Chapter Text
- Tine.
Dass heute ein langer Tag werden würde, war Tine bewusst gewesen. Eine Großkontrolle kam verhältnismäßig selten vor, doch sie wusste, dass es sich lohnen würde. Würde sie den Einsatz heute erfolgreich leiten, würde die hart erarbeitete Beförderung endlich auf sie warten. Insgesamt sollten zehn Tankstellen, die an strategischen Knotenpunkten in Niedersachsen verteilt waren, kontrolliert werden – und jedem Team würden Beamte der Bundespolizei zur Seite gestellt werden. Tine hatte den Gedanken daran, dass auch Julia nach wie vor bei der Bundespolizei arbeitete, schnell beiseitegeschoben. Sie wollte sich voll und ganz auf den Einsatz konzentrieren, für Gefühle war heute kein Platz.
Der Morgen war kühl, so wie es im November zu erwarten war, aber immerhin war es bereits hell, als Tine ihren Dienst auf dem besagten Parkplatz antrat. Neben ihr ein jüngerer Kollege, für den es heute der erste größere Einsatz werden sollte. Mit einem Stück Nostalgie dachte Tine an ihre ersten Monate nach der Polizeischule zurück. Es fühlte sich an, als wäre es erst vor Kurzem gewesen – jetzt diejenige zu sein, die bereits anderen Kollegen letzte Details und Anweisungen verteilte, fühlte sich gut an und machte sie ein bisschen stolz.
Sie war so sehr in ihren Gedanken vertieft gewesen, dass sie den schwarzen BMW auf dem Parkplatz nicht bemerkt hatte. Erst, als ihr Kollege aufschaute und die Hand zu einem leichten Winken anhob, ahnte sie, dass die Kollegen von der Bundespolizei eingetroffen waren. Sie drehte sich um, nur um im nächsten Moment einen starken Stich in ihrem Herzen zu spüren und sie verdrehte genervt die Augen. Julia. Und Falke. Von allen Einheiten der Bundespolizei musste natürlich Julia Grosz ihrem Einsatz zugewiesen werden. Schlimmer noch – als Bundespolizistin würde sie heute und bei eventuellen Ermittlungen, die der Tag mit sich ziehen würde, quasi ihre Vorgesetzte sein.
„Fängt ja gut an.“ Dachte Tine bitter, doch sie würde keine Schwäche zeigen und ihren Einsatz genau so leiten, wie geplant – was die Grosz in der Zeit machen würde, interessierte sie in diesem Moment herzlich wenig.
„Moin.“ Begrüßte Falke und streckte seine Hand aus. Tine nickte nur und schüttelte sie, bevor ihr Blick zurück auf Julia fiel. Sie sah blasser aus als gewöhnlich und schien etwas unsicher auf die Reaktion der jüngeren Polizistin zu warten. Diese erwiderte das Schweigen nur und hielt ihrem Blick stand.
„Schon was passiert?“ lenkte Falke die Aufmerksamkeit wieder auf sich, nachdem er festgestellt hatte, dass keine der beiden Frauen Anstalt machte, etwas zu sagen. Tine wandte sich wieder von Julia ab.
„Nicht wirklich, wir sind auch gerade erst gekommen und fangen jetzt an. Wir haben vor ein paar Wochen schon einen Tipp bekommen, dass große Mengen an harten Drogen heute von Hamburg über die Autobahn in die Niederlande geschmuggelt werden sollen – aber das wisst ihr bestimmt auch schon.“
Falke nickte.
„Die Kollegen vom Zoll wissen auch Bescheid, aber wir hoffen, dass wir sie hier in der Nähe von Hamburg schon schnappen können.“ Erklärte Tine weiter. „Daher auch euer Einsatz hier.“ Ergänzte sie und warf Julia einen kühlen Blick zu.
Diese senkte den Blick. „Ich hol’ mir einen Kaffee.“ Sagte sie nur, drehte sich um und verschwand in Richtung des kleinen Tankstellenladens.
„Typisch“, dachte Tine. „Weglaufen kann sie.“ Sie nahm einen tiefen Atemzug und wandte sich wieder Falke zu. „Wir haben eine Liste von Fahrzeugtypen, die gründlicher kontrolliert werden müssen.“ Sagte sie, drückte ihm einen Hefter in die Hand und führte den geplanten Tagesablauf weiter aus. Der Bundespolizist bedanke sich noch, bevor auch er sich umdrehte, um seine Kollegin zu suchen.
Tines jüngerer Kollege hingegen blickte ihm leicht irritiert hinterher und sah dann wieder runter zu ihr.
„Ist was?“ fragte sie schließlich, immer noch genervt von der Tatsache, dass ausgerechnet Julia Grosz heute hier mit ihr arbeiten sollte.
„Naja, hättest du nicht freundlicher sein müssen?“ fragte er vorsichtig. „Ich meine… Bundespolizei und so?“ Er schien kurz zu überlegen. „Wobei ich sie ja auch nicht unbedingt super sympathisch fand,“ betonte er. „Die hat den Mund ja noch nicht mal aufbekommen.“
Tine zuckte mit den Schultern. „Die werden schon wissen, was sie tun.“ Nuschelte sie, bevor sie sich umdrehte und sich an die Arbeit machte.
Der Vormittag war anstrengend gewesen. Bereits sechs Festnahmen hatte er mit sich gebracht und der Einsatz hatte sich jetzt schon ausgezahlt. Ein Teil der geplanten Rauschgifttransporte hatten sie tatsächlich abpassen können – Tine wertete dies als Erfolg. Dass Julia nur wenige Meter mit ihrem Kollegen Protokolle durchging mit bei der Kontrolle weiterer PKWs half, störte sie jedoch mehr, als sie es hätte zugeben wollen. Sie hatte gewusst, dass sie noch nicht über sie hinweg war, doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so schlimm sein würde. Jedes Mal, wenn sie einen Blick auf die Bundespolizistin warf, brach ihr Herz erneut und es ärgerte sie. Als wäre der Tag nicht so schon lang genug. Gedankenversunken blätterte sie durch die Notizen eines Kollegen. Als sie sich schließlich umdrehte, schnappte sie nach Luft. Julia. Schon wieder. Was auch immer sie wollte, Tine hätte es bevorzugt, mit Falke zu sprechen.
„Frau Grosz.“ Stellte sie nüchtern fest. „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“
„Ich dachte, du kannst vielleicht einen Koffeinschub gebrauchen.“ Antwortete die große Blonde und hielt ihr einen Becher entgegen. Soviel zum Thema Distanz wahren.
„Du weißt schon, dass ich genug verdiene, um mir meinen eigenen Kaffee zu kaufen?“ entgegnete Tine irritiert, nahm den Becher jedoch an.
Julia zuckte nur mit den Schultern.
„Ich hab’ ihn nicht vergiftet.“ Versicherte sie, als Tine das Getränk immer noch skeptisch beäugte. Diese verdrehte wieder die Augen.
„Hab’ ich auch nicht erwartet. Habt ihr dahinten irgendein Problem?“ Fragte sie und nickte in die Richtung, in der Falke mit ein paar ihrer Kollegen stand. Langsam verlor sie die Geduld – Julia hatte nicht das Recht, einfach zu ihr zu kommen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Und für Smalltalk hatte sie heute erst recht keine Zeit.
„Nicht direkt. Ich wollte eigentlich nur…“ Julia zögerte. „Herzlichen Glückwunsch. Also zur Beförderung.“ Sagte sie schließlich.
„Noch ist nichts offiziell.“ Erwiderte Tine knapp. „Sonst noch was?“
Die große Blonde nahm einen tiefen Atemzug. „Gut siehst du aus.“
Tine hingegen schloss kurz die Augen. Was auch immer die Kommissarin hier gerade versuchte, es war weder der richtige Ort noch die richtige Zeit dafür. „Julia.“ Schnaufte sie genervt. „Was willst du?“
Die Blonde schluckte erneut. „Können wir nochmal in Ruhe reden?“
„Tun wir das nicht gerade?“ Konterte die Polizistin.
Julia senkte den Blick.
„Du fehlst mir.“ Gab sie leise zu.
Da war es. Tine verfluchte ihr Herz, das auf diesen einen Satz deutlich mehr reagierte, als es sollte. „Das hättest du dir ein bisschen früher überlegen sollen.“ Zischte sie. „Wie geht’s deinem Philipp?“
Julia zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Hab mich nicht wieder mit ihm getroffen.“
Wieder verdrehte Tine die Augen. Gerade, als sie etwas erwidern wollte, hörte sie, wie jemand hinter ihr ihren Namen rief. Sie signalisierte ihrem jüngeren Kollegen kurz, dass sie gleich kommen würde und drehte sich wieder zu Julia um.
„Du verdienst eine Ohrfeige. Alleine weil du denkst, du kannst hier mit einem Kaffee gleich alles wieder gutmachen.“ Sagte sie bissig, bevor sich ihre Gesichtszüge etwas entspannten. Sie war wütend. Und verletzt. Dennoch musste sie zugeben, dass Julia ihr in diesem Moment auch leidtat und so wie sie sie kannte, war es ihr bestimmt auch nicht leichtgefallen, über ihren Schatten zu springen und sie überhaupt anzusprechen.
„Komm nachher nach dem Einsatz zu meiner Dienststelle. Dann können wir reden.“ Seufzte sie, drehte sich um und ließ eine leicht hoffnungsvolle Julia zurück.
Auch die darauffolgenden Stunden hatten sich als anstrengend erwiesen. Es hatte trotz des frühen Einbruchs der Dunkelheit weitere Festnahmen gegeben und das Team ging jetzt am späten Abend nur noch von zufälligen Funden aus. Tine wagte einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. In weniger als einer Stunde würde sie sich anhören, was ihre Ex zu sagen hatte – und der Gedanke daran ließ sie ihren Vorschlag bereuen. Sie konnte nur schwer einschätzen, was Julias Plan war – wenn sie denn überhaupt einen hatte. Mittlerweile war es draußen auch kühler geworden, was vielleicht auch nicht die beste Voraussetzung für ein potenziell ernsteres Gespräch auf einem Parkplatz war. Zum Absagen war es jetzt zu spät, doch ein paar letzte Kontrollen hatte sie als Gnadenzeit immerhin noch vor sich. Sie seufzte und schritt auf zwei ihrer Kollegen zu, die neben auf einen dunkelroten Wagen mit Dortmunder Kennzeichen standen, den sie zuletzt herausgewunken hatten.
„Guten Abend, einmal den Führerschein und die Fahrzeugpapiere, bitte.“ Begrüßte sie routinemäßig und nahm entsprechende Dokumente entgegen, während ihre Kollegen das Nummernschild mit ihrer Datenbank abglichen.
„Wir würden gerne einen kurzen Blick in den Kofferraum werfen.“ Kündigte Tines junger schlaksiger Kollege an. Die Polizistin nickte und wandte sich wieder dem Fahrer zu.
„Wir würden Sie bitten, einmal auszusteigen.“ Sagte sie und trat einen Schritt zur Seite.
Der Fahrer nickte, öffnete seine Tür, stieg langsam aus seinem Auto heraus und sah auf die Polizistin herab. Und dann ging alles ganz schnell. Als Tine das Messer in seiner Hand bemerkte, hatte er bereits ausgeholt und auf sie gezielt. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Arm, doch sie reagierte schnell und mit Mühe gelang es ihr, ihm das Messer aus der Hand zu schlagen. Auch ihre Kollegen blieben nicht tatenlos und eilten dazu, um den großen Unbekannten festzuhalten. Gerade, als es einem der Polizisten gelungen war, ihn festzunehmen, brach er aus dem festen Griff aus und sein Ellenbogen traf Tine im Eifer des Gefechts mitten im Gesicht. Während sie zurücktaumelte, sah sie im Augenwinkel, wie Falke herbeigeeilt kam und ihren Kollegen half, ihn schließlich zu stoppen und spürte im selben Moment einen Arm in ihrem Rücken, der ihr wieder etwas Halt gab.
„Ich hab’ dich.“ Hörte sie Julias Stimme hinter sich und nickte nur, immer noch leicht benommen. Schwer atmend sah sie dabei zu, wie der Mann abgeführt wurde und richtete sich wieder etwas auf.
„Ich bin kurz auf Toilette.“ Kündigte sie an. Sie brauchte ein paar Minuten für sich und lief ohne auf eine Antwort oder eine Reaktion zu warten zielstrebig auf das Gebäude neben der Tankstelle zu.
Das grelle Licht auf der Toilette bot einen harten Kontrast zu der Dunkelheit draußen, an die sich ihre Augen im Laufe des Abends gewöhnt hatten. Trotz einer anfänglichen Orientierungslosigkeit fand Tine den Weg zur Waschbeckenplatte und stütze sich kurz darauf ab. Ihr Atem ging immer noch schnell und es vergingen ein paar Minuten, bevor sie sich wieder gesammelt hatte. Nicht zum ersten Mal heute war sie dankbar, dass die Damentoilette auf diesem Parkplatz verhältnismäßig groß und für eine Raststättentoilette relativ sauber gehalten war. Sie nahm einen tiefen Atemzug und begann, ihr Gesicht in dem großen Spiegel zu betrachten. Der Schlag hatte sie direkt zwischen Auge und Nase getroffen. Bereits jetzt hatte sich der Bereich unter ihrem linken Auge dunkelrot verfärbt und sie ahnte, dass die Folgen des Schlags mindestens eine Woche sichtbar sein würden. Vorsichtig tastete sie ihre blutbeschmierte Nase ab.
„Nicht gebrochen…“ flüsterte sie erleichtert und schloss kurz die Augen. Dennoch hatte sie das Gefühl, ihr ganzer Kopf würde gleich explodieren. Der Adrenalinschub ließ langsam nach und mit jeder Minute spürte sie die Schmerzen mehr. Gleichzeitig begann ihr Gehirn, das Geschehene zu verarbeiten. Erst hatte der Fahrer ein Messer gezückt, das Tine ihm erfolgreich aus der Hand geschlagen hatte, dann hatte er selbst mit der Faust zugeschlagen. Vor Julias Augen.
„Fuck. Fuck, fuck, fuck!“ rief sie wütend. Noch nie war ihr während ihrer gesamten Karriere bei der Autobahnpolizei irgendetwas passiert. Natürlich war es hin und wieder zu Auseinandersetzungen gekommen, aber noch nie hatte sie sich so überraschen lassen – und ausgerechnet heute, vor den kritischen Augen ihrer ach-so-perfekten Ex, hatte der Tag so enden müssen. Gerade, als sie sich das wenige und mittlerweile getrocknete Blut aus dem Gesicht wischen wollte, hörte sie Schritte. Bei der Kontrolle heute waren nur wenige Frauen im Einsatz gewesen und Tine wusste sofort, wer ihr gefolgt war.
„Fuck.“ Wiederholte sie leiser und nahm einen tiefen Atemzug. Als wäre die Situation nicht schon peinlich genug.
„Hey…“ sagte Julia vorsichtig und schritt auf die zu. „Bist du okay?“ fragte sie. Sorge schwang in ihrer sonst so emotionsarmen Stimme mit.
„Ja, alles gut. Ich wäre eh gleich wiedergekommen.“ Erwiderte Tine schwach, wusste sie doch selbst, wie schlecht sie lügen konnte. Sie fühlte sich alles andere als gut und sie war ziemlich sicher, dass es ihr anzusehen war.
Julia machte einen Schritt auf sie zu und nahm ihr Gesicht in die Hände.
„Zeig mal her.“ Forderte sie.
Tine hingegen schlug ihre Hand weg.
„Ist nicht gebrochen.“ Schnappte sie, bereute ihre plötzliche Bewegung jedoch sofort, als sie einen stechenden Schmerz in ihrem Arm spürte. Ihr Arm – daran hatte sie überhaupt nicht mehr gedacht.
Julia sah sie skeptisch an.
„Lass mich nochmal sehen.“ Sagte sie erneut, dieses Mal in einem sanfteren Ton, und zog Tine ein Stück ins Licht. Bevor Tine sich weiter wehren konnte, hatte sie ein Papiertuch angefeuchtet und begonnen, das Blut im Gesicht ihrer Freundin behutsam abzutupfen.
Tine hingegen spürte den Schmerz in ihrem Arm immer deutlicher. Ihre Beine wurden langsam schwerer und sie fühlte sich schwach. Reflexartig fasste sie mit ihrer linken Hand an die Stelle, von der der Schmerz ausging und stellte erschrocken fest, dass ihre Jacke dort feucht war.
„Ist das… Blut?“ Erst jetzt bemerkte auch Julia den großen dunklen Fleck auf dem dunkelblauen Stoff.
Tine schloss die Augen, versuchte sich zu sammeln.
„Messerstich…“ murmelte sie und stützte sich auf der Waschbeckenplatte ab. Sie spürte, wie ihre Beine langsam nachgaben und festigte ihren Griff.
Julia begann sofort zu handeln und löste den Klettverschluss ihrer Schussweste.
„Warte kurz.“ sagte sie und stützte Tine mit einem Arm während sie die Weste über ihren Kopf zog und achtlos auf den Boden warf. Ohne zu zögern machte sie sich auch an dem Reisverschluss der Uniformjacke zu schaffen.
„Ich ruf’ gleich einen Krankenwagen, wir kriegen das hin, okay?“ Eine leichte Spur von Panik schwang in ihrer Stimme mit.
„Julia…“ versuchte Tine noch zu protestieren, doch als sie die Hände von der Waschbeckenplatte löste, um sich ihre Jacke ausziehen zu lassen, wurde ihr schwarz vor Augen.
Als sie wieder zu sich kam, stellte sie fest, dass sie weich lag. Um sich herum konnte sie verschiedene Stimmen wahrnehmen – irgendwas mit ihrem Namen, Notarzt und Krankenhaus. Und Julias Stimme – direkt über ihr. Tine stöhnte innerlich auf, als ihr bewusst wurde, dass sie in ihren Armen lag. Als wäre die Situation nicht vorher schon peinlich genug gewesen.
„Tine?“
Nur langsam öffnete sie die Augen und blickte direkt in Julias besorgtes Gesicht. Sie wollte antworten, doch bekam kein Wort über ihre Lippen. Ihr war kalt und sie fühlte sich müde.
„Hey, bleib bei mir okay?“
Sie spürte, wie Julias Griff sich festigte. Angestrengt wagte sie einen Blick auf ihren Arm. Verbunden. Und ihr Hemd zerrissen – da würde sich die Verwaltung freuen. Gerade erst hatte ihre Einheit neue Uniformen bekommen.
„Tine.“ Julia zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. Tine versuchte zu überlegen, wann und ob sie jemals im Beisein von anderen Personen so viele Emotionen in ihrem Gesicht gesehen hatte. Die Kommissarin nahm einen tiefen Atemzug. „Tine, ich-“
Doch bevor sie ihren Satz beenden konnte, wurde sie vom Rettungsteam unterbrochen, das letztlich eingetroffen war.
Instinktiv beantwortete Tine einsilbig die wenigen Fragen, die ihr gestellt wurden, war mit ihren Gedanken jedoch weit weg. Immer wieder suchte sie den Blickkontakt zu Julia, in der Hoffnung, diese würde ihren Satz noch beenden. Tine glaubte zu wissen, was sie hatte sagen wollten, doch sie war sich nicht sicher – und genau diese Sicherheit fehlte ihr in diesem Moment. Um sie herum war alles hektisch und laut und als sie schließlich von den Sanitätern aus Julias Armen auf die Tragen gehoben wurde, spürte sie ein leichtes Gefühl von Panik. Für einen kurzen Moment verschwand Julia aus ihrem Blickfeld, tauchte jedoch nur wenige Minuten später wieder an ihrer Seite auf.
„Ich komme nach, okay?“ versicherte sie und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. Ein Versprechen, dass sie nicht alleine sein würde. Ein Versprechen, das Tine genau in diesem Moment gebraucht hatte. Sie spürte, wie die Anspannung von ihr abfiel, warf Julia noch einen letzten Blick zu, bevor sie ihre Augen wieder schloss.
Im Aufwachraum des Krankenhauses kam sie schließlich wieder zu sich. Sie konnte sich wage daran erinnern, durch verschiedene Räume geschoben worden zu sein, war sich letztendlich jedoch nicht sicher, wie viel Zeit insgesamt vergangen war. Sie fühlte sich wie in einer Blase und es kam ihr vor, als wäre alles, was heute passiert war, weit weg. Der Einsatz, die Messerattacke, Julia,… Julia. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, sauer auf sie zu sein – doch wie sollte das gehen, wenn Julia, wenn es drauf ankam, auf einmal wieder genau wusste, was sie sagen und tun musste, um sie zu beruhigen? Tine schnaubte frustriert.
„Frau Geissler,“ Tine blickte zu einer Pflegekraft auf, die soeben auf sie aufmerksam geworden war. „Wie fühlen Sie sich?“
„Ganz gut?“ antwortete die Polizistin unsicher. Sie war so gedankenversunken gewesen, dass sie gar nicht mehr darüber nachgedacht hatte, warum sie überhaupt hier war. Erneut wagte sie einen Blick auf ihren Arm – neu verbunden, dieses Mal sichtlich professioneller.
„Ruhen Sie sich noch etwas aus.“ Sagte die Pflegerin und sah auf ihre Armbanduhr. „Wir behalten Sie noch eine Stunde hier, danach können Sie nach Hause. Sie haben viel Glück gehabt – die Ärzte haben Sie gut wieder zusammengeflickt und bis auf eine Narbe wird in ein paar Wochen schon nichts mehr zu sehen sein. Sollten Sie aber Schmerzen oder generell Fragen haben, sagen Sie gerne Bescheid.“
„Ich, ähm. Ich habe keine Anziehsachen.“ Murmelte Tine etwas peinlich berührt und deutete auf das gemusterte OP-Hemd.
„Die hat Ihre Kollegin Ihnen bereits gebracht.“ Zwinkerte die Pflegekraft, deren Name Tine auf dem kleinen Schild nicht hatte lesen können. „Sie hat den meisten Papierkram auch schon ausgefüllt, wir brauchen nachher quasi nur noch Ihre Unterschrift.“ Die junge Frau musterte Tine, als würde sie die Antwort auf eine für sie ungeklärte Frage suchen, bevor sie fortfuhr. „Gerade auf der Notfallstation ist es selten, dass wir direkt so umfassende Patienteninformationen bekommen – Ihre Kollegin wusste alles, von Allergien bis hin zu Ihrer Blutgruppe.“ Sie lachte kurz. „So gute Kollegen hätte ich auch gerne, ich wäre schon froh, wenn meine sich meinen Geburtstag merken könnten.“
Tine zuckte mit den Schultern.
„Hat ein gutes Gedächtnis.“ Nuschelte sie.
Die Pflegerin nickte, schrieb noch ein paar Notizen auf ihren Block und ging zurück an ihren Schreibtisch.
Tine hingegen wusste nicht, was sie schlimmer fand – die Tatsache, dass Julia ihre Blutgruppe wusste, oder dass sie die der Bundespolizistin eben nicht wusste. Sie konnte sich ehrlich gesagt auch nicht daran erinnern, sich überhaupt je mit Julia über ihre Blutgruppe, Krankheiten und Ähnliches unterhalten zu haben und beschloss, bei Gelegenheit nachzufragen, sollten sich ihre anderen Probleme klären.
Als sie den Warteraum der Notaufnahme eine gute Stunde später betrat, atmete sie erleichtert auf. Julia war tatsächlich da und hatte auf sie gewartet – mit ihr zusammen auch Falke, der mit einer Bierflasche in der Hand neben ihr stand.
„So,“ begann die Pflegekraft aus dem Aufwachraum, die soeben hinter Tine aufgetaucht war. „Die Entlassungspapiere und das Rezept für die Apotheke.“ Sie drückte ihr ein paar Blätter in die Hand. „Bleiben Sie die nächsten 24 Stunden in Begleitung einer anderen Person und rufen Sie sofort an, sollten Sie Beschwerden haben.“
Sie nickte zufrieden über ihre Aufklärung, bis ihr Blick an den zwei Bundespolizisten hängen blieb. Neugierig beäugte sie das ungleiche Paar, stellte jedoch schnell fest, dass keiner der Anwesenden in ihrem Beisein etwas sagen würde und sah zu Tine zurück. Mit einem fröhlichen „Gute Besserung!“ verabschiedete sie sich und kehrte in den Aufwachraum zurück.
„Hey.“ Sagte Julia vorsichtig. Immer noch stand sie stoisch neben ihrem Kollegen, wortkarg wie immer – hätte Tine die leichte Unsicherheit in ihrer Stimme nicht wahrgenommen, hätte sie vermutet, dass der Weg ins Krankenhaus für sie nicht mehr als ein notwendiger Teil des heutigen Arbeitstags gewesen war.
„Hey.“ Erwiderte sie mit einem leichten Lächeln.
Falke hingegen räusperte sich und schubste Julia ein Stück nach vorne.
„Julia und ich haben uns gerade darüber unterhalten, dass sie sich morgen einfach frei nehmen könnte – also solltest du die nächsten 24 Stunden mit ihr verbringen müssen.“
Als Julia sich immer noch nicht rührte, ging er auf Tine zu und streckte seine Hand aus. „Nach zwei Einsätzen zusammen kann man sich doch duzen, oder? Thorsten.“
Tine zog die die Augenbraue hoch, nahm seine Hand jedoch entgegen. „Tine.“
Erst jetzt meldete sich auch Julia zu Wort.
„Ich wusste nicht, ob ich jemanden für dich anrufen soll.“
„Sie hat gehofft, dass sie das nicht braucht.“ Korrigierte Falke. Eine klare Andeutung darauf, dass Julia sich offenbar Gedanken darüber gemacht hatte, ob sie bereits eine neue Partnerin hatte.
Tine verkniff sich einen bissigen Kommentar. Ehrlich gesagt hatte sie heute auch keine Energie mehr für Sticheleien und musste sich eingestehen, dass Julia solche heute auch nicht verdient hatte.
„Da hat sie wohl Glück gehabt.“ Sagte sie stattdessen nur.
„Wenn das geklärt ist…“ Falke deutete in Richtung Ausgang.
Beide Frauen nickten und Julia machte schließlich auch die letzten paar Schritte auf ihre jüngere Kollegin zu.
„Danke.“ Sagte Tine leise, als Julia ihr ihre Entlassungspapiere abnahm. „Für alles.“ Fügte sie hinzu und sah die Kommissarin eindringlich an. Wieder nickte Julia, dieses Mal mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.
„Komm.“ Sagte sie und legte ihren Arm um sie. „Ich fahr uns nach Hause.“
„Ich hab’ eine Verletzung am Arm, nicht an den Beinen.“ Konnte Tine sich nicht verkneifen, ließ sich aber von der großen Blonden stützen. Der Tag war lang gewesen und sie musste sich eingestehen, dass sie den Halt ihrer Ex in diesem Moment genoss.
Julia festigte ihren Griff und schmunzelte, während beide an einem neugierig blickenden Falke vorbeigingen.
Falke redete die ganze Fahrt zurück nach Hamburg. Eine Fahrt, die Tine unnötig lang vorkam, vielleicht gerade aufgrund der Monologe des Kommissars und der leichten Anspannung, die trotz allem zwischen Julia und ihr lag. Die Kommissarin hatte auf dem Weg noch eine kurze Pause bei der erstbesten Notfallapotheke eingelegt, während der Falke kurz ernster geworden war.
„Nicht, dass es mich was angeht, aber vielleicht verzeihst du ihr ja irgendwann nochmal. Du hast ihr gutgetan.“ Hatte er gesagt.
Tine hatte nichts erwidern wollen. Sie hatte bereits im Krankenhaus über eine Stunde Zeit gehabt, sich Gedanken über die Situation zu machen. Sie wusste auch, dass Julia sich heute auch unter anderen Umständen entschuldigt hätte, warum sonst hätte sie das Gespräch mit ihr suchen sollen – doch während Tine am Morgen noch überzeugt davon war, sich nicht wieder auf die große Blonde einlassen zu wollen, war sie sich jetzt nicht mehr so sicher. Die Art, wie Julia sie angesehen hatte, die Sorge in ihrem sonst so emotionsarmen Gesicht. Die Sanftheit in ihren Berührungen. Die Emotionen in ihrer üblicherweise so kontrollierten Stimme. Und der Satz, den sie nicht mehr hatte beenden können. Und die einfache Tatsache, dass sie festgestellt hatte, wie sehr sie ihr doch fehlte.
Tine atmete erleichtert auf, als Julia ihren Kollegen endlich vor seiner Wohnung absetzte und sich mit einem kurzen Winken verabschiedete.
„Wie fühlst du dich?“ brach Julia irgendwann die Stille, die sich zwischen den beiden gelegt hatte.
„Geht so.“ antwortete Tine wahrheitsgemäß. „Der Tag hätte besser laufen können.“ Gab sie zu.
Julia seufzte. „Es tut mir leid.“
„Nicht deine Schuld. Oder sagen wir es so – eine Messerattacke ist noch ein bisschen schlimmer als einen Tag mit seiner Ex arbeiten zu müssen.“ Sie schenkte Julia ein müdes Lächeln.
Wieder verfielen sie in Schweigen. Die Straßen waren für Hamburger Verhältnisse überraschend leer und als Julia ihren Wagen vor ihrem Wohnhaus parkte, zeigte die Uhr auf dem Autodisplay bereits kurz vor zwei an. Tine schluckte unbemerkbar. Julias Wohnung. Das letzte Mal, als sie hier gewesen war, hatte sie lediglich noch ihre Sachen abgeholt und war davon ausgegangen, nie mehr wiederzukommen. Julia hatte heute auch nicht gefragt, ob sie vielleicht lieber zu sich nach Hause wollte – wahrscheinlich hatte sie bis zum Schluss angenommen, dass sie Tine noch irgendwo absetzen würde und machte sich nun ähnliche Gedanken. Davon ging Tine zumindest aus.
Gedankenversunken hatten beide den Weg durch das Treppenhaus gefunden und betraten die minimalistisch eingerichtete Wohnung. Und jetzt standen sie beide hier, dort wo das, was sie hatten, sein Ende gefunden hatte.
Tine sah sich um. Es war noch alles genau wie beim letzten Mal. Die Wohnung sah nach wie vor aus, als hätte Julia nicht vor, lange zu bleiben. Es standen wenig persönliche Gegenstände auf den Regalen, die offene Küche wirkte immer noch unbenutzt. Tine erinnerte sich an das erste Mal, als sie hier etwas gekocht hatte – Julia hatte selbst nicht genau gewusst, wie die Herdplatte überhaupt funktionierte. Die Kommissarin besaß generell wenig Sachen, was aufgrund ihrer Vergangenheit auch durchaus Sinn ergab, und Tine war nach und nach aufgefallen, dass die wenigen Dinge, die ihr etwas mehr bedeuteten, Stück für Stück in ihrer eigenen Wohnung aufgetaucht waren.
„Das Bild hängt leicht schief.“ Fiel ihr auf. Es waren nur wenige Millimeter und dennoch das Einzige, das anders war. Sie drehte sich wieder zu Julia um. Diese schien mit ihren Gedanken genauso weit weg zu sein, wie Tine es eben noch gewesen war.
„Julia?“
Doch die Kommissarin sagte nichts. Stattdessen legte sie ihre Arme um sie und drückte sie an sich. Tine war im ersten Moment überrascht, erwiderte die Umarmung jedoch und schloss kurz die Augen. Der Moment fühlte sich so vertraut an – Julias leichtes Parfum, gepaart mit dem angenehmen Geruch von Waschmittel, der von ihrem dunkelgrauen Pullover ausging und ihre Wärme, die Tine an so manchem kühlen Abend vermisst hatte. Julia hatte ihr Gesicht in ihrem Hals vergraben und Tine war sich nicht sicher, ob sie vorhatte, je wieder loszulassen.
„Julia?“ versuchte sie es irgendwann wieder. „Bist du okay?“ fragte sie leicht irritiert, nicht zuletzt, weil der Druck auf ihrem Arm ihr mittlerweile wieder etwas zu schaffen machte.
Erst jetzt löste die Blonde sich ein Stück von ihr.
„Du fragst mich, ob ich okay bin?“
Tine sah sie verwirrt an. „Ja?“
„Du musstest ins Krankenhaus und willst wissen ob ich okay bin?“
„Offensichtlich ja nicht.“ Erwiderte Tine. Sie kannte diese Seite an Julia – leicht aufgewühlt und noch nicht ganz soweit, ihre Emotionen sortieren zu können. Die Polizistin seufzte und nahm Julias Hände in ihre.
„Ich bin okay.“ Sagte sie und sah sie eindringlich an. „Der Stich war nicht mal tief genug, um wirklich einen großen Schaden anzurichten. Es ist alles gut.“
„Ja, klar.“ Schnaubte die große Blonde und wandte sich schließlich von ihr ab.
„Hör auf, dir Vorwürfe zu machen.“ Sagte Tine etwas lauter. „Du hättest nichts anders machen können.“ Sie nahm einen tiefen Atemzug. „Auch nicht, wenn wir noch zusammen gewesen wären.“
Sie kannte die Kommissarin gut genug, um zu wissen, in welche Richtung ihre Gedanken gingen. Wieder griff sie nach ihrer Hand.
„Aber du warst da. Du bist bei mir geblieben, obwohl ich dir heute nicht unbedingt einen Grund dafür gegeben habe. Du hast sogar ohne zu zögern angeboten, morgen den ganzen Tag mit mir zu verbringen, damit ich nicht im Krankenhaus bleiben muss. Ohne dich wär’ alles noch viel schlimmer gewesen.“
Tine blickte auf die Uhrzeitangabe am Herd. „Lass uns schlafen gehen.“ Sagte sie weiter. Sie wusste, dass Argumente in diesem Moment keine große Wirkung haben würden und sie fühlte sich zudem zu müde für tiefgründige Gespräche und ihr Gefühlschaos.
Der Kommissarin schien es nicht anders zu gehen. „Im Schrank über dem Waschbecken müsste noch eine neue Zahnbürste sein. Ich bring’ dir gleich ein paar Sachen für die Nacht.“ Sagte sie noch und ließ Tine im Wohnzimmer stehen.
Als Tine wieder ins Schlafzimmer kam, hatte Julia bereits ein Kopfkissen für sie bezogen und verschwand selbst im Bad. Wieder nahm die Polizistin einen kurzen Moment Zeit, um sich umzusehen. Auch hier schien sich auf den ersten Blick nicht viel verändert zu haben. Ihr Blick blieb schließlich an dem großen Wandspiegel neben dem Kleiderschrank hängen. Noch immer hingen einzelne Fotos an den Seiten, doch Julia schien einige davon ausgetauscht zu haben. Neugierig machte Tine einen Schritt auf den Spiegel zu und sah sich die einzelnen Bilder genauer an. Wo früher noch Bilder aus Afghanistan hingen, waren jetzt zwei Bilder mit Falke aufgetaucht – auf einem sogar mit seinem Sohn. Und dann sah sie es. Oben links klebte ein Bild, auf dem sie beide waren. Sie erinnerte sich noch genau an den Moment, als sie das Bild mit ihrem Handy gemacht hatte – sie hatte in dem Jahr an Heiligabend arbeiten müssen und Julia hatte sie schließlich nach ihrer Schicht abgeholt, mit dem Versprechen die Nacht noch etwas festlich zu gestalten. Tine hatte erst ein schlechtes Gewissen gehabt und ein paar Mal nachgefragt, ob Julia die Feiertage nicht lieber mit ihrer Familie verbringen wollte, doch die große Blonde war bei ihr geblieben.
„Wir machen aus Heiligabend einfach Heilignacht.“, hatte sie gesagt.
Das Bild war nur wenige Stunden später entstanden, nachdem beide es sich auf ihrer Couch gemütlich gemacht hatten, Julia mit Weihnachtsmütze und Tine in ihren Armen, die Wangen leicht von der ersten Tasse selbstgemachtem Glühwein gerötet. Tine starrte das Bild an. Sie wirkten glücklich, Julia so unbeschwert wie auf keinem anderen Bild, während sie in die kleine Handykamera lächelten. Tine wunderte sich, dass Julia das Bild nicht abgehängt hatte – Zeit genug wäre dafür schließlich gewesen. Sie seufzte und wandte sich schließlich von dem Bild ab, gerade rechtzeitig, bevor Julia aus dem Bad zurückkam. Tine steuerte wie automatisch auf ihre Seite des Bettes zu.
„Bei dir zu schlafen fühlt sich immer ein bisschen an wie im Hotel.“ Murmelte sie und strich mit der Hand über den weichen weißen Stoff, bevor sie die Decke ein Stück anhob und ihren Platz einnahm.
„Ist das gut oder schlecht?“
Die Polizistin zuckte mit den Schultern. „Ist auf jeden Fall günstiger als im Hotel.“ Antwortete sie in einem Versuch, die Spannung im Raum etwas zu lockern.
Julia verdrehte die Augen, jedoch nicht ohne ein Lächeln auf ihren Lippen. „Brauchst du noch etwas?“ fragte sie.
„Schlaf.“ Antwortete Tine wahrheitsgemäß. Sie klopfte demonstrativ auf den freien Platz neben ihr.
Julia nickte nur, löschte das warme Licht der Stehlampe und legte sich zu ihr.
Trotz der Müdigkeit konnte Tine nicht sofort einschlafen und sie wusste instinktiv, dass auch Julia neben ihr noch wach lag.
„Julia?“ Hörte sie sich leise fragen und drehte den Kopf zu ihr. Und dann, ganz plötzlich, überkam sie unerwarteter Mut. Ohne auf eine Reaktion oder Antwort zu warten, beugte sie sich zu der Kommissarin und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Wange.
„Schlaf schön.“ Flüsterte sie und drehte sich von ihr weg. In diesem Moment war sie dankbar dafür, dass das schwache Licht der Straße nicht hell genug war, um irgendetwas erkennen zu können, denn sie spürte, leicht überrascht von sich selbst, wie das Blut in ihren Kopf geschossen war.
Nur wenige Momente später fühlte sie, wie Julia langsam ihren Arm um sie legte – war sie doch nicht die Einzige, die heute noch über ihren Schatten sprang.
Tine seufzte zufrieden und zog sie ein Stück näher an sich heran – morgen könnten sie über die Situation reden, darüber wie es mit ihnen weitergehen würde, doch jetzt, in diesem Moment, war Julias Nähe genau das, was sie brauchte.
Sie war schon fast eingeschlafen, als sie Julias Stimme hörte und horchte auf.
„Nimm mich zurück.“ Sagte sie leise – so leise, dass Tine sich sicher war, dass der Satz wahrscheinlich nicht für ihre Ohren bestimmt war. Und dennoch bestand kein Zweifel daran, dass Julia genau diesen einen Wunsch hatte.
„Werde ich.“ Waren die letzten Gedanken, die Tine an diesem Tag noch hatte, bevor sie schließlich einschlief, ihr Herz seit Wochen zum ersten Mal wieder etwas leichter.
