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Category:
Fandom:
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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2021-08-31
Updated:
2022-04-15
Words:
22,316
Chapters:
9/?
Comments:
5
Kudos:
1
Hits:
51

Mephisto

Summary:

Noah wollte nicht unbedingt ein Haustier, zu viel Verantwortung ist damit verbunden. Als ihm ein verletzter Hund zuläuft, der keinen Besitzer zu haben scheint, nimmt er ihn trotzdem bei sich auf und schließt ihn immer mehr ins Herz, ohne zu ahnen, was sich wirklich hinter dem Vierbeiner verbirgt.

Notes:

Diese Geschichte entstand im NaNoWriMo 2017. Ich habe sie nun überarbeitet und werde sie nach und nach hochladen. Im Gegensatz zu meinen sonstigen längeren Arbeiten ist der Text so gut wie fertig geschrieben, weshalb lange Wartezeiten ausbleiben sollten.

Chapter Text

„Komm schon Noah, willst du es dir nicht noch mal überlegen? Die Party wird großartig und wir finden sicherlich auch noch passende Sachen für dich.“

Noah verdrehte die Augen gen Himmel, wo schwere, dunkle Wolken vom Wind getrieben den Blick nur auf vereinzelte blaue Flecken zuließen. Es war recht stürmisch und es sollte auch noch ungemütlicher werden. Sobald er zurück im Warmen war, hatte er nicht vor, das Haus heute noch einmal zu verlassen.

Die Hartnäckigkeit seines Freundes war wirklich bewundernswert, doch er würde seine Meinung deshalb nicht ändern. Auf Halloween hatte er dieses Jahr einfach keine Lust, was nicht allein am Wetter lag.

„Hör mal Marik. Ich weiß deinen Enthusiasmus wirklich zu schätzen, aber du weißt, dass ich im Moment einfach nicht so fit bin. Ich werde heute total langweilig und banal das Haus hüten und bei der nächsten Party bin ich dann wieder dabei, okay?“

Es brummelte am anderen Ende der Leitung unverständlich und Noah musste grinsen. Er hatte gewonnen.

„Aber Halloween ist nur einmal im Jahr“, entgegnete Marik schmollend.

„Und sobald du auf der Party bist, wird es keine fünf Minuten dauern, bis du mich vergessen hast. Also schmeiß dich in deine Verkleidung und hab Spaß für uns beide.“

„Also gut. Aber beim nächsten Mal kommst du nicht davon.“

„Ich weiß.“ Noah lachte, verabschiedete sich von Marik und steckte das Handy zurück in die Jackentasche. Dann sah er sich nach Mephisto um. Der dunkle Schäferhund-Mischling war ihm vor ein paar Wochen zugelaufen. Mit blutiger Pfote hatte er plötzlich vor Noah gestanden und Noah hatte nach kurzem Zögern nicht anders gekonnt, als ihm zu helfen.

Bei einem Tierarztbesuch hatte sich die Verletzung als tief aber nicht weiter gefährlich herausgestellt. Mittlerweile war sie auch verheilt. Der Tierarzt hatte Mephisto abgesehen davon für gesund erklärt. Keine Flöhe, keine Würmer, super Zustand. Doch das Tier war davor noch kein Patient von ihm gewesen und Mephisto hatte auch keinen Chip, keine Marke oder sonst irgendein Kennzeichen, das Hinweise auf seinen Besitzer hätte liefern können.

 

Noah hatte Vermisstenanzeigen im Internet durchgesehen und selbst eine Fundanzeige aufgegeben, aber Mephisto schien herrenlos zu sein. Bis jetzt hatte sich niemand gemeldet. Wild konnte er jedoch auch nicht sein, so anhänglich und brav wie er sich verhielt. Der Tierarzt hatte sich auch überrascht gezeigt, weil diese Art von Mischlingen wohl eher ein scheues Wesen hatte. Damit blieb nur noch, dass er ausgesetzt worden war.

Am Ende hatte Noah es nicht geschafft, Mephisto ins Tierheim zu geben. Mit der Erlaubnis seiner Eltern hatte er ihn behalten, unter der Bedingung, dass vor allem Noah sich um das Tier kümmern musste. Noah hatte Angst gehabt, dass es Probleme geben würde, wenn er tagsüber in der Uni war, doch es schien, als wäre Mephisto perfekt erzogen wurden. Er war stubenrein, machte kein Chaos, wenn er allein war und wann immer Noah nachhause kam, wartete Mephisto im Flur ruhig auf ihn.

Manchmal schien es ihm, als wäre Mephisto kein normaler Hund, als wäre er besonders intelligent, doch in Momenten wie jetzt, wo Mephisto ausgelassen über das abgeerntete Feld sprang und Mäuse jagte, verschwand der Eindruck wieder.

 

„Mephisto komm!“ Noah pfiff einmal durchdringend und jedes Mal stieg in ihm für einen Augenblick die Angst auf, dass Mephisto ihn ignorieren und abhauen würde, jetzt, wo es ihm wieder gut ging. Doch auch dieses Mal kam der Hund sofort angerannt. Das war eine weitere Sache, die Noah verwundert hatte. Mephisto hatte vom ersten Tag an auf den Namen gehört, als wüsste er ganz genau, dass er damit gemeint war.

„Braver Junge.“ Kaum hatte Mephisto ihn erreicht, kraulte Noah ihn ausgiebig hinter den Ohren und legte ihm dabei die Leine wieder an. Er hatte das Gefühl, dass sie nicht nötig war, denn Mephisto lief immer brav neben ihm, doch jenseits der Felder herrschte Leinenpflicht.

Noah warf einen kurzen Blick auf die Uhrzeit und dann zum Horizont. Die Sonne würde bald untergehen und bis dahin wollte er wieder zurück sein, denn er wusste nicht, wie Mephisto auf Halloweenkostüme reagieren würde. In der Nachbarschaft gab es so einige Kinder, die in Begleitung von Müttern oder auch in Gruppen, von Haustür zu Haustür zogen, ganz nach dem amerikanischen Vorbild. Noah wusste nicht wirklich etwas mit dieser Tradition anzufangen, doch seine Mutter hatte jedes Jahr ihre helle Freude an den kostümierten Kindern und ihren einstudierten Sprüchen.

So verwunderte es Noah auch nicht, dass im Flur bereits eine große Schüssel mit Süßkram bereitstand, als er fünfzehn Minuten später das Haus betrat. Auf den Stufen vor der Tür hatte ihn außerdem ein großer, ausgehöhlter Kürbis mit grimmiger Fratze begrüßt. Ein großes Teelicht brannte bereits darin und warf unruhige Schatten in seiner Umgebung.

 

Noah verstaute Schuhe und Jacke an der Garderobe, meldete sich bei seiner Mutter kurz zurück und ging dann hinunter in den Keller. Mephisto trottete ihm gemächlich hinterher.

Dass das Wohngebiet am Hang lag, hatte Noah schon das eine oder andere Mal fluchen lassen, wenn er mit dem Rad unterwegs gewesen war, doch für das Haus bedeutete es, dass die Haustür auf der Straßenseite genauso ebenerdig lag, wie seine dem Garten zugewandten Zimmer im Keller. Hier unten hatte er sein eigenes kleines Reich. Die Chance in der Stadt zu studieren, hatte bedeutet, dass er sich Umzug und Miete sparen konnte. Er würde nach dem Ende des Studiums noch früh genug ausziehen und so Platz für seine beiden jüngeren Schwestern machen, die ihre Zimmer oben unterm Dach hatten.

 

Im Vorbeigehen schaltete Noah die Stehlampe in seiner kleinen Sofaecke ein und stellte dann frisches Wasser neben Mephistos Schlafplatz. Am Fenster konnte er sehen, dass der Wind die Wolken dichter zusammengetrieben hatte. Es war kein Blau mehr übrig, das der Sonnenuntergang hätte färben können. Jetzt war da draußen nur noch eine dunkle Decke und das Tageslicht schien einfach zu verschwinden. Der Garten bestand aus im Wind schwankenden Silhouetten und tiefen Schatten. Mit den Rollladen sperrte Noah die unheimliche Dunkelheit aus und wandte sich wieder seinem vierbeinigen Mitbewohner zu. „Ich hoffe, du hattest für heute keine besonderen Pläne. Ich jedenfalls werde nach dem Abendessen das Sofa nicht mehr verlassen.“

Mephisto wedelte mit dem Schwanz, ging zu seiner Decke und rollte sich dort ein. Noah schüttelte über sich selbst den Kopf. Er hatte sich viel zu schnell an das Tier gewöhnt. Wenn widererwarten doch noch ein Besitzer auftauchen würde, würde es ihm extrem schwer fallen, ihn zurückzugeben. In nur wenigen Wochen hatte sich das Fellbündel in sein Herz geschlichen und Noah wusste nicht warum. Abgesehen von ein oder zwei kurzen Phasen als er klein gewesen war, hatte er nie einen sonderlich großen Wunsch nach einem Haustier gehabt. Es verunsicherte ihn, denn er war es gewohnt unabhängig zu sein. Viele sahen das nicht, weil er eben noch zuhause wohnte, doch er war wirklich selbstständig. Für ein anderes Lebewesen verantwortlich zu sein, war eigentlich eine Einschränkung. Nur mit Mephisto fühlte es sich überhaupt nicht so an. Seine Unsicherheit kam daher, dass ein kleiner Teil von ihm noch immer damit rechnete, dass der Hund irgendetwas vollkommen Verrücktes machte oder sogar gefährlich wurde. Was sollte er dann tun?

 

Noah ging zu Mephistos Ecke, hockte sich auf den Boden und kraulte ihn wieder hinter den Ohren. Der Hund streckte sich lang aus und genoss die Aufmerksamkeit offenkundig.

„Wo bist du nur hergekommen? So ein Tier wie dich muss doch irgendwer vermissen.“ Das hatte er schon öfter gefragt, doch natürlich konnte ihm Mephisto darauf keine Antwort geben. Der stupste ihn nur an, weil Noah in Gedanken versunken das Kraulen vernachlässigt hatte.

„Du genießt es einfach, hier zu sein, was? Da draußen würde ich aber auch nicht sein wollen, jetzt wo es immer ungemütlicher wird.“ Er lachte, strich von den Ohren über die ganze Flanke und beugte sich dann vor, um sein Gesicht in dem überraschend weichen Fell zu vergraben. Das musste von einer der anderen Rassen kommen, denn Noah hatte schon andere Schäferhunde gesehen und deren Fell war immer etwas rauer gewesen.

Widerwillig löste er sich schließlich von Mephisto und ging hoch in die Küche, um zu sehen, wie weit das Abendessen war. An Feiertagen aßen sie meist zeitig.

 

Seine ganze Familie war bereits anwesend und damit beschäftigt, den Tisch zu decken. Während des Essens klingelte es zwei Mal an der Tür und als später alles weggeräumt war und er sich wieder nach unten verzog, klingelte es zum dritten Mal. Noah war froh, dass er die Klingel in seinem Zimmer nicht hörte. Wenn er Besuch bekam, dann meldeten sich seine Freunde meist kurz übers Handy und Noah konnte sie dann durch den Garten zur Terrassen- oder Kellertür hereinlassen. So konnte er auch späten Besuch bekommen, ohne seine Familie zu stören.

 

Als Noah zurück in sein Zimmer kam, wurde er von einem beunruhigenden Anblick begrüßt. Mephisto lag nicht mehr auf seiner Decke, sondern mitten im Raum. Er winselte und fiepte mitleiderregend, was Noah durch und durch ging, und scharrte schwach am Fußboden. Auf dem Parkett machte das jedoch wenig Sinn.

Hastig lief Noah zu ihm, doch Mephisto knurrte bedrohlich, als er versuchte, ihn zu berühren. Erschrocken wich Noah zurück. „Was hast du denn?“ Er hatte sich in den vergangenen Wochen so viel es ging über Hunde angelesen, doch trotzdem hatte er keine Ahnung, was mit seinem Freund sein könnte. Hatte er einen dieser grauenvollen Giftkötter geschluckt, von denen er gelesen hatte? Aber hier in der Gegend gab es so etwas nicht, er hatte nichts davon gehört.

Noah versuchte noch einmal seine Hand auszustrecken, langsamer diesmal, doch Mephisto knurrte erneut bedrohlich, dann rieb er seine Schnauze an seinen Vorderpfoten und legte sich flach auf den Boden.

So lang ausgestreckt wirkte er noch größer als sonst, als würde er wachsen. Noah blinzelte und wich dann etwas weiter zurück. Mephisto wuchs tatsächlich. Sein Körper streckte und verformte sich und für einen absurden Moment fühlte Noah sich an die unzähligen Werwolf-Filme erinnert, die er schon gesehen hatte. Doch das war unmöglich. Es war kein Vollmond, Mephisto war kein Wolf, kein richtiger, und vor allem war das hier kein Film sondern Realität. Das konnte einfach nicht sein. Und doch, während Noah an seinem Verstand zweifelte, nahm das Ding vor seinen Augen langsam menschliche Gestalt an. Das Fell verschwand und wich heller, von Narben übersäter Haut, unter der sich schlanke Muskeln abzeichneten. Schnauze und Ohren bildeten sich zurück und wurdne mehr und mehr zu einem menschlichen, kantigen Gesicht, das dank dunkler Bartstoppeln und zerzaustem Haar einen wilden Ausdruck bekam. Mephistos Wimmern und Winseln wandelte sich in leises Stöhnen und verstummte schließlich ganz. Mitten in Noahs Zimmer lag ein schweratmender, nackter Mann und Noah konnte ihn nur fassungslos anstarren.