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Adam hielt inne als er Olga durch die gläserne Schiebetür hindurch sah. Er hatte den Wagen draußen sofort erkannt, aber hatte es erst nicht ganz glauben können. Was machte sie plötzlich hier?
Sie hatte sich nicht um ein Haar verändert, zumindest äußerlich nicht, das hatte sie nie, in all den Jahren, die er sie kannte. Aber wenn er sie jetzt so ansah, wirkte sie so leicht und ausgelassen, ganz anders als er sie gegen Ende ihrer Zusammenarbeit erlebt hatte: Erschöpft und völlig zermürbt von ihrem Job. Jetzt schien sie als ob ihr eine riesige Last von den Schultern gefallen wäre.
Sie war damals fest entschlossen gewesen auszusteigen, nach dem Fall Elias... und dann war da noch der Fall Lu. Beide Fälle hatte er noch kristallklar vor Augen. Die Bilder mischten sich oft in seine Träume, zusammen mit vielen anderen, die ähnlich schrecklich waren. Sie hatten sich schon tief in sein Hirn gefressen und nagten immer weiter an ihm. Er fragte sich manchmal, ob Olga nachts auch so schlecht schlief wie er... Aber zumindest jetzt schien sie völlig befreit davon zu sein. Sie war in ein neues Leben geflüchtet, Adam nur in die Scherben seines alten, und letztendlich in die Sucht. Vielleicht hatte sie ihm gutgetan und er ihr schlecht. Ein schmerzlicher Gedanke, der eine Konstante in seinem Leben zu sein schien.
Und jetzt war da noch Angst. Die Angst, mit Vincent genauso zu versagen. Ihn auch noch zu verlieren.
Er war wie angewurzelt stehen geblieben und Vincent stieß jetzt überrascht gegen seine Schulter und sah in dieselbe Richtung, in die Adams Blick gewandt war. Das schreckte Adam aus seinen Gedanken auf, aber anstatt weiterzugehen, wandte er sich ruckartig um und drückte hastig die Tür auf, um an die frische Luft zu kommen, wo er ein paar mal tief durchatmete.
Ein paar Momente später hörte er, wie unweigerlich hinter ihm die Tür wieder aufgedrückt wurde.
Ohne ein Wort zu sagen, lehnte sich Vincent an die Hauswand und Adam machte sich schon bereit für eine Befragung, aber stattdessen zündete sich sein Partner gelassen eine Zigarette an und fing an sie genüsslich zu rauchen. Anstatt etwas zu sagen, sah er ihn nur durchdringend an.
„Was?!“, fauchte Adam defensiv, bevor Vincent überhaupt einen Mucks machen konnte.
Noch ein tiefer Atemzug und er wischte sich den Schweiß von der Stirn, räusperte sich.
Vincent sah ihn nur geduldig an, während er langsam Rauch aus seiner Nase ausatmete.
„Es ist nichts!“, fühlte sich Adam gezwungen klarzustellen.
„Ganz sicher?“, fragte Vincent jetzt.
Adam seufzte. „Es ist nur...Olga...“, fiel es ihm von den Lippen und er verfluchte sich selber. Wieso brach er so schnell ein, wenn Vincent nachstichelte?
„Die Frau im blauen Sakko ist Olga Lenski?“
Adam nickte. Dieses Sakko, immer noch dasselbe, das sie seit ihrer ersten Begegnung fast täglich trug.
„Ihr seid nicht im Guten auseinandergegangen?“, mutmaßte Vincent.
Adam schüttelte den Kopf. „Doch…doch ich hab nur seit dem das Gefühl… ach egal“, seufzte er frustriert. Er musste schwer schlucken, weil seine Kehle sich plötzlich wie Schleifpapier anfühlte.
Vincent legte ihm behutsam eine Hand auf den Rücken. „Es ist dir offensichtlich nicht egal.“
Adam schluckte wieder und bekam endlich den Klos aus seinem Hals. „Die letzten Fälle, an denen wir gearbeitet haben...ich hab mich damals einfach unprofessionell verhalten.“
Er bekam einen sauren Geschmack im Mund, wenn er nur daran dachte, wie unverantwortlich er gewesen war, wie unberechenbar, wenn es um den Fall Elias ging.
Kurz darauf hatte Olga gekündigt, was völlig nachvollziehbar war, nach seinem Verhalten, und trotzdem hatte Adam sich damals wie ein Kleinkind aufgeführt, dem das Spielzeug weggenommen wurde. Hatte sie dann in den Fall der jungen Mutter Luisa Bronski mit reingezogen, und am Ende hatte Olga den Preis dafür bezahlt. Wem machte er etwas vor, er war wahrscheinlich von Vornherein der Grund gewesen, warum sie gekündigt hatte.
Vincent nickte verständnisvoll, „Und du denkst, dass sie dir das nachträgt?“
Adam zuckte die Schultern und kratzte mit dem Schuh an dem bröckelnden Putz an der Hausecke.
„Oder trägst du dir das nach?“
Adam schnaubte. Konnte Vincent für einen Moment aufhören, ihn zu durchschauen?
„Kannst du das mal lassen?“, keifte er genervt.
Vincent sah wie vor den Kopf gestoßen aus. „Was lassen?“, blinzelte er ihn an.
„Ach, vergiss es!“, brummte Adam. „Bekomm ich einen Zug?“, er streckte die Hand schon nach der Zigarette zwischen Vincents Fingern aus und der überließ sie ihm. Adam nahm einen ausgiebigen Zug und atmete hastig durch den Mund aus, bevor er sie ihm zurückgab.
„Glaubst du nicht, ein Gespräch würde euch beiden gut tun?“, schlug Vincent vor.
„Ach komm Vincent…“ Vincent immer mit seinen Gesprächen... Konnte man nicht EIN MAL einfach etwas ungesagt lassen und es in sich reinfressen wie jeder normale Mensch?! Seit er Vincent kannte, hatte er gefühlt mehr geredet als in seinem ganzen bisherigen Leben. Nicht, dass irgendwer ihn dazu zwang, es fühlte sich eher so an, als hätte Vincent die perfekte Methode entwickelt, sein Schweigen auszutricksen und ihm trotz allem Worte zu entlocken. Aber seine und Olgas Beziehung war eine andere gewesen. Wenn er jetzt plötzlich mit all dem herausrückte, würde sie ihn da überhaupt noch erkennen? Oder würde sie denken, er war jetzt endgültig komplett übergeschnappt?!
Adam seufzte erschöpft. Aber Vincent hatte ja recht. Hatte er eigentlich immer. Wann würde er schon die nächste Gelegenheit bekommen das hier anzusprechen?! Es jetzt hinter sich zu bringen, wäre wohl das beste.
Die Zigarette war zu Ende geraucht und Vincent drückte sie aus. „Ich für meinen Teil möchte diese Frau jetzt sehr gerne kennenlernen!“, lächelte er.
Adam zwang sich auch zu einem gequälten Lächeln und hielt Vincent die Tür auf.
„Frau Lenski!“, rief er, ganz cool und gelassen und lobte sich dafür, dass seine Stimme wieder fast normal klang.
Ihre Miene hellte sich auf. „Raczek!“
Adam schob seine Hände in seine Jackentaschen. „Was verschafft uns die Ehre?“
„Wollte nur mal sehen, wie Sie hier so die Stellung halten!“
„Alles beim Alten...also das heißt…fast alles.“ Er machte einen kleinen Schritt zur Seite und deutete zu Vincent neben sich.
„Ah, Kommissar Ross, oder?“
„Vincent, ja!“, streckte er ihr die Hand entgegen.
„Olga“, stellte sie sich auch vor. „Und... haben Sie sich schon eingelebt?“, lächelte sie und ließ ihren Blick dabei vielsagend in Adams Richtung huschen.
Vincent nickte und lächelte zurück.
„Alma, du bist aber groß geworden!“, richtete sich Adam an das Mädchen, das gelangweilt neben seiner Mutter stand.
Die verdrehte die Augen und Vincent stupste Adam leicht in die Seite. Was denn?! Da versuchte man ein mal freundlich zu sein…
„Wie ist denn Pawlak eigentlich heute so drauf?“, wollte Olga mit einem Blick auf seine Bürotür wissen.
„Also, wenn er Sie sieht, ist er sicher besser drauf!“
„Und wenn nicht, dann spätestens, wenn er den hier sieht!“, sie steckte ihren Arm in den Jutebeutel, der über ihrer Schulter hing und nahm eine kleine Gummipflanze heraus. Nicht, dass Pawlak nicht schon im Überfluss kleine Pflänzchen in seinem Büro hortete. Jedes Mal, wenn wieder eine Beförderung im Raum stand kamen nochmal mindestens eine Handvoll dazu.
Adam grinste schief. Vielleicht war Olga auch der Gedanke gekommen ihre früheren Beziehungen zu kitten, wenn sie schon mal hier war.
„Coole Schuhe!“, bemerkte Vincent jetzt zu Almas verschiedenfarbigen Chucks.
Also durfte ER dummen Smalltalk machen, aber Adam nicht?!
Das Mädchen blinzelte Vincent mit großen Augen an. „Danke!“, erwiderte sie, etwas schüchtern. „Deine Nägel sind voll schön!“, gab sie dann zurück. Adam waren die violett gestrichenen Nägel schon gar nicht mehr aufgefallen, Vincent wechselte ja ständig Farben.
„Dankeschön, hab den Nagellack noch im Büro, wenn du magst“, bot Vincent an.
Adam verkniff sich erstmal gekonnt, dass „Das ist ein Polizeirevier und kein Beautysalon! “, heute war das Motto nämlich, sich beliebt zu machen.
„Frau Lenski...kann ich kurz mit Ihnen reden?“, wandte er sich etwas bedeckt an Olga. Die blinzelte kurz erstaunt über seinen plötzlich so ernsten Ton, aber sie nickte. Sie tätschelte Alma leicht auf die Schulter. „Bin gleich wieder da!“
Alma nickte nur und ging Vincent ohne ein weiteres Wort ins Büro nach.
„Die ist ja richtig verliebt in den…“, bemerkte Olga erstaunt, während sie die Tür zum Verhörraum schloss.
„Kommt vor“, gab Adam leichthin zurück.
Olga lehnte an der Ecke des Tisches und sah den nervös wirkenden Adam erwartungsvoll an. Endlich fasste sich der Mann ein Herz und kam zur Sache.
„Hören Sie, ich weiß, ich war nicht immer der beste Dienstpartner...“
War die Kunstpause dazu gedacht ihr Zeit zu geben zu widersprechen?! Denn das hatte sie nicht vor.
„... und ich werd das Gefühl nicht los, es ist zum Teil mein Verdienst, dass wir Sie als Hauptkommissarin verloren haben.“
Hier wollte sie ihn unterbrechen, aber er sprach in einem Schwall weiter.
„Ich will nur, dass Sie wissen, dass ich immer auf Ihrer Seite war, auch wenn ich mich nicht immer so verhalten habe.“ Er zögerte kurz und strich sich durchs dünner werdende Haar, bevor er weitersprach. „Sie haben mir einfach zu oft meine eigenen Fehler bewusst gemacht. Sie sind eine gute Mutter UND eine gute Ermittlerin, und das hab ich nicht verkraftet. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund…und das bleibt auch hoffentlich so! Also was ich meine ist...ich...ich will mich hiermit in aller Form entschuldigen. Wie ich mich während unserer letzten Fälle verhalten habe, war vollkommen unprofessionell und ich verstehe, dass Sie nach dem Vorfall nicht mehr das nötige Vertrauen in mich als Partner hatten, um weiter zusammenzuarbeiten. Mein Verhalten war untragbar für jeden Kollegen.“
„Raczek… ich muss das jetzt fragen... haben die Ihnen irgendwas in den Tee gemischt?“
Adam verdrehte die Augen. Da breitete man seine ganze Seele aus und dann sowas...
„...oder...oder ist das der neue Kollege?“, fragte sie amüsiert.
Wie immer traf sie fast sofort ins Schwarze. Wie gesagt, sie war eine gute Ermittlerin.
Adam zuckte die Schultern, aber nickt leichte zur Antwort. Ja es hatte vielleicht etwas mit dem neuen Kollegen zu tun.
Olga, die ihre Hände in den Taschen ihrer weiten Jeans vergraben hatte, nahm sie jetzt heraus.
„Und nein, es war nicht Ihr Verdienst, dass ich gegangen bin. Irgendwie haben wir ja doch immer ganz gut funktioniert. Es war der Fall...“
In der Art wie sie das Wort sagte, schwang so viel von der Verzweiflung mit, die auch Adam damit verband, sie musste nichts weiter sagen, es war klar welchen Fall sie meinte. Jeder Polizist hatte ‚den Fall‘, vielleicht war ihrer beider der Fall Elias. Der Fall, dessen Namen sie lieber nicht nennen wollten.
„Der Fall hat mir einfach gezeigt, dass es irgendwann zu viel ist Menschen leiden zu sehen, vor allem die, die einem etwas bedeuten!“
Ja… ja es musste wohl irgendwann der Moment kommen, wo es ZU VIEL war. Wahrscheinlich war in ihm damals genauso etwas zerbrochen, der letzte Rest an Vertrauen, das er in die Menschheit gehabt hatte.
„Und der Vorfall mit Lu Bronski hat das nur ein letztes Mal bestätigt. Ich habe realisiert, dass ich lieber für die da sein will, die mir nahe stehen, solange ich kann.“
Adam nickte ernst.
Es hätte nicht viel gefehlt und dieser letzte Fall hätte Olga das Leben gekostet. Wäre das Adams letztes ZU VIEL gewesen?!
„Der Fall Luisa Bronski... den Sie auch nicht angenommen hätten, wäre ich nicht gewesen…es tut mir leid!“, sagte Adam aufrichtig.
Wenn er schon dabei war, dann konnte gleich alles raus.
Sie sah ihn immer noch etwas schockiert an. „Wissen Sie was, so eine solide Entschuldigung hätt ich Ihnen nicht zugetraut.“
Was sollte das jetzt bedeuten?!„Jetzt mal halblang Frau Lenski!“
Sie grinste. „Olga“, streckte sie ihm ihre Hand entgegen.
Er lächelte überrascht und nahm sie. „Adam“
Olgas Besuch war nur von kurzer Dauer, denn Frankfurt war nur ein kleiner Zwischenstopp für sie gewesen. „Bevor ich es vergesse, für...dich habe ich auch noch etwas!“, sagte sie, als sie sich von Adam verabschiedete.
Er blinzelte sie überrascht an.
Sie griff wieder in ihren Jutebeutel und holte eine kleine Schachtel heraus.
Als sie die Pappverpackung abzog, kam darunter etwas Grünes zum Vorschein. Es war ein Kaktus.
„Dachte das wäre passend“, bemerkte Olga.
„Mhm klar“, nickte Adam und verkniff sich ein Lächeln. SEHR witzig! Er konnte Vincent neben sich förmlich grinsen spüren.
Olga reichte ihm die kleine, stachelige Pflanze.
„Keine Angst, der ist zäh und hartnäckig!“, kommentierte sie mit einem Lächeln, „aber bitte trotzdem gut auf ihn aufpassen!“
Komischerweise sah sie dabei nicht zu Adam, sondern zu Vincent.
„Wird gemacht!“, erwiderte der und Adam wandte sich überrascht zu ihm. Jetzt war er sich nicht mehr ganz sicher ob sie noch über den Kaktus redeten.
Olga klopfte ihm nochmal auf die Schulter, bevor sie sich von allen verabschiedete und mit Alma im Schlepptau aus dem Kommissariat spazierte.
Ja, sie war wirklich frei!
Würde er auch so sein, wenn er endlich ginge. So völlig erleichtert? War dieser Job eine Last und nicht mehr?!
Adam bekam das Gefühl nicht los, dass es bei ihm umgekehrt sein würde. Er hatte das beängstigende Gefühl, sobald er diesen Job hinter sich ließe, würde er sich in Meeresschaum auflösen und einfach verschwinden, wie in dem einen deprimierenden Märchen, das Liana sich immer hatte vorlesen lassen als sie klein war.
Er sah auf den kleinen Topf in seiner Hand hinunter und fragte sich, ob es wirklich so unmöglich war einen Kaktus umzubringen, denn wenn es darum ging Pflanzen zu killen schien er ein besonderes Talent zu haben. Seine Parzelle glich schon völligem Kargland.
„Hier“, reichte er das Pflänzchen an Vincent weiter, „der ist bei dir besser aufgehoben!“
Vincent nahm es bereitwillig an. „Wie wäre es mit geteiltem Sorgerecht?“, schlug er vor.
Adam lächelte, „Okay!“
„Weißt du“, hob Vincent an, „wenn man sich besonders gut um den kümmert, könnte der noch Blüten bekommen!“
Darauf freute sich Adam schon, Vincent war bestimmt ein ganz toller Gärtner.
„Hat der schon einen Namen?“, fragte Wiktor, als er im Vorbeigehen den kleinen Kaktus begutachtete.
Vincent schüttelte den Kopf. „Noch nicht, aber ich hab da schon eine Idee...“, schmunzelte er.
