Chapter Text
Sie hatte keine drei Sekunden benötigt, um die vor ihr sitzenden Versammelten zu mustern. Es war nicht das wahrscheinlichste Szenario gewesen, dass sogar der SID-Direktor Marcus Trant anwesend sein würde, doch andererseits bot jemand wie sie dem Strategischen Informationsdienst der Republik nicht alle Tage seine Fähigkeiten an. Natürlich tat sie das nicht tatsächlich. Das wusste sowohl sie, als auch ihre Gegenüber.
Sie war sicher, dass weitere Mitarbeiter des SID ihre Anhörung über die Kameras verfolgten, die sich in den Ecken des Raumes befanden. Ansonsten war das Zimmer kahl. Das einzige Mobiliar bestand aus den Tischen, an denen die Agenten des SID und sie selbst saßen und den entsprechenden Sitzgelegenheiten. Es war das dritte Treffen, bei dem sie mit Angehörigen des einst gegnerischen Geheimdienstes sprach, doch endlich war sie in eine seiner Einrichtung gelangt. Von hier aus gab es verschiedene Wege, um an ihr Ziel zu gelangen. Keiner von ihnen würde weniger als zwei Monate in Anspruch nehmen, doch das hielt sie nicht davon ab, sie weiterhin zu verfolgen.
Außer dem SID-Direktor waren noch zwei Agentinnen sowie Ardun Kothe anwesend. Sie hatte gewusst, dass Ziffer 9 ihn nicht ausgelöscht hatte. Er war in den Akten wieder aufgetaucht, nachdem die Bedrohung durch seine Zelle ausgeschaltet worden war, doch er hatte vorerst keine großartige Gefährdung dargestellt. Zumal das Imperium damals sie selbst und den gesamten Geheimdienst hatte loswerden wollen. Manchmal fiel es ihr immer noch schwer, sich daran zu erinnern, dass sie nun frei war. Zumindest in dem ihr gelassenen Maße. Arcann herrschte über die Galaxis, der Rat der Sith sowie der Orden der Jedi waren fast vollständig zerschlagen und die Republik würde noch fast zwei Jahre unter Sareshs Herrschaft stehen, ehe das Gesetz sie dazu zwang, das Amt niederzulegen und einen Nachfolger wählen zu lassen.
Das alles war ihr bewusst, dennoch lagen ihre Prioritäten woanders. Sie hatte sich lange aus dem Geschehen der Galaxis herausgehalten. Es hatte Jahre gedauert, ihre Konditionierung abzulegen. Zuerst war sie aufgesprengt worden und dann hatte sie nach und nach die Stücke abgetragen, die herausgebrochen worden waren. Der Prozess war sowohl mit physischen als auch psychischen Schmerzen verbunden gewesen, doch nun war sie unabhängig. Es hatte ihr Angst gemacht, eigene Entscheidungen nur zu ihrem eigenen Wohl zu treffen, doch mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt. Und dennoch begab sie sich erneut in die Abhängigkeit. Dieses Mal gewählter Weise. Für jemand anderen.
Die Analystin verspürte Unsicherheit. Sie hasste dieses Gefühl. Es hing normalerweise mit ungelösten Rätseln zusammen. Obwohl sie nach wie vor alle verfügbaren Varianten durchging und ihnen Prozentzahlen zuwies, mit denen sie – zumindest bisher – nicht falsch gelegen hatte, war ihr bei ihrer bevorstehenden Mission unwohl. Da keiner ihrer Kontakte gewusst hatte, wohin Ziffer 9 verschwunden war, musste sie es über einen anderen Weg versuchen. Die ehemaligen Gefährten der Agentin hatten entweder keine Ahnung, da die Spionin den Kontakt abgebrochen hatte, oder waren – im Falle von SKOPRIO und der Rattataki – nicht zu erreichen gewesen. Als die Analystin versucht hatte, Nachrichten an die Agentin selbst zu schicken, waren diese zurückgekommen. Anscheinend funktionierten diese Kanäle nicht mehr. Natürlich hätte sie selbst in das Imperium zurückkehren können, doch sie wusste, was man mit Deserteuren dort anstellte. Und sie wusste, was Nox im Besonderen tat und in seinem Namen tun ließ. Er hatte den Sith-Geheimdienst übernommen und sie kannte genug Berichte über sein Vorgehen, um zu wissen, dass ihr Auftauchen dort innerhalb von sechs Wochen mit ihrem Tod geendet hätte. Aber sie brauchte Ressourcen und es war am Wahrscheinlichsten, dass der Strategische Informationsdienst der Republik sich früher oder später auf die Jagd nach dem Geist begab, der ihren Berechnungen zufolge für mindestens drei Attentate in jüngster Zeit verantwortlich war. Laut ihrer Quellen hatte Nox dem ersten Opfer zuvor eine Warnung zukommen lassen und beim dritten sich hinterher mit einer Drohung an die Angehörigen gewandt. Die ersten beiden Attentate waren sauber gewesen: Jeweils ein Kopfschuss. Das dritte war davon abgewichen: Das Ziel hatte es noch in einen Koltotank geschafft, nachdem ein Schuss seine Aorta nur knapp verfehlt hatte. Dennoch hatte auch dort nichts darauf hingedeutet, dass einer der Schüsse sein Ziel verfehlt hatte. Das erste und das dritte Opfer waren Minister des Imperiums beziehungsweise eine Ehefrau gewesen von zum Teil unbedeutenden Posten, doch bei der zweiten Toten hatte es sich um eine Offizierin der Republik gehandelt. Somit war der Geist nicht mehr ein rein imperiales Problem. Sobald die Republik herausfand, wer für den Anschlag auf die Offizierin verantwortlich war.
Sie selbst war keine Freundin der Republik und es nie gewesen. Das Vorgehen dieser Vereinigung von Planeten und Regierungen war nur selten effizient und viel zu oft ließen einzelne Individuen zu, dass ihre Emotionen ihren Handlungen in den Weg kamen. Anders war Kothes Hiersein nicht zu erklären. Sowohl er als auch die Agentin hatten an mindestens zwei Stellen lieber auf ihr Gefühl gehört anstatt den offensichtlichen Feind auszulöschen.
Die Analystin war aus demselben Grund hier. Sie wollte Ziffer 9 suchen. Als sie zuletzt mit ihr gesprochen hatte, hatte die Agentin sich auf dem kleinen und relativ unbekannten Planeten Rishi befunden, auf einer ‚außerplanmäßigen Mission‘, wie die Spionin es damals genannt hatte.
„Ihr habt ganz schön lange auf Euch warten lassen“, meinte Ardun Kothe schließlich.
Die Anhörung lief bereits dreizehn Minuten und zweiundfünfzig Sekunden. Sie legte den Kopf leicht schief. Eine Geste, die sie normaler wirken ließ. Trotz des Bruchs ihrer Konditionierung war es schwierig, gewisse Verhaltensweisen abzulegen. Dennoch bemühte sie sich darum, weniger steif aufzutreten. Sie wusste, dass das mehr Sympathien hervorrief als ihre normale Gestik, die auf einige ‚verstockt‘ wirkte, dafür aber keine unnützen Bewegungen wie die eben durchgeführte beinhaltete.
Sie war zwei Minuten zu früh hier gewesen. Der Strategische Informationsdienst sollte nicht denken, dass sie es nicht ernst meinte. Was sie nur bis zu einem gewissen Grad tat, aber eben genau das sollten diese Individuen nicht erfahren. Es war ungewohnt, die Arbeit von Ziffer 9 zu erledigen. Sie selbst war niemals als Feldagentin ausgebildet worden, geschweige denn für die Arbeit hinter der feindlichen Front, dennoch nahm sie dieses Risiko auf sich.
„Ich war pünktlich“, antwortete die Analystin.
Natürlich meinte Kothe das nicht. Der ehemalige Jedi stützte sich auf die Ellenbogen und beugte sich vor.
„Warum tretet Ihr jetzt an uns heran? Ihr seid schon lange nicht mehr Aufseherin des Imperialen Geheimdienstes“, entgegnete er.
„Ich musste ein Programm durchlaufen, das meine Konditionierung beseitigt. Vorher wäre es mir nicht möglich gewesen, mich dem Imperium gegenüber illoyal zu verhalten.“
„Warum wollt Ihr für die Republik arbeiten?“, hakte eine Agentin nach.
Sie waren einander nicht vorgestellt worden, doch die ehemalige Imperiale nahm an, dass sie innerhalb kürzester Zeit herausfinden würde, mit wem sie es hier zu tun hatte.
„Ich war Aufseherin über den Imperialen Geheimdienst. Ich weiß, wie skrupellos sie sind. Und ich nehme an, dass die Republik mich vor vier Jahren nur gefangen nahm, um mich zur Zusammenarbeit zu bewegen, aber keinen eigenen Weg kannte, meine Konditionierung zu brechen“, hielt sie dagegen.
Die Agentin ihr gegenüber hob leicht beide Augenbrauen, hatte sich aber rasch wieder in der Gewalt. Auch in Trants und Kothes Augen war etwas aufgeblitzt. Ja, die ehemalige Imperiale wusste, wer sie in Gewahrsam genommen hatte.
„Wir konnten nicht einschätzen, wie gefährlich Ihr für uns werden könntet“, erklärte Trant.
„Und jetzt könnt Ihr es?“, wollte sie wissen.
„Ihr wärt nicht hier, wenn wir bereits eine endgültige Entscheidung gefällt hätten“, hielt der SID-Direktor dagegen.
„Natürlich. Wie kann ich der Republik meine Treue versichern?“, fragte sie.
Sie hatte es nicht wirklich vor, aber es würde nötig sein, dass sie die Arbeit von Ziffer 9 machte, wenn sie diese finden wollte. Sie hoffte sehr, dass die Spionin noch lebte. Da der ehemalige Aufseher und späterer Geheimdienstminister, ihr einstiger Vorgesetzter, tot war, war die imperiale Agentin die einzige Vertrauensperson, die ihr selbst geblieben war. Sie kannte die Akte aller Agenten, die in ihrer Zeit als Aufseherin unter ihr gearbeitet hatten. Sie würde für dieses Verhör genau wie bei den zurückliegenden und noch mögliche bevorstehende darauf zurückgreifen. Somit hatte sie wenigstens theoretische Kenntnisse, wie sie sich dem Feind gegenüber zu verhalten hatte, wenn sie vortäuschen wollte, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Shara Jenn wappnete sich für eine weitere lange Fragerunde.
