Work Text:
"Und?"
"Er hat sich das Schienbein gebrochen," sagt Vincent und dreht sich gerade so weit zu Adam, dass er die Hand samt Unterarm, die Wiktor in Beschlag genommen hat, nicht wegziehen muss.
"An zwei Stellen," fügt Wiktor hinzu und lächelt Adam selig an.
"Naja," meint Adam, stopft die Hände in die Jackentaschen und stellt sich neben Vincent. "Wenns nur zwei sind kannst du ja morgen wieder zur Arbeit kommen."
Wiktor zieht ein wenig an Vincents kleinem Finger, während er diese Bemerkung überdenkt. "Ohne Schienbein kann ich aber kein Auto fahren, und ohne Auto komme ich nicht nach Świecko."
"'Ohne Schienbein'?" Adam grinst Vincent an. "Ich dachte, es sei nur gebrochen."
"Was ist gebrochen?" Fragt Marian, während er mit einem kleinen Papphalter voller Kaffeebecher durch die Tür tritt.
"Sein Schienbein," antworten Adam und Vincent synchron.
"An zwei Stellen!" Wiktor winkt Marian etwas unkoordiniert zu. Marian winkt zurück und zieht den Kaffee außer Wiktors Reichweite, als er versucht, danach zu greifen. Adam und Vincent nehmen ihre Becher dankend an.
"Wollen sie operieren, oder reicht ein Gips?"
"Irgendwer wertet grad die Röntgenaufnahmen aus." Vincent kichert kurz, als Wiktor eine kitzelige Stelle an seinem Arm findet.
"Hier ist also meine halbe Abteilung," sagt Pawlak gutmütig und schließt die Tür hinter sich. Marian hält ihm den letzten Kaffee hin. "Wie geht es ihm denn?"
Adam zuckt mit den Schultern. "Schienbein durch."
"An zwei Stellen," echoen mehrere Stimmen durch den Raum. Wiktor hält seinem Chef zur Veranschaulichung zwei Finger entgegen.
Die Tür geht zum vierten Mal auf und eine kleine Ärztin tritt herein. Kurz hält sie inne, blinzelt zweimal, dann stemmt sie die Hände in die Hüften.
"In diesem Zimmer," sagt sie mit energischer Stimme, "sind eindeutig zu viele Menschen, die sich nicht das Schienbein gebrochen haben."
-
"Ihr müsst das wirklich nicht machen."
Adam schnaubt.
"Also, zur Physio fahren und schonmal einkaufen, das wäre gut, aber ansonsten komm ich klar. Wirklich."
"Ach du meinst, wir machen das wegen deinem Gipsbein?" Vincent stellt die Einkaufstaschen vor Wiktors Haustür ab und fängt den Schlüssel, den Adam ihm zuwirft. Er schließt auf, greift die Taschen und blockiert die Tür mit einem Fuß, damit Wiktor sich mitsamt Krücken in den Flur manövrieren kann. "Da hast du was falsch verstanden."
"Habe ich?" Fragt Wiktor verwundert. Die kurze Strecke ins Wohnzimmer kam ihm noch nie so weit vor.
Vincent schiebt ein paar Schuhe aus dem Weg, damit Wiktor nicht darüber stolpert. "Wir vermissen dich einfach nur auf der Arbeit."
"Ist nicht dasselbe Kommissariat ohne dich," sagt Adam hinter ihnen und drückt die Tür zu. Er ist beladen mit drei Taschen - eine ist Wiktors eigene, mit Klamotten, die er im Krankenhaus brauchte, die anderen beiden, wie Wiktor gerade erfahren hat, gehören Adam und Vincent. Und enthalten ihre eigene Kleidung, weil sie jetzt hier sein werden. Beide. Bei Wiktor.
Vincents Handy pingt kurz auf. "Ah, Marian hat sich in den Kalender eingetragen."
"Sind wir damit immer abgesichert?"
"Ja, sollte passen."
Wiktor kann nur verwirrt zwischen ihnen hin- und hergucken. "Kalender? Abgesichert?"
"Karol hat Wolle beauftragt, den Schichtplan so einzuteilen, dass immer jemand Zeit hat zu dir zu kommen, falls was ist."
Vincent nickt abwesend, während er durch sein Handy scrollt. "Der Mann ist ein wahres Biest, was Excel angeht."
Wiktor ist das alles erst einmal zu viel. Er humpelt ins Wohnzimmer und lässt sich vorsichtig auf das Sofa sinken, nickt Adam dankend zu, als er ihm ein Kissen auf den Couchtisch legt und hilft, das Gipsbein darauf abzulegen. Er ist sich uneins, ob das eine positive oder negative Entwicklung ist. In den eigenen vier Wänden ist es schwer, Geheimnisse zu verbergen.
"Adam, komm mal!" Ruft Vincent aus der Küche, wo er seine Einkäufe verstaut. Wiktor kriegt es nur noch halb mit. Die Dosis Schmerzmittel aus dem Krankenhaus wirkt noch gut. Das letzte, was er hört, bevor er wegdämmert, ist Vincents erheiterte Stimme, die Adam erklärt, was eine Tomate ist.
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Adam und Vincent wechseln sich ab.
Wiktor wünschte, das würde bedeuten, dass immer nur einer von ihnen gleichzeitig hier ist, aber nein, es bedeutet natürlich, dass sie sich damit abwechseln, wer auf dem Sofa schläft und wer in Wiktors Bett, bei ihm. Mit ihm.
"Ist doch okay für dich, oder?" Hatte Vincent gefragt, aber Wiktors Mund war so trocken gewesen, dass er nur nicken konnte. Klar, natürlich, kein Problem, leg dich dorthin, hatte eh nicht vor zu schlafen. Wiktor war nie ein Fan von vollkommener Dunkelheit gewesen, und da sein Schlafzimmerfenster nicht zur Straße gerichtet ist, hatte er sich nie um Gardinen bemüht. Jetzt schaut er auf Vincents Nasenspitze, in Mondlicht gebadet, und bereut diese Entscheidung ein bisschen.
Sie wechseln sich also ab.
Vincent ist ein ruhigerer Bettpartner als Adam, der zwar besser schläft, aber immer noch nicht gut. Es würde Wiktor ja stören, wirklich, wenn er dadurch nicht stundenlange Momente bekäme, in denen er sich flüsternd mit Adam unterhalten kann. Es fühlt sich an wie damals, als sie angefangen hatten, zusammen zu arbeiten und Wiktor dieses aufregende Gefühl in der Brust hatte. Ein neuer Freund - ein neuer Mensch, dem er sich anvertrauen kann. Anvertrauen möchte. Nur ist es jetzt irgendwie mehr, größer.
Fast kommt er sich vor wie ein Teenager auf der ersten Übernachtungsparty, als er langsam wegnickt, die Augen auf Adams gerichtet.
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Knisterndes Papier und flüsternde Stimmen erwarten Wiktor, als er das nächste Mal aufwacht.
Im matten Licht erkennt er neben sich Adam, der im Schneidersitz auf dem Bett hockt und ein paar Blätter Papier und einige Fotos vor sich ausgebreitet hat. Neben dem Bett, auf Adams Seite, sitzt Vincent, den Kopf an die Matratzenkante gelehnt. Er schaut auf irgendetwas auf dem Boden - Wiktor vermutet einen Laptop außerhalb seines Sichtfelds - und dann zu Adam hoch, sagt etwas, dass Adam leise zum Lachen bringt. Die Matratze wackelt leicht unter Wiktor.
Wenn er so von unten zu Adam aufblickt, sehen Vincents Augen sehr groß aus.
Für eine Weile liegt er einfach nur da und lauscht ihnen. Sie reden über ihren aktuellen Fall, über Vincents Wohnung, über ein Grillrezept, dann wieder über den Fall. Zwischendurch tippt Vincent ein wenig auf seinem Laptop rum und Adam sortiert seinen Weg durch die Materialien auf dem Bett. Adam streckt seine Beine aus, die Knie knacken. Vincent lacht.
Irgendwann dreht Wiktor das eigene Bein und es meldet sich mit einem stechenden Schmerz zu Wort. Er zischt ein wenig, vergräbt das Gesicht im Kissen und murmelt ein paar Schimpfwörter diversen Sprachursprungs vor sich hin.
"Oh, Scheiße, haben wir dich geweckt?"
"Nein, nein." Wiktor kneift die Augen einmal fest zusammen und blinzelt dann zu Adam hoch, der sich besorgt über ihn beugt. "Schon gut."
Er atmet ein paar Mal tief ein und aus, bis der Schmerz nur noch ein dumpfes Pochen ist.
"Wir können auch ins Wohnzimmer gehen. Konnten nur beide nicht schlafen, diese Nacht."
"Was, Adam," Wiktor wischt sich einmal über die Stirn, "hast du ihn etwa angesteckt?"
"Ha, ha," meint Adam, gespielt genervt, während Vincent sein Lächeln in der Seite der Matratze versteckt.
Adam fängt an, seinen Kram zu stapeln, macht alle Anstalten, aufzustehen, aber Wiktor- will das gar nicht.
Es ist schon komisch. Wiktor hat jahrelang alleine geschlafen, ohne Probleme, keine schlimmen Nächte, keine Sehnsüchte, und dann übernachten für eine Woche zwei Menschen bei ihm, die verschiedener nicht sein könnten, und plötzlich möchte er das nicht mehr abgeben. Möchte sie hier behalten, sie beide hier behalten. Ist es nicht genau das, wovor er am Anfang dieser Woche Angst hatte?
Er streckt die Hand nach Adam aus, greift sich in der Jogginghose fest. Adam guckt überrascht zu ihm.
"Nein, bleibt. Das gedimmte Licht und eure- eure Stimmen. Ist schön, irgendwie." Oh, Gott.
Aber Vincent nickt nur, Vincent versteht ihn. Natürlich tut er das. Und Adam sieht Vincent nicken und macht mit, als sei Vincent sein emotionaler Kompass. Ist er ja vielleicht auch, was weiß Wiktor schon. Er hat ein gebrochenes Bein, einen Badezimmerschrank voller Schmerzmittel und eine Hand, die Adam in seinem Bett festhält - sein Urteilsvermögen ist offensichtlich stark eingeschränkt.
Sie bleiben.
Sie bleiben und Wiktor rückt noch ein Stück näher, drückt ganz, ganz sachte die Stirn an Adams Oberschenkel. So sachte, dass er es bestimmt gar nicht merkt.
Bestimmt.
-
"Wär es nicht vielleicht einfacher, wenn ich dir helfe? Mehr helfe?"
Vincent steht mit dem Rücken zu ihm, Augen auf die Badezimmertür gerichtet. Adam ist auf der Arbeit, aber Vincent hat frei, oder- naja, Wiktor ist sich nicht sicher, dass Pawlak sie nicht einfach schwänzen lässt, um sich um ihn zu kümmern.
"Nein, danke, so invalide bin ich doch noch nicht."
Ist er wirklich nicht. Ein bisschen Stolz ist mit dabei, klar, aber es reicht, wenn Vincent in der Nähe bleibt um ihm die wasserdichte Hülle übers Bein zu ziehen und im Ernstfall wieder hochzuhelfen.
"Ich mein ja nur. Ich würde nichts- ich würde nie-" Vincent bricht ab, überlegt es sich anders. Er verschränkt die Arme und Wiktor sieht zu, wie sich sein ganzer Rücken, Muskel um Muskel, anspannt. Sein Kopf hängt runter, seine Ohren sind rot. Wenn er näher wäre könnte Wiktor vermutlich sogar seinen Kiefer knacken hören.
Oh.
"Vincent." Er lässt den Namen durch den Raum hallen, aber Vincent bewegt sich nicht.
"Vincent, guck mich mal bitte an."
Langsam, zögernd, dreht er sich zu Wiktor.
"Das würde ich nie von dir glauben. Dass du das ausnutzt, um- was auch immer."
Vincent nickt, fast ein bisschen beschämt. Wiktor lässt ihm Zeit. "Dir ist das wahrscheinlich nicht so bewusst, aber es gibt da gewisse Vorurteile. Über Menschen. Wie mich."
Oh. Oh.
Klar Tisch machen? Klar Tisch machen.
"Ich- Vincent, also ich- weißt du-" Wie schwer kann das sein, wirklich? Gerade bei Vincent, den er mehrmals im Rock, fast immer geschminkt, und an einem besonders schönen Sonntagnachmittag sogar im Kleid gesehen hat.
"Ich bin asexuell," bringt er in einem schnellen Satz raus. Da, war doch ganz einfach. Gar kein Problem. "Ich hab schon Vorurteile gehört, von denen du noch nichtmal geträumt hast."
Es gibt bessere Orte, an denen man sich an den Klippenrand stellen kann, als auf dem eigenen Badewannenrand, nur in Unterhose und mit einer grellgrünen Plastikhülle um das Gipsbein. Aber man kann sich eben nicht alles im Leben aussuchen.
Vincent guckt überrascht, runzelt die Stirn, und dann fängt er an zu strahlen, aufrichtig, von ganzem Herzen. Er hüpft die zwei Schritte zu Wiktors Seite geradezu und lehnt sich vor, um ihn zu umarmen.
"Danke, dass du es mir erzählt hast."
-
"Alles okay?" Flüstert es neben ihm.
Wiktor schüttelt den Kopf, die Zähne aufeinander gepresst. Er wollte Adam nicht aufwecken, er kriegt eh schon so wenig Schlaf. Scheinbar war er doch zu laut.
"Deine nächste Dosis darfst du erst wieder morgen früh nehmen."
Wiktor nickt. Danke, weiß er auch.
"Soll ich Vincent holen?"
Kopfschütteln. Was würde es bringen, ihn auch noch zu wecken.
In der Dunkelheit streckt er seine klamme Hand unter der eigenen Decke hervor und findet Adams nach einigen Anläufen. Er greift zu, umklammert seine Finger, konzentriert sich auf das Gefühl von Adams Hand in seiner.
Adam drückt zurück.
Er rutscht vorsichtig näher an Wiktor ran und hebt die freie Hand. Kurz, zögernd, legt er sie auf Wiktors Brust, direkt über sein rasendes Herz. Dann streicht er ihm vorsichtig die blonden Haare von der schweißnassen Stirn. Seine Hand ist wunderbar kühl.
Wiktor atmet tief. Zwischen Adams Hand in seinen Haaren und der anderen Hand in seiner eigenen schafft er es nach einer langen Zeit, wieder einzuschlafen.
-
"Darf ich dich küssen?"
Wiktor erstarrt. Er schaut vom Fernseher zu Vincent, neben ihm, und schnell wieder zurück.
"Sorry, das war dumm. Vergiss es einfach," sagt Vincent, bevor Wiktor genug Zeit hatte um sich die richtigen Worte zurecht zu legen. "Willst du noch einen Tee?"
"Ja!" Sagt er schnell, und Vincent springt sofort auf. "Also, nein, Moment-" Er schnappt sich Vincents Handgelenk, bevor er flüchten kann. "Nein zu dem Tee. Also, eigentlich auch ja zu dem Tee, aber nicht jetzt. Ja zu dem davor."
Vincent setzt sich vorsichtig wieder hin. "Ja?"
Wiktor nickt. Er weiß, dass Vincent auf seine Lippen guckt, streckt kurz die Zunge raus um sie zu befeuchten. Sein Herz pocht. Langsam lehnt sich Vincent zu ihm und dann, dann, er ist so nah- "Ich dachte nur, du magst Adam."
Vincent hält inne, blinzelt ihn überrascht an. "Ich dachte, du magst Adam."
Für einen Moment schauen sie sich stumm an.
Dann prusten sie beide los, müssen lachen wie zwei Kinder, die in der letzten Reihe sitzen. Wiktor lässt seine Stirn auf Vincents Schulter fallen und Vincent umarmt ihn locker, kichert weiter vor sich hin ohne dabei Wiktor von der Schulter zu stoßen.
Wiktor drückt sein Gesicht weiter an Vincents Schulter. Er riecht sein Duschgel, oder Shampoo, vielleicht trägt er ja auch Parfum? So oder so, er riecht gut. Und es ist einfacher, sich preiszugeben, wenn er nicht von diesen großen, einfühlsamen Augen beobachtet wird.
"Ich mag Adam," sagt er, entschieden, in Vincents Hemd herein. "Aber ich mag dich auch."
"Oh," meint Vincent und umarmt ihn ein bisschen fester. An seinem Hals spürt er, wie Vincent lächelt. "Ist bei mir auch so."
Für eine Weile sitzen sie da, ihre Geheimnisse offenbart und, entgegen aller Sorgen und Ängste, kompatibel. Und dann-
"Küsst du mich dann jetzt endlich, oder was?"
Vincent lacht gegen seinen Hals. Er drückt einen ganz kurzen, kleinen Kuss auf Wiktors Haut und lehnt sich dann zurück, um sein Gesicht mit zwei warmen Händen zu umschließen.
Vincents Lippen sind weich und warm und wunderschön sanft auf seinen eigenen. Wiktor beißt ganz leicht auf Vincents Unterlippe. Was erste Küsse betrifft, ist dieser hier ziemlich weit oben auf der Liste, aber Vincent hält sich zurück, ahnt scheinbar, dass ihnen noch ein wichtiges Gespräch bevorsteht, darüber, was alles okay ist und was für Wiktor zu viel ist, und Wiktor liebt ihn ein kleines bisschen dafür.
Plötzlich poltert es laut im Flur, Schlüssel klimpern, Schuhe werden achtlos auf den Boden geworfen und feste Schritte kommen aufs Wohnzimmer zu. Sie trennen sich voneinander, setzen sich ganz unschuldig wieder auf das Sofa und blicken Adam lammfromm an, als er zur Tür reinschaut. Nur das Grinsen können sie sich nicht verkneifen.
"Lustiger Film?" Fragt Adam und schaut auf den Fernseher, wo die Dokumentation über Imkerei ungestört weiterläuft.
Sie nicken übertrieben. Adam verzieht keine Miene, fragt nur, ob sie etwas brauchen. Sie strecken ihm die leeren Teetassen entgegen.
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Zu dritt in einem Ein-Schlafzimmer, Ein-Badezimmer Haus zu wohnen, heißt, dass gewisse Grenzen schnell verschwinden.
Nicht, dass Adam und Vincent in Wiktors Haus wohnen. Theoretisch zumindest nicht.
Aber nach kurzer Zeit war es nicht unüblich, dass der Sofaschläfer morgens ins Schlafzimmer läuft um die anderen beiden zu wecken. Das Frühstück steht an, es gibt einen Fall, die Langeweile ruft - gerade Adam, der selten die Nacht durchschläft, lässt es sich nach einer bestimmten Uhrzeit nicht nehmen, Unterhaltung zu suchen.
Es klopft gedämpft am Holz.
"Hab Kaffee gemacht," sagt Adam durch die geschlossene Schlafzimmertür und tappst in Richtung Küche, ohne auf eine Antwort zu warten.
Wiktor fängt Vincents Blick - er sieht auch verwirrt aus. Vor ein paar Tagen noch hatte Adam sich so lässig aufs Bettende geworfen, dass er sich fast auf den Gips gesetzt hätte, wenn Wiktor ihn nicht im letzten Moment mit dem gesunden Bein zur Seite gekickt hätte.
Vincent krabbelt unter der Decke hervor und organisiert Wiktors Krücken. In einer Woche kriegt er endlich, angeblich, die Laufsohle, dann darf er auch kurze Strecken ohne Krücken laufen und langsam anfangen, das Bein wieder zu belasten. Bis dahin hüpft er noch vorsichtig hinter Vincent her in die Küche.
Adam sitzt am Tisch und isst die traurigsten Cornflakes, die Wiktor je gesehen hat. Er wusste nicht einmal, dass er Cornflakes hat.
"Morgen," murmelt Adam, ohne zu ihnen aufzuschauen. Mit einem Fuß schiebt er einen Stuhl vom Tisch, damit Wiktor sich setzen kann. Vincent wirft Wiktor einen vielsagenden Blick zu.
"Guten Morgen, Adam," sagt Wiktor und lässt sich vorsichtig auf dem Stuhl nieder. Er hängt die Krücken an der Tischplatte auf. Vincent stellt ihm einen Kaffee hin. "Gut geschlafen?"
"Mh," gibt Adam von sich und löffelt ein paar pampige Cornflakes in seinen Mund.
"Alles gut?" Fragt Vincent beiläufig und rührt in seiner Tasse rum. Er hat sich an Wiktors Küchenzeile angelehnt und schaut nachdenklich auf Adams Hinterkopf.
"Ja, ja, muss nur gleich los. Arbeit." Er kippt sich den Rest seines Kaffees in den Mund und flieht aus der Küche, sucht im Flur seinen Kram zusammen. Vincent folgt ihm, Wiktor hüpft die drei Schritte einbeinig und stützt sich auf Vincents Schulter ab.
Mit einer Hand auf der Klinke verharrt Adam dann doch.
"Kann sein, dass nachher Marian rumkommt."
Zwischen ihnen ist etwa ein Meter Flur, den niemand zu überbrücken weiß. Sie starren auf Adam und Adam auf die Tür.
"Ich- ich freu mich für euch. Wirklich."
Und dann ist er weg.
-
Marian kommt tatsächlich vorbei.
Sie führen ein langes Gespräch mit ihm, in dem alle drei oft die Augen verdrehen, dann schreibt Marian Adam eine Nachricht, er müsste eigentlich doch weg, und Vincent muss ja morgen so früh raus, könnte er denn nicht?
Ein bisschen zwingen muss er sich wahrscheinlich schon, aber Adam kann.
Vincent lauert ihm bereits im Flur auf - das Motorrad ist schwer zu überhören - und schiebt in vor sich ins Wohnzimmer, setzt ihn auf den Couchtisch, direkt neben dem Kissen, auf dem Wiktors Bein ruht. Dann drückt er ihm ein bereits geöffnetes Bier in die Hand und zwängt sich auf den Boden zwischen Tisch und Sofa.
Es ist ein wenig subtiles, aber wirksames Display: Wenn Adam fliehen möchte, muss er rückwärts über den Tisch klettern.
"Also," sagt Wiktor. Adam schaut zu ihm. Dann zu Vincent, dann zur Bierflasche, aus der er einen tiefen Schluck nimmt. "Vincent und ich, wir-"
"Ihr seid zusammen," unterbricht Adam ihn. Wenn er in dem Tempo weitermacht, ist das Bier innerhalb der nächsten Minute leer. "Hab ich mitbekommen, ja. Ich bin ja nicht dumm."
"Kann man sich drüber streiten," murmelt Wiktor so leise, dass nur Vincent es hören kann.
"Ich würds nicht direkt auf der Arbeit rumposaunen," fährt Adam fort, "aber ich finds toll, ehrlich. Auf euch." Er prostet ihnen mit dem Bier zu, ein etwas trauriger Toast, da er der einzige mit einem Getränk ist.
"Wir wären aber gerne auch mit dir zusammen," sagt Vincent knapp und Adam spuckt ein bisschen Bier aufs eigene Shirt. Blatt vorm Mund ist eben noch nie Vincents Stil gewesen.
"Was?" Fragt Adam laut, verwirrt. Er wischt sich das Kinn mit dem Saum des eigenen Oberteils ab, Vincents Blick bleibt an seinem entblößten Bauch hängen. Gott, Adam hat wirklich Glück, dass er genau so schön wie ratlos ist.
"Adam," sagt Vincent. "Ich werde dich jetzt küssen. Ist das okay?"
"Ja," fährt es Adam heraus. "Ja, natürlich, nur-" seine Augen gleiten zu Wiktor herüber, im selben Moment, in dem Vincent sich auf die Knie richtet und Adam küsst. Innig, und verliebt. Er kratzt ihm mit den Fingern durch den kurzen Bart und Adam schmilzt gegen seine Lippen und Wiktor guckt einfach zu, fühlt, wie sich eine wohlige Wärme in seinem Brustkorb breit macht.
Dann zieht Vincent zurück, lässt sich wieder auf den Boden fallen. Er grinst zu Wiktor hoch.
Adam zerrt seine Augen von Vincent weg, zurück zu Wiktor.
"Ja, ich kann nicht zu dir rüber," sagt Wiktor, bevor sich in Adams Blick die Panik ausbreiten kann. Er deutet auf seinen Gips. "Du musst schon herkommen."
"Oh," sagt Adam, dann schmeißt er sich halb zu ihm rüber, um Wiktors Gesicht in die Hände zu fassen und ihn ebenfalls zu küssen. Wiktor ist ein schneller Lerner, kratzt Adam auch durch den Bart, durch die kurzen Haare am Hinterkopf und Adam stöhnt ein wenig gegen seine Lippen. Er ist ein bisschen rauer, ein bisschen unsicherer, als Vincent, aber das stört Wiktor nicht im geringsten. Es ist ein wunderbarer Kuss.
"Also," sagt Adam und fängt die eigene Bierflasche, bevor seine fahrigen Gesten sie vom Tisch räumen können. "Ihr- wir. Alle drei?"
"Alle drei." Vincent nickt aufmunternd.
Wiktor holt kurz Luft. Wie ein Pflaster - einfach abreißen.
"Du müsstest nur wissen, dass ich keinen Sex mit euch haben will."
"Ah," sagt Adam, verwirrt, aber nicht, als würde er eine Diskussion suchen wollen. "Warum?"
Wiktor setzt eine ernste Miene auf. "Ich kann nicht mehr," er schaut wehleidig auf sein gebrochenes Bein, "seit dem Unfall."
Adam entgleisen die Gesichtszüge, panisch schaut er zu Vincent herüber, der sich zwar das Lachen nicht verkneifen kann, aber Wiktor trotzdem leicht auf das gesunde Bein schlägt.
"Jetzt verwirr ihn doch nicht noch mehr!"
Sie schneiden die meisten Themen nur an. Geben Adam vorsichtig einige Begriffe, Polyamorie, Asexualität, die er erst einmal für sich selbst nachschauen kann. Adam war noch nie ein Mensch, der gerne unvorbereitet ein Gespräch betritt, und Vincent und Wiktor möchten es ihm so leicht machen, wie irgends möglich.
Sie haben noch mehrere Gespräche vor sich, viele Grenzen müssen definiert werden - es ist nur fair, dass sie alle mit dem gleichen Wissenstand teilnehmen können.
Für diesen Abend jedoch reicht es, vorsichtige Küsse, die nach Bier und Käsestangen schmecken, auszutauschen.
-
"Du brauchst ein größeres Bett. Ich brauche ein größeres Bett," sagt Vincent zum x-ten Mal.
Wiktor darf auf dem Gips mittlerweile laufen, aber es ist immer noch ein Gips, also schläft er außen. Adam wälzt sich zu viel hin und her und steht nachts zu oft auf, also schläft er auch außen.
Vincent, der sowieso immer komplett in eine Decke eingewickelt schläft, war somit der offensichtliche Kandidat für die Mitte.
"Doch zu warm?" Fragt Adam und rückt an Vincent ran, bis er ihm mit den Bartstoppeln über den Nacken kratzen kann. Vincent kreischt und zappelt ein wenig, zieht von Adam weg und landet sofort in Wiktors Armen.
"Keine Sorge," Wiktor schließt einen Arm um Vincent. Den anderen legt er auf die Kissen, hält die Hand Adam hin. "Bei mir kann er dir nichts anhaben."
Vincent lacht gegen seine Schulter, die etwas schwitzigen Locken unter Wiktors Kinn. Adam presst einen Kuss auf Wiktors Hand.
Es ist Sonntag, und sie haben den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als das hier.
