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Deutsch
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Published:
2022-03-24
Updated:
2023-01-16
Words:
32,604
Chapters:
7/?
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28
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2,558

GZSZ - Goethe Zeiten, Schiller Zeiten

Summary:

One-Shots
Goethe ist kein Spießer. Also eigentlich nicht. Aber das Whiteboard will er trotzdem nicht benutzen, da tut es der Overhead-Projektor auch, und diesem Internet traut er sowieso nicht, außerdem geht ihm sein Deutsch-LK schon wieder auf die Nerven, sein Ehemann ist bei einer Theaterprobe, sein komplettes Faust-Skript fliegt ihm Wohnzimmer herum, und dann bandelt seine Teenager-Tochter auch noch mit einem Romantiker an - und hoffentlich hat Schiller nicht vergessen, dass Humboldt morgen zum Grillen vorbeikommt. Es ist alles nicht so einfach -

Notes:

"Auf welchen Namen hatten wir uns jetzt eigentlich geeinigt?" fragte Goethe."Ich dachte, wir wären uns einig, dass es etwas Klassisches sein soll."
Als Kind eines Klassikers blieb dem kleinen Wurm wohl nichts anderes übrig.
Schiller nickte bloß und nahm einen Schluck aus Goethes Kaffee-Becher. Er war definitiv nicht wach genug für eine Begegnung mit seiner zukünftigen Tochter. Und der Kaffee war definitiv zu heiß.
"Was halten sie von Iphigenie?"
Der Kaffee schoss Schiller durch die Nase. "Was?!"

Vater werden ist schon schwer - sich zusammen mit seinem Ehemann auf der Fahrt ins Krankenhaus auf einen Namen einigen dann noch viel mehr.

Chapter 1: Was ist schon ein Name?

Chapter Text

"Schiller!"

Die Tür am Eingang des Theatersaales flog krachend auf, zusammen mit drei Skript, die getroffen vom Luftzug wie aufgeschreckte Vögel davonflatterten.
Luise zog scharf die Luft ein und ließ beinahe ihr Glas Wasser fallen, Josh, der sich hinter dem Technik-Pult einen Joint drehte, schreckte auf und Schiller, der gerade mitten im Rächer-Monolg steckte, blieb das Wort im Hals stecken, als niemand anderes als Johann Wolfgang von Goethe äußerst unelegant und fahrig den Mittelgang entlangstürmte.
Goethe störte sehr selten seine Proben. Eigentlich störte Goethe nie seine Proben. Eigentlich war Goethe auch nie unelegant.
Die meiste Zeit war der gute Herr Geheimrat nämlich so mit seinen Deutsch-LKs beschäftigt, dass es zeitlich gar nicht möglich war, seinen Ehemann im Theater zu besuchen. Besonders jetzt nicht, wo die Abi-Klausuren vor der Tür standen. Wenn Goethe seinen leidenschaftlich gehassten Deutsch-Kurs im Stich ließ, musste es wirklich wichtig sein.

"Schiller!" Goethe war inzwischen vor der Bühne angekommen und fuhr sich nervös durch die dunklen Haare.

Auf Schillers fragenden Blick antwortete er nur "Das Krankenhaus hat angerufen."

Schiller sprang ohne zu zögern von der Bühne.

Erst im Auto - Goethe hatte schief über zwei Parkplätze eingeparkt, das sah ihm gar nicht ähnlich - fand Schiller seine Sprache wieder.
Goethes Auto war so ordentlich wie immer, ein heller BMW mit Ledersitzen (umklappbar, äußerst praktisch), der über Schillers klapprige Studentenkarre nur die Nase rümpfte. Mit einem Blick auf die Rückbank versicherte er sich noch schnell, dass Goethe an den Maxi-Cosi gedacht hatte. Hatte er.
Goethe versuchte währenddessen, die Nummer des Krankenhauses wieder zu wählen. Natürlich ging niemand ran, und Schiller nahm ihm das Handy aus der Hand, bevor der gute Mann beim Ausparken noch irgendwo reinfuhr.

"Wann haben die denn angerufen?" fragte Schiller, während er noch die letzten Ziffern eintippte.

"Grade eben" antwortete Goethe. "Nach dem ersten Block."

"Und, was ist es?"

Goethe konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Ein kleines Mädchen. Ein paar Stunden alt. Die Mutter muss sie in der Früh abgegeben haben."

So sehr die Freude (schöner Götterfunke) darüber, endlich ein Kind zu bekommen, Friedrich ganz erfüllt hatte, versetzte es ihm doch einen kleinen Stich, zu wissen, dass diese Freude das Ergebnis davon war, dass sich irgendwo in Weimar eine Frau dazu entschlossen hatte, ihr Kind zu Hause, heimlich, auf die Welt zu bringen, und es dann im Morgengrauen in der Babyklappe des Theresienkrankenhauses abzulegen.
Doch ein möglicher philosophischer Gedankengang darüber wurde vom Tuten der Handy-Verbindung unterbrochen. Eine etwas abgehetzte, aber freundliche Stimme meldete sich.

"Ja, hallo" sagte er. "Schiller hier. Sie hatten meinen Mann vor etwa einer halben Stunde angerufen. Wir sind auf dem Weg."

"Der Name?"

"Schiller und von Goethe. Goethe mit Oh-Eh, nicht mit Öh."

Im Augenwinkel konnte Schiller sehen, wie Goethe grinste. Der Schreibfehler war ihnen schon öfter begegnet. Oder sollte man sagen oefter?

"Vorsicht!" brüllte Schiller in dem Moment. Ein Müllwagen war just aus der Querstraße rechts von Ihnen eingebogen. Goethe stieg in die Bremsen und verkniff sich einen Fluch, bevor er zurückstoß, den Mülllaster vorbeiließ und dann wieder aufs Gaspedal trat. Schiller verkniff sich keinen Fluch.

"Scheiße, Johann, wollen Sie uns umbringen?!"

"Nicht unbedingt in diesem Moment" gab Goethe zurück und riss das Lenkrad so stark herum, dass Schiller von der Fliehkraft in die Tür gedrückt wurde. Trotz der absolut ordnungswidrigen Geschwindigkeit wirkte Goethe so ruhig, als würde er auf einer Kutsche durch die Uckermark fahren.

"Ich hoffe doch, Sie haben einen Ausweis dabei" setzte er noch hinzu.

Schiller fuhr mit der Hand in seine Hosentasche, erinnerte sich, dass er keine Taschen hatte und vergrub das Gesicht in den Händen. Sein Ausweis war in seinem Portemonnaie, das Portemonnaie in seiner Jackentasche, die Jacke im Theater, und das Theater auf der anderen Seite der Stadt.

"Ne" murmelte er schuldbewusst. Goethe nickte nur.

"Hab ich mir fast gedacht. Ihr Perso liegt auf der Rückbank in meiner Aktentasche."

Schiller sah wieder hoch. "Wie das?"

Ein nur ein klein wenig arrogantes Grinsen breitete sich auf Goethes Gesicht aus. "Ich dachte mir schon, dass das passiert und hab Ihren Ausweis vorsichtshalber schon mal an mich genommen."

Sein vorausdenkendes Tun brachte ihm nur Augenrollen ein.

"Auf welchen Namen hatten wir uns jetzt eigentlich geeinigt?" fragte Goethe an der nächsten Kreuzung, die er seelenruhig bei gelb-rot mit 70 überfuhr (Schiller klammerte sich seit geraumer Zeit am Türgriff fest).

"Ich dachte, wir wären uns einig, dass es etwas Klassisches sein soll."

Als Kind eines Klassikers blieb dem kleinen Wurm wohl nichts anderes übrig.

Schiller nickte bloß und nahm einen Schluck aus Goethes Kaffee-Becher. Er war definitiv nicht wach genug für eine Begegnung mit seiner zukünftigen Tochter. Und der Kaffee war definitiv zu heiß.

"Was halten sie von Iphigenie?"

Der Kaffee schoss Schiller durch die Nase. "Was?!"

"Etwas Klassisches", erwiderte Goethe seelenruhig. "Klassisch, wie griechisch. Iphigenie ist doch ein schöner Name. Human und -"

"Mit klassisch dachte ich an einen, einen altmodischen, aber schönen Namen!" Friedrich warf die Hände in die Luft. "So etwas wie Johanna, oder Luise, oder Elisabeth, oder, oder, Maria!"

"Gretchen" sagte Goethe.

Schiller schlug mit dem Kopf auf das Armaturenbrett. Zu fünfzig Prozent weil ihm die Versnobtheit seines Mannes die Nerven kostete, zum anderen weil selbiger Mann gerade so sehr in die Bremsen stieg, dass das gesamte Auto mit einem Ruck zum Stehen kam.

"Iphigenie?" wiederholte er unglaubwürdig. "Meine Güte, wie soll das denn auf dem Schulhof werden?!"

"Ich dachte an einen Spitznamen. Iphi. Oder Nini. Auch wenn die Abbreviatur eines so geschichtsträchtigen Namens natürlich -"

"Wurde Iphigenie nicht umgebracht?! Von ihrem eigenen Vater?"

Goethe verzog den Mund. "Iphigenie steht für Unschuld und Humanität -"

"Iphigenie steht für Mord in der Familie oder dafür, dass die Eltern weltfremde Bildungsbonzen sind!"

Schiller ließ seinen Kopf gegen die Kopfstütze seines Sitzes fallen.

"Und was, wenn das Kleine uns später sagt, dass er trans ist? Mit einem Namen wie Iphigenie?! Ein genderneutraler Name wie Luka, oder Alex, das wäre doch was."

"Also bitte." Goethe rümpfte die Nase. "Ich habe mindestens drei Lukas in meinen Kursen, und alle frönen den biertrinkenden Bacchanalen. Was trinkt die Jugend von heute noch gleich? Sternberg?"

"Sternburg" sagte Schiller ohne Nachzudenken. Schauspieler waren arm und Sterni war billig - keine Aftershowparty kam ohne einen der Kästen aus.

"Wie dem auch sei" winkte Goethe ab und fuhr über ein Stoppschild. "Aber Maria wäre ein genderneutraler Name?"

Schiller grummelte. "Es gibt viele Männer, die Maria heißen! Christoph Maria Herbst, Guido Maria Kretschmer-"

"Wer?"

Ein Seufzen. "Johann, wir müssen echt weniger arte gucken."

"Was ist falsch an arte?"

Schiller überlegte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, ein Kind mit Goethe zu haben.

"Wie dem auch sei", setzte er fort, "Ich nenne meine Tochter nicht Iphigenie! Was wäre der zweite Vorname? Klytämnestra?!"

Dass das arme Kind eines zweiten Vornamen haben sollte, war von Anfang an klar gewesen. Schiller hatte gehofft, dass sein Kind nicht dasselbe Namenstrauma wie er davontragen würde, aber Goethe war hartherzig geblieben. Johann Wolfgang war ihm zu basic - nun würde die Kleine dafür büßen müssen.

"Klytämnestra ist mir dann doch zu blutrünstig."

"Aber Iphigenie ist kein Problem?" witzelte Schiller mit sarkastisch hochgezogenen Augenbrauen.

Goethe schnaufte entnervt. Inzwischen hatten sie die Weimarer Innenstadt hinter sich gelassen - das Krankenhaus war nicht mehr weit. Schiller beschloss, dem Ganzen ein Ende zu bereiten.

"Also. Was hältst du von Maria? Altmodisch, ja, aber man könnte sie ja Marie nennen."

"Also bitte" sagte Goethe schon wieder, und Schiller erwartete halb, dass jetzt wieder eine Geschichte über eine unausstehliche Schülerin namens Maria kommen würde. Der Fluch des Lehrerseins.

"Wollen wir sie nicht erst einmal kennenlernen?" schlug Goethe vor. "Dann können wir entscheiden, was zu ihr passt."

Schiller bezweifelte zwar, dass ein wenige Stunden alter Säugling eher wie eine Maria oder wie eine Iphigenie oder, Gott bewahre, wie eine Klytämnestra aussehen könnte - aber er beließ es dabei. Vielleicht war Goethe ein wenig milder gestimmt, wenn er erst einmal ein richtiges Kind in den Armen hielt.
Bei dem Gedanken machte sein Herz einen kleinen Hüpfer. Ich werde Vater.
Natürlich hatte er schon ewig gewusst, dass das geschehen würde - die Wartezeit auf der Liste des Krankenhauses war lang, und das Kinderzimmer war bereits seit einem guten halben Jahr fertig eingerichtet. Aber das ging alles so schnell -

"Wir sind da."

Goethe parkte in einem Schwung auf dem Parkplatz des Theresienkrankenhauses ein und drehte den Motor ab. In einer Bewegung stieg er aus und öffnete die hintere Tür, um den Maxi-Cosi und die Aktentasche mit den Dokumenten zu nehmen. Schiller öffnete seine Tür langsam - seine Knie waren weich, teils aufgrund der Aufregung, teils weil Goethe beim Fahren wirklich keine Rücksicht auf Verluste genommen hatte.
Mein Gott, dachte Schiller, hoffentlich fährt der auf dem Rückweg nicht so.

"Schiller."
Goethe war hinter dem Auto hervorgekommen. "Was haben Sie da eigentlich an?"

Schiller sah an sich herunter - und fühlte, wie ihm das Herz in die Hosen rutschte.

"Fuck!"

"Schiller, Ausdruck!"

"FUCK!"

Beim Rausrennen aus dem Theater hatte Schiller komplett vergessen, dass er noch im Kostüm steckte. Karl Moor, Akt 4. Komplett mit Pluderhose, Wams, Strümpfen - und Perücke.

"Hätten Sie mir das nicht sagen können?!" Schiller sah Goethe ungläubig an. "So kann ich da doch nicht rein!"

Goethe war gekleidet wie immer - ein kariertes Tweet-Jackett mit Lederflicken auf den Ellenbogen (ja, wirklich) und Anzugweste. Spießig, aber seriös.
Schiller dagegen -

"Na na na" erwiderte Goethe mit zuckenden Mundwinkeln. "Die kleine Iphi wird Sie sowieso im Theater sehen. Vielleicht gewöhnt sie sich gleich dran."

"Auf keinen Fall" stöhnte Schiller. "Außerdem heißt sie Maria."

Goethe erwiderte nichts. "Lassen Sie die Perücke hier. Den Rest besprechen wir drinnen."

Er folgte dem Ratschlag, checkte aber vorher noch einmal seine Erscheinung im Rückspiegel. Es wurde nicht besser. Dann folgte er Goethe nach drinnen.

 

Krankenhäuser und Schiller verband beinahe eine so große Hassliebe wie Goethe und sein Deutsch-LK.
Er hatte als Kind viel zu oft mit einer Lungenentzündung flachgelegen, und mehrmals hatte er das im Krankenhausbett auskurieren müssen. Selbst jetzt noch überkam ihm bei jedem Schnupfen die unwohle Angst, wieder mit Tatütata eingeliefert zu werden. Der sterile Geruch nach Desinfektionsmittel und Linoleum machte es nicht besser.
Doch die Kreissaalstation wirkte auf eine angenehme Weise organisiert.
Auf dem Flur wies ihnen eine Schwester den Weg, die eine hochschwangere Frau an der Hand führte, und ihr durchgängig sagte, dass sie sehr tapfer war. An einer anderen Flur-Kreuzung kam ihnen eine weitere Frau mit einem Säugling entgegen.
Auch hier missachtete Goethe die Vorfahrt, und die junge Dame drückte das Kleine instinktiv fest an ihre Brust, als würde Goethe gleich rücksichtslos in sie hineinrennen.
Schiller versuchte noch, ihr entschuldigend zuzulächeln, doch sie sah ihn nur irritiert an. Schiller fiel ein, dass er immer noch gekleidet war wie ein barocker Edelmann.
Ein weiterer Krankenpfleger begrüßte sie, als sie andere Babystation ankamen. Er hatte die Gnade, Schillers Outfit nur mit einem kritischen Blick zu beurteilen.

"Mein Mann ist Schauspieler" gab Goethe hinzu, und der Pfleger nickte, als wollte er sagen 'Na, das erklärt ja alles'.

Schiller hatte Goethe inzwischen den Maxi-Cosi abgenommen - auch, um endlich zu wissen, was er mit seinen Händen machen sollte. Sein Mund war so trocken wie ein drei Tage alter Keks.
Der Pfleger führte sie in einen ruhigeren Raum und verabschiedete sich mit dem Versprechen, gleich wieder zurück zu kommen. Sobald die Tür sich hinter ihm schloss, ließ Schiller sich auf die Krankenliege fallen.

"Scheiße nochmal."

"Schiller, Ausdruck."

"Johann, wir werden gleich Eltern. Ist Ihnen das klar?"

"Natürlich ist mir das klar. Hören Sie auf damit."

Er machte eine kreisende Bewegung mit dem Finger, und Schiller fiel auf, dass er sich die gesamte Zeit über die Haare gerauft hatte. Ein Blick in den Spiegel über dem kleinen Waschbecken in der Ecke zeigte ihm, dass sein Kopf von einer verwuschelten roten Lockenmähne umgeben war. Super, Schiller, dachte er. So begegnest du deiner Tochter. Mit Haaren wie Rumpelstilzchen und Kleidern wie ein Babelsberger Statist.

"Tschuldigung" murmelte er und friemelte sich den Zopfgummi aus den Haaren, um sie sich zu einem ordentlichen Dutt zusammenzubinden.

Wobei 'ordentlich' bei Schiller immer so eine Sache war. Wenn er sich einen ordentlichen Dutt machte, fielen zwei Strähnen sofort wieder raus (worüber sich Goethe nicht beschwerte), wenn er das Wohnzimmer ordentlich aufräumte, stolperte Goethe sofort wieder über irgendetwas, dass noch auf dem Boden herumlag (worüber sich Goethe ständig beschwerte).
Goethe war währenddessen damit beschäftigt, die Akten in seiner Tasche durchzugehen.
Der Papierkram, um sich überhaupt auf die Liste setzen zu lassen, war furchtbar gewesen. Hinzu kam, dass die Bürokratie nach mehreren Jahrzehnten immer noch nicht darauf vorbereitet war, dass ein schwules Paar ein Kind adoptieren wollte.
Schiller hatte mehr als einmal darüber nachgedacht, das Projekt Baby einfach aufzugeben, obwohl er derjenige gewesen war, der damit angefangen hatte. Goethe hatte sich hingesetzt, die Telefonate geführt, und dafür gesorgt dass die eine leicht homophobe Sachbearbeiterin nicht mehr für ihr Anliegen zuständig war. Schiller liebte ihn dafür.
Oder, wie er es vor Lotte (der großartigsten besten Freundin und Ex-WG-Partnerin ever) ausgedrückt hatte: Ein Mann, der Bürokratie beherrscht, ist wahnsinnig sexy.
Lotte hatte, vollkommen zu Recht, in ihren Latte geschnaubt und die Augen verdreht.
Und jetzt waren sie hier, und Schiller war unfassbar nervös, und die Tür ging auf, und der Krankenpfleger schob ein Kinderbettchen herein. Ohne es selbst zu bemerken, stand Schiller auf.

Das Baby, dass in dem gelb ausgepolsterten Wärmebettchen lag, sah eigentlich ganz normal aus - die winzigen Augen waren, wie bei einem Katzenkind, noch geschlossen, der unförmige Kopf war mit einem kleinen weißen Mützchen bedeckt, und der Rest des kleinen Menschen verschwand in einem beige-gelben Sack mit Ärmelchen, auf den 'Theresien-Klinikum Weimar ' aufgestickt war.
Schiller war ganz und gar verzaubert. Wenn Goethe es war, versteckte er es gut.
Der Pfleger war einen respektvollen Schritt zurückgetreten, als Schiller sich ganz leise über das Bett beugte.

"Schläft sie?" fragte er vorsichtig - die Kleine anzufassen, traute er sich nicht - und sah fragend hoch. Der Pfleger nickte.

"Anstrengender Tag, würde ich sagen", erwiderte er. "Wir haben natürlich die Checks gemacht wie bei jedem Baby. Gesund ist sie, ein bisschen leicht und klein vielleicht. Aber, naja -" Er machte eine hilflose Bewegung, als wollte er sagen 'Es wird schon seinen Grund haben, warum eine Mutter ihr eigenes Kind abgibt'.

Mit einem Mal überkam Schiller ein unglaubliches Gefühl von Mitleid für das kleine Menschlein, dass da vor ihm lag. Sie war so winzig.
Wahrscheinlich hatte sie nicht einmal mitbekommen, welches Drama ihre ersten Stunden auf der Welt gewesen waren.
Im Schlaf drehte das Baby sein kleines, rotes Gesicht nach links und gähnte, und Schiller glaubte, in Ohnmacht fallen zu müssen.
Erst jetzt spürte er, wie sich Goethe auch langsam über seine Schulter beugte, eine warme Hand auf Schillers Rücken.

"Na, sie sieht doch ganz patent aus" sagte er nüchtern. Schiller war zu sehr mit dem Betrachten der Kleinen beschäftigt, um diese Formulierung zu verurteilen.

"Wollen Sie sie mal halten?" fragte der junge Pfleger nach einer kurzen Stille, und trat einen Schritt auf die beiden zu. Schiller machte instinktiv einen Schritt zurück.

Goethe warf ihm einen augenrollenden Blick zu, dann sagte er: "Ja. Gerne. Entschuldigen Sie, mein Mann ist nervös."

"Glauben Sie mir, Herr Goethe, wir haben hier viel nervösere Väter."

Dass Goethe genau wie Schiller ganz von dem Anblick des Babys eingenommen war, erkannte man allein daran, dass er den armen Kerl nicht korrigierte - er hieß VON Goethe, bitteschön.
Der junge Mann hob das Kind mit den routinierten Handgriffen eines Menschen hoch, der am Tag drei Kinder auf die Welt bringt - vorsichtig, aber in keinem Fall unsicher. Wenn Goethe unsicher war, so überspielte er es gut - und nach einer Übergabe, bei der Schiller in Panik den Atem anhielt, lag das kleine Menschlein bequem in einer tweed-gepolsterten Armbeuge.
Sie nieste. Dann bewegte sie einmal ihre kurzen, stummeligen Ärmchen und Schiller wusste, dass er dieses Kind bis an sein Lebensende beschützen würde. Gefühle in jambischem Fünfmaß überkamen ihn.

"Darf ich mal?" fragte er, und streckte seine Hand aus, um über die kleine Hand zu streicheln, die zu einer winzigen Faust geballt auf Goethe's Unterarm lag. Sie war warm, und weich, und so winzig. Schiller pustete sich eine Strähne aus der Stirn, die sowohl sein als auch das Gesicht des Babys kitzelte. Natürlich hatte der Dutt nicht gehalten.

"Haben Sie schon einen Namen?" fragte der Pfleger, während er Goethes Papiere durchsah.

Goethe schüttelte den Kopf.

"Tatsächlich haben wir uns noch im Auto darüber gestritten."

"Weil Sie die Kleine Pegasus nennen wollten!"

"Und Sie hatten Alex vorgeschlagen, Schiller, so nennt man doch kein Kind! Humboldt heißt Alex, aber doch nicht unsere Tochter."

"Ach, aber Gretchen ist zeitgemäß, ja?"

"Im Übrigen, ich finde ein griechischer Name-"

"Das kann doch niemand schreiben, Herrgott!"

"Also, wenn ich Ihnen eine kleine Anregung geben darf", unterbrach sie der junge Pfleger. "'Lotta' steht bei uns grade hoch im Kurs"

"Nein" sagten beide Väter gleichzeitig.

"Ach" machte der junge Mann. "Darf man fragen warum?"

"Meine beste Freundin heißt Charlotte" sagte Schiller.

"Meine Ex-Frau heißt Charlotte" sagte Goethe.

"Oh" machte der junge Mann.

"Es ist nicht dieselbe Charlotte" fügte Schiller schnell hinzu.

"Ah."

"Wir nennen sie nicht Lotta, sind wir uns da einig?"

"Das ist die erste gute Idee, die Sie heute hatten, Schiller."

"Ich liebe Sie auch."

Dann mussten die beiden das kleine Menschlein, das es sich inzwischen auf Goethes Arm gemütlich gemacht hatte, wieder hinlegen, um den Papierkram zu erledigen.

 

Zu Glück machte Goethe das. Schiller konnte die meiste Zeit auf einem der unbequemen Stühle Platz nehmen, zwischendurch kurz aufstehen um irgendwo zu unterschreiben, und ansonsten das Baby bewundern. Er plante jetzt schon, ein Gedicht für sie zu schreiben.
Er würde Elternzeit nehmen - das war beim Thetaer schon angekündigt, und sie großziehen und nachts aufs sie aufpassen. Schiller besaß keinen Schlafrhythmus - er arbeitete von 2 bis 4 Uhr morgens, und dann schlief er bis um 12, wenn ihn nicht eine Probe in den Weg kam. Oder ein Baby. Und er würde sie zu Kindergarten fahren, und zur Grundschule, und dann zum Gymnasium, und er würde auf ihrer Abifeier heulen, weil sein kleines Mädchen so groß geworden war, und -
Eigentlich, dachte Friedrich, eigentlich ist Iphigenie ja auch nicht so schlecht. Immerhin außergewöhnlich. Und Iphi klang schon niedlich. Könnte ja auch für Sopie stehen. Außerdem, was war schon ein Name? Was Iphigenie hieß, wär unter jedem andren Namen genauso süß.
Außerdem, Goethe würde es ihn nie vergessen lassen, wenn er den Namen nicht mögen würde, der Mann hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant.

"Schiller?" Goethe hatte sich umgedreht. "Schon wieder dieses leidige Thema."

Die ältere Dame hinter dem Schreibtisch sah ihn etwas schief an.
"Meine Herren, das ist schon wichtig. Wir füllen gerade die Geburtsurkunde aus. Wie soll der kleine Wurm denn nun heißen?"

Schiller lächelte Goethe an, in dessen Auge es blitzte. Er liebte diese kleinen Momente, in denen sie beide genau dasselbe dachten. Goethe schenkte ihm ein Lächeln. Ja, doch, sie waren sich einig.

"Maria" sagte Goethe.

"Iphigenie" sagte Schiller.

"Ihr Mann mag es wohl extravagant" sagte die Dame. Zu Goethe. Schiller fiel wieder ein, dass er immer noch Strumpfhosen und Wams trug, und in der Verwunderung darüber fiel um tarnicht mehr ein, wie sein Kind denn nun heißen würde, oder das Goethe doch tatsächlich Kritik an seiner Namensauswahl (Iphigenie, also bitte) angenommen hatte.

"Mein Mann ist Schauspieler" sagte Goethe kalt.

"Was kann denn das Kleine dafür?" gab die Dame zurück, bevor sie den Kopf schüttelte und etwas eintrug.

"Meinen Sie denn, dass Sie das schaffen?" fragte sie dann. "Sie als zwei Männer, mit einem kleinen Mädchen."

Ein Seufzen von beiden kam als Antwort.

"Ich bin mit fünf Schwestern aufgewachsen" dagte Schiller dann mit einem höflichen Lächeln. "Zöpfe flechten kann ich. Und den Rest kriegen wir auch hin."

"Und ich hatte drei Ex-Frauen" sagte Goethe.

Schiller wollte im Boden versinken.

"Na gut" sagte die Dame und trug kopfschüttelnd etwas ein. "Maria Iphigenie also. Mein Gott, es ist ja ihre Tochter."

"Genau", sagte Schiller und streichelte der kleinen Iphi über den Kopf. "Unsere Tochter. Hm, Maria Iphigenie, wie gefällt dir dein Name?"

Die Kleine drehte ihren Kopf herum und übergab sich direkt auf Schillers Hand. Warmer, weiß-gelber Milchschleim, der sofort anfing zu kleben.

Schiller holte sein Taschentuch raus und warf Goethe einen säuerlichen Blick zu.

"Sehen Sie? Ich hab's ja gesagt."