Work Text:
Matreus weiß es eigentlich ab dem Moment, in dem Zanrelot ihm den Plan mitgeteilt hat.
Er möchte glauben, dass sein Meister die richtige, die gute Entscheidung treffen wird, aber tief in ihm ist ein kleiner Teil, der es besser weiß.
Er formuliert seinen eigenen Plan.
Es ist nicht leicht, eine Seele unbemerkt aus einem Körper zu ziehen und geschützt, behütet, zu sich aufzunehmen, aber Matreus weiß genau, welche magischen Bücher sich in den tiefsten Winkeln der Unterwelt verstecken und welches Wissen er von ihnen erlangen kann.
Auf dem Boot sucht er sich zusammen, was er braucht. Er zupft alte Haare von Jona - vor der Übernahme seines Köpers - von seinem Kopfkissen, wickelt eine Saite seiner Gitarre ab und stellt dann das halbe Boot auf den Kopf, bis er ganz hinten in einer Schublade den kleinen blauen Stein findet. Matreus' erster erfolgreicher Zauber. Er hat ihn Jona geschenkt, damit der ihn Zanrelot als sein eigenes Werk präsentieren und seinen Vater stolz machen kann.
Spät nachts, so spät, dass es beinahe schon wieder morgen ist, schleicht er sich auf das Grundstück der Wächter und öffnet die knarzende Tür zur Scheune. Matreus kniet sich vor die Öffnung, beißt die Zähne fest zusammen und scharrt ein kleines Häufchen Erde mit den bloßen Händen in einen Beutel, in dem seine anderen Fundstücke bereits darauf warten.
Er versteckt seine verbrannten Hände vor Zanrelot.
Den Beutel hat er immer bei sich. Er trägt ihn unter seinem Shirt um den Hals geschlungen, die Wärme an seine Rippen gepresst, oder in der Jackentasche, knetet ihn samt Inhalt durch und durch und durch, bis es in ihm singt, bis er nachts aufwacht, sein Atem stockend und spürt, wie die Magie um Jona bettelt.
Mit dem Anker fällt es ihm leichter, in Jona's Gesicht zu sehen und die wahre Person dahinter zu erkennen. Überall sickert Zanrelot durch die vertraute Gestalt, ein grüner Schein, der an ihm klebt und durch den Matreus immer und immer mehr die Gesten erkennt, die abwertenden Gesichtsausdrücke, bis er dem falschen Jona endlich begegnen kann ohne den Drang zu Schreien unterdrücken zu müssen. Und dort, ganz klein, ein winziger blauer Funken, der von Tag zu Tag schwächer wird.
Es ist ein gefährliches Spiel, das er hier treibt. Wenn er übereifrig handelt wird Zanrelot es merken. Wenn er zu lange wartet, wird Jona, der echte Jona, sich auflösen. Einfach so.
Als die Wächter ihnen das nächste Mal einen Strich durch die Rechnung machen und Zanrelot fluchend vor seinem Macht-O-Meter steht, mit der geballten Faust auf den Tisch schlägt, flickert der blaue Funken und Matreus weiß, dass es jetzt sein muss.
Zanrelot hat ihm den Rücken zugekehrt. Matreus holt tief Luft, spürt die Wärme des Beutels vor seiner Brust, die Magie in seinen Adern und streckt die Hand aus, die Finger zusammengekrallt als würde er nach etwas greifen.
Drei Worte, drei kleine Worte flüstert er so leise wie möglich, packt das greifbare Nichts so fest er kann und zerrt es mit einer einzelnen, kräftigen Bewegung zu sich.
War er doch zu spät? War der Anker nicht stark genug? Der Funken ist weg aber nichts hat sich geändert, nichts spürt er, nichts-
Er schlägt die Hand vor den Mund als sein Brustkorb schreit als würde er in Flammen stehen. Mit Mühe nur hält er sich auf den Beinen während das Brennen langsam abflaut, keine drei Meter vor ihm immer noch Zanrelot, vertieft in seiner Schimpftirade für die Matreus zum ersten Mal in seinem langen Leben dankbar ist.
Nach mehreren Minuten hat sich der Schmerz zu einem einzigen warmen Punkt zusammengezogen. Er erhält den Eindruck von jemandem, der unter wochenlanger Spannung, Wut, und Trauer stand und sich nun zum ersten Mal strecken kann, die Glieder knackend, ein langes Gähnen, bis er sich so klein zusammenrollt, wie es irgends geht und in einen tiefen, heilenden Schlaf verfällt.
"Matreus," blafft Zanrelot ihn an. Er hat sich nicht einmal umgedreht.
Matreus wischt sich den Schweiß von der Stirn und legt für einen kurzen Moment eine Hand an seine Seite, dort, wo unter seinen Rippen eine kleine Flamme Schutz gefunden hat.
"Ja, Meister," sagt er und berappelt sich wieder. "Ich komme."
-
Jona dabei zu haben ist gar nicht mal so schlimm, wie Matreus dachte.
Die Bücher haben ihn gewarnt - zwei Seelen in einem Körper sind eine zu viel. Früher oder später muss eine nachgeben oder der Körper wird es von alleine tun, was nirgendwo genauer definiert war, aber wohl nichts gutes heißen kann.
Aber Matreus' Körper ist schon lange an geballte Magie gewöhnt, lebt schon hunderte Jahre länger als er sollte. Er mag die Vorstellung, dass das alles dazu geführt hat, dass er jetzt dieses eine Mal gegen Zanrelot antreten kann, dass er endlich eine Mission erfüllt hat, die sein Meister ihm nie zugetraut hätte.
Über seinen Rippen ist ein Feuermal, dass sich jedesmal verändert hat, wenn er es erneut ansieht, sich mit Jona streckt und dehnt. Jona ist still. Wenn Matreus ihn vorsichtig anstuppst, ist es, als würde eine müde Hand ihn sanft von sich schieben um sich dann wieder umzudrehen und weiterzuschlafen.
Ihm ist wärmer, als es ihm jemals zuvor in der Unterwelt war.
Matreus lächelt, verdeckt das Mal wieder und widmet sich dem neuesten Plan des Fast-Eroberers von Lübeck.
-
"Matreus?" Fragt Jona, eine Sekunde bevor die Ohrfeige von Zanrelot auf sein Gesicht knallt. Matreus verzieht keine Miene. "Was passiert hier?"
Außen Zanrelot, der ihn anzischt, dann die schmerzende Wange, dann das schrille Fiepen in seinem Ohr, darunter ein verwirrter Jona.
"Ja, Meister," plappert Matreus auf gut Glück los, hofft, dass es das richtige war, hofft, das alles einfach einmal leise sein kann, damit er sich neu orientieren kann. Jona stellt das Reden hörbar ein.
"Geh mir aus den Augen," entlässt Zanrelot ihn. Matreus nickt, dreht sich auf der Stelle, und verlässt die zanrelotische Zentrale.
"Matreus?" Versucht Jona es vorsichtig wieder, nachdem Matreus planlos einige Gänge entlangmarschiert ist. "Was hast du gemacht?"
"Er hätte dich verhungern lassen," sagt Matreus ohne den Mund zu bewegen. "Deine Seele. Sie wäre einfach weg gewesen."
"Und jetzt ist sie bei dir."
Matreus nickt, hofft, dass Jona das irgendwie mitkriegt. Er reibt sich den schmerzenden Kiefer.
"Danke."
"Ja," sagt Matreus. Öffnet den Mund, verharrt kurz bevor er gerne, oder natürlich, oder ich kann dich nicht sterben lassen laut genug denken kann, dass Jona es mitbekommt.
Der Teil von ihm, der Jona ist, streckt sich, brennt auf, bis es ihm in den Fingerspitzen kribbelt.
"Du hast sicher Fragen," sagt Matreus stattdessen.
-
Die Kinder hassen ihn mehr als jemals zuvor.
Er kann es ihnen nicht übel nehmen - sie denken, er und Zanrelot haben Jona auf dem Gewissen. Zanrelot benutzt seinen gestohlenen Körper noch nicht einmal für den eigentlichen Zweck. Er hat nach dem ersten Verlust entschlossen, dass die menschliche Welt ihm zu widerwärtig ist und schickt erneut Matreus hoch um seine Pläne auszuführen.
Was er ihnen übel nehmen kann, ist mit dem Amulett auf ihn zu schießen, bevor er ein Wort sagen oder den eigenen Zauberstab zücken kann.
"Du mieser Dreckskerl," schreit Karo mit voller Inbrunst und Matreus will lachen, als eine Welle des Stolzes von Jona aus zu ihm herüberschwappt.
Zur linken Seite kann er nicht ausweichen - kein Platz - aber rechts ist das Feuermal über dem er schützend die Arme verschränkt hat und ihm geht die Zeit aus und er dreht sich unbeholfen von dem Schuss weg, landet mit der Hüfte an der Reling und kippt, überraschend leise, kopfüber in die Trave.
Matreus kann schwimmen. Jona hat es ihm beigebracht, nach dem Tag an dem Matreus fast ertrunken wär.
Aber als das Wasser sich über ihm schließt, die träge Strömung an ihm zerrt, setzt die alte Panik wieder ein und er kann oben nicht von unten unterscheiden, kann keinen klaren Gedanken fassen. Irgendwo ist da Jona, der beruhigend auf ihn einredet, aber das Wasser ist so, so laut und Matreus kann ihn nicht hören.
Plötzlich ist es, als würde ihm jemand die flache Hand vor die Stirn klatschen und sein Körper bewegt sich ganz von alleine. Für einen Moment denkt er, irgendein vergessener Überlebensinstinkt hat angeschlagen und seine Arme und Beine retten ihn ohne sein Zutun, aber dann begreift er, dass es tatsächlich komplett ohne ihn passiert, dass Jona seinen Körper zwingt, zur Oberfläche zur schwimmen und sich dann treiben lässt, bis er an irgendeinem Boot hochklettern kann, den sprachlosen Bewohnern zuwinkt bevor er sie alle drei - einen Körper, zwei Seelen - auf festem Boden hinfallen lässt.
Ein Ruck geht durch Matreus und sein Körper gehört wieder ihm.
"Jona," keucht er und spuckt einen Schwall Wasser aus.
"Es tut mir leid," klingt es in seinem Kopf.
"Jona, hast du-"
"Ich hab vermutet, dass ich es kann. Es tut mir Leid."
"Warum?" Fragt Matreus laut, und in seinem Kopf, warum tut dir das Leid, warum hast du es nicht schon früher getan, warum rettest du mich.
"Es ist dein Körper," sagt Jona. "Ich bin nicht mein Vater."
Matreus schiebt sich die nassen Haare von der Stirn weg. Unter seiner Jacke trocknet sein Shirt bereits, so warm ist das Mal mittlerweile. Er wartet auf eine dritte Antwort, aber Jona schweigt den Rest des Tages.
-
"Stirbst du?" Fragt Jona, als Matreus vor lauter Hitze zum wiederholten Male die Jacke, die er so liebt, weglässt.
Matreus lacht. "Ich weiß es nicht."
Insgeheim hatte er gehofft, dass die Warnungen über zwei Seelen in einem Körper nur für echte Menschen gelten und er Zeit hätte, sich eine andere Lösung einfallen zu lassen. Denn die einzige, die er bis jetzt hat, ist Zanrelot, seinen Meister, umzubringen.
Jona weiß das auch, und hütet sich davor, es anzusprechen.
-
"Leonie," sagt Matreus und stützt sich an der Hauswand ab, als das Feuermal - seit neuestem deutlich spürbar - auf seiner Brust wächst. "Jona ist nicht tot."
"Ich glaub dir kein Wort!" Schreit sie ihm entgegen, dreht sich auf der Achse und rennt in Richtung Scheune. "Otti!"
Matreus nimmt stolpernd die Verfolgung auf, sieht, wie in der Scheune der älteste Wächter sich schützend vor Leonie schiebt, die am laufenden Band auf ihn einredet.
"Jona lebt, wirklich." Er kommt mit erhobenen Händen auf sie zu, die Lederjacke trägt er eh nicht, Zauberstab außer Reichweite. "Er hat gesagt, ihr könnt ihm helfen. Uns helfen."
Ottokar schaut angestrengt zwischen Leonie und Matreus hin und her, versucht die Informationen so schnell es geht zu verdauen und einen Schluss zu ziehen, bis sein Blick plötzlich an Matreus hängen bleibt.
"Leo," flüstert er laut und unterbricht ihren Wortschwall. "Leo, guck doch." Mit dem ausgestreckten Finger zeigt er auf Matreus' Schuhe.
Matreus schaut selbst hinunter. Es schwimmt ihm vor den Augen, die kurze Jagd durch den Garten hat dem Fieber, dass sich durch ihn frisst, nicht gefallen, aber seine Schuhe sehen eigentlich ganz normal aus. Er hat ein bisschen Stroh platt getreten, als er ihnen in die Scheune gefolgt ist, aber das kann sie wohl kaum-
"Oha," sagt Leonie.
Dann kippt Matreus um.
-
Als er wieder aufwacht, guckt Pinkas gerade vorsichtig unter sein T-Shirt und verzieht sein Gesicht. "Boah, ihr habt echt nicht gelogen. Das sieht ja richtig übel aus."
"Danke, gleichfalls," murmelt Matreus und versucht schlapp, Pinkas' Finger wegzuschlagen. Der springt vor lauter Schock zum Glück selbst zurück, denn Matreus' Arm hebt sich kaum vom Boden ab.
Sie haben ihn in der Scheune liegen gelassen, da der Boden ihn nicht verbrennt. Jemand - er verdächtigt die kleinste Wächterin - hat seinen Kopf auf ein Kissen gelegt und einen feuchten Lappen auf seine Stirn.
"Ist das Jona?" Fragt Ottokar. Er hat seine Brille auf und mustert ihn halb misstrauisch, halb fasziniert. Matreus' Augen driften ab, wabern zum Dach der Scheune hin.
Für die volle Erklärung hat Matreus weder die Zeit noch die Geistesgegenwart. "Ja."
Das Fieber rennt mit ihm davon. Er kann die Unterhaltung der Wächter nur halb verfolgen, ist kaum überrascht, als eine blau wabernde Gestalt sich über ihn beugt. In seinem Kopf murmelt Jona beruhigend auf ihn ein.
"…trennen, …beide sterben," sagt Hedda und die Kinder geben eine Reihe ungläubiger Geräusche von sich.
Nein, denkt Matreus, nein, denkt Jona und zerrt an Matreus, an seiner Seele, bis er für einen Moment wieder klar im Kopf ist. Er streckt den Arm nach Hedda aus, ist selbst überrascht, als er ein festes blaues Handgelenk umschließt anstatt gerade hindurchzugreifen.
"Ancora vita," keucht er hervor und lässt den Arm zurückfallen, dreht die Hand gerade so, dass sie wieder auf seinen Rippen landet, dem ersten Fleck, den er schon seit Monaten beschützt.
"Oh," sagt Hedda, aufgeregt, und umfasst sein brennendes Gesicht mit blauen Händen. "Oh, du kluger, cleverer Junge."
Das letzte was er hört, bevor er sein Bewusstsein wieder verliert, ist Hedda, die die Kinder in die Unterwelt schickt.
-
Was immer sie vorhatten, es hat nicht geklappt, denkt Matreus als er das nächste Mal aufwacht und ihm immer noch unendlich warm ist.
Im Grunde hat er seinen Frieden damit geschlossen. Die invasive Seele übernimmt, sofern er sich nicht wehrt, das wusste er schon immer, so sehr Jona sich auch dagegen sträuben mag. Er kann sich schlimmere Enden vorstellen.
Etwas kitzelt ihn am Hals - Stroh, vermutlich - und er streckt einen schlappen Arm aus, um es wegzuwischen, trifft auf etwas unerwartetes.
Matreus blinzelt sich den Schlaf aus den Augen.
Er liegt auf dem Sofa in der Scheune. Auf ihm liegt Jona, friedlich schlafend, alle Züge von Zanrelot aus seinem Gesicht gewischt. Schlagartig fällt ihm die gähnende Leere in ihm auf, das Fehlen des Fiebers und Feuers. Er packt sich an den Hals, sucht nach dem Mal, das sich vorhin bereits bis dorthin ausgebreitet hatte, und findet nichts, lugt vorsichtig - so weit es geht - unter sein T-Shirt und entdeckt es wieder, in genau der Form, das es am ersten Tag hatte.
Unbeweglich und unscheinbar hockt es da auf seinen Rippen.
Direkt daneben, auf der anderen Hälfte seines Oberkörpers, vergräbt Jona die Nase noch etwas tiefer in Matreus' Hals und atmet ihm auf die Haut.
"Oh," sagt Matreus leise.
Sein rechter Arm hängt halb von dem Sofa runter. Vorsichtig hebt er ihn und legt ihn auf Jona's Rücken, spürt das auf und ab seines Brustkorbs, die warme Haut unter dem weiten Hemd.
Kleine, leise Tränen kullern ihm aus den Augenwinkeln, laufen seine Wangen hinunter und kitzeln ihn an den Ohren, aber er lässt es geschehen, nimmt den anderen Arm hinzu und drückt Jona so fest an sich wie er kann, ohne ihn aufzuwecken.
Jona seufzt im Schlaf und drückt zurück. Seine Hand landet auf dem Feuermal.
