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Characters:
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Language:
Deutsch
Collections:
Weihnachten bei BoyxBoy
Stats:
Published:
2003-12-24
Completed:
2003-12-26
Words:
11,551
Chapters:
2/2
Kudos:
3
Hits:
250

Hilfe! Weihnachten!

Summary:

Zwei Weihnachtsmuffel und die liebe Verwandtschaft.
Der Student Toni macht beim Versuch Geschenke zu finden eine Bekanntschaft, die er durch Widrigkeiten des Lebens mehr als einmal trifft.

Chapter Text

Hilfe! Weihnachten!

von Tenshi und Esther

Kapitel 1:

Toni wollte ja eigentlich gar nicht zu dieser dämlichen Weihnachtsfeier, würde vermutlich auch gar nicht hingehen, nur schnell die Geschenke abliefern und dann wieder schleunigst verschwinden - vorausgesetzt er fand jetzt endlich mal welche!
Es waren nicht mal mehr zwei Wochen bis Heilig Abend und er hatte noch immer keinen Schimmer, was er für seine Familie und all die Leute, die ein Geschenk von ihm erwarteten, besorgen sollte. Wirklich viel Zeit sich darum zu kümmern hatte er auch gar nicht; die Uni, der Sport und seine diversen Studentenjobs beanspruchten nämlich einen nicht zu verachtenden Teil seiner Zeit. An diesem winterlich kalten Samstag war er deswegen in aller Herrgottsfrühe - was in seinem Fall vor Mittag hieß - aufgestanden, um in der Stadt nach etwas Brauchbarem zu stöbern. Oh, er hatte ja nicht den geringsten Schimmer! Allerdings blieb ihm wohl nichts Anderes übrig, als zu der Familienfeier zu erscheinen. Schließlich war es ein kläglicher Versuch seiner Erzeuger Frieden mit ihm zu schließen, sich vielleicht sogar wieder mit ihm zu versöhnen.
Und deshalb war er jetzt schon seit über drei Stunden in der Innenstadt unterwegs, frierend, weil er wie immer nur eine seiner Sportjacken trug, und ohne das Geringste gekauft zu haben.
Seufzend vergrub er die Hände tiefer in den Jackentaschen, machte halt und beobachtete die Wölkchen, die sein Atem bildete, versonnen. Mehr aus Gewohnheit sah er in das Schaufenster vor ihm - und fast schlagartig erhellte sich sein Gesicht. Vielleicht würde er jetzt ja zumindest etwas für Tom finden. Allein schon, wenn er an das strahlende Gesicht seines kleinen Bruders dachte, dessen fröhlich leuchtende, grüne Augen, wenn dieser voll kindlichem Überschwang sein Geschenk aufriss, wurde ihm ganz warm ums Herz und ein kleines Lächeln schlich sich in seine Züge, als er den Spielwarenladen betrat.

*

Was für ein Samstag, dachte Nikolas schlecht gelaunt. Erst der Stau auf der Autobahn, dann die Standpauke seines Chefs, weil er wegen dem Stau zu spät zur Arbeit gekommen war und dann musste er auch noch mit dieser blöden Kuh Korinna Stockmeier das Fenster dekorieren. Diese Frau brachte ihn noch um den Verstand. Was an dem Satz "Sorry, ich bin schwul." verstand sie nicht? Seit einem halben Jahr baggerte Korinna ihn nun schon an und dabei wusste sie doch über ihn Bescheid. Nikolas seufzte und dieser Seufzer kam aus den tiefsten Tiefen seiner Seele. Was würde als nächstes kommen? Schier in diesem Augenblick ertönte die Lautsprecher-Ansage des drei Stockwerke großen Spielwarengeschäfts, in dem Nikolas arbeitete.
"Herr Fröhlich, bitte kommen Sie in die Eisenbahnabteilung!"
Es war sein Chef. Nikolas verdrehten seine wasserblauen Augen. "Ich hasse meinen Namen.", murmelte er in sich rein, während er, Korinna völlig ignorierend, aus dem Schaufenster krabbelte, sich sein weißes, eng anliegendes Hemd glatt zog und mit mürrischem Gesichtsausdruck in den Aufzug stieg, der ihn in die Eisenbahnabteilung im ersten Stock brachte.
Er hasste diesen Stress so kurz vor Weihnachten. Vor allem aber hasste er die nervigen Kunden. Sie waren so hektisch und gereizt. Oder sie laberten ihm die Ohren voll mit Sachen, die ihn absolut nicht interessierten. In der Eisenbahnabteilung war das extrem schlimm. Zumindest empfand Nikolas das so.
Kaum hatte er sich an die Theke gestellt, kam auch schon der erste Kunde auf ihn zu.
"Ja? Wie kann ich Ihnen denn weiterhelfen?"
Nikolas musterte den dunkelhaarigen, jungen Mann vor sich missmutig.

Toni seufzte innerlich. Der Verkäufer hörte sich nicht halb so süß an, wie er aussah. Schade eigentlich. Er hätte ihn gerne lachen gesehen. Seine blauen Augen leuchteten dann bestimmt und garantiert bildeten sich dann diese kleinen, süßen Grübchen...
Halt!, rief er sich selbst zur Raison. Du bist hier, um ein Geschenk für deinen kleinen Bruder zu kaufen und nicht, um den Verkäufer flachzulegen... Wobei das Eine ja nicht das Andere ausschließen musste...
"Ich suche ein Geschenk für meinen kleinen Bruder.", erwiderte er deshalb höflich und lächelte leicht. "Ich dachte, dass vielleicht eine Modelleisenbahn etwas für ihn sein könnte. Was schlagen sie für einen Zehnjährigen vor?"

Oh Mann, wieder so Einer, der absolut keinen Schimmer hatte, was er schenken sollte. Nikolas seufzte innerlich. Das würde wieder eine längere Sitzung werden.
"Also, für einen Zehnjährigen nehmen Sie am Besten eine Startpackung von Märklin."
Er griff nach einer Packung und legte sich lieblos auf die Theke.
Während er den üblichen Monolog runterrasselte, also den Kunden über die praktischen Schienen und den günstigen Preis einer solchen Startpackung informierte, bemerkte Nikolas, wie groß der junge Mann vor ihm war. Nun war er selbst mit seinen eins vierundachtzig ja nicht gerade klein, aber dieser Typ maß mindestens einen Meter paarundneunzig.
Er musterte ihn ein zweites Mal, aber diesmal machte er sich die Mühe, ihn auch richtig anzusehen. Uh, der sieht ja richtig süß aus, dachte Nikolas und erinnerte sich im gleichen Augenblick daran, dass er erst mal die Nase voll hatte von Männern. Denn seine bisherigen Beziehungen hatten, gelinde gesagt, immer in einem Desaster geendet.

Toni sah abwägend von der Packung auf der Theke zum Verkäufer herüber. "Hm... was kostet die denn so?" Er lächelte ein wenig hilflos. "Nicht, dass sie mich missverstehen, mein Bruder ist mir schon viel wert, aber ich bin ein armer Student!" Natürlich wusste er, dass Märklin einer der teuersten Spielzeugeisenbahnhersteller war - und der einzige, der einem Unwissenden wie ihm bekannt war.

Diese Worte entlockten Nikolas ein Lächeln. Er empfand die Ehrlichkeit des Mannes als sehr erfrischend und so antwortete er in einem wesentlich freundlicherem Ton als bisher: "Der Kasten kostet 119 Euro. Sorry, das ist der günstigste, den es gibt. Aber Märklin ist auch am Besten für kleine Kinder geeignet."

"Oh weh!", machte Toni und kicherte dann leise. So wie es aussah, würde er sich noch einen dritten Studentenjob suchen müssen. "Aber gut, ich nehme ihn." Weil Sie so süß lächeln können, fügte er in Gedanken hinzu. Er kramte nach seinem Geld und reichte dem Verkäufer das Geld passend. Eher nebenbei las er dessen Namensschild und zeigte ein Lächeln im Gesicht. Herr Fröhlich. So hatte dieser Typ aber eher nicht ausgesehen, als er ihn vorhin um Hilfe gebeten hatte. Naja, der Weihnachtsstress war für Verkäufer wohl am Schlimmsten. Sie mussten die ganzen Last-Minute-Geschenkekäufer und Leute, die keine Ahnung hatten, aushalten - so Leute wie ihn selbst.

Nikolas musste wieder lächeln. Der Typ war wirklich süß in seiner Art. Ein wenig durch den Wind aber süß. Denk nicht einmal daran, schalt Nikolas sich. Er nahm das Geld hastig an sich und verschwand damit zum anderen Ende der Theke, wo sich die Kasse befand.
Kurz darauf erschien er wieder mit einer großen Tüte und dem Kassenbon.
"Wollen Sie es weihnachtlich eingepackt haben?", fragte er den jungen Mann vor der Theke.

"Nein, danke.", meinte Toni grinsend. Dieser Herr Fröhlich hatte es aber ziemlich eilig. Wenn er ihn jetzt noch das Geschenk verpacken ließ, würde er sich folglich nicht sonderlich beliebt machen - und er musste doch einen guten Eindruck hinterlassen, nur für den Fall, dass er hier doch nochmal... Ach, Scheiße! Er sollte sich wirklich lernen besser zusammenzunehmen.
Selbst ein wenig zu hastig griff er nach der Tüte, in die der Verkäufer ihm gerade Eisenbahn und Kassenbon gepackt hatte und verließ mit einem flüchtigen "Auf Wiedersehn!" den Laden.

*

Es war schon gegen halb sechs, als Toni endlich von seinem Beutebummel zurück ins traute Studentenwohnheim kam. Außer dem Geschenk für Tom hatte er jedoch nichts mehr gefunden. - Mal ganz davon abgesehen, dass er nach seinem Einkauf im Spielwarenladen kaum noch etwas im Portemonnaie gehabt hatte.
Verflucht! Wieso hatte dieser dämliche Verkäufer aber auch so ein Schnuckel sein müssen? Er konnte bei schönen Männern - und Frauen - nun mal einfach nicht mehr klar denken! Hundertneunzehn Euro! Was hatte ihn nur geritten?!
Vermutlich war es besser das Ding wieder umzutauschen. So ein kostspieliges Geschenk nur für eine einzige Person konnte er sich nämlich eigentlich gar nicht leisten. Aber jetzt war ohnehin erst mal Wochenende. Am Montagmorgen würde er gleich wieder hingehen und sein Geld zurückverlangen. Er hoffte nur, dass er dann von einem anderen Verkäufer bedient würde. Zu einem Umtausch bei "Herrn Fröhlich" fähig zu sein, bezweifelte er nämlich stark. Leise schmunzelte er in sich hinein. Herr Fröhlich. Zuerst hatte er ja nun wirklich nicht so ausgesehen, als würde er seinem Namen alle Ehre machen. Ob er wohl genauso unter seinem Familiennamen zu leiden hatte wie er selbst? Und wie er wohl mit Vornamen hieß?
Seufzend schüttelte er den Kopf und stellte den Karton auf seinen Schreibtisch, schlüpfte aus Turnschuhen und Jacke. Wie war das doch gleich gewesen? Keine neuen Beziehungen bis vor Beginn des nächsten Jahres? Und keine mehr mit jemandem, den er eigentlich gar nicht kannte?
Toni ließ die Schultern hängen. Irgendwie hatte er sich das leichter vorgestellt, als er diesen Entschluss vor über einem Monat gefasst hatte. - Aber, verdammt! Was musste er auch diesem Traummann über den Weg laufen!!
Ach, was sollte es, vermutlich war der Typ eh nicht schwul. Er sah zumindest nicht so aus...

*

Der restliche Samstag verlief für Nikolas so, wie die bisherigen langen Samstage zuvor auch. Die Kunden kamen in Scharen, waren hektisch und ebenso schlecht gelaunt wie er selbst. Zwischendurch nervte Korinna wieder, indem sie ihn zum x-ten Mal zum Essen einlud, das Nikolas auch zum x-ten Mal dankend ablehnte. Kurzum: Stress pur! Nikolas hatte gar keine Zeit über den großen, schwarzhaarigen Kerl nachzudenken, der so süß war und ihm trotz seiner schlechten Laune ein Lächeln entlockt hatte.
Am Abend war er dann zu müde, um überhaupt irgendetwas zu denken. Er gönnte sich ein Bad bei Kerzenlicht und ging dann früh zu Bett.

Toni hatte sich noch ein wenig mit studienbegleitender Literatur gequält und dann schließlich ermüdet gegen Mitternacht sein schmales Bett aufgesucht. Irgendwie fand er es schon ziemlich trist in diesem mikroskopisch kleinen Raum, in dem er gleichzeitig arbeitete und schlief... Zu Hause war es eben doch schöner gewesen, auch wenn es öfters mal Streit gegeben hatte, aber seinen kleinen Bruder vermisste er mittlerweile doch schon ganz schön. Nun, wahrscheinlich war es ganz gut frühzeitig zu lernen auf eigenen Beinen zu stehen und es war ja auch wirklich ganz praktisch direkt an der Uni zu wohnen, aber trotzdem... Hier kam man sich eben doch manchmal ziemlich einsam vor, vor allem, wenn man dann als einer der Wenigen über die studienfreie Zeit zwischen den Jahren im Wohnheim blieb.
Ob er es schaffen würde sich mit seinen Eltern wieder zu vertragen? Nun, an *ihm* hatte es ja nicht gelegen - zumindest waren diese Feindseeligkeiten nicht von ihm ausgegangen, auch wenn er sicherlich der Auslöser gewesen war. Aber wer hätte denn auch ahnen können, dass sie ihn gleich mit einem Tritt in den Hintern vor die Tür setzen würden, weil er ihnen von seinem Geliebten erzählt hatte? Er hatte sie eigentlich immer für sehr tolerant gehalten, aber diese Toleranz traf auf den eigenen Sohn wohl nicht zu.
Über diesen Gedanken schlief er schließlich unruhig ein.

*
Am nächsten Morgen waren die tristen Gedanken zum Glück wieder nahezu vollständig verschwunden. Er wollte noch ein wenig lernen, an einer Hausarbeit und einem Referat arbeiten, als er unter den Unterlagen vom Vortag auf seinem Tisch wieder die Kiste mit der Modelleisenbahn entdeckte. Schmunzelnd musste er daran denken, dass er auch mal so eine gehabt hatte. Allerdings nicht lange, irgendwie hatte er es gepackt sie schon nach kürzester Zeit klein zu bekommen - im wahrsten Sinne des Wortes. Komisch, dass er sich danach nie wieder eine gewünscht hatte... Es gab ja schließlich auch noch erwachsene Männer, die mit so etwas "spielten". Ihn kribbelte es in den Fingern. Sollte er...
Bevor er noch lange darüber nachdenken konnte, hatte er die Packung bereits geöffnet und war dabei auf dem Boden sitzend Gleise ineinanderzustecken. Er wollte doch nur mal ausprobieren, ob das Ding auch lief. Schließlich konnte er seinem Bruder doch nichts schenken, was gar nicht funktionierte, rechtfertigte er sich vor seinem Gewissen, das ihn darauf hinwies, dass man nicht einfach so Sachen, die man verschenken wollte, auspackte und damit spielte.
So kam es, dass ein ausgewachsener Mann stundenlang mit glänzenden Augen vor einer Spielzeugeisenbahn saß und sich als Lokführer fühlte.

Gegen Mittag klopfte es an der Tür und Toni löste sich widerstrebend von seiner Beschäftigung. "Ja?", rief er, bevor er aufstand.
"Ich bin's!" Das war Matthias, ein Kommilitone in Klassischer Archäologie. Wie die Meisten hatten sie das Fach nur als Nebenfach gewählt, weil man in diesem Bereich nicht unbedingt die rosigsten Berufsaussichten hatte. "Hast du dein Referat fertig, ich brauch das eine Buch von dir..."
Toni öffnete ihm nur um den Kopf zu schütteln. "Nein, ich bin grad mittendrin, sorry."
Matthias lugte durch die geöffnete Tür. "Soso... mittendrin. Man sieht's!" Dabei warf er einen eindeutigen Blick auf die Zugstrecke am Zimmerboden. Toni errötete. "Es ist nicht so, wie du denkst..."
"So, wie ist es denn?" Der Andere konnte sich kaum das Lachen verkneifen. Er blitzte ihn mit schalkhaften blauen Augen aus seinem sommersprossigen Gesicht entgegen.
"Ich... ich wollte das Teil nur auf seine Funktionstüchtigkeit testen, schließlich kann ich Tom ja nichts schenken, was nicht geht!"
Matthias lachte. "Schon okay... Bis wann kann ich mit dem Buch rechnen?" Sein Finger deutete in Richtung des Schreibtisches und Toni seufzte. "Ich will das Referat noch vor Weihnachten fertigkriegen. Du kannst es über die studienfreie Zeit haben, ich muss es erst nächstes Jahr in die Bib zurückbringen. Wenn ich's nicht mehr brauch, bring ich's dir rüber, ja?"
Nickend wendete sich Matthias zum Gehen und Toni trabte hängenden Kopfes zurück in sein Zimmer. Blödes Referat. Er hatte überhaupt keinen Bock über diese dämliche Amphora zu referieren. Während er zu seinem Schreibtisch stampfte, knackte es plötzlich verdächtig unter seinen Füßen und er hielt erschrocken inne.
Oh, Fuck!

*
Völlig abgehetzt aber diesmal pünktlich kam Nikolas am Montagmorgen auf seiner Arbeit an. Es war wieder Stau gewesen und er natürlich *wieder* mittendrin. In der Weihnachtszeit kam das leider ziemlich oft vor. Dann war er auch noch in einer Polizeikontrolle gelandet und hatte seine Papiere vorzeigen müssen. Am helligen, frühen Morgen!
Die Polizisten hatten eindeutig viel Spaß auf seine Kosten. Denn zu seinem Entsetzen grinsten sie wie Breitmaulfrösche, als sie seinen Nachnamen lasen. Gut, sie winkten ihn daraufhin gleich weiter und wünschten ihm einen schönen Tag, aber das machte die Situation nicht erträglicher.
Als er dann auf der Arbeit noch Korinna in die Arme lief und sich ihr übliches Geschwafel anhören musste, hatte seine Laune ihren absoluten Tiefpunkt erreicht. Und dabei war der dritte Adventssonntag doch so schön gewesen.
Er hasste zwar Weihnachten, nicht nur wegen seinem Namen, der an diesem Tag nicht zum ersten Mal zur Belustigung anderer Leute hatte hinhalten müssen, nein, auch weil ihn seine große Liebe Martin Holzhausen an Heiligabend verlassen hatte. Das war jetzt schon fast zwei Jahre her, aber irgendwie gab er diesem Erlebnis die Schuld, dass alle darauffolgenden Beziehungen gescheitert waren und dass er keine Freude mehr an dem Fest aller Feste finden konnte.
Die Adventssonntage jedoch liebte er, weil seine ältere Schwester Marie und seine Mutter ihn an diesen Tagen immer bekochten und verhätschelten wie einen kleinen Jungen - obwohl er schon 25 Jahre alt war und obwohl er schon seit fünf Jahren auf eigenen Füßen stand und eine eigene Wohnung hatte. An diesem Sonntag, den dritten Advent, war seine Schwester an der Reihe gewesen. Sie war taubstumm, deshalb hatte Nikolas schon in früher Kindheit die Gebärdensprache gelernt. Er empfand diese Art der Kommunikation als sehr angenehm, deshalb verbrachte er auch gerne viel Zeit in dem Zentrum für Hörgeschädigte, in dem seine Schwester und ihr Verlobter als Lehrer arbeiteten.
Es gab Ente mit Klößen und Rotkohl und außerdem hatte Marie ihn auch sonst mit allerlei Leckereien wie Plätzchen und Lebkuchen gemästet. Nikolas war rundum glücklich und knüppeldicke satt am späten Abend heimgekommen. Er wusste, dass er die nächste Zeit wieder öfter Joggen gehen musste, um seine schwer erarbeitete Figur zu erhalten. Aber das war es wert gewesen.

"Sie müssen die ganze Woche in der Eisenbahnabteilung bleiben, Herr Fröhlich. Herr Müller hat sich krank gemeldet und Sie kennen sich am Besten in der Abteilung aus.",
verkündete ihm sein Chef, als Nikolas Korinna endlich abgewimmelt hatte und nachdem er ausgerufen worden im Büro aufgetaucht war.
Na toll, dachte er. Nicht schon wieder!
Mit einer Miene wie drei Tage Regenwetter traf er auf dem Weg zum Aufzug auf Andrea.
"Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen, Nik?", fragte sie ihn besorgt.
Mit kindlich verstellter Stimme und sarkastischem Unterton antwortete er: "Stell dir vor: Ich darf die ganze Woche Eisenbahn spielen!"
Dann fuhr er im flehenden Ton fort: "Bitte erschieß mich!"
Andi, wie er Andrea immer nannte, musste lachen. Sie wusste, dass Nikolas nicht gerne in der Abteilung für Modelleisenbahnen arbeitete und lieber in seiner für Spielkonsolen und Computerspiele war, deshalb tätschelte sie seinen Arm und machte einen auf besorgt, als sie ein "Du armer Junge! Trag dein Schicksal mit Fassung!" von sich gab. Es kam nicht oft vor, dass Nikolas sich typisch schwul benahm, aber in diesem Augenblick brachte er ein sehr tuckiges und weibisches "Halt mich, Andi! Die Welt ist so gemein zu mir…" hervor. Dabei breitet er die Arme aus und drückte die junge Frau herzlich an sich.

*
Am nächsten Morgen stand Toni in aller Herrgottsfrühe auf, oder besser gesagt: so kam es ihm vor im Vergleich zu den Uhrzeiten, zu denen er sich sonst üblicherweise aus dem Bett bequemte. Sein erstes Seminar begann erst um elf und so hatte er noch genügend Zeit, um mit der Modelleisenbahn zum Spielwarenladen und wieder zurück zu flitzen - so hoffte er zumindest.
In seiner unübertrefflichen Treffsicherheit hatte er seinen Quanten nämlich zielsicher auf der Lok platziert und feinsäuberlich irgendein Zwischenstück abgetrennt, das die Lok mit den restlichen Waggons verbunden hatte. Und jetzt hatte er eine funktionierende Eisenbahn, die man nur ohne die restlichen Waggons fahren lassen konnte. Ärgerlich! Umtausch kam jetzt zumindest nicht mehr in Frage. Er hoffte nur, dass das, was er demoliert hatte, ersetzbar und nicht allzu teuer war. Viel Knete hatte er wirklich nicht mehr parat, irgendwie musste er den Monat ja noch über die Runden kommen und auch noch ein paar Geschenke besorgen...
Als er um neun vor dem Laden stand, atmete er laut aus. Er war auch wirklich zu dämlich. Der Verkäufer würde sich bestimmt über seine Blödheit kaputtlachen und überhaupt: er konnte ihm ja schlecht sagen, dass er selbst damit gespielt hatte...
Todesmutig biss er die Zähne aufeinander und trat ein. Seine Hoffnung sich vor seinem Traummann nicht gerade mit dieser Peinlichkeit zu entblößen, wurde ihm augenblicklich genommen, als er "Herrn Fröhlich" sich ganz in der Nähe des Eingangs mit einer kleinen, etwas molligen, blonden Frau unterhalten sah. Als dieser dann auch noch die Frau in den Arm nahm und drückte, rutschte Tonis Herz noch ein Stück tiefer. Der Kerl schien wirklich nicht schwul zu sein, aber vielleicht war das ja auch ganz gut so...

"Du Spinner!", lachte Andrea und kämpfte sich aus Nikolas' Umarmung. Dabei sah sie im Augenwinkel jemanden am Eingang des Ladens stehen.
"Guck mal, wer da reingeschneit kommt. Der Schönling von Samstag.", flüsterte sie Nikolas zu und grinste breit. Sofort drehte Nikolas sich um.
Tatsächlich! Nik erblickte den süßen Kerl, der am Samstag bei ihm die Märklin-Bahn gekauft hatte. Wie er so dastand, in seinen khaki-farbenen, weiten Skaterhosen, der viel zu leichten Sportjacke und den Hände in den Taschen der Jacke, sah er ein wenig hilflos aus - und so süß! Unwillkürlich wurde Nikolas ganz heiß. Oh nein, verlieb dich bloß nicht!, schalt er sich. Du weißt, wie das endet! Außerdem wolltest du Arbeit und privates immer trennen. Schon vergessen?
Andi sah ihren Kollegen zögern. "Was ist? Wenn du ihn nicht willst, ich…"
Weiter kam sie nicht, denn Nikolas hielt ihr den Mund zu. "Keine Chance, du männermordendes Machweib!", raunte er und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der junge Mann stand immer noch wie angewurzelt am Eingang. Nikolas fasste sich ein Herz und ging auf ihn zu.
"Kann ich Ihnen helfen?", fragte er höflich und verbarg seine Unsicherheit hinter einer steinernen Miene.

Er hatte sich keinen Millimeter vom Fleck bewegt, seit der Andere auf ihn zugekommen war. Das ausdruckslose Gesicht des Anderen machte ihm auch nicht gerade Mut. Bestimmt würde er ihm mit dieser Lappalie nur auf die Nerven gehen...
"Ich... ehm... also...", stammelte er dümmlich, atmete dann nochmal ein und kramte verlegen die Lok aus seiner Jackentasche hervor. "Mir ist da so ein ganz dummer Unfall passiert..."

Nikolas nahm die Lok, die der Mann ihm entgegenstreckte, an sich und begutachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Die Kupplung ist abgebrochen.", kombinierte er trocken. Als er jedoch das entsetzte Gesicht des Anderen sah, fuhr er schnell fort: "Das ist halb so schlimm. Kommen Sie mit, ich repariere Ihnen das gleich!"
"Mit einer Handbewegung forderte er den Mann auf ihm zu folgen, was dieser auch bereitwillig tat.
In der Eisenbahnabteilung angekommen, verschwand Nikolas hinter der Theke, kramte in einer großen, roten Kiste herum und brachte kurz darauf ein kleines Teil zum Vorschein.

"Sehen Sie!", erklärte er in belehrendem Ton.
"Die Kupplungen haben einen Normschacht. Man muss sie nur aus dem Schacht ziehen und eine neue wieder reinstecken."
Mit zwei Handgriffen hatte Nikolas die Lok repariert. Mit einem flüchtigen Lächeln gab er dem Mann die Lok zurück. Für den Bruchteil einer Sekunde streiften sich ihre Hände.

Toni zuckte bei der Berührung ein wenig zurück. Nicht, weil er sie als unangenehm empfand... eher im Gegenteil... es wirkte nur wie ein elektrischer Schlag - oder vielmehr der berüchtigte "Funke", der ihn allerdings schon längst erfasst hatte und von dem er überzeugt war, dass der Andere ihn nicht empfunden hatte.
Er lächelte schief, als er zu dem Verkäufer herübersah und dann auf die reparierte Lok herabblickte. "Vielen Dank! Sie haben mir gerade das Leben gerettet! Und ich dachte schon, das Dinge wäre nicht mehr heil zu kriegen!" Als er wieder hochsah, strahlte er richtiggehend, wie ein Kind, das sich über seine Geschenke unterm Christbaum freut.
"Was schulde ich Ihnen dafür?" Er war schon dabei die Lok in seine Jackentasche zu packen und aus einer der Taschen seiner weiten Hose das Portemonnaie zu kramen.

Das offene, fast kindliche Lächeln des jungen Mannes, verwirrte Nikolas ein wenig. Er konnte nicht verleugnen, dass dieser eine gewisse Anziehung auf ihn ausübte - was Nikolas natürlich überhaupt nicht gebrauchen konnte.
"Ähm…", brachte er deshalb nur hervor. Er sammelte sich schnell wieder und fuhr dann mit gekonnt ausdrucksloser Miene fort: "Das kostet nichts. Sehen Sie es als Service an."
Um jedoch die Situation ein wenig aufzulockern, wollte Nikolas noch einen witzigen Spruch von sich geben, doch er kam nur bis zu den Worten: "Kommen Sie einfach wieder hier einkaufen, das…", denn in diesem Moment hielt ihm jemand von hinten die Augen zu und eine ihm sehr bekannte Stimme säuselte ihm ins Ohr: "Hallo Nikolas! Rate mal, wer ich bin?!"
Nikolas erstarrte. Die hatte ihm gerade noch zu seinem Glück gefehlt!
"Nicht vor den Kunden, Korinna!", raunte er. Sein Gesichtsausdruck wurde noch ausdrucksloser und seine Stimme hatte einen fast unmerklich härteren Unterton angenommen.
Nikolas zog energisch Korinnas Hände von seinen Augen und drehte sich zu ihr um. Mit einem Schmollgesicht, an dem sie sicher tagelang vor dem Spiegel geübt hatte, blickte sie Nikolas an. Dann musterte sie den anderen Mann vor der Theke missbilligend von oben bis unten.
"Ich wollte dich nur fragen, ob du Lust hast in der Pause mit mir zum Chinesen zu gehen." Nun schaute sie ihn mit einem zuckersüßen Blick an.
Um sie schnell loszuwerden, sagte Nikolas: "Ja, warum nicht. Aber jetzt muss ich mich um die Kundschaft kümmern."
Mit einem triumphalen Lächeln trotte Korinna davon.
Er würde sicher noch bereuen, das gesagt zu haben, aber fürs Erste war er sie mal los. Langsam drehte er sich wieder zur Theke und entschuldigte sich höflich für diese Störung.

Tonis Herz war in diesem Augenblick noch ein paar Etagen tiefer gerutscht, so das denn überhaupt möglich war. Er… Nikolas, wie er eben erfahren hatte,… hatte also eine Freundin…
Die Frau, die er nun sah, war jedoch nicht die, die er zuvor umarmt hatte. Von der Figur her war sie sogar das genaue Gegenteil. Für seinen Geschmack ein wenig zu dürr mit wasserstoffblondierten Locken und Kleidung, die sich eng an ihre nicht vorhandenen Rundungen schmiegte.
Der Traumtyp war also vergeben, nicht mehr zu haben, hetero.
Vermutlich etwas, was ihn hätte beruhigen sollen, wo er sich doch nun wirklich momentan auf Beziehungen nicht mehr einlassen wollte. Doch das tat es ganz und gar nicht. Der Verstand reagierte nun einmal leider nicht, wenn sich das Herz entschieden hatte. Er verhinderte nicht, dass Toni sich mit jeder Minute, in der er diesen Prachtmann sehen durfte, mit jedem Lächeln und jedem freundlichen Wort, das dieser ihm leider viel zu selten schenke, unaufhaltsam immer mehr und mehr in ihn verliebte. Es war zum Haareraufen!!
Schnell bedanke er sich mit einem weiteren Lächeln bei Nikolas und verließ dann genauso überstürzt wie am Samstag zuvor den Laden. Er hatte es einfach keine Sekunde länger ausgehalten. Und er ärgerte sich über sich selbst, denn es war doch auch total verrückt!! Noch nie hatte er an diese sogenannte "Liebe auf den ersten Blick" geglaubt, hatte über solcherlei immer zu lachen gepflegt - und jetzt gerade bekam er sich am eigenen Leib zu spüren… und fand das plötzlich alles andere als witzig…

Warum hat der es auf einmal so eilig?, fragte Nikolas sich überrascht und blickte dem Dunkelhaarigen hinterher. Irgendwie schade. Das war wirklich ein süßer Kerl. Der tauchte sicher nicht noch einmal auf, nach dieser blöden Aktion von Korinna. Na ja, vielleicht war es ja ganz gut so.
Viel Zeit länger darüber nachdenken hatte er nicht, denn der nächste Kunde verlangte nach seiner Aufmerksamkeit.

In seiner Pause dann wartete schon eine freudestrahlende Korinna auf ihn, hakte sich bei ihm ein und zog ihn mit sich in das chinesische Restaurant, das sich in der Nähe des Geschäfts befand. Ihm war keine Ausrede eingefallen und so gab er sich seinem Schicksal hin.
Beim Essen dann hatte er DIE rettende Idee. Er ließ Korinna erst gar nicht die Möglichkeit, ihn wieder zuzulabern, sondern fing gleich an ihr vorzulügen, er hätte wieder einen neuen Freund und wäre ja sooo glücklich mit ihm. Er erfand irgendeinen Männernamen und dichtete ihm irgendeinen Beruf an. Er redete ohne Punkt und Komma und zwang sich zu einem fröhlichen Lächeln. Das Gesicht der jungen Frau wurde immer länger und ihre Laune sichtlich schlechter. Mein Gott, warum bin ich nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen?, fragte er sich. Es funktionierte nämlich prächtig!
"Kenn ich ihn?", fragte Korinna kleinlaut. Nikolas handelten spontan und log: "Ja. Es ist der große Dunkelhaarige, den du vorhin im Laden gesehen hast."
"Oh! Ja, der sieht süß aus! Schön für dich.", brachte sie hervor, konnte ihre Enttäuschung aber nur sehr schlecht verbergen.
Von diesem Tag an, hatte Nikolas Ruhe vor Korinna. Doch wie er sie kannte, war das nur ein vorübergehender Zustand. Irgendwann würde sie es bestimmt wieder probieren.

*
Der Rest der Woche verlief ereignislos und nach einem wirklich langen, harten Samstag folgte wieder ein schöner Adventssonntag. Dieses Mal bei seiner Mutter.
"Schatz, ich weiß, dass du Heiligabend lieber alleine sein willst, aber könntest du dieses Jahr nicht eine Ausnahme machen?", sagte seine Mutter, kurz bevor Nikolas, wieder einmal kugelrund von den Leckereien, die er an diesem Tag konsumiert hatte, den Heimweg antreten wollte.
"Heiligabend findet nämlich ein groß angelegter Wohltätigkeitsball statt. Marie und ich helfen bei der Organisation, musst du wissen. Das Ganze wird von der Stiftung für Hör- und Sprachgeschädigte veranstaltet und findet auf dem Anwesen der Bürgermeisterin statt. Du weißt ja, sie ist eine der Gründerinnen dieser Organisation!"
Nikolas wusste das nicht, wie sollte er auch. Aber er nickte nur und ließ seine Mutter weiterreden.
"Das wird sicher ein unvergesslicher Tag, Junge, und ich würde mich so freuen, wenn du dabei wärst. Bitte sag ja - deiner Schwester und mir zuliebe…"
Sie blickte ihn erwartungsvoll an.
"Ich weiß nicht…", versuchte er sich herauszureden. Er wollte an Heiligabend wirklich lieber alleine zu Hause bleiben und sich, wie letztes Jahr, irgendeinen alten Schinken im Fernsehen angucken und sich in Selbstmitleid suhlen.
"Ich habe doch für so was gar nichts Anzuziehen!"
"Lass das mal mein Problem sein. Ich hab da einen ganz schicken Anzug bei eBay gesehen."
Er hatte gar keine Chance, nein zu sagen.
"Na gut. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich lange bleibe!"
Seine Mutter drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
Später verabschiedete sie sich mit den Worten: "Du kannst auch ruhig einen Freund mitbringen." Dabei zwinkerte sie ihm viel sagend zu.

Im Gegensatz zu seiner Schwester, mit der er über alles "redete", hatte Nikolas seiner Mutter nie direkt gesagt, dass er schwul war, doch sie schien es schon früh gewusst zu haben - vielleicht sogar früher als er selbst. Und als er mit neunzehn seinen ersten Freund mit heimgebracht hatte, hatte sie ganz cool reagiert und nur wissen wollen, ob er glücklich mit ihm sei. Als Nikolas das bejaht hatte, wurde sein Freund herzlich in ihre kleine Familie aufgenommen und danach nie wieder über das Thema geredet. Er wusste, dass nicht viele Eltern so reagierten wie seine Mutter und er liebte sie dafür. Auch wenn sie manchmal ein wenig zu führsorglich war. Aber welche Mutter war das nicht?

*
Zwei Tage drauf, also einen Tag vor Heiligabend, rief ihn seine Mutter an. Sie klang ganz aufgelöst und aufgeregt.
"Was soll ich nur machen? Harald, einer unserer Helfer, ist ausgefallen! Der Arme liegt mit einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus. Das Schlimme ist nur: ich finde keinen Ersatz! Keiner will freiwillig Heiligabend dafür opfert. Und dabei brauchen wir nur jemanden, der die Schicht bis 21 Uhr übernimmt. Kannst du dich bitte einmal bei deinen Freunden umhören, ob sich jemand ein paar Euro nebenbei verdienen will?"
"Wie wäre es mit mir?", schlug Nikolas spontan vor. Denn der Gedanke, an dem ihm so verhassten Tag lieber zu arbeiten als zu feiern gefiel ihm sofort.
"Aber du sollst doch einen schönen Tag verbringen!", antwortete seine Mutter ganz entsetzt.
"Es ist doch nur bis 21 Uhr. Danach kann ich mich ja unter die Gäste mischen.", argumentierte Nikolas. Dass er sich so schnell es ging danach verkrümeln würde, verschwieg er ihr. Sie nahm seinen Vorschlag dankbar an.
*
Toni hatte es auf den letzten Drücker noch geschafft die restlichen Geschenke zusammenzubekommen. Er zweifelte zwar daran, dass er es seinen Eltern überhaupt mit irgendwas Recht machen konnte, aber würde er gar nichts schenken, konnte er sich die Versöhnung, an die er ohnehin nicht glaubte, bestimmt erst Recht abschminken.
Bei seinen Beutezügen durch die weihnachtlich geschmückten Einkaufspassagen war er mehr als einmal erneut an dem Spielwarenladen, in dem ein gewisser Herr Fröhlich arbeitete, vorbeigekommen. Er redete sich ein, dass das purer Zufall war, wusste gleichzeitig jedoch genau, dass er sich damit selbst belog. Er wollte Nikolas wiedersehen, wusste aber noch von seinem letzten Besuch im Laden, dass er wohl - gelinde gesagt - nicht allzu große Chancen bei ihm hatte.

Ebenso redete er sich ein, dass er kein Problem damit habe mit Bus und Bahn zum Haus seiner Eltern zu fahren und mit ihnen Weihnachten zu feiern.
Als er am Heiligen Abend allerdings mit zwei schweren Plastiktüten beladen vor ihrer Tür stand, musste er erst mehrmals tief durchatmen, bevor er es wagte die Klingel zu drücken.
Die Tür wurde daraufhin so abrupt von innen aufgerissen, dass er fast vor Schreck die Treppenstufen rückwärts wieder runtergefallen wäre.
"Toniiii!"
Tom trug nicht grade dazu bei, dass er sein Gleichgewicht wiederfinden konnte. Unsicher taumelte er zwischen Treppenabsatz und Türschwelle umher, in der ständigen Angst etwas von den zerbrechlichen Geschenken fallen zu lassen.
"Wahh! Vorsicht!!", versuchte er seinen kleinen Bruder davon abzuhalten sich ihm um den Hals zu werfen. Der sprang jedoch nach vorne und zog ihn am Handgelenk mit erstaunlicher Kraft in den dünnen Ärmchen mit sich ins Haus. Toms Augen, die im Gegensatz zu seinen eigenen hellblau waren, strahlten ihn genauso kindlich fröhlich an, wie er es in Erinnerung hatte und ließen ihn sich ein wenig unwohl fühlen, weil er seinen Bruder so lange nicht besucht hatte. Lächelnd wuschelte er dem Kleinen durch die pechschwarzen Haare.
Als er sich im Flur umsah, erkannte er keine Veränderung zu 'früher'. Alles war noch genau dort, wo es sich befunden hatte, als er dieses Haus hatte verlassen müssen. Aus dem Bad hörte er seine Mutter irgendetwas rufen und gleich darauf sah er sich mit seinem Vater konfrontiert, der hektisch vor dem großen Spiegel neben der Tür zum Schlafzimmer an seiner Krawatte herumhantierte.
Krawatte?
Sein Vater??
"Guten Abend.", grüßte er den Mann vor dem Spiegel steif. Der drehte sich um und sah ihn gezwungen lächelnd an.
"Hallo Toni. Schön, dass du da bist." Er bewegte sich keinen Schritt von der Stelle. Über eine Entfernung von etwa drei Metern starrten sie sich nur wortlos an.
In dem Moment trat auch seine Mutter in den Flur, schloss ihren ältesten Sohn aber gleich in die Arme, als sie ihn mit ein paar schnellen Schritten erreicht hatte.
"Ich bin ja so froh, dass du doch noch gekommen bist."
Die Worte hörten sich ehrlich an und Toni musste sich bemühen keine Tränen in die Augen zu bekommen.
"Aber… hach!", fuhr sie gleich in ihrer gewohnt hektischen Art fort. "Wir sind ja so spät dran. Toni, mach schnell und zieh dich um!"
"Umziehen?!"

*
Himmel, sieht das albern aus!, dachte Nikolas, als er sich im Spiegel des Raumes betrachtete, der zum Umkleidezimmer für die Helfer dürftig umgebaut worden war. Seine Mutter hatte ihm nicht gesagt, dass alle Helfer extra für den Tag zugeschneiderte Weihnachtskostüme tragen mussten. Die weiblichen Helfer sahen ja ganz niedlich aus in ihren kleinen, blauen Satin-Kleidchen. Aber die frackartigen Anzüge aus dem gleichen Stoff sahen einfach zu albern aus. Es gefiel Nikolas gar nicht, den halben Abend damit rumlaufen zu müssen. Erst recht, als einer der Helfer meinte: "Gott, sieht das schwul aus!"
Aber jetzt konnte er keinen Rückzieher mehr machen. Also trottete er mit den Anderen in die Küche und nahm das Tablett mit den Süßigkeiten an sich, die er an die Gäste verteilen sollte.

Herrje! Auf was hatte er sich da nur wieder eingelassen? Nervös zupfte er an dem Anzug herum, der ihm blöderweise wie angegossen passte. Wenn er das nicht täte, hätte er zumindest einen Grund gehabt dieses lächerliche, ihn wie einen Pinguin aussehen lassende, Stück Stoff nicht tragen zu müssen. Aber so…
Im Stillen verfluchte er das Augenmaß seiner Mutter. Mussten Mütter denn aber auch wirklich *immer* die Konfektionsgrößen ihrer Sprösslinge auswendig kennen? Auch wenn sie sie Ewigkeiten nicht gesehen hatten?
Ärgerlich sah er sich in der Halle mit all den Menschen um, die ebenso wie er, wenn nicht sogar noch extremer, herausgeputzt waren. Verdammt! An einem Anderen mochte das ja vielleicht noch gut aussehen, aber doch nicht an IHM!
Er hatte in der Hektik, die seine Eltern verbreitet hatten, nicht einmal mehr Gelegenheit gehabt, die Geschenke zu verteilen. Und dabei hatte er sich doch so auf Toms Gesicht beim Auspacken gefreut. Nun ja, das musste dann wohl bis zum nächsten Tag warten. Der Kleine… sogar ihn hatten sie zu dieser Wohltätigkeitsveranstaltung mitgeschleppt. Mit der Neugierde eines Kindes war er jedoch gleich verschwunden, um alles zu inspizieren. Für ihn war die ganze Sache ein riesiges Abenteuer, wohingegen sie Toni nur anödete.
Wie kam seine Mutter überhaupt plötzlich auf Hörbehinderte? Gut, er wusste von ihrem 'sozialen Tick' und es war auch wirklich keine üble Sache… aber am Heiligen Abend?? Dieser Tag hatte doch bisher immer ausschließlich der Familie gehört. Es musste ihr also wirklich wichtig sein.
Ein Ball, wie langweilig… Leise Musik im Hintergrund durch ein Geigertrio, haufenweise schick zurechtgemachte Leute, die irgendwelche oberflächlichen Unterhaltungen führten.
Seufzend hielt er nach dem Buffet Ausschau. Wenn er sich schon zu Tode langweilen musste, dann wollte er sich wenigstens nicht zu Tode hungern. Und er konnte wirklich eine Meeenge verdrücken, das sollte ihn lange genug beschäftigen.
Mit seiner allseits bewährten Ellenbogenmethode schubste und drängelte er sich mehr als unhöflich durch die Masse feiner Damen und Herrschaften in Richtung der Fressalien. Auf dem Weg rempelte er einen Mann in blauem Satinanzug an. Als er erkannte, dass dieser ein Tablett mit Süßigkeiten in der Hand hielt, wollte er sich gerade freudig draufstürzen, doch erkannte dann den Mann, der in diesem Anzug steckte.
"Nikolas?", fragte er dümmlich, schon mit einer Hand halb in den Plätzchen, sich erst im Nachhinein bewusst, dass er den Anderen einfach geduzt hatte.

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Erstveröffentlichung: 24.12.2003