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Die Lichter Babylons

Summary:

»Deshalb wurde die Stadt Babel genannt, weil der Herr dort die Sprache der Menschen verwirrte und sie über die ganze Erde zerstreute.« »Der Herr?«, echote Avery spöttisch und stupste Severus glucksend mit seinem Ellbogen an. »Ja«, sagte die Frau und lächelte geheimnisvoll. »Der Herr, der uns letztendlich die Erleuchtung brachte.«

Chapter 1: Wunsch und Widerstand

Chapter Text

 

Die Lichter Babylons
Wunsch und Widerstand



Juli, 1978




Gab es Wolken überhaupt wirklich? Hatte es jemals welche gegeben? Die Vorstellung fliegender Berge aus Kühle und Nass kam Severus zunehmend fantastisch vor.
Trotz der Kapuze brutzelte die Sonne ihm allmählich die Nasenspitze. Auf dem Nacken hätte er sich gut und gerne ein Spiegelei braten können.

Dem väterlich anmutenden Herrn vor ihm schien das nichts auszumachen. Wie sie selbst trug auch er einen Kaftan. Sein Bart war rauschend und lockig während Severus und Averys Bart eher … na ja …, wenn Severus ehrlich war, sahen sie aus wie zwei zerpflückte Banditen.

Durst plagte Severus und die Verhandlungen mit dem Bauern verliefen zäh. Auf der Fensterbank zu seiner rechten dampften drei Becher Tschai Karak – eine Art Schwarztee mit Gewürzen, den Severus in den letzten Monaten zu schätzen gelernt hatte – verführerisch.
»Eh … «, mischte sich Avery in die Verhandlung ein, »F-Frag doch mal, ob ich eine von seinen Kippen haben darf.«
Freundlich wie ihr Gastgeber war, klopfte er Avery lachend auf die Schulter. Dieser zuckte, stimmte dann aber verhalten mit ein, die Augen gierig auf den Mundwinkel seines Gegenübers geheftet. Ihr Auftraggeber verstand kein Wort Englisch. Avery zeigte sich mal wieder von seiner unhöflichsten Seite.
»Ich sprech‘ kaum arabisch. Frag selbst.«
»Genau«, spottete Avery und brummelte sich noch sowas wie »Was für ein Arsch du bist« in den Bart. Oder in das was mal einer hatte werden wollen.
»Atadakhn sjayr?«
Genau genommen eine schwachsinnige Frage. Der Kerl hatte während der Verhandlung kaum eine Sekunde nicht geraucht. Doch Avery konnte es nicht besser und ihr Auftraggeber verstand ohnehin.
Er überschlug sich darin Avery eine selbst gedrehte Zigarette nach der anderen zu reichen.
»Atsamah li bisheilat naar?«
Auch dieser Bitte kam ihr Verhandlungspartner nach. Ein Sturmfeuerzeug klackte. Avery seufzte zufrieden.
Das waren wohl die einzigen zwei Sätze die Avery mit Mühe und Not zusammen brachte. In ihrer Ausbildung hatten sie ein paar Brocken Arabisch an die Hand bekommen. Diese hatten nicht dazu gehört.
Ihr baldiger Auftraggeber deutete hinter sich. Der Haufen Mondkälber, eingezäunt in ihrem Gatter, sah kränklich aus. Ihre riesigen Augen waren glasig und ihre Beinchen dürr wie brechende Äste.
Lily hatte doch mal irgendwas von einem Parasiten erzählt, den sie im Fach Pflege magischer Geschöpfe durchgenommen hatten.
Kitz- … Kitzpurfel? Der Kerl sollte die Viecher echt einmal darauf untersuchen lassen. Die Handvoll Ziegen, die sich dazwischen tummelte, sahen auch nicht besser aus.

Severus blinzelte, zwang sich zu einem Lächeln, als der Herr in seinen Ausführungen endete. Mit dem Ärmel seines Kaftans fuhr Severus sich über die Stirn. Die Gluthitze machte es unheimlich schwierig bei der Sache zu bleiben und dabei hatte er dieses Mal gar keine Konzentration für die Legilimentik aufgebracht. Hier auf dem Land ging es sowieso immer nur um eines: Nundus.

Nundus hatten ihnen schon die halbe Reise finanziert. Die Angst vor diesen riesigen Leoparden war hier in Ostafrika mehr als berechtigt, vor allem wenn man über wertvollen Viehbestand verfügte.
Ihr Auftraggeber malte in der Luft ein Viereck auf und deutete über die Schulter hinweg zu seinen Mondkälbern. »Nundu!«, sagte er nochmals laut und überdeutlich. Severus nickte, hielt dem Herren seine Hand hin. »Hasanan.«
Ein paar Piaster wechselten den Besitzer und Avery schaffte es mit Händen und Füßen dem Herrn weitere Zigaretten aus dem Kreuz zu leiern. Dafür trank Severus Averys Tee gleich mit. So hatten sie alle was davon.

Da die Kippe über keinen Filter verfügte fischte Avery am unteren Ende erst einmal ein paar Krümel Tabak heraus, ehe er lächelnd die nächste mit einem kurzen Schnipsen entzündete.
In England wäre das beeindruckender gewesen. Hier im Sudan besaßen nur die wenigsten Zauberer einen Zauberstab, von den Hexen ganz zu schweigen. Die Magie fand immer Mittel und Wege sich Ausdruck zu verleihen. Erst als der Besitzer der Mondkälber in seinem Haus verschwand, zückten Severus und Avery ihre Zauberstäbe. Schlechte Erlebnisse waren immer noch die besten Lehrmeister. Zu oft hatten die beiden die Erfahrung gemacht, dass man ihnen ihre Zauberstäbe neidete.

Mehr oder minder gestärkt machten sie sich an die Arbeit.
Ein Bannkreis, der Tierwesen abwehrte und ein Art Klaufluch waren zu ihrem Standardrepertoire geworden. In jedem Dorf, dass sie passieren, wurden ihre Fertigkeiten dankend angenommen, sobald die Sprachbarriere überwunden war. Die Horusauge-Brosche an ihren Krägen verrieten ihre Professur auf den ersten Blick. Das Zeichen examinierter Fluchbrecher. Dass diese Schmuckstücke von ihren Ausbilderinnen gestohlen waren, mussten sie der hilfesuchenden Bevölkerung ja nicht gleich auf die Nase binden.

Mit verkrampften Zügen und verdunkelten Augen umkreisten sie das Gatter der Mondkälber murmelnd. Mit einem Federwisch wob Avery den ersten Faden und Severus fing ihn auf. Flocht ihn weiter, verzwirnte ihn zu einem schimmernden Kunstwerk, den nur das geschulte Auge eines Fluchbrechers auszumachen im Standen war.
Die Zeit schien für einen Moment aufgehoben.
Ebenholz und Espenholz spuckten im Gleichklang kupferne und goldene Schleifen.
In diesen Augenblick gingen ihre Gedanken Seite an Seite, einer im anderen spiegelnd, Widerschein eines Widerscheins und vollkommenes Echo.
Oft glich ihre Arbeitsweise eher einem Instinkt als gerichteter Gedanken.

Ein dünnes Klagen ließ Severus aufschrecken. Avery war in einen spitzen Stein getreten und hüpfte nun jammernd auf einem Fuß herum, seine Sandale in der einen Hand, der Zauberstab in der anderen. In der Sohle prangte ein Loch, durch das Avery hindurchsehen konnte. In vergleichbaren Situationen gab es zwei mögliche Reaktionen und Avery entschied sich dieses Mal dankenswerterweise für die erträgliche Variante: Er humpelte und jammerte noch etwas herum, lachte dann aber, schlüpfte wieder in den Schuh und beendete mit Severus ihre Arbeit. Der Besitzer der Mondkälber hatte sie die halbe Zeit beobachtet und strahlte. Er bestand darauf ihnen beiden die Hände zu schütteln. Avery sah angewidert drein, doch als der Herr ihm eine weitere Zigarette reichte, war sein Unmut vergessen.

Die Taschen um ein paar weitere Piaster beschwert, hob Severus die Hand als sie gingen und sagte: » Maʿa s-salamah und … ähm ... šukran!«

Schmatzend die lanzettlich geformten Blätter von einem Strauch zupfend, verabschiedeten sich auch die Mondkälber von ihnen. Sie würden vermutlich nicht mehr als Mitternachtssnack eines Nundus enden. Da sie das aber bestenfalls nie erfahren würden, fiel auch ihr Dank eher zurückhaltend aus.

Rasch waren die Münzen aufgeteilt. Für das erträgliche Auskommen des Bauers hatten sie gesorgt. Er für ihres auch. Mindestens für die nächsten Wochen.
Avery versenkte seinen Anteil in der Innentasche. Furchtbar leichtsinnig, wie Severus fand. Er machte sich die Mühe sie in seinem Seesack zu verstecken, den er locker über der Schulter trug. Unnötigen Ballast hatten sie hinter sich gelassen, denn so reiste es sich leichter. Sie blieben ohnehin nirgends lange. Wen kümmerte das Aussehen zweier Fluchbrecher, solange sie ihren Job erledigten?
Ihre Füße trugen sie von Dorf zu Dorf, stets auf der Suche nach etwas lohnender Arbeit oder einem Laden, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen.
Nun machten sie sich daran, auch diese Siedlung wieder zu verlassen.

Ohne die Anwesenheit der Ziegen und Mondkälber, roch es nach Schweiß, Staub und Averys Rauchen. Beide brauchten sie dringend eine Rast, ein Bad oder eine Dusche. Oder alles zusammen.
Severus wunderte sich, dass gerade Avery sich gar nicht über ihrer beider Gesamtzustand beschwerte.

Diesen undankbaren Cocktail aus Gerüchen in der Nase, rief Severus sich selig die Erinnerung an Lily in den Sinn. Wenn sie in den Winterferien abends über die Garage aus ihrem Zimmer getürmt war, hatte sie oft nach Lebkuchen, Marzipan und überreifen Äpfeln geduftet. Er hatte diesen würzigen Geruch immer auch noch nach Stunden in der Nase gehabt, selbst wenn er schon wieder zurück in Spinners End gewesen war.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als Avery schlussendlich das Schweigen brach: »Babylon. Ich will nach Babylon.«
Severus starrte zu Boden, als verstünde er kein Wort. Zwar war Avery bemüht gewesen es nebensächlich klingen zu lassen, doch Severus kannte ihn zwischenzeitlich besser.
Sollte er doch. Babylon zerfiel, seit tausenden von Jahren und würde auch die nächsten tausend Jahren zerfallen, während Lily im Hier und Jetzt in England auf ihn wartete.
»Na dann.« Severus hob seine Achseln.
»Dafür müssen wir zuerst in den Irak kommen«, erklärte Avery ihm überflüssigerweise. Severus wusste, wo sich Babylon befand. Manchmal fragte er sich für wie beschränkt Avery ihn eigentlich hielt.
»Ja, und?«
»Du bist ja gut drauf heute«, sagte Avery und biss, recht angewidert dreinblickend an seinem Daumennagel herum. Er löste ein Stück vom Nagel, der am Nagelbett erdig und sandig war, und spuckte aus. Während Avery immer weiter in den Süden oder Wahlweise in den Osten wollte – Hauptsache weit entfernt von England – hielt Severus hier nichts mehr. Er musste zurück.

»In den hängenden Gärten dort gibt es Bibliotheken. Bücher, soweit das Auge reicht und noch mehr. Antike Trankrezepte, Severus! Alte und wirklich mächtige Zauber! Wir werden unbesiegbar sein.«
Averys feierliche Ausdrucksweise reizte ihn und Severus rollte mit den Augen. Dieser Feigling schob mal wieder fadenscheinige Ausreden vor, um seine wahren Absichten zu verschleiern.

Rumpelnd kündigte sich das erste Auto dieses Tages an. Staub wurde aufgewirbelt und Avery sprang an Severus vorbei zur Fahrbahn, um seine Hand am langen Arm auszustrecken. Den Daumen hielt er dem Fahrerhäuschen überdeutlich entgegen, doch den Fahrer schien das nicht zu kümmern.
Das Fahrzeug fuhr an ihnen vorbei - ein alter Geländewagen - und Avery schrie ihm aus vollem Halse »Ahbal! Du dreckiger Wichser!« hinterher. Er bückte sich, um einen Stein von der Straße zu klauben und schmiss ihn dem Auto hinterher. Natürlich traf dieser geborene Quidditchspieler nicht.
Nach dieser Großtat schien er sich wieder zu fangen und kehrte an Severus Seite zurück.

»Um unbesiegbar zu sein, müssen wir erst einmal kämpfen«, bemerkte Severus und kräuselte die Lippen zu einem herablassenden Grinsen, »Im Krieg. Du erinnerst dich? Das Mal da an deinem Arm.«
Sein Gegenüber kaute, als ob er nichts gehört hätte, weiter an seinem Daumennagel herum, aber Severus sah, wie sich sein Rücken versteifte. Mit geheuchelter Gleichgültigkeit sagte Avery: »Ein paar Blutsverräter und Schlammblüter wird Mulciber uns schon übrig lassen.«
Bei dem Wort ‚Schlammblüter‘ knirschte Severus mit den Zähnen und funkelte Avery finster an.
»Schon gut, schon gut«, sagte Avery beschwichtigend und hob die Hände mit den Handflächen nach außen hin in Brusthöhe. Lastendes Schweigen. Severus schob mit der Ferse beim gehen Schotter vor sich her. Hier konnte man eh keinen Schritt machen, ohne auf irgendeinen spitzen Stein zu treten. Der glühende Feuerball am Himmel zeichnete ihre Silhouetten in scharfen Schatten in den Staub, den er aufwirbelte. Wie stets auf ihrem Weg südwärts waren ihre zwielichtigen Zwillinge ihnen unmittelbar auf den Fersen.
»Und? Was ist denn nun?«
»Womit?«
»Hat die Sonne dir das Hirn gebraten?«
Erneut spie Avery ein Stück Nagel bei Seite. Wenn er so weiter machte, würde Severus ihm von seinem Anteil ein Päckchen Tabak kaufen – nur damit er dieses grausige Knacken und Knurpsen bleiben ließ.
»Hör auf! Das ist widerlich.«
Eine Pause tat sich auf. Avery füllte sie, indem er albern vor sich hin gluckste. Voller Unbehagen fügte Severus hinzu: »Die hängenden Gärten der Semiramis sind nichts weiter als eine Legende.« Auch wenn Avery häufig praktisch dachte, wunderte sich Severus über die weltfremde Art, die er gelegentlich an den Tag legte.
Der Geruch nach gerösteten Kaffeebohnen wehte ihnen vom Dorf hinterher. Die Galle kam ihm hoch. Ausgehungerte Schlagen hatten sich um seinen Magen gewickelt und schnappten gierig nacheinander. In seiner Kindheit war er häufig hungrig gewesen, doch dies hier war ein neues Maß der Entsagung.

»Das wollen sie den Muggeln glaubhaft machen. Oder von mir aus auch euch Halbblütern. Niemand ruft freiwillig: He! Kommt vorbei! Hier gibt es einen Haufen wertvolles und kostbares Wissen. Grapscht mit euren Fingern die unbezahlbaren Folianten an und betatscht unsere antiken Artefakte. Kommt nur herbei und -«
»Genauso bescheuert wie die Idee mit Troja«, unterbrach Severus Avery resignierend. Er tat es als Tagträumereien seines Kameraden ab, doch einer gewissen Logik entbehrten Averys Ausführung nicht. So hatte Severus es zumindest noch nicht betrachtet.

Der Wind stöhnte und trieb Sandschleier vor sich her. Zum wiederholten Male an diesem Tag verfluchte Severus mürrisch die Hitze und betrachtete das blaue Flimmern am Horizont.
»Mulciber wird Augen machen, wenn wir ihm erzählen, dass wir in Troja waren«, versuchte Avery es nun weitaus versöhnlicher und stieß Severus mit dem spitzen Ellbogen in die Seite.

Es lag nicht auf ihrem direkten Weg, aber wenn sie weiter zielstrebig blieben, könnte sie am Roten Meer übersetzen und von dort aus über den Irak in die Türkei. Und mit etwas Glück fanden sie dort jemanden der ihnen einen Portschlüssel für die Reise nach England zur Verfügung stellen könnte. Eine Hoffnung, die Severus erleichtert aufatmen ließ.
Für diesen unwahrscheinlichen Fall müsste er Avery mit einem Ganzkörperklammerfluch mitschleppen, doch das wäre ja nicht das erste Mal.
»Ja«, erwiderte Severus und seufzte, »Mulciber wird ganz schön Augen machen.«