Work Text:
„Liebst Du mich?“, fragt Andrew und das ist der Auslöser für all die Dinge, die Justin tut und die er manchmal so schrecklich bereut. Liebst Du mich geht einher mit blauen Augen und schmerzenden Knöcheln und fassungslosen Müttern.
Liebst Du mich beginnt mit verstohlenen Küssen eines Nachts, als sie draußen nach einer Party noch im Dunkeln auf dem Spielplatz sitzen und Andrew ihn mit diesem Blick ansieht, den Justin noch nicht benennen kann, aber bald intim kennenlernen wird.
„Das ist doch scheiße, man“, sagt Andrew, während er mit den Füßen über dem Abgrund baumelt und aussieht, als ob er die Luft unter sich kickt.
„Was?“, fragt Justin, der gerade noch darüber nachgedacht hat, sich noch einmal in den Garten zurückzuschleichen, um hoffentlich irgendwo ein vergessenes Bier aufzuspüren, damit die Welt sich ein bisschen mehr dreht und er nicht merkt, wie kalt es eigentlich ist, wenn er den Weg nach Hause antritt.
„Alle gehen sie heim mit jemandem“, schimpft Andrew und seine Hände ballen sich auf der Holzfläche neben ihm zu Fäusten. „Und wir bleiben als letzte zurück, nur weil die rumknutschen müssen.“ Seine Ferse trifft wütend auf Holz. „Ich verstehe nicht, was so toll daran sein soll.“
Er sieht Justin mit diesem Blick an, und Justin zuckt die Achseln, weil er auch nicht so recht weiß, was so toll daran sein soll. Er hat bereits das ein oder andere Mädchen geküsst und mit seiner letzten Freundin wäre er beinahe den letzten Schritt gegangen, bevor ihre Mutter an die Zimmertür klopfte und die Stimmung komplett ruinierte. Aber egal, wie oft er bereits geknutscht und rumgemacht hat, sein Kopf ist immer wieder zu anderen Dingen geschweift, hat sich gefragt, ob er eventuell noch Hausaufgaben für die Kurse, in denen er droht, durchzufallen, machen oder stattdessen lieber Andrew anrufen und mit ihm um die Häuser ziehen soll. (Nicht, dass es wirklich vonnöten gewesen wäre, darüber nachzudenken. Andrew gewinnt immer, weil sie beste Freunde sind und Justin einfach nicht Nein sagen kann, wenn Andrew ihn anhaut, dass sie zusammen schwänzen gehen sollen.)
Küssen ist irgendwie so eine von diesen Sachen, von denen man monate- oder jahrelang hört und die in den Himmel gelobt werden und wieder zurück, aber einfach nicht mithalten können, wenn man sie dann doch endlich mal ausprobiert. Küssen ist ein mechanisches Lippenaufeinanderlegen und Speichelaustauschen, das Justin irgendwie ganz nett als Beschäftigung während anderer Dinge findet, aber für das er nicht unbedingt den Film ausschalten würde, den er sich eigentlich gerade anschauen möchte.
„Wärst Du lieber auch beim Knutschen?“, fragt Andrew und da ist so eine Qualität in seiner Stimme, eine Beschaffenheit; keine wirkliche Tonverschiebung oder seltsame Betonung, sondern mehr eine Dringlichkeit, die aus seinen Worten spricht. Seine Stimme fühlt sich wie Rauhfasertapete an, aber überhaupt nicht kratzig. Vielleicht eher wie Brennnesselblätter ohne den Schmerz des Brennens danach. Andrews Stimme ist wie radikal kurze, sauber gefeilte Fingernägel, die über Justins Haut kratzen, begleitet vom Druck von Fingerkuppen.
„Ich bin lieber mit Dir hier“, erwidert Justin mit einem erneuten Schulterzucken. Er lehnt sich zurück auf seine Handflächen und schaut über das Geländer des Klettergerüstes, das es ihm vor fünfzehn Minuten beinahe unmöglich gemacht hätte, die Leiter hochzuklettern.
„Das beantwortet die Frage nicht wirklich“, sagt Andrew und Justin dreht ihm verwirrt den Kopf zu. Er ist sich ziemlich sicher, dass die Aussage Andrews Frage durchaus beantwortet hat – wenn Andrew nicht gerade zuschauen möchte, wenn er das nächste Mal betrunken mit einem der Mädchen aus ihrer Klasse rummacht. Und, Gott bewahre, sie sind beste Freunde, aber Justin will weder Andrew beim Rummachen zuschauen noch will er, dass Andrew ihm beim Rummachen zuschaut. Das überschreitet die Grenze zwischen Akzeptabel und Irgendwie-extrem-unheimlich dann doch weit.
„Alter, ich lass Dich doch nicht zugucken“, blafft Justin ungläubig, ohne ein Lachen zurückhalten zu können, das sich seinen Weg aus seinem Mund bahnt. „Irgendwo hört’s dann auch auf.“
Andrew sieht ihn unbeeindruckt an, hat sogar den Nerv, eine Augenbraue nach oben zu ziehen und ihn zu taxieren, als müsste er sich erst noch entscheiden, ob er weiter mit Justin reden möchte oder nicht. Dann scheint er sich entschieden zu haben und er entgegnet seelenruhig: „Ich meinte Knutschen mit mir.“ Justin sagt nichts, während sich noch mehr Verwirrung in ihm breitmacht. „Es bleiben eh immer wir beide übrig und da dachte ich, wenn Du knutschen möchtest, dann könntest Du es ebenso gut mit mir machen. Was ist schon dabei?“
Irgendwie hat Justin das Gefühl, dass da einiges dabei ist, dass er sich in Acht nehmen muss und dass er auf keinen Fall Ja sagen sollte. Aber nichts davon kann er tatsächlich in Worte fassen, weil das da Andrew ist und der ihn doch auf keinen Fall in eine unangenehme Situation bringen würde. Was soll schon dabei sein, wenn er Andrew eine Freude damit machen kann, weil Andrew einfach noch kein Mädchen gefunden hat, das seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat? Sie sind beste Freunde und letztendlich sind es dieselben mechanischen Bewegungen, die mit routinierten, sich wiederholenden Vorgängen einhergehen, dieselbe Gelangweiltheit, die auch das Abspülen von Tellern mit sich bringt, und dieselbe Gedankenwanderei, die er einfach nicht zu unterbinden weiß.
„Willst Du denn knutschen?“, fragt Justin zurück, statt sofort Ja oder Nein zu sagen. (Wem auch immer er etwas vormachen möchte, wenn Andrew ihn – irgendwen, aber in Substitution ihn – küssen möchte, wird Justin ohnehin nichts anders können, als Ja und Amen und Alles, was Du willst zu sagen. Aber er kann auch nicht einfach davon ausgehen, dass Andrew ihn nicht hart aufs Kreuz legen will, indem er ihn fragt, ob er will, nur um ihm in Monaten noch vorhalten zu können, dass er Interesse daran hätte, mit Andrew rumzumachen. Bist wohl schwul, was?, kann Justin schon Andrews Stimme hören. Das braucht er sich nicht anzutun.)
Andrew zuckt die Achseln und er macht ein nichtssagendes Geräusch, während Justin sein Gesicht nach irgendetwas absucht, das er vielleicht als Antwort interpretieren könnte. Da ist ein kaum sichtbares Zucken von Andrews Mundwinkel, ein kurzes Abwenden seines Blickes, eine Spannung in seinen Schultern, als er Justin seinen Blick wieder zuwendet, als müsste er ihnen beiden etwas beweisen. Andrew sagt bestimmt: „Ich bin nicht schwul.“
„Ich doch auch nicht“, erwidert Justin leichthin. Der Gedanke ist ihm gar nicht gekommen. Dass Andrew befürchten könnte, dass Justin ihn für schwul halten könnte. „Ich frag ja nur.“
„Ich will nur sehen, worum alle so einen Wind machen“, sagt Andrew dann, die Schultern weiter nach oben ziehend.
Justin nickt vage. „Dacht ich mir.“
Andrew ist kein sensibler Junge, er ist nicht subtil und schon gar nicht unauffällig oder sanft, aber er überrascht Justin trotzdem, als er seine rechte Hand nach ihm ausstreckt, sie in seinen Nacken legt und ihn ohne Umschweife zu sich zieht, um ihre Lippen miteinander zu verschließen.
Es ist ganz anders als all die Male zuvor, die Justin geküsst wurde. Da ist kein Lippenbalsam, der schwach nach irgendeiner künstlichen Frucht riecht, und Andrews Lippen sind rauh und ein wenig aufgesprungen vom Kontrast zwischen der kalten Luft draußen und der trockenen Heizungsluft drinnen. Andrew küsst hart und heftig und Justin bleibt der Atem im Halse hängen, während er ebenfalls nach oben greift, um sich irgendwie an Andrew festzuhalten. Andrew küsst, als wollte er Justin einatmen, als wollte er ihn mit Haut und Haaren verschlingen, obwohl er den Mund gerade weit genug öffnet, um mit seinen Zähnen über Justins Unterlippe zu schrammen. Andrew küsst, als hätte er sein gesamtes Leben nur darauf gewartet, Justins Lippen auf seinen zu spüren, seine Finger in Justins Haar zu versenken und nach Justins Zunge zu beißen, als der versucht, den Kuss noch weiter zu vertiefen. Es ist ganz anders als all die Male zuvor, die Justin geküsst wurde, weil er dieses Mal an nichts Anderes denken kann, als die Hitze, die sich überall ausbreitet, wo Andrew ihn küsst und berührt und festhält.
Er ist sich nicht sicher, ob sie immer noch in der Kälte im Dunkeln draußen auf einem Klettergerüst sitzen, weil sich der Wind plötzlich mehr wie eine kühle Angelegenheit anfühlt, die im Hintergrund irgendwo abläuft und nur peripher was mit Justin zu tun hat.
Andrew zieht sich zurück, schwer atmend, aber bevor er auch nur eine Handbreite Abstand zwischen sie gebracht hat, jagt Justin ihm hinterher und nimmt den Kuss dort wieder auf, wo Andrew ihn unbeendet zurücklassen wollte. (Unbeendet, als könnte es so etwas wie das natürliche Ende eines Kusses tatsächlich geben. Als ob Justin nicht ohne Probleme immer weiter Andrew atmen könnte. Als ob Justin schon beinahe vergessen hätte, dass er eigentlich gar kein großes Interesse an Rummachen gehabt hat, bevor es Andrew gewesen ist, der es ihm angeboten hat.)
Eine zweite Hand findet ihren Weg in Justins Nacken und seine eigenen Hände liegen irgendwo auf Andrews Rücken, als müssten sie sich gegenseitig davon abhalten, das Gleichgewicht zu verlieren und umzufallen. Eigentlich hat er sogar ganze Teile von Andrews Pullover zwischen den Fingern, aber er kann sich nicht daran erinnern, wann seine Hände sich verzweifelt zu Fäusten geballt haben, während er damit beschäftigt gewesen ist, Andrew nur ja nicht zu gestatten, von sich abzulassen.
Das Herz klopft Justin im Halse und er schmeckt Kupfer ganz hinten auf der Zunge, als Andrew und er schließlich voneinander ablassen und nur heftig atmen, während sie sich nicht trauen, die Hände voneinander zu entfernen. (Als müssten sie fürchten, dass der Moment schallend zerbricht, wenn sie sich nicht mehr berühren. Als bräuchten sie eine physische Erinnerung daran, dass gerade eben wirklich passiert ist, was sie denken. Als müssten sie es lachend abtun und sich gegenseitig versichern, dass sie das ja gar nicht so gemeint haben und es nie wieder vorkommen wird, sobald sie voneinander lassen.)
„So“, sagt Andrew und Justin schließt die Augen, weil Andrew vermutlich sagen wird, dass es eine Erfahrung gewesen ist, die sie nicht noch einmal wiederholen müssen, er aber jetzt wisse, was ihn erwarte, wenn er endlich eine findet, die ihn ranlässt, „das war … gut. Das sollten wir, das sollten wir nochmal tun. Du weißt schon, wenn nur wir beide übrigbleiben.“
Justin traut sich noch nicht, die Augen aufzumachen, weil es sich so sehr danach anfühlt, als würde Schreckliches geschehen, wenn er es doch tut. Plötzlich berührt eine andere Stirn seine, und als er die Augen verwirrt öffnet, kann er Andrews geschlossene sehen, während er einfach nur seinen Atem beruhigt. Also stürzt Justin wieder nach vorne, Andrew küssend, Andrew atmend, weil Andrew nicht gesagt hat, dass sie für heute aufhören sollen oder müssen; weil Andrew gesagt hat, dass sie es nochmal tun sollten, wenn nur sie beide übrig sind, und offensichtlich nur Andrew und er übrig sind und Andrew nicht spezifiziert hat, wann.
Liebst Du mich fasst Wurzeln mit jedem Mal, dass sie alleine auf einer Party zurückbleiben oder in Andrews oder seinem Zimmer sitzen und eigentlich Schularbeiten machen oder Videospiele spielen sollten, aber stattdessen rummachen, als gäbe es kein Morgen mehr, wenn sie es nicht täten.
In letzter Zeit werden Andrews Küsse hektischer, drängender, vielleicht sogar verzweifelter. (Oder vielleicht auch nicht verzweifelter, weil Justin sich bei Andrew alles vorstellen kann, aber nicht, dass er Verzweiflung überhaupt empfinden kann.) Manchmal liegen sie auf Justins Bett und haben irgendwann im Laufe des Abends ihre Hemden verloren und Andrews Hände fahren über Justins Oberkörper, als könnte er nicht glauben, dass er seine Hände tatsächlich auf seinen Körper legen darf. Es ist so surreal, weil sie schließlich im bloßesten und pursten Sinne beste Freunde sind, die hin und wieder (andauernd, ohne Unterlass) knutschen, weil sie halt sonst gerade niemanden haben, den sie stattdessen küssen könnten. (Abgesehen von den Mädchen, die Andrew in den letzten Monaten angesprochen haben und die verführerisch ihre Haare über die Schulter warfen, als könnten sie damit seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und vielleicht noch abgesehen von den paar Mädchen, die kichernd ihre Hände auf Justins Unterarm legten, während er substanzlose Gespräche mit ihnen führte, nur um dann von Andrew abgelenkt zu werden, der Knallerbsen gegen eine Fensterscheibe im ersten Stock warf, bis das Fenster wütend geöffnet und Ruhe befohlen wurde. Aber das hat ja nicht wirklich mit den Malen zu tun, die sie allein bei sich daheim sind und nichts ganz so ansprechend wirkt, wie sich gegenseitig gedankenlos zu knutschen.)
Irgendwann muss Andrew Justins Gürtel geöffnet haben, aber Justin kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, ob er etwas davon bemerkt hat. Der einzige Grund, warum er es jetzt bemerkt, ist, weil Andrews Hand sich plötzlich unter seine Hose schiebt und sich auf seine Hüfte legt, während seine andere Hand wieder einmal in seinem Nacken in seine Haare fährt.
Justins Gehirn setzt für einen Moment aus und er zieht Andrew so nahe wie nur möglich. Es setzt erst wieder ein, als Andrew sich wieder ein wenig von ihm zurückzieht und dabei seinen Unterleib gegen Justins presst. Sie stöhnen beide in den Kuss und reißen dann die Augen auf, um sich alarmiert anzusehen. Das hätte nicht geschehen dürfen.
(Seit wann ist Justin derartig erregt? Warum hat er nicht bemerkt, dass er beinahe schmerzhaft hart in seiner Hose ist, bis Andrews offensichtliche Erektion seine durch Lagen und Lagen von Stoff berührt hat? Das ist ihm noch mit keinem einzigen Mädchen passiert, das er geküsst hat, und er kann sich nicht erklären, warum es jetzt passiert ist. Es ist nur ein bisschen rummachen zwischen besten Freunden. Es ist mit Sicherheit nicht so, dass Justin mit Andrew weitergehen würde als bis hierhin.)
Andrew öffnet seinen Mund, während er Justins Gesicht mit den Augen absucht, als müsste er erst irgendetwas finden, das Justin ihm nicht geben kann. Dann schließt er seinen Mund und zieht seine Hand aus Justins Hose, ohne ein Wort gesagt zu haben.
Sie atmen heftig in den geringen Platz zwischen ihren Gesichtern und Justin fragt sich für einen panischen Moment, ob es das gewesen ist; ob sie jetzt aufhören mit diesen absolut bedeutungslosen, Zehen krümmenden Knutschereien, die Justin das ein oder andere Mal dazu gebracht haben, selbst Hand anzulegen, kaum dass Andrew sich von ihm verabschiedet hat.
Aber dann beugt Andrew sich wieder über ihn und beißt in seine Unterlippe, bevor er ihn wieder küsst, als hätte es diesen verwirrenden Moment zwischen ihnen niemals gegeben.
Liebst Du mich wird zu einer Tatsache, als er Gabrielle Solis erpressen möchte und sie ihn trotzdem küsst, ohne dass er das Geringste empfindet.
Noch Stunden später greift er sich unterbewusst an den Mund und spürt ihre weichen, geschminkten Lippen auf seinen, riecht ihr Parfum in seinem Zimmer und hört sie laut feststellen, dass er definitiv schwul sei.
Er ruft Andrew an, sagt ihm, dass sie sich treffen sollten, ohne die anderen aus ihrer Freundesgruppe ebenfalls zu kontaktieren, und er glaubt, dass Andrew sich schon denken kann, warum sie sich bei Justin daheim treffen und nicht irgendwo anders.
„Hey“, sagt Andrew, als er eine halbe Stunde später vor Justins Tür steht; so schnell und rotwangig, dass Justin sich fragt, ob Andrew hierher gerannt ist. (Es gibt keinen Grund für Andrew zu rennen, es ist schließlich nur Justin und er kann ja auch nichts von der Offenbarung wissen, die Justin heute hatte. Wenn nicht gerade die Atemlosigkeit und Dringlichkeit in Justins Stimme alles gesagt hat, was Andrew hätte wissen müssen.)
„Hi“, erwidert Justin, weil er sonst nichts Besseres zu erwidern weiß. (Er kann schlecht mit der Wahrheit herausplatzen, dass er glaubt, dass er Andrew vielleicht liebt. Oder verliebt in ihn ist. Im Prozess des sich Verliebens. Er kann Andrew nicht sagen, dass das etwas Anderes für ihn ist als ein bisschen Rummachen zwischen besten Freunden.)
Für einen Moment stehen sie wortlos einander gegenüber, dann zieht Justin Andrew an seinem Handgelenk mit nach drinnen und direkt in sein Zimmer, auch wenn er gern sofort losgelegt hätte, aber seine Eltern sind irgendwo im Haus und er denkt nicht, dass sie sonderlich wertschätzen würden, wenn ihr Sohn mit seinem besten Freund im Hausflur knutscht.
Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, zieht Justin Andrew so heftig an sich, dass sie rückwärts stolpern und Justins Rücken mit dem Holz der Tür kollidiert, obwohl Andrew sich bis vor ein paar Sekunden noch zwischen ihm und der Tür befunden haben muss. Und dann fällt ihm auf, dass sie nicht gestolpert sind, dass Andrew ihn ganz bewusst um seine Achse gelenkt hat, um ihn an die nächstbeste Vertikale zu drücken und ihn so zu küssen, dass ihm beinahe schwindelig davon wird.
Anscheinend ist er nicht der Einzige, der nicht aufhören kann, daran zu denken, wie Andrews Hand sich unter seiner Hose angefühlt hat. Anscheinend ist er nicht der Einzige, der es kaum erwarten kann, die Haut des anderen auf seiner zu spüren. Anscheinend ist er nicht der Einzige, dem so einiges klar geworden zu sein scheint.
„Ich glaube, ich bin schwul“, stößt Justin aus, als Andrew ihm das Hemd über den Kopf zieht, und für einen Moment befürchtet er, dass seine Worte im Stoff verloren gegangen sind, aber Andrew hält inne und Justin befürchtet, dass er schon wieder etwas ganz Falsches gemacht hat, das ihre Freundschaft irreparabel beschädigt.
Andrew zieht eine Augenbraue nach oben. „Du glaubst, Du bist schwul?“ Seine Stimme schwankt zwischen Ungläubigkeit und Amüsement.
„Nein, ich—“ Justin schluckt den Anfang seines Satzes herunter und fokussiert statt Andrews linkem Auge sein rechtes. „Ich bin schwul.“ Seine Stimme zittert weniger, als er erwartet hätte, und obwohl ihm das Herz bis zum Halse klopft und er den Geschmack seiner eigenen Nervosität auf der Zunge hat, tut es gut, es laut ausgesprochen zu haben. Weil Andrew und er, sie haben keine Geheimnisse voreinander. Er weiß alles, was es über Andrew zu wissen gibt, und Andrew soll genauso wissen, wer er ist. Und wenn er ihre Freundschaft damit zerstört, dann ist das eben so. Dann muss er einfach damit leben, dass Andrew nicht der ist, für den er ihn gehalten hat.
„Und das war neu für Dich?“, fragt Andrew mit einem Grinsen. Sein Daumen fährt beinahe geistesabwesend über Justins nackte Haut. „Oder warum hältst Du es für nötig, mir das zu sagen?“
Justins Hände, die bis eben ganz vergessen auf Andrews Hüftknochen gelegen haben, fallen nach unten, bevor sie ihren Weg an seine Seite finden, weil er demonstrativ die Arme vor der Brust verschränkt. Er starrt Andrew fassungslos an und fragt: „Ist das etwa nicht neu für Dich?“
Mit einem Brummen zuckt Andrew die Achseln, dann versucht er Justin wieder an sich zu ziehen, aber Justin tritt einen Schritt zurück und Andrew antwortet nach einem kellertiefen Seufzen: „Wir machen das hier schon viel zu lange, als dass ich Dich für hetero gehalten hätte.“
Die Augenbrauen zusammenziehend und die Stirn in Falten legend hakt Justin nach: „Also weißt Du, dass Du schwul bist, und sagst es mir nicht?“
„Ich bin nicht schwul“, widerspricht Andrew heftig, vielleicht ein bisschen zu heftig, aber das scheint ein Fass zu sein, das Justin in diesem Moment nicht aufmachen möchte, weil er immer noch viel zu erregt ist und Andrew anscheinend diesen Schritt mit ihm zusammen gehen möchte. Andrew betont: „Ich mag Frauen“, und Justin löst seine Arme aus ihrer Verbretzelung und legt sie beschwichtigend wieder auf Andrews Hüften, um ihn näher zu ziehen. „Und ich wusste zwar, dass Du nicht die hellste Birne am Kronleuchter bist, aber dass ich Dir erklären muss, dass ich Dich heiß finde, war mir nicht klar.“
Er nimmt eine von Justins Händen und führt sie in seinen Schritt, wo sie eindeutig auf Andrews Erektion trifft, von der sie nur eine Schicht Jeans trennt, wenn Justin dem fehlenden Unterwäschebund Glauben schenken darf.
Bei dem Gedanken wallt Hitze in ihm auf und sein Mund wird mit einem Mal ganz trocken und bappig. Er leckt sich über die Lippen und spürt ein Zucken unter seiner Hand, das klar für ihn macht, dass es hier und jetzt nichts mehr für sie zu bereden gibt.
Justin windet beide Arme um Andrews Taille und zieht ihn so nahe, dass kein Blatt mehr zwischen sie passen würde, und Andrew lacht in ihren nächsten Kuss hinein, als hätte er die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass sie endlich weitermachen können; als könnte es nichts Besseres geben, als Justin überall zu spüren; als würde er sich ein wenig über Justin lustig machen, einfach nur, weil er es kann.
Sie küssen sich, verschlingen sich beinahe gegenseitig, und Andrew schubst Justin in Richtung seines Bettes, nur um ihn am Hosenbund wieder aufzufangen und sich an seinem Knopf zu schaffen zu machen. Andrew beißt in seine Unterlippe und schlägt seine Hände zur Seite, als er versucht, Andrews Hosenknopf zu öffnen.
„Ich—“ Andrew unterbricht ihn mit einem weiteren Kuss, aber Justin reißt sich los. „Ich weiß, dass Du mich beleidigt hast. Ich habe nur beschlossen, es zu ignorieren.“
Andrew lacht wieder und sagt: „Ich weiß“, bevor er Justin aufs Bett schubst und aus seiner Hose heraussteigt.
Liebst Du mich wird zu einer unumstößlichen, unzerrüttbaren Realität, kaum dass Andrews Blick auf ihn fällt und er fragt: „Was ist los?“, weil Andrew anscheinend nicht mehr als einen einzigen Atemzug braucht, um herauszufinden, dass Justins ganzes Leben in sich zusammengebrochen ist. (Vielleicht sind auch nur seine Augen noch immer angeschwollen und gerötet, aber woher soll Justin das so genau wissen, er hat jetzt keinen Spiegel mehr.)
„Meine Eltern—“ beginnt Justin, aber er kann nicht weitermachen, weil ihm die Reisetasche wieder ins Auge sticht, die neben seinen Füßen steht und ihn beinahe anklagt. Er schluckt und sieht Andrew nicht an, als er es von Neuem versucht: „Meine Eltern haben mich rausgeworfen, weil ich die Familie entwürdigt habe.“
Andrews Mund verzieht sich verwirrt und seine Augenbrauen treffen sich in der Mitte seines Gesichts, während seine Gedanken hin und her springen, aber nirgendwo landen zu wollen scheinen. Er fragt: „Wie bitte willst Du das gemacht haben?“
Justin schnaubt. „Jemand hat ihnen gesteckt, dass ich schwul bin.“
„Ich war das nicht“, stößt Andrew aus, als würde Justin jemals in Erwägung ziehen, dass Andrew ihm so etwas antut. Andrew fasst nach Justins Händen, um sie mit seinen eigenen zu umfassen, und Justin lässt ihn, weil er keine Kraft hat, sich anders zu entscheiden.
„Ich weiß“, erwidert er also seufzend. „Sie meinen, wenn ich mich nicht ändere, können sie mich nicht mehr lieben. Also haben sie mich rausgeworfen.“ Tränen brennen wieder in seinen Augen, aber diesmal schluckt er sie herunter, so gut es geht, weil ihm auch die Kraft fehlt, sich noch weiter und weiter das Gesicht abzuwischen.
Andrew starrt ihn voller Wut an. „Das ist doch Schwachsinn!“ Seine Hände landen heftig auf Justins Schultern und er zieht ihn ein klitzekleines bisschen näher. „Wenn Deine Eltern nicht erkennen, wie großartig Du bist, dann ist das ihre eigene Schuld und sie sollten sich schämen.“ Eine kaum wahrnehmbare Pause. „Und Du solltest Dich für sie schämen. Nicht für Dich.“
Es ist vielleicht nicht das Allheilmittel und es macht Justins Situation nicht per se gut, aber es macht, dass er sich weniger allein auf diesem Planeten fühlt, dass er glaubt, dass er es schaffen kann, sich eine Wohnung zu suchen und seinen Abschluss zu machen, auch wenn seine Eltern ihn nicht weiter unterstützen werden. Alles ist ein wenig scheiße und alles sieht aus, als würde es zu Ende gehen, aber solange Justin es mit Andrew an seiner Seite tun kann, wird er auch das Ärgste durchstehen können.
Liebst Du mich wird zu einem Damokles‘ Schwert, als Mrs. Meyer sie im Pool der Youngs findet, nackt und knutschend und so kurz davor, es gleich hier und jetzt im Wasser zu tun. Sie stieben so schnell auseinander, dass wohl glaubhafte Bestreitbarkeit vorliegen würde, wenn sie nicht halb mit Paddeln und halb mit sich selbst Bedecken beschäftigt wären.
Mrs. Meyer verspricht, nichts zu sagen, aber als sie außer Hör- und Sichtweite ist, dreht Andrew sich panisch zu Justin um und zischt: „Wenn sie das meiner Mutter erzählt, dann bin ich dran.“
„Vielleicht wird es nicht so schlimm“, erwidert Justin beschwichtigend, obwohl auch ihm das Herz gegen den Kehlkopf hämmert. Mittelgradigstenfalls wird ihnen der nähere Kontakt unterbunden, aber schlimmstenfalls schicken sie Andrew in eins dieser Camps, und Justin glaubt zwar fest daran, dass Andrew unbrechbar ist, aber das alles wünscht er keinem Menschen – schon gar nicht Andrew.
„Du kennst meine Mutter nicht“, sagt Andrew bitter, dann dreht er sich um und tastet nach seiner Schwimmhose, um sich anzuziehen und im Anschluss aus dem Pool zu ziehen. Etwas verspätet folgt Justin ihm und gemeinsam sitzen sie am Beckenrand, während ihre Füße im Wasser vor ihnen verschwinden. „Meine Mutter wird absolut ausrasten. Mein Vater? Keine Ahnung, aber so hart wie sie wird’s ihn nicht treffen.“
Andrew bläst seine Backen auf und Justin greift nach seiner Hand, die zwischen ihnen auf dem Boden gelegen hat. Ein Stein fällt von seinem Herzen, als Andrew ihn die Hand ergreifen lässt und sogar noch seinen Kopf auf Justins Schulter legt, um ein bisschen vor sich in die Luft zu starren. Dort wird er auch keine Antwort finden. (Aber wenn Justin noch ein wenig wartet, dann wird er vielleicht die Antwort auf die Wärme direkt unter seinem Zwerchfell finden, die sich dort immer ausbreitet, wenn Andrew für einen Moment seine tatsächliche Verletzlichkeit zeigt und sich nicht nur als unzerstörbare Naturkatastrophe inszeniert, die Justin mitreißt und gegen Riffe schleudert.)
„Wenn Deine Mutter—“ Justin presst einen Kuss auf Andrews Haarkrone, weil er sich dadurch selbst versucht, zu beruhigen „—wenn Deine Mutter ‘nen Aufstand macht, dann laufen wir weg.“ Er sagt es, als sei es ganz einfach, als wüsste er schon ganz genau, wo sie zusammen hingehen könnten, als hätte er immer ein Notfalltäschchen unter dem Bett gepackt, für genau solche hypothetischen Szenarien. (Die Reisetasche steht bereit, auch wenn John nie irgendwelche Anzeichen gezeigt hat, dass er Justin früher oder später rauswerfen wird. Gebranntes Kind scheut Feuer und Justin wird nie wieder unvorbereitet in so eine Situation kommen, das hat er sich geschworen.)
„Du willst mit mir zusammen weglaufen?“, fragt Andrew. Seine Stimme klingt immer noch ein wenig bitter, aber Justin lässt sich nicht davon abbringen, zu erwidern: „Wo Du hingehst, gehe ich auch hin. Ich lass Dich doch nicht allein.“
Ein Lächeln breitet sich auf Andrews Gesicht aus und der presst seinerseits einen Kuss auf Justins Schlüsselbein. (Justin kann es noch nicht sagen, aber er spürt es ganz tief in sich.)
Liebst Du mich gewinnt eine ganz andere Bedeutung, als Andrew im Camp ist und Justin keine Möglichkeit hat, ihn zu kontaktieren. Ihm sind die Hände gebunden, er muss auf ihnen sitzend verweilen, und er muss warten und warten und warten, bis Andrew irgendwann wiederkommt.
Lieben kann schön und gut und aufregend sein, wenn Andrew ihn küsst und seine Hand verstohlen unterm Tisch hält. Es kann warm und angenehm und prickelnd sein, wenn Andrew gerade aufgewacht ist und ihm schlaftrunken Kuss um Kuss um Kuss gibt, als gäbe es nichts Wichtigeres auf dem Planeten. Aber es kann auch schmerzhaft und traurig und nervenzerreibend sein, wenn alles, das Justin tun kann, warten und hoffen und beten ist. Sie hätten doch weglaufen müssen, wenn auch nicht aus den Gründen, die sie vermutet hätten; dann wäre das alles gar nicht passiert.
(Warum lässt Andrew sich auch auf die Spielchen seiner Mutter ein? Warum kann Andrew nicht ein bisschen vorsichtiger sein? Was nützt ihm all die sichere Selbstgefälligkeit, wenn sie ihn schnurstracks ins Camp Hennessy bringt?)
Eines Tages steht Andrew vor Justins Tür und Justin kann nichts Anderes tun, als ihn in seine Arme zu ziehen und den Duft seines Shampoos einzuatmen. Ihre Herzen klopfen gegeneinander, immer abwechselnd füllen sie die Stille des anderen, und wenn Justin es nicht besser wüsste, dann würde er sagen, dass sie im Einklang schlagen, wenn auch nicht gleichzeitig. (Andrew ergänzt ihn nicht, aber er gleicht ihn aus, wenn das irgendwie einen Sinn ergibt.)
„Du hast Deine Haare geschnitten“, sagt Justin, während seine Hände in eben jene fahren und seine Fingernägel über Andrews Kopfhaut kratzen. Näher kommt er nicht an Ich hab Dich so schrecklich vermisst heran, aber Andrew scheint ihn auch so zu verstehen, weil er sich so nah an Justin heranpresst, wie er nur kann.
„Nicht freiwillig“, erwidert Andrew leise, weil er vermutlich auch nicht über die Lippen bringt, was er eigentlich gerne sagen würde. (Oder zumindest nicht das, was Justin gerne hören möchte.) „Aber ich glaube, es steht mir.“
Justin lacht. „Du siehst gut aus.“ Und dann umfasst er Andrews Gesicht und küsst seine Augenbraue, seine Nasenspitze und beide Mundwinkel, weil er es endlich wieder kann.
Liebst Du mich erhält endlich sein Pendant, als Justin verarztet werden muss, einfach nur, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist und Mr. Solis ihn erwischt hat und nicht John.
Es ist beinahe schon ein bisschen lustig, dass er so viel Zeit damit verbracht hat, sich um Andrew zu sorgen und sich selbst zu bemitleiden, weil seine Eltern ihn nicht mehr wollen, und dass das Schlimmste, was ihm dann tatsächlich passiert, ein lausiges, lächerliches Missverständnis ist. (Natürlich hat er versucht, mit Mrs. Solis zu schlafen, aber da wird er ja wohl nicht der Einzige gewesen sein, und letztendlich hat er es ja auch nicht getan! Das hätte doch wohl was zählen müssen.)
Andrew beugt sich über ihn, als er wieder sicher in seinem Zimmer ist, und legt seine Hände so vorsichtig auf Justins Wangen, als befürchte er, Justin könne zerbrechen, wenn er nur nicht gut genug auf ihn aufpasst.
Er flüstert: „Ich hab mir Sorgen gemacht“ gegen Justins Lippen und küsst seine Augenbraue, seine Nasenspitze und schließlich beide seine Mundwinkel in einer tragikomischen Wiederholung seiner eigenen Rückkehr.
„Du solltest den anderen Kerl sehen“, erwidert Justin mit einem kleinen, selbstironischen Lachen. „Sein Zeigefingerknöchel wird vielleicht sogar eine Narbe davontragen.“ Andrew lacht gegen seine Haut und sie küssen sich, auch wenn Justins Lippe wieder aufgesprungen ist und ihre Münder mit Kupfer flutet.
Andrews Unterlippe bleibt einen Moment zu lange an Justins Oberlippe kleben, als er sich zurückzieht, aber was kümmert es Justin, solange er nur nicht allein seine eigene Verzweiflung auf der Zunge schmeckt. (Er hatte gehofft und sich gewünscht, dass Andrew dasselbe empfindet wie er, aber so deutlich wie jetzt hat er es noch nie gespürt. Wer hätte damit rechnen können, dass alles, was es braucht, um Andrew endlich dieselbe Verletzlichkeit zu entlocken, die Justin schon so lange zeigt, ein Handgemenge sein würde. Oder wie auch immer Justin den Akt benennen soll, bei dem er furchtbar vermöbelt wurde, ohne selbst auch nur einen einzigen Schlag gelandet zu haben.)
Liebst Du mich wird zum Alltag, wenn sie in Andrews Bett liegen, obwohl sie beide wissen, dass es aus sein könnte, wenn Mrs. Van de Kamp sie jemals zusammen sieht. (Justin versucht die Stimme der Vernunft zu sein, weil er weiß, wie unfassbar schrecklich es ist, wenn die eigenen Eltern einen nicht mehr lieben. Und er hat immer noch Andrews Stimme im Ohr, die ihm sagt: Ich hab aufgehört, sie zu lieben, damit es weniger weh tut, wenn sie unweigerlich damit aufhört, mich zu lieben. Als ob er das nicht allzu gut kennen würde; als ob Andrew nicht genau gesehen hätte, was es aus Justin gemacht hat. Wenn es nur eine Sache gibt, die Justin Andrew dafür zurückgeben kann, dass der für ihn da gewesen ist, dann ist es der bedingungslose Rückhalt gegen Andrews Eltern – und Justin wird ihn geben.)
Justin schlüpft hektisch in seine Klamotten, während Andrew sich alle Zeit der Welt lässt, aber Justin ist sich auch nicht so sicher, ob er sich nicht doch noch eine fängt, wenn er zu lange braucht, um aus dem Haus zu kommen, während Andrew im Gegensatz dazu wohl keine Sorgen zu haben scheint, weil er sich wieder viel zu sicher und selbstgefällig ist. (Dieselbe sichere Selbstgefälligkeit, die ihn ins Camp und damit, weit, weit weg von Justin gebracht hat.) Andrew scheint es nicht klar zu sein, aber im Gegensatz zu Justin hat er eine Wahl. Er muss nicht gehen, er muss nicht streiten und kämpfen. Mrs. Van de Kamp hat nicht aufgehört, ihn zu lieben, und auch wenn ihr Verhalten unter aller Sau ist, ist Justin dennoch davon überzeugt, dass ihr Herz am rechten Fleck ist.
„Du brauchst nicht gehen“, sagt Andrew, aber Justin schüttelt den Kopf, weil er immer noch müde ist von ihrer viel zu kurzen Nacht und immer noch viel zu beschämt, weil Mrs. Van de Kamp ihn quasi nackt gesehen hat.
„Es ist besser, wenn ich gehe“, erwidert Justin, aber bevor er nach dem Türgriff langen kann, hält Andrew ihn fest und dreht ihn ein letztes Mal zu sich um, die Arme so fest um Justins Taille gewunden, dass Justin sich vermutlich nicht von Andrew lösen könnte, selbst wenn er es wollte.
Andrew fährt mit seiner Nasenspitze an Justins Wangenknochen entlang, bis er mit seinem Mund ganz nah an Justins Ohr ist und er ungehört von etwaigen Dritten flüstern kann: „Ich mein’s ernst. Ich fänd’s irgendwie heiß, wenn sie unten noch ewig wartet.“
„Ich fänd das gar nicht heiß“, erwidert Justin und er versucht halbherzig, Andrew von sich wegzudrücken, aber eigentlich ist es viel zu schön, wie Andrew immer mehr Küsse auf seiner Ohrmuschel und seinem Wangenknochen verteilt und sich an ihn drängt, als müssten sie jede Sekunde nutzen, weil nicht klar ist, wann sie je wieder dazu kommen werden.
Justin reißt sich von ihm los, so schwer es ihm auch fällt, und sagt schwer atmend: „Ich mein’s auch ernst, Andrew.“
„Du bist eine Spaßbremse“, flüstert Andrew, bevor er Justin noch einen letzten Kuss auf die Lippen drückt und sich zurückzieht, aber Justin weiß, dass Andrew ihn nicht zu irgendetwas überreden würde, das Justin unangenehm ist. Weil Andrew sein bester Freund ist und sein fester Freund und sie sich gegenseitig lieben.
„Liebst Du mich?“, fragt Andrew und das ist der Auslöser für all die Dinge, die Justin tut und die er manchmal so schrecklich bereut. Liebst Du mich wird zum Verhängnis, weil Justin nie anders kann, als zu springen, wenn Andrew es so von ihm will.
Sein Blick zuckt zwischen dem klobigen Ring an seinem Finger und Andrews malträtierten Gesicht hin und her, weil es nur eine Antwort auf Andrews Frage gibt, aber Justin auf keinen Fall ein zweites Mal zuschlagen möchte. (Der Plan könnte klappen, aber er könnte auch schrecklich schief gehen, und Justin möchtemöchtemöchte keine Beihilfe leisten oder am Ende Schuld daran sein, dass das Verhältnis zwischen Andrew und seiner Mutter noch weiter eskaliert. Aber er kann Andrew auch nichts abschlagen, kann nicht Nein sagen und sich schon gar nicht abwenden.)
Die verbale Bestätigung bleibt ihm im Hals stecken, also nickt er mit gequälten Gesichtsausdruck und Andrews Blick verhärtet sich.
„Dann tu, was ich Dir sage,“ und Justins Faust trifft noch einmal auf Andrews Gesicht mit einem schreckenerregenden Geräusch.
Andrew steht vornübergebeugt vor ihm, Blut tropft aus seiner offenen Lippe, und er grinst mit einem etwas manischen Ausdruck in seinen Augen, bevor er Justin zu sich zieht.
„Ich will Dich nicht schlagen“, sagt Justin leise und Andrew drückt blutige Küsse auf sein Gewicht, überall, wo er hinkommt.
„Ich weiß“, flüstert Andrew gegen seine Haut. „Aber ich liebe Dich dafür, dass Du es trotzdem tust.“
