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Judith

Summary:

Judith ist neun Jahre alt, als die Apokalypse über sie hereinbricht. Zusammen mit ihrer Mutter und Shane versucht sie den Zombies zu entkommen und in Atlanta Zuflucht zu suchen. Aber nicht alles läuft nach Plan. || Eine Geschichte aus Judiths Sicht (Judith statt Carl, weil ich nicht einfach Carls Charakter ändern wollte und Judith mir mehr Freiheiten verschafft)

Notes:

Hallo zusammen :)
Das ist das erste Mal, dass ich etwas aus Ao3 veröffentliche!
Ich hoffe alles funktioniert!

Diese FF ist mein Baby.
Walking Dead ist seit etwa 10 Jahren mein Thema (und das meiner Mutter. Es wird sogar an Weihnachten besprochen, es gibt kein Entkommen.)
Ich will diese Story schreiben, um überhaupt wieder ins Schreiben reinzukommen UND um Sachen, die ich kacke fand, zu ändern :D

Ich schreibe aus Judiths Sicht, die ich in dieser Geschichte mit Carl getauscht habe. Somit erlebt Judith den Ausbruch der Apokalypse und wächst unter zombiekalyptischen Umständen auf. Besonderen Wert lege ich dabei auf die Beziehungen, die Judith zu den anderen Menschen aufbaut. Vorneweg natürlich ihre Eltern und Shane. Aber auch Sophia und andere Gruppenmitglieder sind hier sehr wichtig.

Es wird viele Überschneidungen geben, jedoch ist dies keine schlichte Nacherzählung. Judith wird kleine Steine ins Rollen bringen. Dinge werden sich ändern.

Ich hoffe, dass ihr Spaß beim Lesen habt und mir vielleicht ein paar Worte da lasst :)

Chapter Text

Judith war neun und groß für ihr Alter. Ihre braunen Haare, dieselbe dunkle Farbe wie die ihrer Mutter, wurden von einem blauen Haarreifen zurückgehalten. Ihre blauen Augen, dasselbe Himmelblau wie das ihres Vaters, starrten auf ihre Hände. Ihre Fingernägel glitzerten noch von dem Nagellack, den Hannah ihr in der Schule aufgetragen hatte. Aber an einigen Stellen war er bereits abgeblättert. Mit dem Daumennagel kratzte sie über ihre Nägel. Glitzerpartikel schwebten auf ihr Kleid.

Judith wünschte, sie hätte ihren Walkman mitgenommen. Die gedämpften Stimmen ihrer Mutter und Shane, die Spannung in Shanes Schultern und die schlecht versteckte Angst in dem fieberhaften Zurückstreichen der Haare ihrer Mutter – Judiths Magen fühlte sich flau an und die Innenseite ihrer Wange schmerzte davon, dass sie darauf herumkaute. Sie wünschte sie hätte ihren Walkman, um die Welt auszublenden.

Stattdessen bohrten sich die Eindrücke der echten Welt regelrecht in ihre Nerven. Sie saß auf der Rückbank von Shanes Auto. Sie saß dort schon so lange, dass ihre Beine unangenehm kribbelten. Aber es gab keinen Raum, um sie zu bewegen, aufzuwecken, auszustrecken. Neben ihr stapelten sich hastig gepackte Taschen und Koffer und eine Kühlbox, deren Ecke sich in Judiths Hüfte drückte und bestimmt einen blauen Fleck hinterlassen würde. Shane hatte ihr eine Wolldecke gegeben, aber die Brise, die durch das heruntergelassene Fenster ihrer Mutter wehte, ließ sie dennoch frösteln – vielleicht lag es aber auch nicht daran.

Vielleicht lag es daran, wie Shanes Hände das Lenkrad zu fest umklammerten und ihre Mutter immer wieder geistesabwesend nach Judiths Bein tastete, um sicherzugehen, dass sie da war. Vielleicht lag es daran, dass es nicht voranging. Und dass Judith in ihrem Kopf noch immer das Auto sehen konnte, dass sie passiert hatten, als sie sich auf den Weg nach Atlanta gemacht hatten. Es war in die Leitplanke geknallt und die Türen standen offen und niemand war da. Da war nur noch Blut, das an den Türen hinabrann und auf den Boden tropfte.

Ihre Mutter hatte natürlich sofort versucht sie abzulenken. Aber Judith war nie besonders gut darin gewesen auf so etwas zu hören. Und so hatte sie das Auto angestarrt und die Blutspritzer auf der Windschutzscheibe gesehen und die kleine Pfütze, die sich auf dem Asphalt unter der Fahrertür gebildet hatte. Sie hatte alles gesehen. Heutzutage war es unvermeidbar und Judith wollte sich einreden, dass sie das schon abkonnte, aber-

Aber.

Judith wusste, dass die Menschen, die das Auto gefahren waren, jetzt wahrscheinlich tot waren. Und das hieß inzwischen nicht mehr dasselbe wie früher. Wie noch vor ein paar Tagen. Als sie noch ganz normal zur Schule gegangen war und mit ihren Freunden gespielt hatte.

Jetzt hieß es, dass sie ein zweites Leben lebten. Ein zweites Leben, aber es blieb nichts von dem übrig, was sie vorher waren.

Ihre Mutter tastete wieder nach Judiths Bein und streichelte es sanft. Judith nahm dies zum Anlass, tief durchzuatmen und sich zurückzulehnen. Sie würden es schon schaffen, sagte sie sich. Shane würde sie beschützen und dahin bringen, wo es sicher war. Alles was Judith tun musste, war abzuwarten – und das war zwar nicht ihre Stärke, aber dann musste sie halt ausnahmsweise mal die Zähne zusammenbeißen. Das würde sie schon hinkriegen.

Shane würde sie nach Atlanta bringen und dort würden sie die Katastrophe zusammen aussitzen und es würde alles gut werden.

Aber der Verkehr bewegte sich kaum und es waren sogar einige Leute ausgestiegen. Sie standen mit einem Arm auf ihre offene Tür gelehnt da und versuchten entweder zu sehen, wann es endlich wieder vorangehen würde oder waren nur aufgetaucht, um Luft zu holen. Judith war neidisch.

Sie wusste nicht, wie lange genau sie schon unterwegs waren, denn irgendwann hatte sie geschlafen. Kein erholsamer Schlaf, sondern einer von der Sorte, nach dem man nur noch erschöpfter aufwacht. Aber jetzt standen sie schon sehr lange auf derselben Stelle. So lange sogar, dass Shane das Auto ausgemacht hatte, als Judith ihn an die Ozonschicht erinnert hatte.

Die Sonne stand inzwischen tief am Himmel und badete die Wolken in blasses Orange. Mehr Leute waren ausgestiegen, Kinder liefen zwischen den stillstehenden Wagen hin und her. Judith realisierte überrascht, dass sie Fangen spielten. Trotz allem?, dachte sie. Andererseits waren sie hier vermutlich sicher, wenn so viele Menschen Ausschau hielten. Und sie konnte nicht behaupten, nicht auch gerne mitspielen zu wollen.

„Mom?“

„Was ist, Schatz?“, fragte ihre Mutter besorgt und drehte sich um.

„Kann ich… Können wir… Ich meine nur, weil meine Beine wehtun und… Ach, nicht so wichtig“, murmelte Judith und biss sich auf die Wange. Sie beobachtete, wie ihre Mutter einen Blick mit Shane wechselte, der mit den Schultern zuckte und nickte.

„Es bringt nichts, es geht ja ohnehin nicht voran.“

Hoffnungsvoll richtete sich Judith auf. „Steigen wir aus?“

Ein weiterer Blick zwischen den Erwachsenen und ihre Mutter nickte. „Aber du bleibst immer da, wo ich dich sehen kann, verstanden?“

Sofort nickte Judith. „Ja, Mom!“

„Hey, bevor du aussteigst, reich mir doch bitte eine Flasche Wasser an, Prinzessin.“

„Klar!“ Judith öffnete mit flinken Fingern die Kühlbox und reichte Shane eine der Plastikflaschen, ehe sie es ihrer Mutter gleichtat, die Tür aufstieß und aus dem Auto sprang.

Die leichte Brise, die ihr um die Nase wehte, ließ sie nun aufatmen. Sie streckte ihre steifen Beine und den Rücken, bis er knackte. Dann schloss sie vorsichtig die Tür und drückte sich an die Seite ihrer Mutter, die sie mit einem sicheren Arm um die Schultern empfing und den Blick über das Arsenal von Autos schweifen ließ, während Judiths Sicht schon vom Dach des nächsten Autos versperrt wurde.

„Sieht aus als wäre der gesamte Highway zu. Hier bewegt sich in nächster Zeit sicher nichts“, sagte Shane und trank einen Schluck Wasser. Seine Prognose sorgte dafür, dass ihre Mutter Judith noch etwas enger an sich zog.

„Das müssen tausende von Autos sein“, mutmaßte ihre Mutter. „Was machen wir, wenn es nicht rechtzeitig weitergeht?“

Shane summte einen Moment vor sich hin, wie er es immer tat, wenn er überlegte. „Jeder im Umkreis hat die Notfallübertragung mitbekommen, das heißt auch, dass jeder Hinz und Kunz sich und seine Familie in Atlanta in Sicherheit bringen will. Wenn es nicht weitergeht…“

Judith wartete darauf, dass er weitersprach, bis ihre Mutter ein irritiertes „Wo sollen wir dann hin, Shane?“ zischte und Judith klarwurde, dass Shane keinen Plan B hatte. Sie vergrub den Kopf in der Bluse ihrer Mutter und konzentrierte sich auf ihren Duft, um die angespannten Stimmen auszublenden. Wenn es nicht weiterging, hieß das, dass sie festsaßen, zwischen all diesen Autos, die den Weg versperrten, kein Vor und kein Zurück, wenn sie eingeholt wurden.

Ein Klopfen auf die Schulter schreckte Judith auf. Vor ihr stand ein dünnes Mädchen mit blonden Haaren. Sie war ein kleines Stück größer als Judith und lächelte ihr und ihrer Mutter zaghaft zu. „Hallo“, sagte sie und warf einen Blick über die Schulter, wo Judith eine Frau mit kurzen Haaren erkennen konnte, die dem Mädchen ermutigend zunickte, „hast du Lust zu spielen?“

Judith wandte den Blick flehentlich an ihre Mutter. „Kann ich, Mom? Bitte?“

„Lori“, mahnte Shane leise, der an der Seite ihrer Mutter aufgetaucht war, „es ist besser, wenn sie hier bleibt.“

„Mom, bitte“, flehte Judith und suchte den Blick ihrer Mutter. „Ich bin auch vorsichtig.“

Sie wusste, dass ihre Mutter hin und hergerissen war und war deshalb umso erleichterte als sie nickte. „Aber du gehst nicht außer Rufweite, hörst du? Und wenn der Stau sich auflöst, kommst du sofort wieder her. Sofort. Haben wir uns verstanden?“

Judith nickte heftig und streifte dann den Arm ihrer Mutter ab, als sie sich dem anderen Mädchen zuwandte. „Ich bin Judith und du?“

„Sophia. Möchtest du Verstecken spielen?“

„Okay, aber ich darf nicht weit weg“, erinnerte Judith sie.

„Wie wäre es, wenn wir ein Limit von drei Autos in jede Richtung ausmachen?“, lächelte Sophia. „Dann darf der, der sich versteckt, sich bewegen und versuchen dem Sucher auszuweichen, ja?“

„Cool! Willst du suchen oder dich verstecken?“

Mit einem Blick zu der kurzhaarigen Frau, die sie immer noch beobachtete, sagte sie „Ich suche und ich zähle bis zehn, okay?“

Judith nickte und duckte sich hinter das nächste Auto, sobald Sophia die Hände über die Augen gelegt und laut „Eins!“ gesagt hatte. Sie machte sich so klein wie möglich, versuchte aber nicht mehr Entfernung zwischen sich und Sophia zu bringen. Und sobald das blonde Mädchen „Zehn! Ich komme!“ gerufen und die Hände von den Augen genommen hatte, folgte sie ihr so unauffällig wie möglich.

Es fiel Judith in dem Durcheinander von umherrennenden Kindern leicht unentdeckt zu bleiben, aber es beunruhigte sie, dass alle anderen Kinder so sorglos erschienen. Sie selbst warf immer wieder einen Blick zurück, um sicherzugehen, dass sie Shanes Auto noch sehen konnte.

Sie folgte Sophia über den dreispurigen Highway und hielt den Zeigefinger vor den Mund, um einen Jungen, der beim Fangenspielen mit seinen Freunden gegen sie stieß, davon abzuhalten, Sophia mit einer lauten Entschuldigung ihre Position zu verraten. Sie grinste als der Junge ihr zuzwinkerte. Sie sah ihm nach, als er davonsprintete und hoffte, dass er in Rufweite seiner Eltern blieb.

Sophia war ehrgeizig, das musste man ihr lassen. Statt sie zu rufen oder um ein „Piep“ zu bitten, als sie Judith auch nach mehreren Minuten nicht gefunden hatte, begann sie ebenfalls geduckt um die Autos zu schleichen und vorsichtig um die Ecken zu spähen. Sie ging so weit sich auf alle viere hinabzulassen und unter den Autos hindurchzuspähen. Judith stellte sich schnell hinter den Reifen eines Toyotas.

Ein heiteres Grinsen hatte sich auf Judiths Gesicht breit gemacht, während sie Auto um Auto umrundete. Ihr Vater hatte sie zur Königin aller Versteckspiele erklärt als sie sechs und zwei Stunden im Küchenschrank gewesen war. Sie war normalerweise kein geduldiger Mensch, aber die Süße eines verdienten Sieges hatte es ihr angetan.

Judith linste aufgeregt durch eine Fensterscheibe, um zu sehen, in welche Richtung Sophia schlich und erschrak, als ein Hund unvermittelt gegen die Scheibe sprang und laut bellte. Judith landete auf ihrem Hintern und fing sich mit den Händen auf körnigem Asphalt. Für einen Moment saß sie einfach da und wartete darauf, dass ihr Herz aufhörte zu klopfen.

„Hab‘ dich!“ Sophia tauchte hinter dem Auto hervor und zog besorgt sie Augenbrauen zusammen, als sie sie auf dem Boden sitzen sah. Sie reichte ihr eine Hand und Judith ließ sich aufhelfen. „Alles in Ordnung?“

„Ja, ich habe nur… Da war-“, wollte Judith ihr Scheitern erklären, da ging die Fahrertür des Autos auf und ein junger Mann stieg aus. Judiths Wangen fingen an zu brennen, weil er ihren Fall bestimmt gesehen hatte, aber er sah sie nicht mal komisch an.

„Platz machen, bitte“, sagte er in einem fremden Akzent. Die Mädchen traten zurück und sahen ihm dabei zu, wie er die hintere Tür öffnete und den Hund freiließ.

Der Hund hatte langes hellbraunes Fell mit weißen Flecken, blaue Augen und eine weiche rosafarbene Zunge, die Judiths Hände ableckte. Sophia hielt sich ein Stück hinter Judith und behielt den jungen Mann im Blick.

„Das ist Georgia“, kommentierte dieser beiläufig und steckte sich eine Zigarette an. Er lehnte sich gegen den Wagen und inhalierte tief. Sein Blick streifte über das Automeer, ohne nach etwas Bestimmten Ausschau zu halten.

„Hallo Georgia“, mit sanfter Stimme begrüßte Judith den Hund und ließ ihre Finger durch das weiche Fell gleiten. „Bist du ein gutes Mädchen? Ja, du bist ein gutes Mädchen! Fein“, summte sie vor sich hin, so wie es Shane früher mit seinem Hund gemacht hatte.

Shane hatte einen Schäferhund namens Rudy gehabt. Er war gestorben als Judith sieben Jahre alt gewesen war. Judith war oft mit beiden spazieren gegangen und hatte sogar oft alleine die Leine halten dürfen. Aufgrund seines Alters war Rudy sehr ruhig und leicht zu händeln gewesen. Georgia im Gegensatz dazu sprang munter umher, schnüffelte an Judiths Kleid und ihren Händen und ihren Schuhen und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.

Sophia lugte neugierig über ihre Schulter, traute sich aber nicht näher heran, bis Judith vorsichtig ihre Hand nahm und dem Hund ihre verschlungenen Hände zum Schnuppern hinhielt. Georgia leckte freundlich an ihrer beider Finger und Sophia ging kichernd neben Judith in die Hocke, um sie zu streicheln.

Die Mädchen bewunderten Georgia, die sich vor ihnen auf den Rücken legte und sich den Bauch kraulen ließ, bis der junge Mann seine Zigarette aufgeraucht hatte und seine Hündin mit einem Pfeifen zurück ins Auto beorderte. Er schloss die Tür und nickte den Mädchen zu, bevor er selbst wieder einstieg und an seinem Radioknopf drehte.

Judith wusste, dass auf allen Kanälen nur noch die Notfallübertragung gesendet wurde. Sie hatte Shane auf der Fahrt gefragt, ob er eine seiner Kassetten einlegen könne, aber er hatte entgegnet, dass es wichtiger wäre Neuigkeiten mitzubekommen.

Es hatte keine Neuigkeiten gegeben.

„Wollen wir noch eine Runde spielen?“, fragte Sophia. Bevor Judith jedoch antworten konnte, hörte sie die Stimme ihrer Mutter, die ihren Namen rief. Sie sah, dass auch Sophia aufhorchte und winkte sie hinter sich her.

„Da seid ihr ja“, lächelte ihre Mutter erleichtert, als sie sie kommen sah. Die Frau mit den kurzen Haaren, Sophias Mutter, stand bei ihr. Aus der Nähe erkannte Judith, das die Haare nicht hellblond waren, wie sie erst gedacht hatte, sondern grau. Sophia lief zu ihrer Mutter, die sie in eine lockere Umarmung zog und mit einer Hand durchs Sophias blondes Haar kämmte.

Judith lehnte sich an ihre eigene Mutter, die ihr einen Kuss auf den Scheitel drückte und die Wasserflasche hinhielt. Sie nahm sie an sich und, nachdem sie ein paar hastige Schlucke getrunken hatte, bot sie sie Sophia an, die sie nach einem fragenden Blick zu ihrer Mutter ebenfalls annahm und ein paar Schlucke trank.

„Haben wir noch irgendetwas zu essen?“, fragte Judith.

„Tut mir leid, Schatz“, antwortete ihre Mutter und strich ihr liebevoll über die Wange. „In Atlanta werden sie sicher etwas haben. Kannst du dich noch ein wenig gedulden?“

„Oh, mein Mann hat einige dieser Survival-Rationen, davon kann sie gerne etwas haben“, bot Sophias Mutter lächelnd an.

„Das wäre wirklich nett“, Judiths Mutter schenkte der Frau ein dankbares Lächeln.

Sophia stellte sich wieder neben Judith und griff nach ihrer Hand, während ihre Mutter zu dem braunen Jeep Cherokee ging, der hinter ihnen stand.

„Hey Jude, neue Freundin?“

Judith drehte sich um und grinste Shane breit an. „Ja, das ist Sophia! Wir haben Verstecken gespielt und dann einen Hund gestreichelt!“

„Oh? Super“, er grinste zurück und grüßte Sophia freundlich. Dann wandte er sich Judiths Mutter zu. „Ich habe mich ein bisschen umgehört. Es scheint nicht so als würde es weiter vorne besser aussehen. Selbst wenn das Militär Einlasskontrollen aufgestellt hat, müsste es längst vorangehen.“

„Was heißt das?“, fragte ihre Mutter beunruhigt.

„Das heißt, die haben vielleicht dicht gemacht. Zu viele Leute oder… oder zwischen der Stadt und hier ist irgendwo eine Blockade aufgestellt worden.“

„Aber wieso würde das Militär das tun? Alle sollen nach Atlanta. Im Radio sagen sie es immer noch“, argumentierte ihre Mutter flüsternd, aber immer noch laut genug, dass Judith und Sophia sich fester an den Händen hielten. „Es heißt Atlanta ist sicher. Jeder, der die Nachrichten gehört hat, ist auf dem Weg dorthin. Wenn sie die Stadt jetzt dichtmachen, sind wir hier gestrandet.“

„Ich weiß, ich weiß“, Shane fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, seine dunklen Augen suchten die Straße ab. Autos standen dicht an dicht. Niemand konnte voran, niemand konnte wenden, wenn sein Vorder- und Nebenmann nicht weiterfuhr. „Vielleicht ein Autounfall. Ich bin sicher, das Militär ist schon dabei die Straße freizuräumen.“

„Mom?“ Judith kaute auf ihrer Wange und versuchte vor Sophia nicht allzu ängstlich auszusehen.

„Alles wird gut, Schatz“, versicherte ihre Mutter. Eine Hand strich ihr sanft übers Haar.

„Ich muss vergessen haben, den Korb einzupacken, tut mir wirklich leid.“ Sophias Mutter stieß wieder zu ihnen. „Den hier hatte ich noch in meiner Handtasche, bitte sehr.“ Sie hielt Judith einen Schokoriegel hin.

„Oh nein, Carol, das können wir nicht annehmen-“

„Ich bestehe darauf“, unterbrach Carol Judiths Mutter milde lächelnd. „Bitte.“

Judith hatte einen Kloß im Hals, aber nahm den Schokoriegel an und murmelte ein beklommenes „Dankeschön“. Sophias Mutter nickte mit einem Lächeln.

„Teilen?“, flüsterte Judith Sophia zu. Doch Sophias Aufmerksamkeit war auf einen Mann gerichtet, der mit düsterer Miene auf sie zuschritt und statt zu antworten, senkte das Mädchen nur den Blick und hielt Judiths Hand nun mit beiden Händen umklammert. Judith kaute auf ihrer Wange. Sie wollte den Schokoriegel nicht alleine essen. Vor allem nicht, wenn es das letzte war, was Sophias Familie noch hatte.

„Ed! Das ist Ed, mein Mann“, erklärte Carol schnell. „Ed, das sind Lori und, ähm, Entschuldigung, ich-“ – „Shane.“ – „Lori und Shane. Sie wollen auch nach Atlanta.“

„Ach was“, entgegnete Ed rau. „Jeder auf dieser verfluchten Straße will nach Atlanta, erzähl mir etwas Neues.“ Schweiß stand ihm auf der Stirn, obwohl die flammende Hitze des Nachmittags längst abgenommen hatte und der Kühle der Dämmerung gewichen war. Er war größer als Shane, aber nicht viel breiter, ausgenommen der Körpermitte. Helle Augen musterten die Menge geringschätzend.

Shane hatte sich neben Judiths Mutter aufgebaut. „Es sieht nicht so aus, als würden wir bald dort ankommen“, sagte er zur Begrüßung. „Ein paar Leute wollen sich durch die Büsche schlagen“, er deutete zu den Bäumen auf der anderen Seite der Straße, „sie sagen, von dort aus müsse man die Stadt sehen können – und vielleicht auch, was uns aufhält.“

Ed nickte und ging wortlos an der Gruppe vorbei. Er war tatsächlich nicht der einzige, der auf die dicht beieinander stehenden Bäume zusteuerte. Judith sah mehrere Erwachsene zwischen den Sträuchern verschwinden. Shane wechselte einen Blick mit ihrer Mutter, doch ehe er gehen konnte, hielt sie ihn zurück und wandte sich an ihre Tochter.

„Liebling, Shane und ich sehen eben nach, warum es nicht weitergeht. Du wartest hier auf uns, in Ordnung? Carol, würde es Ihnen etwas ausmachen ein Auge auf Judith zu haben?“

„Nein, nein, gar nicht. Geht ihr nur und wir vertreiben uns hier die Zeit“, sagte die Frau hilfsbereit.

„Mom, ich will mitkommen!“, protestierte Judith, die Panik in sich aufsteigen fühlte bei dem Gedanken alleine zurückgelassen zu werden.

„Du bleibst hier“, sagte ihre Mutter mit der Stimme, die keinen Widerspruch zuließ. „Wir sind gleich wieder da. Wenn irgendetwas passiert, dann schließt du dich im Auto ein, bis wir zu dir kommen, verstanden? Geh nicht weg.“

Mit zusammengebissenen Zähnen nickte Judith. „Verstanden.“

Ihre Mutter nickte, ein Lächeln in den Mundwinkeln, dann drückte sie ihr noch einen Kuss auf die Stirn und folgte Shane zwischen den Autos hindurch.

„Magst du keine Schokolade, Judith?“

Judith wandte den Blick nur langsam vom Schatten ihrer Mutter ab, um zu Sophias Mutter zu sehen. Die Frau lächelte und deutete auf den Riegel in Judiths Hand. „Ähm, doch“, sagte Judith ertappt.

Sophia ließ ihre Hand los, blieb jedoch an ihrer Seite. „Sie sind bestimmt in ein paar Minuten wieder da“, sagte sie leise und lächelte Judith ermutigend an.

Judith lehnte sich gegen Shanes Auto und riss die Verpackung des Schokoriegels auf. Die Schokolade war ein wenig geschmolzen, weil sie sie so lange festgehalten hatte. Sie brach ein Stück ab und hielt es hoffnungsvoll in Sophias Richtung. Das andere Mädchen nahm es entgegen und bedankte sich. Judith brach ein weiteres Stück ab und reichte es an Sophias Mutter.

„Oh, danke, das ist sehr lieb von dir“, sagte die Frau. Judith entgegnete weder, dass der Schokoriegel doch sowieso in erster Linie ihr gehört hatte, noch dass ihr der Appetit vergangen war und in ihrem Magen stattdessen ein Klumpen Eis lag.

Die Schokolade breitete ihren süßen Geschmack in Judiths Mund aus, während sie an dem letzten Stück knabberte. Statt aber wie sonst ein Trost zu sein, musste Judith sich zusammenreißen, um nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. Sie wünschte, Carol hätte den Riegel behalten.

Nun da die Sonne untergegangen war und die meisten Kinder zu ihren Eltern zurückgerufen worden waren, war es ruhiger. Judith konnte einige Motoren grollen hören, aber wenige Leute ließen ihre Autos laufen. Die meisten standen in kleinen Gruppen zusammen und redeten miteinander. Judith erahnte angespannte Gesichter und beunruhigte Fragen. Kinder wurden in Decken gehüllt oder direkt in Autos geschickt. Sie sah einen Jungen auf dem Dach eines Autos sitzen und mit einem Fernglas spielen.

„Deine Eltern sind bestimmt schon auf dem Rückweg. Willst du noch etwas trinken? Oder vielleicht eine Jacke? Es ist etwas frisch geworden, nicht wahr?“

Obwohl der dünne Stoff ihres Kleids ihr gegen die Kälte keinen Schutz bot und sie Gänsehaut an Armen und Beinen hatte, schüttelte Judith den Kopf und kaute auf ihrer Wange, statt auf dem Schokoriegel. „Is‘ nicht mein Vater“, nuschelte sie. Auf Carols überraschten Blick räusperte sie sich. „Shane. Er ist der beste Freund von meinem Vater. Aber mein Vater ist nicht hier.“

Carol schaute traurig. „Tut mir leid. Das wusste ich nicht.“

„Kein Problem.“ Judith zuckte mit den Schultern. Woher hätte sie es wissen sollen?

Sie gab es auf sich gegen das Auto zu lehnen – dafür sickerte die Kälte des Blechs zu schnell in ihren Körper –, und versuchte stattdessen die Schokolade von ihren Fingern zu reiben, bis Carol ihr ein Taschentuch hinhielt. Judith bedankte sich verlegen.

„Wohin gehen wir, wenn wir nicht nach Atlanta können?“, fragte Sophia leise.

Carol strich ihr liebevoll übers Haar. „Wir werden uns irgendetwas Schlaues einfallen lassen.“

„Wir müssen reinkommen“, sagte Judith, mehr zu sich selbst als zu den anderen beiden.

Atlanta war zu einer so genannten Quarantänezone erklärt worden. Das Militär beschützte die Stadt, darum sollten alle, die Schutz suchten, dorthin kommen. Deswegen hatte man sogar alle, die den Weg nicht selbstständig zurücklegen konnten, abgeholt und dorthin evakuiert. Seniorenheime, Krankenhäuser... Ihre Wange tat weh.

Wenn das Militär nun keine Neuankömmlinge mehr in die Stadt ließ, dann hätte man die Leute nicht evakuieren sollen. Dann hätten alle zu Hause bleiben sollen, denn dort war es noch sicherer als auf der offenen Straße und außerdem wären sie dann noch alle zusammen.

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das der Plan gewesen war. Und die Leute mit der Verantwortung mussten doch wissen, wie viele sie mit der Notfallübertragung nach Atlanta riefen. Deswegen konnte es sich nur um eine Verzögerung handeln, nichts Permanentes – ein Autounfall vielleicht, wie Shane gesagt hatte, – und sie würden bald weiterfahren.

Es sei denn…

Im ersten Moment wusste sie nicht, was genau ihre Gedanken unterbrochen hatte.

Es war wie ein Beben, das durch sie hindurch ging. Und sie wusste nicht, ob sie es sich eingebildet hatte. Doch dann kam das Dröhnen, der Donner, dann fingen Leute an zu schreien.

Judith fuhr herum und suchte die Baumlinie nach ihrer Mutter ab. Carol hielt sie mit einer Hand auf der Schulter zurück, als hätte sie Angst, dass Judith davonlaufen würde. Dahin, wo der Rauch über den Baumwipfeln aufstieg. Und vielleicht hätte sie das getan. Doch Sophia klammerte sich wieder an ihre Hand. Die Augen des Mädchens mindestens so groß wie ihre eigenen. Und Judith war froh, dass sie nicht alleine war.

Menschen eilten zu den Bäumen, mehr Leute verschwanden, um zu sehen, was los war. Mit lauten Stimmen unterhielten sich die übrigen, manchmal über mehrere Autos hinweg. Judith versuchte in der Dämmerung zwischen den umhertänzelnden Schatten und Silhouetten ihre Mutter oder Shane zu erkennen. Ohne Erfolg. Tränen quollen über und liefen über ihre Wangen.

Judith wusste, dass die beiden wahrscheinlich in diesem Augenblick auf eine zerstörte Stadt niederblickten. Sie hörte die Flugzeuge, sah wie immer mehr über ihren Kopf hinwegflogen, spürte weitere Beben, hörte den Donner und sah mehr und mehr Rauch. Sie wollte schreien, die Flugzeuge anschreien, bitte aufzuhören, aber statt Worten kamen nur heiße Tränen.

Sie fing an zu schluchzen und Carol zog sie in eine feste Umarmung und redete beruhigend auf sie ein. „Die beiden sind gleich wieder hier, versprochen, alles wird gut, alles wird gut…“ Aber egal, wie viele Versprechungen Carol ihr machen wollte, nichts würde wieder gut werden. Judith war neun und nicht dumm. Die Flugzeuge warfen Bomben auf Atlanta und alle, die dort Schutz und Sicherheit gesucht hatten, starben. Waren tot oder starben jetzt gerade. Mit jeder fallenden Bombe. Aufgelöst in Feuer und Rauch und ihr Vater war einer von ihnen.