Work Text:
Am Sonntagmorgen um halb neun klingelt sein Handy. Er ist noch gar nicht ganz wach, steht gerade mit der Zahnbürste im Mund vor der Kaffeemaschine. „Frau König! Ich hoffe, es ist nicht dienstlich!” begrüßt er sie, nachdem er die Zahnbürste losgeworden ist. Sie sollte eigentlich frei haben, genau wie er. Für einen Moment ist es ruhig in der Leitung. Er hört Möwen. „Mein Auto ist liegengeblieben.” sagt sie schließlich. Ihr Tonfall ist so offensichtlich angepisst, dass er die Stirn runzelt. „Aber Ihnen geht's gut?” Er schaltet die Kaffeemaschine wieder aus und geht zum Schrank, um sich anzuziehen. „Ja, er hat einfach Power verloren und ist stehen geblieben.” Ah. Sie ist also nur sauer, weil ihr geliebtes Auto nicht ganz so wollte wie sie. Er schmunzelt leicht. „Wo sind Sie?” Schon wieder ist Stille in der Leitung. „Frau König?” „Markgrafenheide.” gibt sie schließlich zu. Das ist nicht gerade um die Ecke. Er sucht sich die Autoschlüssel und zieht seine Schuhe an. Ein wenig Neugierde lässt er zu. „Und was machen Sie da?” Sie seufzt. „Ich wollte joggen gehen und dann an den Strand.” Er richtet sich auf. Verdammt. Das Bild, das ihre Worte in seinem Kopf erzeugen, muss er erstmal verarbeiten. Er räuspert sich. „Schicken Sie mir die Adresse? Ich bin in einer halben Stunde da. Muss nur das Abschleppseil suchen.” „Okay.” antwortet sie leise. Er legt auf, sieht kurz in den Spiegel. Dann kehrt er in die Küche zurück, packt kurzentschlossen etwas zu trinken und eine Tüte Chips ein, holt sich ein Buch und eine Badehose. Vielleicht kann er sie ja überzeugen, eine Weile dort zu bleiben. Er hat nichts Besseres zu tun und sonntags sind die Werkstätten ohnehin zu. Es hat auch nicht das Geringste mit dem Bild in seinem Kopf zu tun, dem von Katrin König. Am Strand. Im Bikini. Ganz und gar nicht.
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Sie ist schön. Das denkt er oft, aber so wie jetzt und hier am Waldrand, in unauffälliger Sportkleidung, die Arme auf das Geländer gelehnt, tief in Gedanken, sieht er sie selten. Die Arbeit scheint ihm gerade sehr weit weg zu sein. Er betrachtet Katrin für einen Moment und gibt sich dann einen Ruck. Mit einem Seitenblick auf den Mercedes geht er zu ihr. „Na?“ Sie lächelt ihn an, ein wenig schüchtern. Es ist ihr unangenehm, dass sie ihn angerufen hat, das kann er in ihrem Gesicht erahnen. Aber es ist Sonntag, die Sonne scheint und er kann sich nichts Schöneres vorstellen, als jetzt hier neben ihr zu stehen. Er sieht in den Wald, genießt die Ruhe an ihrer Seite. Nach einer Weile atmet sie tief durch, als würde sie den Moment in sich aufnehmen, bevor sie in die Stadt zurückfahren müssen.
Er sieht sich um, der Mercedes steht schon am Straßenrand in einer Parklücke. Ein paar Schritte entfernt erspäht er den Parkautomaten. „Komm.“ sagt er kurzentschlossen, wagt das ‚du‘, weil sie frei haben und weil es sich gerade richtig anfühlt. „Ich hol mal einen Parkschein.“ Ohne auf ihre Antwort zu warten, drückt er ihr seine Autoschlüssel in die Hand und macht sich auf den Weg. „Äh, wie jetzt?“ fragt sie ihn perplex. „Joggen und Strand, Frau König. Das war doch der Plan, oder nicht?“ Er sucht Münzen aus seinem Portemonnaie zusammen. „Und mein Auto?“ „Wird nicht schlecht vom Parken. Das können wir später immer noch abschleppen.“ Er atmet nervös durch, während er genug Geld für ein Tagesticket einwirft und dann wieder zu ihr zurückkehrt. Sie hat tatsächlich eine große Tasche aus ihrem Auto geholt und packt sie gerade hinter den Beifahrersitz des Pickups. Das erleichterte Lächeln kann er geradeso unterdrücken.
Eine halbe Stunde später liegt er entspannt auf der Decke, die sie mitgebracht hat und sieht ihr nach, wie sie langsam den Stand hinunter joggt.
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Als sie zurückkehrt, gibt er ihr Raum, um seine Anwesenheit zu verarbeiten. Während sie eine Flasche Wasser trinkt, sieht sie hinaus auf's Meer und er konzentriert sich darauf, einfach sein Buch weiterzulesen. Doch dann beginnt sie, ihr Top auszuziehen. Darunter kommt ein Bikini-Oberteil zum Vorschein. Als sie auch ihre Hose auszieht, ist es um seine Konzentration geschehen. So viel Haut hat er noch nie an ihr gesehen. Langsam wandert sein Blick ihre Beine entlang, über ihren Rücken, bleibt an mancher interessanten Stelle hängen. Sie sieht immer noch aufs Meer hinaus, als hätte sie vergessen, dass er da ist und er folgt fasziniert dem Spiel ihrer Muskeln unter ihrer Haut, als sie ihre Haare neu zusammenbindet. Sein Atem geht schneller, sein Buch liegt vergessen in seinem Schoß.
Dann dreht sie den Kopf zu ihm und noch bevor er unschuldig wegsehen kann, findet sie seinen Blick. Was er sieht, überrascht ihn. Ihre Augen blitzen spielerisch, wissend. Sie hat genau gewusst, dass er sie ansieht und hier in diesem Moment, zum Sonntag am Strand, scheint sie beschlossen zu haben, dass er das darf und dass es ihr gefällt. Sie schmunzelt ihn an, dann geht sie Richtung Wasser, als sei nichts gewesen. Es dauert, bis sich sein Atem, sein Herzschlag und der Rest seines Körpers beruhigt haben.
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Nach einer Weile ist sie wieder da und wickelt sich wohlweißlich in ihr Handtuch. Dann setzt sie sich neben ihn und sieht ihn an. „Was lesen Sie?“ fragt sie ihn, und er ist ihr fast dankbar, dass sie sich doch wieder für das Sie entschieden hat. Er zeigt ihr das Titelbild, sagt ein paar Worte zum Plot. Sie schüttelt nur ungläubig den Kopf. „Wie halten Sie das aus, in Ihrer Freizeit auch noch Krimis zu lesen?“ Er schmunzelt, zuckt mit den Schultern. Er weiß, was sie gerade liest - einen Thriller, psychologischer Mindfuck - als ob das so weit von ihrem Job entfernt wäre. Aber die Diskussion ist alt zwischen ihnen, also antwortet er nicht, sondern wendet sich lächelnd wieder seinem Buch zu, während sie ihres rauskramt und sich neben ihn auf den Bauch legt, immer noch in ihr Handtuch gewickelt.
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Ihr Buch scheint sie diesmal nicht zu fesseln, denn nach nicht allzu langer Zeit legt sie es gedankenverloren ab und dreht sich auf den Rücken. Sie schließt die Augen und seufzt leise. Aus den Augenwinkeln beobachtet er, wie sie langsam ein- und ausatmet, sich ihre Brust hebt und senkt. Unbewusst passt er seine Atemzüge an ihre an. Es dauert eine Weile, bis er ihren Blick auf seinem Gesicht spürt, merkt, dass sie ihn ansieht, wieder dieses verschmitzte Lächeln auf den Lippen. Ihre Blicke treffen sich und bleiben aneinander hängen. In seiner Magengrube macht sich ein warmes Gefühl breit. Er beginnt schon, darüber nachzudenken, ob er ihr sagen soll, dass er gern hier mit ihr zusammen ist - da löst sie den Blick von seinem, setzt sich auf und kramt etwas aus ihrer Tasche heraus. Eine Flasche Sonnencreme. Sascha schluckt. Mit einem kurzen Blick zu ihm, den er nicht deuten kann, beginnt sie, sich einzucremen.
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Ein wenig stolz ist er ja schon, dass es ihm gelingt, wieder auf sein Buch zu schauen und zumindest ein paar Absätze zu lesen. Er ist schließlich kein Teenager mehr. Das sagt er sich selbst, während die Worte im Buch an ihm vorbeigehen.
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Irgendwann erscheint die Flasche in seinem Blickfeld. Er sieht auf. „Cremst du mir den Rücken ein?“ fragt sie leise, der Blick unsicher. Es ist ein Schritt auf ihn zu, das versteht er, einer von vielen kleinen Schritten, die sie in den letzten Wochen und Monaten gegangen sind. Einer dieser Momente, in denen sie beide offen zugeben, dass da mehr ist zwischen ihnen. Dass sie nicht nur Kollegen sind, und auch nicht nur Freunde. Er nimmt die Flasche aus ihrer Hand, dreht sich ihr zu. Sie sieht ihn noch eine Weile an, weniger unsicher, dafür nachdenklich, vielleicht nervös. Heute Abend wird er sich wieder fragen, warum sie nicht einfach mal offen darüber sprechen, was sie voneinander wollen, aber jetzt gerade weiß er es wieder - so einfach ist das nicht. Wenn sie aussprechen, was da zwischen ihnen passiert, ist es plötzlich da, greifbar und unwiderruflich. Dann kann es auch nicht mehr zurückgenommen werden, oder noch schlimmer: Es kann verloren gehen. Und dafür - dafür sind sie noch nicht bereit.
Also cremt er ihr den Rücken ein. Langsam und gründlich. An der einen oder anderen Stelle verweilt er vielleicht etwas länger, besonders da, wo sie leise wohlig seufzt. Aber sie reden nicht drüber, und als er fertig ist, geht er erstmal ins Wasser, um sich abzukühlen.
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So vergeht der Tag schnell. Irgendwann haben sie ihre Sachen zusammengepackt und sind etwas essen gegangen. Er hat gezahlt und sie hat mit den Augen gerollt, aber sie hat ihn machen lassen. Als sie mit einem Eis in der Hand den Strand hinunterschlendern (das hat sie bezahlt), reden sie über Berufspläne, die sie früher hatten, geraten darüber zu möglichen alternativen Berufen und von dort wird es albern. Er hat sie noch nie so viel lachen gesehen und es gefällt ihm. Sehr.
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Auf dem Weg zurück zum Auto muss er sich zusammenreißen, um nicht nach ihrer Hand zu greifen. Stattdessen legt er hin und wieder seine Hand an ihren Rücken, wenn ihnen jemand entgegen kommt, oder wenn von hinten ein Fahrrad kommt, oder einfach, wenn sie sich zu sehr von ihm entfernt. Als er es wieder tut, um sie in Richtung Parkplatz zu lenken, sieht sie ihn von der Seite an. Ihr Blick ist forschend, nachdenklich, aber irgendwie wissend. Er hat ihn heute schon ein paar Mal gesehen. Als sie stehen bleibt und sich zu ihm dreht, wird aus dem leichten Kribbeln in seiner Magengegend, das ihn schon den ganzen Tag begleitet, ein nervöses Flattern. Er hat nicht wirklich eine Ahnung, was sie gerade denkt. Sie mustert ihn noch einen Augenblick, dann nimmt sie sichtlich ihren Mut zusammen. „Das war ein schöner Tag“, sagt sie leise, aber deutlich, sieht ihm in die Augen. Ihre Hand berührt kurz seine, so schnell, dass er sich später fragen wird, ob das wirklich passiert ist. Er braucht einen Moment, um zu verstehen, was sie sagt, doch als sie ihn anlächelt, dringt es zu ihm durch. Sprachlos kann er nur ihr Lächeln erwidern.
Sie sind schon ein paar Schritte weiter gegangen, ihr Arm in seinen eingehakt, als ihm endlich ein paar Worte dazu einfallen. „Ja, das finde ich auch.” Eloquent, Sascha. Der Gedanke muss auf seinem Gesicht zu lesen gewesen sein, denn sie lacht leise und sieht ihn amüsiert an, obwohl er es todernst gemeint hatte.
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In ihrer Straße finden sie einen Parkplatz für den Mercedes, aus dem sie ihn am nächsten Morgen sicher wieder rausmanövrieren können. Sie hilft ihm, das Seil abzubauen und alles auf der Ladefläche des Pickups zu verstauen. Das sind sie gewohnt, zusammenzuarbeiten, und erst, als sie schon verschwunden ist, die Tasche auf der Schulter, die Uhrzeit morgen früh abgemacht und ein letztes Lächeln in seine Richtung, fällt ihm wieder ein, dass sie heute eigentlich privat zusammen waren. Auf dem Weg nach Hause kann er nicht anders als sich zu fragen, ob er sie heute geküsst hätte. Und ob sie ihn gelassen hätte.
