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Erste Schritte

Summary:

Ein erster Schritt bei dem Vincent Adam hilft, und einer bei dem es Lidia macht.

Notes:

Diese Story ist eine Mischung aus Frühlingsgefühlen und Therapiesitzungen (?) Ich hatte auf jeden Fall super viel Spaß beim Schreiben und hoffe ihr habt genauso Spaß beim Lesen! <3
PS: usual disclaimers apply bezüglich schlechtem Polnisch etc.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

„Vincent...ich werd aufhören!“
Vincents Puls ging plötzlich schneller, völlig überrumpelt, als Adam so abrupt auf ihn zu gestürmt kam. Er blinzelte schnell und wollte etwas sagen, aber Adam kam ihm zuvor.
„Du hattest recht, darüber verliert man leicht die Kontrolle….ich hab die Kontrolle verloren!“
Er streckte seine Hand aus und Vincent wusste sofort was sich in seiner geschlossenen Faust befand.
„Adam...“
„Nimm sie, okay?!“, Adam drückte ihm das kleine rechteckige Stück Plastik, mit zittrigen Fingern, in die Hand. Nickte dabei als ob er sich selber klarmachen wollte, das das hier wirklich die richtige Entscheidung war. Zu beschämt um ihn anzuschauen, wandte er sich schnell zum gehen.
Vincent schluckte und fand endlich Worte, vielleicht nicht die nach denen er gesucht hatte, aber er musste irgend etwas sagen. „Adam….dazu gehört auch jetzt nicht wegzurennen...red mit mir!“
Adam blieb zögernd stehen und holte tief Luft bevor er die Kraft fand sich wieder zu ihm umzuwenden.
„Ich hab Scheiße gebaut…“, stellte er in den Raum.
Vincent nickte nur und sah Adam erwartungsvoll an. Er sah in seinen Augen, dass er noch etwas anderes sagen wollte und er würde ihm seine Zeit geben.
Adam schüttelte den Kopf als würde er einen unerwünschten Gedanken verjagen. „Ich kann dich darum nicht bitten!“
Vincent lächelte sanft. „Doch, das kannst du!“
Wie Adam ihn jetzt anstarrte, als könne er ihn einfach nicht begreifen, als wisse er nicht wie er mit ihm umgehen sollte. Versuchte verzweifelt zu verstehen welche Version von sich selber er mit Vincent sein durfte. „Vincent“, fing er dann mit zitternder Stimme an, „...ich hab Schiss...ich schaff das nicht alleine...bitte...“
Vincent machte wieder einen Schritt auf ihn zu und legte ihm seine Hand auf die Schulter. „Ich bin da!“
Für einen kurzen Moment erstarrte Adam, bevor er erleichtert ausatmete und sich dann dankbar an seinem Arm festhielt.


Das ganze Wochenende verbrachte Vincent bei Adam.
Mit Adam.
Mit Adams Launen, seiner Wut, seiner Scham, seinem Schmerz.
In zwei endlosen, schlaflosen Nächten stand er ihm bei. Hielt ihn fest bis er endlich zuließ, dass ihn der Schlaf einholte. Dann schlief Adam und Vincent konnte auch endlich schlafen.
Adam war weicher mit Schlaf, leichter irgendwie, schöner. Er war immer noch ein bisschen blass, aber seine Augen waren wieder mit Leben gefüllt, als er sie endlich wieder aufschlug und ihn anblinzelte.
„Wie lange war ich weg?“
Adam hatte fast zwölf Stunden geschlafen. Mehr an einem Stück als wohl sonst in einer Woche.
„Scheiße“, flüsterte der als er das hörte.
„Fühlst du dich ausgeruht?“
„Ausgeruht?! Ich fühl mich als wär ich aus meinem scheiß Grab gekrochen“, brummte Adam, aber er grinste. So richtig, so, dass seine grünen Augen glänzten.
Vincent fühlte eine riesige Last von sich abfallen.
„Kann mich nicht erinnern wann ich das letzte Mal 'ne Nacht durchgeschlafen hab…“, überlegte Adam, „das war ein Koma für meine Verhältnisse!“
Vincent starrte ihn mit leerem Blick an.
„Sorry, war das unsensibel, das sollte man nicht sagen, oder?“, fragte Adam etwas verschmitzt.
Wäre gut möglich, dass was auch immer sein Partner gerade gesagt hatte unsensibel gewesen war, aber Vincent konnte es nicht mit Sicherheit sagen, denn er hatte nicht wirklich zugehört. Er hing immer noch am Glänzen in Adams Augen fest. Es gab ihm Hoffnung. Während er die letzten Tage auf pures Durchhaltevermögen gesetzt hatte, konnte er jetzt auf Hoffnung setzen.
„Vincent?“
Vincent kam wieder ganz in die Gegenwart zurück und bemerkte, dass Adam ihn schon einmal angesprochen hatte.
„...was ist mit dir...hast du geschlafen?“, fragte ihn sein Gegenüber jetzt.
Er würde lügen, wenn er sagen würde, er habe viel Schlaf abbekommen, und er wusste, dass man es ihm auch ansehen konnte.
„Ich könnt noch ne Runde vertragen...hm?“, schlug Adam vor und deutete zurück aufs Bett. Adam wusste, dass sich das falsch anhörte, Vincent sah es ihm an, denn sein Mundwinkel war so ganz speziell verzogen, so ganz auf Adams Art. Na wenigstens bekam er so langsam seinen Humor zurück.
„Komm!“

Sie lagen diesmal nicht so wie sie es die meiste Zeit dieses Wochenende gemacht hatten, mit Adams Rücken an Vincents Brust, sondern wie es sich für Kollegen gehörte, schön brav nebeneinander, ohne sich zu berühren. Wenigstens war es ein Schritt zurück zur Normalität.

Einige Zeit später schreckte Vincent schlagartig aus dem Schlaf hoch und fand die andere Seite des Bettes leer vor.
Er setzte sich am Bettrand auf. „Adam?“, rief er in Richtung Bad. Er bekam keine Antwort.
Irritiert hievte er sich aus dem Bett und ging in den Gang in Richtung Küche. Auch dort war niemand. Plötzlich packte ihn Panik. Hastig zog er die Schublade auf in der er die Pillen versteckt hatte, nur für den Fall. Er begann schon sich selber für seine Nachlässigkeit zu verfluchen während er die Schublade panisch mit den Augen absuchte. Dann fand er endlich die Schachtel. Sie war noch voll.
Adam kam gerade mit ein paar Tomaten in der Hand von der Parzelle rein. Er hatte wieder etwas Farbe im Gesicht und seine Zünge wirkten entspannt.
„Hey ich hab Frühstück gemacht, hast du Hunger?“
Er hielt inne als er bemerkte wie blass und verdattert Vincent aussah. Der zuckte ertappt zusammen und schob die Schublade ruckartig hinter sich zu.
Realisation huschte über Adams Züge und er runzelte die Stirn. „Sorry...Vincent ich…“
Vincent schüttelte schnell den Kopf und lachte heiser. „Nein...nein...es ist überhaupt nichts…“, brachte er atemlos heraus, „ Frühstück...super! Ich hab total Kohldampf!“
Adams Miene hellte sich wieder auf und er machte sich daran das Gemüse zu schneiden.


(Eine Woche später)

Vincent trippelte gerade schwungvoll die Treppe vom Kommissariat hinunter, als er von einem lauten Motorgeräusch aufgeschreckt wurde.
Ein Motorrad hielt vor dem Gebäude und der Fahrer kam auf ihn zu und nahm währenddessen seinen Helm ab. Adam, der unter dem Helm hervorkam, schüttelte etwas den Kopf und strich sich durchs schweißnasse Haar, das ihm an der Stirn klebte.
“Adam?” begrüßte er ihn, etwas verwirrt.
Ein Lächeln wuchs auf Adams Gesicht. “Hey!”
“Was machst du hier?”
Adam wischte sich die Hände an seiner Jeans ab. Er wirkte ein bisschen nervös. “Ich wollte...ich wollt dich abholen!”
“...abholen?”
Er zeigte auf seine Maschine. „Ich dachte wir könnten einen kleinen Ausflug machen... nicht weit raus, nur so...den Abend ausklingen lassen.“
Vincent’s Blick wanderte zum Motorrad und dann skeptisch zurück zu Adam.
Der ältere Mann hielt beschwichtigend die Hände in die Höhe. „Ich bin fahrtüchtig, ich versprech 's! Wiktor hat mich gezwungen einen Reaktionstest zu machen!“
„Das ist es nicht!“
„Hm?“
„Bin nur noch nie auf einem gesessen…“, gab Vincent verlegen zu.
„Nicht dein Ernst! Dann müssen wir das sofort ändern!“
Vincent sah nicht überzeugt aus. „Kennst du eigentlich die Statistiken zu …“
„Vincent ich bin auch Polizist, falls du das vergessen hast...schau mal, du kriegst sogar deinen eigenen Helm!“, versuchte es ihm Adam schmackhaft zu machen, wie Spinat einem kleinen Kind.
„Äh...ich weiß nicht…“
„Vertraust du mir?“
Vincent verdrehte die Augen.
„Okay, falsche Frage“, sagte Adam verschmitzt, „Ich fahr auch vorsichtig, versprochen!“
Vincent dachte noch einen Moment darüber nach, dann nickte er endlich.
„Gut, jetzt komm!“, hetzte ihn Adam, „bevor mich Pawlak noch erwischt!“, sah er paranoid zum Kommissariat. Er war ja heute offiziell noch krank geschrieben.
Vincent machte ein paar Schritte auf ihn zu. „Komm mal her!“, sein Partner strich ihm behutsam die Haare nach hinten, darauf bedacht, dass sich seine Finger nicht in den unbändigen Locken verhedderten, und half ihm in seinen Helm. Er klippte vorsichtig den Verschluss zu.
„Gut so?“, fragte er und hielt einen Daumen hoch.
Vincent nickte wieder.
Adam zog seinen eigenen Helm schnell wieder auf und hievte sich auf das Bike.
„Setz dich drauf!“, er klopfte hinter sich auf den Sitz, „und die Füße behältst du einfach hier oben, ja?!“, demonstrierte er.
Vincent folgte seinen Anweisungen, während sein Herz begann in seiner Brust zu rasen. Jetzt wird 's ernst!
„Hey“, Adam klopfte leicht an Vincents Helm um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, „du brauchst wirklich keine Angst haben, ich pass gut auf dich auf!“
Vincents rasendes Herz fing bei diesen sanften Worten auch noch an zu hüpfen. Was sollte die ganze Akrobatik?!
„Halt dich einfach hier fest!“, Adam nahm kurzweg Vincents eine Hand und legte sie auf seinen Bauch. Ohne weiteres schlang Vincent seine Arme um Adams Mitte. Er fing jetzt schon an sich etwas sicherer zu fühlen, was er wirklich dringend brauchte.
„Bereit?“
Anstatt eine Antwort zu geben, lehnte Vincent seinen Kopf gegen Adams Schulterblatt und schloss fest die Augen.
Trotzdem war er nicht darauf vorbereitet als sie schlagartig losfuhren.
Er gab ein erschrecktes Laut von sich, das sich zum Glück zwischen dem Helm und den lauten Motorgeräuschen verlor. Er klammerte sich mit jeder verstreichenden Sekunde noch fester an Adam. War sich sicher, dass der sein Herz an seinem Rücken spüren konnte, so heftig wie es gerade raste, so schnell wie es gerade das Adrenalin durch seinen Körper jagte. Auch wenn Adam beinahe den ganzen Fahrtwind abbekam, spürte Vincent den Wind an seinen Armen vorbeirauschen und bekam Gänsehaut. Oh Gott!, das konnte doch nicht gut gehen! Nein, sagte sich Vincent selber, es würde alles gut gehen, solange er sich an Adam festhalten würde. Solange er ihn vor dem Wind und der Kälte schützte und er sich an ihm festklammern konnte. Alles gut, alles gut, alles gut... schaffte es Vincent so langsam sich zu überzeugen, bis Adam schon wieder beschleunigte und die ganze Panik von vorne los ging.


Adam hielt ihm die Hand hin um ihm vom Bike zu helfen und stützte ihn, als er auf zittrigen Beinen ein bisschen strauchelte. Hastig griff Vincent sich an den Helm, weil er das Gefühl hatte nicht genug Luft zu bekommen, aber Adam war schon da um ihm herauszuhelfen. Als er jetzt Adam ansah, und sich in seinem Visor spiegelte, bemerkte er erst das riesen Grinsen auf seinem eigenen Gesicht. Warum grinste er?! Das eben war alles andere als spaßig! Das ganze Adrenalin musste sein Hirn gerade völlig vernebeln. Adam nahm seinen eigenen Helm ab und strahlte ihn an.

Auch den kurzen unebenen Weg hinunter zum kleinen See musste ihn Adam etwas stützen weil er immer noch wackelig auf den Beinen war.
Endlich konnte sich Vincent hinsetzen und er stöhnte erleichtert auf. So langsam fing auch das Adrenalin an sich etwas zu verflüchtigen. Mit zittrigen Fingern zündete er sich erstmal eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug.
Adam grinste ihn ein bisschen schief an, dieses Grinsen bei dem Vincent nie ganz wusste ob er sich lustig machte. „Olga war auch nie der größte Fan…“, lachte er.
„Olga... ist das deine…“
Adam schüttelte den Kopf, bevor Vincent das Wort „Exfrau“ sagen konnte.
„Meine Dienstpartnerin“, erklärte er.
„Achso...Frau Lenski oder?“
„Genau“
Es war für ein paar Sekunden still, dann schluckte Adam schwer. „Ne...ähm...Lidia...Lidia hat das geliebt, wenn wir zusammen an den See gefahren sind, nur wir zwei...wenn die Kinder mal bei der Nachbarin waren“, ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Dann wurde sein Ausdruck gequält. „Fühlt sich jetzt wie ewig her an…“, seufzte er.
Er setzte sich neben Vincent hin und sie schwiegen für eine Weile, starrten auf die glatte Oberfläche des Sees hinaus.
„Wünscht du dir das zurück?“, fragte Vincent behutsam. Er merkte wie viele ungesagte Worte in Adams Kopf herumschwirrten. Er merkte so etwas immer bei ihm und er hoffte mit seiner Frage wenigstens ein paar von den Worten hervorzulocken.
„Ich weiß nicht“, sagte Adam müde… „ja...ich vermisse es schon…ich vermisse das alles...vor allem…“
„Hm?“
„Vor allem, habe ich einfach ständig das Gefühl, ich verpasse alles!“
„Du meinst bei deinen Töchtern?“
Adam nickte schwermütig. „Weißt du, Liana, meine Älteste, sie will jetzt Lyn genannt werden und fängt an richtig zu rebellieren“, sagte er liebevoll. „Und die Kleine, die hat’s faustdick hinter den Ohren, die macht die Jungs beim Fußball so richtig fertig!“
Vincents Lächeln war mindestens genauso liebevoll, aber Adam war zu sehr in Gedanken um es zu bemerken. Er schluckte. „Ich wünschte einfach…ich wünschte ich könnte mehr in ihr Leben involviert sein, aber ich weiß nicht wie ich das machen soll, also so richtig...ich weiß nicht ob es dafür nicht schon längst zu spät ist“
Vincent legte ihm jetzt behutsam eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube es ist nie zu spät Adam...vor allem nicht wenn es um seine Kinder geht...die wünschen sich doch Kontakt zu ihrem Papa!“
Adam schüttelte bitter den Kopf. „Ich war denen aber kein Papa mehr, nicht in den letzten Jahren…“
„Dann wird es Zeit, dass du ihnen zeigst, dass du breit bist das wieder zu sein!“
„Ich will ja, aber...“, er lies den Kopf sinken und stützte ihn in seine Hände.
„Du schämst dich?“, fragte Vincent.
Adam musste nicht nicken, Vincent konnte ihn ja anscheinend auch so lesen, wie einen mittelmäßigen Roman.
„Adam, schau mich bitte kurz an!", sagte Vincent und strich ihm sachte durchs Haar. Zögernd blickte Adam zu ihm hoch.
"Ich weiß, dass es hart ist, aber du bist immer noch eine wichtige Bezugsperson für deine Töchter und wenn du jetzt schon Angst hast Sachen verpasst zu haben, stell dir vor, wie es in fünf Jahren aussehen wird!"
Vincent hatte recht, das hatte er ja fast immer. Seine Scham war es was ihn zurückhielt, wenn es darum ging seine Töchter öfter zu sehen. Nach allem was passiert war hatte er das Gefühl, er verdiente es nicht ihnen wieder unter die Augen zu treten. Was hatte er denn vorzuweisen?! Eine Junggesellen(bruch)bude, einen zugestellten Garten, kam Zeit um irgendetwas zu unternehmen. Er hatte nichts in seinem Leben außer seinem Job. Nichts was er ihnen bieten konnte, nichts was er für sie sein konnte, außer der nutzlose Papa.
„Adam, du liebst deine Kinder, das ist ganz klar, und ich bin sicher, dass du das Beste für sie willst. Das schlimmste was du jetzt machen kannst, ist dich aus Scham ihnen vorzuenthalten!“
Adam spürte Schuldgefühle in sich aufflammen und versuchte sich zu verteidigen. „So einfach ist das nicht...ich meine da ist auch noch Lidia die...“
Vincent wartete bis Adam weitersprach, aber als er das nicht tat fragte er nach.
„Wie ist die Situation für sie?“
Er zuckte die Schultern. „Sie hat das Haus, sie lässt mich die Kinder sehen, wir mussten nicht ums Sorgerecht streiten, wahrscheinlich wusste sie, dass ich das sowieso nicht machen würde...wie denn auch…“
Adam unterbrach sich selber bevor er zu sehr in den Details der Scheidung versinken konnte.
„Ich glaube sie kommt ohne mich ziemlich gut klar… jedenfalls besser als ich“, lachte er bitter, „..aber...weißt du wir haben immer gut funktioniert...das was wir hatten, hat funktioniert. Natürlich hatten wir unsere Probleme und Lidia ist ja auch kein Engel, aber sie hat immer versucht alles zusammen zu halten...aber ich... hab das alles für selbstverständlich genommen…“
Er unterbrach sich wieder. Bevor er sagen konnte was ihm in letzter Zeit jede Nacht plagte. Er war ein Idiot. Er hatte es ruiniert, für sie beide...für sie alle vier.
„Hast du ihr das gesagt?“, fragte Vincent und es klang viel zu einfach. Adam sah ihn an als hätte er den Verstand verloren.
 Vincent erwiderte stur seinen Blick. „Na, wenn du das so empfindest, dann sag ihr das am besten so.“
„Vincent…“
„Was, ist das so utopisch das zwei erwachsene Menschen miteinander reden können?“
Lidia konnte das, also zumindest damals hatte sie es gekonnt, realisierte er, er konnte es aber nicht. Er war derjenige gewesen der gerne immer ein andermal über die Probleme geredet hätte, bis es kein andermal mehr gab. Er hatte seine Chancen gehabt aber er hatte sie schon längst verspielt.
„Nach all dem was war…“
„Nach all dem was war, sind das trotzdem noch deine Bedürfnisse und die darfst du auch ausdrücken. Wie die andere Person reagiert ist dann deren Sache.“
Das sagt sich so leicht! „Warum alte Wunden wieder aufreißen?“
„Das könnte man nur wenn sie je eine Chance hatten zu heilen, aber das scheint mir nicht der Fall zu sein“
Wie Vincent das einfach so gerade heraus sagte… Wie Vincent einfach so einen klaren Blick auf solche Sachen hatte...
Aber das war ja auch einfacher für ihn als jemand der nicht in Adams Situation war.
Selbst wenn ihn sein Stolz nicht davon abhalten würde so ehrlich mit Lidia zu reden, dann das Wissen, dass es überhaupt nichts zwischen ihnen ändern würde. Es gab keine Chance, das wieder zu bekommen was er sich verspielt hatte. Wozu also die halbherzigen Annährungsversuche.
„Schau mal Adam, ich glaube du assoziierst noch sehr viel Schuld mit der ganzen Situation, und wenn nichts anderes, dann könnte es dir wenigstens damit helfen, wenn du das ganze ansprichst.“
Adam sah wieder hoch und bemerkte wie Vincent ihn musterte. Seine durchdringenden dunklen Augen auf ihn gerichtet. Der Rauch den er ausatmete umhüllte ihn düster und blau in der heranschleichenden Dämmerung. Er schien beinahe unwirklich. Als wäre er ein Trugbild das Adams Fantasie entsprungen war. Dieser unglaubliche Mensch. Der plötzlich auftaucht und Adam den Spiegel vorhält. Vincent hatte ihn gerettet. Wenn der Moment im Auto zwischen ihnen nicht gewesen wäre, es hätte nicht mehr viel gebraucht und Adam hätte seine Karriere, sein ganzes Leben aus dem Fenster geschmissen. Irgend ein Fallprotokoll hätte seinen Namen darauf gehabt mit "suspendiert wegen Drogenkonsums im Dienst", irgend ein Fall wäre fürchterlich schief gelaufen, jemand wäre zu Schaden gekommen. So viel Scham er auch empfand wenn er daran dachte was da im Auto passiert war, es war der Weckruf gewesen den er gebraucht hatte um den ersten Schritt in die richtige Richtung zu machen. Das Problem damit den ersten Schritt zu machen, war aber, dass man dann immer weiter gehen musste. Und so dankbar er Vincent auch war, jede Minute, die er mit ihm verbrachte taten sich in ihm all diese Türen auf, die Adam so lange verschlossen gehalten hatte, weil sich dahinter Abgründe auftaten, weil er Angst hatte, dass ihm alles um die Ohren fliegen würde wenn er sie aufmachte.
Jetzt gerade begann es sich schon so anzufühlen als könnte er unter all dem ertrinken und seine einzige Rettungsleine war schon wieder Vincent.
„Danke Vincent...wirklich! Aber ich weiß nicht, ob ich das alles schaffe...“, gab Adam zerknirscht zu.
"Du hast in den letzten Tagen schon ganz anderes geschafft!", erinnerte ihn Vincent. "Du hast schonmal einen mutigen ersten Schritt gemacht, und ich werde für alle weiteren für dich da sein...wenn du mich lässt!”
Vincent streckte Adam seine Hand hin.
Sollte er sie wirklich nehmen? Hatte er Vincent denn nicht schon viel zu weit mitgeschleift. Hatte er sein Helfersyndrom nicht schon viel zu sehr ausgenutzt?! Das musste doch völlig erschöpfend sein sich um einen komplett ausgebrannten Loser wie ihn zu kümmern. Er sollte sich nicht an jemanden lehnen den er kaum kannte, und erwarten das der einen durchs Feuer begleiten würde.
Ein paar ewige Sekunden verstrichen. Vincent runzelte die Stirn und lies langsam die Hand auf seinen Oberschenkel sinken, wo Adam sie endlich ergriff.


(6 Monate später)

Adam konnte es kaum glauben, er stand in seinem Garten, mit seiner Exfrau und sah zu wie seine Kinder auf dem Rasen Fußball spielten. Sogar das Wetter war wie aus dem Bilderbuch. Es war warm für die Jahreszeit und deswegen konnten sie heute seinen Geburtstag im Freien feiern. Die Mädchen hatten vorgeschlagen, dass sie ja grillen könnten. Wiktor wollte auch später noch vorbeikommen. Vincent war schon da. Trug schon das Freundschaftsband, das ihm Lenka geknüpft hatte. Und die hatte ein buntes Band in den Haaren, das ihr Vincent gemacht hatte. Der Mensch hatte echt den Beruf verfehlt, an dem war ein Jugendbetreuer verloren gegangen. Sogar Lyn war nicht so kratzig wenn Vincent mit seinen Wimpern klimperte. Da hatte sie wohl was mit ihrem Papa gemeinsam.

Er hatte Vincent gefragt ob er ihn heute wieder begleiten wollte. Die Kinder mochten ihn sehr und außerdem war er der Grund, warum das alles überhaupt möglich war. Außerdem mochte Adam es einfach Zeit mit ihm zu verbringen. Soviel gab er gerne zu...

Adam beobachtete das Fußballspiel schon seit einer Weile. Lyn stand im Tor und Lenka versuchte gerade Vincent den Ball abzunehmen, aber der trickste sie die ganze Zeit aus. Sie fluchte schon frustriert auf polnisch und hatte Glück, dass ihre Mutter sie nicht hörte. Da entschied Adam kurzerhand sich in das Spiel einzumischen.
Er überraschte Vincent, hielt ihn fest und passte den Ball seiner Tochter zu.
„Schnell schnell, mach den rein!“, bekam er heraus.
Tata das ist unfair!“, quengelte Lenka jetzt und verschränkte die Arme. Oh Mann, die war ja sogar noch auf Vincents Seite wenn sie gegen ihn spielte. Unfassbar!
„Da siehst du's! Deine Kinder sind ehrlicher als du!“, stöhnte Vincent der sich immer noch in Adams Griff wand.
„Echt jetzt?“, beklagte sich Adam. Einen Augenblick später landete er mit einem „Uff!“ etwas unsanft auf dem Rasen als Vincent ihm ein Bein stellte.
„Sorry, ich...“ hatte Vincent schon auf den Lippen, da bekam Adam den Ball zu fassen und legte sich darauf.
„Hey!“ Vincent versuchte ihm den Ball mit dem Fuß abzunehmen, ohne ihn zu treten und strauchelte selber, als Adam sein Bein einklemmte. Halb fiel Vincent und half legte er sich auf Adam drauf um ihn dazu zu bringen den Ball abzugeben.
Sie rangelten, bis Adam Vincent irgendwann überwältigt hatte und triumphierend den Ball in die Höhe streckte.
Empört kamen Lyn und Lenka angerannt und zogen an Adam um ihn von ihrem geliebten Vincent runter zu bekommen. Da merkte man wieder wie die Loyalitäten hier verteilt waren.

Sie alle wurden zu einem kichernden Haufen auf dem Rasen bis jemand endlich den Ball frei bekam und schlussendlich ein Tor für Adam fiel, welches offiziell (fast) einstimmig für ungültig erklärt wurde.


Tata, ich hab ein Geschenk für dich!“, kam Lenka leise angetappst, als er gerade am Grill stand. Sie wirkte plötzlich fast schüchtern, was für beide seine Mädels sehr ungewöhnlich war.
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, darin befand sich ein Freundschaftsband, sogar noch hübscher und farbenfroher als das von Vincent.
Łał, Lenka ist das selber gemacht?!“
Sie nickte stolz. „Danke!“, lächelte er und drückte sie, „hilfst du mir gleich es anzuziehen, Myszko?“
Sie schaffte es nicht mit ihren schwitzigen Fingern einen guten Knoten hin zu bekommen und murrte ungeduldig. „Vincent kannst du das?“, rief sie verzweifelt. Vincent konnte in ihren Augen wirklich jedes Problem lösen oder?! Na ja, vielleicht lag sie damit nicht mal so falsch.
„Ich kann es mal probieren“, lächelte Vincent und versuchte sein Glück.
Adams Puls tanzte unter Vincents Fingern und Wärme schoss ihm in die Wangen. Wie lange konnte es dauern so ein verfluchtes Band zu verknoten?!
Als es endlich festgezogen war begutachteten sie beide sein Handgelenk. War gerade einfacher als Vincent direkt anzusehen. "Ich finde es steht dir! Gut gemacht Lenka!", sagte Vincent und Lenka und ihr Papa strahlten nebeneinander um die Wette über das Kompliment.

„Ich hab da auch noch ein Geschenk für dich“, enthüllte Vincent jetzt.
„Was?“ Adams Herz, das nie Zeit gehabt hatte sich ganz zu beruhigen, klopfte wieder schneller,"...das musstest du nicht!“
„Wollte aber!“, verlegen strich sich Vincent seine Locken hinters Ohr. „Hier, mach auf!“
Er nahm ihm die Grillzange ab und reichte ihm ein schweres, unförmiges Päckchen.
Lidia schaute gespannt zu ihnen und die Mädchen grinsten sich aufgeregt an.
„Die Mädels haben mir geholfen es auszusuchen“, erklärte Vincent, während Adam das Papier aufriss.
Zum Vorschein kam eine schwarze Motorradjacke mit ein paar roten und weißen Farbakzenten.
Für ein paar Momente war Adam sprachlos.
Vincent, der versucht hatte nicht zu erwartungsvoll dreinzuschauen, platzte mit einem, „Gefällt sie dir?“ heraus.
Gefiel sie ihm?! Die Jacke musste bestimmt teurer sein als die Hälfte seines Kleiderschranks. Das war ein riesen Upgrade von seiner üblichen Khaki Jacke. Nicht, dass es gegen die irgendetwas einzuwenden gab, wenn es nach Adam ging, sie tat ja ihren Dienst...totzdem...so ein Geschenk...konnte er das überhaupt annehmen?
Er merkte, dass er immer noch stumm dastand. „Wow...Vincent", stammelte er,  "das ist…danke...die ist perfekt!“
Wie als Beweis, zog er sie hastig an. Sie passte wirklich wie angegossen.
Er zog Vincent in eine Umarmung und ließ seine Hand über seinen Rücken streichen. „Dankeschön“, flüsterte er nochmal an seinem Ohr.
„Alles, alles Gute!“, gab Vincent breit lächelnd zurück.
„Und ihr habt die mit ausgesucht?“, wandte Adam sich an die Mädchen.
„Ja“, sagte Lyn , „weißt du, wenn du mich von der Schule holen kommst, dann solltest du cool ausschauen!“
„Na vielen Dank…“, er war wieder mal der uncoole Papa, und Vincent wagte es auch noch zu kichern.
„Vielleicht schau ich ja dann auch cool aus, wenn ich den Vincent von der Arbeit mitnehme“, grinste er Vincent provokant an.
Der wurde ein bisschen rot und verschränkte die Arme vor der Brust. „Mach dich ruhig lustig, ich steig mit die nicht mehr auf das Ding!“
„Mit Tata Motorrad fahren macht doch Spaß, oder Lenka?!“
Die Kleine nickte begeistert.
„Da siehst du’s!“ zeigte er mit dem Daumen auf sie „und die ist 9.“
„Das war’s, ich bring die Jacke zurück!“, scherzte Vincent und zog Adam spielerisch am Ärmel. Lidia musste sich ein Lachen verkneifen. Man möge meinen die zwei wären das alte Ehepaar hier.

„Kinder, holt doch schon mal den Kuchen, danach zünden wir gleich die Kerzen an!“ wies Lidia sie an.
„Kann ich dir noch irgendwie helfen Lidia?!“, fragte Vincent höflich.
Sie winkte gleich ab. „Nein, nein alles gut, mannt ihr nur hier den Grill!“
Damit ging sie den Mädchen nach in Richtung Hintereingang.


Vincent nutzte die Gelegenheit um sich schnell eine Zigarette anzuzünden und sah Adam entspannt beim Grillen zu.
„Vincent...ich hab dich nie gefragt wann dein Geburtstag ist“, sagte Adam schuldbewusst. Er konnte nicht glauben, dass sie jetzt schon seit einem halben Jahr befreundet waren und er das nicht über ihn wusste. Hatte er seinen Geburtstag womöglich schon verpasst?
„Am 21. Juli...“
„Ein Sommerkind…“, dachte Adam laut. Das machte Sinn.
Vincent nickte lächelnd.
„Da könnten wir ja auch für was machen, an den See fahren oder so…“ die Idee war ihm einfach herausgerutscht ohne, dass er Zeit gehabt hatte darüber nachzudenken.
Vincent blinzelte kurz etwas überrascht. „Klar!“, strahlte er dann,.
„Können auch mit dem Auto fahren wenn 's sein muss“, stichelte Adam ein bisschen um seine eigene Verlegenheit zu übertönen.
„Jetzt hör schon auf!“
„Nie…“, grinste er neckisch.
Vincent lachte jetzt auch und Adam legte seinen Arm um seine Schulter. Strich ihm behutsam am Arm entlang. Seine Haut war so weich, und warm von der Sonne.
„Schön, dass du mich begleitet hast!“, sagte er und merkte wie ihm seine Stimme fast wegblieb. Vincents Augen glänzten wunderschön in der Sonne als er ihn jetzt lächelnd ansah.
Plötzlich fiel es Adam schwer zu atmen. Ihm war schlagartig so heiß. So ein Moment in dem er seine Krawatte gelockert hätte, wenn er je eine tragen würde. Außerdem würde er lieber tot umfallen als Vincent jetzt gerade loszulassen. Er war wirklich das aller schönste Geschenk, das er sich dieses Jahr hätte wünschen können. Ohne ihn wäre er gerade sicher nicht hier… und er würde auch nicht ohne ihn hier sein wollen. Vor einem halben Jahr hätte er sich nichts hiervon erträumen lassen. Weder, dass er wieder in seinem alten Zuhause Zeit verbringen würde, noch, dass Lyn und Lenka ihn wieder wie damals ansehen würden und Lidia ihm wieder seinen Geburtstagskuchen backen, und am wenigsten hätte er sich vorstellen können, dass es so jemanden wie Vincent in seinen Leben geben könnte. Wie viel Glück er hatte...wie verdammt viel Glück!


„Na, wie geht es voran?“
Wiktor war wie aus dem Nichts im Garten aufgetaucht und Adam zuckte zusammen, als er checkte, dass er schon seit Minuten nicht mehr auf den Grill geachtet hatte. Zum Glück war noch nichts verbrannt. Er ließ Vincent los und stellte sich schnell wieder vor den Grill.
„Es wird!“, gab er jetzt zurück und räusperte sich verlegen. „Cześć Wiktor, dachte du kommst nicht mehr!“
Wszystkiego najlepszego Adam!“, klopfte ihm Wiktor auf die Schulter.
„Danke!“
Wiktor hob auch die andere Hand mit dem Bierkasten.
Adam grinste, „Ha, und danke dafür!“
Lidia kam breit lächelnd mit einer Karaffe Limonade in der Hand zurück. Hinter ihr transportierten die Mädchen den Kuchen.
„Lidia!“, Wiktor machte eine ausladende Handbewegung und gab ihr zur Begrüßung zwei Küsschen auf die Wangen.


„So“, rief Adam, „wer will Burger?“
Lyn nahm endlich die Kopfhörer aus den Ohren und kam mit einem Pappteller an. „Kann ich so einen veganen haben, wie Vincent?!“
„Ja, für mich auch!“, verlangte Lenka neben ihr.
Adam wandte sich zu Vincent und blitzte ihn an. Zur Antwort bekam er von ihm nur einen gespielt unschuldigen Blick.
„Und was isst Vincent dann?!“, wollte Adam von seinen Töchtern wissen.
„Toast und Salzgebäck?“, schlug Vincent mit hochgezogener Augenbraue vor.
Adam kniff die Augen zusammen. „Ich lach mich tot…“, brummte er unbeeindruckt, “...so Mäuse, ihr könnt euch einen teilen und erstmal schauen ob das überhaupt schmeckt, ja?“
Er sah Vincent herausfordernd an. Kompromisse, das konnte er!

Nachdem das erstmal geklärt war musste Adam noch die ganze Singerei über sich ergehen lassen und sich etwas dabei wünschen während er die Kerzen auf dem Kuchen ausblies. Das Ganze war eine völlig sinnlose Tradition, fand er. Vor allem weil er keine Ahnung hatte was er sich heute noch wünschen könnte...obwohl...da war vielleicht eine Sache...Nein! das ist albern! Er wünschte es sich trotzdem.
Endlich kamen sie zu dem Teil, wo sie den Kuchen auch wirklich essen konnten. Darauf hatte sich Adam schon den ganzen Tag gefreut. Als er sich die erste Gabel mit süß nach Honig duftenden Kuchen in den Mund schob, fragte er sich endgültig ob er irgendwie im Himmel gelandet war, ohne es zu merken.
„Hast du den selber gebacken?!“, fragte Vincent Lidia.
Sie nickte.
„Danke Lidia, das ist sehr lieb von dir!“, sagte Adam, jetzt etwas steif. Er war viel gerührter von ihrer Geste als er sich selber rechtfertigen konnte.
„Schmeckt wirklich gut!“, fügte Vincent hinzu.
„War immer Adams Lieblingskuchen…“, erklärte Lidia und beide sahen zu Adam, als ob sie von ihm eine Bestätigung wollten.
Adam nickte, hatte plötzlich ein sehr schweres Gefühl im Magen, „ist er immer noch...“
„Ich würd sehr gern das Rezept haben, wenn ich darf…“, lächelte Vincent süß.
Und Adams Herz hatte wieder anderes zu tun als zu schmerzen. Plötzlich fragte sich Adam was denn Vincents Lieblingskuchen war, wieder etwas essenzielles was er noch nicht über ihn wusste, spätestens bis zu seinem Geburtstag musste er das irgendwie unauffällig herausfinden, so schwer konnte das ja nicht sein, Adam war ja schließlich Kommissar!
„Gerne!“, gab Lidia zurück. In dem Moment fing Adam plötzlich ein verschwörerisches Lächeln zwischen Wiktor und Lidia ab, das er nicht deuten konnte. Er hatte das Gefühl als hätte er irgendwas verpasst. Er prostete zuerst seiner Exfrau zu und dann seinem besten Freund und versuchte in ihren Gesichtern zu lesen was denn so witzig war. Bekam aber nichts heraus.
"Teufelskuchen heißt der übrigens", fügte Lidia noch hinzu.
"Passt zu Adam, oder?!", bemerkte Wiktor lachend.
Vincent grinste. "Jetzt brauche ich das Rezept erst recht!"


Der Abend klang gelassen aus. Aber bald nervten sie die neu erwachten Insekten so sehr, dass sie entschieden Heim zu gehen. Vincent half den Kindern noch ein bisschen beim Aufräumen während Adam Sachen ins Auto packte. Er war gerade dabei wieder in den Garten zu gehen als Lidia zu ihm stieß. “Adam?”
Er blieb stehen und wandte sich seiner Exfrau zu.
“Ja?”
“Ich freu mich für dich!”, lächelte sie vielsagend.
Adam runzelte die Stirn und Lidia deutete mit einem Nicken zu Vincent hinüber, der gerade noch mit den Kids redete.
„Äh...ich glaub du hast da was falsch verstanden...“
Lidias Lächeln veränderte sich und wurde ein bisschen schwermütig. „Ich weiß, dass du hier bist weil du denkst du musst das mit uns beiden auf irgendeine Weise wieder hinbiegen…weil du denkst, dass du das mir und vielleicht dir selber irgendwie schuldig bist... aber selbst wenn das ginge, selbst wenn ich das könnte, ich glaube nicht, dass es wirklich das ist was du willst…aber das weißt du eigentlich schon, oder?“
Er blinzelte sie an. „Lidia...“
Sie strich ihm über die kurzen Stoppeln am Kinn. „Du bist nicht mehr der polnische Macho mit dem ich verheiratet war…“, sagte sie fast neckisch und wurde dann wieder ernst. „Und das ist gut so“, damit küsste sie ihn auf die Wange. Und schlagartig stellte sich Adams gesamte Welt auf den Kopf.


„Scheint ja gut gelaufen zu sein“, grinste Vincent, als sie im Auto saßen und auf die Landstraße bogen.
„Mhm“
„Ist alles okay?“
„Jaja!“, gab Adam knapp zurück, klang angespannt, verfluchte sich dafür.
Vincent fasste ihm sanft an den Arm. „Hey, was i…“
Wie aus Reflex schüttelte er Vincents Hand ab. „Lass mich…“, er versuchte seine Stimme nicht zu erheben, aber die Worte klangen trotzdem harscher als sie sollten. Er tat einen langen Atemzug. Versuchte seinen Herzschlag zu beruhigen. „Sorry...lass mich einfach kurz!“
Er umklammerte verkrampft das Lenkrad und realisierte, dass er sie so nicht sicher nach Hause würde bringen können. Sein Kopf schwamm mit all den Gedanken und er konnte kaum noch klar sehen. Er musste sich erst beruhigen. Endlich hatte Adam die Chance rechts ran zu fahren und Vincent schaute etwas überrascht zu ihm.
Schwer atmend saß er für ein paar Sekunden da. „Tut mir leid Vincent, ich…“
„Ist schon gut!“
Er schüttelte den Kopf. „Nichts ist gut!“
Vincent sah ihn besorgt an und Adam realisierte, dass er sich wieder verschloss. Wieder versuchte sich zu verkriechen. Das wollte er doch nie wieder tun! Selbst wenn ihm gerade alles zu viel war. Er musste es jetzt sagen, bevor er die Chance hatte das alles wieder irgendwo in sich selber zu vergraben. Er nahm ein paar tiefe Atemzüge, bevor er weiter sprach.
„Lidia hat mir endgültig gesagt, dass es keine Chance für uns gibt...also als mehr als nur die Eltern der Mädchen.“
Vincent nickte mitfühlend. War nicht im geringsten überrascht, natürlich war er das nicht, die Vorstellung war ja fast so durchgeknallt und aussichtslos gewesen, wie das was er gerade vorhatte Vincent zu beichten.
„Sie hat gesagt, dass es nichts werden kann...weil es nicht das ist was ich will…“
Er sprach nicht gleich weiter. War nicht sicher ob er den Sprung wagen sollte. Er hatte schon so viel in seinem Leben ruiniert, weil er überstürzte Entscheidungen getroffen hatte...
Vincent runzelte die Stirn. „Hatte sie damit recht?“, fragte er vorsichtig.
Adam nickte zögerlich, „Ich habe mir nie die Chance gegeben darüber nachzudenken, aber...ja sie hat recht ...es kann nie mehr so werden wie ’s war...und es liegt nicht an Lidia...es liegt an mir!“ Jedes Wort das aus seinem Mund kam wog gefühlt eine Tonne.
„Okay“, Vincent versuchte Sinn aus der Situation zu machen, „...und gab es einen Grund, warum sie das heute angesprochen hat?“
„Weil sie es weiß…“
„Was weiß sie?“, fragte Vincent.
Wieder Stille. Ein schweres Schlucken.
„Sie weiß was ich empfinde...für dich“
Vincents Atem stockte merklich...aber Adams Worte schienen nicht ganz einzusickern. „Ich verstehe nicht...Adam…“
Adam seufzte frustriert. „Ich versteh 's auch nicht!… ich versteh nicht wie du einfach so hier reinspaziert bist und jetzt…“, er sah ihn gequält an, „Vincent… ich kann nicht wieder zurück zu einem Leben vor dir…“
In Vincents Augen blitzte kurz so etwas wie Hoffnung auf, dann wurden sie groß und traurig. „Adam, ich will nie die Person sein die zwischen dir und deinem Glück steht…“
Adam blinzelte ihn fassungslos an. Wie könnte Vincent je zwischen ihm und seinem Glück stehen?! Hatte er ihn gerade nicht verstanden, oder wollte er ihn nicht verstehen?!
„Hast du mir überhaupt zugehört?! Colerah!...alles was zwischen mir und meinem Glück steht, ist, dass du mir gleich mein verfluchtes Herz brichst!“
Das wars...das war alles was er sich schon vor Ewigkeiten hätte eingestehen sollen, was er vor Ewigkeiten hätte sagen sollen, in viel besseren, schöneren Worten, so wie Vincent es machen würde.
Obwohl der gerade auch nicht ganz so eloquent war.
„Heißt das, du...du…“, jetzt hatte es Vincent komplett die Sprache verschlagen. Auch ein Ereignis.
„Das heißt ich hab den verdammten Verstand verloren, ja!“, er strich sich mit der Hand übers Gesicht und lies sie erstmal dort. Massierte sich angespannt den Nasenrücken. Er musste verrückt geworden sein. Das was er mit Vincent hatte, diese Freundschaft, dieses was auch immer, aufs Spiel zu setzen für ein Hirngespinst...danke dafür Lidia!
Ein paar Sekunden verstrichen in Stille, bevor Vincent ihm seine Hand leicht auf den Arm legte, der an sein Gesicht gehoben war. Zögerlich senkte Adam die Hand und schaute Vincent in die ozeanblauen Augen. Er sah ihn fragend an und Vincent antwortete mit nichts als einem Blick, aber es war plötzlich alles klar.
„Darf ich dich küssen?“, fragte Vincent.
„Bitte...“, hauchte Adam.

Der Kuss war sanft, süß, zärtlich. Adam versank in Vincents federleichter Berührung an seiner Wange, in dem warmen Kribbeln, das sich von seinen Lippen bis in den ganzen Körper ausbreitete. Ein sanftes Lächeln stahl sich auf Vincents Lippen als er sich von ihm weg lehnte.
Adam schluckte schwer und schaffte es gerade so Vincent anzusehen. „Was bedeutet dieser Kuss?“, sprach er den ersten Gedanken aus der ihm in den Sinn kam.
Vincent wählte seine Antwort etwas bedachter. „Er bedeutet, dass ich gerade keine Worte habe um zu kommunizieren was ich denke.“
„Glaubst du du findest die noch...die Worte meine ich?“
Vincent nickte. „Vielleicht wenn du mir noch ein bisschen hilfst...“
Adam nickte grinsend und küsste ihn wieder. KÜSSTE! Vincent! Wie schräg war das denn, das hatte er sich bis heute nicht mal in seiner Fantasie getraut. Hatte sich ja nicht mal getraut wirklich so an ihn zu denken. Seine Hand fand ihren Platz in Vincents Nacken, und er zog ihn noch enger an sich. Vincent öffnete etwas die Lippen und Adams Zungenspitze stieß zum ersten mal an seine. Es kribbelte nicht mehr nur in Adams Bauch, sondern zwickte schon richtig. Konnte man das noch als Schmetterlinge bezeichnen, oder war das schon eine Heuschreckenplage? Sie beide seufzten in den Kuss und Adam trennte (wenn auch etwas widerwillig) ihre Lippen um Sauerstoff zu tanken, den er gerade sehr nötig hatte.
Ja scaleję za tobą („Ich bin verrückt nach dir“ auf schlechtem Polnisch)“ flüsterte Vincent jetzt.
„Hast du das einstudiert?“, grinste Adam.
Vincent wurde verlegen. „Nur für den Fall...“
„Schon mal ein Fortschritt von 'atrakcje turystyczne'…aber es ist eigentlich: 'ja szaleję za tobą' („Ich bin verrückt nach dir“ diesmal auf besserem Polnisch)
„Ja szaleję za tobą?“ wiederholte Vincent jetzt.
„Mhm, ja szaleję za tobą!“, säuselte Adam ihm ins Ohr.
Er kicherte und Adam küsste spielerisch seinen Nacken, dann vergrub er sein Gesicht darin und lächelte gegen seine warme Haut. Alles fühlte sich für einen Augenblick federleicht an, bevor es einen Moment später tonnenschwer auf ihn hereinbrach. Ihm wurde fast schlecht von der ganzen Euphorie, Erleichterung, Erwartung, Gewissheit und Ungewissheit zugleich. Er begriff, dass das hier nur der erste Schritt von vielen war. Sein Partner vergrub beide Hände in seinem Haar und strich beschwichtigend hindurch.

So saßen sie noch Minuten lang da, bis Vincent flüsterte: „Danke, dass du es mir gesagt hast!“
„Ja…Bitte...“, er lachte ein bisschen atemlos, „ du hättest ja auch mal damit rausrücken können, Kommunikation ist ja sonst eher dein Ding!“, neckte er, aber streichelte beschwichtigend Vincents Nacken. Vincent sah in ernst an. „Mit all dem was los war…ich wollte dich nicht damit belasten…ich hatte wirklich keine Ahnung wie du empfindest...ich...ich will nicht, dass du denkst, dass ich aus den falschen Gründen...ähm ich...ich wollte wirklich, dass das für dich alles so läuft wie du es dir wünscht!“, sagte er aufrichtig.
Adam lächelte liebevoll, „Jetzt tut es das auch!“ Damit stupste er ihn mit seiner Nasenspitze an.
„Aber warum rückst du damit so plötzlich heraus?“, wollte Vincent wissen und es klang fast wie ein Vorwurf. Das hatte ihn wohl genauso kalt erwischt wie Adam selbst.
„Dafür hast du Lidia zu danken…“, er lehnte sich etwas zurück und lächelte ihn an, „sie mag dich, weißt du...sie mag was du aus mir machst...“
„Das ist dein eigener Verdienst, du arbeitest selbst an dir….ich hab nur...“
Adam legte ihm seinen Zeigefinger an die Lippen. „Du darfst dir dafür ruhig ein paar Lorbeeren ernten...“, unterbrach er.
„Ja?“
Er nickte „Mhm...du bist zu bescheiden! “
Vincent blinzelte ihn unschuldig an. „Bin ich das?“
Er küsste ihn wieder. „Du bist unglaublich, Vincent Ross!“

„Sag mal, dürfen wir das eigentlich?“, fragte Vincent irgendwann. Adam nahm seine Hand von seinem Oberschenkel und sah ihn verwirrt an.
„Da scheiden sich sicher die Geister“, sagte er dümmlich.
Vincent verdrehte die Augen. „Nein… ich meine so als Dienstpartner...also...wenn die im Präsidium das erfahren...“
„Wiktor weiß vielleicht schon was...“, ließ ihn Adam wissen und wurde dabei etwas rot. Wiktor hatte wahrscheinlich erraten was er für Vincent empfand, bevor er es selbst wusste. Was auch die ganzen komischen Blicke von heute erklärte. Vielleicht war er es sogar der Lidia auf die Idee gebraucht hatte dem begriffsstutzigen Adam einen Schubs in die richtige Richtung zu geben.
„Was ist mit Herrn Pawlak?“
„Tschuldige, aber der Chef interessiert mich gerade so überhaupt nicht“, sagte Adam ehrlich, während er eine Strähne von Vincents Haar um seinen Finger wickelte.
„Adam, das sind alles ziemlich wichtige Sachen über die wir wirklich…“
„Aber nicht jetzt!“, er nahm seine Hand und hauchte einen Kuss auf seine Knöchel. Adam hatte sicher noch viel über Kommunikation von Vincent zu lernen, aber Vincent konnte auch noch lernen, dass man nicht immer sofort alles besprechen musste, vor allem wenn es viel schönere Dinge zu tun gab.
Vincent seufzte und lächelte ihn an… „Aber nicht jetzt.“
Sie konnten ja gemeinsam lernen. Konnten gemeinsam noch mehr erste Schritte wagen.

Notes:

Ich weiß, dass sehr ernste Sachen hier ein bisschen unter den Teppich gekehrt wurden...aber dashier ist nicht die fic die Sachen zu exploren, wollte einfach nur bisschen an der Oberfläche kratzen. Dashier hätte auch ein 80k fic werden können aber ehrlich gesagt habe ich dafür momentan nicht die Geduld ^^