Work Text:
Eine Kutsche mit vier Zossen hielt zwischen Marstall und Schloss im vormittäglichen Rheinsberg, als ein kleiner hagerer Mann, den viel zu viele Accessoires zierten (einen Dreispitz – welcher zu groß für seinen Kopf wirkte-, zwei Taschenuhren auf jeweils beiden Seiten und, untypischerweise für solch einen Ausflug, ein Opernglas) einen noch jüngeren postadoleszenten Mann umarmte und einen Kuss auf eine Wange setzte. Mit einem Daumen fuhr der adrett Gekleidete seinem Günstling über jene Wange und flüsterte etwas in sein Ohr, worauf dieser schmunzelte und verlegen lachte.
„Adieu, Bréderic, bis in ein paar Tagen. Halt den Stall für mich warm.“
Bréderic machte einen Bückling und verschwand wieder in Richtung Marstall. Kurz schaute er nochmals zurück und sah, wie Seine Königliche Hoheit in das pompöse Gefährt stieg.
„Denke Er sich nicht zu viel dabei. In drei Wochen ist Er auch abgeschrieben.“
Den Mann, der neben ihm sein Pferd striegelte, hatte er gar nicht bemerkt. Hochgewachsen, schlank und seine Uniform verriet, dass er ein Generaladjutant war.
„Ich bitte untertänigst um Verzeihung, aber: wie kommen Sie darauf?“
Erst jetzt zeigte der Herr sein Gesicht. Eine markante schlanke Nase, kleine Augen dazu eine große Stirn und die Lippen eines Spitzbuben, die sich just zusammenzogen.
„Weil ich es selbst erleben durfte, Junge.“
Bréderic nickte und wand sich wieder seiner Arbeit zu. Er wusste von den zahlreichen amourösen Abenteuern des Prinzen, jedoch hoffte Bréderic weiterhin auf eine besondere Stellung an seinem Hofe.
Prinz Heinrich ließ es sich währenddessen in der prächtigen Kutsche gut gehen und platzierte einen Pagen neben sich, der ihm den neuesten Klatsch vom königlichen Hofe erzählte und den königlichen Bruder zu diffamieren hatte. Eine Hand fuhr durch das krause gepuderte Haar des Pagen, als würde er einem Hund den Kopf streicheln.
„Sire, und dann hat Seine Königliche Majestät die Gattin doch tatsächlich als korpulent bezeichnet und nennt sie seitdem nur ‚die Gans‘. Die Streitigkeiten mit Voltaire werden brieflich weitergeführt und Seine Königliche Majesté verhält sich wie ein Knabe zu seinem ungeliebten Haustier. Das Gefühl, aber, sollte sich in den nächsten Korrespondenzen auflösen und wieder in ein positives übertreten. Die Hass-Liebe der beiden ist zu göttlich, um sie Ihnen nicht mitzuteilen. Des Weiteren wurde ein Bekannter, Zeuge eines regelrechten emotionalen Ausfalls, als Seine Majesté, nach mehreren Flaschen Wein, einen armen Pagen durchkitzelte.“
„Brav, Karl, sehr brav. Nun kommt die eigentliche Beschäftigung für die nächsten Minuten. Weißt du, warum du mich begleiten durftest?“
„Weil ich die Qualifikationen besitze, die Sie sich wünschen, Sire?“
„Exakt, Karl. Wie alt wirst du dieses Jahr?“
„Neunzehn, Hoheit.“
„Dann wirst du bald für einen Pagen zu alt sein. Wie steht es? Hättest du Lust bei mir an der Seite im Regiment zu stehen?“
„Äußerst gern, Eure königliche Hoheit!“
„Ich kann leider nicht mit vergoldeten Uhren dienen, Karl, aber mit meiner ewigen Treue und der Versicherung, dass dein Tod auf dem Felde nicht folgen wird. Lesen wir doch die Leviten, mein Guter.“
Prinz Heinrich beugte sich nach vorne.
Blätter wehten schneidig vorbei, als hätte sie ein Sturm hochgeworfen. Die Erde wirbelte auf, alles lief auf Hochtouren. Wie der Hesse aus den Schauergeschichten, ritt er durch den Wald und über Felder. Alles Umliegende wusste, wer auf dem hohen Ross saß. „Kaphengst kommt“, hieß es nur. Töchter wurden versteckt. Alles, was nicht Niet- und Nagelfest war ebenso. Und wenn sein Pferd unter ihm zusammenbrechen würde und die Jagdhunde nicht mehr hinterherkamen, ihm war es egal, er wollte Belustigung. Die Hauptattraktion des Tages würde bald folgen. Sein… Prinz würde demnächst Berlin erreichen, zwei Wochen mit ihm allein und dem prallen Vermögen von Heinrich. Er müsste nur einige Kunststücke vorführen und Heinrich schmolz dahin wie warme Butter. Ihre Beziehung war toxisch, definitiv, aber Kaphengst musste seinen Ruf aufrechterhalten und bei vielen Menschen am Hofe war er neben der Königin Klatschmaterial Nummer Eins. Das müsse ihm erstmal einer nachmachen! Dazu der Märtyrer Heinrich, der alles für ihn tun würde und dabei oft selber litt, sei es im Bett oder im Finanzwesen.
Wenn er erst das neue Miniaturportrait sehen würde, worin er den Prinzen hat verewigen lassen, dann wäre das Einkommen für die nächsten Monate sicher und Kaphengst könnte sich wieder in Berlin rumdrücken, in Bordellen, Kneipen und anderen Spelunken, um das Prostituiertengeld wieder zu verfeuern. Das Problem bestand darin, dass der Prinz Heinrich ihn nun verheiraten wollte, damit er sich zügelte. Aber er wäre nicht Christian Ludwig von Kaphengst, wenn auch dieses Unternehmen zum Scheitern verurteilt wäre. Er lachte auf, sodass es im Wald nachhallte. Heinrich würde ihn nicht unterkriegen und schon gar nicht loswerden. Heiraten, ja, aber den Pflichten würde er nie nachkommen und der Prinz wusste das, konnte sich aber nicht von ihm lossagen. Kaphengst gab seinem Pferd abermals die Sporen, sodass es beinahe den Halt verlor. Was soll’s? Scherte ihn doch nicht. Wie Heinrich ihn fast flehentlich anblicken würde, wenn er am späteren Nachmittag, kurz nach seinem Eintreffen, verschwitzt durch die Flügeltüren rennt, direkt auf den Prinzen zu. Oder sollte er ihn warten lassen? Zappelnd, wie ein Fisch an der Angel? Heinrich verzehrte sich nach ihm und die angestauten Gefühle der zweimonatigen Trennung würden Kaphengst einiges an Darbietung erweisen. Schmutzig lächelnd trieb Kaphengst seine Stute in den Wahnsinn.
„Hab ich Eurer königlichen Hoheit gefallen?“
Prinz Heinrich richtete seine Kleidung, gerade die Weste war derangiert und seine Perücke saß schief auf dem kleinen Kopf.
„Ja, sehr sogar, mon Charles.“
Karl stützte sich auf der edel gepolsterten Bank ab, um aufzustehen. Besitzergreifend holte Heinrich ihn mit einem flinken Arm wieder an seine Seite.
„Darf ich Ihnen weiterhin zur Verfügung stehen?“
„Wenn wir aus Berlin zurück sind, ja. Kaphengst teilt aber nicht gern, wenn wir zusammen sind.“
„Sie sind wirklich großzügig zu dem Major. Keiner drückt seine Gunst so tiefgründig aus, wie Sie es tun, Königliche Hoheit.“
„Dafür kosten die Herren mir auch einige Nerven, mon Beau.“
„Außer der Graf Lehndorff!“
„Ja, außer mein treuer Lehndorff…“
Lehndorff saß ungemütlich bei der Hofgesellschaft in Berlin. Er wusste, dass sein Prinz just in diesem Moment abermals in sein Verderben ritt. Die Königin unterhielt sich mit ihren Hofdamen über belanglose Dinge, denen er kein Interesse schenkte. Heute war sein schlimmster Tag. Heinrich, oh sein Heinrich, würde bei Kaphengst angelangen und dieser würde die dreckigen Finger nicht von ihm lassen können. Ihm wurde übel.
„Geht es Ihnen gut, Graf Lehndorff? Sie sehen recht blass aus!“, äußerte die Königin besorgt.
„Ja, eure Majestät, mein Bein schmerzt heut nur sehr. Aber zerbrechen Sie Ihren edlen Kopf nicht darüber, denn in Ihrer Gegenwart geht es mir stets besser.“
Die Königin lächelte und Lehndorff versank in seine zurückgekehrte Melancholie. Er würde es ihm nie sagen können, wie sehr er selbst sich nach seinem Prinzen verzehrte. Er hatte nicht den Mut, die Arroganz und Selbstherrschersucht, wie es die Günstlinge von Heinrich besaßen, oft der gute Freund, mit dem man ordentliche Konversationen betreiben konnte, einen richtigen Rat erhielt oder der gut genug dafür war, die Hofkleider nachzuschicken oder zu transportieren. Was hatte dieser Kaphengst, Reisewitz, und Mara, was er, Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff nicht hatte? Alle sind sie liederlich, unerzogen, selbstsüchtig, sodass Narziss sogar eifersüchtig wurde und vor allem nur auf niedere Triebe und Moneten aus. Er würde gern weinen, aber jede einzelne Träne war über die Jahre hinweg vergossen. Alles hatte er seinem Prinzen geopfert, war für ihn da, als der liebe und gütige August Wilhelm elendig starb, als andere Familienmitglieder verschieden und er war ebenso der Gaukler, als es dem Prinzen Heinrich schlecht mit dem Zahnleiden ging, er für einige Tage bettlägerig war und jedem Hofangestellten den Geist zermürbte, weil es dem Heinrich doch ach so schlecht erging. Lehndorff hatte die Faxen dicke! Wenn Heinrich in seiner Gegenwart ein weiteres Mal diesen vermaledeiten Kaphengst erwähnen sollte, dann würde es ein Duell in der Mark Brandenburg geben. Auf Leben und Tod, wie jedes Mal. Lehndorff hielt sich krampfhaft an der Armlehne fest. Als die Königin auf das Militär zu sprechen kam und dabei die außerordentliche Tapferkeit ihres Schwagers lobte, an diesem Zeitpunkt wusste er, dass der Augenblick zum Gehen gekommen war. Mit einem Verweis auf sein krankes Bein, verabschiedete sich Lehndorff, jedoch nicht ohne einige Komplimente an die Hofgesellschaft auszurichten und er ihnen einen schönen Abend wünschte. Schönhausens Parklandschaft war nicht sonderlich groß, aber dennoch bildete es ein kleines Idyll, wenn man danach suchte. Er konnte es nicht nachvollziehen, wie eine Königin solch einen Stall verdient hatte. Selbst Fredersdorf hatte mehr erhalten… Die großen Kastanien bildeten im Sommer eine gute Abkühlung und lieferten einen ästhetischen Blick im Frühjahr mit ihren Früchten.
„Graf Lehndorff! So warten Sie doch!“
Prinzessin Amalie rannte ihrem Dauergast hinterher, so gut es eben ging im Hofkostüm und frisiertem Haar. Immer wieder war Lehndorff aufs Neue überrascht, wie sehr sie ihrem nächst-älteren Bruder ähnlich sah. Bei Lehndorff angekommen, atmete sie zuerst tief durch, ehe sie ihr Anliegen darbot.
„Graf Lehndorff, wären Sie so gütig und würden mich heute Abend mit Ihrer Anwesenheit beim Souper beehren? Mein Bruder Ferdinand und seine Frau wären ebenso anwesend und würden Ihre Persönlichkeit schmerzlich vermissen.“
Schmerzlich war auch sein Bein, welches meinte in diesem Moment einige Blitze abzufeuern. Lehndorff atmete tief durch. Prinz Heinrich hatte ihm vom ersten Tag an den Kopf verdreht, mehrere Andeutungen fielen auch auf seiner Seite, aber der Prinz umgab sich lieber mit adligen Bastarden, die ihn monetär aussaugten und ihn wie ein benutztes Taschentuch zurückließen. Nie hatte er eine Chance gehabt und würde ebenso wenig je eine erhalten. Nein, so dürfte es nicht weiter gehen. Es müsste doch einen Weg geben, wie er Kaphengst zum Gehen zwingen könnte.
„Wo sind die Karten von Zieten?“
„Jawohl, Eure Majesté. Sie liegen zu Ihrer Rechten.“
„Wo?“
Seine Majesté blickte sie direkt an, schien sie aber nicht ausmachen zu können.
„Hier, Sire.“
Der Mann reichte seinem König die militärhistorischen Karten, die direkt vor seiner Nase lagen. Gegen eine Brille wehrte er sich vehement, woher wahrscheinlich auch des Königs starrer Blick kam, wovor sich Einige fürchteten, dass dieser in ihre Seele dringen würde. Er ließ es sich nicht anmerken, aber durch die letzten Jahre sind seine Krankheiten schlimmer und häufiger geworden, sein Lebenswille zu einem kleinen Klumpen zusammengeschmolzen, wäre da nicht der Trotz und der wohlbekannte Charakter des Königs. Von einer Sekunde auf die nächste schwankte er zwischen zwei Extremen: entweder lieb und sarkastisch oder man befürchtete den Weltuntergang mit dem König als alle vier Reiter.
„Sire, außerdem hat sich Eure Königliche Hoheit Prinzessin Amalie für den heutigen Abend angemeldet.“
„Was? Amalie? - Sie soll es sein lassen! Ich komme nach Berlin!“
„Aber, Sire, die -“
„Papperlapapp! Er ist nicht hier, um mein Leben zu organisieren. Ein Ritt wird meinen alten Knochen gut tun.“
„Sehr wohl, Eure Majesté.“
Der König setzte sich an seinen Schreibtisch und suchte das Briefpapier. Voltaire und Friedrich stichelten sich gegenseitig abermals mit der Feder in die Niere und Friedrich setzte zum nächsten strategischen Angriff an, diesmal nicht auf dem Acker, sondern auf dem Blatt. Am kommenden Tag dürfte der Bedienstete sich die höchst verletzenden Worte des Philosophen rezitiert anhören, nur um folglich die Tränen des Königs zu trocknen der sich von seinem Idol schlecht behandelt fühlte. Eine weitere Seite für das Buch von De Catt würde nicht schaden.
Kaphengst gab seiner aufgegabelten Landpomeranze noch einen Klapps auf den Hintern, als sich diese ihre Strümpfe und die Kniebundhose anzog, verkleidet als ein Page, damit niemand in diesem Privatbordell Verdacht schöpfte. Sie hatten sich in Berlin kennengelernt und Kaphengst bezahlte nun einmal mit Heinrichs Moneten gut, weshalb sie diesen „Vertrag“ eingegangen ist. Mit dem Dreispitz auf dem klugen Kopf verließ sie den eingebildeten Nichtsnutz ohne ihn ein weiteres Mal anzublicken. Kaphengst lief durch einige Weinflaschen zum gegenübergelegenen Kabinett mit anderen Spirituosen. Er köpfte die letzte Flasche Champagner mit einem Brieföffner und goss sich etwas davon leicht über die Brust. Die Flügeltür knallte im anliegenden Salon auf. Die Flasche fiel zu Boden. Kaphengst stand im Raum, so wie Gott ihn schuf, nur ein Band im verlotterten Haar. Heinrich war schneller als der Diener vom Palais in Berlin, zog sich bereits seinen Gehrock aus und schmetterte den Dreispitz in die Ecke, als er schnellen Schrittes auf seinen Günstling zuging und keine fünf Sekunden später auf dem bereits zerwühlten Bett gedrückt wurde.
„Kaphengst.“
Ein leidenschaftlicher Kuss.
„Henri…“
Ein Weiterer.
„Mach schon, Kaphengst!“
Kaphengst verteilte Küsse auf Heinrichs Gesicht während er die Brokatweste aufknöpfte, den Hals von der Binde befreite und die Perücke beinahe in den Kamin pfefferte. Wäre wohl besser gewesen, dachte sich Kaphengst. Nachdem er Heinrich mit Komplimenten und Zärtlichkeiten in Stimmung brachte, hielt Kaphengst abermals über dem Hals inne. Ein kleiner blauer Fleck in der Nähe des Ohres machte ihn eifersüchtig. Das würde Rache geben.
„Henri… Was haben wir ausgemacht?“
Mit einem gehässigen Grinsen biss er hinein. Heinrich stöhnte auf.
„Dass ich dir gehöre.“
Mit Schwung rollte sich Kaphengst auf seine Bettseite und winkelte die Beine an.
„Dafür könntest du dich da unten jetzt nützlich machen, mein l i e b e r Henri. Den anderen treulosen Huren scheinst du es ja auch besorgt zu haben.“
„Ach! Dafür bin ich wieder gut genug!?“
Kaphengst rollte sich auf Heinrich und fasste ihm direkt in den Schritt.
„Ja“, hauchte er, „weil du es liebst gematert zu werden, Monsieur H.“
Der Page Karl hatte am heutigen Tage äußerst Glück, dass er dies nicht über sich ergehen lassen musste. Kaphengst war eben doch der Wolf und nicht das Lamm.
Die Sonne war bereits am Untergehen, als der König seinen Hengst bestieg. Eingehüllt in einen Husarenmantel wollte er der kalten Luft entfliehen, die ihm entgegenschneiden würde. Der praktische Teil war dabei die Unauffälligkeit in Berlin, das Untertauchen. Er schnalzte seine Zunge und gab dem Pferd mit den Hacken das Zeichen zum Losreiten. Für sein Alter hielt sich der König ziemlich gut im Sattel, auch wenn die Kälte ständig ihr Übel an dieser Aktivität zeigte. Friedrich hatte heute Abend nur die Schlacht der Langenweile zu schlagen und zu gewinnen. Falls sich Amalie dazu entscheiden sollte mit ihm zu musizieren, dann könnte dieser Abend gerettet werden. Friedrich hoffte es inniglich, sonst segelte seine Stimmung rapide flussabwärts und die Luft wäre schwer.
„Fis! Fis! Wo hast Du denn dein Gehör?!“
Amalie riss ihre Finger von der Cembalo-Tastatur und blickte angespannt und verletzt durch die bodenlangen Fenster in den Garten.
„Sie spielen zu schnell, Majesté!“
„Ich? Ich habe wenigstens ein Verständnis für das Tempo, wohingegen es bei Ihnen schon an der Tonfolge mangelt! Können Ihre Wurstfinger die Töne nicht greifen?“
Just in diesem Augenblick trat der Kammerdiener zur Türe herein.
„Was will Er?“
„Eure Königliche Majestät und Euer Hochwohlgeboren, das Souper ist bereitgestellt und Graf von Lehndorff bittet um eine Audienz. Ihre königliche Hoheit mit Gemahlin sind noch nicht eingetroffen.“
„War Ferdinand je pünktlich? Wahrscheinlich nur im Ehebett… - Lehndorff soll in den Speisesaal kommen.“
„Jawohl.“
Lehndorff war viel zu nervös für eine Sache, die er bereits zum tausendsten Male tat, vor allem durch die mitgehörte Auseinandersetzung des Königs mit seiner Schwester. Der König war nun einmal nicht sein Prinz Heinrich, mit dem der menschliche Umgang viel einfacher und erträglicher war. Tatsächlich spürte Lehndorff etwas in sich, das man mit Angst gleichsetzten könnte. Diesmal wäre eine Konversation mit Heinrich nicht möglich ebenso wenig die folgende Lästerstunde, welche fast ein Ritual war. Lehndorff wäre auf sich allein gestellt. Folglich wartete er auf seinen Einsatz im Speisesaal, mit dem er hoffentlich das märkische Ungeheuer, welches sich Kaphengst nannte, loswerden würde. Tief einatmen Lehndorff, du schaffst das! Den Tod vom Prinzen Wilhelm hast du ebenso gemeistert. Das Öffnen der Flügeltüren riss ihn aus seiner Trance und der Kammerdiener deutete ihm in den anliegenden Raum mitzukommen, wo bereits die Tafel in Fülle gedeckt war und die letzten Personen der Dienerschaft die Kerzen anzündeten. Lehndorff wartete auf dem angewiesenen Platz. Eins musste man dem König lassen: Geschmack hatte er, jedenfalls was die Paradezimmer anbelangte, laut Geschwätz sollen die Privatgemächer völlig überladen sein, in welcher Hinsicht auch immer. Er stand auf, als Amalie zuerst in den Raum trat und ihm eine Hand zum Kuss hinhielt.
„Es freut mich sehr Sie wiederzusehen, Lehndorff.“
„Ja, die Zeit ohne Sie war untröstlich, Hoheit.“
„Der König lässt sich für eine kurze Zeit entschuldigen. Erledigungen halten ihn ab.“
Erledigungen hießen in diesem Fall seine halbe Dose an Tabak leerzukoksen.
„So setzen Sie sich doch, Lehndorff. Wenn Sie es wünschen, so kann ich mir ihr Anliegen bereits anhören. Möglicherweise verlieren Sie somit Ihre Nervosität.“
Lehndorff war sich unsicher, ob er seine Mission der Prinzessin verraten sollte. Aber kneifen war keine Option und verlieren konnte er nichts.
„Es geht um Ihren Bruder, den Prinzen Heinrich-“
„Dessen war ich mir im Voraus gewiss. Es gibt keinen Lehndorff ohne einen Heinrich.“
Er musste schmunzeln.
„Ja… jedoch ist ein Heinrich ohne einen Lehndorff möglich. Wissen Sie, ich mache mir Sorgen bezüglich seiner Eskapade.“
„Sie meinen Kaphengst?“
„Gewiss-“
Die Tür ging abermals auf und sie mussten aufstehen.
„Ach, bester Bruder! Graf Lehndorff fing eben an über Heinrich zu erzählen.“
Lehndorff tat einen Bückling und spürte die Hand des Todes auf seiner Schulter, als er nach diesem Satz den König anblickte. Sein Gesicht wirkte wie entgleist.
„Ich hoffe nur Gutes, Lehndorff.“
„Nun, Sire, ich habe ein Anliegen, welches zwar unschön, aber einige Probleme lösen würde.“
„Lehndorff, Sie müssen mir keinen Honig ums Maul schmieren. Das können Sie weiterhin gern bei der Gans ausüben. Kommen Sie zur Sache.“
„Nun denn: Wie Sie wissen Sire, schmeißt Kaphengst das Geld Ihres Bruders aus dem Fenster, Majesté, trotz der königlichen Untersagung sich dem Prinzen zu nähern. Und wie uns gewiss ist, so hat der Prinz bereits mehrfach nach Geld gefragt. Kaphengst hurt rum, lässt sein Anwesen im Sand versauern und ist auch sonst kein gutes menschliches Exemplar .Ich will sagen: Kaphengst muss weg, Eure Majesté.“
Der König hatte sich währenddessen an den Kirschen bedient und zwirbelte den letzten Stiel mit den Fingern. Amalie nickte still in sich hinein. Lehndorff schmerzte das Herz, dass er seinen geliebten Freund verraten hatte. Aber es war besser für sie beide.
„Diese miese Hure“, murmelte der König „Die besten Leute aus dem Militär heiraten und solche Scharlatane bleiben. Wenn er derartig weiter macht, so ist meine Staatskasse bald leer. – Lehndorff, vielen Dank für diese Unterredung. Sie sind wahrhaftig ein guter Freund.“
Lehndorff wusste, dass dies das Zeichen zum Gehen war. Er verbeugte sich, küsste Amalie die Hand und verließ das Stadtschloss mit einem bitteren Nachgeschmack.
Die Tage in Berlin vergingen wie um Fluge, vor allem wenn man sie gemeinsam im Bett verbrachte. Heinrich vernachlässigte seine Verpflichtungen und widmete sich lieber seinem Günstling, der wie eine antike Darstellung eines Halbgottes in den Laken wirkte. Kaphengst lag bäuchlings und nackt auf dem Bett, die Sonne schien auf seine Haut und erweckte durch die Schatten in Heinrich eine gewisse Sehnsucht. Dieser saß in seinem Morgenmantel neben Kaphengst, aß Weintrauben und konnte es nicht sein lassen seinem Geliebten ab und zu über den wohlgeformten Reiterhintern zu streicheln und Küsse zu verteilen.
„Wann kommt das Frühstück, Henri?“
Kaphengst nahm nicht einmal aus Höflichkeit sein Gesicht aus dem Kissen.
„Gleich.“
Heinrich fuhr ihm mit einem Zeigefinger über den unteren Rücken. Er vernahm ein Seufzen, als er sich seinen Weg hinauf zum Nacken von Kaphengst küsste und sich auf dem Lieblingsarsch platzierte. Mit einem dreckigen Lächeln warf Kaphengst seinen Prinzen aus dem Sattel. Der zähe Widerstand brachte aufgrund seiner körperlichen Beschaffenheit nicht den erwünschten Ertrag und so musste er sich abermals geschlagen geben, als Kaphengst mit einer Hand seine Handgelenke ergatterte und sie über dem unfrisierten Kopf fixierte.
„Du kannst nicht gewinnen, cher Henri.“
Dies war auch die einzige Schlacht in der Heinrich aufgab, denn Kaphengst hatte Recht und besaß eine wirksame Flanke. Kaphengst wollte in anderen Gefilden durchbrechen, als ein Klopfen zu verlauten war. Heinrich war gleichermaßen genervt wie Kaphengst.
„Ja?!“, stöhnte er.
„Soeben ist ein Billet vom König angekommen, Eure Königliche Hoheit. Es scheint dringend zu sein.“
Gequält schob Heinrich seinen Liebhaber vom Körper runter, warf sich den Morgenmantel wieder über und riss die Tür auf.
„Was will denn mein ach so göttlicher Bruder?“
„Das weiß ich nicht, Monsieur. Der Brief kam aber mit einem Eilboten.“
„Vielen Dank, Karl.“
Der abschätzende Blick auf Heinrichs Gesicht machte auch Kaphengst neugierig. Wenn er könnte, so würde Heinrich ihn auf ewig ungeöffnet lassen, ihn sogar verbrennen, denn einen Brief von Friedrich zu erhalten bedeutete nie Gutes. Er riss das kunstvolle Siegel auf. Eine Zeitlang war es still, bis Heinrich ein Tobsuchtsanfall überfiel und er den Brief auf das Bett schleuderte.
„Dieser räudige Hund! Wie kann er es wagen?! Diese- Diese Hure! Er ist so ein elendiger Bastard!“
Wäre der Prinz nicht so zierlich gebaut, er hätte in diesem Moment das Mobiliar zerschmettert. Kaphengst schnappte sich indes den Brief.
Mein lieber Henri,
da Sie mir durch Ihre Umtriebe keine andere Wahl lassen, so wird Ihnen das Haushaltgeld gekürzt. Sehen Sie es als eine Wohltat Ihres Bruders, der Ihnen nur die beste Erziehung angedeihen lassen möchte und Sie eines Besseren belehren will. Sie wissen doch, wie sehr ich Ihnen in brüderlicher Liebe angetan bin und auch mich schmerzt es Sie in einer derartigen Situation vorzufinden. Wir alle machen Fehler. Es liegt jedoch auch in unserer Hand sie wieder zu beheben. Wenn Ihr Günstling es wünscht, so würde ich ihm aus der reinsten Großzügigkeit ein Schloss in Richtung der Memel anbieten. Lassen Sie sich nicht allzu trüben. Es können schönere Tage folgen.
Fridericus Rex
„Und was antwortest du hierauf? Und vor allem: Was machen wir jetzt?“
„Am liebsten: Fick dich, wenigstens lebt meiner.“
Resigniert warf sich Heinrich auf das Bett, verbarg sein Gesicht im Kissen und schrie innerlich. Langsam beugte sich Kaphengst zu ihm hinüber und kämmte mit seinen Fingern durch die wirren dunkelbraunen Haare.
„Wir werden einen Weg finden uns weiterhin zu treffen. Ich meine: das ist Berlin. Er kann nicht jeden überwachen. Das ist nicht möglich. Und in Rheinsberg hast du weiterhin das Sagen.“
Mit einem Ruck riss Heinrich seinen Kopf nach oben.
„Sag mal, denkst du ich sei wahnsinnig? Er ist der König und die Stellung als mein Bruder wird hierbei vernachlässigt! Friedrichs Jähzorn sollte nicht unterschätzt werden, das durfte ich spüren und ich werde mir nicht ein weiteres Mal dieses vermaledeite Gehabe antun. Er ist elendig zu betrachten…“
„Vielleicht hast du in Zukunft das Glück auf seinem Platz zu stehen. Preußen würde wahrlich glorreich aussehen“
„Du wünscht mir also den Tod meines Neffen? Vielen Dank, das war sehr hilfreich, mein Hübscher. Soll ich ihn allenfalls vergiften? Etwas Mercurius und ein Hauch von Arsen, die besten Zutaten eines Schurken?“
Dass sein Henri das Hohenzollern-Syndrom des säuerlichen Sarkasmus besaß, dessen war sich Kaphengst bewusst, aber es überraschte ihn dennoch jedes Mal.
„Du klingst wie dein Bruder.“
Kein guter Schachzug. Heinrich rümpfte seine spitze Nase und pfefferte das Kissen in Richtung Kaphengsts Gesicht, worauf dieser versuchte ihn aufzuhalten, als Heinrich seine Kleidung sammelte.
„Henri, es war nicht so gemeint. Bleib hier…“
„Lass mich runter, du Tölpel! Ich rufe die Wachen und dann landest du in der Zitadelle!“
„Henri, du verwöhntes Gör! Hör mir doch mal zu!“
Ohne großen Krafteinsatz schmiss Kaphengst den fragilen Prinzen abermals auf das Bett, sodass der Boden knarzte.
„Du kannst ihm nicht die Stirn bieten, das weiß ich, aber du kannst ihn austricksen und seine Befehle umgehen. Jeder in Rheinsberg sieht dich nicht als Bedrohung, sondern ihn! Du bist derjenige, der die Armee nicht wie Fraß vor den Feind wirft. Das Volk mag dich. Wir können uns sorglos weiterhin treffen, weil niemand es verraten wird.“
„Kaphengst, du Stück Brot, es geht nicht um das Verbot des Treffens, sondern, dass mir deinetwegen die Haushaltskasse gestrichen wird, weil du alles wie Feuerholz verbrennst. DU musst dich zügeln, sonst blüht DIR Übles. – Ich denke, du solltest eine Pause einlegen und dich sammeln.“ Heinrich rollte sich vom Bett und zog sich an. „Wenn du soweit bist, so ist es dir wieder erlaubt in Rheinsberg aufzutauchen.“
„Wohin willst du?“
„Zu Lehndorff! Der behandelt mich wenigstens ordentlich.“
„Wie kann er mir das antun? MIR?“
Aufgewühlt rannte der Prinz im Salon von Lehndorff wirr auf und ab, als würde das Parkett anfangen zu brennen, wenn er zu lange verweilte.
„Heinrich, so beruhigen Sie sich. Es ist doch nicht das erste Mal, dass Ihr königlicher Bruder Sie derartig traktiert.“
Heinrich ließ sich auf das Sofa fallen, wohingegen Lehndorff seine Schläfen massierte, denn eine Migräne bahnte sich an, aber seinem Heinrich ging es schlechter und er würde alles für die Besserung des Prinzen tun. Das Klackern der hohen Schuhe gab nichts zur Lösung des Problems bei. Er bereute, dass er dieses heikle Schicksal begründet hatte und für den Unmut Heinrichs verantwortlich war. Ihn plagte es selbst, dennoch war Kaphengst kein Umgang, welcher Heinrich emotional und wirtschaftlich stabilisierte. Ich bin ein schlechter Freund, dachte sich Lehndorff. Die Selbstzweifel kamen abermals, weshalb er stumm dasaß, als Heinrich seine mentale Unterstützung brauchte. Lehndorff stand auf und öffnete die Fenster, goss seinem Freund ein weiteres Glas französischen Wein ein und zwang ihn auf einen Stuhl.
„Beruhigen Sie sich, es wird sich legen. Und etwas Abstand wird Ihnen gut tun. In letzter Zeit hat er Sie nicht gebührend behandelt und die Streitigkeiten waren auch nicht gerade gering. Es kann sich nur bessern, mein Prinz. Kaphengst wird seine Lektion lernen und Sie können zur Normalität zurückkehren.“
Heinrich seufzte, ließ seinen Kopf nach hinten rollen und blickte Lehndorff direkt an.
„Warum verstehst nur du mich?“
„Weil wir beide arme Wichte sind, die im Leben nie das erhalten, was ihnen gebührt.“
Nach einer besäufniserregenden Konversation mit dem Prinzen, fiel Lehndorff des Abends bedrückt ins Bett. Seine Migräne war weiterhin da, aber trotzdessen hielt er es bis zum Schluss aus. Sein Sichtfeld wurde verschwommen, seine Augenlider zuckten, aber dennoch wusste er, was er folglich zu tun hatte.
Eine Migräne erwischte mich. Heute ist der schlimmste Tag in meinem Leben. Ich musste den Prinzen Heinrich anlügen, um meine eigene Haut zu retten. …
