Chapter Text
Teil 1.
Ein furchtbarer Sturm wütete über dem kleinen verschlafenen Städtchen, im Herzen Englands. Blitze überzogen den Nachthimmel und versahen ihn mit gleißendem Licht.
Am Rande des Städtchens lag ein großes Anwesen, umgeben von einem wunderschönen großen Park, zu dem ein nahe gelegener See gehörte.
Einst diente es als Herrenhaus einer Adelsfamilie, die jedoch verarmte und das Land verkaufen musste. Vor Jahren wurde das Anwesen dann, bestehend aus einem Haupthaus und zwei Nebenhäusern, die mit üppigen Türmen und Erkern versehen waren, von Privatinvestoren saniert, modernisiert und ein Eliteinternat daraus gemacht.
Alles, was Rang und Namen - oder das entsprechende Kleingeld hatte - schickte seine Kinder dorthin.
Es hatte den Ruf, die beste Ausbildung zu bieten, die man für Geld bekommen konnte.
Der Sturm wütete über dem Internat am schlimmsten. Viele Schüler fanden in dieser Nacht keinen Schlaf. Heftige Blitze zuckten über den Dächern.
Plötzlich teilte sich die dichte Wolkendecke. Die Blitze bündelten sich auf einer Stelle über einem der Nebenhäuser. Kurz darauf erschienen auf dessen Dach zwei Gestalten. Wie aus dem Nichts, standen sie plötzlich da. Mit langen, weißen Mänteln, die im stürmischen Wind wild flatterten. Zwei junge Männer, die sich in Gestalt und Aussehen ähnelten. Die gleichen Gesichtszüge und der geringe, aber sichtbare Altersunterschied ließen darauf schließen, dass es zwei Brüder oder nahe Verwandte waren. Ihr seltsam schimmerndes, silbernes Haar, das sich bei den Beiden nur darin unterschied, dass der Ältere wesentlich längeres hatte, wurde nur noch von dem leuchtenden Weiß der großen Flügel übertroffen, die auf ihren Rücken ruhten.
Sie kämpften miteinander. Mit goldenen Schwertern hieben sie erbittert aufeinander ein. Wenn die Klingen der Schwerter sich trafen, zuckte ein Blitz auf und durchtrennte das stürmische Rauschen des Windes mit einem Zischen. Mit Hilfe der Flügel bewegten sich die Kämpfenden
grazil und leichtfüßig auf den Zinnen des Hauses.
"Was bezweckst du damit, mit mir hier auf der Erde zu
kämpfen, Elbius?", rief der jüngere von den Beiden aus, während er einem gekonnten Hieb auswich.
"...weißt du denn nicht, dass wir Engel hier sterblich werden und uns verletzen können? Willst du sterben, Bruder?", fuhr er fort.
Er musste schreien, um den lauten Sturm zu übertönen.
"Sterben? Ja! Ich will, dass du stirbst, Angelus!", erwiderte der Angesprochene, lachte höhnisch und attackierte seinen Gegner mit heftigen Hieben.
Angelus wich zurück.
"Bitte lass uns den Kampf beenden. Spürst du nicht, wie die Atmosphäre der Erde uns schwächt?"
Mit einem gekonnten Salto schwang er sich in die Luft und landete auf einem Vorsprung vor dem größten Turm des Gebäudes.
"Ja, ich spüre wie DU langsam schwächer wirst. Bald wirst
du eine falsche Bewegung machen und dann wird mein Schwert dich durchbohren. Nie wieder werde ich im Schatten meines ach so beliebten Bruders stehen müssen."
Elbius ließ wieder ein hämisches Lachen hören, dann vollführte er ebenfalls einen übermenschlichen Sprung auf seinen Bruder zu, zielte dabei mit dem Schwert auf ihn. Angelus wich ihm aus, doch nicht schnell genug. Die Klinge bohrte sich in seine Schulter.
Angelus schrie auf, noch nie hatte er solche Schmerzen verspürt, aber er war auch bisher noch nie so lange der Erdatmosphäre ausgesetzt gewesen. Reflexartig duckte er sich, als Elbius abermals zum Schlag ausholte und stieß dann dem Angreifer sein Schwert in die Brust.
Mit Entsetzen sah er zu, wie Elbius taumelte und daraufhin auf die Ziegel des Vorsprungs sank. Elbius hatte eine Hand auf seine durchbohrte Brust gepresst und stöhnte schmerzerfüllt.
Seine eigene Verletzung ignorierend, kniete Angelus sich zu seinen Bruder.
"Elbius! Bei den Heiligen Hallen der Schwerter, was habe ich getan?"
Tränen der Verzweiflung liefen an seinen Wangen herunter. Behutsam nahm er den blutenden Körper des jungen Mannes in seine Arme und versuchte, ein Portal zu seinem Reich zu öffnen. Doch vergebens. Seine Verwundung schwächte ihn zu sehr.
Was sollte er nur tun? Wenn er auf der Erde blieb, würde Elbius sicher sterben.
Mit letzter Kraft hob Elbius seinen Kopf und sah seinen Bruder an.
"Angelus...Es tut mir leid. Meine Eifersucht hatte mir den Verstand geraubt.“
"Nein, bitte verzeih mir. Ich hätte es sehen müssen. Ich hätte…"
„Bitte gräme dich nicht, Bruder. Es ist alleine meine Schuld.", erwiderte Elbius mit der Kraft seines letzten Lebenshauchs, dann schloss er seine Augen und sein Körper erschlaffte.
Angelus drückte seinen Bruder noch fester an sich und weinte bitterlich.
*
Der Sturm hatte sich gelegt und es fing an zu regnen. Angelus wollte den leblosen Körper nicht loslassen. Doch plötzlich fing der Leichnam an zu leuchten. Hilflos musste Angelus mit ansehen, wie Elbius sich kurz darauf vor seinen Augen in Luft auflöste.
Angelus starrte fassungslos auf die leere Stelle, an der vor einer Minute noch sein Bruder gelegen hatte. Auf seine Arme, die ihn nicht mehr festhalten konnten.
Was war mit Elbius passiert?
War die Seele seines Bruders nun für immer verloren?
Niemand hatte ihm gesagt, was passierte, wenn ein Engel auf der Erde starb. Er war wie erstarrt vor Entsetzen.
Der Regen wurde stärker, so dass Angelus in kurzer Zeit völlig durchnässt war. Seine langen Haare klebten strähnig an seinem Kopf und seine Flügel sahen ziemlich zerrupft aus. Das Wasser tropfte nur so an den Federn herunter.
Der junge Engel kniete immer noch auf den Ziegeln. Nur langsam nahm er seine Umwelt wieder war. Er stand langsam auf und mit tränenverschwommenen Blick schaute er sich nach einem trockenen Unterschlupf um.
Eine alte Holztür in einem der Erker des Turmes schien ein Weg ins
Innere zu versprechen. Mit wackeligen Beinen ging er darauf zu und rüttelte an einem verrosteten Türknauf. Die Tür gab sofort nach.
Zögernd duckte er sich und ging er durch die niedrige Öffnung hindurch und fand sich in einem kleinen Zimmer wieder, in dem sich eine alte zerfranste Couch und ein paar verstaubte Holzkisten befanden. Viele der Gegenstände, die sich in den Kisten befanden, waren Angelus fremd.
Ein Zittern befiel ihn. Er fror plötzlich erbärmlich. Dieses Gefühl hatte der Engel vorher ebenfalls noch nie so stark empfunden und es ängstigte ihn sehr. Dazu kamen noch die Schmerzen in seiner durchbohrten Schulter, die Wunde blutete immer noch.
Würde er auch sterben müssen, wie sein Bruder?
Die Erdatmosphäre hatte ihn wie ein Mensch verwundbar gemacht und er wusste doch nicht was man machen musste, um die Blutung zu stoppen.
In seinem Reich hätte sie sich schon von selbst geschlossen und es wäre nicht einmal eine Narbe übrig geblieben.
Auf der alten Couch entdeckte Angelus eine alte Wolldecke. Er zog sich vorsichtig seinen durchnässten Mantel aus und wickelte die Decke um seinen schlanken, nun nur noch mit einer dünnen, weißen Stoffhose bekleideten Körper.
Immer noch zitternd kauerte er sich in eine Ecke des Zimmers.
Zu schwach um der Erde zu entfliehen und zu sehr voller Trauer um einen klaren Gedanken zu fassen.
*
Ethan, einer der Oberschüler des Internates, drehte sich unruhig in seinem Bett hin und her. Obwohl der Sturm sich gelegt hatte, konnte er einfach nicht einschlafen. Verstohlen schaute er auf seine Armbanduhr, die auf seinem Nachttisch lag.
"Verdammt, schon 3.00 Uhr", fluchte er leise.
Das kräftige Schnarchen im Nachbarbett, bestätigte ihm, dass sein Zimmergenosse Nick im Gegensatz zu ihm keine Probleme hatte bei diesem Unwetter zu schlafen. Der Glückliche, dachte Ethan.
Nach einer weiteren halben Stunde hin und her Wälzens gab er es endgültig auf. Mit einem lauten Seufzer setzte er sich auf, kramte seine Taschenlampe aus der Schublade seines Nachttisches, stand auf und schlich sich aus dem Zimmer. Auf dem Weg nach draußen schnappte er sich noch schnell seinen Morgenmantel und zog ihn über.
Mit leisen Schritten schlich er durch den Flur, an den Schlafzimmern der anderen Jungen vorbei, die Haupttreppe des alten Hauses hinunter in Richtung Gemeinschafts-Saal.
Nach einem kleinen Lauf an den langen Holztischen vorbei, an denen die Internatsschüler jeden Morgen frühstückten, erreichte er darauf den Flur zur Küche. Am Ende des Flurs hingen zwei alte Wandgemälde mit Landschaftsmotiven. Die, wie einige andere Kunstgegenstände in diesem Haus, schon hunderte von Jahre alt sein mussten und der Modernisierung nicht zum Opfer gefallen waren.
Der Junge steuerte direkt darauf zu. Als er dort angekommen war, fuhr er mit einer Hand an dem Rahmen eines der Bilder entlang. Ein Klicken war zu hören und plötzlich schob sich das Bild ein wenig nach hinten. Ein schmaler Spalt gab den Blick in einen Geheimgang frei.
Ethan schlüpfte geschwind hindurch. Ohne seine Taschenlampe hätte er nicht einmal seine Hand vor Augen sehen können, denn hinter der Wand gab es kein Fenster, das etwa das Mondlicht herein gelassen hätte. Doch Ethan wusste genau in welche Richtung er seine Lampe halten musste und so tauchte eine steinerne Wendeltreppe vor ihm auf, die steil nach oben ragte. Gemächlich erklomm er die scheinbar endlos wirkenden Treppestufen, immer dem Strahl der Lampe hinterher. Nach einer halben Ewigkeit endete die Treppe vor einer schweren Holztür mit rostigen Scharnieren, die halb offen stand.
Als wäre es eine Selbstverständlichkeit trat der Junge hindurch und schlenderte in das kleine Zimmer hinein, das sich dahinter befand.
Er knippste die Taschenlampe aus, denn im Gegensatz zum Gang, war das Zimmer durch die Fenster erhellt. Durch diese schien der Mond herein, der gerade hinter den dunklen Regenwolken hervorlugte.
Gerade wollte Ethan es sich auf der alten Couch mit einem der Bücher aus der Kiste daneben bequem machen, als er in einem der Ecken, des Zimmers eine kauernde Gestalt entdeckte.
Nachdem er sich vor dem Schreck erholte hatte, den diese Entdeckung ihm einjagt hatte, fing er sich an darüber zu ärgern, dass er wohl nicht der einzige war, der dieses Geheimversteck kannte.
Wer der Eindringling wohl sein mag?
Ende Teil 1.
