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Herzensergießungen eines kunstliebenden Dichterbruders

Summary:

Clemens Brentano kehrt nach seinem Aufenthalt in Wien wieder nach Berlin zurück und wird mit Dingen aus seiner Vergangenheit konfrontiert.

Notes:

Herzlichsten Dank an @fanpersoningfox für das Beta-Lesen. Du hast etwas gut bei mir.

Chapter 1: Liebe ist das Einzige,...

Chapter Text

Schnellen Schrittes und voller Zuversicht ging er die Pflastersteine der Straße entlang. Mitten im Großstadttrubel fiel er nicht auf. Links und Rechts von ihm fuhren Kutschen, mal mit Menschen, mal ohne sie. Viele nutzten das schöne Wetter, welches das Gemüt erhellte, da es die letzten Tage doch sehr trüb gewesen war. Der Frühling belebte alles um ihn herum, sodass Berlin nicht allzu schlimm aussah, wie er es sonst immer empfand. Viele Menschen, viel Qualm und Staub, viel Lärm um Nichts.
Als er den Prachtboulevard Unter Den Linden kreuzte, war es ihm, als würde die Fülle ihn ersticken. Er blinzelte, musste sich erst an die neue Helligkeit gewöhnen, da es in den Berliner Gassen um einiges dunkler war. Seine Augen erhielten eine neue Färbung… von einem matten Braun, zu einem leuchtenden Bernsteinton. Die schwarzen Locken glänzten, als seien sie aus feinster italienischer Seide gemacht. Trotz der strahlenden Sonne zog in gewissen Abständen ein kühler Luftzug durch die Stadt.
Es war eben doch nur Frühling und nicht Sommer. Obwohl ihm Ersteres doch angenehmer war: Man fror nicht und die Lagen an Kleidung waren dennoch willkommen. Und Berlin würde Sommersprossen eh nie erhalten.
Der Sand knirschte unter seinen Stiefeln und von Weitem hörte man die Schreie der Militärs. Es war eben doch Preußen und nicht das beheimatete Frankfurt. Hier stand das Militär höher als der König selbst. Er hatte nie Verständnis dafür gehabt.
Clemens befand sich nun direkt vor dem Gebäude mit der großen Eingangstür aus Eiche. Natürlich war sie aus Eiche. Achim hätte sich keine andere Tür wählen können, dieser Vaterlandsverehrer in hohem Maße…
Er klopfte zweimal, ehe ein Bediensteter ihm langsam, die schwere Tür kräftig ziehend, öffnete.

„Ah, der Herr Brentano! Ihre Schwester erwartet Sie schon.“

Sein Busenfreund Achim von Arnim hatte zum Glück beschlossen, für ein paar Wochen nach Berlin reinzufahren und seiner Schwester, Bettine, etwas mit den Kindern unter die Arme zu greifen, sein Einsiedlerleben somit in Wiepersdorf zu unterbrechen.
Achim war derjenige, der ihm am längsten die Treue geschworen hatte, der ihn nun schon seit fast 15 Jahren begleitete und mit Ratschlägen stets an seiner Seite stand. Clemens war unheimlich stolz einen Freund für das Leben gefunden zu haben, dem er alles anvertrauen konnte und der ihm eine emotionale Stütze war.
Der kleine, ältere Mann ließ ihn eintreten und brachte ihn in das obere Geschoss, vorbei an den Wandgemälden und kleinen Statuen, die dazu verdammt waren in ihren Nischen zu stehen und freie Menschen jeden Tag zu beobachten, wie sie ihres Weges gingen. Das musste doch fürchterlich deprimierend sein, dachte sich Clemens, so dazuhocken und sein Schicksal über sich ergehen zu lassen, ohne Ahnung, was die nächsten Minuten passieren würde.
Er wurde von Schritten aus seinen Gedanken gerissen. Bettine kam ihnen entgegen und erfreute sich am altbekannten Gesicht. Als Clemens auf der letzten Stufe ankam, schmiss sie sich an seinen Hals, sodass sie beinahe fielen und Clemens mit einigen Brüchen das Haus wieder verlassen hätte.

„Clemens! Mein guter Clemens!“

„Ach, Bettine, wir haben uns doch erst vor vier Tagen gesehen.“

„Ja, aber man kann sich nicht oft genug sehen!“

„Clemens!“

Mit diesem Wort bog Achim um die Ecke und begrüßte nun auch den Neuankömmling. Sie bildeten zu dritt ein Corpus. Drei Seelen wurden zu einer, sechs Arme zu einem Kreis. Bettine erblickte man kaum zwischen den Männern, sodass man hätte denken können, dass nur Clemens und Achim sich umarmten, wie zwei Freunde, Geliebte in einer innigen Intimität.
Sie lösten die Verschlingung und Achim nahm Clemens bei der Hand und geleitete ihn zum Salon. Bettine schien in den vergangenen Tagen im Haus Hand angelegt zu haben, denn es wirkte ordentlicher. Im Salon lag die Decke höher, ein kleiner Kronleuchter hing an ihr herunter und in den Ecken sah er Stuck, von feinstem Motiv.

„Es ist schön dich wieder bei uns zu haben, mein Liebster. Bettine hat mir den ganzen Tag vorgejault, dass du doch bitte vorbeikommen solltest, ihr sei so langweilig und die Kinder wollen doch ihren Onkel sehen. Sie müsse hier auch etwas anderes zu tun haben, als Hausfrau zu spielen und Abende im Salon zu veranstalten, wie eine alte Dame, deren verbliebenen Tage schon abgezählt seien, und sie versucht aus jeder Aktivität ihre Erquickung zu ziehen. Möchtest du etwas trinken, mein Guter?“

Achim schien der Schalk im Nacken zu sitzen. Dessen helle Augen besaßen ein Funkeln, welches Clemens nicht recht deuten konnte. Bettine besah sie über die Konversation hinweg mit einem finsteren Blick und hätte wahrscheinlich liebend gern ihren Gatten ein paar Kommentare zum Thema ‚Vertraulichkeit‘ gesagt.

„Clemens nimmt ein Glas Wein, wir müssen doch anstoßen, also auf das Kommende.“

Ein Bediensteter leistete Bettines Worten Folge und brachten ihrem Bruder ein Glas feinsten Burgunder. Clemens zog eine Augenbraue nach oben, sodass seine Denker-Falten zum Vorschein kamen.

„Du wirst abermals Onkel“, erwähnte Bettine beiläufig mit sanfterer Stimme.

„Ach du heilige Mutter Gottes… Ihr seid doch keine Kaninchen, Bettine!“

Clemens reagierte echauffiert und Achim konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Bettine hätte üble Lust gehabt, den beiden Dichtern die Ohren lang zu ziehen und vor ihren Mündern damit einen Knoten zu binden.

„Wie die Kinder…“

„Apropos… Wo sind denn meine Neffen?“

„Die spielen draußen mit den Nachbarskindern.“

Achim trat an eines der Rundbogenfenster und blickte hinunter in den Garten. Dieser hatte vor zwei Wochen angefangen zu blühen und die verschiedenen Obstbäume und Blumenarten wurden durch den Frühling zum Leuchten gebracht. Eine kleine Oase in der preußischen Sandwüste, das hatte Achim Bettine als Kompromiss gestellt, dafür, dass er hier nach einer Wohnung Ausschau hielt. Das Palais seiner Großmutter am Pariser Platz fand er zu trist und pompös, als dass er sich darin wohlfühlen könnte und leben würde. Genug Platz wäre in diesem auf jeden Fall, vor allem auch für seine wachsende Familie, aber etwas nagte an Achims Gewissen. Er hatte nach dem Tode seiner Mutter dort seine Kindheit verbracht, aber er empfand diesen Ort als einen des Trubels und der Schnelligkeit. Tagtäglich die Kutschen zu sehen, wie sie eilig oder gemächlich das Brandenburger Tor passierten, die Menschenmassen, die Paraden und Abzüge der Truppen… grauenvoll.
Wenn er ihren Garten sah, dann vergaß er all dies, diese Berliner Schnelllebigkeit. Und wenn er die Augen schloss, dann fühlt er sich Wiepersdorf näher. Mit Bettine und den Kindern wäre es dort viel schöner gewesen. Mit Clemens… Sie hätten das Land erkunden können, so wie damals auf ihrer Rheinreise, und Gedichte zusammen geschrieben oder eine neue Sammlung begonnen.
Achim wandte seinen Blick von den Kindern ab und hin zu Clemens und Bettine, die Clemens freudig erzählte, wie schön es hier doch sei und wie sie glücklich über ihre neugewonnenen Kontakte sei. Er eckte sich seit Kurzem mit ihr an, dass er es hier nicht aushalte und gern raus auf das Land möchte, was Bettine nicht mitmachte und ihn beschuldigte, dass er ihr die Freiheit rauben wolle.
Der Zorn hielt nicht lang an und Achim war dennoch gezwungen ohne Bettine und die Kinder abzureisen, denn Erledigungen riefen in Wiepersdorf. ‚Der Eremit aus dem Fläming‘, hatte sie ihn getauft, wenn sie sauer auf ihn war und ‚Baron aus dem Norden‘, wenn sie ihm wohlgesonnen war. Sie war deutlich die Leidenschaftlichere von ihnen. Sie wollte, dass er ihr die Erziehung überließ, die ohne Regelung ablaufen sollte und den Kindern größtmöglichen Platz für Freiheit ließ. Das war der Knackpunkt gewesen, der Kirschstein in der Torte. Achim sah dem Ganzen Zähne knirschend zu.

„Achim, was bläst du so ein Trübsal?“, fragte Bettine sichtlich besorgt.

„Ach… es ist nichts. Ich bin nur froh euch hier zu haben.“

Sein Lächeln war zwiegespalten, hinterließ einen bitteren Geschmack bei ihm und es sagte nicht die ganze Wahrheit.

„Komm doch her.“, deutete ihm Clemens, der mittlerweile auf einem Sofa Platz genommen hatte und strich mit der Hand über die Sitzoberfläche.

Achim leistete den Anweisungen Folge und Clemens legte einen Arm um Arnims Schulter. Achim versuchte, sich aus der Umarmung zu winden, denn unangenehm war ihm die Situation schon. Auch wenn er Clemens wirklich mochte, so konnte er seinen Hang zur körperlichen Nähe nicht verstehen. Brentanos Gesicht zierte ein gekränkter Blick und Arnim wusste zuerst nicht, was er falsch gemacht hatte. Bettine war anscheinend ebenso verblüfft wie Clemens.

„Würde es euch etwas ausmachen, wenn ich zu den Kindern runtergehe? Ich könnte etwas frische Luft gebrauchen.“, wollte Achim wissen.

Bettine nickte nur.

„Ja, geh ruhig.“

Als Achim den Salon verließ, brach der Sturm in Clemens aus ihm heraus.

„Was ist bitte los mit ihm? Ich sehe ihm seit Längerem zum ersten Mal wieder und er reagiert so? Nur weil ich einen Arm um seine Schulter gelegt habe?“

Bettine tat einen tiefen Seufzer. Sie nahm sich ihre Tasse Tee, welche ihr im Voraus, zusammen mit dem Weinglas von Clemens, gebracht wurde und nippte kurz daran.

„Achim ist mit seinen Gefühlen etwas durcheinander… meinte er jedenfalls. Auf der einen Seite ist er ein absoluter Familienmensch geworden und auf der anderen vermisst er eure gemeinsamen Reisen und kommt von der Sehnsucht nicht weg, die ihn dabei ergreift. Er vermisst dich unheimlich und kann es nicht ertragen, dich immer nur für ein paar Stunden zu sehen, nur um dann wieder mitanzusehen, wie du ihn verlässt.“

„Dann ziehe ich zu euch! Ich bezahle Miete, mache Erledigungen und stehe euch mit den Kindern zur Seite.“ Clemens Augen waren aufgerissen, als hätten sie die Erleuchtung erfahren und wüssten über das Universum Bescheid. Seine Hände suchten die von Bettine, die zuvor ihre Tasse auf einem Beistelltisch abgelegt hatte. Die plötzliche Leidenschaft schien bei den Geschwistern in der Familie zu liegen.

„Clemens… Achim und ich sind verheiratet… Weißt du, wie die Gesellschaft reagiert, wenn sie mitbekommt, dass du bei uns eingezogen bist? Sie werden sich die Mäuler darüber zerreißen!“

„Seit wann denkst du über die Gesellschaft nach? Dir war doch sonst auch alles immer gleichgültig und du hast deine Sachen unabhängig davon getan! Was ist mit dir geschehen?“

Clemens Stimmung kippte windschnell und er schwieg, als er Bettine zusammengesackte Gestalt vernahm. Bettine war den Tränen nahe und blickte ihn entrüstet an.

„Ich bin Mutter von drei Kindern, bald vier und ich denke an ihre Zukunft. Sollen sie als Kinder von einer abenteuerlichen Mutter geächtet werden, welche keinen Anstand besaß? Ich bin nicht die Vulpius!“

„Bettine, bitte… nicht jetzt.“

„Mir kommt es nur so vor, dass Achim mit dir einfach glücklicher wäre und wenn ich euch dann so sehe, wie ihr miteinander redet und korrespondiert, dann scheint mein Leben überflüssig zu sein, dann bin ich nur Hausfrau und habe keinen Wert.“

Ihre Stimme wurde im Verlaufe des Gespräches lauter. Sie war aufgewühlt von den Worten ihres Bruders, erkannte ihn kaum wieder.
Clemens rückte näher an sie heran, sodass er ihre zarte Hand nehmen konnte und sie sanft streichelte und Kreise über sie zog. Er war innerlich genauso in Bewegung, wie sie und er bereute seine Vorwürfe.

„Schwesterherz, du hast sogar einen sehr hohen Wert… für mich sowie für Arnim. Du bist nicht nur irgendjemand. Du bist Bettine Brentano, eine starke Frau, die das Herz am rechten Fleck sitzen hat. Komm her.“

Mit diesen Worten zog Clemens seine Schwester in eine feste Umarmung. Bettine kam nicht drumherum ein Lächeln hervorzubringen.

„Wollen wir zusammen nach Achim schauen gehen, Bettine?“

„…Ja…Ja, das können wir machen.“

Sie war es leid mit allen zu streiten. Momentan waren ihre Nerven einfach nur strapaziert vom Kinderlärm, den täglichen Aufgaben und nun auch noch von den Herausforderungen, die eine Schwangerschaft mit sich brachte. Achim war aber in dieser Hinsicht ihr größtes Sorgenkind. Er verfiel häufig in eine Melancholie, die sie vorher noch nie bei ihm verspürt hatte. Entweder war er stundenlang draußen unterwegs oder schloss sich in sein Arbeitszimmer ein und zeigte sich nur zu den Mahlzeiten. Immerhin etwas, dachte sich Bettine manchmal. Abends ging sie allein ins Bett, bemerkte erst spät, wie sich Achim in das Zimmer schlich und versuchte, sie nicht aufzuwecken. Morgens war er als erstes wieder weg. Bettine hatte nicht gewusst, was sie falsch machte, welche Situation Achims Verhalten ausgelöst haben könnte, bis sie ihn zur Rede gestellt hatte und es ein sehr emotionaler Abend war, an dem beide Parteien Tränen vergossen haben. Wenn sie Achim nicht von seinem Leid heilen konnte, so würde dies Clemens übernehmen.
Auf dem Weg hinaus in den Garten wandte Bettine das Gespräch von ihrem Ehemann ab und fragte ihren Bruder über sein Leben aus, wie das Schreiben lief, was Luise machte. Auf die letzte Fragte, reagierte Clemens leicht verstimmt, denn es war ein kompliziertes Verhältnis zwischen ihm und Luise.

„Fräulein Hensel ist mir gesonnen, aber nicht auf die Art und Weise, wie ich es gern hätte. Ich hoffe weiterhin darauf, dass sie konvertiert und ich sie doch noch überzeugen kann, meinen Antrag anzunehmen.“

Bettine versuchte sich bei Brentano unterzuhaken und stützte ihren Lockenkopf an seiner Schulter.

„Ich weiß, wie schwer dir diese Entscheidung fällt, aber ich sage dir… es ist auf Dauer unerträglich. Ich habe Achim zwischendurch unheimlich vermisst. Es fühlt sich an, als sei ein Zusammenleben nicht
oder kaum möglich. Achim fühlt sich in seiner Klause wohl und ich… ich nun einmal hier… im staubigen Geäst der Großstadt.“

Ihre Stimme klang bedrückt, ja, sogar in einem gewissen Grade gekränkt. Achim und Clemens waren ihre einzigen Konstanten im Leben, auf die sie sich fortlaufend verlassen konnte. Der Kontakt zu ihren Schwestern war zwar nicht hundsmiserabel, aber sie stand Clemens näher. Clemens hatte sie doch auch ihrem Achim zu verdanken.

„Ich werde euch heute Abend allein lassen. Savignys haben zu sich eingeladen und Gunda wird sich sicherlich freuen, mich für ein paar Stunden bei sich zu haben. Beauftragt das Küchenmädchen einfach, wenn ihr etwas zu essen haben wollt.“

Clemens nickte. Das mit Achim könnte noch zu einem echten Abenteuer werden…
Unten in der Eingangshalle angekommen, kam ihnen Freimund entgegen, der sein kleines Brüderchen im Schlepptau hatte.

„Mama! Onkel Clemens!“

Der kleine Freimund klammerte sich an das Bein von Clemens und schaute diesen mit den dunklen Augen seiner Mutter an. Siegmund hingegen wollte in die Arme seiner Mutter und beäugte Clemens, durch ihre Haare hindurch, von der Seite. Als er anscheinend realisierte, dass es sein Onkel war, brachte er ein Lächeln hervor. Freimund entklammerte seine Arme und rannte zu seiner Mutter.

„Mama, du musst mit nach draußen kommen! Der Papa spielt mit dem Friedmund und der sagt seine Sätze!“

Bettines Gesicht zierte ein zärtliches Lächeln, als sie so ihren Sohn reden hörte.

„Na, dann müssen wir das wohl tun. Kommt!“

Clemens trottete wie ein Hund hinter der Bande hinterher und fühlte sich etwas verloren in der Familienszene, als würde er mit seiner Anwesenheit eine harmonische Zusammenkunft stören. Achim rannte nun schon die dritte Runde durch den Garten, um die Kinder zu belustigen. Völlig außer Atem gelangte er bei Bettine und Clemens an. Clemens musste ihn erstmal auffangen, als Arnim kurz schwindelig war. Die Situation ließ ihn unwillkürlich lachen und er meinte neckend:

„Und du warst Hauptmann eines Landsturmbataillons, Achim?“

„… Ja… Ja, das war ich… War…zum Glück.“

Achim nahm freundlich ein Glas Wasser an, als das Dienstmädchen, welches die Kinder vorab betreute, ihm eines reichte. Sie genossen noch die letzten Sonnenstrahlen im Freien, ehe die Kinder ins Bett gebracht wurden und Bettine sich für die nächsten drei bis vier Stunden verabschiedete.

Arnim und Brentano ließen sich abermals im Salon nieder und Clemens entkorkte die erste Flasche Wein. Sie sprachen über ihre schriftstellerischen Tätigkeiten, das Berliner Leben, was sie sonst in letzter Zeit trieben und Achim befragte Clemens nach seiner neu auserkorenen Herzensdame, worauf Clemens nur einen Seufzer verlauten ließ. Im Großen und Ganzen verlief der Abend recht ruhig. Clemens goss während ihres Gespräches bei ihnen fleißig nach und so kam es, dass beide nach anderthalb Stunden anfingen zu lallen.
Brentano hatte sein dunkles Lockenhaupt auf die Rückenlehne des Sofas gestützt, sodass sein Kinn Richtung Decke zeigte. Achims Kopf lag verschlafen auf seiner Hand und er schwenkte sein Weinglas hin und her, die rote Flüssigkeit dabei beobachtend. Einige Sekunden schwiegen sie sich an, dachten, es seien der Worte genug gewechselt und Clemens wollte dazu ansetzten, sich auf den Weg nach Hause zu machen, als es aus Achim ausbrach.

„Clemens… ich habe dich schrecklich vermisst. Die Zeit ohne dich… es war furchtbar.“

Er rückte näher an ihn heran, sodass ihre Oberarme sich berührten und sie die Körperwärme des jeweils anderen spüren konnten. Wären sie in der Öffentlichkeit gewesen, so hätte jemand angemerkt, wie unschicklich ihr Verhalten doch war.
Achim schaute Clemens eine Weile an. Seine Augen besaßen weiterhin die Farbe von Ebenholz. Er hatte Falten bekommen, was mit neununddreißig Jahren nichts Ungewöhnliches war, aber Achim bemerkte, wie etwas an Clemens zehrte und ihn nicht loslassen wollte. Seine geschwungenen, langen Wimpern, bildeten den perfekten Kranz für seine Augen. Brentanos Mund, brachte Achim zu der Erkenntnis, dass Clemens immer dreinblickte, als würde er schmollen. Die starken Augenbrauen, das markante Kinn… Arnim sah, dass Clemens ein halber Italiener war. Achim musste sich eingestehen: Clemens war durchaus ein hübscher und attraktiver Mann. Clemens legte eine Hand an Achims Wange und schaute ihn liebevoll an. Arnim schweifte mit seinem Blick nach unten, schlug seine Augen nieder.

„Was ist los, mein Guter?“

Clemens beäugte ihn sanft, als wäre er ein Kind, das zu ihm gekommen, welches sich das Knie aufgeschlagen hatte oder ein Splitter in seinem Finger steckte. Seine Hand strich währenddessen durch Achims Haar.
Achim blickte wieder auf und es schien für Clemens alles etwas zu schnell zu gehen, denn dieser schreckte kurz zurück, als er plötzlich die Lippen auf den eigenen spürte.
Arnims Charakter spiegelte sich in diesem Kuss wider: er war sanft und von ehrlicher Absicht. Clemens schmeckte den lieblichen Wein und es hatte etwas befreiendes. Seine Falten glätteten sich und er schloss seine Augen, als er sich traute den Kuss zu erwidern. Er dachte zurück an ihr Zusammentreffen damals am See, kurz vor Arnims Hochzeit und wie er ihm seine Gefühle gestand. Clemens wollte sie loswerden, bevor sein bester Freund den Bund der Ehe einging. Die Emotionen kochten abermals in ihm hoch und der Kuss wurde leidenschaftlicher, drängender. Achim wollte sich zurückziehen, doch Brentano duldete dies nicht und zog ihn wieder an sich und Arnim stieg abermals mit ein.
Clemens übernahm die Führung, drückte Arnim nach hinten und bettete sie beide auf dem Sofa. Achim unter ihm legte zögernd seine rechte Hand an die Weste Brentanos und versuchte die ersten Knöpfe auf zu friemeln, was ihm zuerst nicht gelang, da der Alkohol doch eine tragende Rolle spielte.

„Clemens…“

Clemens wurde aus der Trance gerissen, in der er sich befunden hatte. Ein eiskalter Schauer durchjagte seinen Körper, als sei er in Wasser geworfen worden.

„Verflucht…“

Brentano zuckte zurück, fuhr sich mit den Händen durch das Haar und Clemens schien erst jetzt bewusst zu werden, was er hier tat. Unter ihm lag Arnim immer noch unter ihm und pure Panik machte sich in Brentano breit.

„Gott, bitte steh mir bei…“

Achim war nicht bewusst, wie sehr er seinen Freund verwirrt hatte. Im Allgemeinen begriff er die Umstände nicht.

„Clemens, es ist alles in Ordnung. Du brauchst keine Angst zu haben…“

„Nein! Nein, es nichts in Ordnung. Ich hintergehe das Vertrauen meiner Schwester! Du bist ihr Gatte, Achim! Was tun wir hier?!“

Achim setzte sich auf, richtete seine Kleidung und atmete einmal tief durch.

„Ich habe es mit Bettine abgesprochen…“, sagte er zögerlich. „Es fiel mir nicht leicht ihr all dies zu sagen, habe deshalb des Öfteren schlechte Stimmung verbreitet und war allgemein zutiefst verzweifelt. Sie meinte, wenn ich mir unklar mit meinen Gefühlen wäre, dann solle ich Dinge ausprobieren und…das habe ich somit getan. Ich meine… sie hätte alle Zelte abbauen können und ich wäre wahrscheinlich ins Zuchthaus gekommen, aber… das wäre nicht Bettine und ich liebe sie über alle Maßen dafür. Mir ist eines in den vergangenen Wochen deutlich geworden: Ich kann ohne euch beide nicht leben. Ich will niemanden missen und… Bettine und ich haben darüber nachgedacht, dass du hierher ziehst. Aber Berlins Augen sind überall, weshalb Bettine den Vorschlag unterbreitet hat, dass wir für ein paar Wochen nach Wiepersdorf könnten. Sie würde mit den Kindern hier bleiben. Einfach eine Pause vom hiesigen Leben nehmen und für uns existieren und nicht für die Gesellschaft, produktiv sein, wieder zusammen an etwas schreiben. Wie wär’s?“

Hierbei nahm er die Hand von Clemens und schaute ihn an wie einen verlorenen Welpen. Clemens fühlte sich weiterhin überrumpelt und viele Fragen stellten sich in seinem Kopf, ein Wirrwarr an Gedankenschnipseln.

„Ihr würdet… meinetwegen… eine Dreierbeziehung führen? Achim… ich möchte euer Eheglück nicht auf die Probe stellen.“

„Clemens… das tust du nicht. Bettine würde uns die Zeit lassen. Zwar war sie anfangs überstürzt, aber ich denke, dass sie langsam mit dem Verhältnis warm wird und… ich liebe nun einmal euch beide.“

Nun war es Brentano, der die Augen niederschlug und nachdenklich den Parkettboden anstarrte. Er war sich mit der ganzen Situation zu unsicher. Auf der einen Seite hatte er Achim, der ihm schon das ein
oder andere Mal aus der Patsche geholfen hatte und es immer wieder tun würde, weil Clemens ein Mensch war, der oft in Fettnäpfchen trat. Und er hatte noch Luise Hensel, die er anbetete, ihr Gedichte widmete und kurz davor stand, ihr einen Antrag zu machen, um endlich diesen lästigen Nebenbuhler Berger loszuwerden.

„Was wird aus Luise?“

„Clemens…gehe in dich. Sie ist noch ein Kind, zählt kaum 19 Jahre. Lass ihr noch ihre Kindheit und Jugend.“

Sie schwiegen. Die Minuten vergingen und Clemens kam dennoch zu keinem Entschluss.

„Achim, ich bitte dich, lass mir noch einige Tage Zeit und ich werde dir eine Antwort geben.“

Brentano machte Anstalten aufzustehen und besah sich ein letztes Mal, für den Tag, seinen Gefährten und Lieblingsdichter.

„Achim… ich bin dir zutiefst dankbar. Ich wünsche dir eine gute Nacht und mögen Morpheus Arme dich wohl aufnehmen.“

Clemens stand auf und Achim folgte seiner Handlung.

„Ich habe dich wirklich sehr lieb, Clemens.“

„Ich weiß, Achim. Ich weiß…“

Als Clemens Brentano den Salon verließ und Achim somit allein war, leerte dieser sein Weinglas und machte sich dann auf in sein Arbeitszimmer, indem ihn Bettine etwas später fand.

„Mir kam Clemens entgegen. Er wirkte aufgelöst. War alles in Ordnung?“

„Ja, wir haben uns nur ausgesprochen.“

„Und?“

„Demnächst wissen wir mehr. Er braucht Zeit, um dies alles zu überdenken.“