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Archive Warning:
Category:
Fandom:
Relationship:
Character:
Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2019-12-10
Completed:
2020-03-13
Words:
39,988
Chapters:
15/15
Comments:
2
Kudos:
2
Bookmarks:
2
Hits:
392

Begegnungen

Summary:

Eine Hasenmutter, ihr Kind und ein Tiger. Einen kurzen Augenblick hat Judy sie zusammen im Bus gesehen. Aber wie ging es danach weiter? Mit welchen Schwierigkeiten werden sie in der Stadt, in der die Feindseligkeiten immer mehr zunehmen, konfrontiert, jetzt, wenn Spannungen zwischen Räubern und Beute durch die immer neuen Ausbrüche von wildgewordenen Tieren immer größer werden. Übersetzung der Geschichte "The Meetings" von Emma89.

Notes:

Chapter 1: Erste Begegnung

Chapter Text

Tobias versuchte einfach zu ignorieren, wie diese Hasenmutter ihr Kind schützend näher an sich heranzog, als er es sich im Bus auf den freien Platz neben den beiden bequem machte. Er schaute einfach weiter auf sein Tablet, das ihm eine ausführliche Reportage über den schlechten Zustand des Kühlsystems in den älteren Teilen von Tundratown zeigte. Eigentlich interessierte ihn der Bericht nicht sonderlich, weil er näher an Savanna Central wohnte, aber es war zumindest einer der wenigen Artikel, die nicht irgendwelche Angriffe von Wildgewordenen enthielt oder von Expertenrunden berichtete, in denen über die latenten Urinstinke, die in allen Raubtieren schlummerten, diskutiert wurde.
Wenn man bedachte, wie die Medien diesen Virus, oder was auch immer es war, darstellten und in den Mittelpunkt des Interesses rückten, konnte er dieser Häsin ihr Verhalten eigentlich nicht verdenken, aber dennoch: Tief im Inneren nagte es irgendwie aber dennoch sehr an ihm.
Tobias schaute verstohlen zu ihnen hinüber: Die Ohren der Hasenmutter waren wachsam hoch aufgerichtet, die Augen starrten geradeaus nach vorne. Auf dem Platz neben ihr stand eine braune Einkaufstüte, bis zum Rand mit Karotten gefüllt. Tobias schätzte, dass es so viele waren, wie man wohl von einem ganzen Wochenlohn bezahlen konnte. Ihr Kind, ein ungefähr sechs Jahren altes Mädchen, schaute ihn ängstlich mit hinter dem Kopf versteckten Ohren an. Vermutlich verstand sie gar nicht vollständig, was vor sich ging, aber sie wusste genug, um Angst zu haben.
Was ging eigentlich vor sich? Er schaute noch einmal kurz zu Mutter und Kind hinüber. Es erschien ihm unmöglich, sich vorzustellen, irgendeinen Trieb zu verspüren sie zu verletzen. Vielleicht war es ein Virus, der sich so ähnlich wie Grippe verhielt und der einen irgendwie in einen Blutrausch versetzte, all das vergessen ließ, was einen wirklich ausmachte, und dazu brachte, nach allem und jeden in der Nähe zu schnappen. Der große Tiger erschauderte und versuchte sich wieder in den Bericht über den schlechten Zustand der Kühlflüssigkeitsleitungen in Tundratown zu vertiefen, aber seine Konzentration hielt nicht lange an.
Die Mutter war, wie er bemerkte, ungefähr in seinem eigenen Alter – Anfang Dreißig – mit einem zart beigen Fell, das leicht ins Grau spielte. Sie trug ein pfirsichfarbenes Kleid und eine Strickjacke, dazu einen einfachen grünen, ovalen Anhänger. Sie sah … gepflegt aus, elegant. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie an der Rezeption in einem Büro arbeitete, vielleicht bei einer Behörde.
Als der Bus anhielt, bemerkte Tobias, dass die beiden mit ihm zusammen an der gleichen Haltestelle aussteigen würden. Die Mutter hielt die Pfote ihres Kindes fest, während sie in Richtung Savanna Central losliefen, also beschloss er, sich etwas zurückzufallen zu lassen und ein Flasche Mineralwasser oder sonst etwas zu kaufen. Er wollte nicht, dass sie den Eindruck hatten, dass er sie verfolgte.
Ein Seufzer entrang sich seiner Kehle, während er sein Tablet in seine Tasche stopfte. Tobias konnte die argwöhnischen Blicke spüren, die ihn streiften, als er sich seinen Weg durch die Menge auf dem stark bevölkerten Platz bahnte. Glücklicherweise waren die meisten der Passanten Tiere von seiner Größe, so dass er sich nicht so sehr fehl am Platz fühlte, wie in den „kleineren“ Teilen von Zoomania. Aber trotzdem war er immer noch ein Tiger und die Tiere, an denen er vorbeikam, waren hauptsächlich Antilopenartige, einige Zebras und Giraffen. Er stach mehr als sonst aus der Menge heraus.
Heute war es in Savanna Central außergewöhnlich heiß und so fühlte sich Tobias, nachdem er eine Weile herumgeschlendert war, zu einem kleinen Eiswagen hingezogen, der von einem winzigen Fennek betrieben wurde. Eine Erfrischung wäre jetzt sicher genau das Richtige.
„Hey, Kleine“, war der Fennek zu hören, wie er über den Wagen hinwegsprach. Um über die Oberkante zu reichen, stand er auf einer Kiste. „Ich hab‘ dir schon gesagt: Wenn du nix kaufen willst, dann hau ab! Geh zu deiner Mami.“
Tobias drehte seinen Kopf, um einen bessern Blick auf das Kind zu werfen. Seine Ohren spitzten sich, als er das Kind aus dem Bus wiedererkannte, diesmal ohne die Mutter.
„I-ich kann sie nicht finden“, sagte das kleine Häschen scheu und in ihren Augen begannen schon Tränen zu glitzern.
„Is‘ nich‘ mein Problem“, erwiderte der Fennek, obwohl die Kälte in seiner Stimme nicht ganz überzeugend klang.
„Wo hast du sie denn das letzte Mal gesehen?“
Das winzige Hasenmädchen wirbelte herum, als sie den Klang von Tobias tiefer Stimme hinter sich hörte. Obwohl er sich auf eines seiner Knie niedergelassen hatte, überragte er sie noch bei weitem. Einen Augenblick hatte er Angst, dass sie sich panisch schreiend in die Menge flüchten würde, aber sie blieb stehen, ihre Pfoten um ihre Oberkörper geschlungen.
„A-am Springb-brunnen“, schniefte sie. Dann wischte sie sich ihre zuckende Nase an einem Ärmel ab.
Tobias nickte. Er fragte sich, ob es nicht das beste wäre, einen Polizisten oder eine andere Aufsichtsperson zu rufen, um dem verlorenen Kind zu helfen, aber ein kurzer Blick durch die Menge zeigte ihm niemanden in der Art, und der Fennek hinter dem Eiswagen sah keineswegs wie eine Hilfe aus.
„Ich könnte dich dorthin begleiten, und dann können wir sie gemeinsam suchen“, bot er ihr an.
Das Kind sah ihn mit großen Augen an, ihre hängenden Ohren begannen sich etwas aufzurichten, aber dann, als ob sie sich an etwas Bestimmtes erinnerte, ließ sie sie wieder hängen. Tobias konnte sich nur vorstellen, dass es wohl das übliche Du-sollst-nicht-mit-Fremden-mitgehen-Mantra gewesen sein könnte.
Also streckte er ihr seine Pfote, die größer als ihr Kopf war, entgegen und bot ihr einen Handschlag an.
„Ich bin Tobias“, lächelte er. Das Häschen zögerte einen Augenblick, dann streckte auch sie ihre winzige Pfote aus und schloss sie um seinen Zeigefinger.
„Lilly“, sagte sie mit leiser Stimme.
„Hi, Lilly.“ Tobias versuchte leiser und weicher zu sprechen als sonst, weil er wusste, dass für ihr sensibles Gehör sein normaler Bariton sicher unangenehm war.
„Willst du mir helfen, deine Mutter zu finden?“
Lilly nickte und ihre Ohren begannen wieder etwas zu spitzen.
Als Tobias sich wieder erhob, traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitzschlag: Lilly war, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen wohl das kleinste Säugetier auf dem ganzen Platz und ihre Mutter war auch nicht deutlich größer. Er hatte eine Idee und kniete sich wieder neben dem winzigen Häschen hin.
„Ich weiß was“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. „Wie wäre es, wenn du auf meine Schulter kletterst. So kannst du nach deiner Mutter Ausschau halten und deine Mutter kann dich auch viel besser sehen.“
Ein nachdenklicher Blick zeigte sich auf dem Gesicht des Häschens, als sie ihn noch einmal musterte, während sie über die Vorteile eines Aussichtsturms in Tigergröße nachdachte. Dann richteten sich ihre Ohren munter zur vollen Höhe auf und sie nickte begeistert.
„Hey!“ Tobias kicherte als das winzige Hasenkind in einem einzigen Sprung auf seine Schulter hüpfte. Es war wirklich keine Übertreibung, wenn man von der besonderen Sprungkraft von Hasen sprach.
Lilly saß jetzt bequem auf seiner rechten Schulter und hielt sich mit einer Pfote fest am Kragen seines pflaumenfarbenen Poloshirts fest.
„Fein, dann geht es los. Sag mir, wenn du sie sehen kannst, ok?“ Tobias machte sich auf den Weg in Richtung der Wasserspiele.
Vorhin hatten ihm schon viele Leute Blicke zugeworfen, aber jetzt waren es noch deutlich mehr: Ein riesiger bengalischer Tiger mit einem winzigen Häschen auf der Schulter. Er konnte einfach das Lächeln, das um sein Maul spielte, nicht unterdrücken, während er sich seinen Weg durch die Menge bahnte: Dieses Gefühl des kleinen zauberhaften (zauberhaft – war doch ein erlaubter Ausdruck, oder?) Hasenmädchens, das auf seiner Schulter hin- und herrutschte, während sie in der Ansammlung nach ihrer Mutter Ausschau hielt. Tobias war auch damit beschäftigt, die Menge nach einem Paar beiger Ohren und einer pfirsichfarbenen Strickjacke abzusuchen.
„Lilly!“, war plötzlich eine ängstliche Stimme zu hören, die die Menge übertönte.
„Mami!“
Tobias drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam, erblickte das Paar hellbrauner Ohren und bewegte sich auf sie zu. Lilly war bereits von seiner Schulter heruntergesprungen und war ihrer Mutter den halben Weg entgegengelaufen.
Sie umarmte ihre Tochter fest und schloss dabei ihre Augen, als sie ihren Kopf gegen sie presste, dann schob sie sie aber auf Armeslänge von sich weg: „Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du nicht einfach wegrennen darfst, Lilly!“
„Ich wollte nur ein Taziatella-Eis …“, entschuldigte sich Lilly scheu: „Und es ist nichts Schlimmes passiert, Tobias hat mir geholfen, dich wiederzufinden.“ Lilly drehte sich lächelnd zu Tobias um.
Ihre Mutter schaute zu dem großen Tiger, der vor ihr stand. Das Wiedererkennen, das in ihrem Blick zu sehen war, brachte Tobias dazu, sich etwas unbehaglich zu fühlen.
„Hi“, er winkte ein wenig linkisch, dann stecke er die Pfoten wieder in seine Taschen.
Die Mutter richtete sich auf und ergriff Lillys Pfote. Sie ging ihm mit einem etwas verzagtem Gesichtsausdruck entgegen. Tobias dachte einen Augenblick, dass sie ihn beschimpfen könnte oder sonst etwas. Stattdessen legte sie sich die Tüte mit Einkäufen in die Beuge ihres anderen Arms und streckte ihm ihre jetzt freie Pfote entgegen.
„Vielen Dank“, ihre Pfote verschwand völlig in seiner eigenen riesenhaften Pranke, das seidige weiche Fell strich über seine Handfläche, „dafür, dass Sie Lilly gefunden haben.“
„Kein Problem“, er lächelte auf sie herab und schüttelte ihre Pfote vorsichtig. „Tobias Bengal“, stellte er sich vor.
„Hazel, Hazel Burrow.“
Hazel. Der Name passte zu ihr, dachte er. Es ist die Farbe ihrer Augen.