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Unzertrennlich

Summary:

Im Bösen wie im Guten, egal was geschieht – sie wollen unzertrennlich sein. Und ehrlich, was ist schon das Schlimmste, was geschehen kann?

Warnung: Das hier ist schon eine Romanze… aber eben auch eine Origin Story.

Notes:

Ich denke nicht, dass man sagen kann, diese Fanfic ist mit Narben complaint, aber ich habe mir einige HCs davon ausgeborgt :3

(Und Dozer... dein Geburtstag ist schon lange vorbei, ich weiß :'D Aber ich widme es dir trotzdem, mein Freund!)

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Historiker schreiben das Jahr 1560, als Zanrelot (seines Zeichens Zweiter des obersten Magisters eines kleinen Dorfes in einem Gebiet, das später Thüringen heißen wird) seine Schwester Marietta zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren wiedersieht. Sie ist damals wegen irgendwelcher 'Chancen', oder der Kultur oder so, nach Polen gezogen. Er hat es nie wirklich verstanden und es hat ihn auch nicht sehr interessiert. Seine Schwester und er stehen sich nicht besonders nahe, auch wenn sie das aus irgendeinem Grund nicht zu verstehen scheint – warum sonst ist sie nun so überschwänglich in ihrer Begrüßung, als hätte sie ihn die ganze Zeit vermisst, und verkündet stolz dass sie und ihre neue Familie in das Haus schräg gegenüber von ihrem alten Familiensitz ziehen werden?

Und da sei noch nichts gesagt von ihrer neuen Familie. Jarosław heißt ihr Mann, ein Barde (ein Barde, Teer und Teufel!) den sie sich wohl in Polen angelacht hat und der noch dümmlicher grinst als sie. Kaum auszuhalten. Immerhin scheint er ein mäßig begabter Magier zu sein, aber nichts auf der Welt kann Zanrelot dazu bringen, mehr als die absolut nötige Höflichkeit gegenüber dem flachsblonden Hänfling aufzubringen. Und dann haben sie natürlich noch ein Balg… einen Sohn, Matreus, der auch bald zwölf wird wie Jonathan.

Es könnte Zanrelot nicht weniger interessieren.

Dafür ist Mariettas Interesse an Jonathan umso größer - "Sag bloß, du hast ja auch einen Jungen!", ruft sie lautstark und freudestrahlend, als sie ihn aus dem Haus lugen sieht.

"Guten Tag, mein Name ist Jona", sagt Jonathan sofort höflich und tritt lächelnd auf sie zu. Immerhin für etwas ist die scheinbar leider angeborene Freundlichkeit des Buben gut, denkt sich Zanrelot, den das Verhalten seines Sohnes sonst eher nervt.

"Führ deine Tante gerne etwas herum, sie ist schließlich lange nicht mehr hier gewesen", befielt Zanrelot, selbst bereits zum Gehen gewandt. Nur im letzten Moment kann er sich besinnen, noch etwas zu lächeln, um nicht zu gebieterisch zu klingen. Er hat noch viel Arbeit vor an diesem Tag, und eine Standpauke seiner jüngeren Schwester zum Umgang mit seinem Sprößling würde ihm nicht nur auf die Nerven, sondern auch auf die Zeit gehen. Und betont freundliche Standpauken hält sie gern, daran erinnert er sich noch gut.

"In Ordnung, Vater", sagt Jonathan. Braver Junge. Alles in allem ist er doch gut geraten.

Als Zanrelot kurz vor der Abenddämmerung ins Dorf zurückkehrt, hört er auf seinem Weg etwas Ungewöhnliches: Kinderlachen. Gut, vielleicht nicht ganz ungewöhnlich, aber wohl für diese Zeit und diesen Ort; spätestens ab der Dämmerungszeit sollten sich keine Kinder mehr außerhalb des Dorfes aufhalten (eigentlich nichteinmal Erwachsene), auch nicht so nah außerhalb!

Wider Willen neugierig, und eventuell auch leicht beunruhig (war das Jonas Stimme?), entschleunigt der alte Magier seinen Schritt und versucht, den Quell der Geräusche auszumachen. Schnell sieht er: Zwei Jungen stehen etwa zweihundertfünfzig Fuß von der alten Eiche, und… schießen darauf?? Sind die denn lebensmüde! Wenn einer von ihnen wirklich Jona sein sollte (er meint ihn zu erkennen, seine Nachtsicht wird fast täglich besser) wird der was erleben können. Und wenn es sich bei dem anderen um Mariettas Balg handelt – wie heißt er noch gleich? Matthias? nein, polnischer… Matreus! genau – würde auch sie etwas von ihm zu hören bekommen. Denn garantiert ist Jona auf diese Idee nicht selbst gekommen, sondern wurde von dem Taugenichts mit dem hässlichen Namen angestiftet –

Wütend stapft er auf die beiden zu, und kann aus der Nähe auch mehr Dialog vernehmen.

"Nein, pass auf – du musst dich grader hinstellen!", leitet Jonathan (er ist es eindeutig) den anderen an. Korrigiert seine Pose manuell, als er offenbar zu unfähig ist, sie durch abschauen richtig zu imitieren. "So, und jetzt ziel nochmal."

Der andere Junge – blond, also wahrscheinlich Matreus – versucht noch einen Schuss. Der verpufft nun kurz vor der Eiche. Vielleicht ein dutzend Fuß mehr und der Feuerball hätte sie genau in der Mitte getroffen. Und Jonathan freut sich auch noch darüber! Klatscht in die Hände, jubelt und lobt seinen Cousin auch noch! Zanrelot sieht nur noch rot.

"Sehr gut, siehst du wie gerade das war??" Jonathan strahlt von Ohr zu Ohr und auch Matreus lächelt, fast verlegen über das Lob. Kurz fragt sich Zanrelot, wann er seinen Sohn zum letzten Mal so positiv mit einem Gleichaltrigen hat interagieren sehen. Er kann sich nicht erinnern. Allerdings sieht er ihn in letzter Zeit auch nicht mehr sehr oft, und sowieso ist das gerade völlig unwichtig. Freunde sind allgemein nicht viel wert, und erst recht nicht, wenn man tot ist!

"WAS GLAUBT IHR WAS IHR HIER MACHT", donnert Zanrelot, absichtlich ohne jede Vorankündigung. Dass beide Jungen einen gefühlten halben Meter in die Luft springen lässt ihn innerlich ein wenig lächeln, besänftigt ihn aber nicht in erheblichem Maße. "Wollt ihr das ganze Dorf abfackeln?! Oder reicht euch die historische Eiche, der älteste und mächtigste Baum, der in diesen Landen wächst?!?"

Da vergeht ihnen das Lachen. Besonders Matreus sieht ihn mit riesigen Augen an, fast als sei er eine Erscheinung. Ein Dämon, aus dem Dunklen gekommen, um ihn zu strafen. Zanrelot kann sich nur knapp das Lächeln verkneifen.

So einfach kommen die beiden nicht davon.

Gerade will er so richtig mit seinem Vortrag beginnen, als Jonathan ihn unterbricht – die Dreistigkeit! "Vater", sagt er, mit gesenktem Kopf (immerhin). "Bitte verzeih uns. Wir wollten nichts abbrennen! Deshalb stehen wir auch hier, so weit von der Ehrwürdigen Eiche entfernt. Ich wollte Matreus bloß ein wenig Magie zeigen! Er hat noch nicht sehr viel Übung, und ich dachte -"

"Sei still, wenn Erwachsene mit dir sprechen!" Zanrelot spürt förmlich, wie ihm das Blut in den Kopf schießt. Jonathan ist schon immer ein wenig freigeistiger gewesen, als er ihn gerne gehabt hätte (woher nur, fragt er sich täglich, seine Mutter war so ein schwaches Weib…), aber so viel Ungehorsam an nur einem Tag hat er sich wirklich selten geleistet. Und es war offenbar auch noch seine Idee und nicht Matreus'! Unerhört, einfach unfassbar –

"Ich wollte nur sagen… wir haben ja nichts kaputt gemacht. Wir waren vorsichtig!" Der Junge redet immernoch! "Bitte, Vater, bestrafe uns nicht zu hart…oder mindestens nur mich! Es war schließlich meine Idee -"

Und dann nimmt er die Schuld auch noch explizit auf sich… Zanrelot fühlt seine Wut rapide durch einen pochenden Kopfschmerz ersetzt. "Eine Woche kein Ausgang außer für Pflichten", deklariert er, mit einer Stimme die (hoffentlich!) wirklich jeden Widerstand im Keim erstickt. "Für euch beide", fügt er noch an, und fixiert die Buben abwechselnd, bis sie genickt und ihre Zustimmung abgeleistet haben. Dann treibt er sie vor sich her ins Dorf.

Wäre Marietta doch bloß in ihrem geliebten Polen geblieben und versauert.

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Alles läuft nach Plan. Fast ein Jahrzehnt Recherche, und sechs Jahre und sechs Monate der Vorbereitung… Er ist fast am Ziel.

Sechs Tage verbleiben, und das Ritual wird vollendet sein.

Nichts kann mehr schief gehen.

"Zaffer? Bist du hier unter?" Mariettas Stimme.

"Ich hab dir gesagt, du sollst mich nicht mehr so nennen", blafft Zanrelot automatisch, abgelenkt als er die Kerzen in Position schiebt. Der letzte Schritt für heute.

"Was machst du denn hier?" Wieder Marietta. Jetzt klingt sie schon eher neugierig als besorgt, wie eben noch.

Sie kann auch Fragen stellen…

Moment.

Warum ist seine Schwester überhaupt hier?!? Die Höhle liegt so weit abgelegen von jeder Straße, ihr Eingang ist so gut versteckt…

"Bist du mir gefolgt." Der Satz, den er baut, ist eine Frage, aber seine Stimme klingt nicht fragend. Gefolgt auf seine kurze Panik ist vollkommene, eisige Ruhe über ihn gekommen, und dem entspricht sein Ton.

Das Ritual darf nicht gestört werden, darf nicht entdeckt werden, um keinen Preis. Und auch wenn Menschenopfer laut seiner Recherchen nicht notwendig sind, steigern sie in jedem Fall die Potenz des Zaubers…

Er beginnt, zu lächeln.

Sie hat ihn wohl nicht gehört. "Zaffer? Bist du da unten? Ich war im Wald um Kräuter zu sammeln und sah dich durch die Büsche steigen, du wirkest als hättest du ein bestimmtes Ziel im Kopf… was ist dieser Ort?"

Der Kindheitsspitzname wischt ihm das Lächeln je wieder aus dem Gesicht. Aber seine Entscheidung ist sowieso getroffen, sie hat schon zu viel gesehen. In Zukunft sollte er vielleicht darauf achten, nicht so fokussiert und hastig den letzten Wegabschnitt zu beschreiten, dass er seine Umgebung übersieht, aber diesmal war es vielleicht sogar ein Geschenk. Endlich wäre er ihre ewigen Fragen, ihre Freundlichkeit, ihren verdammten Moralanspruch los…

Sein Lächeln kehrt zurück.

"Das ist ein ganz besonderer Ort, Schwesterherz!", ruft er den Tunnel hinauf, laut genug diesmal. Die gute Laune muss er (vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben) nicht vortäuschen. Er klingt fast gönnerhaft. "Komm herunter, ich führe dich herum!"

Nach der Bestätigung durch seine Antwort scheint sie ihre Scheu zu verlieren, ihre Schritte werden schneller. "Ein besonderer Ort sagst du", fragt sie, die Skepsis deutlich hörbar. Sie sieht auf mich herab, sie denkt, dass ich spinne, denkt Zanrelot bitter. Doch diesmal verlässt ihn das Lächeln nicht. Eigentlich ist es fast schade, dass sie nie erfahren wird, wie falsch sie liegt…

"Ja, ein ganz besonderer", antwortet er geduldig, honigsüß. Sieht zu, wie sie den Hauptraum betritt, lässt den Blutrausch ganz langsam in sich aufsteigen. Sein Atem wird schneller…

Ja, das ist richtig, so soll es sein.

Er weiß nicht ob er das denkt oder sein dunkler Gebieter. Er hofft fast auf letzteres. Sie ist für dich, mein Herr, schwört er innerlich, eine schreckliche Heidin aber recht mächtig. Du speist reichlich heute Nacht.

Der Moment, in dem sich ihre Augen vollends an die schummrigen Lichtverhältnisse gewöhnen, ist exakt zu bestimmen. Er hat eine vage Vorstellung, wie das dunkle Heiligtum, den er über so lange Zeit perfekt hergerichtet hat, wohl auf einen Ausstehenden wirken muss – all die düsteren Symbole, Tierschädel, metallische Apparate und der Schein der präzise aufgestellten Kerzen dazu. "Heiliger Herr im Himmel, was ist all das??" Sie scheint kurz davor, in Panik zu verfallen, reißt sich aber noch zusammen. Sie ist wahrlich keine schwache Frau… Schade, dass ihr das nichts nützen wird.

"Der hat hier keine Macht", antwortet Zanrelot, kalt und ruhig. Nur das kleinste bisschen dunkle Befriedigung schwingt in seinem Ton mit, so wenig, dass sie es wohl nicht wahrnimmt. Sie sieht den Dolch nicht kommen, und nachdem er ihren Hals durchbohrt hat, kann sie auch nicht mehr schreien.

Ihr Blut tränkt den Altar reichhaltig, und er muss sich gar zurückhalten, sie nicht völlig zu leeren. Sie verschwinden zu lassen würde zu viele unangenehme Fragen aufwerfen, er muss einen natürlichen (oder immerhin nicht satanistischen) Tod für sich vorschützen, und das geht mit einem blutleeren Gerippe leider deutlich schwerer.

Er reinigt und versiegelt seine Roben magisch, da zuviel ihres Blutes auf ihm ebenfalls verdächtig wäre, und trägt sie nach draußen.

Sie war auf der Suche nach Kräutern, bevor sie ihn sah? Gut, dann hätten Banditen sie überfallen können. Einen guten Abstand von seinem Trampelpfad entfernt, Richtung Dorf aber nicht zu nah (es darf ja niemand etwas sehen, oder eher, nichts gesehen haben), legt er ihre Leiche ab. Mit einem Ritualdolch fügt er ihr noch ein paar willkürlich wirkende Verletzungen zu, noch ein wenig an den Händen, als hätte sie sich gewehrt… öffnet die Wunde an ihrem Hals noch weiter, damit sie wie ein Schwertmal wirkt (den Dolchhieb aus nächster Nähe wäre einem Unbekannten eher weniger zuzutrauen). Am Ende ist er mit seinem Werk zufrieden, sie liegt da als wären ihre Taschen geleert und sie dann achtlos hingeworfen worden. (Ihre Taschen hat er auch durchsucht und offengelassen, dass dort nie etwas Wertvolles war, muss ja niemand wissen.) Er richtet sich auf, will zum Dorf zurückkehren –

Und blickt in das schockstarre Gesicht von Jarosław. Er kam wohl, um nach Marietta zu sehen.

Nun, was ist schon ein weiterer Mord…

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Es ist fast eine Woche her, seit seine Eltern von den Jägern tot aufgefunden wurden. Matreus ist sich nicht sicher, ob er auch nur eine Nacht wirklich geschlafen hat.

Alle diskutieren, Banditen dies Banditen das, wie konnte das nur passieren, nur knapp außerhalb der Sichtweite der Dorfwächter, was hat das zu bedeuten, muss man sich Sorgen machen –

Er hört es kaum. Ihm ist im Grunde völlig egal, wie seine Eltern gestorben sind. Alles was er weiß ist dass sie fort sind, und es tut weh, weh, weh.

Kaum mehr als ein Jahr ist vergangen seid sie alle zusammen in Mutters alte Heimat gezogen sind, seit er seinen Onkel und Cousin kennenlernte, seit er anfing, deutsch zu lernen (mehr als das bisschen, das Mutter ihm zuvor vermittelt hatte). Und Magie! Magie…. Sie macht einfach so viel Spaß, selbst wenn er nur mit Jona spielt und zielen übt (und vor-Zanrelot-verstecken), es ist einfach wunderbar.

Alles ist so schön und leicht und wunderbar gewesen, ganz anders, als er gefürchtet hatte. Alles ist gut gewesen, bis es das auf einen Schlag nicht mehr war.

Und so weint er und weint und weint, bis keine Tränen mehr kommen und dann schläft er, ein paar Stunden, unruhig, alptraumgeplagt. Dann wacht er auf, und weint wieder.

Jona ist die ganze Woche nicht von seiner Seite gewichen, hat alle, die mit ihm reden wollten, auf ihn einredeten, weggeschickt. Er hat sogar versucht, ihn mit Geschichten von seiner Mutter (sie verstarb, als er nur zwei Jahre alt war, an einer seltenen Krankheit – er hat kaum Erinnerungen an sie aber vermisst sie dennoch, sagt er) abzulenken, und ihn irgendwie zu trösten. Er half soweit nicht viel, aber die Geste bedeutet Matreus alles. Seine Stimme ist die meiste Zeit zu rau zu sprechen, aber er will ihm so gerne danken. Vielleicht irgendwann. Wenn das Weinen endlich aufhört.

(Er kann sich nicht vorstellen, dass der Schmerz je aufhört.)

Plötzlich ist Zanrelot wieder da. Er ist die Tage kaum dagewesen, jetzt wo Matreus so darüber nachdenkt… es ist ihm nicht aufgefallen, aber ihm ist wirklich herzlich wenig aufgefallen in der Zeit.

Er schaut ihn unzufrieden an. Was ist denn jetzt schon wieder?? Matreus weiß, dass er trotzig reagiert, aber es könnte ihn wirklich nicht weniger interessieren, was sein Onkel diesmal an ihm auszusetzen hat.

"Ich sagte", wiederholt Zanrelot, sichtlich um Geduld ringend, "weißt du schon, wo du jetzt leben wirst? Du kannst das Haus nicht allein unterhalten."

Matreus sieht ihn weiter einfach nur an. Das Haus? Wie kann er jetzt nur an das Haus denken??

Doch er scheint eine Antwort zu erwarten, und ungewillt, ohne sie zu gehen. Matreus zwingt sich, nachzudenken. Am Ende ist es nicht schwer.

"Ich weiß nicht", flüstert er. Mehr schafft seine strapazierte Kehle nicht, aber mehr hat er auch nicht zu sagen. Er weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll, in keiner Hinsicht. Und wenn das nicht als Antwort reicht, naja, dann kann sein Onkel eben zur Hölle fahren.

"Darf Matreus nicht bei uns wohnen, Vater?" Das ist Jona. Er klingt… hoffnungsvoll? Es wäre wahrscheinlich nett, mit Jona zusammenzuwohnen, denkt Matreus. So richtig vorstellen kann er es sich aber noch nicht. Wenn er nur irgendetwas außer diesem Schmerz, und der schrecklichen rauschenden Taubheit empfinden könnte…

Zanrelot schaut wieder grimmig drein. Wahrscheinlich, weil Jona ihn unterbrochen hat, oder so. Das mag er gar nicht. Unter Zanrelots Dach zu wohnen, würde auch noch mehr Regeln befolgen bedeuten, überlegt Matreus. Aber vielleicht wäre Jona es das wert…

"Willst du bei uns leben, Matreus? In meinem Haus, nach meinen Regeln?" Wusste ich's doch. Doch… Matreus blickt zu Jona hinüber. Sieht in seine Augen. Sein Cousin… sein einziger richtiger Freund. Sieht, wie er sich zurückhält, ihn nicht beeinflussen will; wie sehr er sich es aber offensichtlich wünscht. Vielleicht ist es wirklich nicht so schlimm, wenn sie zusammen sind. Und wenn er Jona damit glücklich machen kann…

Matreus blickt zu Zanrelot hinauf. Und nickt.

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Die Jahre vergehen, und Matreus' erste Einschätzungen bewahrheiten sich größtenteils – es ist in der Tat nicht sehr leicht, unter Zanrelots vielen Regeln zu leben, aber Jona dafür fast ständig sehen zu können, macht es wett.

Der Schmerz hört nicht auf, aber er wird etwas dumpfer. Leichter auszublenden, wenigstens die meiste Zeit.

Womit er nicht gerechnet hat, ist, dass Zanrelot anfangen würde, ihm Magie beizubringen. Also so richtig, wie ein Lehrer. So wie er zuvor schon länger Jona unterrichtet, erfährt Matreus.

Diese Lektionen sind hart (klar, es ist Zanrelot), aber sie machen auch Spaß. Magie macht Matreus Spaß. Sogar, wenn sie für Ernstes angewendet wird – alleine jagen gehen dürfen sie in ihrem Alter noch nicht, aber die Jäger zu unterstützen erlaubt ihnen Zanrelot nach einer Weile. Und ist halt schon etwas anderes, ein Tier zu essen, das man selbst geholfen hat, zu erlegen… Zumindest Matreus schmeckt es an diesen Tagen besonders gut. (Jona eher weniger, das bemerkt er nach einer Weile. Matreus fühlt sich dann immer ein wenig hilflos, weiß nicht genau, wie er ihn aufmuntern kann… aber Jona fragt meistens, wie es ihm schmeckt, und lächelt wenn er sagt dass es gut ist.)

Mit der Zeit verfallen sie in einen komfortabel ausgelasteten Alltag. Zanrelot macht das mit dem Training wirklich nicht so schlecht, er ist offensichtlich ein sehr mächtiger Magier und hat hohe Ansprüche an "seine beiden Jungen" (er sagt nie "Söhne", obwohl er Matreus formell adoptiert hat, aber ehrlich, das stört Matreus nicht sehr; er will seinen Onkel auch nicht gerne Vater nennen, einen Vater hatte er und den will er nie vergessen).

Das Problem ist… nicht immer genügen sie seinen Ansprüchen. Die ersten Lektionen sind noch einfach gewesen, und schnell zu perfektionieren – aber als die Zauber länger und komplexer wurden und mehr pure Macht erforderten – zeichnete sich langsam aber sicher ein Trend ab. Matreus lernt die Zauber schneller, führt sie besser aus, und hält sie länger durch. Zunächst ist Jonas Leistungsabstand zu ihm noch gering gewesen (und wenn man nur Zanrelot zuhört und seine beiden Schüler und ihre Leistungen nicht einsehen kann, konnte man wohl meinen, dass Jona sich viel besser schlägt – ihn lobt Zanrelot nämlich stets mehr, schon immer, egal ob er exakt dasselbe macht wie Matreus oder nicht), doch er wird immer größer. Und dennoch lobt Zanrelot ihn weiter… drückt manchmal auch Ungeduld mit ihm aus, nun häufiger als früher, aber lobt Matreus nie mehr egal wie viel besser er abschließt.

(Jona hat das früher immer hinterfragt, was Matreus sich nie getraut hätte und wofür er ihm immer dankbar bleiben wird. Jetzt fragt er nicht mehr so oft… Matreus vermutet, dass er zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, und nimmt es ihm nicht übel. Auch wenn es ein wenig wehtut.)

Inzwischen lässt es sich einfach nicht mehr von der Hand weisen: Von ihnen beiden hat Matreus mehr Geschick, Ausdauer und wahrscheinlich auch mehr pure Macht; kurz, mehr Talent, mehr Potential. Und das nagt offensichtlich an Jona. Wie sehr aber ist Matreus nicht völlig klar, bis ihn sein Cousin eines Tages unvermittelt anspricht.

"Könntest du… mir einen großen Dienst erweisen?" Jona wirkt irgendwie unsicher, das merkt Matreus allein schon an seiner Ausdrucksweise – so förmlich spricht er nur vor den Ältesten, und, wenn er nervös um etwas ist.

"Sicher, worum geht es?", antwortet Matreus leicht. Dass er ihm sowieso nichts entsagen würde, hinterfragt er nicht.

"Kannst du mir vielleicht…" Was auch immer Jona sagen will scheint ihn wirklich zu belasten. Matreus richtet sich auf ein längeres Gespräch ein und stellt sich entspannter hin. Gibt ihm Zeit. Unvermittelt sieht Jona ihm direkt in die Augen, Mut gefasst. "Kannst du mir ein paar zusätzliche Magielektionen geben? Ich bin jetzt fast einen ganze Kategorie hinter dir, und -"

Matreus hat genug gehört. Er hebt die Hand, um Jonas nervösen Wortfluss zu stoppen. "Wenn's nichts weiter ist! Sicher. Jetzt? Später?"

Es ist fast traurig, anzusehen, wie erleichtert Jona daraufhin wirkt. Seine doch sehr spontane Entscheidung, zuzusagen, könnte Matreus nichteinmal bereuen wenn er es wollte. "Gerne jetzt, wenn du Zeit hast…?"

Hat er. Nichts ist wichtiger als seiner Familie zu helfen, nicht wahr?

Und so gehen sie an einen der vielen Orte, die sie aus Kindertagen kennen – weit genug weg vom Dorf um nicht gesehen zu werden, nah genug, um im Zweifelsfall schnell zurückkehren zu können. Und üben, stundenlang.

Ohne nennenswertes Ergebnis.

Jonas Enttäuschung wahrnehmend, schlägt Matreus sofort eine Wiederholung am nächsten Tag vor. Es scheint ein wasserdichter Plan.

Bloß vergehen Wochen, und Jona verbessert sich nicht wirklich. Und irgendwann… müssen sie sich das eingestehen. Sogar unter Matreus' geduldiger Anleitung – gut, die Geduld in Person ist er nicht gerade, aber im Vergleich zu Zanrelot ist er fast ein Heiliger (und Jona würde er niemals anschreien, niemals) – kann er es einfach nicht besser. Vielleicht ist er dazu schlicht nicht in der Lage. Vielleicht entwickelt er das noch, bis er zwanzig oder Mitte zwanzig ist… vielleicht aber auch nicht.

Sie sitzen unter der alten Eiche, als Matreus sich endlich traut, es offen anzusprechen.

"Weißt du… es muss ja nicht jeder ein fantastischer Magier werden!" Jona sieht ihn nur halb an, müde, mehr als skeptisch. Doch Matreus lässt sich nicht verunsichern. "Was willst du eigentlich?"

Die Frage überrascht Jona. "Alles, was mein Vater mir je beigebracht hat -"

"Papperlapapp, vergiss den alten Herrn mal. Was willst du." Matreus ist es wichtig, dass Jona diese Unterscheidung versteht. Er hat seinen Lebtag unter Zanrelots Regeln gelebt, versucht so zu sein, wie sein Vater es will… Matreus mochte das noch nie sehr leiden, und das verschafft ihm nun die Außenperspektive, die Jona so offenkundig braucht.


Matreus ist erfreut, zu sehen, dass er wirklich über seine Antwort nachdenkt.

Nach einer längeren Pause versucht er sich.

"Ich habe mich schon immer für… Geschichte interessiert… historische Texte und so."

Obwohl das eine schöne Antwort ist (und ehrlich gesagt auch kohärenter, als Matreus er erwartet hat), kann er nicht anders, als ihn etwas dafür zu foppen. "Na klar, so'n Spießer wie du", scherzt er und knufft Jona in die Seite.

"Draufgänger." Er sagt es mit einem Schmunzeln, dem ersten Lächeln das er an diesem Tag zeigt, und Matreus weiß, dass er alles richtig gemacht hat.

"Langweiler!" Der Schlagabtausch ist altvertraut und angenehm, wie ein Gewicht, das von beiden abfällt. Einen Moment herrscht Stille. "Aber damit lässt sich doch etwas machen, oder? Ich mein's ernst. Mit Büchern und Geschichte und so... da gibt's doch sicher 'ne Schule für! Und Onkel ist doch nicht arm."

Jona scheint unsicher. Als wolle er hoffen, und kann das Gefühl doch nicht ganz zulassen. "Meinst du wirklich…?"

"Na klar." Wie um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen, legt Matreus ihm einen Arm um die Schulter. Dann fällt ihm mit einem Mal etwas ein, das ihm wie ein schwerer Stein in den Magen sinkt. Er schluckt unvermittelt. "Aber…. wir werden uns doch noch sehen. Oder?" Versucht, sich die Angst nicht anmerken zu lassen.

Jona sieht ihn entgeistert an. "Natürlich, spinnst du? Wir sind unzertrennlich."

"Unzertrennlich?", fragt Matreus, zögerlich, überrumpelt.

"Na klar", lächelt Jona, breit und leicht und streckt ihm den kleinen Finger hin. "Ich schwöre. Unzertrennlich!"

Langsam breitet sich auch auf Matreus' Gesicht ein Lächeln aus. Er fühlt sich ganz warm, als ob alles richtig ist in diesem Moment. "Unzertrennlich!", bestätigt er triumphal, und hängt seinen kleinen Finger dran.

Das Leben geht weiter, Zanrelot hackt weiter auf Matreus und Jona herum nur auf verschiedene Weise, aber alles in allem sind die beiden Jungen zufrieden. Inzwischen sind sie junge Männer geworden. Nichts verändert sich, und doch alles. Sie haben auch Freunde unter den anderen Magiern, selbstverständlich. Und die jungen Leute in ihrem Dorf halten sowieso alle mehr oder weniger zusammen, und sei es nur aus Prinzip gegen die älteren – das hört mit dem Kindsein nicht automatisch auf. Doch sie sind sich immer gegenseitig am nächsten, verbringen die meiste Zeit zu zweit.

Wenn sie nicht vorher schon als unzertrennlich galten, tun sie es seit diesem Tag, seit ihrem Schwur.

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Jungs sind Jungs, schon damals. Diskutieren die schönsten Mädels im Dorf, Menschen und Magier gleichermaßen, und was sie mit ihnen machen würden, wenn sie nur könnten.

Jona hält nicht viel von solchen Gesprächen, irgendwas mit Sittlichkeit.

Matreus schnaubt und hört erst recht demonstrativ zu.

Es soll ja auch keiner merken, dass er keine Ahnung hatte, wovon alle reden. Frauen sind schön, meinetwegen, geschenkt. Aber ... so ein Kribbeln? Ein Bedürfnis, ihnen deutlich näher zu kommen, als es die Sittlichkeit eigentlich erlauben sollte? Hat er noch nie verspürt.

Er versteht schon grob, worum es geht. Aber das war's auch.

Bis eines nachts.....

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Er hat doch nur ein Bad nehmen wollen! Ein schönen kühles Mitternachtsbad im See, sehr wohltuend in den warmen Sommermonaten.

Aber dann ist Jona zuerst dagewesen. Und das hätte auch kein Problem sein sollen! Sie verbringen sowieso so absurd viel Zeit miteinander, es grenzt fast an ein Wunder dass sie noch nie zur selben Zeit gebadet haben. (Ein Wunder, oder die Tatsache, dass Jona ein sehr guter Schwimmer ist und Matreus partout nicht zugeben will, dass er selbst kaum schwimmen kann, und deshalb gemeinsame Wasseraktivitäten meist meidet… man weiß es nicht.) Wie dem auch sei, Matreus will grade aus dem Dickicht treten... als Jona seinen Kopf zurückwirft und sich noch eine Handvoll Wasser über die Brust laufen lässt.

Und mit einem Mal brennt irgendetwas bei Matreus durch.

Seine Ohren rauschen, sein Magen wird flau, er fühlt sich mit einem Mal so wackelig auf den Beinen, als müsste er gleich fallen. Und .... da ist noch etwas.

Etwas, das er sonst nur aus diffusen, halb-erinnerten Nachtträumen kennt. Oder das einfach so passiert, manchmal, aus dem nichts. Etwas... das er aus den Erzählungen der anderen Jungs kennt.

Etwas, das bis heute noch kein hübsches Mädchen bei ihm auszulösen vermocht hat.

Er tritt nicht aus dem Dickicht, sondern schleicht, sobald er seinen Beinen wieder einigermaßen trauen kann, auf dem schnellsten Weg nach Hause. Bleibt erst wieder stehen, als er den Hintereingang des Hauses erreicht hat.

Jona...... Jona.

Warum er???

Er ist doch kein hübsches Mädchen, keine elegante Dame, niemand, der so etwas in ihm auslösen sollte. Obwohl er wirklich schön ist....

Verflixt und zugenäht. Ist er etwa in Jona verliebt?

Wenn nur sein Herz nicht so rasen würde, und seine Ohren nicht so pochen. Und sein...

Verdammt.

Vielleicht muss er nur Dampf ablassen. Dann wird er die Welt sicher wieder klarer sehen.

Eine peinlich geringe Minutenzahl später weiß er, dass das ein frommer Wunsch war.

Der unmittelbare, brennend heiße Drang ist verschwunden, oder fast verschwunden. Aber die Wärme? Das Bedürfnis, Jona zu berühren, nicht nur aus praktischen Gründen oder jovial oder auf eine sonstwie unschuldige Weise? Das ist alles noch da. Er will…. er will…. Er kann beim besten Willen nicht sagen, oder auch nur denken, was er will. Wie das mit zwei Männern geht hatte ihm nie jemand erzählt. Er weiß nur, dass er es will.

Jona will.

Mehr als alles andere auf der Welt.

Wiederholt hämmert er sich die Hand gegen die Stirn. Warum ausgerechnet Jona?? Nicht nur hat er das falsche Geschlecht (bei dem bloßen Gedanken der Reaktionen der anderen Magier dreht sich sein Magen auf links), er ist auch noch... naja, quasi seine einzige Familie. Zanrelot, der alte Griesgram, zählt höchstens halb. Er kann es nicht riskieren, dass er von seinen Gefühlen erfährt und ihn nie wiedersehen will.

Denn das würde geschehen, da ist Matreus sich so sicher wie Tag und Nacht, Sonne und Mond, Himmel und Hölle existieren.

Matreus atmet noch ein paarmal tief durch, und spritzt sich Wasser aus der Regentonne ins Gesicht. Okay, eine Sache weiß er noch sicherer: dass er niemals mit Jona baden wird. Oder zumindest nicht in naher Zukunft. Vielleicht geht das ja doch vorbei… (Später, viele Lebensalter später, wird er reflektieren dass er wohl schon in diesem Moment wusste, dass es nie vorbeigehen wird.)

Und auf jeden Fall wird er etwas regelmäßiger.... nun ja. Nur für den Fall!

Er atmet weiter tief, tief und betont regelmäßig. Plan gefasst. Es muss ja keiner erfahren.

Nein - dieses Geheimnis wird er ins Grab nehmen.

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Was er nicht erwartet hat, sind die Qualen, die er fast zwei Jahre lang durchlebt, als ihr Dorf wenig später beginnt, einen regeren Kontakt zum Nachbardorf zu pflegen.

Zuvor hatten sie nur wenig Kontakt zu diesen Leuten, trieben manchmal Handel aber sonst nichts – nun ist der Verkehr aber sehr rege, Mitglieder beider Dorfgemeinschaften besuchen sich häufiger gegenseitig und tauschen Waren und Dienstleistungen aus. Ihr Dorf hat mehr Magier, das andere ist eher auf die Herstellung von Artefakten, Ausrüstung und Waffen spezialisiert. Die Kooperation liegt also eigentlich auf der Hand und bietet fast nichts außer Vorteilen.

Nur nicht für Matreus, denn der oberste Schmied – Hüter des ewigen Feuers, einer magischen Flamme die das einzige in ihrer Umgebung vorhandene Mittel, magische Waffen herzustellen, darstellt – des Nachbardorfes war kürzlich verstorben, und die Schmiede wird nun von seiner Tochter geführt. Seine Tochter Amalie, die zwar muskulöser ist als man(n) in der Regel will (so hört Matreus es immerhin die anderen Jungs kommentieren – er hat mehr oder weniger aufgegeben, vorzuschützen, dass er das beurteilen kann) aber dennoch schön, selbstbewusst und … beliebt. Und zwar nicht nur bei den Jungs, die gefühlt ständig allen möglichen Frauen hinterherschauen, sondern auch bei Jona.

Es fängt subtil an, Jona hat sich schließlich schon immer mit Frauen ebenso gut verstanden wie mit Männern, wenn er mit Amalie über Handelsinteressen redet oder vielleicht auch mal über anderes ist da noch nichts Verdächtiges daran. Und, so denkt Matreus, vielleicht gerade weil er ihr nicht so offensichtlich nacheifert wie manche andere verbringt Amalie am liebsten Zeit mit ihm, wenn sie im Dorf ist. Die ersten paar Monate lang lebt Matreus in seeliger Ruhe ob dieser beiden Annahmen. Doch irgendwann… irgendwann fangen sie an, gemeinsam zu verschwinden. Lächeln sich öfter an… stehen näher beieinander, wenn sie reden.

Und als Amalie eines Tages das eine oder andere über verschiedene Metallarten erzählt (Matreus hört schon eine Weile nicht mehr zu, das Thema hat ihn noch nie sonderlich interessiert), bemerkt Matreus, wie Jonas Augen funkeln als er sie anschaut und ihr (anscheinend) aufmerksam zuhört. So fröhlich, so…glücklich.

Es macht aus dem Verdacht auf einen einzigen Schlag grausame Realität, und fühlt sich an als wäre ihm ein ganzer Eisklumpen in den Magen gesunken. Herz zu Stein…nichts als dumpfer Schmerz. Reiß dich zusammen, schalt er sich fast sofort selbst, dir hätte er sowieso nie gehören können. Aber irgendwie ist das kein Trost, nichtmal ein bisschen. Es tut nur weh, weh, weh. Er sieht es jetzt schon vor sich: Wie Jona sie erst umwerben, ihr dann formell einen Antrag machen wird (wohl nicht mehr vor ihrem Vater, denn der ist ja tot…vielleicht beim Dorfvorsteher?), sie heiraten und mit ihr in ein Haus ziehen und Kinder haben wird –

Ein, aus. Tief atmen. Fast hätte Matreus vergessen, überhaupt Luft zu holen, und wenn er jetzt umkippt…das wäre ja noch die Krönung. Er entschuldigt sich, sagt irgendetwas das er selbst nicht richtig hört was er noch zu erledigen hat und geht weg. Ihm ist da egal, wie verdächtig das vielleicht wirkt, er braucht jetzt Luft. Platz. Zeit. (Wie besorgt Jona ihm nachschaut, bemerkt er nicht.)

Fast den ganzen Rest des Tages braucht er dafür, aber irgendwann schafft er es. Er überzeugt sich selbst davon, dass er sowieso dumm war, zu glauben, Jona würde ewig ungebunden bleiben und den Hauptteil seiner Zeit mit ihm verbringen. Quasi eine unendliche Limbo-Existenz, in der er sich einbilden konnte, sie wären so etwas wie –

Nein.

Ein dummer Traum, und einer, aus dem es schleunigst gilt aufzuwachen. Er muss schließlich funktionieren, und sich nichts anmerken lassen. Wenn er überhaupt eifersüchtig wirkt, dann muss es so rüberkommen, als sei auch er einfach an Amalie interessiert. Sollte nicht schwer sein – er müsste ja nur das Verhalten der anderen Jungs emulieren. Darin hat er mehr oder weniger viel Übung. Irgendwie wird es schon gehen.

Zwei quälende Jahre lang geht es dann irgendwie, und zu keinem Zeitpunkt verblasst sein Schmerz. Ok, wenn Amalie mal eine ganze Woche lang (oder, Herr im Himmel, sogar zwei!) nicht da ist, lässt er ein wenig nach. Aber dann sieht er sie wieder, meist neben Jona wie festgeklebt, und es tut genauso weh wie am ersten Tag. Die einzige echte Veränderung besteht darin, dass er geschafft hat, seine hin und wieder immernoch auftretende Luftnot besser zu überspielen. Er hat es auch nicht fertiggebracht, echtes Interesse an Amalie vorzutäuschen. Ein paar Mal hat er es probiert… einfach irgendeinen dreisten Spruch sagen, kann er doch sonst auch gut mit anderen Frauen, wenn er vor seinen Freunden normal cool wirken will. Aber Jonas Blick dabei (und sie ist wirklich fast nur in seiner Gesellschaft anzutreffen dieser Tage, es ist zum Mäusemelken!) lies ihn jedes Mal stolpern. Irgendwie verwirrt schaut er, aber auch… verletzlich. Nicht verletzt, verletzlich – als habe er ehrlich Angst vor… was auch immer er annimmt dass Matreus als nächstes tun würde.

Kurzum, er hört ziemlich schnell auf, Amalie anzusprechen.

Doch gerade, als er glaubt, für immer in seinem persönlichen Fegefeuer gefangen sein zu müssen, geschieht etwas völlig Unerwartetes. Eines Abends, als sie mal wieder zusammen unter der alten Eiche sitzen und über alles und nichts reden (und Matreus gegen seine schwarzen Gedanken ankämpft – wie lange wird er diese Zeit mit Jona noch haben? Ab wann wird er lieber abends lieber mit seiner Frau vor dem Kamin- nicht daran denken verdammt.), wird Jona unvermittelt ernst. "Du, Matreus… ich verrate dir jetzt etwas, was ist noch niemandem gesagt habe."

Das reißt den anderen effektiver als alles andere aus seinem Gedankenstrudel. Was für Jona wichtig ist, ist auch für ihn wichtig, immer. "Hm-mh?" Ein sorgfältig gewähltes Antwortgeräusch, das sowohl lässig als auch aufmerksam klingen soll. Jona wird es schon verstehen, da ist er sich sicher.

"Ich…habe Amalie verlassen." Der Satz verlässt ihn wie ein harter Luftstoß, in einem einzigen Ausatmen gesprochen, schnell, als ob ihm sonst der Mut versagen könnte. Matreus kann sekundenlang nur geschockt blinzeln. Was aber okay ist, denn Jona ist noch nicht fertig. "Ich werde sie nicht heiraten… ich kann es nicht." Das spricht er schon langsamer, mit mehr Überwindung und auch Schmerz, im Gesicht wie in der Stimme. Ein entfernter Teil von Matreus' Gehirn (der wohl letzte, der noch korrekt funktioniert) registriert dies. Der Rest kann schlicht nicht glauben, was er da hört.

"Aber…warum?", fragt er schließlich, das Einzige, was er in seiner völligen Verwirrung hervorbringt. Er ist sogar noch zu überrascht um sich zu freuen (und sowieso wäre seine Freude immerhin gedämpft ob Jonas offensichtlichem Leiden).

Jona seufzt, und sagt eine ganze Weile lang nichts. Dann irgendwann: "Ich glaube, wir passen einfach nicht zueinander. Nicht wirklich, weißt du?" Er sieht Matreus dabei an, zum ersten Mal seit Beginn dieses Gesprächsabschnitts. Er erwartet also wahrscheinlich eine Antwort. Matreus nickt stumpf. Jona schaut wieder weg und er muss gegen einen irrationalen Anflug von Enttäuschung ankämpfen. "Ich denke einfach, sie hat jemanden verdient, der sich wirklich auf Händen trägt und vergöttert. Nichts weniger als das hat sie verdient, auf keinen Fall." Die Sterne, die er inzwischen zu fixieren scheint, sind sichtlich unbeeindruckt von seiner leidenschaftlichen Erklärung. Matreus dagegen umso mehr.

Und verwirrt, vor allem ist er immernoch unglaublich verwirrt.

Jona glaubt…dass er Amalie nicht genug liebt, um sie zu heiraten???

Fast eine ganze Minute vergeht in völliger Stille zwischen ihnen, bis Matreus langsam wieder schaltet und realisiert, wie fantastisch das eigentlich ist. Also für ihn, für Jona ja offensichtlich weniger, weshalb noch einige weitere Sekunden vergehen in denen er sein bestes gibt, seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu bekommen – er darf seinen Freund jetzt nicht anstrahlen, während es um ein so sensibles Thema geht! Und überhaupt, nicht zu fröhlich wirken. Nein…Anteilnahme ist gefragt.

Matreus atmet noch einmal durch, arrangiert seine Gesichtsmuskeln angemessen, und versucht es.

"Also, wenn du das so meinst, dann…gut für dich!" Jona sieht ihn an, Matreus meint, den Beginn eines Stirnrunzelns in seinem Gesicht erkennen zu können. "Und für sie auch!", fügt er hastig hinzu. Jona sieht weg, jetzt aber mit einem leichten Lächeln um die Lippen. Viel besser.

Für Jona kann er sogar so tun, als ob er sich um Amalies Gefühle schert. Für Jona kann er fast alles.

"Wenn du dir sicher bist, dass das die richtige Entscheidung für dich – für euch beide – ist, dann stehe ich voll hinter dir." Ein guter Abschlusssatz, findet Matreus, etwas klischeehaft ja aber vollkommen wahr.

Und die Belohnung dafür erhält er auch auf dem Fuße, als Jona sich wieder zum ihm hindreht und zum ersten Mal in diesem Gespräch wirklich breit lächelt. "Danke", sagt er und es klingt tief und ehrlich. Matreus' Herz tanzt. "Den Beistand kann ich auf jeden Fall gebrauchen, wenn ich's Vater erzählen muss… der rechnet schließlich schon fest mit den Feierlichkeiten." Gegen Ende seines Satzes lächelt Jona nicht mehr, wahrscheinlich in Gedanken schon bei besagtem unangenehmen Gespräch, doch Matreus stockt noch einmal der Atem.

Er hat bis dato nicht gewusst, wie knapp er an der Katastrophe vorbeigeschlittert ist. Wenn die Hochzeit schon geplant war…! Es schaudert ihm, daran zu denken, also tut er es nicht länger. Stattdessen legt er einen Arm um Jonas Schultern und verspricht noch einmal: "Soll der Alte toben. Der liebt dich, der tut dir schon nichts. Und ich bin die ganze Zeit dabei, okay?"

Diese Worte gehen ihm leicht über die Lippen, fast ohne nachzudenken. Jedes einzelne eine völlige Selbstverständlichkeit in seiner Welt.

Und Jona lächelt wieder. Alles, was er will, ist das, realisiert Matreus in diesem Moment – Jona lächeln sehen, für immer. (Mehr kann er auch nicht haben, das weiß er. Und wenn er nur sein Lächeln haben kann, genau so, dann wird ihm auch das reichen.)

"Danke", sagt Jona nochmal, und dann sagen sie beide lange nichts mehr. Alles ist gut.

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Es ist beinahe ihr ganzes (gemeinsames) Leben her, und scheint doch wie gestern, dass sie sich geschworen haben, unzertrennlich zu sein. Fast vierunddreißig Jahre… Beide werden sie nun bald fünfzig (Matreus im Herbst, Jona schon im Sommer), auch wenn man es ihnen nicht ansieht denn wer Magie nur regelmäßig genug praktiziert, altert nicht, wenn er oder sie er nicht will.

Vierunddreißig Jahre, und Jona hat nie wieder ein Wort darüber verloren, etwas anderes als Magier werden zu wollen.

Ehrlich gesagt, Matreus kann es verstehen; Zanrelot wäre sicherlich außer sich vor Wut. Er ist inzwischen zum obersten Magister aufgestiegen (der alte ist wohl irgendwann schrullig geworden, und hat versehentlich giftige Kräuter gepflückt und gegessen… das Dorf hat eine Woche lang getrauert, dann aber rasch seinen Zweiten vereidigt und hochgelobt). Sicher will er, dass Jona sein Zweiter wird, und ihm irgendwann als oberster Magister nachfolgt. (Obwohl er weiß, dass es seine Jugend ist, die da spricht, kann Matreus sich schwer vorstellen, dass Zanrelot jemals stirbt. Einfach dieser kindliche Instinkt von 'die Erwachsenen, die schon immer da waren, werden auch immer da sein'. Und das, obgleich er es wirklich besser weiß… oder vielleicht gerade deshalb. Wie sehr er Zanrelot auch oft nicht leiden mag, er will ihn nicht auch noch verlieren.)

Jedenfalls denkt Matreus nicht mehr oft daran, dass Jona ihr kleines Dorf verlassen und irgendwo anders studieren gehen könnte – aber er fragt sich, ob Jona überhaupt noch daran denkt. Es geht rapide auf seinen Geburtstag zu, und Zanrelot ist sogar schon dazu übergegangen, ihn weniger zu kritisieren; einmal mehr seine Willkür beweisend, denn er hat Matreus nie nach seiner Leistung beurteilt und tut es auch nun nicht mit Jona, der immernoch weit hinter Matreus steht. Er bevorzugt seinen leiblichen Sohn einfach, und Matreus hat damit schon vor langer Zeit seinen (nur leicht zerknirschten) Frieden gefunden.

Am Tag vor Jonas fünfzigstem Geburtstag muss er sich das nicht mehr fragen.

Jona war den ganzen Abend nirgendwo aufzufinden, doch als die Dämmerung schließlich hereinbricht (spät, es ist schließlich Hochsommer), erscheint er wie aus den Nichts an Matreus' Seite, mit einem großen Beutel in der Hand und einem gehetzten Blick in den Augen.

"Hast du einen Moment? Bitte folge mir unauffällig."

Er braucht offensichtlich mehr als einen Moment, aber zum Glück scheint er nichts Verdächtiges daran zu finden, dass Matreus ihm folgt als hätte er keinen anderen Lebensinhalt. (Das ist ja auch nicht wahr… ehrlich nicht!)

Wider Erwarten dirigiert ihn Jona nicht zur alten Eiche, sondern tiefer und tiefer in den Wald hinein. Erst auf einer Lichtung fast eine halbe Stunde Fußweg vom Dorfrand entfernt kommt er zum Stehen.

Matreus will einen Witz darüber machen, wie das Ganze jetzt schon mehr als 'einen Moment' dauert, aber der Humor will ihm nicht so recht über die Lippen ob des angespannten Ausdrucks ins Jonas Gesicht.

"Matreus", beginnt Jona, "Weiß du noch, wie du mir gesagt hast, ich solle einfach auf eine Schule gehen und etwas anderes lernen als Magie?"

Er hat es eigentlich erwartet. Eigentlich ist das jetzt nichts unerwartetes, dürfte nichts unerwartetes sein. Rational weiß Matreus das. Nun aber, in der Situation angekommen, und mit Blick auf Jonas Heimlichtuerei und dem Beutel in seiner Hand, schnüren sich ihm Magen und Kehle zusammen bis er kein einziges Wort mehr herausbringen kann, und so nickt er bloß stumm auf die Frage, als die Stille sich zu lange hinzieht.

"Nun… ich habe versucht, mit Vater darüber zu reden. Doch er hat mich nur völlig entgeistert angesehen, und als ich nicht aufgab, wurde er hart wie Stein. Du weißt, wie er manchmal ist, oder?" Diesmal scheint Jona nicht auf eine Antwort zu warten, aber Matreus nickt dennoch; er weiß es genau. "Sagte nein, und dass ich nie wieder so etwas auch nur denken sollte. Also habe ich wieder gefragt." Jona schluckt, scheint sich einen Moment lang zu sammeln. "Aber ich habe nicht aufgegeben, nach einer Schule zu suchen, die mir immerhin theoretisch passen würde. Habe mich bei Reisenden umgehört, unter der Hand gezahlt für weitere Nachforschungen und Fragen. Und habe schließlich eine gefunden." Eine letzte kurze Pause, als Jona offenbar alle Kraft zusammennimmt, um Matreus in die Augen zu sehen. "In Dänemark."

Für ein paar Sekunden hängen die Worte zwischen ihnen in der Schwebe. Zunächst kann Matreus diese Ortsangabe gar nicht zuordnen, so eine Stadt kennt er nicht – bis er sich erinnert, natürlich, es ist keine Stadt. Es ist ein Land. Und damit verdammt, verdammt weit weg.

Während er gegen das stumpfe Rauschen, das sich mit einem Mal in seinem Kopf breitmacht, anblinzelt, kann Jona die Stille bald nicht mehr ertragen. "Sieh es doch so, dass die so weit weg ist ist auch gut, oder? Vater wird mich sicher nicht bis dahin verfolgen, so 'heimatverbunden' wie er ist." Jona verdreht die Augen, als er das Wort sagt, und schnaubt verächtlich. "Ich müsste wahrscheinlich eine Art Sprachkurs machen, und wo ich dort wohnen würde ist auch noch unklar, aber das wird schon gehen… Es heißt, sie lassen Studenten dort in der Nähe der Lehrräume übernachten gegen verhältnismäßig wenig Geld! Und die Schule bietet auch eine weitergehende magische Grundbildung neben Geschichte und Literaturstudien, das klingt doch gut findest du nicht -"

"Wann gehst du." Er sagt es nicht wie eine Frage, und beantwortet sie sich auch sofort selbst. "Du gehst noch heute, oder. Du hast schon gepackt." Eine ruckartige Kopfbewegung in Richtung des Beutel, den Jona so fest umklammert, mehr bringt Matreus nicht zur Stande. Er will nicht so hart klingen, so, als halte er unbändigen Zorn nur knapp zurück – wenn er sich noch unter Kontrolle hätte, wenn noch ein einziger rationaler Gedanke in ihm verlieben wäre hätte er sich Angst, Zanrelots groteskes Spiegelbild zu bilden. Aber er kann sich auf nichts konzentrieren, und immerhin, solange Jona glaubt, er halte Wut zurück, weiß er nicht dass es Tränen sind. So hat er sich das nicht vorgestellt, als er Jona vor all den Jahren ermutigt hat, zu gehen. Es fühlt sich wie an Abschied für immer an und er kann es nicht. Das schafft er nicht. Was das genau heißt, was er machen würde, wenn Jona wirklich geht, das weiß er nicht. Nur, dass er sich überwältigend schlimm anfühlt. Wie das Ende der Welt.

"Hör zu, Matreus, ich -" Jona sieht ihn an wie ein verwundetes Tier, doch auch das registriert er kaum.

"Was ist mit 'unzertrennlich'?!", schleudert er ihm entgegen. Seine eigene Stimme klingt fremd in seinen Ohren.

Jona dagegen wirkt zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs nicht mehr unsicher oder gehetzt, sondern ehrlich verwirrt. "Was ist mit 'unzertrennlich'...? Was soll denn damit sein! Ich studiere ein paar Jahre – bis zu zehn, heißt es, aber wenn man sich clever anstellt geht es wohl auch schneller – und dann komme ich wieder!" Ein Herzschlag vergeht, zwei, und als Matreus nicht reagiert schlagen seine Stimme und Gesichtsausdruck erneut um – zur regelrechter Verzweiflung. "Oh Matti, nein! Wein doch nicht!"

Weine ich? Matreus wischt sich über das Gesicht. Verdammt… Dann denkt er gar nichts mehr denn plötzlich umarmt Jona ihn, ganz fest. Der Beutel geht mit einem dumpfen Geräusch zu Boden und Matreus' Kopf rauscht.

"Ich komme zurück, ich würde dich niemals verlassen, okay? Denk nichtmal an sowas!!" Jona ist wieder ein Stück von ihm abgerückt, gerade weit genug, um seinen Kopf in beide Hände zu fassen und ihm eindringlich in die Augen zu sehen, während er spricht. Irrationalerweise fühlen sich sogar diese paar Zentimeter für Matreus wie ein physisches Leiden an. Sein ganzer Brustkorb schmerzt, schreit fast. Will den Kontakt zurück. Er braucht Jona. Er braucht ihn zum Leben.

"Jona..." Sie sind sich so nah. Sehen sich direkt in die Augen… und dann herab.

Bevor Matreus' Herz auch nur die Chance hat, ihm so richtig bis zum Hals zu klopfen, küsst Jona ihn schon.

Es ist, als explodierte etwas in Matreus' Brust. Eine Feuersbrunst wälzt sich von seinem Herzen aus über seinen ganzen Körper, wärmt ihn, brennt gar, erneuert ihn von Grund auf. Auf eine Weise hat er fünfzehn Jahre auf diesen Moment gewartet. Auf eine Weise hat er sein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet.

Doch kohärente, geschweige denn philosophische Gedankengänge wie dieser fallen ihm sekündlich schwerer. Wenn er zuvor dachte, er wüsste, wie sich Rauschen im Kopf anfühlt – er lag falsch. Alles ist ein einziges warmes Rauschen, er küsst Jona als könne er nie mehr damit aufhören und es wäre noch zu kurz.

Leider verlernen aber sogar scheinbar unsterbliche Magier ihren Atemreflex nicht, und irgendwann ist dann wieder ein wenig Platz zwischen ihnen. Aber nur ganz, ganz wenig, und es tut auch nicht mehr so weh wie zuvor. Jetzt, wo Matreus weiß, dass er jederzeit –

Moment.

Kann das wirklich sein? Darf er… dürfen sie das?

Etwas von seinen Zweifeln muss ihm ins Gesicht geschrieben stehen, denn klingt Jona wieder besorgt. "Hey, alles in Ordnung? War das…nicht gut?"

Er sieht so verunsichert aus und Matreus hasst alles daran. Rasch schüttelt er den Kopf, schluckt. Nein, das ist es nicht…

Fast augenblicklich hellt sich Jonas Stimmung wieder auf. "Oh gut, gut… Das wäre nämlich schlimm, denn…" Jetzt ist er erneut unsicher, wie zu Beginn dieses Gesprächs, vor ungefähr hundert Jahren. Fängt sich aber, wie immer, und fängt Matreus' Blick gleich mit. (Er ist so wunderschön, und so, so stark. Matreus wird sich bis zu seinem Tod nie an ihm sattsehen können.) "Ich liebe dich."

Auf einer Ebene treffen Matreus diese Worte. Senden eine neue Schockwelle in ihm aus, Wärme, Hitze, Licht so grell wie die Sonne in dieser schummrigen Sommernacht. Doch diese Ebene ist gerade nicht sehr aktiv, alles in ihm dreht sich um nur eine Sorge.

Er hat sich zu viele Jahre gefürchtet, um das so einfach abzulegen.

"Ist das nicht…falsch?" Er muss es wissen.

Doch Jona lacht nur. "Papperlapapp!", sagt er, und schon müssen sie beide lachen; ist das schließlich Matreus' Lieblingswort! "Wie kann Liebe falsch sein?" Jonas Augenwinkel kräuseln sich immernoch, der Schatten des Lachens, das erst einen Herzschlag zuvor endete, hat sein Gesicht noch nicht ganz verlassen. Seine Stimme aber ist vollkommen ernst, und seine Augen schwarz und tief, wie der unendliche Ozean.

Matreus wusste, als er seine Frage stellte, nicht, welche Antwort ihm genügen würde. Nun weiß er genau: Keine andere könnte es sein. Also küsst er Jona erneut, und lässt sich noch viel mehr von ihm erklären.

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Irgendwann liegen sie im Gras, lachen und halten sich an den Händen wie Kinder. Und das obwohl sie nichts ferner sein könnten. Oder? Matreus überlegt. Hat er sich seit seiner Kindheit je einmal so leicht gefühlt?

"Das hätte ich schon viel früher machen sollen", sagt Jona plötzlich. Sieht ihn an, und muss schon wieder lachen. Er fühlt sich wahrscheinlich genauso leicht. Matreus hofft so sehr, dass er sich genauso leicht fühlt.

"Ja, vor 15 Jahren", erwidert er ohne nachzudenken. In der Stille, die folgt, überlegt er, ob er einen Zauber kennt mit dem man im Boden versinken kann.

"Was?"

Leider ist ihm keiner eingefallen. "Ach, nichts…"

So leicht ist Jona leider nicht zu beschwichtigen. Er scheint wirklich angestrengt nachzudenken, was Matreus meinen könnte. Zum Glück kann er die Wahrheit nicht kennen… "Ach, wegen Amalie?"

Was? "Was? Ach, ne…" Sofort will Matreus sich ohrfeigen. Warum antwortet er eigentlich so instinktiv und schrecklich ehrlich? Was ist mit ihm passiert? Naja okay, was wohl…

Dieser Gedanke bringt ihn aber auf einen neuen. Wenn er sich nicht auf ein vernünftiges, nicht-schrecklich-peinliches Gespräch konzentrieren kann... kann er immerhin Jonas Fähigkeit dazu ebenfalls blockieren!

Gedacht, getan, geküsst. Und so liegen sie da, vielleicht eine Stunde nach der Position des Mondes zu urteilen aber ein ganzes Leben in ihren Herzen.

Am Ende muss Jona leider trotzdem fort, und es tut Matreus trotzdem schrecklich weh, ihn gehen zu sehen (sie haben nicht mehr viel darüber gesprochen, Jona hat es noch ein paarmal versucht aber Matreus hat abgeblockt, wollte im Augenblick leben, ihrem Augenblick). Doch nun hat er eine Perspektive, eine Vorstellung davon was ihn erwartet, in zehn-oder-weniger Jahren. Wenn Jona wieder da ist und voller Geschichten, Freude und Liebe. Liebe…

"Ich liebe dich auch", sagt Matreus, als sie sich wider Willen sammeln und aufstehen. Es sollte wirklich klar sein, aber er muss es sagen. Eigentlich weiß er nicht, wie er geschafft hat, es noch nicht zu sagen. Und endlich kann er es...

Jonas Blick in diesem Moment wird er nicht vergessen, bis er stirbt.

Noch einmal küsst er Matreus, so leidenschaftlich, dass es sich anfühlt als müssten sie verschmelzen. Die Regeln der Natur sollten es nicht anders zulassen. Doch vielleicht ist Gott doch so grausam und erbarmungslos, wie Zanrelot manchmal unkt, denn nichts hält Jona auf als er sich wieder von ihm trennt.

"Es ist nur vorrübergehend", sagt Jona, seine Stimme rau. Im Mondlicht sieht Matreus Tränen in seinen Augen schwimmen, die ersten an diesem Abend. Ich will nicht in einer Welt leben, die selbst Jona zum Weinen bringt, denkt er, doch er weiß, er kann nichts dagegen tun. "Wir sind und bleiben unzertrennlich. Okay? Ich komme wieder."

Erneut versagt Matreus Stimme, er hat aufgehört zu zählen, zum wievielten Male schon. Er nickt. "Unzertrennlich", bringt er noch hervor. Auch in seinen Augen beginnen sich Tränen zu sammeln, überzulaufen.

Jona umarmt ihn noch einmal, er kann wohl nicht anders. Matreus zieht kurz ihn Erwägung, ihn zu verzaubern, oder ihn vielleicht einfach für immer festzuhalten. In purer physischer Kraft unterscheiden sie sich nicht sehr, aber ersteres…

Nein, das könnte er ihm nie antun. Natürlich nicht.

Er lässt ihn los und sieht ihm nach, bis er nur noch ein weißer Fleck zwischen den Ästen ist und dann fort.

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Der Papierkalender an der Wand schreibt das Jahr 2006, als Leonie besorgt nach den anderen ruft. Jona sitzt an ihrem Küchentisch, das Radio läuft und er heult sich die Seele aus dem Leib.

Als er die Kinder bemerkt, die sich um ihn sammeln, versucht er sich zusammenzureißen und sie zu beschwichtigen. Doch Karo lässt ihm das nicht durchgehen.

"Etwas ist passiert. Du wirst uns sagen, was." Ihre Stimme duldet keinen Widerspruch. Sie versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass Jonas Zustand sie ehrlich beunruhigt. Egal was passiert ist, über die Jahre, nie hat sie ihn so aufgelöst gesehen.

Und zu allem Überfluss weicht er weiter aus! "Nichts ist passiert", sagt er mit einem müden Lächeln. Es erreicht seine Augen nicht. "Schaut", wendet er sich auch an die anderen, "ich kam eigentlich her um im Garten -"

"Hast du ein trauriges Lied gehört?" Das ist Leonie. Karo sieht sie anerkennend an – das ist in der Tat keine schlechte Theorie, auf die auch 'nichts ist passiert' passen würde!

Jona kann sein Lächeln nicht aufrechterhalten, aber er müht sich sichtlich, es wieder aufzusetzen. "Ja", sagt er, "das habe ich. Wirklich, es ist nichts, worum ihr euch sorgen müsst." Erneut versucht er, aufzustehen.

Erneut lässt Karo ihn nicht.

"Bitte", sagt er. Bricht ab. Versucht, die richtigen Worte zu finden. "Es ist nichts, worum ihr euch sorgen müsst." Leiser fügt er an: "Nichts, womit ihr mir helfen könnt."

"Papperlapapp", meint Pinkas, Arme selbstbewusst verschrenkt. "Natürlich können wir dir helfen!" Die anderen nicken zustimmend. Dann geschieht etwas sehr seltsames.

Jona blinzelt... und fängt an, zu lachen. Nass zu lachen. Innerhalb kürzester Zeit weint er wieder, und scheint sich diesmal gar nicht beruhigen zu wollen. Die Kinder können nur starr und hilflos danebenstehen, das bizarre Verhalten ihres Mentors ein einziges Rätsel für sie.

Eine unbestimmbare Zeit später, den Kopf immernoch in seinen Armen vergraben, beginnt Jona zu sprechen. Durch seinen Körper und die Tischplatte ist es gedämpft, aber dennoch laut genug, dass sie ihn alle verstehen. "Es ist Matreus."

Eigentlich wollte sie ihn ausreden lassen, wirklich, aber Karo kann schon jetzt nicht an sich halten. "Dieser Bastard! Was hat es diesmal gemacht?!"

Da hebt Jona den Kopf. Und der Blick, den er ihr aus roten Augen entgegenschickt, ist so leer, dass ihr der Atem stockt. Jona sieht aus... er sieht aus... Vielleicht zum ersten Mal sieht er so alt aus, wie die Kinder immer Schwierigkeiten hatten zu glauben, dass er wirklich ist. Jahrhunderte.

Kein Mensch mehr. Ein Wiedergänger.

"Er war gut zu mir. Das hat er getan. Er war..." Er bricht ab, holt Atem und stößt ihn aus. Kein Lachen, nur ein einziger, nasser Ton. Ein Geräusch, das kalt erschaudern lässt. "Er war mein bester Freund. Mein... alles. Ich habe ihn geliebt." Leiser: "Ich liebe ihn."

Und dann erzählt er ihnen die ganze Geschichte.

Erzählt, wie Matreus' Eltern damals mit ihm aus Polen kamen, dass er einen Akzent hatte, jahrzehntelang bis er sich schließlich verlor. Wie sie zusammen Magie lernten, wieviel Spaß sie hatten. Dass Zanrelot ihn adoptierte, nachdem seine Eltern starben, so unvermittelt und unter zweifelhaften Umständen, dass es wahrscheinlich auch Zanrelot war. "Hätte ihm bestimmt ganz recht gepasst, das Kind zweier guter Magier auch noch unter seiner Fuchtel. Und wer weiß... meine Mutter, seine Frau, hat er wahrscheinlich auch noch auf dem Gewissen." Beides sagt Jona so beiläufig, eher verächtlich als verbittert, dass es den Kinder die Stimme verschlägt. Sie können nichts erwidern, ihn nur anstarren. Trotz allem, so hat er über Zanrelot noch nie geredet.

Und so oft, wie sie schaffen, ihn aufzuhalten, ist es auch leicht zu vergessen, dass er auch manchmal gewinnt. Dass er ein Mörder ist.

Ungeachtet der Emotionen, die er aufgewühlt hat, fährt Jona fort. Es scheint fast, als müsse er nun reden, als könne er nicht aufhören selbst wenn er es wollte.

Er erzählt, wie er und Matreus sich geschworen haben, unzertrennlich zu sein. Dass sie sich geliebt haben…. aber nur einmal wirklich glücklich und zusammen waren, kurz bevor er, Jona, das Land verließ, um zu studieren. Dann stockt sein Wortfluss wieder.

Und ehe sie sich es versehen, weint er erneut, und weint und weint, kriegt die nächsten Worte kaum heraus.

Sagt dass er sich nicht erinnern kann, wann er sich in Matreus verliebt hat, dass er das Gefühl hat, er gehöre wohl schon immer zu ihm. Sagt, dass Matreus ihn auch schon lange liebt. (Stockt da, und sieht in die Ferne, mit einem kleinen Lächeln.) Wird wieder ernst, sagt, dass er versucht hat, mit Matreus zu reden. Dass es nie etwas gebracht hat außer einem Wutanfall. Dass sie sich irgendwann nur noch trafen…aber nicht viel sprachen. (Otti bekommt da große Augen, sieht zu Pinkas hinüber – aber der registriert es nicht, runzelt nur die Stirn. Schluckt und schüttelt den Gedanken ab.)

Und Jona weint noch immer, bringt schließlich hervor, dass er Matreus im Stich gelassen hat. Mit Zanrelot allein gelassen hat.

"Einzelheiten habe ich aus ihm nie herausbekommen, nur so viel – dass Zanrelot furchtbar, furchtbar zornig wurde, als ihm klar wurde, dass ich fort war und so bald nicht wiederkommen würde. Und als er dann auch noch erfuhr, dass Matreus davon gewusst hatte….. er wusste nichteinmal, dass er mich sogar ermutigt hat. Nur, dass wir uns in der Nacht zuvor noch gesehen hatten, und er spätestens ab da Bescheid wusste. Das genügte. Er wurde schrecklich, schrecklich wütend auf Matreus, und lies diesen Zorn lange an ihm aus – und nicht nur an ihm. Am ganzen Dorf. Sagte wieder und wieder, er hätte mich aufhalten sollen, wie KONNTE er nur, er hat meine Zukunft ruiniert. Die Zukunft unserer Familie. Die Zukunft des Dorfes – nein, der ganzen WELT. Er wütete so lange, dass Matreus ihn schließlich anflehte – sagte er würde alles, alles tun, nur damit er aufhörte. Daraufhin vereidigte Zanrelot ihn als seinen neuen Sohn und Nachfolger. Und…den Rest kennt ihr ja. Er korrumpierte ihn, bis er nun glaubt, er täte all dies freiwillig. Und als der Hohe Rat endlich einschritt und Zanrelot in die Zwischenwelt verbannte – ich hoffte wirklich, da würde er aufwachen. Aber er folgte ihm, freiwillig." Jona flüstert das Wort nochmal, voller Abscheu. "Freiwillig." Scheint sich sammeln zu müssen. "Teile dieser Geschehnisse habe ich mir auch nur zusammengereimt. Aus den letzten Zuckungen Menschlichkeit in seinen Augen." Eine Pause. Jonas Augen sind klein und hart und starren ins Nichts. "Er glaubt jetzt fest, dass er das alles so will und es so Recht ist. Und alles nur, weil ich ihn damals alleingelassen habe…." Er fängt wieder an, zu weinen, ganz still diesmal. Er wirkt, als habe er keine Ahnung, was er sonst tun kann.

Leonie ist die erste, die hingeht und ihn umarmt. Bald tun es alle. Sogar Pinkas, der sowas nicht oft macht, und Otti, der immernoch nicht weiß, was er von der Situation wirklich halten soll. Dass sein Mentor offenbar schwul ist..? hat ihn zwar zuerst überrascht/irritiert, er hat aber (natürlich!) kein Problem damit. Dass er aber nun ausgerechnet Matreus liebt... (Und das nicht gerade keusch- nein. Nicht drüber nachdenken.) Niemand von ihnen hat Matreus als irgendetwas außer böse kennengelernt. Sadistisch, fast. Man kann ihm den Spaß am Schurkensein regelrecht aus den lachenden Augen ablesen, um Himmels Willen! Und das soll alles einer Manipulation geschuldet sein? Er in Wahrheit das Opfer? Er hat versucht, sie umzubringen... Otti kann er einfach nicht recht glauben. Ebensowenig jedoch kann er Jonas ehrlichen Schmerz leugnen, und sie alle vertrauen Jona aufs Wort, natürlich tun sie das.

Irgendwann räuspert sich Karo. "Das war nicht deine Schuld."

"Genau! Es war seine Entscheidung", nickt Pinkas.

Das war offensichtlich der falsche Ansatz. Jonas Augen verdunkeln sich. "Nein." Seine Stimme zittert noch immer leicht, doch nun scheint Stahl darunter durch. "Matreus ist kein Monster. Er wollte nie eines sein. Er" Jona bricht ab, fasst sich an den Kopf "er mochte Zanrelot noch nicht einmal wirklich! Er hat sich nicht eines Tages gesagt, och, es gibt keine besseren Jobs gerade, werde ich Lakai eines Teufelsjüngers!!" Hysterie schleicht sich in seine Stimme.

Pinkas ist verunsicht. So … dunkel haben die Kinder Jona zwar schon mal erlebt, aber selten. Und dass er es jetzt Matreus verteidigt...

Zur seiner Erleichterung ergreift Karo erneut das Wort. "Aber dann ist es doch wie du es sagst. Du hättest das alles unmöglich ahnen können. Wenn du doch meintest, ihr hattet keine Ahnung von Zanrelots...Machenschaften." Ihre Mimik droht, ihre Unsicherheit zu entlarven, doch sie bleibt standhaft bei ihrem Punkt. "Du bist nicht schuld."

Gegen Ende hat sich Jonas Blick wieder völlig gewandelt – fast liebevoll ist er nun. Aber auf eine Weise, das wissen sie alle, die Erwachsene haben, wenn sie ein Kind niedlich finden... nur eben auch sehr kindlich. Naiv. Jona seufzt und sagt: "Ich kannte meinen Vater mein ganzes Leben lang. Was ich eben sagt, über meine Mutter und meine Tante und meinen Onkel – das meinte ich so. Viele, die Zanrelot in irgendeiner Weise im Weg standen, verschwanden oder verstarben. Wer ihn störte oder seine Karriere behinderte... Je länger ich im Nachinein darüber nachdenke, desto weniger kann ich mich erinnern, dass nur eine Person ein dauerhaftes Problem für ihn dargestellt hat. Er hat immer alle kontrolliert. Und er war auch nie wirklich nett... Strenge in der Kindererziehung war damals normal, aber er war wirklich unerbittlich. Und Matreus... Matreus mochte ihn nie. Hatte teilweise fast Angst vor ihm." Er schluckt, verzieht das Gesicht. Weint nicht wieder, hält aber keinen Augenkontakt mehr und starrt stattdessen die Tischplatte an, als wolle er sie durchbohren. "Hätte ich bloß erkannt, dass er wirklich Angst vor meinem Vater hatte. Wie er am Abend bevor ich ging nicht über Details reden wollte... fast als sei es besser, wenn er nichts weiß. Keine Ahnung ob das wirklich der Grund war, aber ich habe keinen Moment lang darüber nachgedacht. Ich habe nur an mich gedacht." Leise, wie zu sich selbst, voller Hass. "Mich habe ich da rausgeholt. Ich fühlte mich von meinem Vater eingeengt, und fürchtete seine Strafe. Ich bin also gegangen. Und ihn habe ich mit dem Tyrannen alleingelassen."

Dabei bleibt er, und davon können sie ihn nicht mehr abbringen. Er hätte es wissen, hätte es ahnen müssen; nicht aus allen Wolken fallen dürfen, als er nach acht Jahren Studium wiederkehrte und das Dorf nur noch verwüstet und verlassen vorfand. Vollendete Tatsachen: Zanrelot hat sein wahres Gesicht gezeigt, hat ihn aufgegeben und sich Matreus einverleibt. Seine Seele erst gebrochen, dann gestohlen, und behalten. Er ist viel zu naiv gewesen und der liebste Mensch in seinem Leben hat dafür bezahlt.

Viele andere auch, denkt Otti, und vermutet, dass die anderen auch so denken. Doch niemand spricht es aus, und das kann er auch verstehen. Vielleicht morgen. Vielleicht nie. In diesem Moment, an diesem Tag, sind sie sich einig: Jona hat genug geweint.

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In Zanrelots Worten: Alles in ihrem Leben hat zu diesem Punkt geführt. Der ultimative Kampf, Gut gegen Böse, Erde gegen Unterwelt. Die elendigen Wächter-Blagen und die alte Hexe sind außer Gefecht gesetzt, weit weg.

Jetzt und hier gibt es nur noch Matreus und Jona, die helle und die dunkle Macht, hoch über den Dächern Hamburgs. Und Zanrelot, der ihnen stehts zusieht, von unten herauf. Aber das gehört schon so lange so integral zu ihrem Leben, dass Matreus ihn kaum noch wahrnimmt. Was gut ist, denn dieser Kampf ist vielleicht härter als jeder andere zuvor, erfordert mehr Kraft, Entschlossenheit und Fokus als alle anderen.

Pure Magie prallt hier aufeinander – irgendwann einmal sind dieeriesigen Lichtklingen, die sie schwingen, richtige Waffen gewesen. Aus Metall und all dem. Aber das ist lange her; jetzt bestehen sie nur noch aus Energie, und sind lediglich mittels eines aufwändigen Rituals in die Realität und (an die) Hand zu bekommen.

Sie kämpfen und kämpfen, und zu Beginn fühlt es sich noch fast spielerisch an, wie freundschaftliches Fechten; nur das der kleinste Fehler nicht einen Punkteverlust, sondern potentiell den sicheren Tod bedeuten kann. Doch irgendwann scheppern ihre Klingen aufeinander, mit einem dumpfen Surren das durch alle Knochen geht, und sie entscheiden beide im selben Moment: Das ist es. Keiner ist gewillt, nachzugeben und derjenige zu sein, der wieder ausholt.

Wer jetzt nachgibt, stirbt.

Eine Minute und eine Ewigkeit halten sie sich die Waage.

Fast, fast, fast.....

Langsam aber sicher gewinnt Jona die Oberhand. Verschwitzt, erschöpft, verzweifelt, halten Matreus' Arme einfach irgendwann nicht mehr durch.

Und in der Sekunde, in der er durchbricht, in der Millisekunde bevor er Matreus glatt geköpft hätte, löscht er sein Licht.

Beide landen. Sehen sich an.

Die Stille hält nicht lange vor.

"Dein Ernst?!!?", blafft Matreus. "TÖTE MICH!!!"

Jonas Atem geht schwer, genau wie seiner, aber seine Augen weiten sich ob der Vehemenz, mit der der andere diesen Akt einfordert.

Er holt tief Luft. (Als würde ihm das helfen. Als würde ein winziges bisschen mehr Luft in der Lunge, ein paar Zentimeter mehr Brustumfang, ein etwas ruhigerer Atem, ihm mit irgendetwas helfen.)

"Nein."

Nur das sagt er, nichts anderes. Ball bei dir.

Matreus ist entgeistert.

"Wie? Was? Was nein! Du hast gewonnen! Ich werde nie aufhören. Niemals." Sein Blick wird gefährlich, sein Atem wird langsam ruhiger, kontrollierter. Er will Jona provozieren, soviel scheint klar, nur warum? Will er sterben? "Das Böse ist unendlich. Wenn du mich jetzt nicht dahinraffst, Herr Pazifist, hast du das Schicksal dieser Stadt besiegelt."

Das Funkeln in seinen Augen interpretiert Jona als Zorn, auch wenn er es auf diese Entfernung unmöglich sicher sagen kann. Er muss unwillkürlich an die täuschend ruhig Oberfläche eines tiefen Ozeans denken, voller Gefahren ja aber auch voller Wunder. Stehen Matreus Tränen in den Augen? Er kann es unmöglich sagen.

"Ich werde dich nicht töten." sagt Jona, mit einer Ruhe, die ihn selbst fast überrascht. "Niemals."

Matreus scheint für einen kurzen Augenblick wirklich aus dem Konzept gebracht, aber er sammelt sich wieder.

"Gut, dann hast du dein Schicksal gewählt. Einer von uns stirbt heute."

Sagt es, reaktiviert sein Licht, und hebt die Klinge.

Jona macht keine Anstalten sich zu rühren.

Matreus hebt die Klinge, hoch, hoch, zielt genau... und stoppt.

"Ernsthaft? Du wirst dich nicht wehren??"

"Nein", sagt Jona. Unvermittelt kämpft er gegen den Impuls, Tränen wegzublinzeln, aber seine Stimme zittert nur ganz leicht. "Wenn du mich wirklich töten willst. Wenn du wirklich so weit bist, dass du das tun würdest. Dann", er schluckt, "dann will ich sterben."

Matreus' Blick ist undefinierbar.

"Bitte", sagt Jona, und weiß selbst nicht, warum. Es klingt ein wenig wie 'bitte mach dass es aufhört.' Ein wenig wie 'bitte töte mich schnell.'

Matreus hat vielleicht wirklich Tränen in den Augen. Es ist immernoch schwer zu erkennen, erst Recht jetzt, wo Jona selbst nicht mehr klar sieht. Die Tränen laufen ihm bereits über die Wangen, aber er will nicht blinzeln, will nicht wegschauen. Matreus' Miene ist eisern, und sein ganzer Körper wie eine Bogensehne gespannt. Bis zum Zerreißen.

Seine linke Hand fängt ganz, ganz leicht an zu zittern. Er merkt es wahrscheinlich nicht einmal.

Er tut immernoch nichts, und Jona packt die Verzweiflung. Oder vielleicht der pure Wahnsinn. Oder vielleicht bloß der Schmerz, ein Schmerz, wie nur ein uraltes, gebrochenes Herz ihn fühlen kann.

"Wir wollten einmal unzertrennlich sein, weißt du das noch?", fragt er. "Unzertrennlich." Seine Stimme zittert jetzt auf jeden Fall. "Und wir waren es auch." Er schluckt wieder. "So lange ist es her, und doch vergeht kein Tag an dem ich nicht daran denke. Kein einziger Tag, Matti."

Als ob sie darauf gewartet hätten laufen die Tränen bei Matreus über, als er den Kosenamen hört. So hat ihn seit über vierhundert Jahren niemand mehr genannt. Das ist ein Spitzname für ein Kind, erinnert er sich gesagt zu haben. Und doch hat er nie wiedersprochen, als Jona ihn so nannte. Es klang einfach so...liebevoll.

Jonas Stimme wird fast unmerklich leiser. Eindringlicher. Fleht seine Erinnerungen an, vielleicht. "Ich wollte nie kämpfen. Das weißt du doch. Ich wollte auch nie besser sein als du. Ich wollte nur lesen, lernen. Leben. Mit dir zusammen sein."

Matreus zittert am ganzen Körper, nur die Klinge hält er geradenoch still.

Jona sieht auf einmal so müde aus. Schrecklich müde. Als wäre er nicht 459, sondern zehntausend Jahre alt.

"Wenn du das wirklich nicht mehr weißt... oder es nicht mehr willst....." Jona schluckt erneut. "Dann möchte ich sterben." Er sieht ihm direkt in die Augen, als er es endlich ausspricht. "Bitte", sagt er, und meint diesmal unmissverständlich 'bitte töte mich'.

Einen Moment lang, vielleicht eine Sekunde, vielleicht ein ganzes Erdenzeitalter, scheint das Universum still zu stehen.

Dann reißt Zanrelots Stimme die beiden jäh aus ihrer Trance.

(Sie haben gar nicht bemerkt, wie er an den Kampf herangetreten ist. Wenn man es noch einen Kampf nennen kann. Wann er aufgehört hat, einer zu sein, weiß keiner von ihnen so richtig.)

"Matreus!", ruft der dunkle Fürst, nichts als genervte Ungeduld in der Stimme. "Jetzt töte diesen Jämmerling endlich." Er wechselt kurz die Tonlage in düster, fast schon verheißerisch. "Verdiene dir deinen Platz an meiner Seite."

Jona würdigt seinen Vater keines Blickes. Das Letzte, was er auf Erden sehen will, ist Matreus. Er schließt die Augen.

An Matreus laufen die Tränen inzwischen frei herunter, sein ganzes Gesicht ist eine einzige Grimasse. Er ist auf absurde Weise froh, dass er mit dem Rücken zu seinem Meister steht. Dem würde dieses Zeichen von Schwäche so gar nicht gefallen.

"Diesmal wird es wirklich vorbei sein", fährt Zanrelot fort. Immernoch mit dieser... ja beinah verführerischen Stimme. "Dieser Zauber kann jedes Wesen zerstören, egal wie mächtig. Er steht nicht mehr auf." Er tritt noch einen Schritt näher an Matreus heran. "Bring es zu Ende... mein Sohn."

Diese beiden Worte haben Matreus bis jetzt noch nie kaltgelassen. Egal was gerade war, er hat immer innegehalten, hat immer einen Schauer verspürt. Das, wofür er so lange alles getan hat, endlich....

Diesmal registriert er sie kaum. Er sieht nur Jona.

Der steht mit geschlossenen Augen da, Tränen auf den Wangen, ja, aber ansonsten vollkommen ruhig. Er zittert kein bisschen. Als ob er seinen Frieden gefunden hat.

Frieden.

Wann hatte Matreus das zum letzten Mal?

Nichtmehr seit er Jona damals im See erblickte, und fürchtete, dass er ihn nie würde haben können. Auf welche Weise genau sich das bewahrheiten würde, hätte er in seinen schlimmsten Albträumen nicht erahnen können, aber der Fakt blieb.

Jona hat seinen Frieden zerstört.

Nein.

Jona ist sein Frieden.

Matreus hat ihn zerstört.

...Nein.

Zanrelot hat ihn zerstört.

Matreus bleibt an diesem Gedanken hängen wie hypnotisiert. Zanrelot reißt genau da der Geduldsfaden.

"Muss man denn alles selber machen -"

Er hebt die Arme, das sieht Matreus geradeso aus dem Augenwinkel. Matreus weiß sofort, er will ihm das Licht nehmen. Es selbst anwenden.

Um Jona zu töten.

Mit einem schrecklichen, schrecklichen Schrei, aus dem innersten seiner Seele gerissen, holt Matreus weit aus, ganz weit. Für einen einzigen, unendlichen Moment, fühlt er nur sich und den surrenden Wind. Eins mit dem Universum. Eins mit seinem Körper, mit seinem Ziel. Fühlt es sich so an, das Richtige zu tun?

Er schwingt die Klinge herab und zielt an Jona vorbei. Trennt Zanrelot glatt in der Mitte durch.

Der Höllenfürst schaut nur einen winzigen Moment lang überrascht, dann ist er Asche.

Matreus atmet als wäre er einen Marathon gelaufen. Sein Kopf rauscht, alles rauscht, kribbelt, spinnt. Er kennt das Gefühl, besessen worden zu sein, aber selbst das hatte nicht so einen Nacheffekt. Würde man ihn jetzt etwas fragen, irgendetwas, er könnte es wohl nicht beantworten. Wüsste nichtmal seinen eigenen Namen.

Vielleicht Jonas Namen.

Scheiße, Jona!

Mit einem Mal ist Matreus wieder da, denn er hat Jona laut nach Luft schnappen gehört. Nicht vor Erleichterung. Nichtmal wie nach einer Stunde unter Wasser. Nein, das klang wie... wie...

Matreus' Augen sind so weit wie Jonas, als sich ihre Blicke begegnen.

Und Jonas Augen leuchten grün.

Notes:

Ich fand den Cliffhanger einfach das beste Ende, da ich (noch?) fast keinen Plot habe für danach :'D

Nur soviel: Jona hat Zanrelots Beziehungen mit der Unterwelt geerbt, und seine ganze Macht dazu. Und er wird damit strugglen, kommt aber im Großen und Ganzen gut damit klar. Bricht irgendwann auch den Band mit dem Teufel, und genießt es einfach, jetzt zwar immernoch kein sehr guter Magier zu sein, aber wenigstens ein sehr starker. (Natürlich, um die Menschen zu beschützen.)

(Und Matreus, den Draufgänger!)

[ Vielleicht noch eine Anmerkung, was die Sexualität der beiden angeht: Ich habe Matreus hier als schwul und Jona als demi darstellen wollen, aber am Ende sehr viel mehr Subtext als Text gelassen. Ich merke das hier überhaupt nur wegen der Szene mit Otti an, die soll nicht missverstanden werden – sie waren alle überrumpelt und überrascht, und so gerne ich Fics/Szenarien mag, wo nichts irgendein Problem oder auch nur erwähnenswert ist, fand ich seine 'Annahme' an dieser Stelle realistischer. ]