Work Text:
„Ich versteh einfach nicht was sein beschissenes Problem ist!“ fauchte Anne und knallte mit einer heftigen Bewegung ihren Bierkrug auf den Tisch. Susanne zuckte zusammen, sagte aber erstmal nichts. Sie wusste wann es besser war Anne einfach reden zu lassen und sich nicht einzumischen, zumindest hatte sie inzwischen gelernt das besser einschätzen zu können. Als Anne kurz bevor sie den Wilden Kaiser zumachte plötzlich vor ihrer Türe aufgetaucht war und eine Miene draufhatte das die Milch nicht nur einmal davon sauer werden konnte hatte Susanne ihr erst mal ohne mit der Wimper zu zucken einen Schnaps hingestellt und dann gleich noch einen. Inzwischen war Anne schon bei ihrem zweiten Bier und Susanne konnte sich nicht erinnern die andere jemals so wütend gesehen zu haben. Naja, das stimmte nicht ganz aber es war auf jeden Fall schon eine Weile her seit dem letzten Mal.
Susanne zuckte mit den Schultern und legte beruhigend ihre Hand auf Annes. „Ich weiß dass Martin manchmal sehr irrational und komisch ist aber vielleicht gibst du ihm einfach ein paar Tage und dann wird er sich schon wieder beruhigen.“ Sie hatte nicht damit gerechnet dass Anne ihre Hand etwas zu schnell wegzog und sie mit einem Blick bedachte der richtig wehtat. „Nee Susanne, nee. Ich hab es so satt die ganze Zeit immer nur auf ihn einzugehen, immer Martin hier Martin da, wann geht es denn endlich mal um mich? Ich hab nichts mehr, nicht einen Cent und wenn es darum geht mir zu helfen dann zieht er den Schwanz ein? Es reicht einfach! Wie viele Chancen soll ich ihm denn noch geben? Jedes Mal wenn ich denke das es funktioniert mit uns dann kommt wieder was dazwischen, dann kriegt er wieder seine existenzielle Krise oder was auch immer und entscheidet sich wieder um, ich kann das einfach nicht mehr! Und ich will das vor allem nicht mehr! Und trotzdem, die ganze verdammte Welt ist auf seiner Seite, egal was er macht! Martin ist immer toll, immer der Beste, macht immer alles richtig aber weißt du was? Ist er nicht! Ist er verdammt nochmal nicht! Er ist ein verdammter Feigling der nicht fähig ist über seinen eigenen Schatten zu springen und der nichts anderes als sich selbst im Kopf hat!“ Anne zitterte vor Wut und Susanne war sich nicht sicher was sie machen oder sagen sollte. Bevor sie einen klaren Gedanken fassen konnte machte Anne auch schon weiter. „Die Sache mit meinem Vater, ja sie haben sich gehasst und mein Vater hat einiges falsch gemacht und war genauso ein verbohrter Idiot wie Martin und vielleicht haben sie sich deshalb so gehasst, wer weiß das schon verdammt noch mal aber trotzdem ist das alles kein Grund gewesen mich so zu behandeln! Was kann ich denn dafür dass ich mich um meinen Vater kümmern möchte, es ist mein eigener gottverdammter Vater, schau mich an und erzähl mir dass er das gleich nicht auch für Lisbeth getan hätte! Aber wenn ich mich um meinen Vater kümmern möchte dann fühlt der Herr sich gleich übergangen oder in seinem Ego angegriffen, es ist zum Kotzen! Wenn er Dinge tut dann ist immer alles in Ordnung aber wehe irgendjemand macht das gleiche dann ist es ganz schlimm und Böse!“ Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare und seufzte. „Er sagt er kann das nicht mehr, dann frag mal mich. Ich hab so keinen Bock mehr auf den und seinen gesamten Haufen an Verwandten.“ Anne wurde auf einmal still, starrte ihren Bierkrug an und seufzte. Susanne wusste nicht richtig was sie dazu sagen sollte. Irgendwie musste sie Anne schon irgendwie Recht geben. Die Grubers waren keine einfache Familie, und mit Hans hatte sie selbst ja auch ähnliches durchgemacht….und sie kannte Martin. Sie wusste dass er manchmal kein einfacher Mensch war, und ja, sogar ziemlich oft r unausstehlich war und sehr auf sich bedacht aber so war Martin eben.
Anne seufzte auf einmal laut und blickte Susanne direkt ins Gesicht. „Was hat er an sich? Wieso zieht er so viele immer wieder in seinen Bann? Wir, Andrea, seine Versicherungstussi da….was zur Hölle hat der Mann nur an sich?“ „Ich weiß es nicht“ war alles was Susanne dazu sagen konnte und Anne lachte, kurz und humorlos. „Wahrscheinlich werden wir es nie erfahren. Ich jedenfalls bin fertig mit ihm, ich will nix mehr von dem Wissen. Soll er doch das halbe Dorf durchvögeln, wenn ihn das glücklich macht, mir reichts!“ Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Bier und stellte den Krug wieder vor sich ab, diesmal sanfter als davor. „Lilli fehlt mir ein bisschen“ meinte sie nach einer Weile und Susanne sah sie mitfühlend an. „Du kannst sie ja vielleicht trotzdem ab und an zu einem Kaffee treffen, da freut sie sich bestimmt“ schlug sie vor und Anne nickte. Sie nahm einen letzten großen Schluck von ihrem Bier, leerte es damit und stand dann auf. „Danke Susanne fürs zuhören, ich geh jetzt besser mal wieder.“ Sie klang so traurig und ihr Blick war so leer das Susanne nicht anders konnte als zu fragen. „Willst du nicht hierbleiben? Wo schläfst du denn jetzt überhaupt?“ Anne hielt inne, und lachte kurz, wieder dieses abgehakte humorlose Lachen. Es gefiel Susanne überhaupt nicht. „Ich weiß es nicht, keine Ahnung wo ich hinsoll.“
„Bleib hier, ich hab ein Zimmer für dich frei.“
Anne nickte nur und Susanne ging los den Schlüssel zu holen.
Sie konnte nicht schlafen, die Gedanken kreisten unentwegt um das was sie heute gehört hatte. Warum hatte Martin Anne das angetan? Warum hatte er ihr erst Hoffnungen gemacht um sie dann so abzustoßen? Wieso fiel es ihm so schwer über seinen eigenen Schatten zu springen? Was war denn eigentlich genau sein Problem mit Anne? Am Anfang war sie davon ausgegangen das es wegen Arthur sein musste, das der und seine Feindschaft mit Martin der Beziehung im Wege standen. Und Anne hatte sich ehrlicherweise auch sehr von ihrem Vater beeinflussen lassen, bewusst oder unbewusst war egal. Aber der Distelmeier war tot und Martin benahm sich immer noch genauso bescheuert wie davor, machte die gleichen Sachen und da stellte sich schon die Frage ob er nicht in Wirklichkeit ein Problem mit Anne hatte. Ja, das was Anne abgezogen hatte in dem sie ihn dazu zwingen wollte für sie zu lügen war nicht in Ordnung gewesen allerdings war Susanne nicht so sicher ob er auch abgelehnt hätte wenn sie diejenige gewesen wäre die das von ihm verlangte. Oder Hans. Oder Lisbeth. Der Punkt war, sie machte sich Sorgen um Anne. So wie heute hatte sie sie noch nie erlebt, so wütend, so unkontrolliert. Anne war ein emotionaler Mensch und scheute sich nicht ihre Emotionen auch zu zeigen und anderen die Meinung zu geigen aber das die Gefühle auf diese Art und Weise aus ihr herausbrachen war ungewöhnlich. Susanne seufzte. Sie machte sich zu viele Gedanken, wie immer. Machen konnte sie doch eh nichts und vielleicht war es besser sich in diese Angelegenheit erst mal nicht einzumischen, führte doch zu nichts. Wenn Anne sie brauchte dann konnte sie für sie da sein und dasselbe galt für Martin, Susanne würde es so handhaben wie immer, sie würde neutral in der Mitte stehen und beiden Seiten ein Ohr zu leihen falls nötig.
Nach drei Wochen dämmerte es Susanne das ihr spontaner Gast vermutlich so schnell nicht mehr gehen würde. Anne hatte eine Arbeitsstelle bei einem anderen Bauern gefunden und verbrachte dort den ganzen Tag, allerdings kam sie jeden Abend zurück in den Wilden Kaiser und schlief in ihrem Zimmer. Susanne fragte nicht warum sie nicht auf dem Hof blieb sondern sich dazu entschied jeden Abend wieder herzukommen nur um am nächsten Morgen bei Tagesanbruch wieder zurück zum Hof zu fahren. Was aus der Wohnung die sie von Martin übernommen hatte geworden war wusste Susanne auch nicht und sie traute sich auch diesmal nicht wirklich das zu fragen. Sie wollte das Gespräch nicht auf Martin lenken wenn es sich nicht vermeiden ließ. Er hatte genug Schaden angerichtet bis jetzt und nachdem Anne den ersten Trennungschmerz überwunden zu haben schien wollte Susanne alte Wunden nicht wieder aufreißen. Anne kam jeden Abend, half ihr beim Aufräumen der Gaststube und des Außenbereichs und verschwand dann entweder sofort in ihr Zimmer oder blieb noch etwas bei Susanne und sie redeten. Nie lange, sie mussten beide früh raus am Morgen aber irgendwie war es schön. Man konnte mit Anne über alles Mögliche sprechen, Gott und die Welt wenn es sein musste und wenn Susanne ehrlich war dann gefiel ihr das Außerordentlich sie als Dauergast zu haben. Inzwischen war es auch soweit das Anne ihr Zimmer selbst sauber hielt und Susanne nichts mehr tun musste sondern nur den Platz zur Verfügung stellte. Irgendwie hatte sich eine Routine zwischen den beiden eingespielt, und die funktionierte hervorragend.
„Hast du mal eine Minute?“ fragte Anne zögernd, den Besen mit dem sie den Außenbereich gefegt hatte noch in der Hand. Susanne schaute auf und lächelte sie an. „Ja klar, was ist denn?“ Anne seufzte, den Besen immer noch sicher in den Händen. Sie wirkte auf einmal sehr unsicher, fast ein wenig verloren. „Hm, also mir wurde eine Wohnung in der Nähe von dem Hof angeboten.“ Begann sie. „Oh das ist doch toll oder nicht?“ meinte Susanne und ignorierte den kleinen Stich den die Aussage ihr versetzte. Anne zuckte nur die Schultern. „Ich bin mir nicht sicher ob ich da hin will“ Susanne legt den Kopf schief, ließ Anne aber weitersprechen ohne etwas zu sagen. „Ich…also wenn es dir nichts ausmacht…ich würd gern hierbleiben. Ich zahl dir auch Miete, keine Sorge! Aber….der Wilde Kaiser ist fast schon ein Zuhause für mich geworden und…ich will nicht gehen Susanne.“ Sie schaute ihr direkt in die Augen und Susanne wusste kurz nicht was sie sagen soll. Dann fasste sie sich. „Also wenn es dir reicht dass du hier nur ein Zimmer mit Bad aber ohne Küche oder sonst was hast dann kannst du gerne bleiben, ich und Sophia haben uns schon an dich gewöhnt. Und Miete will ich keine, du bist eine Freundin und außerdem, so viel wie du hilfst hast du das schon längst wieder reingeschafft.“ Anne begann zu strahlen, ließ den Besen fallen und bevor Susanne reagieren konnte befand sie sich auch schon in einer festen Umarmung. „Danke Susanne, du bist die Beste!“ flüsterte Anne und gab ihr unvermittelt einen Kuss auf die Wange.
Anne war aus Susannes Leben nicht mehr wegzudenken. Sie half selbstverständlich mit, brachte Sophia ins Bett wenn viel im Gasthaus los war, nahm die Kleine am Wochenende auch mal mit auf den Hof damit sie die Kühe anschauen konnte (natürlich nur wenn Hans seine Tochter nicht abholte), half Susanne bei Abrechnungen, in der Küche oder wo sie gerade gebraucht wurde und Susanne war froh sie um sich zu haben. Die Gespräche die sie abends führten wurden immer länger und manchmal mussten sie sich förmlich zwingen aufzuhören und ins Bett zu gehen, sonst würden sie den nächsten Tag wohl kaum überstehen. Es fühlte sich für Susanne manchmal an als wäre Anne schon ewig bei ihr am Gasthof.
„Komm, lass uns auf die Hohe Salve hochgehen“ schlug Anne an einem sonnigen Montagmorgen vor. Sie hatte ausnahmsweise frei heute und montags war zumindest die Gaststätte geschlossen und so viele Übernachtungsgäste waren es im Moment nicht. Sophia war im Kindergarten, sie hatten also beide Zeit heute und das Wetter versprach auch gut zu werden. Warum also nicht? Susanne stimmte also zu und nachdem sie beide kurz alles was es zu erledigen gab noch fertig machten und sie jemanden gefunden hatte der für sie übernehmen konnte falls einer der Gäste etwas brauchte machten sich die beiden auf den Weg. Sie nahmen Annes Auto und fuhren los. Es war warm, aber noch so dass es angenehm war und sie hatten sich beide einen kleinen Rucksack mit Verpflegung gepackt und marschierten sobald sie das Auto abgestellt hatten los. Der Parkplatz war fast komplett leer gewesen und auch auf dem Weg an sich begegneten ihnen kaum Menschen. Anne erzählte von ihren Plänen mit dem Hof, sie hatte eine neue Finanzierungsidee gehabt und die war auf große Begeisterung gestoßen und jetzt arbeitete sie gerade an der Umsetzung. Susanne hörte zu und lächelte. Anne hatte immer so große Ideen, für die sie sofort Feuer und Flamme war, und sie strahlte immer eine solche Leidenschaft aus…manchmal war Susanne ein bisschen neidisch. Wo war ihre Leidenschaft, ihr Feuer hingekommen? Sie liebte ihre Arbeit, sehr sogar, aber oft hatte sie das Gefühl von ihrem Gasthof und dem Ort erdrückt zu werden. Es ging nicht mehr vorwärts, ihr Leben war irgendwann an einem Punkt stehen geblieben und seitdem tat sich nichts mehr. Ja es war schon so gut wie es war, sie hatte Sophia und Jonas und der Gasthof lief gut aber manchmal wünschte sie sich es gäbe noch irgendetwas darüber hinaus. Nicht direkt woanders hinziehen aber irgendeine Veränderung, irgendetwas was die Tage nicht immer so gleichförmig machte.
„Erde an Susanne, ist alles in Ordnung mit dir?“ Die Hand die vor ihren Augen hin und her wedelte brachte sie wieder zurück ins Hier und Jetzt. Susanne schüttelte den Kopf und lachte. „Ja, Entschuldigung. Hab grad nur an was denken müssen, aber alles gut.“ Anne sah sie prüfend an, aber als sie in Susannes Gesicht nichts entdecken konnte das ihr Sorgen bereitete lächelte sie. „Willst du drüber reden?“ Susanne zuckte mit den Schultern. „Lass uns mal weitergehen“ meinte sie und beide liefen wieder los. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, die einzigen Geräusche kamen von den Vögeln und ihren Schritten auf dem Boden.
„Wie bleibst du immer so optimistisch für die Zukunft, nach allem was passiert ist?“ fragte Susanne unvermittelt und Anne hielt kurz inne. „Ich weiß es nicht….aber es muss ja immer weitergehen, man kann nicht stehenbleiben an einem Punkt sondern es geht immer weiter. Egal was kommt.“ Antwortete sie zögerlich. „Und lieber stürz ich mich in Projekte bei denen ich weiß das etwas Gutes dabei herauskommen kann anstatt mich einfach nur mit Situationen abzufinden….Was nicht heißt das mir manche Dinge nichts ausmachen würden. Aber….ich hab gelernt das es besser ist einen Plan zu haben, egal wie schlecht er sein mag, irgendetwas an dem man sich festhalten kann.“ Sie schwieg und sah nachdenklich aus. „Als…als Martin mit mir Schluss gemacht hat und das auf die Art und Weise wie er es gemacht hat, war ich so wütend, ich hätte sonst was tun können. Aber ich hab beschlossen das die ganze Energie die ich dafür aufwende genauso gut in etwas gesteckt werden könnte was sinnvoller ist, und ich hab mich für die Arbeit entschieden und für….naja egal, aber es funktioniert ganz gut. Die ganze Wut die ich damals hatte, sie ist fast weg und stattdessen hab ich ein erfolgreiches Projekt nach dem anderen am Laufen und der Umsatz hat sich fast verdoppelt und ich finde das macht es alles wert.“ Sie sah zu Susanne. „Wie war das denn bei dir, wie schaffst du es denn immer weiterzumachen?“ Susanne blickte auf den Boden und zuckte wieder mit den Schultern. „Ich weiß es nicht….Ich denke nicht das aufgeben eine wirkliche Option ist die wir im Leben haben, es geht alles weiter egal was man tut, ob man aufgibt oder nicht spielt keine Rolle also kann ich auch genauso gut weitermachen. Als ich“ Pause. „Als ich mein Kind verloren hatte wollte ich nicht mehr, ich konnte den Gedanken fast nicht ertragen das dieses kleine Wesen auf das ich mich so lange gefreut hatte niemals in meinen Armen liegen würde und….Ich hatte keine schönen Gedanken um es mal so zu sagen. Und dann kam das mit Jonas…und irgendwie hab ich es geschafft wieder zurückzukommen, wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen“ sie hielt erneut inne. „Eigentlich wie du gesagt hast, den Fokus auf etwas anderes legen, die Energie in andere Sachen stecken. Und es hat funktioniert, aber trotzdem hab ich oft das Gefühl das ich feststecke, das es nicht weitergeht. Ich liebe meine Arbeit, meine Kinder aber…manchmal fehlt etwas.“ Sie hatte keine Ahnung ob das was sie gerade gesagt hatte überhaupt zu dem passte was Anne gefragt oder gesagt hatte aber das war auch egal, sie war froh das sie das hatte loswerden können.
„Bist du glücklich?“ fragte Anne so unvermittelt dass Susanne erst keine Antwort darauf hatte. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Kommt drauf an wie du Glück definierst. Wenn zu es als Zustand definierst der anhält dann Nein, dann bin ich nicht glücklich. Ich denke das Glück sich nicht auf einen Zeitraum erstreckt sondern in kleine Momente aufgeteilt werden kann. Wenn Sophia mich in den Arm nimmt, dann ist das Glück. Wenn Ich einen schönen Sonnenuntergang sehe ist das Glück. Wenn ich so wie jetzt mit jemandem den ich mag einfach spontan unterwegs bin dann ist das Glück. Aber einen andauernden Zustand? Das glaub ich gibts nicht.“ Anne nickte nachdenklich, ließ das gesagte aber stehen so wie es war. Dann lächelte sie und hackte sich unvermittelt bei Susanne ein.
Sie gingen ein ganzes Stück und beschlossen an einem kleinen Vorsprung eine kurze Rast und Trinkpause zu machen und die Aussicht zu genießen. Das Gespräch hallte immer noch in Susannes Kopf nach, sie wusste nicht wann sie das letzte Mal mit jemandem über all das gesprochen hatte. „Ich bin froh das ich das hier mit dir erleben kann“ sagte Anne in die Stille und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. „Danke dass du das alles für mich machst, Susanne, danke dass du immer für mich da bist.“ Susanne trat neben sie und legte ihren Arm um Annes Taille um sie an sich zu ziehen. Sie standen eine Weile so da, ohne ein weiteres Wort zu sagen und es fühlte sich so richtig an, als hätte es schon immer so sein müssen.
Die beiden gingen langsam weiter und waren nach einiger Zeit oben am Gipfel angekommen. Die Aussicht war herrlich, es war ein sonniger und klarer Tag und sie konnten kilometerweit zu den anderen Gipfeln und in die Täler sehen. Es war wunderschön. Anne deutete lachend ins Tal und zeigte ihr den Bauernhof von oben, und sie entdeckten beide den Wilden Kaiser, von oben sah es aus als wären beide Stellen nur Zentimeter weit voneinander entfernt. Der Friedhof, die Kirche…sie konnten ganz Ellmau überblicken, sahen das Rathaus, die Apotheke…alles war winzig klein von hier oben, Die Häuser sahen aus wie Spielzeug und eine Herde Kühe waren nur kleine Punkte.
Sie blieben eine Weile oben, vesperten eine Kleinigkeit und genossen die Ruhe und die Aussicht bis sie beschlossen das es Zeit war sich doch langsam wieder an den Rückweg zu machen. Aufgrund der doch schon etwas fortgeschrittenen Uhrzeit beschlossen beide mit der Seilbahn wieder nach unten zu fahren, das ging schneller. Anne nahm ihre Hand als sie beide in dem kleinen Wagen saßen, vermutlich aus Nervosität denn sie konnte Seilbahnen nicht so wirklich leiden und Susanne drückte sie leicht. Aufmunternd, um zu zeigen das es in Ordnung war.
Sie konnte wieder nicht schlafen. Was war das zwischen ihr und Anne? War da überhaupt irgendwas? Oder bildete sie sich das nur ein und es war nicht mehr als Zuneigung zwischen zwei normalen Freundinnen? Wollte sie das da mehr war? Susanne drehte sich hin und her in ihrem Bett bis sie es nicht mehr aushielt und beschloss sich ein Glas Wasser in der Küche zu holen um wenigstens irgendwas zu tun wenn sie schon nicht schlafen konnte. Sie mochte Anne oder etwa nicht? Sie mochte es das Anne hier wohnte, sie mochte die Gespräche mit ihr, sie hatte sie gerne um sich. Es hatte sich schön angefühlt Annes Hand zu halten in der Seilbahn, so natürlich, so als hätte es sein müssen. Wann war das letzte Mal gewesen das sie sich so Wohl mit jemandem fühlte? Das sie sein konnte wie sie war, das sie sich nicht auf eine bestimmte Art und Weise verhalten musste? Sie war erleichtert und froh gewesen als Anne ihr erzählte das sie nicht wegziehen wollte in die Wohnung die ihr angeboten worden war, richtig glücklich sogar. Anne war so leicht ein Teil ihrer kleinen Familie geworden, sie konnte sich ein Leben ohne Anne nicht mehr vorstellen und das war der Moment in dem sie kurz innehielt. Anne gehörte in ihren Gasthof genauso wie sie selbst, war langsam und ohne das es Susanne bewusst wahrnahm ein fester Bestandteil nicht nur ihres sondern auch Sophias Leben geworden. Sie musste etwas tun und das schnell. Ruckartig setzte Susanne ihr Glas ab, schnappte sich ihren Schlüssel und verließ ihre Wohnung. Sie bemühte sich leise zu sein, aber eine seltsame Euphorie die sie so gar nicht von sich kannte hatte von ihr Besitz ergriffen und sie rannte fast den Weg zu Annes Zimmer. Erst als sie klopfen wollte wurde ihr bewusst das es ja mitten in der Nacht war und sie außerdem im Pyjama und verstrubelten Haaren barfuß im Gang ihres Hotels stand und im Begriff war jemanden der wahrscheinlich schlief aus ebenjenem Schlaf zu reißen. Sie zögerte. Was wenn Anne nicht so fühlte wie sie? Dann würde ihr Auftritt die ganze Situation komplett komisch machen, eventuell sogar die Freundschaft zerstören….Wollte sie das wirklich riskieren? Aber wenn Anne nicht auch ein bisschen so fühlte, wieso war sie dann geblieben? Warum hatte sie ihre Hand genommen? Nein, es musste jetzt oder nie sein. Susanne hob die Hand und klopfte.
Die Tür ging erstaunlich schnell auf, fast als hätte sie darauf gewartet das Susanne klopfen würde und jetzt da sie vor ihr stand sah sie das Anne ein ähnliches Bild wie Susanne selbst abgab. Verstrubelt und im Pyjama, etwas müder Gesichtsausdruck. Sie war also auch noch wach gewesen. Für einen Moment schauten sie sich beide nur an, und Susanne stellte erschreckt fest das sie keine Ahnung hatte was sie sagen sollte. Aber Worte waren auch nicht nötig.
Es ging schnell, beide bewegten sich gleichzeitig aufeinander zu und bevor auch nur ein klarer Gedanke in Susannes Gehirn Fuß fassen konnte lagen sie sich in den Armen und küssten sich sanft. Selten hatte etwas in Susannes Leben so viel Sinn gemacht wie dieser Moment. Alles schien sich auf einmal zusammenzufügen, wie ein Puzzle in das man das letzte Teil einsetzt. Und ihr wurde klar das die vergangenen Wochen, wenn nicht sogar Monate, genau auf diesen Moment zugearbeitet hatten.
Genau das war es was ihr noch fehlte.
Am nächsten Morgen lag Anne neben ihr im Bett und Susanne fühlte sich so zufrieden und glücklich wie schon lange nicht mehr. Wenn Anne sie jetzt gefragt hätte „Bist du glücklich?“ Die Antwort wäre ohne zu Zögern „Ja“ gewesen.
