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It‘s a Hard Life

Summary:

Nina versteht ja, dass Karow sauer ist, aber sie muss Julie verdammt nochmal mit allen Mitteln beschützen.

Notes:

Missing-Scene zu Das Mädchen, das allein nach Haus' geht. Wie die Fahrt zum Präsidium verlaufen sein könnte, als Karow erfährt, dass Nina Julie Bolschakow in den Zeugenschutz helfen will.

Work Text:

„Das war verdammt knapp!“, schreit Nina ihn an, kaum sind sie bei Karows Auto. Das Tor zum Haus der Bolschakows thront hinter ihnen, verschlossen und bedrohlich wie eine sehr hohe Mauer ragt es vor dem Haus in die Höhe, so als ob dahinter jederzeit Angreifer hervorspringen könnten.

Karow will eigentlich gehen, nicht in ihrer Nähe sein, am liebsten zurück ins Haus stürmen und Bolschakow mit Fragen löchern, aber sein breiter Rücken füllt mit dem dunklen Jackett schon den Rahmen der Autotür aus, sein Kopf ist aufgrund seiner Größe instinktiv leicht eingezogen, obwohl er gebückt eigentlich auch so problemlos unter dem Rahmen durch passen würde. Aber — Irgendwas stimmt hier nicht, das spürt er und Nina weiß das. Zwar sagt er nichts, jedoch hängt die Tatsache in der geladenen, dicken Lift schwer zwischen ihnen. Besonders eben, in dem Haus der Familie Bolschakow war sie nicht gerade das, was man unauffällig nennt, aber wie konnte sie auch anders? Sie muss Julie schützen, das ist doch ihre Aufgabe und innerhalb der kurzen Zeit ist es schon fast zu einer Herzensangelegenheit geworden. Ihr tut die junge Frau leid, sie hat das Leben, das sie lebt, nicht verdient. Dafür mag Nina sie viel zu gerne. Vielleicht mag sie sie auch viel zu gerne, um vollkommen rationale Entscheidungen zu treffen, aber das ist ihr egal, sie hat schon immer viel zu intensiv geliebt. Sie muss das hier irgendwie schaffen, für Julie. Karow lässt sich in den Autositz fallen. Er lehnt seinen Kopf gegen die Kopfstütze, eigentlich überhaupt nicht bereit loszufahren, aber sie haben keine Zeit für solches Theater. Wenn das alles nach ihm gegangen wäre, befänden Karow und sie sich noch in dem riesigen Anwesen, das sie soeben verlassen haben und er würde jetzt Yasha Bolschakows Brüdern auf den Zahn fühlen. 

 

„Was verheimlichen Sie mir eigentlich?“ Irgendwie tut er Nina leid, so verletzt wie er klingt, was er vergeblich zu verstecken versucht, indem er seinen Blick und seine Stimme eiskalt werden lässt. Sie weiß, dass er sich hintergangen fühlt. Trotzdem ist sie ihm in gewisser Weise dankbar. Er hätte auch anders reagieren können, schon im Haus den Kopf verlieren und dann hätten sie jetzt wirklich ein Problem. Aber sie kann es ihm nicht sagen, nichtmal ihm, auch nicht aus Dankbarkeit. Ob sie damit das mühsam gewobene Netz mit noch zu dünnen Fäden des beginnenden Vertrauens zerstört, ist dabei erstmal zweitrangig. Sie hat nun zu jemand Anderem ein Netz von Vertrauen aufgebaut, das wichtiger ist, denn davon hängt Leben und Tod ab. Und dieses Vertrauen aufrecht zu halten, heißt, Karow zu verletzen. Ihr tut es ja auch weh, aber was soll sie tun? Vor allem, wenn diese Verletztheit, dieses Gefühl, von dem sie beide glauben, es sei Liebe, sich in Wut umwandelt, weil sie jemanden zu beschützen hat, weil sie jemanden beschützen will und weil Karow seine eigene Seele irgendwie versucht ganz zu halten. Trotzdem kann sie nichts verraten.

 

„Nix“, sagt Nina, ohne zu Karow aufzuschauen, stattdessen starrt sie den Stoff ihrer Hose an. Ihre Stimme klingt heiser, zittert ein wenig. Scheiße, es klingt nicht ganz so, als wäre es die Wahrheit. Ist es ja auch nicht und Karow weiß sowieso längst, dass sie ihm Informationen vorenthält, aber… Ihr Finger fährt über das Handschuhfach, macht es kurz auf und dann wieder zu, nur damit sie irgendwas macht, um ein Geräusch in die Stille zu bringen. Dann räuspert sie sich. „Nix“, wiederholt sie, diesmal mit festerer Stimme, als müsste sie sich auch selbst überzeugen. Bilder tauchen vor ihrem inneren Auge auf, Julie, wie sie im „Mylord“ zu Rosenstolz tanzt. Der einzige Moment, in dem sie sich fast hat fallen lassen können. Aber auch nur fast. Wie sie sich dreht, sich ihr blau-silbernes Kleid mit dreht und hochgewirbelt wird. So ganz anders als bei ihrer ersten Begegnung, in der sie sich verzweifelt und voller Angst, aber auch Dankbarkeit an Nina gedrückt hat. Diese Angst, die die junge Frau immer begleitet, sie verfolgt, wie ein Schatten, in ihren Augen so deutlich zu sehen ist. Sie kann Karow nichts sagen, für Julie kann sie es nicht.

 

„Glaub ich Ihnen nicht“, Karow klingt noch immer verletzt, aber auch entschlossen. Nina will seufzen, aber damit würde sie sich verraten. Also versucht sie, einfach ganz normal auszuatmen. Es wird ein lautes Ausatmen, aber das scheint Karow sowieso nicht zu beeindrucken, geschweige denn überhaupt zu bemerken. Es versetzt ihrem Herz einen Stich, ihn so verletzt zu sehen. Karow, der früher keine Gefühle an sich hat rankommen lassen, außer vielleicht Wut und Rache und Arroganz. Aber auf keinen Fall Verletztheit, die jetzt so deutlich in seinen Worten mitschwingt. „Irgendwas ist doch. Denken Sie, ich bin so blöd und merk das nicht? Ich kenn Sie mittlerweile gut genug.“ Er startet den Motor, der in etwa so brummt, wie Karow es vermutlich tun würde, brächte er seine Wut nicht in Worten zum Ausdruck. Er legt den Rückwärtsgang ein, fährt los. Energischer als nötig.

 

Nina fällt ein, was Julie gesagt hat, dass der Polizeiapparat unterwandert ist. Sie spürt ihr eigenes Vertrauen zu Karow bröckeln. Nicht, weil sie glaubt, er wäre Teil der russischen Mafia, sondern weil sie Angst hat, dass er, wenn sie redet, den falschen Leuten davon erzählt. Gleichzeitig rügt sie sich dafür; Karow würde sowas schließlich niemals tun. Er ist niemand, der Informationen ausplaudert wie den neusten Klatsch und Tratsch. Sie kann ihm doch vertrauen, verdammt. Wieso tut sie es nicht? Seltsam, wie stark das Vertrauen zu jemandem sein kann, den man kaum kennt, während sie hier an Karow zweifelt. Es ist der Ernst der gefährlichen Situation, das weiß sie, aber am liebsten würde sie Karow anschreien. Jetzt ist alles noch komplizierter als ohnehin schon und Nina hat Angst. Angst, dass sie das hier nicht schafft, dass sie, dass Julie hier nicht lebend rauskommen. Vielleicht muss sie Karow doch sagen, was los ist, denn weitere Alleingänge seinerseits können sie sich nicht leisten. „Mann, Karow“, schreit sie, vorerst unfähig, mehr zu sagen. Sie muss erst ihre Gedanken ordnen. Aber die schwirren gerade in ihrem Kopf herum wie ein wütender Schwarm Bienen. Die ganzen Gefühle, die auf sie einprasseln, sind eigentlich zu viel, um klar denken zu können. All diese Panik, die sich in ihr breit macht, das plötzliche Misstrauen gegen Karow, die Ungewissheit und irgendwo, das weiß sie, sind da auch andere Gefühle, die ihr Herz höher schlagen lassen, ihr aber nicht dabei helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren, weil sie nur noch mehr Verwirrung stiften. Vielleicht ist es der Ernst der Situation, der diese Gefühle verursacht, weil alles gleichzeitig funktionieren muss und passiert, aber der innere Konflikt, den sie deshalb hat, ist gerade überhaupt nicht hilfreich, wenn sie so handeln will, dass es zu möglichst wenig Schaden für alle kommt. „Ich würde um Sie kämpfen, Sie haben ein reines Herz“, hört sie Julie Bolschakows Stimme in ihren Gedanken sagen und auf einmal weiß sie, dass auch sie kämpfen muss. Nicht um Julie oder Karow oder irgendwen. Egal, wen sie glaubt zu lieben, es geht nicht darum, um jemanden, sondern für jemanden zu kämpfen. In dem Fall für Julie Bolschakow, damit diese ein besseres Leben leben kann; eines, das sie auch verdient. Und dazu braucht Nina Karow. Wenn sie beide sich weiter immer weniger vertrauen, dann bringt das auch Julie in Gefahr. Ablenkung kann sie nicht gebrauchen. Sie muss fokussiert sein, da, im Hier und Jetzt. Private Streitigkeiten sind jetzt zweitrangig. Darum kann sie sich auch noch kümmern, wenn die ganze Sache hier vorbei ist.

 

Unsanft fällt Ninas Oberkörper nach vorne und Nina wird zurück in die Realität geholt, als Karow stärker als nötig an einer roten Ampel bremst. Als sei sie Schuld daran, schaut er sie böse an. „Was?“, keift er. Ihr fällt ein, dass sie noch gar nicht auf das geantwortet hat, was er ihr vor einigen Minuten gesagt hat, zu versunken war sie in ihrem Gedanken.

 

„Karow, Sie könn‘n nich einfach so Bolschakow konfrontieren“, platzt es aus Nina heraus. „Er bringt sie sonst um.“

 

Karow lacht. Es ist ein freudloses Lachen. Hohl und hölzern. „Wen?“ 

 

„Na, Julie Bolschakow, seine Frau. Sie wissen, dass er sie ganz einfach verschwinden lassen kann, wenn wir ihn so offen verdächtigen.“ Nina würde gerne irgendwo dagegen schlagen, aber das täte ihr nur selbst weh. 

 

„Wieso sollte er dann seiner Frau was antun? Hast doch gehört, sie spielt die Unterhaltung für den dementen Vater.“

 

„Woll‘n Sie mich eigentlich verarschen?!“, fragt Nina, diesmal wütender. Sie haben doch eigentlich keine Zeit für sowas.

 

„Warum interessiert Sie Bolschakows Frau?“, kommt die Gegenfrage von Karow. Ja, wieso interessiert sie Nina so? Das damit zu begründen, dass sie ihr die Informationen liefert, die Bolschakow zum Fall bringen können, ist längst nicht mehr genug. Dazu ist ihr sie junge Frau schon längst zu wichtig, obwohl sie sie kaum kennt. Karows süffisante Art ihr Fragen zu stellen, macht sie wütend, weil sie sich darin angegriffen fühlt, obwohl die Fragen das gar nicht zum Ziel haben, eigentlich will Karow damit nur seine eigene Wut ausdrücken. Nina muss Julie retten, dazu muss sie nicht nur dafür sorgen, dass Julie überlebt, bis sie im Zeugenschutz ist, sondern auch sicher stellen, dass sie die Informationen von ihr bekommt, damit sie das überhaupt gewährleisten kann. Das eine bedingt eben das andere und umgedreht. Diese Sache ist von so viel abhängig, dass es Nina fast schon wahnsinnig macht, würde sie sich nicht immer wieder selbst vorhalten, dass sie jetzt nicht durchdrehen darf. Also versucht sie Karow so gefasst wie möglich eine ehrliche Antwort zu geben.

 

Die Ampel springt auf grün, Karow fährt an. Es ist aggressiv, das merkt Nina, aber davon darf sie sich nicht provozieren lassen. „Julie Bolschakow ist unsere Informantin. Sie will uns Listen liefern. Und sie hat mitbekommen, wie ihr Mann Jandrow umgebracht hat.“

 

Jetzt ist es raus. Sie merkt sofort, dass sie mit ihrer Antwort Karows Laune nicht bessert. Daran, wie sein Kiefer sich aggressiv verspannt und seine Augen sich starr nach vorne auf die Straße richten. Statt eine Bürde von ihren Schultern zu nehmen, stellt die Wahrheit sie nur vor neue Probleme. Vielleicht sucht sie sich nächstes Mal einen besseren Zeitpunkt. Perfekte Zeitpunkte gibt es jedoch jetzt nunmal nicht, also muss sie auch das in Kauf nehmen. Auch wenn Karow durch seine Wut vermutlich unachtsamer fährt.  

 

Karow könnte jetzt fragen, warum sie ihm das nicht früher erzählt hat, aber er kennt die Vorschriften und weiß, dass sie das nicht konnte. Trotzdem hat sie ihn verletzt, indem sie sein Vertrauen so missbraucht hat, daran ändert auch das Wissen um die Vorschriften nichts. Aber Karow muss im Gegensatz zu Julie nicht vor einem gefährlichen Mann mit ebenso gefährlicher Familie gerettet werden. Egal also, was Nina macht, irgendwelche Verluste muss sie immer in Kauf nehmen, sie muss nur kalkulieren, wie schwer sie sind und ob sie wiedergutzumachen sind.  Was sich so einfach anhört, ist eine Bürde, die auf ihr lastet, wie tausende Tonnen Stahl und Beton. Nur darf sie daran nicht zerbrechen, weil sie sonst andere mit sich reißt, in einen wilden Strom von Katastrophen, gegen den anzuschwimmen nicht heißt, sich zu retten, sondern nur den Untergang herauszuzögern. Das darf einfach nicht passieren und vor allem will Nina nicht, dass es passiert. Eigentlich will sie Julie in ihre Arme schließen, sobald sie im Flugzeug sitzt, falls sie es bis dahin schafft — nein, sie wird es schaffen — aber sie weiß genau, dass das nicht geht. Ihr laut Julie so reines Herz will sich einfach an sie klammern und ihre Gefühle für die jüngere Frau ausschütten, damit sie weiß, dass da jemand ist, der sich Sorgen, um sie macht, der sie wirklich retten will. Jedoch wird sie weder später die Möglichkeit dazu haben, noch hier vor ihrem aufgebrachten Kollegen einen Gefühlsausbruch erleben. Vielleicht würde er sie dann besser verstehen. Es könnte aber auch genauso gut sein, dass er das nicht tut, sie hört ihn schon förmlich „so ist das also“, sagen, und ihr fällt auf, wie wenig sie sich emotional näher gekommen sind, obwohl auf körperlicher Ebene so viel passiert ist. Trotzdem haben beide den jeweils anderen nie näher an ihr Innerstes, ihre Seele rangelassen. Es ist schon fast vorhersehbar, wie unvorhersehbar ihre Reaktionen sind. Zu emotional gehen sie an Dinge heran, was sie unkontrollierbar macht. Auch wenn sie voreinander ihre eigentliche Emotionalität nie zugeben würden, denn „Gefühle sind was für hässliche Menschen“. Also bleibt ihnen nichts anderes übrig, als das hier auszusitzen. Alle früheren Chancen, die vielleicht Gelegenheit zur Änderung gegeben hätten, haben sie gekonnt ignoriert. Vertrauen, das auf einer so wackeligen Basis gestanden hat, bricht ganz einfach wieder zusammen.

 

An einer Kreuzung biegt Karow rechts ab, Ninas Körper fällt unsanft in die gleiche Richtung. Dann stellt Karow die Frage, vor der sie am meisten Angst hatte. Vielleicht auch am zweitmeisten, denn am meisten Angst hat sie vor der Frage „Warum hast du mir nichts gesagt?“, aber „Warum vertraust du mir nicht?“ ist fast genau so schlimm. Nina weiß nicht, was sie darauf erwidern soll, sie hat keine Antwort parat. Die Wahrheit ist, dass Karow zu schnell war für sie, sodass jetzt noch schneller handeln müssen. Der Bodyguard hat sie nämlich definitiv erkannt und Karows Fragen werden Yasha Bolschakow zum Handeln zwingen. Aber, das realisiert sie plötzlich, früher oder später hätte sie ihm sowieso erzählen müssen, dass Julie Bolschakow aussagen und ins Zeugenschutzprogramm will.

 

„Du kennst die Vorschriften“, weicht Nina ihm aus, als er vor dem Präsidium hält. Sie stößt einen tiefen Seufzer aus. Das Gespräch ist hier noch nicht beendet, das spürt sie. Karow ist schlau genug zu wissen, dass er sich nicht zu nachtragend aufspielen kann. Im Grunde genommen haben sie ja das gleiche Ziel, Yasha Bolschakow dranzukriegen. Aber sie hat ihn verletzt und das ist so schnell nicht zu vergessen. Sie steigt aus Karows Wagen aus und macht sich auf den Weg ins Büro, wohl wissend, dass Karow ihr folgt, seine Stimme, während er auf sie einredet, noch immer laut und aufgebracht. Vielleicht würde aber auch wieder eine Zeit kommen, in der sie ihm nicht mindestens genauso aufgebracht Antworten entgegen schießen würde.

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