frau. Ihn erwartete überhaupt niemand.
Wenn irgendein Ungeheuer ihn in einer stinkenden Höhle in Stücke risse - niemand würde es bemerken. Falls Eskel im nächsten Winter wieder nach Kaer Morhen zurückkehrte - und sicher war sich Lambert da keineswegs - dann würde dieser sich fragen, was aus Lambert geworden sei. Ob er irgendwo ein anderes Winterquartier bezogen hätte. Im Jahr darauf würde Eskel klar werden, dass Lambert nicht mehr zurückkehren würde. Aber was ihm zugestoßen wäre, würde nie jemand erfahren. So war es vor ihm schon Hunderten von Hexern ergangen. Kein Hexer stirbt in seinem Bett, wie Vesemir immer zu sagen pflegte.
Und doch war er nun wieder auf dem Pfad. Auf dem Pfad, den er hasste, den er sich nicht ausgesucht hatte und der irgendwann - ob früher oder später - seinen Tod bedeuten würde. Zuerst war Lambert der Straße nach Aard Carraigh gefolgt, ohne klares Ziel. Dann war er weiter nach Westen geritten, bis er gestern die kovirische Grenze überquert hatte. Dass er nun in Kovir gelandet war, hatte rein gar nichts damit zu tun, was Triss in einem Nebensatz fallengelassen hatte. Dass Keira nun in Kovir lebte, genauer gesagt in Lan Exeter. Er hatte nicht vor, diese herrische, untreue Zauberin jemals wiederzusehen.
Damals hatte alles zuerst so gut angefangen. Sie waren zusammen nach Gors Velen gereist, wo Keira weitere Nachforschungen zur Heilung der Catriona-Krankheit angestellt hatte. Die Notizen dieses Zauberers Alexander, die sie in Velen an sich gebracht hatte, waren wohl ein wahrer Schatz an Informationen. Doch auch nach Radovids Tod waren viele Gegenden in den nördlichen Königreichen für Zauberer kein sicheres Pflaster und so hatte Lambert ihr wann immer es nötig war Ärger vom Hals gehalten. Wenn sie für ihre Forschung Zutaten benötigte, hatte er ihr diese besorgt.
Von Anfang an gab sie den Ton an, traf die Entscheidungen und bestimmte ihre Reiseziele. Doch bei all dem war sie mehr oder minder freundlich zu ihm gewesen. Zumindest für eine Zauberin. Und sie hatte es stets verstanden, ihn zu besänftigen, wenn er seinem Ärger über das Hierarchiegefälle in ihrer Beziehung Luft machte. Oh, ja, das hatte sie …
Lambert verdrängte den Gedanken an intime Momente mit diesem betrügerischen Weib schnell. Die Erinnerung an ihre weiche Haut, ihre Berührungen lösten immer noch ein Verlangen in ihm aus, das ihm alles andere als recht war.
Wenn er ehrlich zu sich selbst war - und Lambert versuchte, diese Momente auf ein Minimum zu reduzieren - dann waren die Monate mit Keira die beste Zeit seines Lebens gewesen. Wobei dies eher etwas darüber aussagte, wie beschissen es das Schicksal schon immer mit ihm gemeint hatte.
Alles war gut, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihren ´alten Bekannten´ wiedertraf - diesen Emilian Gyldenstein. Diesen widerlichen, arroganten, herablassenden Schnösel. Diesen von sich selbst eingenommenen Zauberer, mit dem sie anscheinend auch zuvor schon öfters Beckenkontakt gepflegt hatte. Das war ihm aber zu diesem Zeitpunkt nicht klar gewesen.
Dieser überhebliche Hundsfott hatte deutlich gezeigt, was er von Hexern hielt - und von diesem Hexer, der seine ´gute Freundin´ Keira begleitete, ganz besonders. Dieser Schleimer hatte versucht, ihn in Keiras Gegenwart wie einen ungebildeten Schläger und Rüpel dastehen zu lassen.
Und wie ein Idiot hatte er selbst dann noch nicht einmal Verdacht geschöpft. War wie immer ohne zu fragen für sie auf Bestienjagd gegangen, um ihr wieder irgendeine so dringend benötigte Zutat zu bringen. Während sie… Lambert presste die Lippen aufeinander, seine Miene verdüsterte sich, wenn er an diesen Moment zurückdachte.
Nichts ahnend war er von seinem Auftrag zurückgekehrt, besudelt mit Blut und wesentlich Unappetitlicherem. Betrat das von ihr gemietete Haus und wunderte sich im ersten Augenblick nur, wessen Mantel über der Stuhllehne hing. Und hörte erst dann, was er niemals hatte hören wollen. Wutentbrannt war er ins Schlafzimmer gestürmt, hatte diesen Drecksack von ihr heruntergerissen und ihm mit einem Schlag das Nasenbein zertrümmert. Er hätte diesem Widerling noch viel mehr Knochen gebrochen, wenn dieser Arsch ihn nicht mit einem Levitationsspruch unsanft gegen die Wand befördert hätte. Was danach kam, hatte er wie durch einen Schleier aus Wut, Enttäuschung und Schmerz wahrgenommen. Keiras Schreie, ihre Hände, die ihn davon abhalten wollten, erneut auf dieses Schwein loszugehen, ihre lächerlichen Erklärungsversuche … Lambert hatte sie von sich gestoßen und fluchtartig das Haus verlassen. Dreckig und stinkend war er auf sein Pferd gestiegen und einfach davon geritten. Hatte sich nicht mehr nach ihr umgesehen, als sie nur mit einem Morgenrock bekleidet vor dem Haus versucht hatte, ihn umzustimmen.
Seit dem hatte er sie nicht wiedergesehen. Fast zwei Jahre war das nun her.
Und doch verging kaum ein Tag, an dem er nicht an diese untreue, verräterische Schlampe dachte. Verfickte Scheiße.

 

Dass sein Weg ihn nach Lan Exeter führte, war reiner Zufall. Eigentlich war Pont Vanis sein Ziel. In Hengfors hatte er in einem Gasthaus die Unterhaltung zweier Händler belauscht, die sich über vermehrte Angriffe durch Sirenen auf den Gewässern in der Nähe der Küstenstadt ausließen. Ein Hexer, der sich der Sache annahm, käme den Fischern dort bestimmt wie gerufen. Lan Exeter in der Praxeda-Bucht lag lediglich auf dem Weg.
Als er durch das östliche Stadttor ritt, schlugen ihm sofort die charakteristischen Gerüche einer größeren Siedlung entgegen. Wobei in Lan Exeter die Noten von Schweiß, geräuchertem Fisch und Backwaren dominierten. Eine deutliche Verbesserung gegenüber den Städten weiter südlich, allen voran der ´Freien Stadt Novigrad´, wie sich dieses Dreckloch nannte. Dort verschlugen einem die betörenden Düfte von Exkrementen, Pisse und Unrat den Atem - zumindest in der Unterstadt. In Kovir - und besonders in der Hafenstadt Lan Exeter - herrschte kaum Armut, die Kriminalität war auf einem niedrigen Niveau und die unterirdisch angelegten Abwasserkanäle sorgten für vergleichsweise saubere Straßen und Gassen.
Trotzdem hasste Lambert Lan Exeter. Eigentlich hasste er alle Städte. Zu viele Menschen, zu viele Geräusche, zu viele Gerüche. Jedoch ließ sich in Städten mittlerweile oft das meiste Geld verdienen. Die feinen Herrschaften wären nie auf die Idee gekommen, sich selbst ihrer Probleme mit unerwünschten Kreaturen anzunehmen, wie das immer mehr Bauern und Waldarbeiter taten. Wer sich als Hexer auf die Beseitigung von Zeugln, niederen Vampiren und Erscheinungen spezialisierte, konnte in größeren Städten ein gutes Auskommen erlangen. Aber Lambert wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, in einer Stadt sesshaft zu werden.
Hier hatte sich Keira also niedergelassen. Laut Triss hatte sie das letzte Jahr in Lan Exeter verbracht. Bis vor ein paar Monaten hatte diese promiskuitive Schlampe wohl bei diesem Albrecht van Ehrenfels gewohnt. Wahrscheinlich irgendein reicher Trottel, der ihr einen ausschweifenden Lebensstil ermöglichte. Noch etwas, auf das sie in der Zeit, in der sie mit Lambert zusammen gewesen war, hatte verzichten müssen. Genau wie auf Empfänge, teure Kleider und ´kultivierte Konversation´. Dafür hatten sie trotzdem eine gute Zeit miteinander gehabt. Sie schien all die Annehmlichkeiten nicht vermisst zu haben - zumindest nicht, wenn sie in seinen Armen lag. Lambert ertappte sich dabei, wie er versonnen an die leidenschaftlichen Momente dachte, die sie miteinander geteilt hatten. Daran, wie sich ihre Lippen auf den seinen angefühlt hatten. An den leichten Duft von Jasmin und Patchouli, der sie immer umgeben hatte. Nicht so aufdringlich und die Nase reizend, wie dieses Parfum aus Veilchen und Stachelbeeren, das Yennefer immer verwendete. Bei den Göttern, wie gut Keira immer geduftet hatte …
Lambert verdrängte diese albernen Erinnerungen sofort wieder. Jeder einzelne gute Moment, den sie miteinander geteilt hatten, wurde überschattet von ihrem Verrat, ihrer wollüstigen Untreue mit diesem dämlichen Fatzke. Lambert hatte sich nicht nur einmal gefragt, warum sie es getan hatte. Hatte sie etwas vermisst, wenn sie mit ihm zusammen war? War er zu grob gewesen, zu wenig raffiniert? Sie hatte nie etwas gesagt … Wobei sie sonst nicht mit Kommandos und Kritik gegeizt hatte.
Er zwang sich, die Gedanken an sie zu verdrängen. Die Zeit, in der er sich den Kopf darüber zerbrochen hatte, ob er selbst daran Schuld tragen könnte, dass alles so geendet hatte, war lange vorbei.
Er ließ sein Pferd an einem der Ställe zurück, nachdem er für Futter und Stellplatz bezahlt hatte und machte sich auf den Weg zum Marktplatz. Dort wollte er an der Anschlagtafel nach Aufträgen Ausschau zu halten. Danach würde er sich nach einer Bleibe für die Nacht umsehen. Irgendein Gasthaus würde sich schon finden lassen, in dem er für wenige Münzen absteigen konnte.
Der Marktplatz war wie erwartet voll. Dicht drängten sich Hunderte von Menschen an den Ständen der Händler, prüften die Auslagen und feilschten um jeden Gulden. Lambert bewegte sich zügig durch die Menge, bis er das Anschlagbrett erreichte. Er brauchte ein wenig Zeit, um sich einen Überblick über die aushängenden Angebote zu machen. Bei den meisten angehefteten Zetteln handelte es sich um Kauf- oder Verkaufsangebote. Eine Notiz erweckte seine Aufmerksamkeit. Ein Kaufmann suchte einen Hexer (ersatzweise einen “mutigen Recken”), der sein Lagerhaus von einer Gruppe Nekker säuberte. Nichts Spektakuläres, aber schnell verdientes Geld, wie Lambert entschied. Er zog den Zettel vom Brett und studierte die angegebene Adresse. Laut den Angaben sollte sich das Lager im Norden der Stadt befinden. Lambert schaute sich auf dem Marktplatz um und versuchte, von seiner leicht erhöhten Position aus die vom Platz abzweigenden Straßen zu erspähen, um sich zu orientieren. Als sein Blick über die Menge glitt, blieb dieser unvermittelt an einer Person hängen. An langem blonden Haar. Einem feingeschnittenen, schönen Gesicht. Roten Perlen, die an einer Kette einen zarten Hals schmückten. Ein Adrenalinstoß durchfuhr Lambert, als er Keira erblickte.
Sie prüfte gerade die Qualität eines Öls, verrieb einen Tropfen davon zwischen ihren Fingerkuppen, roch daran. Sie einigte sich mit dem Händler auf einen Preis, Münzen und Flaschen wechselten die Besitzer. Mit geschmeidigen Bewegungen verstaute sie ihren Einkauf in einer Tasche und ging dann in südlicher Richtung davon. Lambert reckte sich ein Stück, damit er sie in der Menge nicht aus den Augen verlor.
Kurz zögerte er … eigentlich hatte er ja seinen potentiellen Auftraggeber aufsuchen wollen. Im Norden der Stadt.
Das Lagerhaus würde aber auch noch morgen von Nekkern heimgesucht werden. Auf einen Tag kam es wohl nicht an.
Andererseits … wollte er wirklich wissen, wohin Keira unterwegs war. Wo sie wohnte? Mit wem vielleicht?
Lambert fluchte. Und folgte der blonden Zauberin unbemerkt.