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Schein in der Nacht

Summary:

Wie soll es möglich sein Platz im Herzen eines Mannes zu finden, der seine gesamte Existenz nur einem Ziel widmet? Lance weiß um diese Zweifel. Er weiß, wie schwer es ist, solch einen Menschen von sich zu überzeugen. Dennoch nimmt er all seinen Mut zusammen und gesteht Atlas seine Gefühle.

Work Text:

Diese ganze Stadt gehörte ihm allein. Das war es zumindest, was Lance sich gerne einbildete. Prismania City, in all seinem sauber gepflegten Prunk, war nichts weiter als ein Schein nach außen. Hier regierte Team Rocket im Schatten. Er musste nur einen ernsten Blick aufsetzen und vielleicht die ein oder andere Drohung aussprechen um die Einwohner dank dem roten R auf seiner Kleidung vor Angst erzittern zu lassen.

Auf diese Weise standen ihm sämtliche Türen offen. Er bekam alles, was er wollte. Oder zumindest fast alles.

„Wenn es Nacht wird macht es sich schon bemerkbar, dass der Herbst allmählich kommt.“, sagte Atlas, der ein paar Schritte vor ihm her ging. Lance konnte es nicht sehen, doch er konnte das für ihn typische selbstgefällige Schmunzeln auf seinen Lippen förmlich hören. „Nicht, dass es mich stören würde. Zu dieser Zeit draußen zu sein ist sehr erfrischend.“

Es war kurz vor Mitternacht. Auf ihrem Spaziergang kreuzten sie den weiten, gepflasterten Platz vor dem großen Kaufhaus. Der riesige Springbrunnen direkt davor war zu dieser Zeit noch auf kunstvolle Weise hell beleuchtet. Das Wasser, das er in die Luft spie, reflektierte das Licht, als es sich zu kleinen Tropfen zerstäubte. Sie glichen einem strahlenden Funkenregen, der goldweiß glänzend als Kontrast den pechschwarzen Nachthimmel zerschnitt.
Nicht mehr lange und das Licht würde sich abstellen. Danach würde der Platz in eine dämmrige Beleuchtung fallen.

Atlas blieb vor dem Springbrunnen stehen. Seine Haltung war makellos, sein Rücken Kerzengerade. Er verschränkte seine Arme hinter sich und hielt die Rückseite seiner in schwarze Handschuhe gehüllten Hände dabei über seinem Kreuz. Stolz wie immer, selbst in seiner Freizeit, dachte sich Lance.
Den Blick seiner blauen Augen hielt er wie gebannt auf dem Springbrunnen fixiert. Sein Licht verlieh ihnen einen eisigen Schimmer. Es zeichnete eine Hälfte seines Profils in seinem hellen Schein genauestens ab, während es seine Rückseite zu einer dunklen Silhouette verkommen ließ.

Lance konnte nicht deuten, was sich in seiner Mimik abzeichnete. Sie hatte etwas Bitteres und Melancholisches an sich. War es Erschöpfung? Bedauern? Oder gar eine merkwürdige Art von Freude? Atlas war schon immer jemand gewesen, der allen Formen der Ästhetik um ihn herum Aufmerksamkeit schenkte und sie genauestens in sich aufnahm. Etwas, das Lance noch nie verstanden hatte. Es kam ihm so vor als würde Atlas nach einer Bedeutung hinter jedem noch so kleinen Ding suchen, doch selbst die schönsten Dinge waren doch nur das, was sie waren. Das hier war Wasser. Licht war ein Produkt eines Vorgangs, bei dem Energie freigesetzt wurde. Mehr gab es da nicht zu sehen. Er stemmte seine beiden Hände an seine Hüfte und hob desinteressiert eine Braue, als er dem Blick seines Kollegen zum Brunnen folgte.

Atlas dachte zu viel nach. Er schwieg einen Moment, ehe er wieder seinen Mund aufbekam: „Danke, dass du mich eingeladen hast. In letzter Zeit habe ich das Hauptquartier kaum mehr für… freizeitliche Dinge verlassen.“

Auf seine Worte hin musterte Lance ihn wieder genauer. Atlas hatte ihn nicht angesehen, selbst beim Sprechen hin sein Blick nach wie vor am Springbrunnen.

„Ja… kein Ding.“ Lance legte sich eine Hand in den Nacken und massierte ihn. „Du hast auch so ausgesehen als bräuchtest du dringend frische Luft. Langsam kriegst du wieder Farbe ins Gesicht.“

Die Mundwinkel seines Kollegen hoben sich sachte. „Hm.“

Täuschte er sich da oder lag schon in diesem kleinen Laut so viel mehr Zufriedenheit? Lance spürte, wie sich etwas in ihm anspannte. Er hatte ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch, das ihn mit Wärme erfüllte. All die Zeit über hatte er  auf ihrem Spaziergang Atlas genauestens von hinten gemustert. Stets war er ihm ein paar Schritte voraus gewesen. Schier unerreichbar. Er hatte ihn die Distanz einfach nicht überbrücken lassen. Dabei würde er doch so gerne Seite an Seite mit ihm gehen.

Nun konnte er zumindest neben ihm stehen und sein Profil betrachten. Sein Blick mochte zwar auf den Brunnen gerichtet sein doch Lance schaffte es nicht, seine Augen allzu lange von Atlas abzuwenden. Er sah so viel mehr als nur ein ranghöheres Mitglied von Team Rocket, Giovannis rechte Hand. Ja, Lance war stolz darauf so viele Seiten an Atlas zu kennen, die er sonst niemandem zeigen würde. Er hatte schon die tiefsten Punkte seines Lebens gesehen.

Und das Wissen, das er daraus zog, erlaubte es ihm zu erkennen, was sein Kollege hinter seinen wenigen unterkühlten Gesten verbarg. Lance liebte es Atlas dabei zu beobachten wie er manche Rüpel streng niederstarrte. Wie er ihre Ware mit grausamer Hand zu gehorsam peitschte. Oder auch wie er sich trotz alldem traurig an einem Springbrunnen feststarren konnte, selbst wenn er das nicht so recht verstehen konnte. Zwar wusste er, warum er es tat und mit welchen Methoden er Freude in seinem von Pragmatik geprägtem Leben suchte. Aber trotzdem erschien es ihm wie eine Zeitverschwendung.

Insbesondere angesichts der Tatsache, dass er trotz all dieser Dinge nicht an Atlas herankam. Er wusste als Einziger um all seine Schwächen. Er wusste als Einziger um seine Menschlichkeit. Also stand sie allein ihm zu. Er wollte seine Menschlichkeit spüren. Das, was sich hinter dieser Fassade verbarg, die so kalt war wie die Farbe seines Haars. Und doch öffnete sich Atlas kaum ihm gegenüber. Eher führte er gedankliche Konversationen mit einem Brunnen als dass er seine Menschlichkeit mit einem anderen Menschen teilen würde. Was für eine Ironie.

Angesichts ihres verstummten Ansatzes zum Gespräch stierte Lance das Objekt zur Landschaftsverschönerung wütend mit seinem Blick an. War er nun ernsthaft eifersüchtig auf einen Brunnen?

Er musste ein Seufzen unterdrücken. Nein, hinter diesem Frust lag viel mehr als das, dessen war er sich auch im Klaren. Er fand schlicht und ergreifend keinen festen Platz in Atlas‘ Leben. Seine Seele hielt er unter Verschluss und das rote R, das auf seiner dunklen Weste am Punkt über seinem Herzen prangte, markierte genau wem es gehörte.

Lance biss seine Zähne aufeinander. Die Wärme in seinem Inneren war zu einem unerträglich heißen Brennen angewachsen. Ein Feuer, das ihn dazu antreiben wollte, zu handeln. Es war unerträglich. Dieses Gefühl selbst. Sowie die Tatsache stets übersehen und vergessen zu werden. Atlas wusste nicht um all die Dinge, die er sah.

„Wir sollten gehen bevor der Brunnen sich abschaltet.“, sagte er. Er setzte sich in Bewegung und wandte ihm den Rücken zu. Lance hatte seine Arme sinken lassen, seine Hände waren zu Fäusten geballt.

„Hey! Ähm, ich…“ In einer ruckartigen Bewegung wandte er sich Atlas zu. Jener blieb stehen.

„Was ist?“

„Ich… wollte dir noch sagen… bitte achte auch mehr auf deine Gesundheit, okay? Ich kann dich… nicht immer zu so etwas mitschleifen. Meine Aufgaben, und so.“

Seine Stimme war mit jedem Wort ein kleines Stück leiser geworden. Verdammt, er könnte sich Ohrfeigen! Trotzdem fühlte er, wie sein Herz einen kleinen Sprung machte, als Atlas über seine Schulter zu ihm schielte.

„Nun. Ich bin nicht darauf angewiesen, dass du mich bemutterst, Lance. Ich kann auch gut für mich-“

„Du verstehst es einfach nicht!“ Mit einem Mal sprudelten die Worte aus ihm heraus wie aus einem gebrochenen Wasserhahn. „I-ich… ich mach das doch nicht, weil ich mich irgendwie dazu verpflichtet fühle! Ich mach das weil… weil… Ich…“

Er schnappte einmal nach Luft.

„Ich mag dich, Atlas!“

Stille trat zwischen sie, lediglich das Rauschen des Wassers war zu hören. Lance war in verkrampfter Haltung eingefroren. Er hatte seine Lippen aufeinandergebissen. Würde er es nicht besser wissen käme er sich wie ein schmollendes Kind vor. Ach, er sollte sich nichts vormachen… Beschämt senkte er seinen Blick. In ihm kam das Bedürfnis auf einfach davonzurennen und zu vergessen, dass er das jemals gesagt hatte.

„Ich mag dich auch, Lance.“

Allein der Klang dieser Worte veranlasste ihn dazu schlagartig einmal tief auszuatmen als wäre eine gewaltige Bürde von ihm gefallen. Hatte er richtig gehört? Er hob sein Kinn wieder.

Atlas hatte sich ihm zugewandt und sah ihn an. Er lächelte. Nicht sein übliches herablassendes Lächeln. Es füllte sein ganzes Gesicht aus, bis hin zur Form seiner Augen. Dieses Lächeln war ehrlich.

Staunen zeichnete sich auf Lance ab. Für einen Moment konnte er nicht glauben, was er hörte und sah. Plötzlich fühlte er, wie sich seine Mundwinkel vor Erleichterung zu einem Grinsen verzogen.

„Hah… hahah…“ Ein verkrampftes Lachen entwich ihm. Der letzte Zweifel, der in ihm verblieb. Er nahm Haltung an und versuchte ihn mit einem neckischen Ton zu überspielen, während er seinen Kopf zurückwarf.

„Aber magst du mich auch mehr als Giovanni?“

Bei dieser Frage verblieb Atlas unnatürlich ruhig. Sein Ausdruck war so friedlich. So sanft.

„Ja. Du bist der Einzige, den ich wirklich liebe.“

Lance klopfte das Herz bis zum Hals. Ihm rauschte das Blut in den Ohren. Er konnte fühlen, wie seine Wangen brannten.

„Hah… ah…!“ Hatte er da gerade richtig gehört? War das tatsächlich wahr? Wie konnten ihm diese Worte nur so leicht über die Lippen kommen?

Langsam ging er auf Atlas zu. Er wollte seine Hand nach ihm ausstrecken. Die Hand der ihm wichtigsten Person halten.

Dieses überwältigende Gefühl von Glückseligkeit. Diese Wärme, die Atlas ausstrahlte. Im Schein des Springbrunnens, der seine Gesichtszüge hell erleuchtete.

Es fühlte sich so unwirklich an. Zu schön um wahr zu sein. Das konnte doch nur… konnte doch nur…!

 

Das konnte doch nur ein Traum sein!

 

 

Elektrisches Surren dröhnte durch seinen Schädel.

Verfluchter Wecker.

Lance brummte verärgert. Erst Stück für Stück kehrte das Leben wieder in ihn zurück. Ein Arm zuckte sachte. Er vergrub sich mit seinem Gesicht in seinem Kissen.

Das Gefühl der Leichtigkeit aus seinem fantasiereichen Schlaf verebbte. Wie nach einem abklingenden Rausch waren seine Glieder nun schwer wie Blei.

Das Surren hörte nicht auf.

„Jajaja… Mistteil, ich bin wach, ich bin wach…“

Blind fischte er mit einem Arm nach dem Handy auf seinem Nachttisch, das dieses nervenzermürbende Geräusch von sich gab. Als er es endlich zu fassen bekam drehte er sein Gesicht wieder aus dem Kissen heraus und drückte einen Knopf. Der Ton verstummte, das Display sprang an. Dessen kaltes, blaues Licht stach ihm schmerzhaft in die Augen angesichts der Finsternis in seinem Zimmer.

Lance kniff seine Augen zusammen, blinzelte. Als sich seine Sicht langsam an das Gefühl gewöhnte sah er, dass er eine SMS hatte. Sie war von Atlas. Er öffnete sie.

 

Ich weiß, dass du eine lange Nacht hattest. Bemühe dich trotzdem bitte pünktlich zur Besprechung diesen Morgen zu erscheinen. Du weißt, Giovanni mag es nicht warten gelassen zu werden.

 

Giovanni.

Lance ließ den Bildschirm seines Handys schwarz werden. Langsam senkte er wieder seinen Arm.

Giovanni.

Ein verzweifelter Laut entwich seiner Kehle, sein Gesicht verkrampfte sich, erneut drückte er es in sein Kissen. Nichts als Dunkelheit.

Niemand war wichtiger als Giovanni.

Auch Lance dachte das.

Nur musste etwas falsch mit ihm sein, dass er anders fühlte.