Work Text:
Sehr geehrter-
Nein, Schwachsinn.
Lieber-
Oder wirkt das überheblich? Dreist? Spricht es einen Wunsch aus, dessen Erfüllung ihm in keinster Weise zusteht? Vincent seufzt und blättert zu einem neuen Blatt in seinem Notizblock um.
In dem dämmrigen Licht im Besprechungsraum schaut er auf Wiktor, der nur mit einer Uniformjacke zugedeckt auf dem kleinen Sofa schläft. Vincent selbst hat die Beine angezogen und vor sich gegen die Tischkante geklemmt, um seine Oberschenkel als Schreibablage benutzen zu können, der Tisch über und über mit Akten und Beweismitteln bedeckt.
Auf der anderen Tischseite findet er Pawlak, der mit müden Augen einen Stapel Rechnungen liest. Vincents Blick bleibt an der angestrengten kleinen Falte auf seiner Stirn hängen.
Durch seinen Körper zuckt ein Übermaß an Koffein. Sein Herz pocht so laut, dass Pawlak es sicher jeden Moment hören muss und zu ihm aufschauen wird.
Vincent schluckt gegen eine trockene Kehle an und setzt den Stift, den er mit einer verkrampften Hand umklammert, auf das Papier vor sich.
Karol,
- - -
Es war eigentlich gar nicht ernst gemeint, ist das absurde daran.
Nachdem Adam weg war - zu seinem eigenen Wohl, was er am Ende zum Glück auch selbst eingesehen hatte und somit ihm und Vincent ermöglicht hat, in Freundschaft auseinanderzugehen - musste im Büro eine KHK-Position neu besetzt werden.
Pawlak hatte zwei Möglichkeiten: Vincent befördern oder die Stelle mit einer neu angeworbenen Person zu füllen.
Vincent wiederum hatte wenig Lust, einen neuen Vorgesetzten einarbeiten zu müssen und durchaus Lust auf eine Gehaltserhöhung. Und auch wenn die Gerüchteküche durchhören ließ, dass Pawlaks Vorliebe in dieselbe Richtung schwang, konnte es doch nie schaden, dem ganzen spielerisch etwas nachzuhelfen.
Vielleicht hätte ihm auffallen sollen, dass es ihm etwas zu leicht fiel.
Irgendwo zwischen kleinen Komplimenten und "zufälligen" Mitbringseln aus der Bäckerei, zwischen Türen aufhalten, Zweisamkeit im Aufzug kreieren, und Flusen vom Ärmel streifen, hat Vincent sich verrechnet.
Jetzt sitzt er auf der Kante von Pawlaks Schreibtisch, die Beine kokett übereinander geschlagen damit die enge Jeans auch wirklich eng ist, die Augen frisch geschminkt, und hört sich selbst dabei zu, wie er sagt, dass das ja ein sehr schönes Hemd ist, aber dass sein Chef ohne vielleicht noch schöner wär.
Pawlak starrt ihn an.
Vincent blinzelt zurück. "Äh."
"Das war dann vielleicht doch einen Schritt zu weit, nicht, Herr Ross?" Meint Pawlak mit einem winzigen Schmunzeln auf den Lippen.
"Oh, Gott," sagt Vincent, sobald er seine Stimme wiedergefunden hat. "Das tut mir Leid, das war nicht so- also, ich- Ja." Er wischt sich die Hände an der Hose ab und schaut zu Pawlak hoch, der wenigstens immer noch lächelt. "Ich geh am besten einfach." Hastig rutscht er vom Schreibtisch und zieht dabei - wie könnte es auch anders kommen - eine komplette Akte mit sich runter.
Mit einem lauten Klatschen landet der Ordner auf dem Boden und verstreut die darin liegenden Papiere.
"Scheiße, Entschuldigung," sagt Vincent, hockt sich hin um die Papiere wieder einzusammeln - und stößt mit dem Kopf fast an Pawlak, der neben ihm kniet.
Wird er rot? Vincent ist sich ziemlich sicher, dass er rot wird. Schnell reißt er den Blick von Pawlaks Augen weg und konzentriert sich darauf, die Blätter aufzuheben und richtig sortiert zu stapeln.
"Herr Ross," sagt Pawlak wieder, leise, bestimmt. Vorsichtig guckt Vincent zu ihm rüber.
"Ich habe schon lange…," Pawlak zögert. "Wissen Sie, in meinem Alter, und geschieden, bekommt man nicht mehr so viel Aufmerksamkeit wie früher. Und schon gerade nicht," er schaut etwas verlegen zur Seite, "von jemandem wie Ihnen."
So ganz kann Vincent ihm das nicht abkaufen, aber er möchte ihn lieber ausreden lassen.
"Ich hätte es vorher unterbinden sollen. Aber es war schön." Er lächelt traurig. "Auch, wenn es nur um eine Beförderung ging."
Sein Blick wandert zu Vincent zurück und für eine Weile bleiben ihre Augen stumm aneinander hängen. Dann nickt Vincent. Er hat verstanden.
Leicht ächzend steht Pawlak auf und hält Vincent eine raue Hand hin, mit der er ihn hochzieht. Vincent legt seinen Stapel Papiere auf den Tisch zurück, aber als er es schon bis zur Tür geschafft hat, kann er nicht anders, er wendet sich doch noch einmal zurück.
"Es war nicht nur wegen- also. Ich wollte nur sagen - ich habe nie gelogen." Er deutet mit einer hilflosen Geste auf Pawlak und sein… alles.
Denn Pawlak ist- groß. Und attraktiv. Charmant, in dieser festen, ruhigen Art, und er hat seine Abteilung im Griff ohne seinen Angestellten vor den Kopf zu stoßen. Vincent hatte schon immer eine Schwäche für Menschen, die von Natur aus autoritär sind ohne dabei zu herrschen.
"Ich musste es nicht."
Er verschwindet aus dem Büro, bevor Pawlak Zeit hat, darauf zu reagieren.
-
Die gesamte nächste Woche über löst Vincent absolut gar nichts.
Keine Fälle - bei einem passiert gar nichts, beim anderen arbeitet er sich mit Wiktor im Schneckentempo durch einen wahrhaftigen Berg von Akten - und erst recht keine privaten Probleme.
Also, er hat natürlich keine privaten Probleme.
Pawlak und er haben sich eindeutig dafür entschieden, dass es keine gute Idee wäre, auch wenn es "schön war" - eine Bemerkung, die Vincent seit Tagen den Schlaf raubt.
Freitag reißt Vincent sich noch zusammen, doch als er sich am Samstagnachmittag dabei fängt, die gesamte Szene zum x-ten Mal Revue passieren zu lassen, reicht es ihm.
Ein kurzer Besuch beim Kiosk und dann betrinkt er sich. So richtig. Einmal komplett den Kopf durchspülen und dann ist Schluss damit, muss Schluss damit sein.
Vielleicht hätte es ja auch funktioniert - redet er sich zumindest ein - wenn er am nächsten Tag nicht mit dröhnendem Schädel und flauem Magen nach seinem Handy greifen und eine Nachricht von Wiktor vorfinden würde, der ihn fragt, ob er ihn mit dem Auto zum Familienpicknick mitnehmen soll und fuck, FUCK.
Natürlich. Natürlich ist das heute.
"Ja, bitte," schreibt er Wiktor, taumelt aus dem Bett und schafft es gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer bevor er sich übergeben muss.
-
Das Familienpicknick, so wurde ihm erklärt, ist eine jährliche Tradition, in der alle Mitarbeitenden plus Familien sich auf einer großen Wiese versammeln und essen und reden und trinken.
Zur Förderung der deutsch-polnischen Freundschaft und Kommunikation, hatte Pawlak gesagt.
Um gegeneinander im Fußball anzutreten, hatte Marian gesagt.
So oder so, fehlen, für den "Neuen", von dem viele immer noch glauben, dass er im Alleingang Adam vergrault hat, ist ausgeschlossen.
"Sicher?" Fragt Wiktor, als Vincent sich behutsam neben ihm anschnallt. Er schaut ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Ich könnte sagen, dass du sehr plötzlich sehr krank bist. Oder im Wodka ertrunken."
"Noch ein Wort," sagt Vincent und legt seine Transportbox - ja, er hat etwas zum Mitbringen gemacht, ja, es ist vegan und glutenfrei, und ja, er musste sich zwischendurch wieder übergeben - auf den Rücksitz. "Und ich kotz dir ins Auto."
"Ich befürchte, dass du das auch so machst." Wiktor öffnet das Handschuhfach und sucht eine Plastiktüte heraus, die er Vincent in die Hand drückt. "Nur für den Fall."
Wenigstens fährt er vorsichtig, mit jahrelanger Übung und ausgeschaltetem Radio, was Vincent sehr zu schätzen weiß. Er schiebt sich die Sonnenbrille höher auf die Nase und konzentriert sich darauf, flach zu atmen.
Das Fest ist- nett. Auch in seinem Zustand. Es hat etwas schönes, die Familien kennen zu lernen und alle seine Arbeitsbekanntschaften auch einmal in zivil sehen zu dürfen. Das Kindergeschrei ist etwas zu viel für ihn, aber selbst Schuld.
Pawlaks Blick trifft ihn nur einmal, denn Vincent geht ihm bewusst aus dem Weg. Er sieht besorgt aus oder verwirrt, die Stirn gerunzelt, aber Vincent schaut weg, bevor er es herausfinden kann.
Einen Vorteil hat sein Kater, der scheinbar so offensichtlich ist, dass ihn jede Person aus dem Kollegium mit "Wow" statt mit "Hallo" begrüßt: Niemand versucht ihn dazu zu überreden, die deutsche Mannschaft beim Fußballspiel zu vertreten.
Von Edyta leiht er Speedy, dann nimmt er sich eine große Flasche Wasser und sucht einen etwas abgelegenen Platz unter einem Baum, in der Hoffnung, dass Pawlak nicht versucht, sich zu ihm zu setzen.
Die Mühe hätte er sich nicht machen müssen.
Mit trockenem Mund schaut Vincent zu, wie Pawlak das Hemd auszieht um ein darunterliegendes schwarzes T-Shirt zu entblößen, bevor er über das designierte Feld schreitet und zwei große Handschuhe von Marian entgegennimmt.
Er stellt sich ins "Tor" - zwischen zwei umgedrehte Eimer, die als Pfosten dienen - und lässt seine Schultern ein wenig kreisen, dehnt sich in die eine, dann die andere Richtung, klatscht die dicken Lederhandschuhe gegeneinander.
Dann schaut er zur Seite und trifft, zielsicher, auf Vincent, der auch mit Sonnenbrille nicht verstecken kann, dass er Pawlak beobachtet hat. Pawlak zieht eine Augenbraue hoch und da, klitzeklein, dieses Lächeln, das Vincent noch den Verstand rauben wird.
Schrill ertönt der Pfiff von Edyta. Pawlak richtet sich wieder nach vorne und konzentriert sich auf das Spiel.
-
Es ist kein lockeres Freundschaftsspiel, wie Vincent nach der ersten Blutgrätsche von Wiktor feststellen muss. Die Spielenden stehen zwar größtenteils in Jeans und T-Shirt auf der Rasenfläche, aber dennoch ist es ihnen offensichtlich todernst und Vincent überlegt sich schonmal, was er nächstes Jahr als Ausrede verwenden könnte.
Er verfolgt das hektische Getriebe, bis ihm schwindelig wird, dann lehnt er sich an seinen Baum zurück und vergräbt eine Hand im Fell von Speedy, die ihm halb auf dem Schoß hängt.
Seine kreisenden Gedanken fokussieren sich ausnahmsweise einmal nicht auf Pawlak, sondern auf Adam, den er plötzlich schmerzlich vermisst. Ob das Familienfest für ihn eine Gelegenheit war, seine Töchter zu sehen? Welche Seite hat er beim Fußball wohl vertreten?
Vincent steckt sich eine Zigarette an, entschuldigt sich bei Speedy, die grummelnd ihre Nase tiefer in seinem Hosenbein vergräbt. Er könnte Marian nach den Antworten fragen, aber. Er traut sich nicht. Irgendwo fühlt er sich doch schuldig, für die Sache mit Adam.
Auf dem Feld diskutieren mehrere Personen mit Edyta, die scheinbar keine gelbe oder rote Karte dabeihat und stattdessen eindeutige Gesten verteilt. Es wird zum Elfer angetreten und Vincent spannt sich an, schaut auf Pawlak, der mit voller Konzentration auf sein Gegenüber starrt. Ein Pfiff, dann mehrere atemlose Sekunden und schließlich schmeißt Pawlak sich zur Seite, rettet den Ball zu großem Jubel seiner Mannschaft.
Er wischt sich den Unterarm über die Stirn, bringt zum ersten Mal in Vincents Erinnerung die ordentliche Frisur durcheinander und als ob Vincents Herz nicht schon hoch genug in seinem Hals stecken würde, schaut Pawlak wieder genau zu ihm rüber. Als würde er sicher gehen wollen, dass Vincent ihn gesehen hat.
Vincents Blick bleibt an Pawlak haften als dieser sich wieder dem Spiel zuwendet, kann auf die Ferne gerade so die Grasflecken an seinen Ellenbogen erkennen, die Stelle auf seinem Rücken, wo der Schweiß einen dunklen Fleck zwischen seinen Schulterblättern-
"Au," zischt Vincent, als seine vergessene Zigarette ihm plötzlich die Finger versengt. Er lässt sie instinktiv fallen und klopft hastig darauf herum, bevor er noch einen Waldbrand auslösen kann.
Speedy bemerkt seine kurze Panik und sieht fragend zu ihm hoch.
"Ja," sagt er und umschließt ihren wunderbar weichen Kopf mit seinen schmerzenden Fingern, "ich weiß doch auch nicht."
-
"Herr Ross," hört er in der Dunkelheit. Sachte schüttelt jemand seine Schulter. "Aufwachen."
Vincent klappt mühselig die Augen auf, schiebt sich die Sonnenbrille in die Haare und blinzelt in die Dämmerung. Er braucht einen Moment, bis er merkt wo er ist - der Rasen unter ihm, die Rinde an seinem Nacken und direkt vor ihm Pawlak, beleuchtet von der untergehenden Sonne. Es ist, wie könnte es auch anders sein, ein äußerst romantisches Licht.
"Gut geschlafen?"
"Erstaunlicherweise ja." Er gähnt kurz und streckt sich, aber bis auf eine leichte Steifheit in seinem Rücken stimmt es - es war ein wunderbares Nickerchen. "Wer hat gewonnen?"
"Polen, natürlich." Er hält Vincent beide Hände hin. Erst jetzt bemerkt Vincent wie ruhig es ist, dass Speedys wohlige Wärme von seinem Schoß fehlt. Mit einem Blick zur Seite stellt er fest, dass der Großteil der Anwesenden schon weg ist und der verbliebene Rest sich damit beschäftigt, Tische und Stühle zusammenzuklappen.
Pawlak hat das Hemd wieder übergezogen, aber aufgeknöpft gelassen, die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt. An seinem Handgelenk ist ein kleiner Kratzer, seine Fingernägel sind säuberlich kurz geschnitten. Langsam lässt Vincent seine Hände nach den wartenden von Pawlak greifen und umschließt sie so fest er kann, wartet auf den Ruck, mit dem Pawlak ihn vom Boden hochzieht.
"Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht," fängt er an als er wieder steht und noch nicht loslassen kann, "dass das deutsche Team sich einfach nicht traut, zu hart auf den Chef zu schießen?"
Pawlak lacht leise und drückt Vincents Hände mit den eigenen. So wie die Sonne ihn in diesem Winkel blendet, kann er die Gesichtszüge seine Gegenübers nicht genau ausmachen, aber er ist sich sicher, dass Pawlaks Augen auf seinen ruhen. "Da habe ich aber einige blaue Flecken, die das Gegenteil beweisen."
Vincents Augen huschen ungewollt nach unten, versuchen, sich Pawlak ohne Hose vorzustellen, die Schienbeine voller blauer Flecken. Wie er sie vorsichtig umfassen würde, eine kaum merkliche Berührung.
Er lässt los. "Ich sollte wohl besser Wiktor finden, bevor er ohne mich abhaut."
Vincent wendet sich ab und schafft es zwei Schritte weit.
"Herr Król ist schon weg. Er hat mich gebeten, zu schauen, dass Sie es unversehrt nach Hause schaffen." Eine Pause, dann leiser. "Tut mir Leid."
Vincent winkt so lässig wie möglich ab. "Schon gut. Wir können uns ja nicht ewig aus dem Weg gehen, bloß weil ich mich ein bisschen blamiert hab."
Pawlak wiegt den Kopf hin und her. Sie sammeln ihre verteilten Habschaften ein und verabschieden sich von den letzten Nachzüglern. Im Auto dreht er das Radio runter. "Wenn wir es Blamage nennen wollen, dann müssen wir uns eingestehen, dass wir beide daran beteiligt waren."
Vincent lacht, froh, dass Pawlak so offen und heiter mit diesem etwas zwischen ihnen umgehen kann. Fast so, als würde er es gar nicht verdrängen wollen. Als das Auto in einer Kurve beschleunigt zieht Vincent sich die Sonnenbrille aus den Haaren und steckt sie in die Hemdtasche.
"Waren Sie feiern? Gestern Abend?"
Er schüttelt den Kopf. "Nein, nein, es war wohl eher… Frustsaufen."
Pawlak hält inne. Vincent ist sich ziemlich sicher, dass er das nicht weiter erklären muss.
Sie fahren in einer beinahe angenehmen Stille weiter, unterbrochen nur von Vincent, der den Weg zu seiner Wohnung weist. Vor seinem Haus zieht Pawlak in eine Parklücke und stellt den Motor ab, fast so, als würde er Vincent nicht nur absetzen, als wolle er etwas mehr.
Vincent schnallt sich ab. Er atmet langsam aus, die Hände lose auf seinem Schoß und schaut zu Pawlak herüber.
Pawlak umfasst das Lenkrad und guckt nicht ganz auf Vincent, aber fast. Die Sonne ist beinahe vollkommen untergegangen und im Licht der Straßenlaterne erspäht Vincent einen winzigen Grashalm auf Pawlaks Schläfe.
Er lehnt sich vor, um ihn zu entfernen und dann lehnt er sich noch ein Stückchen weiter vor, um Pawlak zu küssen.
Pawlak… Pawlak küsst nicht zurück, nein, er sinkt in den Kuss hinein, als würde alle Anspannung und Ungewissheit aus seinen Schultern herausfließen. Kurze Zeit später umfasst eine Hand Vincents Schulter, die andere legt sich an seinen Kiefer. Ein Daumen, der durch die Stoppeln vom Bart, den er sich heute morgen nicht rasiert hat, kratzt.
Es ist nicht hastig, oder verzweifelt, aber es ist das Ergebnis von wochenlanger Neugierde und als sie sich wieder voneinander trennen ist es draußen ein deutliches Stück dunkler geworden.
"War das," Vincent kann gar nicht aufhören, zu grinsen, "auch einen Schritt zu weit?"
Pawlak beißt ein lautes Lachen zurück. "Ja. Ja, wahrscheinlich sogar mehrere." Er streicht Vincent noch einmal über die Wange, fasziniert, verwundert, als könnte er sich nicht erklären, wie er an diesem Punkt angekommen ist, und lehnt sich für einen letzten kurzen Kuss zu ihm.
"Wir werden darüber reden," beschließt er dann und Vincent nickt schnell, froh, dass Reden überhaupt auf dem Tisch ist und Pawlak das nicht gleich als Ausrutscher oder gar Fehler abtun möchte. "Aber nicht hier. Und nicht jetzt."
Vincent nickt noch einmal und nimmt Pawlaks Hand zwischen seine, drückt kurz zu. "Dobranoc," sagt er und kitzelt ein überraschtes Lachen aus Pawlak heraus.
"Dobranoc," sagt dieser und wartet, bis Vincent fast ganz aus dem Auto gestiegen ist. "Herr Ross."
Vincent grinst und verneigt den Kopf. "Herr Pawlak."
Dann lässt er die Autotür zufallen und rettet sich in seinen Hausflur, wo das ungläubige Lachen nur so aus ihm herausquillt.
-
Vincent ist, gelinde gesagt, sehr genervt.
Was Pawlak versäumt hat zu erwähnen, als er ihm ein Gespräch versprochen hat, ist, dass er für die nächsten Tage auf Konferenz in Deutschland ist. Zusätzlich hat Vincent vergessen, dass Wiktor ab sofort in Urlaub ist, weshalb sich ein Großteil der Abteilung plötzlich dazu entschieden hat, für all ihren Kleinkram zu ihm zu kommen.
Dabei hat er die Beförderung noch nichtmal. Ist sich sogar ziemlich sicher, dass er nicht die Berechtigung hat, Entscheidungen auf dieser Ebene zu treffen.
Er würde ja seinen Arbeitsvertrag herauskramen und nachsehen, wenn er nicht zehn Stunden am Stück unentwegt beschäftigt wär.
Stöhnend reibt er sich die Hände über das Gesicht und legt den Kopf auf seiner Stuhllehne ab.
"Na los," sagt plötzlich eine Stimme hinter ihm. Er lugt zwischen seinen Fingern hervor und findet Wolle, der ihn mitleidig anguckt. "Raus mit dir, bevor noch wer aus dem Keller hochgeschlichen kommt."
Misstrauisch schaut Vincent sich um, aber Wolle hat recht - außer ihnen ist kaum jemand da. Zum ersten Mal am ganzen Tag ist es um seinen Schreibtisch herum still.
"Das musst du mir nicht zweimal sagen," erwidert er und sucht hastig seine Sachen zusammen, schnappt sich mit einer letzten Bewegung den Schlüssel mitsamt Notiz von Wiktor und duckt sich aus dem Büro, bevor ihm noch jemand auflauern kann. "Schönen Feierabend," ruft er Wolle gerade noch zu.
Musst nicht jeden Tag hin, steht auf dem Zettel. So schön ist Adams Garten nicht.
Als Adam gegangen ist, ist er richtig gegangen. Weg, komplett. Abreagieren, sich selbst finden, hatte Wiktor gesagt. Urlaub machen, hoffentlich.
Die Wohnung aber, die hat er behalten - und Wiktor für den Moment anvertraut, seinen Garten zu bewachen, die Post reinzuholen, gelegentlich nach dem rechten zu sehen. Eine Aufgabe, die Wiktor in seiner vorübergehenden Abwesenheit an Vincent weitergegeben hat, weil Marian viel weiter weg wohnt und weil er wohl der Meinung ist, als Vegetarier müsste Vincent sich doch mit Pflanzen auskennen.
Vincent ist mindestens genau so gespannt wie Wiktor, herauszufinden, ob das stimmt.
Eigentlich müsste er heute noch nicht hin - sicherlich hat Wiktor vor seinem Urlaub noch einmal vorbeigeschaut, aber Vincent ist… neugierig.
Er war bis jetzt erst einmal in Adams Wohnung. Es ist keine schöne Erinnerung.
Es ist still. Wenig überraschend. Staubig, aber nicht besonders, und die untergehende Sonne fällt durch halb zugezogene Gardinen herein und lässt die menschenleeren Zimmer gemütlich aussehen.
Vincent schaut kurz ins Bad, ins Schlafzimmer, aber was auch immer er sich von den sauber aufgeräumten Zimmern erhofft hat, er findet es nicht.
Auf dem Küchentisch ist die penibel sortierte Post aufgereiht - Werbung, Zeitschriften, Privates, Rechnungen. Einige Briefe wurden geöffnet und entweder unkommentiert liegengelassen oder mit einem Sticker versehrt, auf dem in Wiktors ordentlicher Handschrift 'bezahlt' und ein jeweiliges Datum vermerkt wurde.
Vincent sortiert die von ihm eingesammelte Post ein und blickt ungeniert über die Ansammlung, muss bei der polnischen Motorradzeitschrift - natürlich - schmunzeln als plötzlich hinter ihm der Holzfußboden knarzt.
Er wirbelt herum, greift mit der Hand nach einer Waffe, die er in zivil natürlich nicht mit sich trägt.
Im Eingang zur Küche steht Adam, in der einen Hand eine Reisetasche, in der anderen einen Motorradhelm. Er sieht gut aus - sehr gut sogar. Gebräunt, entspannt, wenn nicht sogar ausgeschlafen.
"Du weißt aber schon noch, was das letzte Mal passiert ist, als du dich in meinen privaten Kram eingemischt hast?" Sagt er zur Begrüßung, dann entgleisen ihm prompt die Gesichtszüge. "Scheiße, warte, nein, das sollte ein Witz sein, ich-"
Weiter lässt Vincent ihn nicht kommen. Er schmeißt sich stattdessen Adam entgegen und umarmt ihn so lange, bis Adam wieder runterkommt, die Tasche fallen lässt, und ebenfalls einen Arm um Vincent legt.
"Cześć," sagt Vincent in die Umarmung hinein und spürt, wie Adam leise lacht. "Willkommen zurück."
-
Das Problem mit dem Reden ist, dass man dafür aufhören muss, sich zu küssen.
Beim ersten Versuch zieht Vincent Pawlak in einen Vorratsraum und will ihm eigentlich ein bisschen die Meinung über seine sehr anstrengende Woche geigen., aber Pawlak freut sich so sichtlich, ihn zu sehen, dass Vincent ihm doch lieber um den Hals fällt um ihm zu zeigen, dass er ihn auch vermisst hat.
Der zweite Versuch läuft ähnlich ab, der dritte wird von einer plötzlichen Leiche unterbrochen und beim vierten denkt Vincent sich, dass es ihnen ja eigentlich auch ruhig gegönnt sei, den Moment zu genießen und wie alle frisch Verknallten eine Schonzeit zu kriegen, weshalb Versuch Nummer Fünf daraus besteht, dass er sich kurz vor Feierabend erst in Pawlaks Büro und dann auf seinen Schoß schleicht.
Pawlak lacht, als sein Bürostuhl laut unter ihnen knarzt. Er legt die Hände an Vincents Oberschenkel, zieht ihn näher an sich heran. "Ich weiß nicht ganz, ob das alte Ding Sie aushält."
"Meinen Sie jetzt den Stuhl, oder…?" Fragt Vincent und erntet sich einen festen Kniff ins Beinfleisch.
"Frech," sagt Pawlak und zupt an der Krawatte um Vincents Hals, um ihn davon zu überzeugen, sich für einen Kuss herunterzubeugen. Er muss nicht zweimal fragen.
Als Vincent sich wieder zurücklehnt, widmet Pawlak sich in aller Seelenruhe der Krawatte, die er geradezu genüsslich aufknotet. "Wollen wir vielleicht-" Pawlak schlägt Vincents Hemdkragen zurück, streicht zwei vorsichtige Fingerspitzen über die dünne Haut an seinem Hals und Vincent rutscht für einen Moment eine Oktave höher, "-was essen gehen?"
"Hmm," macht Pawlak. Er ist nur wenige Zentimeter von Vincents Kehle entfernt und sein Atem trifft auf die entblößte Haut, sodass Vincent ein Schauder den Rücken hinunterläuft.
Ob er wohl spürt, wie Vincents Herz ihm gleich aus zwei Gründen droht, aus der Brust zu schlagen? Sich attraktiv finden, zu küssen, ist eine Sache, aber essen gehen impliziert eine Intention, impliziert mehr.
Pawlak drückt ihm einen Kuss an den Hals. "Meinen Sie he-"
Es klopft an der Tür.
Für den Bruchteil einer Sekunde starren sie sich an, die Augen weit mit Panik, dann stürzt Vincent sich beinahe rücklings vom Stuhl und verschwindet in genau dem Moment unter Pawlaks Schreibtisch, in dem die Klinke heruntergedrückt wird.
"Ah, gut, Sie sind noch- oh, gehen Sie gerade?"
Von seinem Versteck unter der Tischplatte kann Vincent Wolle gar nicht und Pawlak nur halb sehen, aber er sieht sehr wohl, wie Pawlaks Hände für einen Moment die Armlehnen seines Bürostuhls umklammern, bevor er entschieden aufsteht und nach der halb gepackten Tasche auf seinem Tisch greift.
"Ja. Kann das bis morgen warten?"
"Ich wollte gerade ein bisschen Frischluft schnappen - ich erzähls Ihnen einfach auf dem Weg nach draußen. Ist keine große Sache."
Direkt neben Vincents Hand ist eine Schuhspitze von Pawlak, die zwei-, dreimal auf den Boden tippt. Er legt die Hand darüber und umfasst den Schuh, kurz, fest, beruhigend. Ist schon okay.
Pawlak muss Wolle irgendetwas signalisieren, was Vincent nicht sehen kann, denn im nächsten Moment sucht er den Rest seiner Sachen zusammen. Er öffnet eine Schreibtischschublade, nimmt etwas heraus und lässt etwas anderes unauffällig direkt vor Vincent fallen.
Dann greift er sich Tasche und Jackett. Wenige Sekunden später geht das Licht aus, dann wird die Tür zugezogen und abgeschlossen.
Vincent atmet tief aus und willigt sein Herz, sich endlich zu beruhigen. In der Dunkelheit tastet er nach dem Gegenstand, den Pawlak fallen gelassen hat, und findet einen einzelnen Schlüssel - vermutlich für die Bürotür.
Für die erste Minute, die er vorsichtshalber unter dem Tisch verharrt, ist es lustig, kann er sich das Lachen kaum verkneifen, dann wird er unsicher und schließlich wird ihm geradezu schlecht.
So aufregend das Verstecken auch sein mag, so schön die kurzen Momente zu zweit, kann Vincent das Pawlak wirklich antun? Wieviele haarscharfe Situationen kann es geben, bevor jemand sie entdeckt?
Vincent bleibt länger unter dem Tisch sitzen, als er zugeben mag. Dann schleicht er sich klammheimlich hinaus, den Schlüssel fest in seiner schwitzenden Hand verborgen. Auf dem Heimweg schreibt er kurzentschlossen Adam an und fragt, ob es nicht langsam mal Zeit wird, sein ganzes Gartengemüse zu vergrillen.
-
"Ist es ein Fall?"
"Du bist Zivilist, Adam, du weißt genau, dass ich laufende Fälle nicht mehr mit dir diskutieren darf."
"Also kein Fall. Eine Frau?"
Vincent rührt sich nicht.
"Ein Mann?"
Vincent rührt si-
"Kenn ich ihn?"
"Was, wie hast du- nein, Adam, hör auf." Er vergräbt das Gesicht in seinen Händen, bevor Adam noch mehr seiner Geheimnisse darin ablesen kann.
"Bloß weil mir die Polizeiarbeit nicht gut tat," sagt Adam, fast ohne dabei zerknirscht auszusehen, "heißt das nicht, das ich nicht gut darin war, das weißt du genau."
Vincent lässt die Hände fallen und seufzt tief. "Ja, weiß ich. Sorry."
"Alles gut." Für einen Moment ist Stille, dann- "Ist es Wiktor?"
"Adam, ich mein es Ernst."
"Ja, ja, ich will nur sagen, falls du ihn vor mir beschützen willst oder so, Wiktor hat mir das mit ihm schon vor einer Weile erklärt."
Gegen seinen Willen ist Vincent nun doch neugierig. "Das mit ihm? Was mit ihm?"
"Das- äh, nee." Adam schüttelt den Kopf. "Frag ihn lieber selber." Er atmet einmal tief aus. "Also nicht Wiktor?"
"Nein, nicht Wiktor. Und damit; Thema beendet, ja?"
Beschwichtigend hebt Adam die Hände und steht auf, um im Grill rumzustochern.
Missmutig schaut Vincent auf sein Getränk und knibbelt an dem Etikett auf der Flasche herum. Eigentlich wär es ja ganz schön, jemanden einweihen und um Rat beten zu können, aber Adam ist der Sache viel zu nah um objektiv zu bleiben.
Aber braucht er wirklich eine objektive Meinung? Ist Adam nicht vielleicht sogar der perfekte Kandidat, weil er sie beide gut genug kennt, um eine informierte sowie ehrliche Antwort geben zu können aber gleichzeitig nicht daran interessiert wäre, ihr Geheimnis auf der Arbeit auszuplaudern?
Vincent guckt zu Adam hoch, der immer noch mit dem Rücken zu ihm am Grill steht. Er wartet, bis er einen Schluck getrunken hat und sagt, bevor er es sich besser überlegen kann, "Es ist Pawlak."
Adam erstarrt. Dreht sich nach einigen Sekunden sehr, sehr langsam zu Vincent um. "Pawlak… Karol Pawlak?"
"Ja natürlich Karol Pawlak," fährt es Vincent heraus, "wir kennen keinen anderen Pawlak."
"Was weiß ich, vielleicht gibt es wen neues im Kommissariat," erwidert Adam, winkt dann aber selbst ab. Das ist nicht wichtig gerade.
Vincent beobachtet Adam, der etwas verloren da steht, und versucht, seine Reaktion abzuschätzen. Sicher scheint Adam sich selbst nicht zu sein - sein Gesicht verzieht sich in kürzester Zeit zu mehreren Mienen, bis er endlich eine Hand hebt und Daumen und Zeigefinger um seinen Nasenrücken kneift.
Dann fängt er an zu lachen.
"Freut mich ja wirklich sehr, dass meine Probleme dir so viel Spaß bereiten," sagt Vincent, entschieden unbeeindruckt.
Adam lacht weiter, tastet blindlings nach seinem Stuhl und lässt sich darauf fallen.
Vincent trinkt einen tiefen Schluck aus seiner Flasche.
"Ich glaube," fängt Adam an, als er sich nach viel zu langer Zeit wieder beruhigt hat. Er wischt sich - ernsthaft? - eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. "Ich glaube, ich habe vor dir noch nie einen Menschen getroffen, der so gekonnt so viele soziale Tabus bricht, wie du."
"Danke," sagt Vincent trocken.
Adam zwinkert ihm zu. "Ja, und?"
"Und was?"
"Und, wo ist das Problem? Hat er dich abgewiesen?"
Jetzt ist es an Vincent, zu lachen. "Abgewiesen? Mich?" Adam verdreht die Augen. "Das sehr offensichtliche Problem ist, dass er mein Chef ist und ich sein Angestellter, meinst du nicht?"
Adam kratzt sich nachdenklich durch den grauen Bart. Dann zuckt er lässig mit einer Schulter. "Erzählt es halt nicht rum."
Vincent verschluckt sich an seinem Bier und muss für eine kurze Weile husten. "Das ist alles?" Krächzt er. "Du weißt schon, dass ich hier eher eine andere Karriere aufs Spiel setze, als meine eigene?"
Adams Stirn legt sich in Falten. Er mustert Vincent sorgfältig und greift nach der ersten Schale mit Grillgut, die er zubereitet hat. "Was Karol angeht, der kann schon selbst entscheiden, was er riskieren möchte und was nicht." Er nimmt sich die Grillzange und legt gekonnt die erste Fuhre auf den Rost. Es zischt laut, als die Marinade auf die Kohle tropft.
"Vincent," sagt Adam, ernster als zuvor, "glaubst du, ich mach dich dafür verantwortlich?"
Er könnte einiges meinen, aber er tut es nicht. Er muss nicht erklären, was Vincent seit Wochen nicht aus dem Kopf kriegen kann.
Vincent zuckt mit den Schultern.
"Und ich dachte, dein Bachelor reicht aus, um dir das selbst zusammenzureimen." Er lässt den Grill Grill sein und baut sich vor Vincent auf, schaut lächelnd auf ihn. "Alles was passiert ist, wäre sowieso passiert. Wenn überhaupt, hast du mir nur auf die Sprünge geholfen."
Die Sache ist, Vincent weiß das. Natürlich weiß er das. Und doch breitet sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus, fällt ihm ein klitzekleiner Stein vom Herzen.
"Pf," übertönt er die wohlige Wärme in seinem Körper. Adam patscht ihm gutmütig auf die Locken und Vincent schiebt seine Hand weg. "Weiß ich doch."
"Und übrigens," sagt Adam, als er sich wieder dem Grill zuwendet und anfängt, die ersten Sachen auf einen Teller zu stapeln. "wenn du mich nicht auf dem Laufenden hältst, was die Sache mit Karol angeht, hetz ich Wiktor auf euch."
- - -
Vincent kann sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal einen Brief per Hand geschrieben hat. Aber sobald er sein erstes Wort gefunden hat, strömt es geradezu aus ihm heraus.
Das es für ihn etwas bedeutet, und was, und wieviel.
Das er es versuchen möchte, das er von ganzem Herzen daran glaubt, dass es etwas werden könnte, mit ihnen beiden, etwas richtiges.
Aber auch, das er versteht, wenn für Karol das Risiko zu groß ist. Er lässt ihm die Möglichkeit, den Brief einfach zu ignorieren, so zu tun, als wäre nie etwas passiert, damit sie beide - aber vor allem Vincent - mit ihrer verbliebenen Würde und einem auf Abstand haltenden 'Sie' weiter miteinander arbeiten können.
An den Schluss setzt er, mit aller Hoffnung, die er aufbringen kann, seine Nummer. Die, die nicht zu seinem Diensthandy gehört.
Vorsichtig trennt er das Blatt aus dem Notizblock, pustet einmal drüber um die Tinte zu trocknen und faltet es dann in der Mitte. Als er hochschaut, bemerkt er, dass Karols Blick auf ihm ruht.
-
Es ist Wolle, der um vier Uhr nachts mit dem entscheidenden Beweis hereinstürmt und fast dafür sorgt, dass Wiktor vom Sofa fällt.
Stunden um Stunden vergehen, die Festnahme, das Verhör, die Berichte, und jedes Mal, wenn Vincent fast die Augen zuklappen, erinnert er sich an den Brief, den er unter seiner Tastatur versteckt hat.
Den Brief, den er auf seinen vorläufigen Abschlussbericht oben drauf legt, bevor er die Akte zuklappt und sie mit klopfendem Herzen Karol, der ihn sofort zum Schlafen nach Hause schickt, in die Hände drückt.
Als er gerade durch seine Wohnungstür stolpert, klingelt sein Handy.
Es ist eine unbekannte Nummer mit polnischer Landesvorwahl.
