Work Text:
Grummelnd betrachtet Herr Peter Bräuning die Szene die sich vor dem Haus abspielt, während er die Straße von seinem Schlafzimmer aus beobachtet. So wie er das immer macht, jeden Tag ab zwei bis Inge vom Klatsch und Tratsch mit ihren Freundinnen zurück ist.
“Schon wieder so’n junges Ding,” murmelt er missmutig in seinen nicht vorhandenen Bart hinein — die Inge mag es lieber wenn er sich rasiert und nicht so kratzt — “Die is’ doch in einem Jahr eh wieder weg.”
Es war halt echt nicht mehr wie früher, denkt er sich, wo man sich im Haus noch gekannt und geholfen hat. Jeder hat ein bisschen was zur Gemeinschaft beigetragen, man hat sich abgesprochen was die Dekoration von Vorgarten und Flur angeht und sich dann mit der Pflege abgewechselt.
Jetzt sind die neuen Mieter im Haus immer ganz jung und man kennt sich nicht mehr. Die grüßen höchstens wenn Inge mal wieder ein Paket angenommen hat. Zum Grillen hinten im Garten kommen die auch schon lange nicht mehr.
Das Mädel, das ganz begeistert mit den Schlüsseln geklappert hat als sie angekommen sind, herrscht jetzt den jungen Mann an, der die ganze Zeit schon irgendwelche Kisten in die Wohnung schleppt. Er soll doch endlich mal aufhören so ein Miesepeter zu sein und lieber aufpassen dass er ihre Sachen nicht kaputt macht.
Wozu er denn so viel Sport mache wenn er nicht mal ein paar Kisten schleppen kann, hört Peter sie hinter ihm her rufen als er wieder im Hauseingang verschwindet. Sie selbst nimmt auch eine Kiste, aber die ist viel kleiner und sieht leichter aus.
Das stört ihn nicht so sehr wie ihre grantige Haltung dem jungen Mann gegenüber. Immerhin würde er die Inge ja auch nicht die schweren Sachen schleppen lassen, selbst jetzt wo sein Rücken kaputt ist. Dazu ist er viel zu altmodisch.
Er kann es kaum erwarten, dass Inge endlich nach Hause kommt, um ihr von den neuen Mietern zu erzählen. Das Klingelschild — L. und C. Hölzer — hängt schon seit einer Weile am Briefkasten und ein bisschen hatten sie auf ein Rentnerehepaar gehofft. Davon, dass es wieder Studenten sind, davon hält er nicht viel.
Dabei war die letzte Wohngemeinschaft die sie im Haus hatten nicht einmal so furchtbar gewesen. Die drei jungen Damen hatten sich meistens ruhig verhalten, nur manchmal hatte man abends laute Musik und Lachen durchs Treppenhaus hallen hören.
Aber da waren die ganzen Männerbesuche gewesen, das fand er nicht so toll. Die waren meistens einmal aufgetaucht und dann nie wieder. Das fand er schon komisch, auch wenn die Inge meinte er solle sich mal nicht so haben, war doch nichts dabei wenn die Mädels ein bisschen Spaß hatten.
Jetzt wohnen aber die Hölzers bei ihnen im Haus und auch wenn er nicht neugierig ist, will er doch gerne mehr wissen. Vor allem als er zwei Wochen später erfährt, dass die beiden gar nicht in die leerstehende WG-Wohnung gezogen sind, sondern in die mit den drei Zimmern im zweiten Obergeschoss rechts.
Wenn’s ein junges Paar ist, wundert er sich, dann gibt’s vielleicht bald ein Baby im Haus. Da können sie sich dann auf Kindergeschrei mitten in der Nacht freuen. Das würde ihn aber nicht so sehr stören; Kinder können da ja nichts für.
Im Gegensatz zu Studenten. Die müssten es eigentlich besser wissen. Die WG-Wohnung war nämlich wieder an eine WG gegangen — alles junge Männer diesmal — und Peter regte sich vorsorglich beim Abendessen schon mal drüber auf.
Das erste Päckchen für Caro Hölzer nimmt Frau Hagan drei Wochen nach deren Einzug an.
Das macht sie ganz oft, sie wohnt ja schließlich im Erdgeschoss und ist eh immer zuhause. Es stört sie auch nicht wenn der Paketbote in Eile ist und deshalb nur bei ihr klingelt und alle Pakete fürs Haus in ihrem Flur ablädt; im Gegensatz zum alten Bräuning über ihre mag sie die kurzen Unterhaltungen mit den jungen Leuten wenn die später vorbeikommen um ihre Schätze abzuholen.
Das hält sie selbst auch fit. Da lernt sie immer wieder was neues, vor allem wenn die neuen Bewohner Studenten — Student*innen, korrigierte sie sich in Gedanken, das Gendern hatte sie von der vorletzten WG gelernt — waren. Und es macht ihr Spaß zu rätseln, was in den Paketen steckt.
Wenn es draußen regnet, dann kommt die Inge manchmal am Nachmittag auf einen Kaffee vorbei statt durch die Nachbarschaft zu streifen und mit jedem den sie trifft ein Schwätzchen zu halten. Dann tauschen sie und Gitta sich aus über die Nachbarn aus, die so um sie herum wohnten.
Meistens hatte Inge die besseren Geschichten zu erzählen — die erfuhr ja auch einfach alles bei ihren Spaziergängen — aber diese Woche würde Gitta die interessanten Neuigkeiten haben!
Bei ihrem letzten Treffen hatten sie nämlich gerätselt was es mit L. und C. Hölzer auf sich hatte. Student*innen waren es nicht, darauf hatten sie sich schnell geeinigt. Die junge Frau verließ jeden Morgen pünktlich um sieben das Haus und war am frühen Nachmittag zurück. Der junge Mann schien im Schichtdienst zu arbeiten so unregelmäßig wie der zur Arbeit fuhr. Meistens sahen sie ihn eh wenn er laufen ging.
Dass die Hölzers ein frisch gebackenes Ehepaar sind, daran will Gitta nicht glauben. Da geht man ja schließlich nicht so schnippisch miteinander um, oder? Sie und der Armin waren da auf jeden Fall ganz anders gewesen.
Bisher hat sie weder L. noch Caro Hölzer im Hausflur erwischt. Inge hatte auch noch kein Glück, soviel Gitta weiß. Das Päckchen ist also ein kleiner Segen und seit der Postbote es abgegeben hat, freut sie sich auf die Gelegenheit mit einem der neuen Bewohner zu schnattern.
Kurz nach fünf klingelt es dann endlich und als Gitta Hagan durch den Spion guckt, steht da der gutaussehende junge Mann, den sie sonst immer nur vom Küchenfenster aus beobachtet wenn er laufen geht.
“Hallo,” grüßt der mit einem etwas verbissenen Lächeln als sie die Tür aufmacht. Den gelben Schein vom Postboten dreht er nervös in seinen Händen. “Ich glaube hier wurde ein Paket für Caro Hölzer abgegeben?”
Gitte lächelt und nickt und erlaubt sich einen Moment zu gucken. Hübsch ist der wirklich, denkt sie. Schaut fast ein bisschen aus wie ihr Armin, vor vielen Jahre.
“Sie sind aber nicht Caro, oder?” fragt Gitta mit einem Lächeln bevor sie die Tür weiter öffnet und das Paket holen geht.
“Ich bin Leo,” antwortet er als sie ihm das Paket in die Hand drückt. “Caros Bruder.”
Bruder und Schwester also, das ist ja interessant. Da kann Gitta definitiv was erzählen wenn die Inge das nächste Mal vorbeikommt.
“Ach, und sie wohnen jetzt zusammen? Das ist ja schön.”
Das Lächeln, das darauf folgt scheint echter, aber weit ist es immer noch nicht. “Das werden wir sehen. Vielen Dank auf jeden Fall!”
Leo Hölzer hebt das Paket einmal zum Abschied an und dann — bevor sie ihn auf ein Stück Kuchen nach drinnen bitten kann — nimmt er zwei Stufen auf einmal und verschwindet nach oben.
Mit einem Fluchen fällt Max aus dem Bett. Welcher Arsch denkt es ist eine gute Idee, Samstag vor dem Mittag bei einer WG zu klingeln, die aus Studenten besteht?
Murrend geht er zur Tür — Tim und Sasha glotzen dumm aus ihren Zimmern — und reißt sie mit einem genervten “Was?” auf.
Vor ihm steht ein junger Mann, der kaum älter sein kann als sie. Max glaubt, dass der in der Wohnung unter ihnen wohnt, sicher ist er sich da aber nicht.
“Hi,” grüßt der Kerl und wippt auf seinen Füßen vor und zurück. “Sorry, dass ich euch so früh störe. Ich muss nur gleich los und da wollte ich vorher kurz mit euch sprechen.”
“Wer biss’n du?” fragt Sasha, der immer noch dumm aus seinem Zimmer glotzt.
“Leo,” stellt er sich kurz vor. “Ich wohne mit meiner Schwester in der Wohnung unter euch.”
Wenn das jetzt auf nächtliche Ruhestörung hinausläuft, dann knallt Max ihm aber die Tür vor der Nase zu. Nur weil sie mal ein bisschen laut Musik gehört haben, muss man ja nicht gleich so einen Aufstand machen.
“Falls es um die Musik letzte Nacht geht-” setzt er an, aber Leo winkt ihn ab.
“Ne, das ist schon okay,” meint er. “Mir geht’s um das Gras, das ihr gestern geraucht habt.”
“Is’ alle. Kannste nichts mehr von abhaben,” murrt Sasha und schlurft dann zur Küche.
Leo lacht kurz auf. “Will ich auch gar nicht, glaub mir.” Jetzt wirkt er ein bisschen verunsichert. “Stört mich auch gar nicht, dass ihr raucht. Ihr seid ja alt genug. Es ist nur so- Also, ich bin bei der Polizei.”
Max schiebt die Tür gleich ein bisschen zu. Da wohnt eine Bulle unter ihnen? So ein Mist aber auch.
“Keine Sorge, ich werd’ nichts machen,” versichert Leo ihnen. “Mein Kollege ist nur ein bisschen ein Arsch und der holt mich manchmal ab. Na, auf jeden Fall wollte ich euch sagen, dass ihr beim Rauchen lüften solltet. Wenn das ganze Treppenhaus nach dem Zeug riecht, kommt der sicher hoch und macht euch Stress.”
Mit einem Nicken verabschiedet sich Leo und hastet die Treppen runter. Ein paar Sekunden später wird eine Tür aufgeschlossen und fällt gleich wieder ins Schloss.
Ein bisschen verwirrt schließt auch Max die Tür. Er hatte ja mit vielem gerechnet aber damit?
Verwundert dreht er sich zu Tim um, der mindestens genauso blöd aus der Wäsche guckt wie er. Er steht immer noch in seine Decke gewickelt in seiner Zimmertür.
“Hat- Hat uns gerade ein Bulle vor den Bullen gewarnt?” fragt er tonlos und starrt die Wohnungstür an.
“Ich glaub’ schon.”
Sasha kommt wieder in den Flur geschlurft, eine Tasse Kaffee in der Hand. “Hab ich was verpasst?”
Tim und Max sehen sich eine Sekunde lang an und brechen dann in hysterisches Gelächter aus. Dafür kann man auch mal am Samstag um neun aus dem Bett geklingelt werden.
“Gehst du heute spazieren?” hört Inge Peter aus dem Schlafzimmer fragen. Da steht er schon am Fenster und guckt auf die Straße raus.
“In einer Minute,” ruft sie zurück und stellt noch den letzten Teller auf Abtropfgitter. “Magst du mitkommen?”
“Ne.”
Natürlich nicht, denkt sie sich. Peter kommt ja nie mit ihr mit, auch wenn es ihm gut tun würde. Das sagt sie ihm mindestens einmal in der Woche, genauso wie sie ihn jeden Tag fragt, ob er mitkommen möchte.
Sie zieht sich also die Jacke an und macht sich auf den Weg nach draußen. Mit den Treppen dauert es jetzt ein bisschen länger als früher, aber sie hat ja auch Zeit.
Draußen setzt Inge sich erst einmal auf die Bank die vor dem Haus steht. Das Wetter ist so schön und warm jetzt wo es langsam Frühling wird, da muss sie einfach die Sonne ein bisschen genießen.
Den Kopf in den Nacken gelegt und das Gesicht der Sonne zugewandt hört sie, wie ein Auto vor dem Haus anhält. Der Motor wird nicht abgestellt, und kurz darauf hört sie, wie eine Autotür geöffnet wird.
“Bleib einfach morgen zuhause, okay?”
“Rainer-”
“Ne, nicht Rainer,” erwidert der, der noch im Auto zu sitzen scheint. “Du wurdest angeschossen, Leo. Du kannst ruhig mal einen Tag krank machen.”
Leo, das ist der Hölzer, erinnert Inge sich. Wieso wurde der denn angeschossen?
Im Gegensatz zu Peter beobachtet sie die Nachbarschaft nicht neugierig von ihrem Schlafzimmerfenster aus, aber da kann selbst sie nicht widerstehen. Dafür ist sie dann doch zu neugierig.
Der junge Herr Hölzer sitzt noch im Auto, aber vom Fahrer abgewandt. Er sieht sie und lächelt ihr kurz zu, bevor er sich umdreht.
“Nur ein Streifschuss, Rainer. War nur ein Streifschuss.”
Selbst durch die Scheibe hindurch sieht Inge wie der die Augen verdreht und seufzt. “Leo, selbst ein Streifschuss muss heilen. Und dazu kommen noch deine geprellten Rippen. Du brauchst Ruhe.”
Leo murmelt irgendwas, aber Inge kann nur “Steuerfahndung” verstehen. Dann hievt er sich unter Schmerzen aus dem Auto und lässt die Tür hinter sich zufallen. Er winkt Rainer über die Schulter hinweg zu bevor er zielstrebig auf den Hauseingang zu.
“Soll ich die Tür für Sie offen lassen?” ruft er ihr zu während er die Post aus dem Briefkasten nimmt.
“Nein, danke!” ruft sie zurück.
Erst als die Tür hinter Hölzer ins Schloss fällt, fährt Rainer in seinem Wagen weg.
Inge selbst wartet noch zwei Minuten — sie muss ja sicher gehen, dass der junge Herr Hölzer auch schon in seiner Wohnung ist — bevor sie selbst wieder nach drinnen geht.
Das muss sie unbedingt alles der Gitta erzählen!
Am nächsten Tag ist Gitta immer noch ganz aufgeregt von den Neuigkeiten, die sie am Tag zuvor von Inge erfahren hat.
Sie hat den Leo Hölzer noch zweimal gesprochen, nach ihrem ersten Treffen, als er das Paket abgeholt hat.
Einmal, da hat er ihr geholfen die Einkäufe von der Bushaltestelle nach hause zu tragen. Es war nicht sehr weit und Gitta konnte das eigentlich auch selbst machen, aber Leo war gerade von seiner Runde zurückgekommen und hatte darauf bestanden.
“Und? Lebt es sich jetzt schon besser mit der Schwester?” hatte Gitta gefragt um die Stille auszufüllen.
Leo hatte kurz ausgelacht als er geduldig neben ihr her lief. “Sie ist viel mit Freunden unterwegs,” hat er ihr erzählt. “Wenn ich zuhause bin, hab ich die Wohnung also meistens für mich.”
“Ach, das ist doch sicher schön, für einen jungen Mann wie sie,” hatte Gitta geantwortet und gleichzeitig die Haustür aufgeschlossen. Herr Hölzer hatte ja schließlich die Hände voll mit ihren Einkäufen. “Wenn die Freundin da mal ungestört rumkommen kann.”
Er hatte nur gelächelt und sie zur Wohnungstür begleitet, davor die Tüten abgestellt und war dann einen Schritt zurückgetreten. “Ich sollte dann mal Duschen gehen. Muss später noch zur Arbeit.”
Damit hatte er sich verabschiedet und war auch wie beim ersten Mal nach oben verschwunden, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
Beim dritten Mal hatte er dann wieder ein Paket für seine Schwester abgeholt, sich aber kurz gefasst. Da hatte sie nichts über ihn erfahren können.
Oder über die Mädels die seit einiger Zeit bei ihm in der Wohnung ein und aus zu gehen schienen.
Und nun weiß sie, dass ihr lieber neuer Herr Nachbar Polizist ist — Inge hatte ihm von dem T-Shirt mit Aufdruck erzählt — und dass er angeschossen wurde. Da hat sie also gleich als erstes heute Morgen einen Kuchen gebacken und der stand jetzt bereit auf der Anrichte in der Küche.
Caro Hölzer war heute morgen ganz normal zur Arbeit gefahren und normalerweise war die nicht bis zum Nachmittag zu hause. Wenn Gitta den Kuchen also jetzt vorbei bringt, dann hat sie vielleicht die Chance, sich auch gleich auf ein Stück einzuladen.
Kurz vor dem Mittagessen ist es zwar zu früh für Kuchen, aber daran stört Gitta sich nicht. So hat Herr Hölzer wenigstens Essen im Haus, das er nicht selbst noch zubereiten muss. Sie weiß ja nicht wie schlimm der Arm ist — Inge wusste auch nur, dass der in einer Schlinge steckt — aber kochen ist damit sicher kein Kinderspiel.
Hinter sich auf der Treppe hört sie Schritte und als sie es endlich zu Hölzers Tür schafft, steht die Schwester hinter ihr.
“Frau Hagan? Was machen Sie denn hier?” fragt die und lächelt während sie die vielen Taschen um sich herum versucht zu sortieren.
“Frau Hölzer, wie schön sie zu sehen,” grüßt Gitta zurück und ärgert sich ein bisschen. Da geht sie nun hin ihre Chance dem Leo ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. “Inge, also Frau Bräuning, hat mir erzählt, dass ihr Bruder verletzt ist. Da wollte ich einen Kuchen vorbeibringen.”
“Ach, das ist aber lieb!” Caro Hölzer strahl sie an und Gitta ist sich sicher: die wohnt nicht mehr lange hier. Früher oder später kommt einer und fängt die sich. “Wollen Sie vielleicht mit rein kommen? Ich setzt schnell Kaffee auf, dann können wir ihren leckeren Kuchen gleich probieren.”
Das nimmt Gitta gerne an. Immerhin ist das ja Teil ihres Plans gewesen. Und morgen Nachmittag kann sie dann hoffentlich ein bisschen mehr über die beiden erzählen, wenn sie sich mit Inge trifft.
“Leo schläft bestimmt noch,” erzählt Caro als sie Gitta durch ein schönes Wohnzimmer in die Küche führt. Es ist sehr grün in der Wohnung und sie wundert sich, ob es Leo oder Caro ist, die hier einen grünen Daumen haben. “Ich hab ihn heute morgen gezwungen seine Schmerzmittel zu nehmen und sich dann wieder hinzulegen. Ich geh ihn gleich wecken.”
“Ich kann auch gerne wieder gehen und wir trinken ein andermal-”
“Ach, Unsinn,” unterbricht Caro sie und stellt zwei Tassen unter eine von diesen komischen neuen Kaffeemaschinen. “Leo muss eh etwas essen bevor er die nächsten Tabletten nimmt und wir sind leider beide eine Katastrophe in der Küche.”
“Ich find’s ganz toll, wie sie sich um ihren Bruder kümmern,” meint sie und nimmt Caro das Messer ab. “Lassen Sie mich mal schneiden, dann können Sie ihn wecken gehen.”
“Danke.” Damit will die junge Frau die Küche schon verlassen, dreht sich aber noch mal um. “Ich bin übrigens die Caro, wenn sie mögen.”
Eine halbe Stunde später lachen Gitta und Caro bei Kaffee und Kuchen während Leo — mit ihm duzt sie sich jetzt auch — etwas lustlos in seinem zweiten Stück Kuchen herumstochert.
Caro erzählt Geschichten von ihren Schülern, Gitta von ihren Kindern und ihrer Enkeltochter und ab und zu gibt Leo einen Kommentar dazu ab.
Gitta lernt viel dazu über die beiden und prägt sich alles ein, damit sie es genauso an Inge weitergeben kann.
Caro und Leo sind in Saarbrücken geboren und aufgewachsen; ihre Eltern wohnen auch immer noch im selben Haus wie früher. Da hätten sie auch bleiben können — sind sie auch beide während des Studiums — wollten dann aber lieber etwas eigenes. Da der Altersunterschied zwischen ihnen nur knapp zwei Jahre beträgt, standen sie sich immer sehr nah, was manchmal gut und manchmal schlecht ist.
Caro ist Lehrerin für Geschichte, Ethik und Philosophie an einer Mittelstufe. Sie macht ihren Job gerne und, laut Leo, mögen die Kinder sie alle.
Bei dem Kompliment ihres Bruders strahlt sie und es ist ein bisschen so, als würde die Sonne im Wohnzimmer der Hölzers aufgehen.
Leo arbeitet noch beim Kriminaldauerdienst und hat darum so furchtbare Arbeitszeiten. Er hofft, dass er bald versetzt wird und ein bisschen mehr machen kann, mehr erzählt er aber nicht.
“Leo wollte schon immer Polizist werden,” meint Caro mit einem stolzen Lächeln.
Kurz darauf verabschiedet Gitta sich von den beiden; Leo soll noch ein bisschen schlafen und Caro muss Klausuren korrigieren.
Auf dem Weg zu ihrer Wohnung klingelt sie dann gleich mal bei Inge und Peter.
Peter macht ja viel für den Kuchen seiner Inge — der ist ja aber auch wirklich gut — aber das Getratsche der Frauen geht ihm dann doch ziemlich auf die Nerven.
Da ist die Gitta halt in der Wohnung von den Hölzers gewesen, na und? Das können die doch auch später besprechen. Es ist jetzt schon nach drei und er steht immer noch nicht am Fenster.
Und wenn er sich noch einmal anhören muss, wie lieb die beiden doch sind, platzt ihm sicher der Kragen.
“Was es nun aber mit den ganzen Mädels auf sich hat die da ein und aus gehen, das hab ich nicht herausgefunden,”
“Die gehen zu der Caro,” wirft Peter ein, sichtlich genervt. Das weiß er, weil er jeden Nachmittag — außer heute natürlich — am Fenster im Schlafzimmer steht und die Nachbarschaft beobachtet.
“Da ist doch aber sicher auch eine dabei, die zu Leo will,” widerspricht Inge.
Peter schüttelt ungeduldig den Kopf. “Ne, der geht oft sogar laufen wenn die hier aufschlagen.”
“Ach, wie schade,” kommt es von beiden Frauen zurück.
Für einen Moment herrscht selige Ruhe in seiner Küche und er macht sich schon Hoffnungen, dass er sich endlich seinem Nachmittag widmen kann, als Gitta seufzt.
“Das ist so ein netter junger Mann-” fängt sie an bevor Inge sie unterbricht.
“Und gut schaut der auch aus, Peter!” meint seine Frau dazu.
“Genau!” Gitta nickt bestätigend und erhebt sich endlich vom Küchenstuhl als würde sie bald gehen wollen. “Die Caro wird schon dafür sorgen, dass der nicht alleine bleibt.”
Eigentlich, rühmt sich Gitta Hagan, hat sie ihre Neugierde besser im Griff als die Bräunigs. Sie muss nicht jeden Tag am Fenster stehen oder durch die Nachbarschaft streifen. Pakete annehmen reicht ihr vollkommen aus.
Zumindest war das mal so. Jetzt, wo sie die Hölzers ein bisschen besser kennt, ist auch ihre Neugierde gestiegen. Ab und zu steht also auch sie jetzt am Fenster und beobachtet das Kommen und Gehen im Haus.
Peter hat schon recht: die Mädels, die sie im Hausflur kichern hört, scheinen alles Freundinnen von Caro zu sein. Vor allem Freitag abends und wenn Leo nicht zuhause ist, kommen sie in kleinen Grüppchen und mit Wein- und Sektflaschen.
Ein paar Mal sieht sie auch junge Männer klingeln; einer hat sogar einen Strauß Blumen für Caro dabei. Aber die kommen immer nur ein paar Wochen lang und dann sieht man sie nicht wieder.
Leo ist noch genauso unauffällig wie immer: er geht laufen, wenn er Zeit hat, wird ab und zu abgeholt oder abgesetzt, aber das scheinen alles Kollegen zu sein. Zumindest sind die Begrüßungen alle wenig freundlich.
Inge hat aber mal erzählt, dass sie den Hölzer auch mal nachts aus einem Taxi hat fallen sehen. Kichernd und betrunken und mit einem anderen Mann. Sicher ist sie sich da aber auch nicht; die Birne in der Straßenlampe vor ihrem Haus ist ja schon ewig kaputt.
Gitta hofft ja, dass an Inges Geschichte was dran ist. Sie würde sich so freuen wenn der Herr Hölzer endlich eine Freundin oder einen Freund hätte. Dann würde er vielleicht auch nicht immer so traurig schauen.
“Oh, die Frau Hölzer hat jetzt einen festen Freund,” weiß Inge eines abends ihrem Mann zu berichten. “Tom heißt der. Netter junger Mann.”
Peter grummelt zustimmend und widmet sich wieder seinem Brot.
“Ich freu mich ja für sie,” meint Inge weiter. “Aber der Leo ist jetzt sicher noch öfter alleine als vorher.”
Da kann sich dann auch Peter nicht mehr verkneifen was zu sagen. Er steht ja nicht umsonst jeden Tag am Fenster und beobachtet die Nachbarn. “Bei dem geht aber auch irgendwas vor sich, das sag ich dir,” erzählt er. “Der kommt ja zu allen Tag- und Nachtzeiten. Geregelten Schichtdienst hat der nicht mehr, das kannste aber wissen.”
Inge nickt und greift nach einer Scheibe Gurke. “Caro hat da was erzählt, als ich sie das letzte Mal im Flur getroffen hab. Der wurde befördert, glaube ich.”
“Sollte der da nicht bessere Arbeitszeiten haben?” murrt Peter. Also immer wenn sie ihn früher befördert haben, dann musste er danach nicht mehr ganz so schlimm schuften.
Aber auch hier weiß Inge natürlich mehr als er. “Ne, der macht jetzt irgendwas wichtiges bei der Polizei,” erzählt sie auch wenn das natürlich nichts erklärt. “Und die sind doch immer so unterfinanziert, da muss der bestimmt viele Überstunden arbeiten.”
“Naja, muss uns ja auch nicht kümmern,” beendet er das Thema. “Ach so, und oben scheint wieder eine neue WG rein zu kommen.”
Inge lächelt. Sie weiß natürlich ganz genau was er da macht. “Naja, nach drei Jahren muss das ja auch mal sein.”
“Hoffentlich benehmen die sich auch so wie die letzten. Sonst schick ich denen den Hölzer hoch.”
Junge Liebe, denkt Gitta sich mit einem Lächeln als sie Caro und ihren Freund Tom dabei beobachtet, wie sie lachend ihr Auto packen. Caro trägt einen weiten Sommerhut und Tom ein seltsames Paar Sonnenbrillen obwohl es noch früh ist und die Sonne noch gar nicht scheint.
Wahrscheinlich fahren sie zusammen in den Urlaub, überlegt Gitta. Es sind ja auch Ferien, da hat Caro ja auch keine Schule mehr.
Das mit den beiden geht jetzt schon eine Weile, mehrere Monate, und man kann dabei zusehen, wie Caro glücklicher und glücklicher wird. So war das damal bei ihr und Armin auch gewesen und sie freut sich sehr für das junge Paar.
Leo hingegen sieht immer schlechter aus. Er ist natürlich immer noch ein ansehnlicher junger Mann, aber die dunklen Ringe unter seinen Augen werden mehr und mehr und sein Gesicht ist ganz eingefallen, so als würde er nicht genug essen.
Mehr als einmal lauert sie ihm auf und drückt ihm einen halben Kuchen in die Hand wenn er im Treppenhaus an ihrer Tür vorbeikommt. Sie erzählt ihm dann immer, dass sie den alleine nicht schafft aber ja nicht möchte, das er schlecht wird.
Leo bedankt sich immer ganz höflich bei ihr, lächelt traurig so als würde er sie durchschauen und verschwindet dann wieder in der eigenen Wohnung.
Das geht ein halbes Jahr so bevor sie für ein paar Tage im Krankenhaus landet. Das Bein hat sie sich gebrochen. Es ist nicht schlimm, aber schon ein bisschen schwierig.
Inge und Peter bringen ihr ein paar Wochen lang Einkäufe mit nach Hause, aber irgendwann fällt ihr die Decke auf den Kopf und sie macht sich auf Krücken gestützt auf den Weg zu dem kleinen Laden an der Ecke.
Da geht sie eigentlich nicht gerne einkaufen, aber sie braucht die Abwechslung.
Leo kommt auch gerade die Treppe hinunter und es sieht so aus als würde er gerade laufen gehen wollen.
“Frau Hagan, guten Morgen,” grüßt er freundlich. “Wo soll’s denn hingehen? In den Garten hinten?”
Er hält sie Haustür so weit wie möglich auf und wartet bis sie langsam hindurch läuft. “Hallo, Leo,” grüßt sie zurück. “Ich will zum Laden da hinten. Mal was anderes sehen, weißt du?”
Leo runzelt die Stirn und blick skeptisch auf ihre Krücken. “Ist das so eine gute Idee? Wenn Sie mir einen Zettel schreiben-”
“Das ist ganz lieb von dir,” unterbricht sie ihn. “Aber ich sitze jetzt seit Wochen in meiner Wohnung, ich muss auch mal was anderes sehen.”
“Dann trifft es sich ja gut, dass ich auch gerade Nudeln holen wollte,” erzählt er ihr und beginnt langsam neben ihr her zu laufen.
Gitta weiß natürlich, dass das geschwindelt ist. Beide Hölzers gehen auf dem Rückweg von der Arbeit einkaufen — meistens macht das Caro — und tragen dann ihre schweren Taschen erst in den Flur bevor sie das Auto abstellen und dann in ihre Wohnung gehen. Aber sie weiß die Gesellschaft natürlich zu schätzen, also sagt sie nichts.
Sie erzählt ein bisschen wie sie sich das Bein gebrochen hat und dass sie ihre Enkeltochter und die Bräunings in den letzten Wochen gut um sie gekümmert haben. Das Bein ist gut verheilt, nur eben mit dem Laufen tut sie sich noch ein bisschen schwer.
“Und bei ihnen?” fragt sie irgendwann, weil Leo immer noch nichts gesagt hat. “Der Arm und die Rippen sind wieder in Ordnung?”
“Ja, na klar.”
Langsam aber sicher zieht sie ihm die Antworten zu ihren Fragen aus der Nase. Bei Caro und Tom läuft es gut, Caro steht die Verbeamtung als Lehrerin bevor, er selbst ist jetzt Kriminaloberkommissar bei der Drogenfahndung. “Aber mal sehen wie lange noch,” meint er zwischen Marmeladengläsern. “Fürs Morddezernat hab ich mich schon beworben.”
Da will sich Gitta ja am liebsten gleich einmal die Woche bei ihm zum Kaffee einladen, so spannend klingt das. “Aber das ist doch sicher gefährlich!” meint sie stattdessen auch wenn sie die Tatort-Folgen mit Leo in der Hauptrolle praktisch schon vor sich sehen kann. “Nicht dass sie noch mal angeschossen werden.”
“Wird schon nichts passieren,” meint er als wäre das nichts besorgniserregendes gewesen. “Das meiste davon ist eh alles Papierkram.”
“Wenn sie mal über den Papierkram reden wollen, können sie gerne vorbeikommen,” lädt sie ihn ganz unverschämt mit einem Grinsen ein. “Um drei gibt’s bei mir jeden Tag Kaffee und Kuchen.”
Das bringt Leo zum Lachen und für einen Moment sieht er nicht mehr so verbittert und traurig wie sonst. “Sie wissen aber schon, dass Papierkram und Aktenstudium nicht wirklich der Stoff für spannende Unterhaltungen ist, oder?”
“Wir sind Rentner, da nimmt man alle Unterhaltung, die man kriegen kann,” erzählt sie ihm auf dem Weg zur Kasse. Ein bisschen stolz ist sie ja schon, dass er jetzt bessere Laune zu haben scheint. “Ich telefoniere immer montags mit einer alten Schulfreundin und dann reden wir über die neue Folge Tatort.”
Da muss er wieder lachen. “Vielleicht sollte ich wirklich bei Ihnen zum Kaffee vorbeikommen wenn ich da anfange. Da können sie Fälle dann immer mit ihrer frischen Perspektive lösen damit ich mir ganz dämlich vorkomme.”
Sie lachen jetzt beide als Leo ihre Einkäufe eintütet und Gitta bezahlt. Nudeln hat Leo natürlich keine gekauft. Nachdem sie den Laden verlassen verfallen sie in nachdenkliches Schweigen.
“Haben sie echt noch Kontakt zu Freunden aus der Schule?” fragt Leo kurz bevor sie vor ihrer Haustür stehen.
“Ja natürlich?” antwortet Gitta. “Sie etwa nicht?”
“Ne. Ich hatte auch nie sehr viele Freunde in der Schule,” gibt er zu. “Eigentlich nur einen und der- Naja.”
Gitta merkt natürlich sofort, dass da mehr ist, als Leo erzählt. Am liebsten würde sie weiter fragen, sie macht es aber natürlich nicht. Geht sie ja auch eigentlich nichts an.
Jetzt wo diese Caro Hölzer ihren Freund hat — Tom heißt der, hat die Inge gesagt — ist nicht mehr ganz so viel los bei denen oben in der Wohnung.
Einmal im Monat kommen ein paar Freundinnen vorbei, die bleiben dann auch mal über Nacht und abends bringt ein Lieferant Essen. Der junge Herr Hölzer fährt dann immer vorher schon weg und kommt danach beladen mit Tupperschüsseln wieder.
Die Eltern der beiden wohnen ja auch in Saarbrücken; da wird er dann wohl sein, damit die jungen frauen ihre Ruhe haben.
Meistens ist es aber nur Tom, der vorbeikommt und der mittlerweile einen Schlüssel für die Wohnung hat. Zumindest klingelt er nicht mehr.
Ein paar Mal scheinen die beiden zusammen wegzufahren. Dann sieht er sie freitags Koffer packen und ins Auto schleppen. Sonntags sind sie dann wieder da, einmal bleiben sie auch länger weg.
Er freut sich für das Mädel. Am Ende ist sie doch nicht so schlimm wie er befürchtet hat. Vor allem jetzt wo sie mit Tom zusammen ist.
“Na die wird nicht mehr lange hier wohnen,” murmelt er vor sich hin und muss fast ein bisschen schmunzeln. Er hat die Inge auch so angeschaut und jetzt sind sie seit über fünfzig Jahren verheiratet.
Eigentlich ist es ja Inge, die sich für solche Sachen interessiert, aber ein bisschen wundert er sich ja schon was aus diesem Leo Hölzer wird wenn Caro weg ist. Da hat der ja gar keine sozialen Kontakte mehr, außer Gitta und Inge, wenn sie ihm Kuchen vorbeibringen.
Das erzählt er auch der Inge am Abendbrottisch, aber die ignoriert seinen stummen Vorwurf. “Vielleicht hat er dann ja auch mal ‘ne Freundin und bringt die mit her.”
Da kann Peter nur den Kopf schütteln. Bis jetzt war auch noch kein Freundin hier, da hat er keine Hoffnung. Wahrscheinlicher ist es, dass der irgendwann verschwunden ist, und dann sehen sie ihn nie wieder.
Peter lässt Hölzer nur ungern gehen. Dank Gitta und Inge weiß die gesamte Nachbarschaft, dass hier ein Polizist wohnt. Da ist zumindest im Haus Ruhe, und das weiß er zu schätzen.
Zwei Monate später beobachtet er wie Caro Hölzer ihren Bruder wieder dazu bringt die schweren Kisten aus der Wohnung zu tragen. Ihr Freund Tom hilft auch, aber zu dem ist sie deutlich freundlicher.
Gitta macht sich Sorgen.
Eigentlich ist es ja nicht ihre Angelegenheit, aber seit die Caro ausgezogen ist, sie Leo immer schlechter aus. Immer wieder bringt Gitta ihm einen halben Kuchen hoch — ist ja auch nicht vollkommen gelogen, dass sie den nicht alleine schafft — aber irgendwie magert er trotzdem ab.
Er hat sie noch ein paar Mal zum Einkaufen begleitet, aber er redet nicht viel. Sie weiß nur, dass er die Stelle in der Mordkommission bekommen hat und jetzt sogar Kriminalhauptkommissar ist und das er nicht so recht mit seinem Team klar kommt.
Gitta hat angeboten einen Kuchen zum Einstand zu backen, damit er sich mit etwas Süßem bei denen beliebter machen kann, das wollte er dann aber auch nicht.
Dann ist Leo eine Weile zu hause und sieht sogar noch schlimmer aus als vorher. Sie hört ein paar Mal wie nachts jemand im Treppenhaus die Stufen hinunter rennt. Wenn sie dann am Fenster wartet, sieht sie ihn Stunden später durchgeschwitzt aus der Richtung seiner Laufstraße kommen.
Dass er nicht schläft, dass hat sie sich schon gedacht, so wie er aussieht.
Ein paar Tage später ist Gitta hinterm Haus im Garten dabei die Beete neu anzulegen. Sie ist ein bisschen spät dran, aber bisher hat sie’s einfach noch nicht geschafft.
Gerade will sie einen Sack Erde aus dem Schuppen holen, da kommt Leo aus dem Haus und nimmt ihn ihr sofort ab. Sooft sie ihm auch sagt, dass sie das auch alleine machen kann, dass es zwar ganz lieb ist, er sich aber nicht hier bei ihr langweilen muss.
Irgendwie hat Gitta das Gefühl, dass Leo beschäftigt werden will, also denkt sie sich alle möglichen Sachen aus: das Bäumchen, dass sie im letzten Jahr gepflanzt hat, muss versetzt werden, das Hochbeet neu lackiert. Irgendwann schickt sie ihn sogar zum Baumarkt.
Besser kann sie ihm gerade nicht helfen.
Am Abend ruft sie dann ihr Tinchen an. Ihre Enkelin studiert das mit den Computern, macht sogar ihren Doktor, die hat ihr Handy so eingerichtet, dass sie die Tasten auch wirklich benutzen kann.
“Du musst mir das mit dem Gockeln nochmal erklären,” bittet sie Tinchen. “Ich muss da mal was nachschauen.”
Tinchen erklärt ihr alles und dann googlet — Tinchen hat sie berichtigt — sie Leo erstmal. Sie findet nur ein paar Artikel über ältere Fälle, meistens Sachen, die schon verhandelt wurde. Damit weiß sie immer noch nicht, warum Leo in letzter Zeit so traurig ist.
Vielleicht, denkt sie als sie sich abends fürs Bett fertig macht, sollte sie das Tinchen mal zum Kaffeetrinken einladen.
Eine Woche geht das noch so, dann scheint Leo wieder auf Arbeit zu gehen. Krank schaut er zwar immer noch aus, aber zumindest geht er jetzt nicht mehr mitten in der Nacht laufen.
Für ein paar Monate ist wieder alles beim Alten. Leo geht früh, kommt spät nach Hause. Sie nimmt ab und zu Päckchen für ihn an, aber seltener als zu der Zeit, in der Caro noch bei ihm gewohnt hat. Gitta bringt ihm halben Kuchen vorbei und zwei Mal hilft er ihr im Garten.
Und dann steht da irgendwann ein anderer junger Mann vor ihrem Haus. Es regnet ganz furchtbar schlimm, die blonden Haare kleben ihm am Kopf und seine Jacke und Jeans sind vollkommen durchnässt. Von ihrem Küchenfenster aus sieht sie, dass er ein paar Mal die Hand zur Klingel hebt, sie aber immer wieder sinken lässt.
Gedanklich geht Gitta die Bewohner im Haus durch. Eigentlich kann er ja nur zu Leo wollen, im gleichen Alter sind sie auf jeden Fall.
Kurzerhand macht sie das Küchenfenster auf und lehnt sich nach draußen. “Kann ich Ihnen helfen?”
Der junge Mann zuckt zusammen und schaut sie mit großen Augen an. Er sieht mindestens genauso müde aus wie Leo und noch abgemagerter. “Eh, ja,” antwortet er nachdem die erste Überraschung verflogen ist. “Ich würd gern zu Leo. Also zu Herrn Hölzer.”
“Und Sie sind?”
“Adam. Ich bin ein F- Ich bin ein Kollege.”
So, so. Ein Kollege also. Warum sollte ein Kollege aber vor dem Haus herumlungern und überlegen, ob er klingeln soll oder nicht?
“Sie sehen ja gar nicht aus wie ein Polizist,” meint sie stattdessen. “Ist die Klingel denn wieder kaputt?”
“Ich hab noch nicht geklingelt,” gibt Adam zu und tritt gegen die unterste Stufe die zum Hauseingang führt.
“Ach. Das sollten Sie aber vielleicht mal tun wenn Sie den Herrn Hölzer sehen wollen.”
Er lacht kurz auf und nickt. Das Wasser tropft ihm von den Haaren. “Da haben Sie vermutlich recht.”
Gitta erbarmt sich seiner schließlich. “Ich kann Sie ja zumindest ins Treppenhaus lassen,” bietet sie an. “Da werden sie wenigstens nicht so furchtbar nass während Sie sich entscheiden ob sie klingeln oder nicht.”
“Das ist wirklich nett von Ihnen, Frau Hagan.”
“Ach, nennen Sie mich doch einfach Gitta.”
Sie lässt Adam durch die Haustür und wartet dann mit angehaltenem Atem darauf, Schritte auf der Treppe zu hören. Er dauert noch fünf Minuten, dann hastet jemand nach oben.
Inge steht jetzt immer morgens am Schlafzimmerfenster. Sie will ja eigentlich ihrem Peter nicht recht geben und seine schlechte Angewohnheit übernehmen, aber so kann sie beobachten, wie Leo früh aus dem Haus geht. Also, das schafft sie nur manchmal. So zuverlässig in den Zeiten wann er kommt und geht, ist Leo Hölzer nicht.
Der andere junge Mann, der blonde, ist oft da. Ganz oft sogar, manchmal kommen sie abends zusammen nach hause, haben Essenscontainer bei sich. Nach und nach kann man beobachten, wie Leo besser aussieht.
Beim Kaffee trinken hat Gitta ihr erzählt, dass da zwischen denen was im Busch sein muss und dass Adam — so heißt der blonde Kern — ganz sicher nicht im Gästezimmer schläft.
“Ich sag’s dir, Inge,” beschwört Gitta fast schon wild gestikulieren. “Das ist der Schulfreund von dem er mir erzählt hat. Und da hat der ganz traurig geguckt.”
“Vielleicht hat er ihn einfach vermisst, weil sie sich so lange nicht gesehen haben?” wirft Inge ein und nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. “Und jetzt wohnt er halt hier. Das zweite Zimmer hat er ja zum Gästezimmer gemacht.”
Das weiß sie von Peter. Der hat nämlich vor Monaten beobachtet, wie Leo und ein anderer Mann Möbel nach oben getragen haben.
Gitta glaubt ihr aber nicht. Das hat sie erwartet; ihre Freundin hofft ja schon seit Ewigkeiten, dass Leo mal jemanden für sich finden. Sie hat sogar kurz überlegt ihre eigene Enkelin einspannen. “Aber auf dem Klingelschild steht immer noch nur L. Hölzer,” protestiert sie.
“Dann haben sie halt vergessen das zu ändern,” meint Inge achselzuckend. “Passiert schon mal.”
Sie würde sich ja auch für Leo freuen, wenn der mal jemanden für sich hätte. Vor allem jetzt wo seine Schwester hier nicht mehr wohnt, ist es ja doch sehr ruhig geworden.
“Aber das geht jetzt seit einem halben Jahr, Inge,” entgegnet Gitta. “Und vor ein paar Monaten, da hat der Adam draußen rumgelungert und geraucht und hat sich nicht rein getraut. Da ist irgendwas, das sag ich dir. Und so nah wie die früh immer zum Auto laufen…”
“Gitta, so schön ich das für den Jungen auch fänd,” unterbricht sie ihre Freundin, “du guckst echt zu viel Fernsehn.”
Aber das ist scheinbar auch nicht Argument genug. “Ich mein ja nur. Ich hatte auch mal so eine Freundin, und mit der bin ich nicht nur zum Auto gelaufen, wenn du weißt, was ich meine.”
“Ach, Gitta,” seufzt Inge. “Jetzt lass uns den Kuchen essen und erzähl mir lieber vom Tinchen. Hat die nicht auch seit ein paar Wochen einen neuen Freund?”
Auch wenn Inge sich bei ihr beschwert, dass das hier keine Tatort-Folge ist, kann Gitta die Sache mit Leo und Adam einfach nicht gut sein lassen. Sie möchte halt einfach, dass es den beiden gut geht.
Adam war auch schon ein paar mal bei ihr und hat sich persönlich für den Kuchen bedankt. Den isst er immer wenn er bei Leo übernachtet — zum Frühstücken haben sie ja meistens keine Zeit — und er findet den ganz super.
Gitta freut das sehr, und danach bringt sie ab und zu auch mal einen ganzen Kuchen nach oben.
Alles scheint gut und auch wenn Gitta immer noch nicht weiß was da jetzt genau zwischen den beiden ist, lassen ihre Sorgen etwas nach. Trotzdem verfolgt sie immer noch angestrengt die Nachrichten über die Saarbrücker Polizei.
Und dann kommen die beiden tagelang nicht nach Hause.
Gitta weiß nicht so recht warum, aber sie macht sich plötzlich wieder Sorgen um die Jungs. Mit Tinchen am Telefon sucht sie im Internat nach den beiden. Was los ist, können sie nicht rausfinden, nur dass es einen ganz garstigen Mord gegeben hat an einem Mann, der vielleicht Adams Vater ist. Der Nachname passt auf jeden Fall.
Kein Wunder also, dass die nicht nach Hause kommen. Gitta fragt sich, ob es vermessen wäre, wenn sie zur Polizei fahren und ihnen Kuchen vorbeibringen würde. Immerhin ist sie ja nur Leos Nachbarin und hat sonst nichts mit den beiden zu tun.
Aus den Nachrichten erfährt sie dann, dass jemand verhaftet wird und dass da auch der Mord an Adams Vater mit drinhängt. Eigentlich geht es um eine Einbruchsserie im Villenviertel von Saarbrücken, aber Gitta atmet dennoch erleichtert aus.
Ganz früh — da ist Gitta noch im Nachthemd — hält Leos Auto vor der Haustür. Er fährt den Wagen nicht wie sonst auf seinen Stellplatz sondern hastet zur Tür, die Treppen hoch, und ist fünf Minuten schon wieder draußen. Wenn sie es richtig einschätzen kann, dann hat er sich nur schnell umgezogen bevor er mit quietschenden Reifen davonfährt.
Adam ist nicht bei ihm und Leo sieht aus als hätte er eine Woche lang nicht geschlafen.
Irgendwas ist da im Busch. Irgendwas muss schief gelaufen sein und deswegen sind die nicht nach Hause gekommen.
Gleich ruft sie bei Inge an. Die soll ihre gute Nudelsuppe kochen während Gitta noch einen Kuchen backt.
Zusammen warten sie dann an Gittas Küchenfenster auf die Rückkehr der beiden. Das Essen steht schon mit einem Zettel bei ihnen vor der Haustür im dritten Stock; sie wollen ja nicht stören wenn die zwei endlich nach Hause kommen.
Gegen Mittag kommen sie dann endlich an. Die beiden sehen furchtbar aus, Adam hat sogar den Arm in einer Schlinge.
Gitta und Inge können sich aber einen kleinen Jubel nicht verkneifen. Kurz vor dem Auto bleibt Leo nämlich stehen und wartet bis Adam um die Motorhaube herumkommt. Dann legt er einen Arm um Adams Schultern und zieht in an sich.
Bevor sie es zur Tür schaffen, bleibt Adam stehen und greift nach Leos Hand — da halten Gitta und Inge die Luft an — und zieht ihn zu sich. Sie unterhalten sich für einen Moment bevor sie beide weit grinsen und Adam sich näher zu Leo lehnt.
Als die beiden sich küssen und so, so glücklich aussehen, entfährt Gitta ein Freudenschrei.
“Glaubst du mir jetzt?” fragt sie Inge, aber eigentlich ist es ihr egal. Hauptsache, die beiden haben sich endlich gefunden.
Zwei Wochen später sitzt sie mit Inge im Garten. Sie machen gerade Pause von der Gartenarbeit und genießen die Sonne, als Leo und Adam nach draußen kommen.
Die beiden sehen deutlich besser aus als an dem Tag als sie endlich nach Hause gekommen sind, aber so wie es scheint haben sie auch zwei Wochen Urlaub hinter sich. Aber vor allem sehen sie glücklich aus.
Adams Hand steckt immer noch in einer Schiene, aber die Schlinge ist weg. Leo trägt einen Kuchen.
“Der ist ja halb verbrannt,” kommentiert Inge mit einem Grinsen, greift aber trotzdem schon nach der Küchenrolle die zwischen ihnen auf dem Tisch steht.
“Wir, eh, waren ein wenig abgelenkt,” gibt Leo zu und seine Ohren laufen dabei ganz rot an.
Am Ende kommt Peter auch noch nach draußen und bringt Kaffee mit, ganz ohne zu murren, dass er seine Zeit am Fenster verpasst.
Es ist spät, als Leo und Adam sich verabschieden und nach drinnen verschwinden. Selbst für den kurzen Weg greift Adam nach Leos Hand.
“Ach, junge Liebe,” seufzt Gitta. “Das ist immer so schön anzusehen.”
