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Samuel schlief nicht besonders gut in letzter Zeit. Seine Knie machten ihm zu schaffen und sein Rücken. Deswegen saß er noch im Wohnzimmer und versuchte mit mäßigem Erfolg, sich auf ein Kreuzworträtsel zu konzentrieren, als sein Handy klingelte.
Eine Nachricht von Cotta. Ungewöhnlich, um diese Uhrzeit. Und auch wenn die Jungs inzwischen schon seit über einem Jahr nicht mehr in Rocky Beach lebten, schrillten bei ihm unwillkürlich die Alarmglocken.
[bist du noch wach?], las er.
Ohne zu zögern bestätigte er, und einen Augenblick später klingelte es an der Tür.
Samuel runzelte die Stirn. Es musste ja wirklich dringend sein, wenn Cotta ihn um diese Uhrzeit persönlich aufsuchte, und das ungute Gefühl in seiner Magengrube wurde stärker. Die alten Instinkte eines Polizisten funktionierten noch immer, und sie sagten ihm, dass hier irgendetwas im Argen war.
Er drückte den Summer, öffnete die Wohnungstür. Schwere, unstete Schritte kamen die Treppe hinauf und sein Stirnrunzeln vertiefte sich.
Dann erschien Cotta, und die Erklärung für sein ungewohntes Bewegungsmuster wurde offensichtlich.
Mit einer Hand hielt er sich am Geländer fest, seine Jacke war offen und seine Haare ein einziges Chaos. Ganz offensichtlich war er betrunken.
„Ich hab nen Fehler gemacht, Sam“, brachte er hervor, sobald er Samuel bemerkte, und er klang genauso miserabel wie er aussah. „Ich hab nen beschissenen Riesen-Fehler gemacht.“
„Komm erstmal rein“, erwiderte Samuel, während es in seinem Kopf zu rattern begann. Cotta war ein anständiger Mann, er fragte sich wirklich, was diesen so aus der Bahn geworfen hatte, dass er um diese Uhrzeit mitten unter der Woche betrunken bei ihm auftauchte.
Ohne Widerwort folgte Cotta ihm in die Wohnung, ging in die kleine Küche durch und ließ sich auf einen der Stühle fallen.
Unter anderen Umständen hätte Samuel ihm ein Bier angeboten, aber er war sich ziemlich sicher, dass Cotta für den Abend schon genug Alkohol gehabt hatte und er setzte stattdessen Wasser auf.
Cotta schwieg, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände in den Haaren vergraben, bis Samuel die Tasse mit dem Pfefferminztee vor ihm abstellte.
„Also, was ist passiert?“, wollte Samuel wissen, nahm auf dem anderen Stuhl Platz.
Cotta hob den Kopf, doch er sah Samuel nicht an, starrte auf den Tisch oder vielmehr durch diesen hindurch.
Einen langen Moment schien er um Worte zu ringen, dann sagte er kaum hörbar: „Ich hab mit Peter geschlafen.“
Samuel starrte ihn an. Blinzelte. Er musste sich verhört haben. Vielleicht ließen ihn seine Ohren doch langsam im Stich.
„Du hast was getan?“, hakte er nach, merkte selbst, wie ungläubig er klang.
Aber offenbar hatte er das doch richtig verstanden, denn lauter wiederholte Cotta: „Ich hab mit Peter geschlafen.“
Langsam nahm Samuel einen Schluck von seinem Tee. Ein Teil von ihm wollte Cotta Vorwürfe machen, doch er musste sich aktiv daran erinnern, dass die Jungs mittlerweile volljährig waren, auch wenn sie ihm immer noch wie Kinder vorkamen. Peter konnte selbst entscheiden, was er tat und mit wem er vielleicht Sex hatte.
Was ihn nur wunderte, war, dass Cotta deswegen so mit durch war.
„Wann?“, fragte er nach, „Wie ist es-“
Doch Cotta fiel ihm ins Wort. „Vor zwei Jahren.“
Sofort rechnete es in Samuels Kopf. Vor zwei Jahren war Peter achtzehn gewesen-
Ein Verdacht keimte in ihm auf.
Auch wenn er nicht glauben wollte, dass Cotta so etwas tun würde, es würde auf jeden Fall erklären...
„Wann vor zwei Jahren?“, wollte er wissen.
Der Ausdruck auf Cottas Gesicht beantwortete ihm die Frage. Aber er musste es hören. Er musste hören, wie Cotta es sagte, er weigerte sich, es sonst zu glauben.
„Wann, Cotta?“, wiederholte er nachdrücklich.
Wieder war Cottas Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Vor und nach seinem Geburtstag.“
Samuel fluchte. „Mehrfach gleich?“
Beschämt nickte Cotta. „Ich hätts nicht tun sollen, aber Skinny-“
Diesmal war es Samuel, der ihn unterbrach. „Skinny? Verdammt, was hat Skinny jetzt damit zu tun?“
Wenn Skinner Norris an etwas beteiligt war, konnte es gar nicht gut ausgehen.
„Peter und er hatten damals ne Beziehung. Und ich hab... Skinny und ich haben gelegentlich...“, Cotta brach ab.
Jetzt konnte Samuel sich endgültig nicht mehr zurückhalten. „Mit Skinny hast du auch geschlafen? Meine Güte, Cotta, bist du eigentlich komplett bescheuert?“
Cotta sackte noch tiefer in sich zusammen. „Es war dumm, ich weiß. Aber er hat mir Peter angeboten und ich hab zu spät gemerkt, dass er noch keine achtzehn war, und die Fotos, die Skinny gemacht hat...“
Unwillkürlich stöhnte Samuel. „Hast du gerade Fotos gesagt?“
Eigentlich hielt er Cotta für einen intelligenten Mann. Aber jedes neue Detail, das er enthüllte, weckte in Samuel stärker das Bedürfnis, ihn zu schütteln.
Erneut grub Cotta die Finger in seine Haare. „Ich hab das nicht mitbekommen, okay? Ich hatte mich... Ich hatte mich auf Peter konzentriert.“
„Der minderjährig war“, stellte Samuel fest. So richtig wollte er es immer noch nicht glauben, doch Cottas Nicken zwang ihn dazu.
Eine überwältigende Enttäuschung breitete sich in ihm aus. „Verdammt, Cotta“, brach es aus ihm heraus, „Ich hab die Jungs damals in deine Obhut gegeben. Ich hab dir die Drei anvertraut, weil ich dachte, du kannst am ehesten auf sie aufpassen.“
Er wurde nicht laut, aber Cotta sah trotzdem aus, als hätte er ihn angeschrien.
„Stattdessen machst du solchen Mist. Und stehst hinterher noch nicht mal dafür grade. Denn ich nehme mal nicht an, dass du willst, dass ich dich anzeige.“ Davon war Samuel fast am meisten enttäuscht. Dass Cotta offenbar noch nicht einmal gewillt war, seinen Fehler einzugestehen und die Konsequenzen dafür zu tragen.
Denn die Panik auf seinem Gesicht sagte alles.
„Warum erzählst du mir die Scheiße überhaupt?“, wollte Samuel wissen. Wenn er ehrlich war, hätte er gut damit leben können, diese Dinge niemals zu erfahren. Und er war kein verdammter Beichtvater, auch wenn Cotta ihn gerade als solchen zu benutzen schien.
Der griff in die Innentasche seiner Jacke, warf einen weißen Umschlag auf den Tisch. „Das war vorhin in meinem Briefkasten. Skinny wollte mich wissen lassen, dass er es nicht vergessen hat. Ich musste mit irgendwem reden.“
Fast gegen seinen Willen streckte Samuel die Hand nach dem Brief aus. Eigentlich wollte er den Inhalt gar nicht sehen. Aber ein Teil von ihm wollte immer noch leugnen, dass Cotta, ausgerechnet Cotta, sowas wirklich getan haben konnte.
Seine Finger zitterten kaum merklich, als er den Umschlag öffnete und die Fotos heraus zog.
„Ich kann nicht glauben, dass der Mistkerl tatsächlich losgegangen ist und die Bilder ausgedruckt hat...“, murmelte Cotta.
Die Fotos waren auf Hochglanzpapier, unerwartet klar und scharf. Samuel wünschte, sie wären weniger deutlich.
Dann müsste er nicht Cottas Hand um Peters Hals sehen, die Tränen auf Peters Gesicht, das kleine silberne Spielzeug, das neben ihnen auf dem Laken lag.
Er konzentrierte sich auf den Rest des Bildes, es schien sich um eine Wohnung in Little Rampart zu handeln, die rissigen Wände und die Feuerleiter vor dem Fenster sahen vertraut aus. Dann wurde sein Blick unwillkürlich zu Peters Gesicht zurück gezogen, zu den Tränen auf seinen Wangen.
„Das sieht nicht besonders einvernehmlich aus“, bemerkte er, versuchte die immer heller auflodernde Wut in sich zu unterdrücken.
Zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie Empörung auf Cottas Zügen. „Nein“, verteidigte er sich entschieden. „Ich hab Mist gebaut, okay. Aber ich habe nichts getan, worum der Junge mich nicht gebeten hätte. Er wollte, dass ich ihm wehtue. Er hat in meinem Büro gestanden und darum gebettelt-“
„Danke, das reicht“, unterbrach Samuel ihn. Das wollte er so ausführlich lieber gar nicht hören. „Ich glaub dir ja.“
Widerwillig blätterte er durch die anderen beiden Bilder. Das gleiche Motiv, ohne große Abweichungen, vermutlich nur dazu da, um Cotta daran zu erinnern, dass es mehr als eines gab. Auf den ersten beiden waren sowohl er als auch Peter klar und deutlich zu erkennen, auf dem letzten hatte Cotta sich offenbar gerade heftig bewegt, sein Gesicht nur ein verschwommener Fleck.
Nicht ohne eine gewisse Abscheu warf Samuel die Fotos wieder auf den Tisch.
„Ich glaube dir, dass es einvernehmlich war“, erklärte er und neben ihm schien Cotta aufzuatmen. „Deswegen werde ich auch keine rechtlichen Schritte gegen dich einleiten. Weil ich dir glaube, und weil du dir bisher noch nie etwas zu schulden kommen lassen hast.“
Deswegen hatte er die Jungen ja damals in Cottas Verantwortung übergeben. Weil er eine strahlend saubere Akte hatte, ein funktionierendes Moralempfinden, und sich nicht vom Korpsgeist zum Wegsehen verleiten ließ. Weil Samuel ihm vertraute. Vertraut hatte.
Er trank noch einen Schluck von seinem Tee, holte tief Luft, ehe er Cotta wieder fixierte. „Das heißt aber nicht, dass du einfach weitermachen kannst wie vorher. Ich will, dass du kündigst, und ich will, dass du die Stadt verlässt.“
Auch wenn er Cotta schätzte, immer geschätzt hatte, nach dem, was er jetzt wusste, konnte er es nicht mehr verantworten, nicht mehr mit sich vereinbaren, Cotta weiter als Polizisten in Rocky Beach für Recht und Ordnung sorgen zu lassen.
„Sam-“, setzte Cotta zu Protest an, doch Samuel ließ ihn nicht ausreden.
„Komm mir jetzt nicht so“, fuhr er dazwischen. „Du wirst so schnell wie möglich deine Kündigung einreichen.“
Für eine lange Sekunde starrten sie sich an.
Dann senkte Cotta den Blick, wie ein gescholtener Schuljunge, und sagte leise: „Ja, Sir.“
Fast bildete Samuel sich ein, dass er erleichtert wirkte. Vielleicht half es seinem Gewissen, das durchaus nicht glücklich über das schien, was er getan hatte, wenn er auch nur symbolisch Buße tun konnte.
Aber noch etwas wollte Samuel sicherstellen, bevor er bereit war, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Denn er wollte unter keinen Umständen, dass Cotta seinen Fehler vielleicht noch einmal wiederholte.
Also sah er ihn erneut streng an. „Ich will dich nie wieder in der Nähe der Jungs sehen – oder überhaupt in der Nähe von irgendwelchen Jungs, wenn du es nicht schaffst, deine Hose anzubehalten.“
Eine Sekunde lang schien Cotta widersprechen zu wollen, dann machte sich Traurigkeit auf seinem Gesicht breit, und fast tat er Samuel leid. Genauso wie er schätzte und mochte Cotta die Jungs ehrlich und von ganzem Herzen. Sich von ihnen fernhalten zu müssen, würde wehtun. Aber gerade weil die drei ihnen so viel bedeuteten, wollte Samuel nicht, dass Cotta ihnen jemals wieder zu nahe kommen konnte.
Und offenbar verstand der das auch. Denn erneut murmelte er: „Ja, Sir.“
Langsam nickte Samuel. Rieb sich die Schläfen, hinter denen sich mörderische Kopfschmerzen ankündigten, und versuchte, sich darüber klar zu werden, was vielleicht noch gesagt werden musste.
„Eins noch“, fiel ihm ein, „Sollte mir jemals zu Ohren kommen, dass du sowas noch mal getan hast, werde ich dich anzeigen, hast du mich verstanden?“
Diesmal überwog zu seiner Überraschung wieder die Erleichterung.
„Ja, ich habe verstanden“, erwiderte Cotta leise, wirkte seltsam beruhigt.
Offenbar hatte das Gespräch ihm tatsächlich gegeben, wonach er gesucht hatte, auch ohne Samuels Absolution. Er meinte sich zu erinnern, dass die Familie Cotta italienische Wurzeln hatte, vielleicht gab es einen katholischen Hintergrund und die reine Beichte hatte Cottas offensichtlichen – wenn auch verspäteten – Gewissensbissen bereits geholfen.
Aber Samuel würde sich nicht die Mühe machen, nachzufragen. Seiner Meinung nach hatte er seine Schuldigkeit an dieser Stelle getan.
Er war kein Polizist mehr, obwohl die Autorität seines Rangs noch nachzuwirken schien, so leicht wie Cotta seine Anweisungen akzeptierte, und hatte keine Pflicht mehr, tatsächlich eine Anzeige in die Wege zu leiten.
Und solange Cotta sich an die Bedingungen hielt, konnte er es mit sich vereinbaren, ihn davonkommen zu lassen.
Er leerte seine Tasse. „Du kannst hier schlafen“, bot er an. „Aber wenn ich morgen wach werde, solltest du besser nicht mehr hier sein.“
„Danke.“ Cotta nickte, suchte dann vorsichtig wieder seinen Blick. „Danke fürs Zuhören und...“ Er brach ab, seine Stimme war belegt, seltsam klein. „Du hast recht. Es ist besser, wenn ich den Dienst quittiere und irgendwo hingehe, wo ich keinen Schaden mehr anrichten kann.“
„Schön, dass du es einsiehst“, erwiderte Samuel, und meinte es auch tatsächlich so. Cotta hatte einen unentschuldbaren Fehler gemacht. Aber er war kein schlechter Mensch und Samuel konnte sich nicht dazu bringen, wirklich böse mit ihm zu sein.
Er war vor allem enttäuscht, und sie wussten beide, dass das die schlimmere Strafe war.
