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Teamwork (German version)

Summary:

Es herrscht noch immer keine richtig gute Stimmung zwischen Tony und Steve, die nach "Civil War" nicht so wirklich miteinander geredet haben. Als Tony von einem Testflug nicht zurückkommt, ist das Team gefordert. Dass dann auch noch James Buchanan "Bucky" Barnes auf der Bildfläche erscheint, macht das Ganze aber nicht wirklich einfacher. // Das ist meine ganz eigene Version davon, was zwischen "Civil War" und "Endgame" so passiert sein könnte, dabei umschiffe ich aber sehr viele der Ereignisse von "Infinity War" und "Endgame". Dafür klaue ich das Beste aus "The Falcon and the Winter Soldier", um es etwas stimmiger zu machen. Und einfach, weil ich es kann. ;-)//

Notes:

Hallo an alle da draußen! Ich habe auch den Weg hierher gefunden und dachte mir, einen Versuch ist es wert. Die Geschichte an sich ist fertiggestellt, was nicht heißt, dass ich nicht doch noch irgendwo irgendwas verändere oder gar ergänze. Denn oftmals ziehe ich ganz viel Input von den Kommentaren und versuche dann - sofern mit der Geschichte vereinbar - dies in kommende Kapitel einzubinden. In diesem Sinne: Traut euch und lasst mir ein paar Zeilen da!

(See the end of the work for more notes.)

Chapter 1: Wie alles begann

Chapter Text

Teamwork

Prolog

New York, Juni 2017

Montagabend

Happy Hogan war alles andere als „happy“. Sein Blick wanderte von einem Bildschirm zum anderen, aber so richtig schlau wurde er aus den angezeigten Daten nicht. „Wie kann das möglich sein?!“, fragte er niemand bestimmtes im Raum. „Wie kann Tony einfach so verschwinden?“

Steve studierte die altmodischen Landkarten aus Papier, die er vor sich auf dem großen Besprechungstisch liegen hatte. In den letzten Jahren hatte er viele technische Errungenschaften schätzen gelernt; vor allem diese kleinen tragbaren Wunderdinger namens Mp3-Player fand er überaus praktisch. Aber wenn es darum ging, Missionen zu planen, und sich in dem Zug mit dem Gelände vertraut zu machen, dann griff er gerne auf althergebrachtes zurück. Für diese Mission - das Auffinden von Tony - hatten sie allerdings so wenige Informationen, dass sie in der Tat ratlos waren. F.R.I.D.A.Y. hatte sie mit einer Fülle von Daten überhäuft. Doch diese waren fehlerhaft, daran bestand kein Zweifel. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Tony sich gleichzeitig an 5 verschiedenen Punkten aufgehalten haben sollte?

„Vielleicht wollte er ‚einfach so verschwinden‘?“, warf Sam ein. „Vielleicht sind diese Fehlinformationen gar nicht fehlerhaft, sondern durchaus so gewünscht? Um etwaige Verfolger loszuwerden?“

„Das wäre eine Möglichkeit“, nickte Steve. „Aber so egoistisch Tony auch ist - er würde Pepper und Morgan niemals absichtlich in so eine Lage bringen und sie glauben lassen, ihm wäre etwas passiert.“

„Dann wurde er gezwungen, abzutauchen? Von wem? Und warum?“

„Verdächtige gibt es bestimmt einige. Aber das ‚Warum‘ kann ich dir auch nicht erklären“, meinte Happy stirnrunzelnd. „Ich werde die Liste umgehend erstellen lassen.“

„So kommen wir nicht weiter. Ich glaube, wir sollten das wie einen klassischen Kriminalfall angehen“, sagte Steve. „Und ganz am Anfang starten.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war jetzt 19:29 Uhr. Seit dem Anruf von Pepper, die ihn verunsichert gebeten hatte, ins Hauptquartier zu kommen, war knapp 1 Stunde vergangen. „Was wissen wir mit Sicherheit?“

Happy trat an den Tisch heran. „Tony ist heute Morgen ins Labor gegangen und die Aufzeichnungen zeigen, dass er gegen 15 Uhr in den Anzug stieg und davongeflogen ist. Er meinte noch zu F.R.I.D.A.Y., dass er zum Abendessen wieder zurück sei. Als Morgan ihn dann gegen 18:15 Uhr holen wollte, war er immer noch nicht zurück.“

Dass sich Tony stunden-, wenn nicht tagelang im Labor aufhalten konnte, war an sich nicht überraschend. Doch Steve wusste, dass sich der einstige Lebemann seit Morgans Geburt deutlich verändert hatte und versuchte, die verbrachte Zeit in der Werkstatt auf ein familienfreundliches Level herunterzuschrauben. Womöglich wäre Tonys Ausbleiben vom Abendessen ansonsten gar nicht so schnell aufgefallen. „Okay. Woran hat er gearbeitet? Gibt es Pläne, F.R.I.D.A.Y.?“

„Mr. Stark hat die letzte Zeit intensiv am Düsentriebwerk gearbeitet, Captain Rogers. Als er heute Nachmittag aufbrach, wollte er die im Anzug verbaute Version testen.“ Nachdenklich fuhr sich Steve mit den Fingern über das bärtige Kinn. „Die Daten des Anzugs erlauben nach unserem bisherigen Kenntnisstand keine Rückschlüsse auf seinen Kurs. Gibt es sonst irgendwelche Möglichkeiten, seine Flugbahn nachzuvollziehen?“

„Ich könnte versuchen, Zugriff auf die Helmkamera zu bekommen“, schlug Happy vor. „Sofern sie aktiviert war. Bei Tony weiß man das nicht immer.“

„Ja, tu‘ das“, nickte Steve und stand auf, um an die große Fensterfront zuzugehen, von der aus man einen fantastischen Blick über Manhattan hatte. Er überlegte kurz. „Und du solltest mal nach Pepper und Morgan schauen. Ich sehe mich in der Zwischenzeit in der Werkstatt um. Vielleicht finde ich dort einen Hinweis, wo er hinwollte.“

Sam stand nickend auf. „Ich helfe dir. Vier Augen sehen mehr als zwei.“

Gemeinsam mit Happy verließen sie den Besprechungsraum, während der Sicherheitschef den Flur entlang zur Kommandozentrale ging, schlug Steve mit Sam den Weg Richtung Werkstatt ein.

 

*** ***

 

Wie viel Zeit vergangen war, konnte Steve nicht mit Sicherheit sagen, er wusste nur, dass sein Magen knurrte und es vielleicht keine schlechte Idee wäre, eine kurze Pause einzulegen, um eine Kleinigkeit zu essen. Ein kurzer Seitenblick zu Sam bestätigte ihn in seiner Annahme, denn sein Freund wirkte nicht minder erschöpft. Die Sorge um das Wohlergehen ihres Freundes und die Ungewissheit darüber, was passiert und wo Tony abgeblieben war, setzte ihnen allen zu. Seufzend legte er eine Gerätschaft zur Seite, von der er nicht wusste, wozu sie von Tony konstruiert worden war. Vieles in diesem Raum mutete wie Technologie aus einer anderen Welt an. Vielleicht, oder eher, ganz bestimmt stammte diese auch tatsächlich aus einem anderen Universum. „Pause?“

„Kling gut.“

Happy betrat mit versteinerter Miene die Werkstatt und kam ohne Umschweife zur Sache. „F.R.I.D.A.Y., zeig‘ uns die letzte Aufnahme von Tonys Helmkamera.“ An Sam und Steve gewandt meinte er: „Ich glaube, wir haben unseren Verdächtigen.“ Die Aufnahmen erschienen als großes Hologramm, waren verwackelt und bruchstückhaft. Aber ein Gesicht war darauf für wenige Sekunden sichtbar, bevor das Video endgültig schwarz wurde. Es gehörte unverkennbar zu James Buchanan Barnes.

Chapter 2: Konfrontation

Notes:

So, nach dem relativ kurzen Einführungskapitel tauchen wir jetzt etwas tiefer in die Materie ein. Ich wünsche euch gute Unterhaltung. Lasst mich wissen, wie ihr über die Situation denkt. Ich freue mich auf eure Rückmeldungen.

Chapter Text

New York, Mai 2017

-Vier Wochen zuvor-


Nur mit halbem Ohr und gemischten Gefühlen verfolgte Steve Rogers die ausschweifende und wie zumeist etwas selbstverliebte Rede seines ... ja, konnte man noch von „Freund“ reden? Es war im letzten Jahr vieles passiert, was die Freundschaft zwischen ihm und Tony Stark auf die Probe gestellt hatte. Einige dieser Dinge bedauerte Steve wirklich sehr, aber in anderen Punkten vertrat er eine andere Meinung, was wiederum regelmäßig zu Reibereien mit Tony führte.

Seufzend nahm Steve ein Schluck des leicht schal gewordenen Champagners und lehnte sich an den Türrahmen. Von hier aus hatte er einen guten Überblick über den Saal, in dem Tony die Veranstaltung abhielt. Offiziell ließ sich der Erfinder heute für eine neue technische Errungenschaft von der anwesenden Presse feiern. Inoffiziell war es eine Mischung aus Werbeauftritt und Selbstdarstellung gepaart mit dem Versuch, das Image der Avengers bei der Regierung wieder etwas aufzupolieren. Die Gruppe war solche Spielchen gewöhnt und ließ ihn gewähren. Secretary Ross suchte immer nach einem Grund, die Avengers aus dem Verkehr zu ziehen, daher konnte ein wenig Werbung in eigener Sache sicherlich nicht schaden. Es hatte unzählige Sitzungen am Verhandlungstisch mit den Regierungsvertretern gebraucht, um an den Punkt zu gelangen, an dem sie sich heute befanden. Der momentan gültige Kompromiss behagte dem Erfinder nicht wirklich und das nicht unterschriebene Sokovia-Abkommen war noch immer ein wunder Punkt zwischen ihm und Tony.

Noch immer schien ein unsichtbarer Keil sie mal mehr, mal weniger auseinander zu treiben. Ein Großteil dieses Drucks ging unmittelbar von dem egozentrischen Milliardär aus, der immer noch darauf pochte, das Abkommen in die Tat umzusetzen. Und trotzdem kam es Steve so vor, als ob Tony nicht wirklich gewillt war, die Avengers als solche aufzugeben. Im Gegenteil. Nach außen hin pflegte er gerne das Bild eines arroganten Angebers, doch Steve kannte ihn besser und wusste, dass Tony das Wohl seiner Familie, seiner Mitstreiter, sehr am Herzen lag. Vielleicht hatte er sich auch deshalb so in diese Sokovia-Abkommen-Sache verrannt.

Steves Standpunkt war ein anderer; er fürchtete weitreichende Sanktionen und für Dienste eingespannt zu werden, die er nicht gutheißen konnte und nicht seinen Idealen entsprachen. Damit befand er sich in der Zwickmühle, denn ohne Tony auf seiner Seite konnte es brenzlig werden. Schließlich machte die Fülle der technischen Möglichkeiten und natürlich auch die Sicherheit eines großen finanziellen Polsters für sie vieles im Kampf gegen wen auch immer einfacher und ein Stück weit unabhängiger. So weit man von Unabhängigkeit sprechen konnte, denn auch die Avengers unterlagen, seit dem gravierenden Vorfall in Deutschland, der auch einen beträchtlichen materiellen Schaden auf dem Flughafen beinhaltete, strengen Auflagen der Regierung.

Tonys markante Stimme hallte durch den Raum, als er nach der Präsentation auf der Bühne stand und sich der Presse widmete, die zwar nicht schlecht über den vorgestellten Prototypen eines neuartigen Düsentriebwerks gestaunt hatte, aber wie immer viel interessierter an Heldengeschichten war. „Wie ich mir den perfekten Heldentod vorstelle?“, wiederholte er gerade eine Frage von einem Reporter. Er schien kurz nachzudenken, während er die Augen zusammenkniff und den Kopf schräg legte und dabei das Mikrophon in einer Hand hielt. „Nun, es gibt da schon eine bestimmte Vorstellung von mir - nicht, dass ich mir diesbezüglich Gedanken gemacht hätte.“ Ein amüsiertes Grinsen erschien auf seinem Gesicht und es hagelte sofort Blitzlichtgewitter. Ihm war ganz klar bewusst, dass ihm die Aufmerksamkeit der Anwesenden galt und er kostete den Moment in allen Zügen aus. „Aber wenn Sie schon so fragen: Wenn, dann muss es schon mit einem großen Knall zu Ende gehen. Ein schönes Weltuntergangs-Szenario als Grundlage wäre nicht schlecht und ich, als wagemutiger Iron Man, mittendrin. Alles andere ist schmückendes Beiwerk. Die letzte große Tat, eine nicht umkehrbare, aber notwendige Handlung von mir, die mich selbst das Leben kostet“, er nickte sich selbst bestätigend zu, „aber den Rest der Welt rettet. Ja, ich glaube, das könnte ich so unterschreiben.“

„Oh, ja, das würdest du“, murmelte Steve mit den Augen rollend. Bescheidenheit kannte Tony Stark nicht wirklich. Aber man war ja nichts anderes von dem Erfinder gewohnt. Daher ließ Steve ihn einfach seine Reden schwingen. Nachdenklich fuhr er sich mit der freien Hand durch den Vollbart, den er seit ein paar Monaten trug. Nach all den Jahren als glattrasierter Liebling aller Schwiegermütter mit Kurzhaarfrisur war ihm der Sinn nach einer Veränderung gestanden. Und er musste zugeben, dass ihm der neue Look mit den längeren Haaren und dem Bart selbst auch gut gefiel.

„Und wenn wir schon dabei sind“, fuhr Tony fort, „dann möchte ich auch gleich noch meine Heldenbeerdigung ansprechen. Die wird im ganz großen Stil ablaufen. Kein langweiliges Blumengesteck, das auf dem See hinterm Haus rumdümpelt und Trauergäste, die dem Bouquet geknickt hinterher schauen und dabei kein Wort über mich verlieren. Verstehen Sie, was ich meine? Da muss schon etwas mehr kommen.“

Das Publikum liebte Tony und Tony liebte es, vor Publikum aufzutreten. Eine klassische „Win/Win“-Situation, wie man heute zu sagen pflegte. Die Leute lagen ihm förmlich zu Füßen und klatschten amüsiert und lachten dabei, nachdem Tony mit seinen Ausführungen geendet hatte. Steve schüttelte amüsiert den Kopf bei der Vorstellung und ging dazu über, die anderen Gäste zu sondieren.

Sam, Clint, Scott und Rhodey konnte er auf Anhieb ausmachen, die anderen Teammitglieder hatten sich irgendwo unter die große Schar der Anwesenden gemischt. Sein Blick blieb an der großen Fensterfront und der dort einsam stehenden Person hängen. Er spürte einen Stich im Herzen, als er Bucky beobachtete, der sich ganz offensichtlich nicht wohl in seiner Haut fühlte. Als er vor ein paar Wochen die Einladung zu diesem Event von Stark Industries erhalten und sich mit dem restlichen Team darüber unterhalten hatte, war ihm gleich aufgefallen, dass Bucky nicht zu dem Kreis der Auserwählten gehörte. Dass sein bester Freund nun trotzdem hier war, verdankte Steve nur der Tatsache, dass die anderen Teammitglieder Tony überstimmt hatten – was ihn mit ein bisschen Stolz erfüllte. Bucky hatte mehr als einmal sein eigenes Leben für andere während des 2. Weltkriegs riskiert und verdiente den gleichen Respekt wie seine Freunde auch. Und Steve war nicht müde geworden, auf Tony einzuwirken, hatte den alten Teamgeist heraufbeschworen und gehofft, dass sich die Wogen doch noch irgendwie glätten ließen. Der Kompromiss hatte darin bestanden, dass Bucky nun zwar geduldet war, aber Tony einen großen Bogen um ihn machte.

Natürlich war sich Steve der Tragweite von Buckys Anwesenheit bewusst - noch vor knapp 1 Jahr hätten sich Tony und Bucky, einschließlich ihm selbst, beinahe gegenseitig selbst zerfleischt, nachdem Tony herausgefunden hatte, wer für den Tod seiner Eltern verantwortlich war. Dass sich dieser Jemand jetzt im selben Raum wie der Erfinder befand, war für Tony sicherlich nicht einfach zu verdauen. Aber Steve wusste aus tiefstem Herzen, dass Bucky diesbezüglich keine Schuld traf. Steve würde sein Leben für Bucky geben und umgekehrt wäre es genauso. Nur Tony war in dieser Angelegenheit stur wie ein Esel; er sah in Bucky ausschließlich den Winter Soldier und ignorierte ihn seit ihrem letzten Aufeinandertreffen gekonnt. Und das, obwohl dieser mehrfach bewiesen hatte, wie loyal er - James Buchanan Barnes - Steve und den anderen Teammitgliedern gegenüber war. Zudem leistete er Wiedergutmachung, indem er gegen Mitglieder von Hydra vorging und half, diese hinter Gitter zubringen. Wenn immer Hilfe vonnöten war, war Bucky zur Stelle. Er hatte Sam bei der Sanierung von dessen Boot geholfen. Er kümmerte sich um den über 80jährigen Nachbarn Yori Nakashima und er war gerade dabei, sich in Sams Heimatstadt Delacroix eine kleine Reparaturwerkstatt einzurichten und dort unentgeltlich alle möglichen Gerätschaften instandzusetzen. Was, so hatte Sam ihm gegenüber anvertraut, wohl auch noch dazu führte, dass sein Kumpel mehr Zeit mit Sams Schwester Sarah verbringen konnte. Allem Anschein nach bahnte sich zwischen Bucky und Sarah etwas an. Sam war noch zwiegespalten deswegen, aber Steve gönnte seinem Freund das private Glück von ganzem Herzen.

Und noch immer hoffte Steve, dass auch Tony einsehen würde, was sie zusammen als Team erreichen konnten. Er war nicht so naiv zu glauben, dass zwischen den beiden Männern einfach so Frieden herrschen würde. Aber er klammerte sich an der Vorstellung fest, dass die zwei sich gegenseitig würden vergeben können. Doch dazu müsste es erst einmal zu einer gesitteten Aussprache kommen. Momentan sah es danach allerdings nicht aus, was Steve geknickt zur Kenntnis nahm. Trotzdem gab er nicht auf, an das Gute im Menschen zu glauben und wollte Tony zeigen, dass die restliche Gruppe Bucky gegenüber aufgeschlossen war - allen vorangegangenen Geschehnissen zum Trotz.  

Vieles hatte sich seither verändert - allem voran Bucky selbst, der mittlerweile die Haare wieder kurz trug und auch den Vollbart aus Wakanda-Zeiten gegen einen 3-Tage Bart getauscht hatte. Nicht nur optisch hatte sich einiges getan. Wenn auch nicht ganz freiwillig, nahm sein Kumpel mittlerweile an regelmäßigen Therapiesitzungen teil, über deren Erfolg man allerdings geteilter Meinung sein konnte. Steve wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein konnte, sich in einer völlig fremden Gegenwart zurechtfinden zu müssen. So viele neue Eindrücke und Erfindungen galt es zu verarbeiten, ganz zu schweigen von den heutigen Gepflogenheiten. In Buckys Fall wurden die kleinen Fortschritte oft durch dessen eigene Schuldgefühle wieder zunichte gemacht, was Steve sehr bedauerte.

Erneuter Applaus brandete auf und Steve nahm im Augenwinkel wahr, wie Tony die Bühne verließ. Im gleichen Augenblick kam ein Kellner bei ihm vorbei und er nutzte die Chance, sein halbleeres Glas gegen ein frisch eingeschenktes zu tauschen. Wenn man eins von Tony nicht behaupten konnte, dann dass er ein schlechter Gastgeber war - die servierten Speisen und Getränke waren wie immer exquisit.

Rhodey trat grinsend an ihn heran und prostete ihm zu. „Tony, wie er leibt und lebt, hm?“

„In der Tat“, nickte Steve. Die Geste erwidernd, nahm er einen Schluck.

„Solange er uns die Presse vom Hals hält, solls mir Recht sein.“ Jemand winkte Rhodey zu sich und dieser warf Steve einen entschuldigenden Blick zu, ehe er weiterzog. „Ein alter Weggefährte. Wir reden später, ja? Lauf‘ nicht weg.“

„Okay. Werde ich nicht.“ Er sollte nicht lange alleine bleiben, denn der Gastgeber höchstpersönlich war im Anmarsch.

„Na, wie gefällt dir meine kleine Party?“ Selbstbewusst wie immer schlenderte Tony auf ihn zu, herausgeputzt und in bester Feierstimmung.

„Von ‚klein‘ kann keine Rede sein, Tony“, erwiderte Steve gelassen. „Aber ja, es ist nett hier.“ So ganz stimmte das nicht, doch es würde eh keinen Zweck haben, mit seinem Gegenüber darüber diskutieren zu wollen.

„Freut mich zu hören“, schmunzelte Tony und verschaffte sich einen Überblick über das Gewusel. Nickte hier jemanden zu, begrüßte dort jemanden per erhobener Hand. „Du weißt ja ... sehen und gesehen werden. Publicity ist alles.“ Innerhalb von Sekundenbruchteilen versteinerten sich seine Gesichtszüge jedoch, als er einen bestimmten Punkt fixierte. Seine Stimme war ein leises Grollen, als er sagte: „Sag‘ Barnes, er soll sich von meiner Familie fernhalten, ehe ich mich vergesse.“

Stirnrunzelnd drehte Steve sich um und holte tief Luft, als er Morgan bei Bucky stehen sah. Die Kleine hielt dessen kybernetische Hand in ihren kleinen Kinderhänden und wirkte total fasziniert von der metallisch glänzenden Oberfläche. Im ersten Moment war er selbst ein wenig geschockt über den Anblick, doch dann erinnerte er sich an die Geschichten von Sam, wenn dieser von den Wochenendausflügen zusammen mit seinen beiden Neffen und Bucky sprach. In der Gegenwart von Kindern schien sein Kumpel wie ausgewechselt. Gerade noch so konnte er Tony am Oberarm festhalten, als dieser ohne Vorwarnung losstürmen wollte. „Whoa! Immer mit der Ruhe!“

Tony drehte sich zu Steve um, seine Augen waren zusammengekniffen, als er sagte: „Lass‘ mich los.“

„Du tust ihm Unrecht“, meinte Steve aufrichtig, hielt sein Gegenüber aber immer noch fest.

„ICH tue IHM Unrecht?!“, platzte es aus ihm heraus, während er gleichzeitig versuchte, die anwesenden Gäste nicht allzu sehr mit seinem Wutausbruch zu irritieren. Mit einer forschen Bewegung konnte er sich aus dem Griff befreien.

Steve baute sich vor ihm auf und hinderte ihn daran, seinen Weg fortzusetzen. Das letzte, was er wollte, war hier und jetzt einen Streit vom Zaun zu brechen. Damit wäre keinem von ihnen geholfen. „Ich rede mit ihm, okay?“

„Es wäre besser, wenn es nicht nur beim Reden bleibt und er von hier verschwindet.“ Tonys Standpunkt war klar und ohne Umschweife formuliert.

Steve wusste, dass sich Tonys Zorn auch auf ihn selbst richtete, weil er ihm damals die Wahrheit darüber verschwiegen hatte, wer für den Tod von Tonys Eltern verantwortlich gewesen war. Er hatte seine Freundschaft zu Tony wissentlich aufs Spiel gesetzt, weil er es für das Beste gehalten hatte, die grausamen Fakten nicht zu erwähnen. Er hatte Tony zusätzliches Leid ersparen wollen, aber dafür nur noch mehr Unheil heraufbeschworen. Ohne weitere Erwiderung bahnte sich Steve seinen Weg durch die Gäste. Er verfluchte sich selbst. Er hätte wissen müssen, dass alleiniges Wunschdenken den immer noch schwelenden Konflikt zwischen Tony und Bucky und ihm selbst nicht lösen konnte. Um Normalität bemüht, trat er auf Bucky und Morgan zu. „Hey“, grüßte er.

„Hallo Onkel Steve!“, grüßte das Mädchen zurück. „Sieh‘ mal die Hand von James an!“

Ohne darauf einzugehen, wechselte Steve das Thema und beugte sich etwas zu ihr hinunter. „Dein Dad sucht dich.“ Er deutete in die entsprechende Richtung. „Und du kannst ihm sagen, ich habe dir eine extra Portion Eis versprochen. Wie hört sich das an, Prinzessin?“ Er wusste, dass Tony seiner Kleinen das Eis nicht würde ausreden können und dieser somit für einige Zeit abgelenkt wäre. Hoffentlich lang genug, um es hier zu keiner Eskalation kommen zu lassen.

„Cool!“ Und schon war das quirlige Mädchen mit der dunklen Lockenmähne verschwunden.

Wenn nur alles immer so einfach wäre, dachte Steve, ehe er sich seufzend aufrichtete.

„Ich hab‘ Tony und dich gesehen“, meinte Bucky leise. „Er scheint nicht sehr erfreut zu sein. Ich denke, ich verabschiede mich.“

„Buck“, setzte Steve zu einer Erwiderung an, wurde jedoch von ihm unterbrochen.

„Schon gut. Ich bin hier eh‘ fehl am Platz. Bin nur dir zuliebe mitgekommen.“ Er klang nicht enttäuscht oder gar aufgebracht, dennoch war eine Spur Traurigkeit deutlich herauszuhören.

„Es tut mir leid, Kumpel. Ich dachte, ich könnte ...“ Ihm fehlten die Worte, als er ihn niedergeschlagen anblickte.

„Hey, muss es nicht“, ein flüchtiges schiefes Grinsen umspielte seine Lippen, „immerhin der Schampus war gut.“ Zur Verdeutlichung seiner Worte hob er das leere Glas hoch, ehe er es auf dem Fenstersims abstellte. Dann gab er ihm einen kurzen Knuff auf den Oberarm. „Man sieht sich.“

Diese Aussage wiederum konnte alles bedeuten. Für gewöhnlich zog sich sein Freund in sein New Yorker Apartment zurück. Es konnte aber auch genauso gut vorkommen, dass Bucky die Stadt verließ, weil er noch irgendwo ein Versteck hatte. Nicht einmal Steve kannte den genauen Aufenthaltsort, er wusste nur davon, weil Bucky es ihm erzählt hatte. Wenn es der ehemalige Assassine darauf anlegte, nicht gefunden zu werden, standen die Chancen selbst für Steve schlecht, dessen Position ausfindig zu machen. Einzig allein der Fakt, dass Bucky, um von der Regierung seine volle Rehabilitierung zurückzuerhalten, in regelmäßigen Abständen bei der Psychiaterin Dr. Raynor erscheinen musste, verhinderte dessen völliges Abtauchen.



Fortsetzung folgt ...

Chapter 3: Runter kommen sie alle

Notes:

Dann schicken wir Tony mal auf die Reise.

(See the end of the chapter for more notes.)

Chapter Text

New York, Juni 2018
Montagnachmittag


„Boss? Das Energieniveau ist unter 5% gesunken.“ F.R.I.D.A.Y.s Stimme ließ trotzdem keine Spur von Hektik erkennen.

„Ja, ich weiß“, antwortete Tony ebenso gelassen, während er die digitalen Anzeigen vor seinen Augen überprüfte. Er befand sich auf einem Erkundungsflug, der ihn über weitläufige Waldgebiete außerhalb von New York führte. Die neu konstruierten Düsentriebwerke, die er vor einigen Wochen der Öffentlichkeit präsentiert hatte, hatten in kleinerer Form Verwendung in seinem Mark XLVII Anzug gefunden. Und bisher war er überaus zufrieden mit der Entwicklung. Das einzige Manko war im Moment noch der erhöhte Energiebedarf und die damit verbundene Reduzierung der Reichweite. In diesem Punkt bestand noch eindeutig Verbesserungsbedarf. Gleichzeitig reizte es ihn, die Leistungsfähigkeit auf die Probe zu stellen und alles, was möglich war, aus dem System rauszukitzeln. „Aber wie kann das sein? Wir sind nur einige hundert Meilen geflogen. Selbst mit dem gesteigerten Verbrauch müssten wir doch weiter kommen? F.R.I.D.A.Y., starte eine Systemanalyse und überprüfe die gesetzten Parameter.“

„Darf ich Sie daran erinnern, was das letzte Mal passiert ist, als dieser Schwellenwert unterschritten wurde?“

„Nein, darfst du nicht. Und zu deiner Information - ich habe alle Eventualitäten berücksichtigt und eine Reserveeinheit installiert. Sie müsste jeden Moment anspringen.“ Natürlich war ihm der von F.R.I.D.A.Y. erwähnte Vorfall bestens im Gedächtnis geblieben. Aus dem Grund gab es ja jetzt das Erweiterungsmodul. „Wie sind die Werte?“

„Die Analyse läuft noch. Bisher sind keine Abweichungen bekannt.“

Tony überlegte, welche Parameter neu zu bewerten wären, als plötzlich ein rotes Warnsignal in seinem Sichtbereich aufleuchtete und ihn eindringlich vor dem drohenden Ausfall einer Komponente in Kenntnis setzte. „Also, im Grunde, müsste eigentlich ... jetzt ... der Booster kommen?“ Nichts geschah. „F.R.I.D.A.Y.? Was ist da los?“

„Ich versuche, das System neu zu initiieren, Boss.“

„Du solltest dich besser beeilen!“

„Es reagiert nicht.“

„Dann nimm das Backup.“

„Das Backup scheint fehlerhaft zu sein.“

„Gibt es ein Backup vom Backup?“

„Ich fürchte nicht.“

„Nun, dann ...“, Tony spürte, wie sich die Schubkraft verringerte, doch schon im nächsten Moment blieb sie ganz aus und er fiel wie ein Stein vom Himmel. „Scheiße!“

Die Landung war erwartungsgemäß ziemlich hart und wäre ohne seinen Anzug sicherlich auch tödlich gewesen. Schreiend und fluchend rammte er mehrere Bäume, ehe er krachend Bodenkontakt herstellte und mit dem Gesicht nach unten liegenblieb. Etwas schwerfällig drehte er sich auf den Rücken und verharrte in dieser Position. Das alles kam ihm sehr vertraut vor und trotzdem konnte er es nicht glauben, was gerade passiert war. Wie hoch war die Chance, zwei Mal unter fast identischen Umständen abzustürzen? Und dann erneut in einer Gegend, die, nach einer ersten Einschätzung seinerseits, menschenleer war? „Himmel, Arsch und Zwirn!“, fluchte er. „F.R.I.D.A.Y., öffne den Anzug!“ Immerhin war nicht Winter. Und es war keine stockfinstere Nacht. Und immerhin hatte er sich keine Blessuren eingehandelt wie beim letzten Mal. Das hätte ihm gerade noch gefehlt.

Surrend entriegelten sich die einzelnen Segmente. Das war doch schon mal ein Fortschritt. Aufgeputscht vom Adrenalin musste Tony erst einmal tief durchatmen, ehe er sich aus dem Anzug schälte und sich einmal um die eigene Achse drehte. Sein Herz pochte immer noch wild von der ganzen Aufregung. „F.R.I.D.A.Y.? Kontakt zum Hauptquartier herstellen.“ Er wartete kurz, bekam aber keine Rückmeldung. „Hey, was ist mit dir?“, fragte er die künstliche Intelligenz. Angespannt lauschte er in die unheimlich anmutende Stille hinein und schüttelte ungläubig den Kopf. Anscheinend war beim Absturz ein etwas größerer Schaden im Kommunikationsmodul entstanden. Was auch sonst? „Dann auf ein Neues!“, brummte Tony und fing an, den Anzug wieder zusammenzusetzen, damit er ihn, in altgewohnter Weise, hinter sich herziehen konnte.

So ganz klar darüber, wo er sich befand und in welche Richtung er gehen musste, war sich Tony nicht. In unregelmäßigen Abständen blieb er stehen, um sich neu zu orientieren. Aber mitten im Wald sahen alle Bäume gleich aus. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn er schon die ganze Zeit über im Kreis gelaufen wäre. Langsam setzte die Dämmerung ein und Tony fing an, nervös zu werden. Zum gefühlt 1000. Mal versuchte er, Kontakt mit F.R.I.D.A.Y. aufzunehmen. Er hatte während einer der vielen Verschnaufpause versucht, den Fehler zu finden, doch ohne das richtige Equipment war das wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Schnaufend und an dem Gurt zerrend, schaffte er es eine kleine Anhöhe hinauf und stemmte sich erschöpft die Hände in die Hüften, als er versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Langsam beugte er den Oberkörper etwas nach vorne, während er gleichzeitig die Hände auf den Oberschenkeln abstützte. So tief wie möglich sog er die Luft ein und schloss dabei die Augen.

Dann verharrte er kurz und hielt die Luft an. Er drehte den Kopf etwas und lauschte erneut. War das etwa ...? Mit neu geschöpfter Hoffnung richtete er sich wieder auf, drehte sich sondierend um die eigene Achse. Er hörte tatsächlich Wasser plätschern! Jetzt erkannte er auch, dass sich rechts von ihm eine Felsformation erstreckte, die nach unten hin in eine Senke mündete. Dort befand sich ein Flusslauf. Ein Lächeln erschien auf Tonys Gesicht. Wenn er dem Flussverlauf folgte, würde er mit Sicherheit zurück in die Zivilisation finden. Doch dazu musste er ein Stück weiter entlang der Bruchkante laufen. Kurz zog er in Erwägung, den Anzug einfach zurückzulassen. Allerdings gab er damit auch die Möglichkeit auf, vielleicht doch noch Kontakt mit F.R.I.D.A.Y. oder jemand anders vom Hauptquartier aufbauen zu können.

Also spuckte er sich in die Hände, nahm das Seil und ruckte daran, um sich wieder in Bewegung zu setzen. „Komm schon!“, knurrte er, als sich im ersten Moment nichts tat. „Willst du echt, dass ich dich hier lasse?“ Nach dem zweiten Versuch klappte es dann. Erleichtert atmete Tony auf, als der Weg leicht abschüssig wurde und sich somit das Ziehen etwas leichter gestaltete. Jäh wurde seine gute Laune im Keim erstickt, denn ohne Vorwarnung ging ein Ruck durch das Seil, welches ihm durch die abrupte Bewegung schmerzhaft die Handinnenflächen schnitt. „Jetzt werd‘ ich aber gleich so richtig sauer!“, schimpfte er mit sich selbst und ließ das Seil zu Boden fallen.

Genervt besah er sich seine Hände, die noch immer zu brennen schienen. Es dauerte gefühlt eine halbe Ewigkeit, bis er sich wieder in der Lage sah, etwas anzufassen. Im Gegensatz zu vorhin jedoch bewegte sich der Anzug dieses Mal kein Stückchen, denn er hatte sich an einer Baumwurzel verfangen. Mit einer kräftigen Zugbewegung stemmte sich Tony dagegen, was aber nur dazu führte, dass das Seil nur noch heftiger in seine Haut schnitt und er es nicht mehr aushielt. Reflexartig ließ er los und kam ins Straucheln, als er plötzlich keinen Widerstand mehr hatte. Stolpernd versuchte er sich aufzurichten, verlor aber auf der unebenen und leicht abschüssigen Fläche das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin. Dabei rutschte er über die Abbruchkante und drohte abzustürzen. Wild um sich greifend gelang es ihm, den Sturz nach unten abzufangen, als er eine Baumwurzel zu fassen bekam. Ächzend versuchte er sich wieder nach oben zu ziehen. Zentimeter für Zentimeter arbeitete er sich vor. Mit den Fingerspitzen krallte er sich an der Kante fest. Für einen Moment schien es so, als hätte er es geschafft. Er müsste sich nur noch mit den Füßen abstützen und sich dann nach oben drücken. Allerdings war sein Glück von kurzer Dauer, denn die Baumwurzel riss ab und Tony fiel mit vor Schreck geweiteten Augen in die Tiefe.


Der Sturz dauerte nicht lange, doch der Aufprall auf der Wasseroberfläche tat umso mehr weh. Durch die Wucht wurde ihm die Luft aus den Lungen gedrückt, als er ins kalte Wasser eintauchte. Prustend und panisch nach Luft schnappend kämpfte er sich zurück nach oben. Er wusste nicht so recht, wo oben und unten war; griff nach allem, was er irgendwie erreichen konnte, kam aber nicht so richtig vorwärts. Erst nach mehreren Anläufen gelang es ihm, sich ans Ufer zu retten. Auf allen Vieren kroch er erschöpft und hustend aus dem Wasser. Als er festen Boden unter sich spürte, ließ er sich zur Seite fallen, ehe er auf dem Rücken zum Liegen kam. Blinzelnd öffnete er vorsichtig die Augen. Mit zittriger Hand fuhr er sich übers Gesicht. Irgendwas brannte an seiner Stirn und als er sich die Hand besah, konnte er Blut erkennen. „Na toll“, murmelte er heiser, ehe ihm schwarz vor Augen wurde.


***




Irgendwie schien er zu schweben ... war er noch oder schon wieder im Wasser? Oder in der Luft? Ihm war kalt und sein Schädel brummte. Kam das vom Absturz? Er war doch abgestürzt, oder? Befand er sich in einem merkwürdigen Traum? Oder hatte er sich einen Rausch angetrunken? Das würde den Schwindel und die Übelkeit erklären. Tausend Eindrücke rasten in seinem Kopf umher, aber nichts erschien Sinn zu ergeben. Er bewegte sich, aber spürte keine Belastung. Die Augen offenzuhalten fiel ihm sehr schwer, immer wieder musste er sie schließen, sobald die Übelkeit überhandnahm. Kraftlos fiel sein Kopf von einer Seite zur anderen. Er sah den Waldboden und dann wieder die Baumkronen über sich. Alles schwankte und gleichzeitig fühlte er wie in Watte gepackt. Er hörte das Rascheln des Laubes. Schwere Stiefel auf losem Kies. Knarzendes Holz. Schwärze umhüllte hin.

Metallisches Klirren. Kälte. Schmerz. Überall und gleichzeitig. Unbändiger Schmerz. Stille.

Sein Herz raste. Er fühlte sich gefangen in einer Blase, aus der es kein Entrinnen gab. Das Atmen war eine Qual. Die Kälte zog an ihm, zog ihn nach unten, hinab ins tiefschwarze Wasser. Luft! Er brauchte Luft!

Mit einem Ruck erhob er seinen Oberkörper, versuchte, die Fesseln zu sprengen, die ihn nach unten drückten. Schnappte nach Sauerstoff wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ermattet ließ er sich zurück sinken.

Etwas feuchtes berührte seine Stirn. Unkoordiniert wischte er es fort, aber es kam immer wieder. Da war auch wieder das Gefühl auf seiner Brust, so, als würde er in den Boden gedrückt werden. Er musste dagegen ankämpfen. Mühsam öffnete er die Augen. Die Umgebung war in schummriges Licht getaucht. Es war schwer, Einzelheiten auszumachen. Wo zum Teufel war er?

Wieder tauchte er ab in vollkommene Schwärze.


***




Dienstagabend


Als Tony das nächste Mal die Augen aufschlug, fühlte er sich zwar immer noch erschlagen, aber sein Verstand schien nun klarer. Jedenfalls glaubte er das. Roch er da Kaffeearoma? Stöhnend hob er seinen Oberkörper, jeder einzelne Muskel schien gegen ihn zu arbeiten, aber es gelang ihm, sich auf den Ellenbogen abzustützen.

„Wurde aber auch Zeit.“

Die Stimme ließ ihn kurz zusammenzucken und sich verwundert umsehen. Erst jetzt nahm er seine Umgebung wahr. Er lag auf einer Couch. Zudeckt mit einer schweren Patchwork-Decke. In einer Blockhütte. Zumindest ließ die Ausstattung diesen Schluss zu. Alles sehr dunkel und mit spartanischer Einrichtung. „W-wo bin ich?“, fragte er mit krächzender Stimme. Seine Arme fingen an zu schmerzen, weshalb er sich wieder hinlegte und kurz die Augen schloss. Für einem Moment dachte er, sich alles eingebildet zu haben, denn er bekam keine Antwort auf seine Frage.

Dafür stieg ihm wieder Kaffeeduft in die Nase. Dieses Mal viel intensiver. Er öffnete die Augen und erschrak, als er dicht vor seinem Gesicht eine Tasse erblickte, die ihm jemand entgegenhielt. Blinzelnd verfolgte er den Weg zurück von der Hand, den Arm hinauf und traute seinen Augen nicht. „Heiliger Bimbam!“

„Hatte schon befürchtet, dass du mir hier abkratzt. Hätte mir eine Menge Ärger eingehandelt.“

„Was nicht ist, kann ja noch werden“, erwiderte Tony, nachdem er sich etwas gefangen hatte und ergänzte: „Also das mit dem Ärger. Nicht mit dem Abkratzen.“

„Was is‘ nun mit dem Kaffee?“

Misstrauisch beäugte Tony die Tasse und deren Inhalt.

„Wenn ich dich tot sehen wollte, hätte ich dich nicht aus dem Fluss gezogen, Stark.“ Bucky rollte mit den Augen und zog schulterzuckend die Hand zurück, in der er die Tasse hielt. Dann ging er zurück zur Spüle, stellte den Becher auf die Arbeitsplatte und drehte sich um, so dass er mit dem Rücken an der Kante lehnte. Mit verschränkten Armen beobachtete er ihn aufmerksam.

„Touché.“ Tief einatmend sammelte Tony seine Kräfte und gelangte, nach zwei Anläufen, in eine halbwegs sitzende Position. Als er mit den Füßen nachhelfen wollte, zuckte ein Schmerz durch sein rechtes Bein, als würde es in Flammen stehen. Erschrocken und irritiert zugleich konnte er ein lautes Aufstöhnen nicht unterdrücken und versuchte so schnell wie möglich, wieder in eine liegende Position zu kommen. „Verfluchte Scheiße! Was ist da los?“

„Dein Knie war ausgerenkt“, meinte Bucky mit neutralem Gesichtsausdruck.

„Oh“, murmelte Tony. „Und du ... hast es ... wieder eingerenkt?“, wollte er vorsichtig wissen.

„Japp. Und die Wunde an deiner Stirn genäht.“ Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Wirst aber in den nächsten Tagen nicht laufen können. Was bedeutet, du sitzt hier fest.“

Tony runzelte die Stirn, ehe er diesen Fehler bereute, denn sogleich fing auch besagte Wunde unangenehm zu pochen an. Vorsichtig tastete er die Stelle mit den Fingerspitzen ab. „Kannst du nicht einfach einen Krankenwagen rufen?“

Die Antwort fiel kurz aus, gepaart mit einem erneuten Schulterzucken. „Kein Handy.“

„Na toll“, stöhnte Tony leise auf.

„Und selbst wenn ich eins hätte, gibt es hier keinen Empfang. Du kannst doch deinen Leuten mit deinen technischen Spielereien selbst Bescheid sagen.“

„Ganz so einfach ist das nicht“, schüttelte Tony den Kopf und drehte sich ein wenig in Buckys Richtung. „Beim Absturz ist wohl die Sende- und Empfangseinheit kaputt gegangen. Ich nehme nicht an, dass es hier ein Festnetztelefon gibt?“

„Wozu?“

„Um Hilfe zu rufen, wenn man Hilfe benötigt?“ Tony konnte nicht anders, als gereizt zu reagieren, doch er musste sich am Riemen reißen. Auch wenn es ihm nicht gefiel, war er seinem Retter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ohne seinen Anzug hätte er im Fall des Falles keine Chance gegen den Supersoldaten. Er hielt kurz inne und atmete tief durch. „Hör‘ zu. Ich weiß, wir sind ... nicht gerade die dicksten Freunde-“- Er stoppte, weil er ein belustigtes Schnaufen vernahm. „Kannst du mir sagen, wie ich am besten in die nächste Stadt komme?“

„Du? Überhaupt nicht. Die nächste Siedlung ist drei Tagesmärsche entfernt“, erklärte Bucky. „Und mit dem Knie? Vergiss‘ es.“

„DREI Tagesmärsche?!“

„Für normale Menschen. Ich kanns in eineinhalb Tagen schaffen.“

„Welcher Tag ist heute überhaupt?“

„Es ist Dienstagabend.“

Das bedeutete, ihm fehlte knapp etwas mehr als 1 Tag. Bemüht, seine Fassung zu wahren, kniff sich Tony mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel, als er versuchte, die Situation rational zu erfassen. Was ihm aber nicht so recht gelang. Er spürte, wie sein Blutdruck stieg. Er musste weg von hier, brauchte dringend eine Lösung für das Problem. Aber er schien sich mit seinen Überlegungen im Kreis zu drehen. Kurzatmig meinte er: „Ich muss ... irgendwie Kontakt zu Pepper ... oder dem Hauptquartier herstellen. D-die wi-wissen nicht, was passiert ist und-“

Scheinbar emotionslos stieß sich Bucky von der Arbeitsplatte ab und ging zur Haustür.

„Wo willst du hin?“ Panik machte sich in ihm breit.

„Feuerholz holen. Die Nächte hier draußen sind kalt.“ Anscheinend hatte er den Anflug von Unsicherheit in Tonys Stimme gehört, denn er blieb an der Tür stehen, ohne diese zu öffnen und drehte sich zu ihm um. Es vergingen einige Sekunden, in denen er sein Gegenüber taxierte, schien dabei etwas abzuwägen.

Das wiederum gab Tony die Möglichkeit, Barnes genauer in Augenschein zu nehmen. Vor ein paar Wochen hatte er ihn auf der Veranstaltung nur kurz und aus der Entfernung gesehen. Die optische Veränderung war nicht zu leugnen gewesen. Er hatte ihn noch mit langen Haaren und in Kampfmontur in Erinnerung. Jetzt gerade trug er Lederstiefel, Jeans, T-Shirt und - beinahe schon etwas klischeehaft - ein rot/blau kariertes Flanellhemd. „O-okay. Alles klar“, meinte Tony schnell und kam sich irgendwie ertappt vor.

„Ich mach dir nachher was zu Essen und dann ...“, er zuckte mit den Schultern, „gehen wir die Möglichkeiten durch.“ Er deutete nach draußen. „Wird schon dunkel und eine Sturmfront zieht auf. So gerne ich dich auch loshaben möchte, aber ich werde heute Nacht sicherlich nicht aufbrechen und deinetwegen durch den Matsch laufen.“


Notes:

Anregungen? Kritik? Wünsche? Lob? Traut euch und meldet euch zu Wort ...

Chapter 4: Erste Erkenntnisse

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Dienstagabend

 

Als Bucky nach draußen ging, hatte er immer noch die Stimme von Tony in den Ohren. Er kannte die Anzeichen von Panik und auch die Auswirkungen von PTBS. Und genau diese hatte er anhand der Stimmlage herausgehört. Er war ein wenig verwundert darüber. Tony Stark machte auf ihn nicht den Eindruck eines Mannes mit labilem Gemütszustand. Andererseits - Stark war ein Meister der Selbstdarstellung und daher wohl in der Lage, den Leuten etwas vorzumachen, was gar nicht da war. Oder in diesem Fall, etwas zu überspielen, von dem er wollte, dass niemand es sah. Und zudem kannte er den Mann ja nicht wirklich. Sie waren nur ein paar Mal aufeinander getroffen - und hatten sich beim letzten Kampf um ein Haar gegenseitig getötet.

Von der Veranda aus stieg er die vier Stufen nach unten und umrundete die Holzhütte, um zum Vorratslager für das Brennholz zu gelangen. Die ersten Windböen fuhren durch die Blätter der Laubbäume und kündigten das Sommergewitter an. Nicht mehr lange und es würde in Strömen gießen. Zum wiederholten Male fragte er sich, warum zum Teufel er sich dazu entschlossen hatte, Stark aus dem Bachlauf zu fischen und ihn in die Hütte zu bringen. Anscheinend war es sein Schicksal, bewusstlose Männer vor dem Ertrinken zu retten. Er hoffte inständig, dass ihn diese Aktion nicht in Schwierigkeiten bringen würde. Starks Wort hatte Gewicht und wenn dieser es darauf anlegen würde, könnte er ihn wahrscheinlich problemlos verhaften lassen.

Nachdenklich stapelte er sich ein paar dicke Holzscheite auf den linken Unterarm. Nach rund 80 Jahren, die er mit Kämpfen zugebracht hatte, wollte er nur seine Ruhe haben. Und er schien diese Ruhe auch endlich gefunden zu haben, nachdem Steve ihn nach Wakanda gebracht und man ihn dort zum ersten Mal seit Jahrzehnten wie einen Menschen, und nicht wie einen willenlosen Roboter behandelt hatte. König T’Challa hatte ein wahrlich großes Herz und deswegen verfügt, ihm, einem weltweit gesuchten und gefürchteten Auftragskiller, jede erdenkliche medizinische und psychiatrische Hilfe zukommen zu lassen, die in Wakanda verfügbar war. Am Ende seines fast 10 Monate langen Aufenthalts dort war er nicht nur die Überreste seines verhassten Winter Soldier Metallarms losgeworden, sondern auch die nicht weniger mental belastende Programmierung. Er hatte sein altes Ich zurückgelassen und dafür einen neuen Arm bekommen, obwohl er nicht wusste, ob er das überhaupt verdient hatte. Die Albträume waren allerdings geblieben. Vielleicht waren sie die Strafe für seine begangenen Taten und er dazu verdammt, bis zu seinem Lebensende von ihnen heimgesucht zu werden.

Dann war auf einmal Steve in Wakanda aufgetaucht und hatte gemeint, es sei an der Zeit, wieder „nach Hause“ zu kommen. Doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er kein Zuhause mehr. Jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Seine Eltern waren vor langer Zeit gestorben; seine jüngere Schwester Rebecca lebte in einem Altenheim und litt an Demenz. Außer Steve gab es niemanden in seinem Leben, den er zu seiner Familie zählte. Daher hatte er sich zunächst gesträubt, Wakanda zu verlassen. Aber Steve war nun einmal Steve - ein Mann mit Überzeugungskraft und allem voran sein bester Freund. Der ihm zudem versichert hatte, alles würde sich zum Guten wenden. Momentan zweifelte Bucky allerdings an dieser Aussage. Obwohl er nichts Falsches gemacht hatte - im Gegenteil, er hatte Tony das Leben gerettet - fühlte es sich für ihn so an, als ob über ihm ein Damokles-Schwert hing. Um ein halbwegs normales Leben führen zu können, musste er sich Auflagen der Regierung beugen. Auch wenn er keine Vorstellung davon hatte, wie ein „normales Leben“ aussah, steckte da auch der Ehrgeiz in ihm, Steve nicht zu enttäuschen. Zum ersten Mal hatte sich das Blatt gewendet - vor dem Krieg hatte er auf Steve aufgepasst. Jetzt war es genau andersrum.

Er vermisste die gute alte Zeit. Die 1940er Jahre. Damals war vieles anders, einfacher gewesen. Natürlich auch entbehrungsreicher. Wenn er allein an die heutigen Supermärkte dachte, mit den ellenlangen Gängen voll mit Essen in allen möglichen Variationen. Im Vergleich dazu war das Nahrungsmittelangebot in seiner Jugend geradezu lächerlich gering und überschaubar gewesen. Die Medizin hatte gewaltige Fortschritte gemacht, das konnte er nicht bestreiten. Wären Steve und er nur ein paar Jahrzehnte später geboren, hätte man dessen Mutter Sarah bestimmt heilen können. Ohne es richtig registriert zu haben, stand er plötzlich wieder vor der Haustür und klopfte sich, ganz so, wie es ihm seine Mutter beigebracht hatte, vor dem Betreten des Hauses die Schuhe ab. Mit der freien Hand öffnete er die Tür und trat ein.

„Gibt es in dieser Hütte keinen Strom?“

Bucky seufzte. Es wäre ihm wesentlich lieber gewesen, wenn sein ungebetener Gast wieder eingeschlafen wäre, doch dieser Wunsch war ihm ganz offensichtlich nicht gewährt worden. Ganz im Gegenteil. Tony hatte es tatsächlich geschafft, sich aufzusetzen und hockte nun auf der Couch. „Nach was sieht es denn aus?“, antwortete er und deutete mit dem Kopf auf eine der zahlreichen Kerzen. Noch war es hell genug, um ohne diese auszukommen. Aber in weniger als zwei Stunden würden sie vonnöten sein.

„Kein Telefon, kein Strom. Damit scheidet dann auch Netflix aus. Wunderbar.“ Der Sarkasmus in Tonys Stimme war deutlich hörbar, als er sich mit einem demonstrativ deutlich hörbaren Aufstöhnen zurück gegen die Rückenlehne fallen ließ und in einer theatralischen Geste mit beiden Händen die Augen bedeckte. „Schon mal was von einem Stromgenerator gehört?“

Ohne etwas darauf zu erwidern, durchschritt Bucky die Hütte, deren Koch-, Wohn-, und Essbereich offen konzipiert war. Es gab eine kleine, abgetrennte Badzeile im hinteren Bereich und in der oberen Etage ein Schlaf- und Gästezimmer. Da er sich dort aber so gut wie nie aufhielt und er Tony nach dessen Rettung im Auge behalten wollte, hatte er ihn kurzerhand auf die Couch verfrachtet. Vor dem offenen Kamin kniete er sich hin und fing an, einige der Holzscheite auf den Gitterrost zu legen und den Rest in die Wandnische seitlich davon. Die ganze Zeit über behielt er Tony in seinen Augenwinkeln. Nicht, dass dieser ohne seinen ganzen technischen Firlefanz eine ernsthafte Bedrohung darstellen würde. Aber Vorsicht war bekanntlich besser als Nachsicht. Momentan schien alles so weit in Ordnung zu sein. Abgesehen von Tonys ständigem Gequassel. Also widmete er sich wieder dem Kamin und zündete das dünn gespaltene Anfeuerholz an. Es dauerte nicht lange, bis die kleine Flamme sich beständig durch das Holz fraß und somit immer stärker wurde und schließlich die größeren Scheite erreichte.

„Verflucht noch eins!“

Tonys unerwarteter Schrei und das unmittelbar darauffolgende Rumpeln ließen ihn aufschrecken und in Kampfstellung gehen. Mit geballten Fäusten und zur Abwehr erhobenen Armen schnellte er herum und rechnete schon mit einem Angriff. Doch die Situation war eine ganz andere. Kopfschüttelnd ließ er seine Arme wieder sinken.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht hockte Tony, bekleidet mit T-Shirt und Boxershorts, auf dem Boden vor der Couch und hielt sich tief durchatmend sein lädiertes rechtes Knie. „Gott-ver-dammt!“, stieß er fluchend hervor. „Verflucht, tut das weh!“

„Hab’s dir gesagt. Mit dem Knie kommst du nicht weit“, rollte Bucky mit den Augen. Die Schwellung war wirklich nicht zu übersehen und bestimmt alles andere als angenehm. Er ging zum Badezimmer, schnappte sich die dort zum Trocknen aufgehängten Sachen und lief zurück zu Tony. „Wenn du schon auf bist, kannst du dich auch anziehen.“ Er hielt ihm das Long-Sleeve-Shirt und die Jeans entgegen.

Mit zusammengekniffenen Augen ließ Tony seinen Blick zwischen ihm und den Sachen hin-und her wandern.

Schulterzuckend sagte Bucky: „Hätte dich auch völlig durchnässt in deinen Klamotten lassen können, aber dann wäre die Couch ruiniert gewesen.“

„Deine Anteilnahme rührt mich zu Tränen“, gab Tony zurück. Doch dann änderte sich sein Tonfall, als er nach einigen Sekunden nach den Kleidern griff und er nach einem Räuspern meinte: „Danke ... für ... das hier.“

Bucky nickte stumm und hielt ihm dann die rechte Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen.

Nach einem kurzen Zögern ergriff Tony diese und biss die Zähne zusammen, als er das Knie bewegte, während er vorsichtig in die Hose schlüpfte. Als er wieder auf der Couch saß, musste er erst kurz durchatmen.

Ohne weitere Worte ging Bucky zurück zur Küchenzeile, schnappte sich mit der linken Hand die Kaffeetasse und brachte sie zurück zu Tony. Er konnte deutlich die Temperatur spüren, die von der Flüssigkeit ausging. Noch immer war er erstaunt darüber, welch Wunderwerk an Technik in dem künstlichen Arm steckte. Wie schon zuvor, baute er sich vor Tony auf und bot ihm die Tasse an. Der Kaffee war zwar deutlich abgekühlt, aber hey, sie waren hier schließlich nicht im Ritz-Carlton. Dieses Mal fand er auch einen Abnehmer.

„Nettes Design“, meinte Tony, nachdem er zuerst den Arm betrachtet und dann einige Schlucke Kaffee genommen hatte. Mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck stellte er die Tasse schnell auf dem Couchtisch ab.

Wahrscheinlich war dies das erste Mal gewesen, dass Tony den neuen kybernetischen Arm, oder besser gesagt, die Hand davon, aus der Nähe sehen konnte, ging es Bucky durch den Kopf. Reflexartig hob er diese etwas höher und drehte sie, sodass sein Gegenüber den Handrücken und die Innenfläche begutachten konnte. Für den Bruchteil weniger Sekunden erkannte Bucky den gleichen Gesichtsausdruck bei Tony wie den von Morgan vor wenigen Wochen, als diese nicht minder beeindruckt von dem Arm gewesen war.

„Vibranium ist ein faszinierendes Material.“ Die sonst etwas herablassende Art von Tony war echtem Interesse gewichen und er konnte seine Augen nicht davon abwenden. Dann schien er sich aber wieder etwas anderem zu entsinnen und murmelte dann: „Ähm, ich ... sollte mich dann mal ... fertig anziehen. Danach müsste ich allerdings ... irgendwo hin.“

„Ich werd‘ dich nich‘ durch die Gegend tragen, Stark.“

Tony warf ihm einen kühlen Blick zu. „Ich wollte nur wissen, wo das Badezimmer ist. Hier gibt es doch ein Badezimmer, oder? Bitte sag‘ mir, dass es eins gibt.“

„Da hinten“, mit dem Kopf deutete Bucky in die entsprechende Richtung. Neugierig, was als nächstes passieren würde, ging er zur Küche und holte einen Topf aus dem Schrank, sowie zwei Gläser mit eingekochter Fleischbrühe. Im massiven Herd, der mit Holz befeuert wurde, glommen noch ein paar Reste und so dauerte es nicht lange, bis er das Feuer mit Hilfe von einigen Holzscheiten wieder in Gang gesetzt hatte. Mit dem Rücken zu Tony stehend, konnte er ein leichtes Kopfschütteln nicht verhindern, als er diesen Ächzen und Stöhnen hörte, bei dem Versuch, aufzustehen. „Alles klar, Stark?“, fragte er ohne sich umzudrehen.

„Japp. Ging mir nie besser.“

Das wagte Bucky zu bezweifeln, kommentierte dies aber nicht. Stattdessen öffnete er die Gläser und roch kurz daran. Nichts zu beanstanden. Er hatte immer einen gewissen Vorrat an nicht verderblichen Nahrungsmitteln und Konserven gelagert. Dazu kamen noch selbst eingelegte oder eingekochte Speisen, wie die Brühe mit Wildfleisch, die er gerade in den Topf schüttete, um diese aufzuwärmen. Zudem hatte er hinter der Hütte einen Garten angelegt, um sich auch mit frischem Gemüse und Kräutern versorgen zu können. Als Einzelkämpfer war er es gewohnt, sich selbst gestellt zu sein. Und hier draußen gab es eine Fülle an essbaren Wildkräutern, Pilzen, Beeren, Fischen und natürlich das Wild selbst, das er gelegentlich jagte, um es dann für den Eigenverbrauch zu nutzen. Von seiner letzten Ernte hatte er noch ein paar schrumpelige Kartoffeln und Karotten über, die zwar nicht mehr ansehnlich waren, sich aber als Einlage in die Brühe trotzdem noch eigneten. Also fing er an, diese zu schälen und in kleine Würfel zu schneiden.

 

*** ***

 

Als Tony eine gefühlte halbe Ewigkeit später immer noch fluchend zurück in den Wohnbereich humpelte, hatte Bucky bereits zwei Schüsseln auf dem Esstisch stehen, sowie zwei Flaschen Bier. Mit Löffeln in der Hand deutete er ihm an, sich zu setzen und nahm gleichzeitig den Topf vom Herd, um diesen auf den Untersetzer auf dem Tisch zu stellen und dann selbst Platz zu nehmen.

„Ich weiß nicht, was mich mehr schockiert - kein fließend Wasser zu haben oder der Fakt, dich kochen zu sehen.“ Sein Gast wirkte erschöpft, als dieser sich auf dem Stuhl niederließ. „Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit, um Kontakt nach draußen aufzunehmen? Du hast nicht zufällig ein Satelliten-Telefon hier irgendwo rumliegen und weißt nur nicht, wie man es benutzt?“

„Nope.“

Tony vergrub sein Gesicht in den Händen und stützte sich dabei mit den Ellenbogen auf der Tischplatte ab. „Das darf nicht wahr sein“, murmelte er kaum hörbar.

„Hätte nich‘ gedacht, dass du so’n Weichei bist.“

Als Tony den Kopf hob, wirkte er genervt, gleichzeitig blitzten seine Augen kämpferisch auf. „Ist mein Anzug noch im Wald?“

„Liegt im Schuppen“, schüttelte Bucky verneinend den Kopf.

„Okay, okay“, meinte Tony nachdenklich. „Na immerhin. Vielleicht ... kann ich die Kommunikations-Einheit wieder instandsetzen.“

„Womit? Hab‘ kein Werkzeug hier.“

„Kein Werkzeug? Wie kann man kein Werkzeug besitzen?“

Wortlos zuckte Bucky mit den Schultern, ehe er ergänzte: „Natürlich gibt es Werkzeug hier, aber ich glaube kaum, dass du den Anzug mit Axt oder Schaufel reparieren kannst. Was ich meinte war, dass ich kein Feinmechanik-Werkzeug oder das ganze andere elektronische Zeugs hier habe.“

„Wäre vielleicht mal ein Upgrade diesbezüglich empfehlenswert“, merkte Tony an. „Dann hättest du eventuell auch deine Hand wieder in Schuss bringen können.“

Erstaunt hob Bucky die Augenbrauen.

„Da scheint was zu klemmen, oder?“ Tony deutete auf den kleinen und Ringfinger an Buckys linker Hand.

Automatisch zog er diese an sich. Bei der Bergungsaktion im Wasser hatte sich tatsächlich wohl feinster Sand in die Gelenke abgesetzt, der nun ab und zu die Finger haken ließen.

„Wenns um Mechanik geht, hab‘ ich ein Auge für so was.“ Er wartete kurz. „Ich könnte ... mir das mal ansehen ...“, sagte er und versuchte dabei, ganz beiläufig zu klingen. Gleichzeitig konnte er kaum ruhig sitzen.

Das Angebot hörte sich nicht schlecht an. Er konnte selbst nicht viel tun, als darauf zu achten, dass die Prothese nicht verdreckte, aber Reparaturen an sich waren ihm nicht möglich. „Du solltest erst etwas essen. So wie deine Hände zittern, ist das keine gute Idee, irgendwelche feinmotorischen Arbeiten anzufangen.“ Sein Gegenüber schien gerade so sehr von der Situation überfordert, völlig abgeschnitten von der Zivilisation zu sein, dass sich dieser geradezu wie unter Strom gesetzt aufführte, was wohl außerdem auch noch auf zu wenig Essen und Trinken zurückzuführen war. Er musste ihn irgendwie ablenken, denn wenn es zu einem Nervenzusammenbruch kommen sollte, war er garantiert der falsche Mann, um Tony aus dieser misslichen Lage zurück in die Gegenwart zu bringen. „Du willst nicht wirklich, dass ich dir die Brühe eigenhändig einflöße, oder?“

Kopfschüttelnd griff Tony nach dem Löffel und sah zu, wie Bucky ihm die Schüssel füllte. Erst zaghaft, dann doch entschlossener, aß er seine Portion ohne zu murren auf. „Nicht übel für-“, er stockte.

„Für was?“, hakte Bucky nach und ließ langsam den Löffel sinken, als er Tony ansah. Sein Blick verdunkelte sich. „Für jemanden wie mich?“

„So ... hab‘ ich das nicht ... gemeint“, kam es erschrocken von Tony.

„Ach ja? Wie dann? Ich weiß, wie man kocht. Meine Mutter hat es uns Kindern beigebracht. Ich bin keine hirnlose Maschine“, fühlte Bucky sich bemüßigt, die Tatsachen klarzustellen und schob ein „nicht mehr“ hinterher. „Außerdem ... was weißt du schon? Im 2. Weltkrieg wären wir froh gewesen, eine halbwegs vernünftige Suppe essen zu können. Stattdessen-“ Ohne es zu wollen, hatte er sich in etwas rein gesteigert und stoppte abrupt, als es ihm auffiel. Er winkte ab. „Vergiss‘ es.“ Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück, legte den rechten Arm über die Brust, um mit der Hand den linken Bizeps zu umfassen, während er sich mit der linken Hand an die Stirn fasste. Was für eine verrückte Welt. Er hatte sich hierher zurückgezogen, um seine Ruhe zu haben und stattdessen führte er eine Diskussion mit dem Mann, der ihn vor nicht allzu langer Zeit am liebsten getötet hätte.

„Wir sind alle ein wenig ...“, Tony holte tief Luft und hob entschuldigend die Hände, „... angespannt. Wir sollten ... Ruhe bewahren.“

„Hmpf“, machte Bucky nur und aß weiter seine Brühe, in der Hoffnung, sein Gegenüber würde es ihm gleichtun und dabei wenigstens für ein paar Minuten den Mund halten.

Notes:

So ... I've learned that there are readers out there, who don't speak German, but they still read this story with the help of Google translator and I'm humbled, I really am.
That fact got me thinking, and I would like to try and translate this story, so that more of you can participate. What do you think about that? It'll take some time, though.

Chapter 5: Zweifel

Notes:

Und weiter geht's! Sorry für die Verspätung, aber jetzt sind wir mit beiden Versionen der Geschichte gleichauf und so könnt ihr, wenn ihr wollt, beim Lesen hin und her klicken.

Chapter Text

Dienstagabend

 

Hoch konzentriert war Tony gerade dabei, Teile der Kommunikationseinheit aus dem Anzug auszubauen. Er war froh darüber, ein Set mit Feinmechanik-Werkzeug als Nothilfe eingeplant und in der Hülle integriert zu haben. Nur der Umstand, dass die Lichtverhältnisse alles andere als zufriedenstellend waren, bremste seine Schaffenskraft etwas aus. Barnes hatte ihm den Anzug auf seine Bitte hin in die Hütte geholt; mit einer Hand hatte dieser ihn getragen, ganz so, als wäre er aus Pappmaché gefertigt. In dieser Hinsicht war Tony, auch wenn er es offen niemals zugeben würde, ein ganz kleines bisschen beeindruckt von dem Supersoldaten. Als „Krönung“ hatte Barnes dann auch noch eine solarbetriebene Campinglampe aus dem angrenzenden Schuppen mitgebracht, deren Lichtkegel nun einen Teil des Esstisches erhellte.

 

Erschöpft lehnte er sich zurück und rieb sich mit beiden Händen die Augen. Wenn es ihm gelang, das Sendemodul wieder zum Funken zu bringen, wäre es danach ein leichtes, Kontakt mit dem Hauptquartier aufzunehmen. Und wenn nicht mit seinem Team, dann zumindest mit Rettungskräften in der näheren Umgebung. Früher oder später würde er von hier wegkommen. Daher setzte er alles daran, es früher zu schaffen. Noch immer hielt er seine Augen bedeckt. Er fühlte sich mies, weil ihm bewusst war, dass seine Familie zuhause voller Sorge auf seine Rückkehr wartete, gleichzeitig aber keine Ahnung hatte, was ihm zugestoßen war, genauso wenig wie sie wussten, wo er sich befand. Bestimmt hatte Pepper bereits Happy damit beauftragt, eine Suchmannschaft zusammenzustellen.

 

Ein Donnerschlag ließ ihn erschrocken zusammenzucken. Das von Barnes angekündigte Gewitter hatte vor knapp zwei Stunden mit Starkregen und Windböen eingesetzt und ihn einsehen lassen, dass es keine gute Idee gewesen wäre, sich heute noch auf den Weg zu machen. Abgesehen davon wäre er mit dem lädierten Knie ohnehin nicht weit gekommen. Selbst mit der provisorischen Krücke aus einer Astgabel, die ihm Barnes einfach so mit bloßen Händen zurechtgestutzt hatte, kam er nur ein paar Schritte weit. Immerhin reichte es für die Strecke zum Bad und zurück. Es gab fast keine Stelle an seinem Körper, die nicht in irgendeiner Form schmerzte. Er konnte wirklich von Glück sagen, dass er sich bei seinem Sturz in den Fluss nichts gebrochen hatte.

 

Ein flüchtiger Blick über seine Schulter sagte ihm, dass sein mürrischer Gastgeber noch immer dösend im Sessel in der anderen Ecke des Raumes saß. Seit der etwas aus der Spur gelaufenen Unterhaltung während des Abendessens hatten sie nicht mehr viele Worte miteinander gewechselt. Danach hatte Barnes ihm zwar noch den Anzug und die Lampe gebracht, sich danach aber wortlos in den Sessel verzogen und angefangen, ein Buch zu lesen. Wann er weggetreten war, konnte Tony gar nicht sagen und im Grunde war es ja auch belanglos.

 

Ich könnte ihn hier und jetzt töten. Wie ein Stromschlag durchzuckte es ihn, als ihm dieser Gedanke über die wohl einmalige Gelegenheit bewusst wurde. Gleichzeitig wurde ihm aber auch die Absurdität dieser Eingebung bewusst. Mit was hätte er Barnes denn angreifen sollen? Mit dem Schraubenzieher, der nur wenige Zentimeter lang war? Im Kampf Mann gegen Mann hätte er keine Chance. Wenn, dann müsste der Angriff aus dem Hinterhalt erfolgen und sofort tödlich sein. Oder seinen Gegner zumindest so schwerwiegende Verwundungen zufügen, die ihn komplett kampfunfähig machen würden. Mit seinem Unibeam wäre es ihm damals in Sibirien beinahe gelungen, aber der stand ihm momentan nicht zur Verfügung. Ob Barnes hier Waffen gelagert hatte? Tony kannte dessen Reputation als exzellenter Scharfschütze.

 

Erstaunt über seine eigenen Gedankengänge schüttelte Tony den Kopf. Wenn Barnes es darauf angelegt hätte, wäre er jetzt nicht mehr am Leben. Der Soldat hatte es ihm ja bereits gesagt - er hätte ihn nicht retten müssen. Im Gegenteil. Soweit er es abschätzen konnte, befanden sie sich hier mitten im Nirgendwo. Einen besseren Ort, um eine Leiche verschwinden zu lassen, gab es ja wohl kaum. Gut, dieser Fakt galt für beide Seiten. Wenn es Tony gelingen würde, Barnes auszuschalten, würde das auch niemand mitkriegen. Außer vielleicht Steve, der ja in engem Kontakt mit seinem Freund stand und vielleicht irgendwann misstrauisch werden würde.

 

Aber welche Vorteile würde ihm die Ermordung von Barnes bringen? Vielleicht die Genugtuung, den Mörder seiner Eltern nach knapp 30 Jahren zur Verantwortung gezogen zu haben? Vielleicht die Gewissheit, einen ehemals weltweit gesuchten Assassinen ausgeschaltet zu haben? Wer, wenn nicht Tony selbst hatte am eigenen Leib erfahren, welches Leid der Mann über die anderen gebracht hatte? Er hatte gesehen, zu was der Winter Soldier - einmal entfesselt - in der Lage war. Es wäre also nur legitim, einen Schlussstrich zu ziehen, die Sache ein für alle Mal zu beenden. Kurz flammte in ihm die Wut auf, die er damals in Sibirien auch verspürt hatte, nachdem die Wahrheit über den Tod seiner Eltern auf so unrühmliche Weise ans Tageslicht gekommen war. Unwillkürlich ballte er seine Hände zu Fäusten, spürte, wie sich sein Puls beschleunigte und seine Augen feucht wurden.

 

Der Hass auf Barnes hatte ihn so vereinnahmt, dass es zum Bruch zwischen ihm und Steve geführt hatte. Im gleichen Zug hatte er auch mit einigen anderen vom Team gebrochen. Zwar fühlte er sich von ihnen nicht verraten, aber der Kontakt war weitestgehend zum Erliegen gekommen. Erst in den letzten Monaten herrschte zwischen ihnen allen wieder so etwas wie Frieden, wenngleich das Konstrukt noch sehr fragil war. Steve hatte daran großen Anteil, denn er war vehement darauf bedacht, die Scherben ihrer früheren Freundschaft wieder zu kitten. Das einzige Hindernis, das noch immer zwischen ihnen stand, war Barnes.

 

Seine Emotionen hinunterschluckend, versuchte Tony seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen.

 

Bei genauerer Betrachtung der schlafenden Form ihm gegenüber, musste er die Stirn runzeln. Gemessen an den unruhigen Bewegungen und den gemurmelten Phrasen, die Barnes da seit geraumer Zeit unbewusst von sich gab, konnte es sich nicht gerade um einen erholsamen Schlaf handeln. Er versuchte, einzelne Worte auszumachen, scheiterte aber, da es sich um Russisch handelte. Es konnte ihm niemand weismachen, dass der Winter Soldier aus Barnes‘ Leben verschwunden war. Steve hatte ihm mal erzählt, dass man in Wakanda versucht hatte, die Programmierung von Hydra aus dem Gehirn von Barnes zu löschen. Zeitgleich hatte man gehofft, damit auch die Erinnerungen an die Taten selbst verschwinden zu lassen. Nach Steves Aussage wurde der Mann nämlich so gut wie jede Nacht von Albträumen geplagt. Und wenn er sich das Schauspiel so ansah, bestärkte dies Tony in der Annahme, dass diese Mission gescheitert war.

 

Seufzend nahm er seine Arbeit wieder auf, nur um Augenblicke später wieder damit aufzuhören und das Werkzeug wegzulegen. Das leidvolle Stöhnen und die gehetzt wirkende Atmung von Barnes ging ihm wirklich durch Mark und Bein. Außerdem pochte sein Kopf, keine Ahnung, wie hart er sich diesen angeschlagen hatte. Das grelle LED-Licht von der Solarlampe schmerzte in den Augen, auch wenn diese mittlerweile an Leuchtkraft eingebüßt hatte. Nicht mehr lange und er würde sowieso im Dunklen sitzen. Mit dieser Erkenntnis musste er sich geschlagen geben, fühlte, wie die Energie aus ihm wich. Übermüdet wie er war, kam er nicht wirklich weiter. Also stand er etwas ungelenk auf. Er musste sich sehr zusammenreißen, um nicht laut aufzustöhnen. Langsam humpelnd arbeitete er sich die wenigen Meter von Esstisch zur Couch hin. Dort angekommen, ließ er sich wenig grazil darauf fallen. Vorsichtig nahm er sein rechtes Knie unterstützend in beide Hände, als er sich hinlegte. Unweigerlich verfiel er in Grübeleien.

 

Vielleicht war das auch die Strafe für Barnes‘ grausame Verbrechen? Vielleicht war die Heimsuchung Nacht für Nacht schlimmer als jede andere Verurteilung, die man gegen ihn aussprechen könnte? Ein Leben abseits der Zivilisation, mit so gut wie keinem sozialen Kontakt, in einer Zeit, in die man selbst gar nicht gehörte ... für Tony war allein die Vorstellung beängstigend und jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Unentschlossen rutschte er auf der unbequemen Liegefläche hin und her.

 

Er tat gut daran tat, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Und er würde - was noch viel wichtiger war - Barnes nicht mehr in die Nähe seiner Familie lassen. Da konnten Steve und die anderen so viel protestieren wie sie wollten. Sein Entschluss stand fest.

 


 

Im Kamin glommen die letzten Holzreste noch etwas vor sich hin, während er versuchte, eine angenehme Position einzunehmen und sich dann auf den Regen zu konzentrieren, um so die Geräusche auszublenden, die von Barnes ausgingen. Doch so sehr er sich bemühte, es gelang ihm nicht. Zum ersten Mal seit seinem Amoklauf in Sibirien spürte er so was wie Mitleid für den gepeinigten Mann, der nur ein paar Schritte von ihm entfernt Höllenqualen zu durchleiden schien. Wider besseren Wissens kämpfte er sich wieder in eine sitzende Position, hangelte nach der Krücke und schnappte sich die noch schwach leuchtende Campinglampe. Warum er sich überhaupt um Barnes kümmerte, konnte er gar nicht sagen. Wahrscheinlich aus dem egoistischen Impuls heraus, um im Anschluss wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu kriegen.

 

Ohne hinzufallen war es ihm gelungen, zum Sessel zu kommen. Nachdem er die Lampe auf dem Fenstersims abgestellt hatte, versuchte er im Halbdunkel die Gesichtszüge von Barnes auszumachen. Da war wirklich ein gehetzter Ausdruck zu erkennen, auch wenn es ihm schwerfiel, genaueres auszumachen, da sich dessen Kopf in unregelmäßigen Abständen hin- und her bewegte.

 

Ein heiser klingender Aufschrei ließ ihn kurzfristig erstarren und einen Schritt zurückweichen. Unvermittelt herrschte für einen Moment Ruhe. Die Verwirrung in Barnes‘ Augen war deutlich zu sehen, als dieser aus dem Schlaf hochschreckte und ihn, schwer atmend und verschwitzt, direkt anstarrte. „Hey, hey“, meinte Tony so ruhig wie möglich, mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass vor ihm eine gewaltbereite Tötungsmaschine hockte und hielt deshalb einen gewissen Sicherheitsabstand ein. Beschwichtigend hob er die Hände. „Alles cool, Mann.“

 

Morgan hatte mal so eine Phase durchlebt, in der sie immer Angst vor Monstern unterm Bett gehabt hatte und hin und wieder mitten in der Nacht verängstigt aufgewacht war. Dieser Blick, wenn sie vom Traum in die Wirklichkeit zurückgelangt war, es aber trotzdem noch nicht richtig verarbeiten konnte - diesen Blick hatte er bei Barnes soeben auch erkannt.

 

 


 

Die ganze Situation mutete Tony seltsam verstörend an. Um zu erkennen, dass es seinem Gegenüber nicht anders erging, musste man kein Genie sein, auch wenn er diese Bezeichnung für sich durchaus zutreffend fand.

 

Mit dem Gesicht in beiden Händen vergraben, kauerte Barnes nach vorne gelehnt auf der Kante des Sessels. Viel hätte nicht mehr gefehlt und er wäre vermutlich abgerutscht. Tony konnte die unkontrollierte Atmung von ihm hören und war über sich selbst erstaunt, als er sich sagen hörte: „Tief Luft holen und langsam wieder ausatmen.“ Er erkannte Panikattacken, wenn er sie sah.

 

Erleichterung machte sich bei ihm breit, als er bemerkte, dass seine Worte offenbar Gehör fanden und erlaubte sich ebenfalls, durchzuatmen und sich in den zweiten Sessel gegenüber von Barnes zu setzen. Keiner von beiden sagte etwas. Er sah dabei zu, wie Barnes sich mit der rechten Hand übers Gesicht fuhr und meinte bei ihm einen Anflug von Unsicherheit erkannt zu haben. In Gedanken versunken, bekam er zunächst gar nicht mit, dass ihm eine Frage gestellt worden war und blinzelte zunächst. „Was?“

 

„Schon weiter?“ Mit dem Kopf deutete Barnes in Richtung Esstisch.

 

Die Frage überraschte Tony. Irgendwie hatte er nicht damit gerechnet, dass gerade der wortkarge Einzelgänger wohl offensichtlich versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen und rieb sich den schmerzenden Nacken. Er hatte eindeutig zu viel Zeit am Tisch sitzend verbracht. Im ersten Moment wusste er gar nicht, was er erwidern sollte, doch er entschied sich dann dafür, sich darauf einzulassen. „Das ist ... kompliziert“, gab er etwas zerknirscht zurück. „Wir befinden uns hier“, er ließ seinen rechten Zeigefinger in der Luft kreisen, „in technischer Hinsicht in der Steinzeit.“

 

„Das nächste Mal stürzt du einfach in einer Großstadt ab“, meinte Bucky tonlos, während er aufstand und mit zwei Schritten am Wandschrank angelangt war, dort eine der Türen öffnete, mit einer Hand eine Flasche hervorholte und mit der anderen zwei Gläser. „Wieso hast du überhaupt eine Bruchlandung hingelegt? Sollte das Ding nicht ... absturzsicher sein?“

 

„Das ist ein Prototyp. Da ist noch nicht alles ausgereift“, verteidigte Tony sich. Anhand des Geruchs konnte er die dunkle Flüssigkeit im Glas, das ihm Barnes entgegenhielt, als Whiskey identifizieren. Und nach einem prüfenden Schluck stellte er fest, dass es sich dabei um eine teure, offensichtlich alte Sorte handeln musste, auch wenn er weitere Details anhand des Etiketts in dem diffusen Licht nicht ausmachen konnte.

 

Bucky schnaubte. Offensichtlich fand er das amüsant. „Das ist allerdings wahr. Scheint wohl Markenzeichen von Stark Industries zu sein.“

 

Mit gerunzelter Stirn sah Tony ihn an. „Wie ist das gemeint?“

 

Mit einem Schluck Whiskey im Mund schien Bucky zuerst zu überlegen, ehe er den edlen Tropfen schluckte und dann antwortete: „Ich erinnere mich an die Weltausstellung von 1943 in New York. Howard wollte den Prototyp eines Autos ohne Reifen präsentieren. Irgend so eine ... Schwerkraft ...“, er schien nach den richtigen Worten zu suchen, „... Umkehr ... Technik Sache. Hat auch nicht geklappt.“

 

Tony wusste sofort, wovon dieser sprach. „Die Gravitations-Revisions-Technik.“ Und dann wurde ihm schlagartig bewusst, dass er jemand gegenüber saß, der aus erster Hand über seinen Vater berichten konnte. Es brannte ihn unter den Nägeln, mehr darüber zu erfahren. „Die Weltausstellung von 1943, hm?“, murmelte er nachdenklich.

 


 

 

Mittwochmorgen

 

Wie lange er geschlafen hatte, konnte Tony nicht sagen. Aber gefühlt waren es nur ein paar Minuten. Umso länger war ihm das Gespräch mit Barnes vorgekommen, das sie letzte Nacht geführt hatten. Missmutig öffnete er die Augen einen spaltbreit und konnte erkennen, dass die Sonne schon die ersten Strahlen durch die Fenster schickte. Aus der Küche konnte er Geräusche ausmachen und sein vernebelter Verstand versuchte ihm einzureden, dass das Aroma von Rührei und Speck in der Luft lag. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr Hunger verspürte er, bis er es schließlich nicht mehr aushielt und sich geräuschvoll aufsetzte. Sein Eindruck hatte ihn nicht getäuscht - Barnes stand tatsächlich am Herd. Das würde ihm kein Mensch glauben.

 

Kopfschüttelnd stand er so vorsichtig wie möglich auf, um sich ein wenig frisch zu machen, obwohl er die Aussicht auf eiskaltes Quellwasser nicht gerade prickelnd empfand. Als er vom Bad zurückkam, hielt er wie vom Donner gerührt mitten in der Bewegung inne. Barnes war gerade dabei, Proviant in seinen Rucksack zu füllen. Das war jedoch nicht Grund, warum er so erstaunt war. Es war schlicht und ergreifend der Anblick, der sich ihm bot. Vor ihm stand ein anderer Mann: Barnes hatte sich vom Holzfäller-Typ zum Soldaten gewandelt; trug schwere Armystiefel, dunkle Hosen und eine schwarze Lederjacke. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Gewehr und bei näherem Hinsehen konnte Tony mindestens zwei Köcher mit Jagdmesser am Gürtel seines Gegenübers ausmachen.

 

Mit dem Rücken ihm zugewandt, stand Barnes am Herd und nahm einen Schluck Wasser aus einem Glas. „Es sind noch genügend Konserven da für die nächsten Tage“, sagte er, ohne sich umzudrehen.

 

Tony nutzte den Moment und näherte sich unbemerkt dem Tisch.

 

„Wasser gibt’s an der Quelle in östlicher Richtung. Hab‘ die Kanister“, er trat mit dem Fuß leicht gegen ein Behältnis in einem offenen Regal unterhalb der Spüle, „vorhin noch gefüllt. Um alles andere-“, er war gerade im Begriff gewesen, sich umzudrehen, erstarrte aber in der Bewegung, als er in den Lauf des Gewehrs blickte.

 

Ohne die Miene zu verziehen, hielt Tony das Gewehr im Anschlag und auf Barnes‘ Gesicht gerichtet, der allerdings unbekümmert schien.

 

„Na los“, sagte er gefasst und baute sich vor ihm auf, sah ihn direkt an. „Tu es. Drück‘ ab.“ Einladend hielt er die Arme seitlich von sich gestreckt. „Das ist es doch, was du schon die ganze Zeit über machen wolltest.“

 

„Führe mich nicht in Versuchung“, raunte Tony. Es verstrichen mehrere Sekunden, in denen man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Die ganze Zeit über hatten sie sich stumm angestarrt, doch jetzt ließ er das Gewehr seufzend wieder sinken. In einer fließenden Bewegung sicherte er die Waffe, ehe er sie zurück auf den Tisch legte. Er war nicht so blöd, um sich die einzige Chance, die er hatte, um einigermaßen unbeschadet von hier wegzukommen, zu verbauen. Er gab es nicht gerne zu, aber ohne Barnes wäre er hier verloren.

 

Chapter 6

Notes:

Euch allen da draußen noch ein "Frohes neues Jahr!" 🍀 Auf dass sich all eure Wünsche erfüllen mögen!

Chapter Text

 

Stark-Tower, New York

Mittwochmorgen

 

„Das kannst du nicht tun!“ Steve war, milde ausgedrückt, enttäuscht. Seit Stunden versuchten sie, im Fall weiterzukommen, schienen sich dabei aber immer wieder im Kreis zu drehen. Es waren seit Tonys Verschwinden knapp 2 Tage vergangen, ohne dass man ein Lebenszeichen von ihm erhalten hatte. Die Datenlage war nach wie vor sehr spärlich. Trotzdem fand Happys letzter Vorstoß, um die Suche voranzutreiben, überhaupt nicht seine Zustimmung. „Wenn das an die Öffentlichkeit dringt, bekommen die Vereinten Nationen davon Wind. Und unzählige andere, die sich dann berufen fühlen, Selbstjustiz zu üben.“ Und dann würde eine Hetzjagd auf Bucky beginnen.

 

„Ich kann und ich werde“, hielt Happy entgegen. „Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, wo sich Tony befindet. Wir sind auf die Mithilfe von außen angewiesen.“

 

„Dass wir Hilfe benötigen, stelle ich auch nicht Abrede. Aber ich habe was dagegen, Bucky da mit reinzuziehen.“

 

„Du hast die Aufnahme gesehen. Er war es.“

 

Steve musste aufpassen, nicht laut zu werden. Ihm missfiel Happys Idee, die Medien in die Suche nach Tony mit ins Boot zu nehmen. Aber noch mehr ging ihm gegen den Strich, dass Tonys Sicherheitschef sich in die Vorstellung verrannt hatte, Bucky hätte etwas mit Tonys Verschwinden zu tun. „Das waren einige verwackelte Bilder, du kennst den Kontext doch gar nicht.“

 

„Den Kontext? Den kann ich dir gerne erklären. Ich habe mich umgehört. Die Pressekonferenz vor ein paar Wochen? Barnes wurde von Tony rausgeworfen. Ich muss dir nicht sagen, dass der Kerl nicht gut auf Tony zu sprechen ist.“

 

Bucky ist nicht gut zu sprechen auf Tony? , dachte Steve. Wohl eher andersrum. Doch er behielt seine Meinung für sich. Mit verschränkten Armen sah er Happy an. Es brodelte in ihm, aber wenn er jetzt sein Gegenüber zu sehr reizte, würde das nur noch mehr Ärger nach sich ziehen. Er sah sich im Besprechungsraum um und versuchte, eine Lösung zu finden. Doch alles was er sah, waren noch mehr fragende Gesichter seiner Freunde, die ebenfalls ratlos waren.

 

„Und jetzt ... hat er wohl seine Chance genutzt, um seine Mission zu beenden.“

 

Fragend sah Steve ihn an: „Welche Mission?“

 

„Die Familie Stark auszulöschen.“

 

Entrüstet warf Steve die Arme in Luft. „Ach komm schon, Mann! Wir reden hier von Bucky! Er ist nicht mehr der Winter Soldier.“

 

„Sagt wer?“

 

„Seine Psychiaterin Dr. Raynor arbeitet schon einige ganze Weile mit ihm. Er hat große Fortschritte gemacht und-“

 

Happy unterbrach ihn harsch: „Das sind keine Beweise dafür, dass die Programmierung weg ist.“

 

Der Einwand war nicht von der Hand zu weisen, das musste Steve stillschweigend und zähneknirschend zugeben. Es hatte zwar keine größeren Zwischenfälle seit Buckys Rückkehr aus Wakanda gegeben, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, wusste auch Steve nicht, wie es um seinen besten Freund stand, wenn es um die Winter Soldier Programmierung ging.

 

„Du bist einfach zu nah dran, Rogers! Ich schlage vor, du hältst dich besser zurück, oder ich lasse dich ebenfalls rauswerfen.“

 

Steve hob beschwichtigend die Hände und trat einen Schritt zurück, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. Happy war seinem Arbeitgeber loyal ergeben und kein Argument würde ihn oder seine Ansichten Bucky gegenüber ändern können. Obwohl es ihm nicht gefiel, musste er Tonys Sicherheitschef machen lassen. Würde er sich gegen ihn stellen, würde er von der Suche ausgeschlossen und käme an keine weiteren Informationen mehr, die ohnehin nicht im Überfluss vorhanden waren.

 

Sam Wilson war während der Diskussion der beiden aufgestanden und legte Steve, um Zurückhaltung bemüht, eine Hand auf seinen Oberarm, während er mit einer Kopfbewegung andeutete, ihm zu folgen. „Eine Pause wäre vielleicht nicht schlecht, was meinst du?“ Gemeinsam verließen sie das Besprechungszimmer. „Erst mal ganz tief durchatmen“, schlug der Afroamerikaner vor, als sie sich etwas abseits im Flur positionierten.

 

Mit geschlossenen Augen kam Steve der Aufforderung nach, konnte aber nicht verhindern, dass er gleichzeitig die Hände zu Fäusten ballte. Als er Sam direkt ansah, erkannte er die gleiche Betretenheit in der Mimik seines Gegenübers.

 

„Happy hat nicht ganz Unrecht.“ Schnell hob Sam den Finger, um nicht unterbrochen zu werden. „Aber er liegt falsch darin, wenn er sagt, dass die ... Beweise ... gegen Buck sprechen.“

 

Das zu hören, war wie Balsam für seine Seele. Erleichtert ging ein leiser Seufzer über Steves Lippen. „Danke.“

 

„Ich kenne Buck jetzt schon einige Zeit und ich glaube nicht, dass er irgendwas damit zu tun hat.“

 

Wenn Steve zurückdachte, wie verbissen sich die beiden bekämpft hatten, und jetzt sah, wie vehement sich Sam für seinen besten Freund einsetzte, dann ließ ihn das kurz lächeln.

 

„Nur um das klarzustellen: Ich habe selbst noch keine Erklärung dafür, wie Buck auf das Video von Tonys Helmkamera gekommen ist. Und selbst ich muss immer noch in Betracht ziehen, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass es doch eine Auseinandersetzung zwischen Tony und ihm gab.“

 

„Das weiß ich, Sam“, nickte Steve verständnisvoll. „Ich wäre enttäuscht, wenn dem nicht so wäre und du nur aus reinem Aktionismus so handelst. Ich bin froh, dass Bucky dich zum Freund hat.“

 

„Es ist nicht ganz einfach mit ihm. Er kostet einem eine Menge Nerven, weil er so verflucht stur sein kann.“ Ein Schmunzeln zeigte Steve, dass Sam es nicht ganz so ernst meinte. „Aber wenn es um das Renovieren von kaum mehr einsatzfähigen Fischkuttern geht, ist er unschlagbar.“

 

Dieser kurze Moment der Unbeschwertheit war genau das, was Steve jetzt brauchte. „Er hat mir davon erzählt und ich hab‘ gesehen, wie stolz er darauf war, dass du zugestimmt hast, dir dabei helfen zu dürfen.“

 

Sam grinste schief. „Na ja, er hat sich mehr oder weniger selbst eingeladen. Am Anfang dachte ich, das wäre das Todesurteil für das Boot. Doch er wusste ganz genau, was zu tun ist.“

 

„Sein Vater hat auf der Werft gearbeitet und Buck war von Kindesbeinen an mit ihm unterwegs. Zu unserer Zeit mussten die Kinder schon früh mithelfen, um die Familien finanziell zu unterstützen“, erzählte Steve ein wenig reumütig, denn er selbst war damals ein schwächliches und meist kränkliches Kind gewesen, das zu allem Überfluss ständigen Hänseleien und Prügeleien ausgesetzt war. Bucky hatte ihn mehr als einmal in Schutz genommen und die größeren Kinder verjagt. „Zumindest die, die körperlich dazu in der Lage waren. Ich war nur der Prügelknabe für andere Kinder. Wäre Bucky nicht gewesen ...“ Er verstummte kurz. „Seit ich denken kann, war er für mich da.“

 

„Wenn das alles hier vorbei ist, dann will ich mehr über eure Vergangenheit erfahren. Und damit meine ich nicht die militärische Geschichte. Ihr scheint einiges erlebt zu haben.“

 

„Er ist wie ein Bruder für mich.“ Steve musste den Kloß, der sich in seinem Hals formte, hinunterschlucken. Es dauerte einige Augenblicke, ehe er sich wieder gefangen hatte. „Ich würde alles für ihn tun.“

 

„Und das ist der Punkt, in dem ich Happy zustimmen muss - du bist zu nah dran. Und vielleicht nicht ganz objektiv“, Sam sah ihn aufmerksam an, ehe er hinzufügte: „Gleichzeitig kann das für uns aber von Vorteil sein. Keiner kennt Buck besser als du. Das müssen wir ausnutzen.“ Er blickte sich suchend um, schien sich vergewissern zu wollen, dass niemand in der Nähe war. „Wieso drehen wir nicht eine Runde um den Block?“

 


 

 

Die Idee von Sam war gut gewesen; die Bewegung an der frischen Luft half Steve dabei, seine Gedanken zu ordnen. Und natürlich hatte sein Kumpel mit diesem Spaziergang noch etwas anderes bezwecken wollen - so sehr er Tony helfen wollte, konnte er nicht sicher sein, ob Happy nicht F.R.I.D.A.Y. damit beauftragt hatte, die Gespräche aufzunehmen und auszuwerten. Mit einem Hot Dog in der Hand setzte er sich neben Sam und betrachtete das bunte Treiben im Park.

 

„Also“, fing Sam an, „du hast es gestern selbst gesagt - wir müssen da wie an einen Kriminalfall ran. Was wissen wir? Oder anders ausgedrückt: Was weißt du über Buck, das uns weiterhelfen könnte? Hast du ihn endlich erreicht?“

 

„Nein. Du?“

 

„Nein, du weißt ja, dass er auf meine SMS so gut wie nie reagiert.“

 

„Wir können ihn auch nicht anhand von digitalen Spuren verfolgen. Er hat keine Kreditkarten. Ich glaube, er hat nicht einmal ein eigenes Bankkonto.“

 

„Ich gebe es ungern zu, aber er weiß, wie man seine eigenen Spuren verwischt.“

 

„Deshalb haben wir auch so lange gebraucht, um ihn in Rumänien aufzuspüren.“ Er hielt kurz inne und nahm einen Biss vom Hot Dog. Kauend fragte er: „Meinst du, er ist im Ausland?“

 

„Wenn, dann wird es sehr schwierig. Wie du schon sagtest, benutzt er keine Kreditkarten. Also hätte er die Flugtickets vermutlich bar bezahlt. Da was rauszufinden, ist zwar nicht unmöglich, aber sehr zeitaufwändig.“

 

Je länger er darüber nachdachte, desto mehr zog sich sein Magen zusammen. Zerknirscht sagte er leise: „Ich war in seinem Apartment. Scheint so, als wäre er seit ein paar Tagen nicht dort gewesen. Sein Rucksack fehlt.“

 

„Allein diese Tatsache verheißt nichts Gutes.“

 

„Ja, schon“, gab Steve zu. Buckys Habseligkeiten passten, wenn es sein musste, tatsächlich in einen Rucksack und wenn dieser jetzt nicht in der Wohnung war, konnte das darauf hindeuten, dass er abgetaucht sein könnte. „Aber ich glaube nicht, dass er einfach so abhauen würde. Weshalb sollte er das tun? Weil Tony ihn von der Party geschmissen hat?“ Er schnaubte kurz. „Bucky wollte ja gar nicht erst hin. Er war nur wegen mir dort.“ Für ihn ergab das alles keinen Sinn. Konnte das alles nur Zufall sein? Aber wie war dann Bucky auf das Video gekommen?

 

„Ausschließen können wir es nicht.“

 

Ehe Steve antworten konnte, wurde er von seinem Handy unterbrochen. Schnell knüllte er das leere Einwickelpapier vom Hot Dog zusammen und wischte sich mit der Serviette die Finger ab, ehe er das Mobiltelefon aus der Hosentasche fischte und den Anruf entgegennahm. Er meldete sich zunächst, ehe er Buckys Psychiaterin begrüßte. „Danke für den Rückruf. Ich weiß, dass Sie der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen und ich würde auch nie-“

 

„Was wollen Sie wegen James wissen?“

 

Er zögerte einen Augenblick.

 

„Ich habe es in den Nachrichten gesehen.“

 

Verdammt! , dachte Steve. Buckys Schicksal lag in seinen Händen. Ein falsches Wort und er würde alles zunichtemachen, was Bucky bis dahin erreicht hatte. Und dabei wusste er noch nicht einmal, ob sein Freund überhaupt etwas mit Tonys Verschwinden zu tun hatte. „Das entspricht nicht der Wahrheit.“

 

„Ich weiß. James ist vieles, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er darin verwickelt ist. Da Sie sich bei mir melden, nehme ich an, dass Sie nach ihm suchen?“

 

Die Frau ist gut , musste er sich in Gedanken eingestehen. „Wir versuchen ihn schon die ganze Zeit zu erreichen.“

 

„Und wieso glauben Sie, dass ich Ihnen weiterhelfen kann?“

 

„Weil er vielleicht Ihnen gegenüber, etwas erwähnt hat, etwas, mit dem wir ...“ Er stoppte, weil ihm bewusst wurde, wie verzweifelt er klingen musste.

 

„Wie Sie schon sagten, unterliege ich der Schweigepflicht. Es gibt nicht viel, was ich für ihn tun kann. Wenn er zu seinem Termin morgen Nachmittag nicht erscheint, bleibt mir keine andere Wahl, als diesen Verstoß gegen seine Auflagen zu melden ...“

 

„Aber es muss doch-“

 

„Sie haben mich nicht ausreden lassen. Es ist nicht viel, aber ich kann ihm ein bisschen Zeit verschaffen. Seinen Termin auf Freitag verlegen. Sie sollten die Zeit gut nutzen, Captain Rogers.“

   

„Danke, Dr. Raynor.“ Im Anschluss daran legte er auf und sah den fragenden Blick von Sam. „Sie hat Bucky und uns einen Aufschub bis Freitag gegeben. „Wenn er bis dahin nicht wieder auftaucht, bekommt er zusätzlichen Ärger mit der Regierung. Er weiß das mit den Auflagen. Er würde das nicht riskieren.“

 

„Das sind etwas mehr als 2 Tage. Wie sollen wir das schaffen?“, merkte Sam nachdenklich an und nahm einen Schluck von der Limo, die er vorhin am Hot-Dog Stand gekauft hatte. „Nehmen wir mal an, er hat nichts mit der Sache zu tun, dann-“

 

„Er hat nichts damit zu tun.“

 

Unbeirrt von Steves Einwand fuhr Sam fort: „Wo könnte er sich sonst noch aufhalten? Ich meine, er unterliegt keinen Reisebeschränkungen innerhalb der Staaten. Bei Sarah ist er nicht, da hab‘ ich schon nachgefragt.“

 

Kopfschüttelnd meinte Steve: „Außer uns hat er niemanden mehr. Und Rebecca kann uns da wohl auch nicht weiterhelfen.“

 

„Rebecca?“ Sam richtete sich interessiert auf.

 

„Das ist nicht so, wie du denkst.“

 

„Ach ja? Was denke ich denn?“

 

„Rebecca ist seine jüngste Schwester. Sie lebt hier in New York in einem Pflegeheim. Sie ist die einzige aus seiner Familie, zu der er noch Kontakt hat-“

 

„Und das sagst du erst jetzt?“, ging Sam dazwischen. „Vielleicht kann sie uns Informationen geben?“

 

„Sie ist 95 und leidet an Demenz. Selbst wenn Buck sie eventuell letzte Woche besucht und ihr erzählt hat, dass er einen Kurztrip machen will, wird sie sich nicht daran erinnern können.“

 

Sam schien nachzudenken. „Das ist gut möglich. Aber sie könnte uns trotzdem helfen. Sie lebt in der Vergangenheit ... und vielleicht ist das der Schlüssel zum Erfolg.“ Voller Tatendrang sprang er auf. „Worauf warten wir noch?“

 

Steve sah verständnislos zu ihm hinauf und verstand den Sinn dahinter nicht. „Was willst du tun?“

 

„Wir statten ihr einen Besuch ab. Es ist einen Versuch wert, oder?“ Seine Augen blitzten erwartungsvoll auf. „Wie lautet die Adresse?“

 

 


 

 

„Manchmal bist du mir echt unheimlich“, raunte Steve seinem Freund zu, als sie an der Anmeldung des Pflegeheims warteten. Sam hatte ihm erklärt, dass Alzheimer-Patienten unter einem eingeschränkten Kurzzeit-Gedächtnis litten, sich aber dafür an die länger zurückliegende Vergangenheit meist problemlos erinnern konnten.

 

„Guten Tag, Mr. Rogers. Schön, Sie mal wieder zu sehen“, grüßte Betty ihn freundlich.

 

„Die Freude ist ganz meinerseits“, gab Steve, galant wie immer, ebenso freundlich zurück. „Ist Becca auf Ihrem Zimmer?“ Er hatte Bucky ein paar Mal hierher begleitet, besonders am Anfang, als sein Freund ihn zur moralischen Unterstützung mitgenommen hatte. Bucky war sich unsicher gewesen, ob er Kontakt mit seiner Schwester aufnehmen sollte und hatte ihn um Hilfe gebeten.

 

„Ja, ich war vor 30 Minuten bei ihr.“

 

„Und das Zimmer ist ... im ...?“

 

„Zweiter Stock, den Flur rechts runter, Nummer 207.“

 

„Richtig“, nickte Steve. „Ist schon ’ne Weile her.“

 

„Geht es James gut?“

 

„Wieso fragen Sie?“

 

„Er war seit letzter Woche nicht mehr hier. Normalerweise kommt er regelmäßig zu Besuch. Ist etwas vorgefallen?“

 

Steve runzelte die Stirn. „Oh, er ... hat ... gerade einiges um die Ohren“, wich er so gut wie möglich aus. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Betty.“

 

Sam folgte ihm, als sie die Stufen in die nächste Etage hochstiegen. „’Er war seit letzter Woche nicht mehr hier‘, zitierte er Betty. „Noch ein Zufall?“, wollte er wissen.

 

„So langsam weiß ich nicht mehr, was ich glauben kann“, seufzte Steve. Er blieb auf dem Treppenabsatz stehen. „Wie gehen wir am besten vor, wenn wir bei ihr sind?“, wollte er wissen. Irgendwie schien Sam mit der Situation viel besser umgehen zu können, als er.

 

„Es gibt kein Patentrezept“, zuckte Sam mit den Schultern und ging an Steve vorbei, der ihm dann folgte. „Wir müssen das einfach auf uns zukommen lassen. Und wir dürfen nichts erzwingen. Manchmal steigern sie sich in was rein und werden richtig aggressiv.“

 

„Woher weißt du so viel über das Thema?“

 

„Meine Titi hatte auch Alzheimer.“

 

„Deine ... Ti- was?“

 

„Meine Titi.“ Er rollte mit den Augen. „Kennt denn keiner diesen Ausdruck? Meine Tante.“

 

„War mir bis eben noch nicht geläufig“, schmunzelte Steve. Mittlerweile hatten sie die Zimmertür erreicht, doch er blieb erst noch einen Moment davor stehen. „Jetzt oder nie, hm?“, ein unsicheres Lächeln zierte sein Gesicht, als er anklopfte.

 


 

Zu seiner Überraschung war die Begrüßung problemlos verlaufen, davon abgesehen, dass die Greisin mit den langen, zu einem Dutt gebundenen, grau-weißen Haaren und den gleichen blauen Augen wie Bucky scheinbar nichts mit den Besuchern anfangen konnte. Sie saß in einem großen Sessel am Fenster und blickte Steve und Sam neugierig an.

 

„Weißt du, wer ich bin?“, fragte Steve. Die wenigen Male, die er hier gewesen war, hatte er sich im Hintergrund gehalten, denn er wollte Buckys Zeit mit Rebecca nicht schmälern. Er ging zu der Kommode, auf der viele gerahmte Bilder von früher standen und suchte sich eins aus, mit dem er zu der Frau ging. Langsam ließ er sich vor ihr in die Hocke sinken. „Sieh mal“, Steve zeigte auf ein altes schwarz-weiß Foto. Es musste irgendwann Anfang der 1940er entstanden sein. Bucky posierte darauf mit stolz geschwellter Brust in seiner neuen Armee-Uniform und er selbst ... war nur ein Strich in der Landschaft gewesen, „Das bin ich. Zusammen mit Jimmy.“ Er wählte bewusst diesen Spitznamen, da Becca ihren Bruder so nannte und erhoffte sich somit, die Erinnerungen von ihr wieder an die Oberfläche zu holen.

 

Sam hatte zwischenzeitlich die anderen Bilder betrachtet und hob Steve ein Foto hin, das ihn 1944 zeigte. Es war die kleinere Ausgabe des Posters, mit dem man seinerzeit mit Steve als Captain America für den Kauf von Kriegsanleihen geworben hatte.

 

Schnell warf Steve einen Blick darauf und versuchte ihm stumm mitzuteilen, etwaige Kommentare für sich zu behalten. Er konnte jedoch sehen, dass Sam es schwerfiel, nicht breit zu grinsen.

 

Rebeccas Gesichtszüge nahmen einen verträumten Ausdruck an, als sie das Bild betrachtete, das Steve ihr gegeben hatte. Bedächtig strich sie mit ihren runzligen Fingern über die Glasplatte. „Jimmy war ein gutaussehender Kerl. Hatte immer viele Frauen um sich.“ Dann kniff sie die Augen zusammen und wechselte mehrmals zwischen dem Foto und Steve den Blick. „Du bist so groß geworden, Stevie! Das mit deiner Mom tut mir sehr leid.“

 

Mit diesem plötzlichen Themenwechsel hatte Steve nicht gerechnet und brauchte einen Moment, um sich zu fangen. „Ja, mir auch, Becca.“ Er hatte schon lange nicht mehr an seine Mutter gedacht, doch jetzt war auf einmal wieder alles präsent. Wie verloren er nach ihrem Tod gewesen war und dass sich die Barnes‘ um ihn wie ein weiteres Familienmitglied gekümmert hatten. Allen voran Bucky.

 

„Sie war so eine nette Frau. Konnte unglaublich leckeren Kuchen backen. Musste sich aber oft Sachen von uns borgen, weil das Geld knapp war. So ganz ohne Ehemann.“ Ein Seufzen kam über ihre Lippen. „Sie war extrem bescheiden, wollte nie mit, wenn Mutter und Vater sie in den Sommerferien eingeladen haben, mit uns mitzukommen, damit sie mal raus kam aus der Stadt. Dabei war das immer so schön, wenn wir alle zusammen in der Blockhütte waren.“

 

Steve wurde hellhörig. „Blockhütte?“

 

 

 

 

Chapter 7

Notes:

Und es geht weiter! Ich wünsche euch gute Unterhaltung und würde mich über Rückmeldungen freuen!

(See the end of the chapter for more notes.)

Chapter Text

Kapitel 7

 

Die Sonne war bereits im Begriff unterzugehen, doch Bucky hielt das nicht davon ab, seinen Weg fortzusetzen. Er kannte die Strecke von der Hütte durch den Wald bis zur nächsten Siedlung beinahe auswendig. Wenn er es darauf anlegen würde, könnte er die ganze Nacht hindurch weiterlaufen. Doch im Moment sah er dazu keine Veranlassung. Stark war am Leben, hatte ein Dach über dem Kopf und genug Nahrungsmittel, um mehrere Tage problemlos auszukommen. Er hatte ihm sogar das Gewehr überlassen, um sich im Notfall selbst verteidigen zu können. Wobei er während der ganzen Zeit, die er schon hier draußen verbracht hatte, noch nie in Schwierigkeiten geraten war. Dazu lag die Hütte einfach zu abgelegen.

 

Bucky fragte sich nur, ob der Mann ohne technische Hilfsmittel in der Lage war, sich selbst zu versorgen oder ob er dazu diese neumodischen Smartphones oder den ganzen anderen Kram benötigte. Manchmal kam es ihm so vor, als ob die Menschheit ohne die dazugehörigen Apps nicht mehr fähig war, im Alltag zu bestehen. Für sich selbst sah er es als großen Vorteil an, in einer anderen Zeit, unter ganz anderen Umständen aufgewachsen zu sein. Die heutige Jugend kam doch ohne Strom gar nicht mehr aus dem Haus. Ständig hingen sie an den Handys und schienen sogar miteinander zu kommunizieren, selbst wenn sie sich gegenüber saßen.

 

In Gedanken ging er die restliche Etappe durch. Er war gut vorangekommen und seiner Schätzung nach brauchte er noch knapp 1 Tag, wenn er sich ein paar Stunden Pause gönnte. Und die würde er auch einlegen, denn sein Magen fing leicht an zu knurren. Ein paar Meilen vor ihm lag eine natürliche Gesteinsverwerfung, die ihm Schutz bot und daher wollte er dort sein Nachtlager aufschlagen.

 


 

Gähnend rieb sich Bucky das Gesicht, als er nach einer halb durchwachten Nacht vom ersten Vogelgezwitscher geweckt wurde. Er spähte, auf dem Rücken liegend, durch das Blätterdach nach oben an den immer heller werdenden Himmel, an dem man noch Teile des Mondes erkennen konnte. Wie fast jede Nacht hatte er nur wenig Schlaf bekommen; obwohl ihn nicht einer der üblichen Albträume um die Nachtruhe gebracht hatte, waren seine Gedanken ständig um Stark und das Gespräch gekreist, das er in der Nacht zuvor mit ihm geführt hatte.

 

„Die Weltausstellung von 1943, hm?“ Mit dieser Frage hatte alles angefangen. Tony schien auf einmal Feuer und Flamme zu sein und hatte ihm Löcher in den Bauch gefragt. Zum Teil konnte er ihn verstehen. Dinge über Personen zu erfahren, die bereits verstorben waren, und die sonst vielleicht niemand wusste, wäre wohl für die meisten sehr interessant. Nur dass ausgerechnet er Rede und Antwort über Howard Stark stehen sollte, das machte alles für ihn ein wenig surreal.

 

Er hatte Howard Stark als einen Lebemann kennen gelernt, der wusste, wie er die Damenwelt becircen konnte und der es genoss, im Rampenlicht zu stehen. Und genau so hatte er es Tony gesagt. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, hatte Bucky es zusammengefasst. Diese Erkenntnis war zwar nicht neu für Tony gewesen, aber trotzdem hatte er immer wieder nachgehakt. Ohne es forciert zu haben, schweiften seine Gedanken plötzlich zu seinem eigenen Vater, der, im Gegensatz zu Howard, immer für seine Kinder da gewesen war. George Barnes war ein gutmütiger und aufrichtiger Mann gewesen; groß, breitschultrig, mit Schwielen an den Händen von der schweren Arbeit bei den Docks. Bucky hatte es geliebt, wenn sein Dad ihn mitgenommen hatte, damit er ihm helfen konnte - auch wenn er in Wahrheit nicht viel mehr als ein einfacher Handlager gewesen war. Aber trotzdem hatte er unheimlich viel von George gelernt - nicht nur in handwerklicher Sicht. Sein Vater hatte immer viel Wert darauf gelegt, dass sich seine Kinder anständig benahmen, höflich zu anderen waren und er hatte beinahe Tag und Nacht gearbeitet, um ihnen eine gute Schulbildung und somit einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 war das alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Mit 12 Jahren hatte Bucky am eigenen Leib erfahren müssen, wie schwer es war, eine sechsköpfige Familie durchzubringen, als er wie jeden Tag nach der Schule loszog, um alle möglichen Jobs anzunehmen, damit sie sich von dem so hinzuverdienten Geld Essen kaufen konnten. Tony hingegen war in einer ganz anderen Zeit aufgewachsen, überhäuft mit materiellen Dingen und Geld im Überfluss. Doch im Gegensatz zu George, den Bucky als liebevollen und sich kümmernden Vater in Erinnerung hatte, war Howard wohl aus irgendeinem Grund nicht dazu fähig gewesen, Zuneigung und Anerkennung gegenüber Tony zu zeigen. Und das war es, was Tony auch noch im Erwachsenenalter so sehr beeinflusste. Und etwas, das er sich nicht mit dem ganzen Geld der Welt hätte kaufen können.

 

Der Weckruf eines Vogels brachte Bucky kurz in die Gegenwart zurück. Die Sonne hatte mehr an Kraft gewonnen und schickte wärmende Strahlen nach unten. Mit hinter dem Kopf verschränkten Händen blieb er noch liegen und verlor sich kurz in den vom leichten Wind bewegten Blättern über ihm - und damit erneut in Erinnerungen. Er hatte es als Kind geliebt, während der Sommerferien mit seinem Dad in einem Zelt im Freien zu übernachten, während der Rest der Familie mit allen Bequemlichkeiten in der Blockhütte nebenan schlief. Damals war vieles einfacher gewesen und im Rückblick konnte er mit Fug und Recht behaupten, trotz allen Widrigkeiten, eine unbeschwerte Kindheit verbracht zu haben. Der Gedanke an Steve, der sie ein Mal begleitet hatte, ließ ihn kurz grinsen. Der kleine, schmächtige Steve, bei dem man aufpassen musste, dass ihn nicht ein Windstoß zu Fall brachte, war unschlagbar darin gewesen, flink wie ein Wiesel im Apfelbaum die leckersten Früchte ganz oben zu pflücken - nachdem Bucky ihn dabei geholfen hatte, den Stamm hochzuklettern. Wahrscheinlich waren es Erinnerungen wie diese, die ihn immer mal wieder hierher zu der Hütte zogen. Auch wenn die heutige Hütte einige Meilen entfernt von der ersten stand, da das ursprüngliche Holzhaus Mitte der 1930er durch einen Waldbrand zerstört worden war. George war damals erschüttert über den Verlust gewesen. Doch schon im darauf folgenden Sommer hatte er, mit tatkräftiger Unterstützung von Bucky, damit angefangen, an einem noch schöneren Platz eine neue Blockhütte zu bauen, die zudem noch in der Nähe eines Sees lag, der den gleichen Namen trug - Lake George.

 

Dass die Gegend, in der die Hütte lag, im Lauf der Zeit zu einem Nationalpark ernannt worden war, hatte diese wohl vor dem Abriss bewahrt, denn die Parkverwaltung hatte diese von der Barnes Familie übernommen. George war zudem so geistesgegenwärtig gewesen und hatte für sich und die kommenden Generationen ein dauerhaftes Nutzungsrecht ausgehandelt - und damit indirekt dafür gesorgt, dass die Hütte erhalten blieb. Im weiteren Verlauf hatte die Parkverwaltung jedoch, um den gewachsenen Ansprüchen gerecht zu werden, einen Neuau mit allen technischen Schikanen direkt am Parkeingang bezogen. Danach war die Hütte in Vergessenheit geraten. Um dieses Vermächtnis seines Vaters auch weiterhin in Ehren zu halten, hatte er beantragt, als rechtmäßiger Nachkomme von George eingetragen zu werden. Allerdings mahlten die Mühlen der Ämter extrem langsam. Also hatte er nach seiner Rückkehr aus Wakanda damit begonnen, das Haus zu renovieren, ohne auf die nötige Freigabe zu warten.

 

Sein Magen meldete sich knurrend und machte ihm deutlich, dass es an der Zeit war, in die Gänge zu kommen. Sich reckend und streckend stand er auf, ging ein paar Schritte und kehrte dann zu seiner Schlafstätte zurück. Mit wenigen Handgriffen hatte er die Decke und den Schlafsack, den Steve ihm geschenkt hatte - es handelte sich dabei um einen dieser ultraleichten Typen, hergestellt aus Polyester-Microfaser, die er als eine ungemein effektive Erfindung aus der Neuzeit ansah - aufgerollt und im Rucksack verstaut. Wenn er schon wach war, konnte er auch nach einer kleinen Stärkung gleich wieder aufbrechen. Vom Vorabend hatte er noch einen Rest Eintopf in der Konservendose, den er jetzt kalt auslöffelte. Er hätte auch ein Feuer machen und den Inhalt erwärmen können, doch das dauerte ihm alles zu lange. Auf dem Weg in die Siedlung gab es unterwegs auch immer die Möglichkeit, Beeren oder andere essbare Früchte zu sammeln. Und je schneller er vorankam, desto eher würde Stark seine Hütte verlassen. Und desto eher hätte er selbst wieder Ruhe. Deshalb packte er die Dose und den Löffel zurück in die Tasche, warf sich den Rucksack über und lief los.

 

Es war nicht so, als ob er Tony böse wäre. Im Gegenteil. Er bereute es zutiefst, dessen Eltern getötet zu haben und wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, alles ungeschehen zu machen, dann hätte er diese Chance ohne zu zögern ergriffen. Er hatte sich schon oft gefragt, wie die Geschichte weitergegangen wäre, wäre er nicht in die Fänge von Hydra geraten. Hätte er den Sturz überlebt? Damals war ihm das noch nicht klar gewesen, aber bereits nach seiner Gefangennahme in Italien hatte man ihm diverse Substanzen verabreicht, die denen ähnelten, die auch Steve bekommen hatte. Nur so konnte er es sich erklären, warum er nach dem Fall in die Tiefe überhaupt noch am Leben gewesen war. Wenn er damals wirklich gestorben wäre, hätte das für seine eigene Familie nichts geändert. Aber er wäre nicht zum Winter Soldier geworden und hätte damit nicht so unsäglich viel Leid über andere Familien gebracht.

 

Unvermittelt blieb Bucky stehen, als er bemerkte, wie er sich wieder in dieser Gedankenspirale verlor, die drohte, ihn immer tiefer hinabzuziehen. Es kam ihm so vor, als hätte jemand sein Herz in einen Klammergriff und ihm die Luft zum Atmen genommen. Mit geschlossenen Augen versuchte er, tief ein-und auszuatmen; er spürte, wie sein Herz wild pochte und gleichzeitig die Wut in ihm aufstieg. Er war wütend auf so viele Dinge. Wie man ihn bei Hydra wie ein Stück Vieh behandelt hatte, als man ihm den Armstumpf amputierte. Die monatelangen Schmerzen von den Operationen, bei denen sie ihm die Prothese verpasst hatten. Das brutale Ausbildungsprogramm, mit dem man ihm zum Killer ausgebildet hatte. Die qualvollen Prozeduren, bei denen man sein Gehirn weichkochte, bis er seinen eigenen Namen nicht mehr kannte. All diese Erinnerungen kamen urplötzlich wieder in ihm hoch und er konnte nicht anders, als einen Schrei der Entrüstung loszulassen, während er gleichzeitig all seine Empfindungen in seinen linken Arm kanalisierte und mit einem gewaltigen Hieb gegen den Boden entlud. Deutlich konnte er die Erschütterungen fühlen, die von seiner Aktion herrührten, als er noch immer auf dem Waldweg kniete.

 

Erst nach und nach entwich die Anspannung aus seinem Körper. Ein Geräusch zu seiner rechten versetzte ihn dann aber wieder unverzüglich in Alarmbereitschaft und automatisch duckte er sich noch ein wenig tiefer. Aufmerksam lauschend sondierte er seine Umgebung, konnte aber nichts auffälliges entdecken. Wahrscheinlich hatte sich ein Wildtier im dichten Geäst unfreiwillig bemerkbar gemacht. Um seinen Kopf wieder frei zu bekommen, schüttelte er diesen leicht und stand dann auf. Mit einem letzten Blick über die Schulter setzte er zum Gehen an, als ihn etwas in den rechten Oberschenkel traf.

 

Überrascht blickte Bucky zu der schmerzenden Stelle und konnte nicht glauben, was er da sah. „Was zum-“, fluchte er und zog sich den Betäubungspfeil heraus, doch er spürte schon, wie es im ganzen Bein kribbelte. Zwei Schritte schaffte er noch, dann gab sein rechter Fuß nach und knickte ein. Unsanft landete er auf dem Boden. Sein Überlebenstrieb setzte ein und er versuchte, sich in Deckung zu bringen. Kriechend suchte er Schutz hinter einem Baum, aber seine Gliedmaßen schienen seinen Befehlen nicht mehr vollständig zu gehorchen. Nur unter äußersten Anstrengungen konnte er sich mit dem Rücken an den Stamm gelehnt in eine halbwegs sitzende Position bringen und noch viel länger schien es zu dauern, um eins der Jagdmesser aus der Scheide zu ziehen. Innerhalb weniger Sekunden überkam ihn eine bleierne Schwere; seinen Kopf konnte er nur mit Mühe oben behalten. Sein Blickfeld zog sich zusammen. Schemenhaft konnte er noch ausmachen, wie eine Gestalt neben ihm auftauchte und das letzte, was er hörte war:

 

„Siehst du? Ich hab‘ dir gesagt, dass er es ist.“

 

 


 

 

Als Bucky wieder die Augen aufschlug, brauchte er einen Moment, um sich in Erinnerung zu rufen, was passiert war. Zunächst hatte er befürchtet, einen Rückfall als Winter Soldier gehabt zu haben, denn der Ort, an dem er sich befand, war dunkel, kalt und muffig. Und er war gefesselt. „Wie in schlechten alten Zeiten“ , schoss es ihm ironisch durch den Kopf. Doch es fühlte sich anders an. Irgendwie. Vorsichtig begann er, die Situation Detail für Detail zu erfassen.

 

Schwerfällig bewegte er den Kopf etwas, dann die Schultern. Seine Hände waren hinter dem Rücken gebunden. Und er lag auf der Seite in einem Raum, der ihn an einen Kühlraum erinnerte, jedoch komplett aus Natursteinen bestand, aber auch keine Zelle im üblichen Sinn darstellte. Jedenfalls konnte er in dem diesigen Licht keine Gitterstäbe oder ähnliches ausmachen. Nur eine schwere Metalltür ein paar Meter von ihm entfernt. Abseits standen ein paar Regale, Holzfässer, Kartons. Alles in allem wirkte das hier eher wie ein Keller.

 

Gedämpfte Schritte hallten durch den Raum und Bucky überlegte kurz. Er brauchte nur einen kräftigen Ruck und die Fesseln wären gesprengt, denn so wie sich das Material um sein rechtes Handgelenk anfühlte, handelte es sich hierbei lediglich um einen etwas groberen Strick. Schon das sprach gegen irgendwelche Institutionen, die ihn dingfest machen wollten. Denn mit dieser lächerlichen Fesselung konnte man ihn nicht wirklich festhalten. Trotzdem entschied er sich dafür, erst einmal abzuwarten.

 

Als das Schloss der Tür aufgeschlossen wurde, ging Bucky dazu über, sich wieder schlafend zu stellen und ließ den Kopf und die Augenlider sinken. Jemand trat ein und näherte sich ihm langsam.

 

„Und?“ Etwas entfernt erklang eine Männerstimme.

 

Bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, rührte Bucky sich nicht, als er Hände an seinem Oberkörper spürte, die ihn offensichtlich abtasteten.

 

„Ist noch weggetreten“, antwortete jemand, der näher bei ihm war.

 

„Ich hab‘ ihm eine Ladung verpasst, die einen Grizzly umhaut.“

 

„Hätte auch anders ausgehen können. Was, wenn er uns abgekratzt wäre?“

 

„Is‘ er aber nich‘. Hab‘ doch gesehen, wie er sich den Pfeil rausgezogen hat. Da war noch was übrig vom Betäubungsmittel.“

 

„Tommy hat gesagt, er is‘ lebend mehr wert, als tot.“

 

„Und? Er lebt ja noch. Wo ist das Problem? Jetzt mach‘ dir nich‘ in die Hosen.“

 

Das alles machte für Bucky nicht wirklich Sinn. Noch immer hatte der eine Mann seine Hände auf seinem linken Oberarm und er roch auch dessen nicht gerade angenehme Ausdünstungen. Forsch öffnete er sein linkes Auge, ehe er „Buh!“ machte und sich in einer fließenden Bewegung sowohl aufrichtete, als sich auch von seinen Fesseln befreite.

 

Der Mann bei ihm erschrak so sehr, dass ihm alle Farbe aus dem Gesicht wich und er mit einem lauten Aufschrei einen Satz nach hinten machte, der ihn in der Folge straucheln und ihn über die die eigenen Füße fallen ließ.

 

„Verfluchte Scheiße!“, stieß der andere Mann aus, der im Türrahmen stand und versuchte, die Tür zuzuziehen, schaffte es aber nicht rechtzeitig, die Türfalle einschnappen zu lassen.

 

„Echt jetzt?“, fragte Bucky enttäuscht und schob einfach seinen Fuß zwischen Tür und Rahmen, ehe er die Tür problemlos aufdrückte. Fast schon amüsiert sah er den Mann an, der sich mit dem Rücken und weit aufgerissenen Augen an die Wand drückte. Bucky hob beschwichtigend die Hände. „Hört zu, ich weiß nicht, was ihr glaubt, hier zu veranstalten. Aber ich hab‘ keine Lust auf solche Spielchen.“ Er hatte genug Kämpfe ausgefochten um zu wissen, dass die beiden harmlos waren und für ihn keine Bedrohung darstellten. Außerdem war er an die drei Regeln von Dr. Raynor gebunden und die wollte er auf keinen Fall brechen. „Also“, fuhr er fort, „wie wäre es, wenn wir das hier einfach vergessen und ich mich jetzt verabschiede?“

 

Wortlos schüttelte der Mann vor ihm den Kopf, schnappte nach Luft und versuchte tatsächlich, mit zitternden Finger an sein Messer zu kommen, das an seinem Gürtel befestigt war.

 

Ein Schrei ertönte hinter Bucky und als er sich umdrehte, sah er den ersten Mann auf sich zustürzen, bewaffnet mit einem Holzstuhl. Reflexartig hob er schützend seinen linken Arm und zuckte augenrollend mit den Schultern, als der Stuhl krachend in seine Einzelteile zerbrach, ohne Bucky auch nur ansatzweise zu verletzen. Mit einem leichten Hieb traf er seinen Angreifer am Kinn und knockte ihn aus.

 

Der zweite Mann hatte die Chance genutzt und machte einen Satz auf ihn zu, als er gerade im Begriff war, sich ihm zuzuwenden. Bucky spürte noch den Luftzug vom Stoß mit dem Messer und wich überrascht zurück, da der Mann ihn tatsächlich mit der Klinge an der Wange erwischt hatte. Mit den Fingerspitzen fuhr er sich über den blutenden Schnitt, ehe er die Augen zusammen kniff. „Jetzt werd‘ ich aber so langsam sauer“, merkte er verärgert an und schickte den Typ ebenfalls mit einem wohl dosiertem Schlag ins Land der Träume.

 

Suchend sah er sich im Flur um, konnte aber keine weiteren Gegner ausmachen. Schnell ging er zurück in den Raum und erkannte seinen Rucksack, den jemand achtlos in die Ecke geworfen hatte. Zu seinem Glück lagen auch seine zwei Jagdmesser daneben. Mit wenigen Handgriffen hatte er den Mann, der immer noch benommen auf dem Boden lag, gefesselt. Dann ging er wieder auf den Flur, sammelte dessen Kumpel ein und war gerade dabei, auch ihn zu verschnüren, als aus dessen Jackentasche ein Handy auf den Boden fiel. Schnell steckte Bucky es ein, schnappte sich den Rucksack und die Messer, zog die Tür hinter sich zu, drückte den Türknauf mit der linken Hand zusammen, als wäre dieser aus Butter und suchte einen Weg nach draußen.

 


 

Das Gebäude war nicht groß und so dauerte es nicht lange, bis Bucky im Freien stand. Noch immer auf Hut, um nicht entdeckt zu werden, schlich er an der Außenwand entlang. Im ersten Moment hatte er keine Ahnung, wo genau er sich befand, er stellte nur fest, dass es bereits dämmerte und die Vermutung nahe lag, dass er für einige Stunden betäubt gewesen sein musste. Sein Blick blieb an einem Geländewagen hängen. Mit wenigen Schritten hatte er die Fahrertür erreicht und mit einem Blick durch die Fensterscheibe erkannt, dass der Zündschlüssel steckte. Aber selbst ein fehlender Schlüssel hätte ihn nicht abhalten können, den Wagen zu starten. Dazu hatte er schon zu viele Jeeps seiner Kompanie während des Krieges kurzgeschlossen, um an den Wochenenden in die jeweilige Stadt zum Tanzabend zu kommen.

 

Ein unbändiger Schmerz in seiner linken Schulter ließ ihn aufschreien und zu Boden gehen. Ohne zu wissen, was gerade passiert war, kroch er so schnell wie möglich auf allen Vieren um den Wagen herum, um sich in Sicherheit zu bringen. Augenblicklich hatte er in den Soldatenmodus geschaltet und war bereit für den Kampf. Doch irgendwas stimmte mit seinem linken Arm nicht und als er hinunter blickte, stockte ihm für den Bruchteil einer Sekunde der Atem, als er eine Pfeilspitze aus der Brust ragen sah. Irgendjemand hatte auf ihn geschossen und der Pfeil steckte noch in seiner Schulter. „Scheiße!“, fluchte er, als er erkannte, dass er den Pfeil nicht ohne weiteres mit der rechten Hand erreichen und ihn damit entfernen konnte. Hektisch sah er sich um. Es gab nur eine Möglichkeit. Er musste zurück in den Wald und versuchen, von hier zu entkommen.

 

„Idioten“, raunte der Mann vom Fenster im zweiten Stock des Hauses aus und ließ die Armbrust sinken, nachdem er gesehen hatte, dass der Pfeil sein Ziel zwar getroffen, aber nicht wie erhofft ausgeschaltet hatte. Wütend sah er dem Mann nach, der schneller als ein normaler Mensch ins dichte Unterholz rannte und aus seinem Blickfeld verschwand. „Ich hab‘ euch gesagt, ihr sollt ihn anketten!“

 

Notes:

Autsch! Das tat bestimmt weh ...

Chapter 8

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Stark Tower

 

Seit mehren Stunden hockten Steve und die anderen zusammen im Stark Tower und versuchten, aus all den Informationen, die sie seit der Bekanntgabe von Tonys Verschwinden in den Medien erhielten, diejenigen herauszufiltern, die von Belang waren. Leider gab es allerdings mehr Falschmeldungen als aussagekräftige Hinweise, denn gefühlt jeder Mensch in den USA wollte entweder Tony, Iron Man oder Bucky gesehen haben. Ganz zu schweigen von den vielen Anrufern, die zudem noch Außerirdische, den Yeti und Big Foot als Sichtung angaben.

Zudem zermarterte sich Steve sein Gehirn nach Informationen, die mit denen von Rebecca in Einklang standen. Nachdem Buckys Schwester die Sommerferien erwähnt hatte, war ihm wieder eingefallen, dass er tatsächlich mit den Barnes‘ in einer Blockhütte gewesen war. Damals war seine Mutter sehr krank gewesen und hatte einige Zeit in einem Sanatorium verbringen müssen, weshalb sie ihm das Versprechen abgerungen hatte, den Sommer über zu den Barnes‘ zu ziehen. Irgendwie hatte er diese Erinnerungen daran verdrängt, denn der gesamte Aufenthalt war von den Sorgen über das Wohlergehen seiner Mutter überschattet gewesen. Nur einige wenige positive Erinnerungsfetzen waren ihm präsent geblieben. Doch selbst die halfen ihm nicht weiter. Wer merkte sich schon als Kind den Weg zu einem Sommerferienhaus, zu dem man im Grunde gar nicht hin wollte? Zudem hatten mehrere Anrufe bei verschiedenen Institutionen nur die Informationen ans Tageslicht gebracht, dass die Holzhütte der Barnes schon vor etlichen Jahren einem Feuer zum Opfer gefallen war. Sie befanden sich also wieder in einer Sackgasse.

Natasha setzte sich neben ihn und schob ihm eine Tasse Kaffee hin.

Müde fuhr er sich mit einer Hand übers Gesicht. Mit einem halbherzigen Lächeln bedankte er sich stumm bei ihr. Zweifel machten sich bei ihm breit. Zweifel darüber, ob es richtig gewesen war, Bucky aus Wakanda zurück nach New York zu holen.

„Woran denkst du?“, fragte Natasha leise.

Steve überlegte. Es gingen so viele Gedanken durch seinen Kopf, dass er gar nicht wusste, was er ihr antworten sollte. „So vieles und auch gar nichts“, meinte er augenrollend. „Entschuldige, das war nicht sehr hilfreich.“

„Es gab schon weniger aussagekräftigere Antworten“, zuckte sie schmunzelnd mit den Schultern.

Er bewunderte ihre Contenance immer wieder aufs Neue, wusste aber auch, dass sie ein Profi darin war, ihre wahren Gefühle zu verstecken. Doch im Moment war ihre Anteilnahme echt. „Ich mache mir Sorgen um Bucky. Was, wenn er tatsächlich den Halt verloren hat? Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich daran schuld bin.“

„Wieso denkst du das?“

„Weil ich“, er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, um Zeit zu schinden, aber es war vergebens, „weil ich ihn überredet habe, zurückzukommen. Ich dachte, es wäre das Beste für ihn. Er sollte hier wieder Fuß fassen, eine Familie gründen können. Wahrscheinlicher ist jedoch“, er stieß einen kleinen Stoßseufzer aus, „dass ich das nur gemacht habe, damit es mir besser geht. Weil ich ihm unbedingt etwas zurückgeben wollte. Ihm helfen wollte, obwohl er in Wakanda endlich seinen Frieden gefunden hatte. Und jetzt scheint er wieder den Preis dafür zu zahlen, dass andere über ihn bestimmen.“ Ein Kloß formte sich in seinem Hals und er musste tief Luft holen, um nicht völlig die Fassung zu verlieren.

Natasha rückte näher an ihn heran. „Du unterschätzt ihn. Er ist stärker als du denkst. Wenn er nicht hätte zurückkommen wollen, hätte er das auch nicht getan. Vielleicht hat er sich ein wenig einfacher vorgestellt, aber er ist nicht dumm. Er wusste genau, was ihn hier erwartet und er hat die Herausforderung angenommen. Vielleicht auch, weil er es sich selbst beweisen wollte, dass er es aus eigener Kraft schaffen kann.“

„Leute, wir haben einen vielversprechenden Anhaltspunkt! Wir haben ein Video bekommen, auf dem ein Mann einen Absturz beschreibt, von etwas, das kein Flugzeug war.“ Happy wirkte geradezu ekstatisch.

Steve schüttelte ungläubig den Kopf. Heutzutage begnügten sich die Leute nicht mehr nur damit, bei einer Hotline anrufen. Nein, viele schickten selbstgedrehte Handyvideos, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen.

„Ich gehe der Sache persönlich nach. Wer kommt mit?“

Rhodey meldete sich, Peter Parker und Scott Lang taten es ihm nach.

Unentschlossen blickte Steve in die Gesichter der anderen. Sein Gefühl sagte ihm, dass das Video nicht den erhofften Durchbruch bringen würde. Andererseits wollte er sich nicht ausmalen, was passieren würde, sollten Happy und seine Mitstreiter tatsächlich auf Tony und Bucky treffen.

„FRIDAY? Lass den Quinjet startklar machen. Aufbruch in 15 Minuten“, wies Happy die künstlich Intelligenz, sowie die menschlichen Anwesenden an.

Das Klingeln von Steves Handy ging beinahe in der gerade entstandenen Aufbruchstimmung unter. Die angezeigte Nummer war keinem seiner Kontakte zugeordnet und ließ Steve die Stirn runzeln, nachdem er einen Blick auf das Display geworfen hatte. Wahrscheinlich hatte sich der Anrufer verwählt, denn er gab seine eigene Nummer nicht an Unbekannte heraus. Er war schon dabei, den Anruf wegzudrücken, doch er fand es unhöflich, also ging er ran. „Hallo?“

„I-ich ... hatte ... hatte keine ... andere Wahl, Steve ...“

„Buck?“ Steves Puls schnellte nach oben, als er die verwaschene Stimme von seinem Freund hörte. Mit einem Satz war er auf den Beinen und spürte die Blicke der anderen auf sich. „Was ist passiert? Wo bist du?“ Mit einem Fingerschnippen meinte er zu niemand bestimmten: „Verfolgt den Anruf zurück! Das ist Bucky!“ Dann war er wieder voll und ganz bei seinem Freund, der gehetzt und durcheinander klang. „Ganz ruhig, Kumpel“, meinte er, war aber selbst wie elektrisiert. „Sag‘ mir, wo du bist und ich komme zu dir.“

„E-es ging nicht ... anders ... i-ich ... das musst du ... mir glauben ...“

„Ich glaube dir Buck“, erwiderte Steve. Irgendetwas musste vorgefallen sein, was seinen Kumpel richtiggehend in Panik versetzt hatte. „Und ich werde dir helfen. Aber dazu muss ich wissen, wo du bist“, wiederholte er seine Worte von vorhin, bekam aber keine Rückmeldung. „Hörst du mich? Sag was!“

Happy hatte aufmerksam zugehört. „Das könnte eine Falle sein“, mutmaßte er. „Rogers?“

Ohne darauf einzugehen, versuchte Steve weiterhin mit Bucky zu reden, doch der Kontakt schien abgebrochen zu sein. Jedenfalls meldete sich sein Freund nicht mehr. Frustriert startete er einen Rückruf, doch es kam nur das Besetztzeichen. Jemand im Hintergrund meinte ‚Kein GPS-Signal verfügbar‘, aber das würde ihn nicht davon abhalten, sich auf den Weg zu machen. „Ich werde Bucky suchen. Mit oder ohne eure Hilfe“, meinte Steve entschlossen.

„Wir erreichen in diesem Fall vielleicht mehr, wenn wir uns aufteilen“, schlug Sam vor. „Wer auch immer zuerst fündig wird, erstattet Bericht. Ich erwarte allerdings auch von dir“, er sah Happy an, „dass wir uns unvoreingenommen der Sache annehmen. Also keine Einzelgänge, keine Fluchthilfe.“ Sein Blick ging dieses Mal an Steve. „Mir reichen die letzten Abenteuer und ich glaube, ich muss keinen von euch daran erinnern, was das letzte Mal passiert ist, als wir gegeneinander, anstatt miteinander gearbeitet haben. Ich möchte Tony und Bucky helfen, aber es muss auf neutraler Ebene geschehen.“

„Ich werde dafür sorgen“, nickte Rhodey.

„Abgemacht?“ Steve hielt Happy seine Hand zum Einschlagen hin.

Happy zögerte kurz. „Abgemacht.“

 


 

Buckys Anruf hatte ihnen nicht weitergeholfen, da dieser keinerlei Informationen mitgeteilt hatte, die Rückschlüsse auf seinen Standort zugelassen hätten. Daher orientierten sie sich nun an den GPS-Daten, die sie anhand von FRIDAYS Triangulation mittels der Sendeleistung des Handys errechnet hatten, da das eigentliche GPS-Signals des Handys nicht zu orten gewesen war. Offenbar war diese Funktion vom Besitzer deaktiviert worden. Sie befanden sich in unwegsamen Gelände und hatten den Quinjet nur einige Meilen entfernt landen können, weil es sonst keine andere Lichtung gab.

Sam blickte auf das Display an seinem linken Handgelenk. Sie hatten eine Felsformation ausgemacht, in die eine Art Gang zu einem größeren Hohlraum führte. Und genau dort hinein hatte Sam Redwing geschickt. „Ich erkenne drei Personen. Zwei Personen“, sagte er mit hohler Stimme, „bewegen sich nicht. Die andere ... wohl auch nicht.“

„Kann Redwing auch Vitalzeichen erkennen?“

„Nichts bei der ersten Person. Nr. 2 ... scheint so weit in Ordnung zu sein, ist höchstwahrscheinlich bewusstlos. Unregelmäßiger Puls und eine unterdurchschnittliche Körpertemperatur bei Nr. 3.“

Fragend sahen sich die beiden an. Egal, um wen es sich da drinnen handelte, brauchten mindestens zwei Personen Hilfe. Mit der Unterstützung von Redwing arbeiteten sie sich zügig voran. Einige Meter vor der gesuchten Stelle blieben sie stehen und machten sich bereit, sollten sie unerwarteterweise angegriffen werden. Doch stattdessen fanden sie einen toten Mann, dem offenkundig ein Jagdmesser im Rücken steckte. Eine weitere Person lag nicht weit entfernt reglos auf dem Boden.

Schnell checkte Steve, ob der Mann noch atmete und ertastete einen kräftigen Puls. Nach einer kurzen Überprüfung konnte er zwar einige Platzwunden im Gesicht des Bewusstlosen ausmachen, aber keine augenscheinlichen anderen lebensbedrohliche Verletzungen. Irgendwer hatte den Mann mit Stoffstreifen gefesselt und geknebelt. Trotzdem meinte er: „Wir brauchen Unterstützung. Gib’ den anderen Bescheid.“

„Schon passiert“, erwiderte Sam nickend.

„Ich gehe vor, du hältst mir den Rücken frei“, sagte Steve und ging weiter. Fünf Schritte hatte er zurückgelegt, als das Licht von Redwing auf eine Person fiel, die, mit dem Rücken zur Wand, halb auf der Seite liegend, keine Reaktion auf die plötzliche Helligkeit zeigte. Nach einem weiteren Schritt glaubte Steve, sein Herz würde stehenbleiben, als er in das blutige Gesicht von Bucky blickte. „Sam! Wir brauchen medizinische Hilfe! Es ist Buck! Er ist verletzt!“, rief er über seine Schulter und war innerhalb weniger Augenblicke bei seinem Kumpel. Obwohl es ihm schwerfiel, näherte er sich mit seiner Hand nur vorsichtig, um, wie schon zuvor beim anderen Mann, nach Vitalzeichen zu suchen. „Alles gut, Buck, ich bins, Steve“, meinte er so ruhig wie möglich und brauchte einen Moment, um den schwachen Puls zu ertasten.

„Hilfe ist auf dem Weg.“ Sam erschien neben ihm und erschrak. „Da steckt ein Pfeil in seiner Brust.“ Er sah auf den Boden neben Buck und erkannte im Scheinwerferlicht eine große, dunkle Lache. „Er verliert viel Blut. Wir müssen einen Druckverband anlegen.“

Auch Steve hatte den Pfeil gesehen. „Aber wie, wenn der Pfeil noch drinsteckt? Wir können ihn nicht einfach rausziehen. Womöglich ist das sein Todesurteil, wenn wir dadurch noch größeren Schaden anrichten.“

Clint erschien und mit ihm Natasha. Der Bogenschütze kniete sich neben Steve, nickte kurz, fuhr mit seinem Messer durch den Stoff von Buckys Jacke und riss die Bekleidung auseinander, um einen besseren Zugang zu bekommen und sich die Wunden genauer ansehen zu können.

Steve sog bei dem Anblick geräuschvoll die Luft ein. Der Pfeil steckte genau an der Verbindungsnaht zwischen Prothese und Buckys eigentlicher Schulter.

„Rausziehen ist keine gute Option, wenn die Spitze oder die Befiederung noch dran sind. Bei dem Versuch würdet ihr die Ein- oder Austrittswunde nur noch vergrößern.“ Clint griff in seinen Köcher und zog ein kleines Werkzeug hervor. „Der Schaft ist aus Fiberglas, den kann man nicht abbrechen. Ich werde ihn jeweils vorne und hinten abschneiden. Habt ihr was, mit dem wir die Wunde tamponieren können?“

Natasha zögerte nicht lange und riss sich erste einen, dann den anderen Ärmel ihrer Bluse ab. „Die hat mir sowieso nie gefallen“, meinte sie schulterzuckend und zerteilte den Stoff in weitere Streifen, die sie dann geschickt aufrollte.

„Du machst so was nicht zum ersten Mal?“, stellte Steve nüchtern fest.

Clint meldete sich wieder zu Wort. „Und es wäre nicht schlecht, wenn du ihn in Schach hältst, solange ich mich in der Gefahrenzone befinde.“ Mit Blick auf die anderen machte er sich mit Sam daran, den Bewusstlosen etwas zur Seite zu drehen, damit er einen besseren Zugang zum Schaftende hatte. Nachdem er sich versichert hatte, dass alle bereit waren, fing er an, mit dem Werkzeug den Pfeilschaft ein paar Zentimeter über der Haut abzutrennen.

Die Berührung riss Bucky aus seiner Bewusstlosigkeit und er stieß sich ruckartig und mit einem qualvollen Schrei von der Wand ab.

Steve lehnte sich mit aller Kraft mit seiner Schulter gegen Buckys Brustkorb. Auf diese Weise hatte er zumindest Buckys rechten Arm einigermaßen unter Kontrolle. Lieber wäre ihm gewesen, auf der anderen Seite zu sitzen, doch dann wäre er Clint im Weg und jetzt musste er hoffen, dass er seinen Kumpel so weit ablenken konnte, damit Clint nichts passierte. „Buck! Nicht! Wir sind hier, um dir zu helfen!“, redete er auf ihn ein. Mit seiner freien Hand griff er nach dessen Kinn, um sich seiner Aufmerksamkeit sicher zu sein. Es kostete ihn einige Mühe, Bucky, der versuchte, sich zu befreien, unter Kontrolle zu halten. „Ich weiß, du hast Schmerzen, aber sieh mich an. Hey! Sieh mich an.“ Es schnürte ihm die Kehle zu, in die angstgeweiteten Augen und das gepeinigte, schweißnasse Gesicht seines Freundes blicken zu müssen und zu wissen, ihm nicht ausreichend helfen zu können. „Hey! Augen geradeaus! Bleib‘ bei mir. Sieh mich an.“

Buckys Atmung ging stoßweise und immer wieder versuchte er, sich unter Steve wegzuducken. Verzweifelt krallte er sich mit der rechten Hand an Steves Jacke fest, wohl in dem Versuch, sein Gegenüber abzuwehren. Weitere qualvolle Schreie drangen aus seiner Kehle, aber der Widerstand ließ nach.

„Sein Metallarm scheint nicht mehr zu funktionieren“, stellte Sam fest.

„Du machst das gut, Kumpel“, redete Steve weiter mit ihm. Angst stieg in ihm auf, als er bemerkte, dass die Gegenwehr nur noch halbherzig erfolgte. Waren sie zu spät gekommen? „Es ist gleich geschafft. Sieh mich einfach an, okay? Wir stehen das gemeinsam durch, hörst du?“

„Wahrscheinlich sind die Nervenbahnen in Mitleidenschaft gezogen worden“, sagte Natasha. Sie war dichter an Clint und Sam herangetreten und wartete auf ihren Einsatz.

„Oookay“, murmelte Clint. „Ist durch.“ Mit einem leisen Geräusch fiel das Schaftende zu Boden. „Jetzt das Gleiche nochmal von vorne.“ Bei dem Versuch, Bucky zurückzudrehen, kam er unabsichtlich gegen das in der Schulter verbliebene Mittelstück und sofort schrie Bucky wieder heiser auf. Durch die Bewegung quoll erneut Blut aus den Wunden und es schien für einen Moment so, als wolle sich der verletzte Mann ein letztes Mal gegen alle aufbäumen.

Steves Adrenalinpegel schoss nochmals nach oben. „Versuch ihn festzuhalten!“, befahl er Sam und deutete auf den kybernetischen Arm. Gleichzeitig erhöhte er den Druck gegen Buckys Oberkörper, hörte, wie sein Freund unter dieser Belastung ächzte und stöhnte.

„Hab‘ ihn“, bestätigte Sam.

„Alles klar“, nickte Clint, der kurzzeitig aufgehört hatte. Mit einem Kopfnicken deutete er an, weitermachen zu wollen und holte tief Luft.

Ein erstickter Laut kam aus Buckys Mund, während ihm die Tränen über die Wangen liefen. „S-ste-ve ...“

„Ich bin bei dir, Kumpel“, erwiderte Steve mit brüchiger Stimme und konnte selbst nur schwer verhindern, selbst in Tränen auszubrechen, bei dem Anblick von Bucky, der um sein Leben kämpfte. „Du musst durchhalten. Es ist gleich vorbei.“ Obwohl es nur etwas mehr als 1 Minute gedauert hatte, verstrich die Zeit für Steve quälend langsam. Noch immer versuchte er, Bucky gut zuzureden, ohne zu wissen, ob seine Worte überhaupt noch Gehör fanden. Er spürte, wie die Gegenwehr plötzlich aussetzte und Buckys Körper in sich zusammensackte.

„Er ist wieder weggetreten“, meinte Sam.

„Kann ich ihm nicht verübeln“, stellte Clint fest. „Dass er überhaupt so lange durchgehalten hat, ist erstaunlich.“ Er drehte die Metallspitze kurz in den Fingern, bevor er sie achtlos auf den Boden fallen ließ. „Ich gehe nicht davon aus, dass die Typen ihre Pfeile nach der Jagd anständig gereinigt haben. Das kann eine böse Infektion geben“, erklärte er den anderen.

Unverzüglich war Natasha zur Stelle und presste die Stoffrollen so gut es ging um den Schaft herum, um die Blutung zu stoppen.

„Ihr habt die Kavallerie gerufen?“, drang Peters Stimme durch die Höhle.

Sam nickte. „Wo sind die anderen?“

„Draußen im Quinjet. Wir dachten, es wäre besser, wenn wir-“ Er erschrak beim Anblick der beiden übel zugerichteten Männer. „Ach du Schei-Scheibenkleister!“

Steve kam eine Idee. „Hey Kleiner! Komm her. Wir brauchen was von deinem Klebezeugs.“

Der junge Student kam schnell auf ihn zu, blieb aber unvermittelt stehen, als er das ganze Blut sah. Seine Gesichtszüge veränderten sich. „Ich glaube, mir wird-“

„Reiß dich zusammen“, meinte Steve etwas harscher, als er es eigentlich wollte. Doch jetzt war keine Zeit, um Höflichkeiten auszutauschen. „Clint, nimm Buckys linken Arm und leg‘ ihn auf seine Brust. Peter, du“, er drehte den Finger im Kreis, „spinnst ihm einen Verband um die Schulter, damit der Arm ruhiggestellt ist. Alles klar?“

„Oh ... ähm, ja“, nickte Peter und erledigte die Aufgabe problemlos. „Hab‘ das noch nie gemacht, aber es sollte halten.“

„Und jetzt, nichts wie weg von hier.“ Steve hatte sich Buckys rechten Arm um die Schulter gelegt und sah Sam an. „Kannst du mir helfen?“

„Klar.“

„Achtung!“, meldete sich Clint zu Wort. „Er kommt wieder zu sich! Der ist wirklich unberechenbar.“

Stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht kam wieder Leben in Bucky.

Steve merkte, wie er sich bemühte, auf die Beine zu kommen, es ihm aber nicht auf Anhieb gelang. „Ist alles in Ordnung, Kumpel. Vertrau‘ mir.“

„Warte, ich helfe dir. Du kannst dich an mich lehnen“, bot Sam an und stellte sich an Buckys linke Seite. Es gab zwar kein galantes Bild ab, wie die drei durch die Höhle stolperten, aber sie schafften es, ohne dass jemand von ihnen hinfiel. Draußen tönte es über ihren Köpfen.

Peter stellte sich dicht neben Steve, damit er ihm zurufen konnte: „Der Quinjet ist genau über uns. Wir können dich zusammen mit Bucky hochziehen. Du musst ihn mit beiden Armen umgreifen.“

Steve nickte und tat, wie ihm geheißen, indem er um Bucky herumgriff, sodass dessen Rücken gegen seine Brust lehnte. „Bereit.“

„Okay, dann mal los.“ Peter streckte seinen Arm in Richtung Quinjet und die sich dort befindliche Abseilvorrichtung, gleichzeitig spann er mehrere Spinnfäden um Steve und zog die beiden mit nach oben.

Sie wurden von Tony in Empfang genommen. „Wir fliegen direkt zum Avengers Tower. Es ist alles vorbereitet.“

Ein kurzes, dankbares Lächeln erschien auf Steves Gesicht. „Alles klar.“

Notes:

Ich habe weder medizinische, noch irgendwelche technische Kenntnisse ... sollte also irgendwas nicht passen, lasst es mich wissen und ich versuche es zu korrigieren.

Chapter Text

Donnerstag Nachmittag

 

Natürlich hatte es Tony nicht lange ausgehalten, nachdem Barnes aufgebrochen war, um Hilfe zu holen. Untätigkeit sah er als verlorene Zeit an und sein Verstand brauchte immer etwas, um gefordert zu bleiben. Sein Knie schmerzte noch immer höllisch, wenn er versuchte es zu bewegen oder gar zu belasten. Aber einfach so rumhocken konnte er nicht. Also hatte er beschlossen, sich ein wenig umzusehen. Vielleicht gab es ja doch noch irgendein technisches Gerät, mit dem er etwas anfangen konnte.

 

Humpelnd und fluchend hatte er sich Stück für Stück durch den Raum bewegt, alles in Augenschein genommen. Doch seine Ausbeute war gering bis erfolglos geblieben.

 

Auch am heutigen Tag war er wieder getrieben von seiner Aufgabe, einen Weg zur Kontaktaufnahme zu finden. Nach einer kurzen Katzenwäsche und einem schnellen Frühstück (Barnes hatte sogar Müsli gebunkert, aber keine Milch - was sollte denn das bitteschön?!) drehte er seine üblichen Runden durch den Raum. Er hielt es für besser, sich etwas Bewegung zu verschaffen, als gänzlich zur Couch-Potatoe zu mutieren. Nichtsdestotrotz war es sehr anstrengend, sich mit Hilfe der Krücke fortzubewegen. Mittlerweile schmerzte auch seine Schulter von der unnatürlichen Haltung. „Na schön“, brummte er verstimmt und ließ sich außer Atem auf einem der Sessel nieder, als er es nicht mehr aushielt und eine Pause brauchte, weil sein Knie zu platzen schien. Sein Blick fiel auf das Buch, das Barnes gestern Abend gelesen hatte und wohl während dessen Albtraum auf den Boden gefallen sein musste. Etwas ungelenk hangelte er danach, bekam es aber schließlich zu fassen. Der Hobbit, stand auf dem Einband. Mit so einer Lektüre hatte er überhaupt nicht gerechnet. Neugierig schlug er es auf und hob erstaunt die Augenbrauen, als er den Eindruck las und feststellen musste, dass es sich um die Erstausgabe aus dem Jahr 1937 handelte.

 

Der Einband war sichtbar abgegriffen. Nicht verwunderlich, wenn man bedachte, wie alt das Buch war. Er blätterte weiter und sah eine handschriftliche Eintragung.

 

„Für James Buchanan,

Du kannst in deinem Leben alles erreichen, was du willst.

Du musst nur bereit sein, hart dafür zu arbeiten.

Ich bin stolz auf dich, mein Sohn!

Dein Dad,

George“

 

Fast fühlte es sich für Tony an, als würde er in Barnes‘ Privatsphäre eindringen, deshalb schlug er das Buch wieder zu und legte es vorsichtig auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Sessel ab. Trotzdem ging ihm die Widmung nicht aus dem Kopf. So etwas persönliches hatte er von seinem Vater nie erhalten.

 

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ , hatte Barnes letzte Nacht über ihn gesagt. Nachdenklich lehnte sich Tony im Sessel zurück. Er hatte von ihm so einiges über Howard erfahren; Dinge, die ihm nicht einmal seine Mutter erzählt hatte. Wahrscheinlich hatte sie selbst davon keine Ahnung, wie Howard Anfang der 1940er gewesen war, obwohl sie es vielleicht geahnt hatte. Wie Howard keine Gelegenheit ausließ, um mit Frauen zu flirten. Und das auch noch in aller Öffentlichkeit, während der Weltausstellung. Die Vorliebe für große Auftritte lag ihnen wohl beiden im Blut. Und ja, er erkannte sich in Teilen wieder. Doch im Gegensatz zu Howard, war er stets bemüht, Morgan ein guter Vater zu sein, sie normal aufwachsen zu lassen, ohne sie ständig an sich selbst zu messen. Sein Vater hatte ihn andauernd in vielen Bereichen herausgefordert. Und Tony hatte diese Herausforderungen gerne angenommen. Noch viel lieber hätte er es aber gesehen, wenn Howard ihn auch für seine Leistungen ein Lob ausgesprochen hätte. Stattdessen hatte er die Ergebnisse mit einem Schulterzucken abgetan und ein ‚Das kriegst du noch besser hin‘ nachgeschoben. Natürlich hatten ihn diese Aussagen angespornt, sich noch mehr ins Zeug zu legen. Aber irgendwann war es ihm so vorgekommen, als sei nichts, was er präsentierte, gut genug für Howard.

 

Irgendwann hatte Barnes dann von Howards Mithilfe im Supersoldaten-Programm im Auftrag der Regierung berichtet. Das zu hören war für Tony nicht neu gewesen, davon hatte sein alter Herr ihm zuhauf selbst erzählt. So oft und so inbrünstig, dass er Captain America gegenüber nicht gerade positiv eingestellt gewesen war. Neidisch war er auf Steve gewesen. Bekam doch dieser Fremde mehr Aufmerksamkeit von seinem Vater, als der eigene Sohn.

 

Aber zu erfahren, wie sehr die Soldaten auf dem Schlachtfeld - Barnes eingeschlossen - darauf gehofft hatten, endlich eine Waffe in den Händen zu halten, mit denen man die Nazis ein für alle Mal von dieser Welt tilgen konnte, wie belastend der Krieg für alle Beteiligten gewesen war, darüber hatte Tony keine Vorstellung gehabt. Wie verbissen sein Vater daran gearbeitet hatte, Mittel und Wege zu finden, um den Krieg zu beenden, sich dafür die Nächte um die Ohren geschlagen hatte, um an neuen Erfindungen zu tüfteln. Dass sein Vater Steve sogar höchstpersönlich nach Italien geflogen hatte, um Barnes aus den Fängen von Hydra zu befreien.

 

Welch Ironie des Schicksals, dass Howard Jahrzehnte später durch Barnes‘ Hände im Auftrag jener Geheimorganisation getötet worden war. Wut stieg in ihm auf, als er daran dachte, was der Winter Soldier damit zunichte gemacht hatte - die Aussicht darauf, vielleicht doch noch ins Reine mit Howard zu kommen. Er hatte Barnes gegenüber nach der Sache in Sibirien wüste Verwünschungen ausgesprochen, denn ihn zu töten wäre zu einfach gewesen. Nein, er hatte ihn leiden sehen wollen.

 

Doch dieses Wunschdenken hielt nicht mehr an. Denn es war wahr geworden. Er hatte tatsächlich gesehen, wie sehr der Mann darunter litt, diese und andere Gräueltaten begangen zu haben. Und er hatte das Bedauern in der Stimme seines Gegenübers deutlich gehört. Obwohl es für Außenstehende anscheinend nicht offenkundig war, hatte Tony Zweifel daran, dass Barnes‘ mit der neuen Situation zurechtkam. Hatte Steve nicht Anfang des Jahres erwähnt, dass Barnes 1917 geboren war? Ein somit 100jähriger, der mit heutigen - für andere selbstverständlichen - Dingen konfrontiert war, die für ihn keinen Sinn ergaben. Der außer einem weiteren fast 100jährigen keine Familie mehr hatte und in selbstgewählter Isolation lebte. Eins war Tony während der gestrigen Unterhaltung klar geworden - Barnes‘ war kein einfältiger Mann. Im Gegenteil. Dessen Verstand war - trotz allem, was ihm widerfahren war - messerscharf und er besaß analytische Fähigkeiten. Steve hatte ihm erzählt, wie er zusammen mit Barnes während des Weltkriegs taktische Militäroperationen geplant und erfolgreich durchgeführt hatte. Barnes war kein einfacher Fußsoldat, der, ohne zu hinterfragen jegliche Befehle kompromisslos ausführte - sofern er nicht durch anderweitige Vorkommnisse in eben jenen Status versetzt wurde. Nein, der Mann war gebildet und eloquent und ab und zu hatte Tony ein kurzes Aufblitzen in dessen Augen wahrgenommen, als dieser über Steve und längst vergangene - gute - Zeiten geredet hatte.

 

Gute Zeiten.

 

Tony rieb sich die Augen. So sehr es ihm schwergefallen war, mit seinem Vater auszukommen, so sehr hatte er seine Mutter geliebt. Sie war eine warmherzige Frau gewesen, die immer versucht hatte, zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn zu intervenieren. Die immer für ihn offenes Ohr und eine Schulter zum Anlehnen gehabt hatte. Und deren Tod völlig sinnlos gewesen war. Bekümmert ließ er den Kopf sinken und schloss die Augen. Die letzten Tage waren ein Auf und Ab der Gefühle für ihn gewesen. Ein Wirrwarr der Emotionen. Wie konnte etwas, das so klar war, gleichzeitig so undurchsichtig sein? Nachdem er in Sibirien die Wahrheit über den Tod seiner Eltern erfahren hatte, hatte er keinen Unterschied zwischen Barnes und dem Winter Soldier gemacht. Hätte er damals einen getötet, wäre der andere auch gestorben. Es wäre ihm egal gewesen. So einfach war das. Aber diese Logik war falsch gewesen, das hatte er jetzt erkannt.

 

Vorsichtig ließ er seine Schultern kreisen. Er musste unbedingt auf andere Gedanken kommen und sich nicht von seinen Gefühlen übermannen lassen. Er musste konzentriert bleiben und den Fokus darauf richten, eine Lösung zu finden. Doch so ganz wollte ihm das nicht gelingen.

 

Immer öfter erwischte er sich dabei, wie er dankbar dafür war, von Barnes gerettet worden zu sein. Vielleicht war es auch an der Zeit, Barnes eine zweite Chance zu geben. Immerhin war es dessen Verdienst, dass er noch am Leben war und schon bald wieder seine Familie in die Arme würde schließen können. Auch sah er es nicht als Selbstverständlichkeit an, von jemanden Hilfe zu bekommen, den man vor wenigen Wochen noch aus dem Haus geschmissen hatte und dem man gegenüber alles andere als nett gewesen war.

 

Andererseits - konnte er sicher sein, dass Barnes überhaupt darauf aus war, ihm zu helfen? Was, wenn dieser sich einfach aus dem Staub gemacht hatte und ihn hier seinem Schicksal überließ? Plötzlich lief es ihm heiß und kalt den Rücken hinunter. War er zu naiv gewesen? Zwei Tage waren seit Barnes‘ Aufbruch vergangen. Hätte nicht schon jemand hier sein sollen? Eineinhalb Tage. Barnes hatte von eineinhalb Tagen gesprochen, die er brauchen würde, um zur nächsten Siedlung zu kommen, um von dort aus Hilfe anzufordern. Warum zum Teufel war noch niemand hier aufgetaucht?

 

Sein Puls stieg an und er musste sich dazu zwingen, ruhig zu bleiben. Panik nützt dir nichts. Bringt dich nicht weiter, dachte er. Panik ist destruktiv, Stark. Wenn du von hier weg willst, musst du dir selbst helfen.

 

Seufzend sah Tony zum Esszimmertisch, auf dem sich diverse Teile aus dem Anzug befanden. Noch immer war es ihm ein Rätsel, warum es zu einem Totalausfall gekommen war. Auf jeden Fall würde er für zukünftige Notfälle ein einwandfrei funktionierendes System konstruieren, das losgelöst von der übrigen Technik mit minimalem Aufwand noch dazu in der Lage wäre, Daten zur Positionsbestimmung zu senden. Ein Totalausfall war vertretbar; ein zweiter schon eher peinlich. Einen dritten würde es - sofern es nach ihm ging - nicht mehr geben. Sein schlechtes Gewissen seiner Familie gegenüber wuchs beständig an ... Pepper und Morgan waren bestimmt schon verrückt vor Sorge, weil sie nicht wussten, wo er war. Und es lag nun ganz allein bei ihm, das zu ändern. Entschlossenheit verdrängte Stück für Stück das lähmende Gefühl der Beklemmung in seiner Brust. Er wollte zurück zu seiner Familie und er würde alles daran setzen, um sie bald wieder in seine Arme schließen zu können.

 


 

 

„Ha!“ Triumphierend reckte Tony die Faust nach oben. Das Solarmodul und der damit verbundene Akku waren gerade dabei, den nötigen Strom für die Kommunikationseinheit bereitzustellen. Noch ein paar Modifikationen und er könnte das System überbrücken. Ein paar Minuten später blinkte eine blaue LED in unregelmäßigen Abständen auf - der Sendebetrieb funktionierte. Wenn es ihm gelang, Kontakt mit dem Hauptquartier aufzunehmen, wäre alles andere ein Kinderspiel. Er hatte sich für die einfachste, aber gleichzeitig auch effektivste Art der modernen Kommunikation entschieden und morste seinen Hilferuf, den er in einer Endlosschleife durch den Äther funkte.

 

SOS - TONY STARK - BENOETIGE HILFE - SOS

 


 

Die Warterei schlug ihm gehörig aufs Gemüt. Stunden waren vergangen, seit es ihm gelungen war, den Notruf abzusetzen. Nicht mehr lange, und er würde vermutlich anfangen, mit Tieren zu sprechen. Was gäbe er jetzt dafür, sich mit Pepper oder Morgan unterhalten zu können! Bei dem Gedanken an die beiden wurde sein Herz schwer und er musste die Tränen weg blinzeln.

 

Mit einem lauten Knall wurde die Tür wurde beinahe aus den Angeln gesprengt. Reflexartig schnappte er sich das Gewehr und hielt es im Anschlag.

 

Happy stürmte, dicht gefolgt von Rhodey und Peter, ins Innere. „Boss!“

 

„Tony!“

 

„Mr. Stark!“

 

Beinahe gleichzeitig riefen die drei durcheinander.

 

„Whoa! Alles gut!“ Mit erhobenen Händen stand Rhodey vor ihm. „Alles gut, wir sind’s.“

 

Nachdem sich der erste Schock über die plötzliche Invasion gelegt hatte, atmete Tony tief durch. Gleichzeitig verspürte er große Erleichterung, seine Freunde zu sehen. Tief durchatmend ließ er das Gewehr sinken, um es schließlich wieder auf den Tisch zu legen. Um ein Haar hätte er abgedrückt.

 

Alle vier schienen gleichzeitig aufzuseufzen.

 

„Geht’s dir gut? Was ist passiert? Wie kommst du hier her?“, feuerte Happy eine Frage nach der anderen ab, nachdem bei allen der Stresslevel wieder gesunken war.

 

„Das könnte ich euch auch fragen.“

 

„Wir waren unterwegs zu einem Augenzeugen, der uns Informationen über deinen Verbleib geben wollte“, erklärte Happy.

 

„Ja, und dann haben wir Ihren Hilferuf empfangen“, meldete sich Peter zu Wort, der sich dann ohne zu zögern Tony näherte, ihn umarmte und ihn dabei fast vom Stuhl warf. „Ich bin so froh, Sie zu sehen!“

 

„Ähm, ja, schon gut. Ich auch“, räusperte er sich leicht. „Und jetzt ... “, erwiderte Tony etwas überrascht und versuchte, sich aus Peters Klammergriff zu befreien, denn solche innigen Gefühlsbekundungen waren ihm etwas unangenehm, „... sollten wir uns wieder aufs Wesentliche konzentrieren.“

 

„Richtig, Boss. Du hast meine Fragen noch nicht beantwortet“, ergriff Happy die Gelegenheit, während er sich gleichzeitig um die eigene Achse drehte, um die Umgebung zu sondieren. „Was ist passiert?“

 

„Das, mein Freund“, nickte er, „ist eine ausgezeichnete Frage. Und die Antwort ist - ich weiß es nicht. Das ganze System“, er breitete seine Arme aus, deutete auf die Einzelteile auf dem Tisch und den demolierten Anzug auf dem Boden, „ist komplett ausgefallen. Und ich in der Folge abgestürzt.“

 

„Schon wieder“, murmelte Happy augenrollend. „Man sollte meinen, du hast daraus gelernt und die Anzüge entsprechend modifiziert.“

 

„Das habe ich. Der Anzug war modifiziert. Ein Prototyp“, sagte Tony leicht genervt und hob mahnend den Zeigefinger, als Happy zu einer Erwiderung ansetzen wollte. „Nein, behalt’s für dich.“

 

„So weit, so gut. Aber irgendwas ist offensichtlich ja wohl gewaltig schiefgelaufen“, sagte Rhodey.

 

„Danke, das habe ich auch gemerkt“, meinte Tony angesäuert.

 

„Das ist super merkwürdig“, meldete sich Peter zu Wort. „Das System hat ständig falsche Daten generiert. Daher konnten wir Sie auch nicht orten. Das mit dem Morse-Code war eine echt coole Idee!“

 

„Hast du schon eine Vermutung, woran es liegen könnte?“, fragte Rhodey.

 

„Nicht die kleinste“, gab Tony nachdenklich zu.

 

„Lass‘ uns das Zeugs aufsammeln und zurück zum Hauptquartier fliegen“, schlug Happy vor. „F.R.I.D.A.Y.? Wir haben Tony gefunden. Veranlasse alles nötige, wir machen uns auf den Rückflug.“ An Tony gewandt sagte er: „Kannst von Glück reden, dass dir nichts passiert ist. Bin so froh, dass es dir gut geht“, seufzte er und fing an, kleinere Teile aufzulesen.

 

„Ja, das bin ich auch“, meinte Tony und versuchte aufzustehen, knickte aber fluchend ein, als sein Knie nachgab.

 

Schnell griff ihm Happy unter die Arme. „Na ja, mehr oder weniger. Was ist mit dem Knie los? Und hast du dir die Wunde an der Stirn selbst genäht?“

 

Reflexartig griff sich Tony an die besagte Stelle. „Nein. Das war Barnes. Er ist weg-“

 

„Barnes?! Ich wusste es!“, brach es aus Happy hervor, ehe er erneut Kontakt mit der KI aufnahm. „F.R.I.D.A.Y.? Wir benötigen zusätzlich medizinische Hilfe. Und informiere die Behörden, dass Barnes auf der Flucht ist.“

 

Rhodey ergriff das Wort. „Happy ... wir haben uns darauf geeinigt, dass-“

 

„Der Kerl ist eine tickende Zeitbombe!“ Happy sah sein Gegenüber mit zusammengekniffenen Augen an. „Das war er schon immer.“

 

Jetzt wurde es Tony zu viel. „Moment!“ Er griff sich die Funkstöpsel von seinem Gegenüber, damit er selbst in Kontakt mit seiner KI treten konnte. „F.R.I.D.A.Y.! Keine Weitergabe von Informationen an die Behörden.“ Er konnte sehen, wie sich Happys Gesichtsausdruck nach seinem Einwand verfinsterte. „Barnes ist auf der Flucht? Wieso?“

 

Rhodey drehte sich ihm zu. „Was meinst du?“

 

„Was meint ihr?“

 

„Du scheinst durcheinander zu sein, Boss. Aber das wird schon wieder“, meinte Happy. „Kannst du laufen? Oder soll ich dich tragen?“

 

Tony bedachte ihn mit einem entgeisterten Blick. „Ich bin nicht durcheinander. Ihr seid es!“ Er wartete kurz, sah alle nacheinander an. „Barnes ist auf der Flucht?“, wiederholte er seine Frage, hatte aber ein ungutes Gefühl. War er mit seiner Vermutung doch richtig gelegen? „Warum? Was ist passiert? Er ist vor zwei Tagen von hier weg, um Hilfe zu holen.“

 

„Er wollte ... Hilfe holen?“, fragte Rhodey ungläubig und starrte ihn genauso an.

 

„Ja, er hat mich nach dem Absturz aus dem Fluss gezogen und mich hierher gebracht. Und dann ist er zur nächsten Siedlung aufgebrochen. Er ist nicht auf der Flucht“, merkte Tony verstimmt an. „Er hat mir das Leben gerettet.“

 

„Wir sind davon ausgegangen, dass er ...“, Peter sprach nicht weiter.

 

„Steve und die anderen suchen nach ihm. Er hat sich bei ihm telefonisch gemeldet. Mehr oder weniger kryptisch.“ Rhodey zuckte mit den Schultern.

 

Kopfschüttelnd ließ sich Tony wieder auf den Stuhl am Esstisch nieder und suchte nach einer Erklärung, als er Sams Stimme hörte.

 

„Wir haben Buck! Ich schicke euch die Koordinaten. Es sieht nicht gut aus. Er ist schwer verletzt. Benötigen dringend Hilfe!“

 

Sein Herz schien für einen Moment auszusetzen und im ersten Augenblick konnte er darauf gar nichts erwidern.

 

„Boss? Geht’s dir nicht gut? Wir sollten sofort aufbrechen und zurück ins Hauptquartier.“

 

„Den Teufel werden wir tun“, erwiderte er entschlossen. „Die anderen brauchen unsere Hilfe. Und die werden sie auch bekommen.“

 

Chapter 10

Notes:

Und es geht emotional weiter!

Chapter Text

Stark-Tower, New York

Samstag

 

„Willkommen zurück!“ Als Bucky die Augen aufschlug, prasselten so viele Eindrücke auf ihn ein, dass er im ersten Moment gar nicht wusste, wo er war. Blinzelnd versuchte er, sich zurechtzufinden. Der Raum war hell erleuchtet. Er erkannte schemenhaft Personen in weißen Kitteln. Medizinisches Gerät. Hörte das stetige Piepsen irgendwelcher Maschinen. Sein Verstand sagte ihm, wachsam zu sein, erwartete aber auch gleichzeitig die schmerzhafte Prozedur, die ihn immer nach dem Auftauen zuteil wurde, wenn man ihn auf den nächsten Einsatz vorbereitete. Etwas war jedoch anders. Mit „Willkommen zurück“ war er noch nie begrüßt worden. Er wurde nicht zum Stuhl geschleift. Lag er in einem Bett? Vorsichtig versuchte er sich zu bewegen und bemerkte, dass er nicht festgeschnallt war. Dann fiel ihm noch etwas anderes auf. Sein linker Arm gehorchte ihm nicht. Schwerfällig drehte er den Kopf zur Seite, um die Ursache herauszufinden. Er sah seinen nackten Oberkörper, Schläuche, Elektroden. War er doch fixiert? Es dauerte etwas, bis ihm klar wurde, dass der Arm nicht mehr an seiner Schulter war. Handelte es sich hier um ein weiteres Experiment von HYDRA? So oder so passte das alles nicht zusammen und er täte besser daran, von hier zu verschwinden. Also fing er an, sich aufzurichten.

„Hey, hey, hey. Immer schön langsam. Bleib liegen.“

Etwas drückte gegen seine Brust und das ließ seinen Puls steigen. Gleichzeitig erhöhten sich die nervigen Piepsgeräusche, was ihn zusätzlich irritierte. Genervt gab er den Widerstand auf und lehnte sich zurück.

„Alles gut, Buck. Du bist in Sicherheit.“

Er kannte die Stimme. Aber konnte er seinem Verstand trauen? Sein Mund fühlte sich wie mit Watte gefüllt an und er brauchte zwei Anläufe, um ein halbwegs verständliches „St-steve?“ zu krächzen. Die Piepsgeräusche verlangsamten sich wieder.

„Der einzig Wahre.“

Es kostete ihn alle Willensstärke, die er aufbringen konnte, um zu verhindern, dass ihm die Augen zufielen. Und genauso schwer war es, seinen Kopf zu drehen. Aber schließlich hatte er es geschafft. Mühsam und unkoordiniert versuchte er, die rechte Hand zu heben. Er spürte, wie sie gedrückt wurde und erwiderte die Geste. Jedenfalls hoffte er das. Mit der Zungenspitze fuhr er sich über die rauen Lippen, um sie zu befeuchten, aber er hatte nicht das Gefühl, dass das etwas bewirkte.

„Die haben dir das gute Zeugs verpasst. Dauert noch ein bisschen, bis du uns wieder nerven kannst.“ Steves Gesicht rückte näher in sein Sichtfeld.

„M-mein Arm ...?“

Steve zögerte. „Ist eine längere Geschichte und im Moment nicht wichtig, okay? Die anderen haben mich vorgeschickt, um zu testen, ob du dich benehmen wirst.“ Nach einer kurzen Pause hakte er nach: „Wirst du dich benehmen?“

„Hm-mhm.“ Zu mehr war er nicht mehr fähig, ehe ihn die Schwärze wieder umhüllte.

 


 

Das Aroma von Kaffee ließ seine Lebensgeister erneut wach werden. Das war auf jeden Fall anders als in Sibirien.

„Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Willkommen zurück.“

Dieses Mal war die Beleuchtung im Raum weniger störend und die Eindrücke klarer. Er war definitiv nicht in Sibirien. Aber auch nicht in einem Krankenhaus. Dazu war das ganze Drumherum zu exklusiv, auch wenn er es an nichts Bestimmten festmachen konnte. Er versuchte, das alles in Einklang zu bringen, scheiterte aber daran, weil er merkte, wie der Druck in seinem Kopf zunahm. „Wo bin ich?“

„Im Stark-Tower.“

„Was ... was ist passiert? Bin ... ich ... hab‘ ich ...?“ Instinktiv wollte er sich aufrichten und spürte einen brennenden Schmerz in der linken Schulter - an der noch immer der Arm fehlte. Zweifel flammten in ihm auf. War er doch wieder zum Winter Soldier geworden und hatte man ihm als Konsequenz den Arm endgültig abgenommen?

„Nein, keine Sorge, Buck.“ Steve stellte sich dicht an die rechte Bettseite, legte eine Hand auf das hochgezogene Gitter und die andere auf seine rechte Schulter. „Entspann‘ dich.“

So ganz traute er der Aussage nicht. Für gewöhnlich war dies eine Umschreibung für ‚Du sitzt wirklich tief in der Scheiße, mein Freund‘. Er kniff die Augen zusammen, weil das Pochen im Kopf zunahm.

„Alles in Ordnung?“

Mit der Hand hielt er sich die Stirn. „Kopfschmerzen“, meinte er nur kurz angebunden mit geschlossenen Augen.

„Ich kann Dr. Cho holen lassen“, sagte Steve.

„Nein, geht schon.“ Da hatte er schon ganz andere Sachen erlebt. Er nahm einen tiefen Luftzug und blickte Steve mit zu Schlitzen verengten Augen an, als er wissen wollte: „Wieso bin ich hier und nicht im-?“

„Im Gefängnis? Tony hat den Behörden klargemacht, dass du nur hier die medizinische Versorgung erhalten kannst, die du auch brauchst“, antwortete Steve. „Also wenn du dich schon auf das staatliche Vollzugssystem gefreut hast, muss ich dich leider enttäuschen.“ Ein schiefes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Sein Freund kannte ihn wirklich gut. Aber so ganz machte es für ihn keinen Sinn, schließlich hatte er gegen mehrere Auflagen verstoßen. „Hör zu“, Steves Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen, „im Moment ist es nur wichtig, dass du wieder auf die Beine kommst. Alles andere ... wird sich regeln. Okay?“

„Was ist mit Tony?“

„Dem geht es wieder gut. Werkelt schon die ganze Zeit in seinem Labor rum.“

„Wie ... lange war ich weg?“

„Nachdem wir dich in der Höhle gefunden haben? Knapp zwei Tage. Heute ist Samstag.“

Das Denken fiel ihm schwer und deshalb brauchte er einen Moment, um etwas zu realisieren. „Mein Termin! Ich hab‘ den Termin-“ Durch sein ruckartiges Aufsetzen brannte seine linke Schulter wie Feuer. „Scheiße!“, presste er ächzend hervor und griff mit der rechten Hand gegen die schmerzende Stelle. Noch immer waren diverse Schläuche und Überwachungsgeräte an seinem Oberkörper befestigt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass auch in seinem Handrücken ein Zugang lag, an dem eine Infusion angeschlossen war. Vermutlich war er deshalb geistig nicht ganz auf der Höhe.

Steve legte ihm eine Hand auf die Brust. „Nicht, lass‘ das. Dr. Cho und die anderen werden sonst sauer. Die haben nicht stundenlang an dir rumgeflickt, nur damit du wieder alles kaputt machst.“

„Aber ich muss-“

„Es ist für alles gesorgt. Wir reden später, okay? Es ist noch jemand anders hier, der zu dir möchte.“

Seufzend sank er zurück, schloss die Augen und drückte mit Daumen und Zeigefinger gegen seine Nasenwurzel, in der Hoffnung, die Kopfschmerzen damit loszuwerden. Zudem hatte er so gar keine Lust, sich mit jemand anderen herumzuschlagen.

„Ich kann ihr aber auch sagen, dass es dir nicht gut geht. Und das wäre nicht einmal gelogen.“

Langsam ließ er die Hand wieder sinken. Mit gerunzelter Stirn sah er Steve an. Hatte er von einer Frau gesprochen? Das war bestimmt Dr. Raynor und würde die Aussage von seinem Freund erklären, als dieser gemeint hatte ‚es wäre alles geregelt‘. „Kein Interesse“, brummte er.

„Sicher?“ Mit dem Kinn deutete er Richtung Tür.

Etwas widerstrebend folgte Bucky dem Blick. Der Raum hatte eine große Fensterfront, die teilweise mit Rollos abgeschirmt war. Durch den offenen Bereich konnte er Sarah sehen, die ihm zuwinkte und erleichtert lächelte. Im ersten Moment war er perplex und hob erstaunt die Augenbrauen. Ohne es zu wollen, flüsterte er: „Sarah.“

Steve sagte mit verständnisvoller Stimme: „Ist okay, wenn dir nicht danach ist. Sie wird es verstehen.“

„Nein!“, antwortete er schnell. Vermutlich zu schnell, denn Steve zwinkerte ihm grinsend zu, als er hinzufügte: „Sie kann reinkommen.“

Steve knuffte ihn leicht gegen den rechten Oberarm, schnappte sich die Tasse mit dem Kaffee, ging zur Tür, öffnete diese und drehte sich nochmals um. „Es wird alles wieder gut, Buck.“

Bevor Bucky etwas erwidern konnte, war Sarah schon im Raum und an seiner Seite. Sein Herz machte einen Hüpfer, als sie ihn anlächelte und er die Geste etwas scheu erwiderte. So viel Aufmerksamkeit war er einfach nicht gewohnt. „Hi“, sagte er leise.

„Hi“, erwiderte sie und griff nach seiner Hand. „Wie fühlst du dich?“

Wenn er in der ganzen Zeit, die er mit Sarah verbracht hatte, eins gelernt hatte, dann, dass man ihr nichts vormachen konnte. „Leichte Kopfschmerzen“, antwortete er ehrlich. „Aber sonst gehts mir gut.“ Er verlagerte sein Gewicht etwas, wurde dafür gleich mit einem Schmerz belohnt, der sich von der Schulter bis ins Gehirn zog und ihn zusammenzucken ließ.

„Und das nennst du ‚gut‘?“, fragte sie besorgt. Mitfühlend strich sie ihm über die bärtige Wange. Noch immer hatte sie seine Hand nicht losgelassen.

„Ging mir schon schlechter“, nickte er und ließ sich etwas zurücksinken. In dem Moment wurde ihm bewusst, dass irgendjemand das Kopfteil des Bettes höher gestellt hatte, sodass er sich in einer halb liegenden, halb sitzenden Position befand. Die störenden Gitter an der Bettseiten waren auch weg. Er sah sie an und bemerkte ihren müden Gesichtsausdruck. „Was ist mit dir? Du siehst erschöpft aus.“

„Bin ich auch“, gab sie unumwunden zu. „Die letzten Tage waren ...“, sie atmete tief durch, „... anstrengend.“ Sie ließ ihre Finger sanft über seine Stirn gleiten. „Du hattest sehr hohes Fieber. Die haben dich in ein Eisbad gelegt, um die Temperatur runterzukriegen. Es war so ... beängstigend. Gestern dachten wir alle, dass du-“ Ihre Stimme stockte und sie fuhr sich aufgelöst mit der Hand über den Mund, um nicht in Tränen auszubrechen. „Dr. Cho meinte, ein normaler Mensch hätte das nicht überlebt.“

Trotz aller Schmerzen rutschte er so gut es ging zur Seite, damit er sie an sich heranziehen konnte. „Komm her“, flüsterte er ihr leise zu. Als sie auf der Bettkante saß und sich gegen seine rechte Körperhälfte lehnte, konnte er spüren, wie ihr Körper zitterte. „Tut mir leid. Ich wollte das alles nicht.“ Behutsam legte er seinen Arm um sie und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe.

Sarah schloss für einen Moment die Augen, legte ihren Kopf gegen seine Schulter und ihre Hand auf seine Brust. „Hör‘ auf, dich zu entschuldigen. Du konntest nichts dafür“, meinte sie und versuchte, entschlossen zu wirken. Doch es gelang ihr nicht und ihre Augen wurden erneut feucht.

Bucky seufzte. Es tat ihm in der Seele weh, sie so sehen zu müssen. Betrübt schüttelte er leicht den Kopf, ehe er ebenfalls die Augen schloss, seine Wange auf ihren Scheitel legte und ihren Duft einsog.

„Es tut so gut, dich zu sehen“, sagte Sarah und richtete sich etwas auf, um ihm in die Augen zu blicken. Sofort fühlte er wieder diese oft zitierten Schmetterlinge im Bauch, als ihre Gesichter nur wenige Zentimeter von einander entfernt waren. Zaghaft beugte er sich etwas zu ihr hin und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. Bestimmt würden sich die anderen gerade die Nasen an der Fensterscheibe plattdrücken. Aber das kümmerte ihn nicht. Sein Herz schlug Purzelbäume, als sie seine Geste etwas eindrücklicher erwiderte. Nach einem Augenblick des Zögerns tat er es ihr gleich und nur Sekundenbruchteile später tauschten sie einen innigen Kuss aus, der sich unbeschreiblich gut anfühlte. Es war, als wäre die unsichtbare Barriere zwischen ihnen urplötzlich verschwunden. In den vergangenen Monaten waren sie sich zwar näher gekommen, hatten sich auch geküsst, sich gegenseitig liebkost. Aber er hatte die Distanz aufrecht erhalten, aus Angst, etwas falsch zu machen. Die Furcht, Sarah zu verlieren, war groß. Weil er so eine besondere Frau gar nicht verdient hatte. Er konnte gar nicht glauben, dass sie seine Gefühle erwiderte. In seinen Augen hatte sie etwas Besseres verdient. Ihr Liebesspiel wurde jäh unterbrochen, als ein stechender Schmerz in seinem Kopf ihn ungewollt aufstöhnen ließ.

Erschrocken wich Sarah zurück. „Was ist los?!“

Vor seinem Gesichtsfeld explodierten Tausende Sterne und ihm wurde ganz schummerig. Seine Hand zitterte, als er sie hob, um damit seine Augen zuzuhalten. „Mein ... Kopf ...“, presste er mühsam hervor. Es war, als hätte man ihn in einen Schraubstock gespannt und würde diesen langsam zudrücken. Alles um ihn herum fing an, sich zu bewegen, förmlich zu zerfließen, während sich der Schmerz unaufhörlich ausbreitete und ihm den Verstand zu rauben schien. Jede Bewegung, jede Berührung, jedes Geräusch peinigte ihn. Er drückte die Augen zusammen, als könne er damit alles ausblenden, während er trotzdem noch mitbekam, wie Sarah um Hilfe rufend aus dem Zimmer lief.

Er spürte mit geschlossenen Augen, wie jemand an sein Bett trat, bemerkte, wie das Rückenteil nach unten gefahren wurde. Diese Person nahm seinen Kopf in die Hände, zog ihm abwechselnd die Augenlider hoch und leuchtete mit einem gleißenden Licht in seine Augen, was ihn nur noch mehr in Aufruhr versetzte. Sein Puls stieg und er versuchte, die Person von sich wegzudrücken, die ihm unaufhörlich Fragen stellte, die er aber nicht verstand, weil sein einziger Gedanke die Flucht war. Er wollte von hier weg.

Weg von den Händen, die überall an ihm herumtasteten, ihn nicht in Ruhe ließen. Unnachgiebig richtete er sich auf, zerrte an den Kabeln und Schläuchen, die an und in ihm steckten und riss sich davon los. Das nervtötende Piepsen wurde zu einem penetranten Dauerton, der nur noch mehr Unruhe in ihm auslöste. Es wurde ihm alles zu viel. Schwungvoll rutschte er von der Matratze über die Bettkante und stemmte sich hoch. Der Raum drehte sich und der Boden schien unter ihm nachzugeben, als er ihn mit den nackten Füßen berührte.

Mehrere Leute gleichzeitig schienen seinen Namen zu rufen, er hatte Schwierigkeiten, alles auseinander zu halten, da sein Sichtfeld verschwommen war und ihm Probleme bei der Orientierung bereitete. Erinnerungen an Azzano blitzten auf. Man hatte ihn und seine Männer eingekesselt. Sie hatten sich gewehrt, hatten Widerstand bis zum Schluss geleistet. Vergebens. Er war von den anderen isoliert worden. War ganz allein auf sich gestellt gewesen. Man hatte ständig an ihm herumexperimentiert, ihn gequält, festgezurrt. War er noch dort?

Sein einziger Ausweg war von hier zu verschwinden. Wankend näherte er sich dem Ausgang, strauchelte, fiel hin. Er versuchte, den Sturz mit dem linken Arm abzufangen. Doch da war nichts. Was war mit seinem Arm passiert? Er sah eine blutige Spur im Schnee.

Jemand packte ihn an den Schultern. Er wand sich aus dem Griff, landete auf seinem Hinterteil. Barfuß stieß er sich vom Boden ab, rutschte rückwärts, bis er irgendwo anstieß und nicht weiterkam. Da waren wieder überall Hände, Stimmen, Geräusche. Und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Verzweifelt hob er den rechten Arm schützend übers Gesicht. Auf seinem Handrücken klebte noch ein letzter Rest Pflaster, mit dem der intravenöse Zugang fixiert gewesen war. Die Wunde, die durch das Herausreißen entstanden war, blutete etwas, doch das war sein geringstes Problem. Man würde ihm einfach einen neuen Zugang legen. Wie immer.

Seine Brust schnürte sich zu, während er darauf wartete, geschlagen zu werden. Das war die Konsequenz, wenn er etwas falsch gemacht hatte und er danach wieder auf dem Tisch landete, um ein weiteres Mal schmerzhafte Injektionen zu erhalten. Wie immer. Er wollte, dass das aufhörte. Doch er wusste nicht, wie er das anstellen sollte. Er musste bei Verstand bleiben, durfte sie nicht in sein Hirn lassen. Er würde ihnen nicht wieder erlauben, ihn zu kontrollieren.

„Sergeant. 3-2-5-5-7-0-3-8.“ Er hörte seine eigene raue Stimme, ohne zu realisieren, dass er selbst sprach. Immer wieder rezitierte er das Wort und die Zahlen, um nicht komplett durchzudrehen. Solange er dieses Mantra aufsagen konnte, solange war er noch Herr seiner Sinne. „Sergeant. 3-2-5-5-7-0-3-8.“

„Hört auf! Lasst ihn in Ruhe!“ Da war sie wieder, diese andere Stimme, die alles übertönte und ihn ins Stocken geraten ließ, weil sie so vertraut klang.

„S-e ... Sergeant. 3-...2-5-5-...7.“

„Geht aus dem Zimmer. Bitte.“

Etwas berührte ihn an der Schulter und er zuckte instinktiv zurück. Die Berührung traf ihn unvorbereitet und ließ ihn verstummen. Seine Sicherheitszone war geschrumpft, aber gleichzeitig hatte er sich selbst in die Enge getrieben. Als ihm das bewusst wurde, blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als sich noch mehr an die Wand zu drücken, die Beine an seinen Oberkörper zu ziehen, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.

„Bucky. Ich bin’s, Steve. Sieh‘ mich an.“

Fast glaubte er, sein Herz würde aus der Brust springen, so stark hämmerte es gegen seine Rippen. Das Atmen fiel ihm schwer, Schweiß lief über sein Gesicht, brannte in seinen Augen, ließ seine Sicht verschwimmen. Und über allem lagerte dieser unbändige Schmerz. „E-es tut ... so ... weh“, brachte er abgehackt hervor, obwohl er das gar nicht offen zugeben wollte. Durfte. Schwäche zu zeigen war falsch. Aber diese Stimme ... sie klang so real. „Steve?“

„Ich bin hier, Kumpel. Wir werden dir helfen. Versprochen.“

Nur schemenhaft konnte Bucky das Gesicht direkt vor seinem ausmachen. Blinzelnd rieb er sich die Augen, verteilte dabei aber noch mehr Blut von seinem Handrücken über Stirn und Augenlider.

„Du bist verletzt. Dr. Cho ist hier, um dir zu helfen-“

„N-nein, nicht ... bitte ...“ Er wollte einfach nur von hier weg. Er wollte keine Hilfe. Nicht von irgendeinem Arzt, der wieder Experimente durchführen würde. Das taten sie alle. Immer wieder. Sein Kopf dröhnte, seine Lungen brannten. Er spürte, wie ihn die Kräfte verließen. Er durfte jetzt keine Zeit mehr verlieren. Mit letzter Anstrengung rappelte er sich auf, hockte auf den Knien und versuchte sich mit der rechten Hand an der Wand abzustützen. Doch er fand keinen richtigen Halt, rutschte mit der schweißnassen und blutigen Handfläche ab. Bevor er wieder auf dem Boden landete, wurde er allerdings von zwei starken Armen aufgefangen.

„Ich hab‘ dich, Buck. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert. Vertrau‘ mir.“

Tief in seinem Herzen wusste er, dass Steve ihn niemals anlügen würde. Zitternd schlang er seinen Arm um dessen breiten Schultern, presste sich mit verbliebener Kraft an seinen Freund, wie ein Ertrinkender sich an einem Strohhalm festklammerte. Verzweifelt rang er nach Luft.

„Versuch‘ ruhig zu atmen. So wie ich.“ Geräuschvoll sog Steve die Luft ein und atmete langsam wieder aus. „Und nochmal. Ein ... und ... aus.“

Fast wie auf Autopilot geschaltet, übernahm Bucky die Anweisungen und tat es seinem Freund gleich. Er spürte kurz darauf ein leichtes Schulterklopfen als Bestätigung.

„Gut so. Und nochmal. Ein ... und ... aus.“

Es gelang ihm tatsächlich, etwas Ruhe in seine Gedanken zu bekommen. Die Anspannung wich und auch das Druckgefühl im Kopf hatte nachgelassen, war aber trotzdem noch präsent. Gleichzeitig spürte er eine größer werdende Schwäche. Im Hintergrund konnte er mit Mühe eine weibliche Stimme ausmachen, die offenbar mit Steve sprach, ehe sich dieser an ihn wandte.

„Bucky? Ich werde dich jetzt zurück ins Bett bringen, okay? Und dann gibt dir Dr. Cho etwas gegen die Schmerzen.“

Er hatte nicht mehr die Kraft, um etwas zu erwidern, geschweige denn sich gegen Steve zur Wehr zu setzen. Schweigend schloss er die Augen.

Chapter 11

Notes:

Edit: 15.07.2023:
Entschuldigung, ich hatte leider die Kapitel vertauscht.
Jetzt müsste es wieder stimmen.

Chapter Text

Stark-Tower, New York

Samstag Abend

 

„Gibt es was Neues?“, wollte Tony ohne Umschweife wissen, als er das Labor, gestützt auf einen Stock und eine Knieorthese tragend, betrat. Man hatte ihn gerade informiert, dass es bei Barnes zu einem Zwischenfall gekommen war. Er stellte sich hinter Helen und betrachtete die verschiedenen Aufnahmen von Buckys Bodyscans. „Ist sein Gehirn jetzt endgültig abgeschmiert?“

 

„So würde ich es nicht sagen. Ich glaube eher, dass die Ursache in den Beschädigungen der Nervenbahnen liegt“, antwortete sie ihm nach kurzer Überlegung. „Es kommt zu Fehlinterpretationen und in der Folge davon zu Schmerzattacken.“

 

„Okay. Und was ist mit der Schulter?“ Er hatte die Videoaufnahmen vom Krankenzimmer gesehen und das Blut bemerkt.

 

Sie schüttelte den Kopf. „Einige Nähte sind wieder aufgeplatzt und er hat sich die Drainageschläuche herausgerissen, aber es scheint, dass es keine tieferliegende Schäden gibt.“

 

„Da hatte er mal wirklich mehr Glück als Verstand.“ Tony konnte sich den Kommentar nicht verkneifen, aber als er Dr. Chos tadelnd hochgezogene Augenbraue sah, räusperte er sich kurz und wurde sachlicher. „Gibt es eine Möglichkeit, ihm zu helfen? Außer ihn dauernd auf Eis zu legen? Oder wie im jetzigen Fall, ihn mit Drogen wegzuballern?“ Er blickte auf die reglose Gestalt von Barnes, der im angrenzenden Raum im Bett lag und an diverse Gerätschaften und Infusionen angeschlossen war. Dr. Cho hatte darauf bestanden, ihren Patienten nur zu betäuben und ihn nicht wieder in einen Kälteschlaf zu schicken, um so die Gehirnfunktionen besser überwachen zu können. Im Hintergrund hörte er ein leises Schnauben. Ein Blick über seine Schulter sagte ihm, dass sich Steve ebenfalls im Raum befand und wohl unbemerkt eingetreten sein musste.

 

Steve trat neben Tony, richtete seine Aufmerksamkeit aber auf Dr. Cho. „Sie sagen, sein Ausraster war nicht neurologisch bedingt?“

 

Dr. Cho wackelte mit dem Kopf von einer Seite zur anderen, wirkte unentschlossen. „Zu 100% kann ich das noch nicht bestätigen. Um sicherzugehen, benötigen wir mehr Tests. Ich werde mich mit Shuri beraten.“

 

„Na toll. Das ist genau das, was Buck jetzt nicht gebrauchen kann. Noch mehr Tests.“ Steve klang verärgert.

 

Tony erwiderte: „Die zweite Möglichkeit wäre psychologischer Natur, oder?“

 

„Bei Mr. Barnes kommen leider einige Faktoren zusammen“, antwortete Helen ausweichend.

 

„Er ist nicht verrückt!“, wandte Steve ein.

 

Er hatte schon mit so einem Einwand gerechnet, aber davon ließ sich Tony nicht beeindrucken. Ungerührt fuhr er fort: „Wir sind uns ja wohl alle einig darüber, dass wir vorsichtig sein müssen. Die Sicherheit meiner Familie geht vor. Da gehe ich keinerlei Kompromissen ein.“ Solange Barnes‘ Geisteszustand nicht zu 100% abgeklärt war, würde er auf Nummer Sicher gehen.

 

„Das verstehe ich voll und ganz“, nickte Steve. „Ich rechne es dir hoch an, dass du dich dafür eingesetzt hast, dass er hier behandelt wird.“

 

„So habe ich ihn besser unter Kontrolle“, antwortete Tony unumwunden und konnte sehen, wie die Erkenntnis bei Steve langsam durchsickerte, dass er den ganzen Aufwand nicht aus reiner Nächstenliebe betrieb. „Und damit das klar ist: Sollte Demolition Man wieder austicken, werde ich nicht zögern, ihn höchstpersönlich im Raft Gefängnis abzuliefern.“

 

„Vielleicht wird er niemals zurück in die Gesellschaft kehren können“, nickte Dr. Cho.

 

Betreten blickte Steve zu Boden, schien zu überlegen und war gerade dabei, zu einer Erwiderung anzusetzen, als er unterbrochen wurde.

 

Die Stimme von FRIDAY hallte durch den Raum. „Boss? Sie haben Besuch. Secretary Ross ist auf dem Weg zum Labor.“

 

„Der fehlte noch in der Sammlung“, raunte Tony. Er war noch nie richtig warm mit Ross geworden und seit dem Vorfall in Deutschland und den damit verbundenen bürokratischen Einschränkungen, sowie dem immer noch im Raum stehende offene Sokovia-Abkommen, herrschte eine noch angespanntere Stimmung zwischen ihnen.

 

Es dauerte nicht lange, bis Ross, ohne anzuklopfen, das Labor betrat. „Ich gehe davon aus, dass ich bereits angekündigt worden bin“, war seine Begrüßung.

 

„Secretary Ross. Was kann ich für Sie tun?“, wollte Tony in neutralem Tonfall wissen. Insgeheim konnte er sich den Grund für den Besuch ausmalen, aber er fragte trotzdem.

 

„Ich bin hier, um Mr. Barnes zu befragen.“

 

„Das ist nett, aber wie Sie sehen“, Tony drehte sich zur Seite und gab den Blick auf das Bett frei, „ist er im Moment unpässlich.“

 

„Ich hatte Meldung bekommen, er sei wach.“

 

„Es gab ... einen Zwischenfall“, antwortete Dr. Cho zögernd.

 

Ross runzelte die Stirn. „Einen ‚Zwischenfall‘?“

 

Tony ergriff das Wort. „Medizinischer Natur. Er musste nochmals unters Messer. Ist aus dem Bett gefallen.“ Und das war nicht einmal gelogen. Er setzte ein bedauerndes Gesicht auf.

 

„Und bis wann wird er vernehmungsfähig sein?“

 

„Momentan kann ich dazu keine Aussage treffen“, antwortete Dr. Cho.

 

„Das wird ihn nicht ewig schützen“, sagte Ross. „Wenn es sein muss, verlegen wir ihn in ein Gefängniskrankenhaus.“

 

Tony schüttelte den Kopf. „Wie ich bereits mitgeteilt habe, ist dies keine Option.“

 

Ross‘ Augen verengten sich. „Sie sind in gar keiner Position, um solche Forderungen zu stellen.“

 

„Wieso sehen Sie das Ganze denn nicht positiv? Kommt Barnes in staatliche Obhut, kostet das Sie eine Menge Geld. Für mich sind das ... wie heißt es so schön? Peanuts.“

 

„Warum sind Sie auf einmal so erpicht auf Barnes‘ Wohlergehen? Sie waren derjenige, der noch vor ein paar Wochen am lautesten geschrien hat, um ihn“, er deutete auf das Bett, „aus dem Verkehr zu ziehen.“

 

„Zu diesem Zeitpunkt hatte er mir auch nicht das Leben gerettet.“

 

„Und das macht alles wieder wett?“ Ross blickte ihn finster an. „Er hat Menschen getötet, ohne mit der Wimper zu zucken.“

 

„Dessen bin ich mir durchaus bewusst“, erwiderte Tony und musste sich beherrschen, um nicht laut zu werden. Was bildete sich dieser Lackaffe ein? Mit Nachdruck fügte er hinzu: „Sehr bewusst sogar.“

 

„Das Gremium der Vereinten Nationen pocht auf die schnelle Aufklärung im aktuellen Mordfall.“ Ross ging näher an die Glasscheibe heran und blickte hindurch. „Ich werde einige meiner Leute hier abstellen. Sobald sich bei ihm was tut, will ich sofort Meldung darüber haben.“

 

Tony hatte Steve beobachtet und erkannt, wie dieser beim Wort „Mordfall“ für einen Sekundenbruchteil die Augen schloss und den Kopf schüttelte. Als Soldaten hatten Rogers und Barnes, um ihr Vaterland gegen die Feinde zu verteidigen, unzählige Menschen getötet, ohne dafür belangt zu werden. Doch das, was vor wenigen Tagen geschehen war, konnte Barnes nun, bildlich gesprochen, das Genick brechen, da er als Zivilist einen anderen Menschen umgebracht hatte. Mutmaßlich. „Nur zu meinen Bedingungen.“

 

„Die da wären?“

 

„Dr. Cho hat das letzte Wort, wenn es um seine Behandlung geht. Wenn Sie ihn nicht für stabil genug für eine Befragung hält, bleibt er solange hier, bis er es ist.“

 

„‚Stabil genug’? Himmelherrgott nochmal! Der Mann war noch nie ‚stabil genug‘“, herrschte Ross ihn an. „Wäre uns Rogers damals nicht zuvorgekommen, hätten wir Barnes in Rumänien liquidiert. Dann hätten wir das ganze Schlamassel jetzt nicht!“

 

Steve trat näher an die beiden Männer heran. Seine Stimme war gesenkt, aber sein Blick war entschlossen. „Er hatte gar keine Zeit, sich in irgendeiner Form einzuleben. Nach der Sache in Sibirien ging er freiwillig in die Kryostase zurück und wachte in Wakanda wieder auf, nur um sich weiteren Operationen zu unterziehen. Kaum, dass er dort wieder Fuß gefasst hat, kam ich dann und holte ihn zurück nach New York“, meinte er mit sorgenvoller Miene. „Wenn jemand Schuld trägt an dem, was die letzten Tage passiert ist, dann ich.“

 

„Wie nobel von Ihnen, Captain Rogers. Aber das wird Barnes nicht aus der Verantwortung ziehen. Ich habe einen toten Mann mit einem Jagdmesser im Rücken, auf dem sich nachweislich die Fingerabdrücke von Barnes befinden. Wollen Sie dafür auch die Verantwortung übernehmen?“

 

„70 Jahre lang hat er nur gekämpft. Und ihr alle verurteilt ihn, weil er in seiner Verzweiflung nur das getan hat, wovon er glaubt, dass dies sein einziger Ausweg war.“

 

„Nun, wie sich herausgestellt hat, ist Barnes‘ Annahme vom ‚einzigen Ausweg‘ falsch“, sagte Ross kühl. „Die Familie des Toten hat einen Anwalt eingeschaltet.“

 

„Dann werden wir das auch tun“, sagte Tony. „Ach, was sage ich? Einen Anwalt?“ Er rollte mit den Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung, um anzudeuten, dass ihn die im Raum stehende Anklage herzlich wenig interessierte. „Ich werde eine ganze Horde an Anwälten engagieren.“

 

„Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, raunte Ross, der wohl eingesehen hatte, dass er mit Drohungen bei Tony nicht weiterkam und den Raum verließ.

 

„Dann wäre das geklärt“, meinte Tony gelangweilt. Sein Handy klingelte. Ohne es in die Hand zu nehmen, sagte er: „Mein 20 Uhr Termin. Märchenstunde bei Miss Stark.“ Er wandte sich an Dr. Cho, sah sie eindringlich an. „Ich meinte das vorhin ernst: Sie haben das letzte Wort, was Barnes angeht.“ Nach einer ganz kurzen Pause fügte er hinzu: „Na ja. Und ich. Ich hab‘ das allerletzte Wort. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Aber zu aller erst sollten Sie für heute Schluss machen. Barnes rennt uns nicht weg, oder?“

 

„Er ist hinreichend sediert“, antwortete sie.

 

„Okay“, nickte Tony. „Aber das allein reicht mir nicht. FRIDAY? Sobald Barnes auch nur mit der Wimper zuckt, will ich davon wissen.“

 

„Alles klar, Boss.“

 

Mit einem kurzen Kopfnicken verabschiedete er sich von den anderen und humpelte zurück in seinen Privatbereich.

 

 


 

 

Es war kurz nach 23 Uhr, als Tony noch fleißig in der Werkstatt zugange war. Nachdem er Morgan zu Bett gebracht und ihr weiter aus dem Märchenbuch vorgelesen hatte, war er hierher gekommen, um in Ruhe nachzudenken. Für Außenstehende war das vielleicht nicht nachvollziehbar, aber wenn er an Projekten tüftelte, konnte er gleichzeitig seine Gedanken schweifen lassen. Im Moment grübelte er über die Fragen seiner Tochter. Natürlich hatte die Kleine mitbekommen, dass sich die Situation im Tower geändert hatte. Morgan war clever und hatte sich - auch wenn er es noch nicht beweisen konnte - mit FRIDAY verschwistert. Die 8jährige hatte nicht lange gebraucht um herauszufinden, wer der Mann war, um den ihr Daddy so viel Aufwand betrieb. Und wie zu erwarten, hatte sie ihn diesbezüglich Löcher in den Bauch gefragt.

 

Für Morgan war Barnes der coole Kerl mit dem Vibranium-Arm. Er wusste nicht wieso, aber seine Kleine war hin und weg von dem Mann, der anscheinend einen guten Draht zu Kindern hatte. Sam hatte ihm ähnliches über dessen beiden Neffen erzählt. „Oh, wenn du nur wüsstest, Morgan“, flüsterte Tony seufzend und rieb sich das Kinn.

 

Es klopfte an der Glastür und Tony blickte auf.

 

„Pepper schickt mich.“ Steve hielt Tablett in Händen. „Anscheinend bin ich zum Hausdiener degradiert.“ In seiner Stimme schwang ein Hauch Belustigung mit, als er eintrat.

 

Tony tippte ein paar Befehle in den Computer und lehnte sich dann zurück. Er war gerade dabei gewesen, einige Daten vom Anzug auszulesen. Die vergangenen Tage hatte er zusammen mit Peter versucht, den missglückten Flug zu rekonstruieren. Noch immer fuchste es ihn, nicht die genaue Ursache gefunden zu haben. Hatten sie einen vermeintlichen Fehler ausgemacht, taten sich zwei weitere auf, die allerdings im Widerspruch zum ersten standen. Immerhin hatten sie Materialfehler ausschließen können. Die Fehlerquelle musste innerhalb der Programmierung liegen.

 

„Hast du das vorhin ernst gemeint? Dass du eine ganze Horde an Anwälten engagieren wirst?“, fragte Steve ohne Umschweife, nachdem er das Tablett auf einem der wenigen freien Plätze auf dem Tisch neben ihn abgestellt hatte.

 

„Natürlich nicht.“ Tony rollte mit den Augen und nahm das Tablett, oder besser gesagt, das, was sich darauf befand, in Augenschein. Cheeseburger und Limo. „Wie käme ich denn dazu?“

 

„Aber du-“

 

„Ich werde nur einen Anwalt beauftragen. Aber dafür den besten, den es gibt.“ Tony konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er sah, wie bei Steve die Sorge wich und dafür der Erleichterung Platz machte.

 

„Das ist ...“, Steve wirkte beeindruckt. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Außer Da-“

 

Schnell hob er mahnend den Zeigefinger, um sein Gegenüber zum Schweigen zu bringen. „Hör‘ auf, dich ständig zu bedanken. Nicht, dass ich meine Entscheidung doch noch bereue.“ Er streckte sich ein wenig und versuchte auch, sein lädiertes Knie etwas zu beugen. Durch die Knieorthese hatte er zwar weniger Schmerzen, aber verfluchte den Stützverband schon jetzt und noch weniger gefiel ihm die Vorstellung, diesen in den kommenden nächsten 4-6 Wochen noch weiter tragen zu müssen. Zum Glück hatte sein Knie beim Absturz keinen größeren Schaden genommen und Barnes‘ 1. Hilfe war laut Dr. Cho, auch was die Naht an seiner Stirn betraf, durchaus angebracht gewesen. Wieder so eine Sache, die seinen Zwiespalt verstärkte, in dem er steckte.

 

Das herrliche Aroma der frisch zubereiteten Cheeseburger stieg ihm in die Nase und fast unmittelbar grummelte sein Magen. Wenn er sich in der Arbeit verlor, konnte es schon passieren, dass er seine körperlichen Bedürfnisse beinahe komplett ausschaltete. Er schnappte sich einen Burger und biss herzhaft hinein. Mit einer entsprechenden Handbewegung und vollem Mund lud er Steve dazu ein, sich ebenfalls zu bedienen.

 

Nickend kam Steve der stillen Einladung nach. „Peter meinte, ihr seid der Lösung näher gekommen?“ Mit dem Kinn deutete er auf die diversen Utensilien vor ihm auf dem Tisch.

 

„Japp.“ Kauend führte er aus: „Die interne Bordelektronik ist komplett für den Arsch. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass ich damit überhaupt abheben und fliegen konnte.“

 

„Das würde die sich widersprechenden Daten erklären, richtig?“

 

„Genau. Ich habe mehrere Sicherheitsstufen eingebaut. Falls ein System ausfällt, übernimmt das andere. Aber wenn schon von Grund auf die Berechnungen fehlerhaft sind, baut sich das zu einem riesigen Haufen Datenmüll auf, der letztendlich alles zum Absturz bringt. Wortwörtlich.“ Unbewusst rieb er über die Knieorthese, während er den nächsten Bissen kaute. „Dass ausgerechnet in dem Moment, in dem mich Barnes hochgehoben hat, um mich aus dem Fluss zu ziehen, die Helmkamera anspringt, ist wohl Ironie des Schicksals.“

 

„Leider mehr als das“, brummte Steve. „Die Öffentlichkeit glaubt, etwas in Bucky zu sehen, was er überhaupt nicht ist. Es war ein Fehler, die Medien miteinzubeziehen.“

 

„Das öffentliche Gedächtnis ist recht kurzlebig“, erklärte Tony gelassen. „In ein paar Tagen ist die Sache vergessen und was anderes rückt in den Fokus. So ist das in den sozialen Netzwerken. Erst entsteht ein großer Hype und danach wars das.“ Er musste sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass weder Steve noch dessen Kumpel gelernt hatten, mit solchen modernen Gepflogenheiten umzugehen.

 

„Mag sein. Aber dann ist da immer noch die Mordanklage“, gab er zu bedenken.

 

Da hatte der gute Steve einen wichtigen Punkt angesprochen. Bislang kannte er nur die Version von Cap und den anderen, die Barnes in der Höhle gefunden hatten. „Das müssen wir wohl auf uns zukommen lassen. Ich werde morgen meinen Anwalt kontaktieren.“

 

„Du willst Bucky wirklich helfen?“ Steve sah ihn überrascht an.

 

„Ich habe schon einmal vorschnell die falschen Rückschlüsse gezogen“, sagte er aufrichtig. „Man kann vieles über mich sagen, aber auch ich bin durchaus dazu fähig, aus meinen Fehlern zu lernen. Nur verrate den anderen nicht, dass ich das gesagt habe, okay?“ Schließlich musste er sein Image pflegen.

 

 

Chapter 12

Notes:

Edit: 15.07.2023
Sorry, für die Unannehmlichkeiten. Ich habe beim Hochladen leider die Kapitel vertauscht und erst jetzt bemerkt.

Und es geht weiter! Viel Spaß beim Lesen.

Chapter Text

Stark-Tower,

New York Sonntagmorgen

 

Als Bucky das nächste Mal aufwachte, befand er sich in einem anderen Raum. Kein Fenster weit und breit, keine Ausstattung, außer dem Bett, in dem er lag und medizinische Apparate um ihn herum. Alles war in kaltes, bläuliches Neonlicht getaucht. Anders aber als bei den letzten Malen, wusste er sofort, was passiert war. Sein Verstand war nicht so schwammig und die Eindrücke nicht mehr verworren. Er erinnerte sich an Steve, der ihm beigestanden hatte. An Sarah, die zunächst so besorgt um ihn gewesen war und ihn dann auf eine Art geküsst hatte, die ihm gerade wieder das Gefühl von Schmetterlingen in seinem Bauch bescherte. Und ihm kamen wieder die Bilder und Eindrücke in den Sinn, als er versucht hatte, abzuhauen. Langsam ließ er den Blick durch das Zimmer schweifen. Es gab nur eine Tür und die sah sehr massiv aus. Ansonsten glich es hier eher wie in einer Gefängniszelle. Steril und unpersönlich.

 

Er versuchte sich aufzurichten und stellte fest, dass er nicht fixiert war. Sein linker Arm fehlte noch immer. Zwischenzeitlich hatte man ihm aber ein T-Shirt angezogen und im Gegenzug wohl die Drainageschläuche entfernt. Er konnte die Elektroden spüren, die an seiner Brust befestigt waren und er sah seinen verbundenen rechten Handrücken. Aus dem Verbandsstoff ragte der venöse Zugang, an dem eine Infusion angeschlossen war.

 

Durch ein Klopfen an der Zimmertür wurde er aus seinen Überlegungen gerissen. Nach einigen Sekunden wurde die Tür geöffnet. „Mr. Barnes. Schön, Sie wach zu sehen.“ Eine schlanke, dunkelhaarige Frau trat ein und postierte sich am Bettende. „Ich bin Dr. Helen Cho, Ihre behandelnde Ärztin. Ist es okay, wenn ich das Kopfende etwas höher stelle?“

 

Da er wohl eh keine andere Wahl hatte, gab Bucky nickend sein Einverständnis.

 

Dr. Cho betätigte ihr Tablet und augenblicklich richtete sich das Kopfteil leise surrend auf. Auf halbem Weg ließ sie es stehen und sah ihn lächelnd an. „Wie geht es Ihnen? Haben Sie noch immer Schmerzen?“

 

Bucky war sich unsicher, wie er sich verhalten sollte. War das hier ein Test? Und wenn ja, was war die Intention dahinter? Mit prüfendem Blick studierte er sein Gegenüber. „Wo bin ich?“

 

„Immer noch im Stark-Tower. Nur eine andere Etage.“ Sie hob erwartungsvoll die Augenbrauen. „Und beantworten Sie nun auch meine Fragen?“

Er sog nachdenklich Luft ein, machte eine mentale Bestandsaufnahme. „Gut“, sagte er schließlich, selbst überrascht, dass es wirklich so war. Die Schmerzen waren nur noch latent vorhanden, kein Vergleich zum letzten Mal. Sein Kopf war erstaunlich klar. „Es geht mir gut.“

 

„Das freut mich zu hören. Sie wirken auch gefasst. Wissen Sie, was gestern passiert ist?“

 

„Ja.“ Aber so wirklich froh darüber war er nicht. Wahrscheinlich war er deshalb auch in einem anderen Zimmer untergebracht worden. „Ich bin durchgedreht.“

 

„So würde ich das nicht sagen. Es kam zu einer Schmerzattacke aufgrund Nervenschädigungen, die wir mittlerweile operativ behoben haben. Haben Sie jetzt noch Schmerzen? Wenn ja, wie beurteilen Sie sie auf einer Skala von 0-10?“

 

„Vielleicht ... 2?“

 

Dr. Cho warf ein Blick auf ihre Unterlagen, nickte zufrieden, als sie sich Notizen machte. „Die neue Medikation, basierend auf Shuris Empfehlungen, scheint zu wirken.“

 

„Shuri?“

 

„Ja, sie unterstützt mich bei der Behandlung. Ihre Expertise ist von unschätzbarem Wert.“

 

„Ist sie hier?“ Er hatte ihr und ihrem Bruder, T’Challa so viel zu verdanken und jetzt hatte sie ihm wohl anscheinend wieder geholfen.

 

„Ja, sie und Tony sind gerade am Fachsimpeln. Die beiden sind ähnlich gestrickt. Ich denke, sie wird auch bald hier auftauchen.“ Nach einem erneuten Blick auf ihre Akte, klappte sie diese zu. „Genug von dem medizinischem Kram.“ Sie lächelte ihn an. „Sie haben bestimmt auch Hunger. Aber lassen Sie es langsam angehen, was das Essen betrifft. Sie waren ein paar Tage außer Gefecht. Ihr Körper braucht ein bisschen Zeit, um sich zu akklimatisieren.“ Sie wartete einen Augenblick. „Irgendwelche besondere Wünsche?“

 

„Was?“ Er war über die Freiheiten, die ihm Dr. Cho einräumte, ein wenig irritiert. Das war schon ungewöhnlich und er suchte nach dem Haken bei der Sache.

 

„Ich wollte wissen, ob Sie etwas bestimmtes essen möchten?“

 

Verneinend schüttelte Bucky den Kopf. Er war noch nie ein Kostverächter gewesen.

 

„Gut, dann bin ich fürs Erste auch weg. Ich werde später nochmal nach Ihnen sehen.“ Damit verabschiedete sie sich und verließ das Zimmer.

 


 

Er hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Mit dem künstlichen Licht und ohne Fenster konnte er keine Rückschlüsse auf Tages- oder Uhrzeit ziehen. Die Gedanken über das Gespräch mit Dr. Cho kreisten noch immer in seinem Kopf herum. Vieles daran war seltsam gewesen. Vor allem hatte sie sich verständnisvoll und freundlich gezeigt. Attribute, die er bei seinen bisherigen Aufeinandertreffen mit Ärzten gar nicht oder nur sehr eingeschränkt wahrgenommen hatte. Er hatte sich auch überlegt, aufzustehen. Aber er war sich nicht sicher, ob er damit womöglich irgendeinen Alarm auslösen würde und damit wieder weitere Sanktionen. Denn so kam ihm das hier vor. Warum sollten sie ihn sonst in so einen Raum bringen?

 

„Hier hat jemand Roastbeef-Sandwich á la Wilson bestellt?“

 

Sarahs Stimme holte ihn aus seinen Überlegungen. Bei der Erwähnung von Roastbeef hatte er sofort den Geschmack auf der Zunge und ein Lächeln im Gesicht. Er hatte die Sandwiches von seiner Mutter geliebt. Und egal, wie sehr er sich bemüht hatte, das Rezept für die Sauce in Erfahrung zu bringen, schien es nach Winifreds Tod unauffindbar zu sein. Auch in den unzähligen Diners, die es überall in New York gab, hatte er nicht das gefunden, was er suchte. Keines der Sandwiches, die er bislang probiert hatte, kam auch nur annähernd an die von seiner Mutter. Mit einer Ausnahme. Die von Sarah.

 

„Ich wusste, dass ich dich damit aus der Reserve locke“, schmunzelte Sarah. Sie stellte das Tablett mit dem Essen auf die schwenkbare Ablage neben dem Bett und schob sie vor ihn. Sie sah ihn einen langen Moment an, ehe sie leise sagte: „Hi.“

 

Er erwiderte ihren Gruß. „Hi.“ Als er ihre Finger auf seiner Wange fühlte, lehnte er sich automatisch gegen ihre Hand und schloss für einen Moment die Augen. Es tat gut, von ihr berührt zu werden, ihre Nähe zu spüren, zu wissen, dass es jemanden gab, der sich um ihn sorgte. Gleich darauf hauchte sie ihm - fast wie eine Bestätigung seiner Gedanken - einen Kuss auf die Stirn.

 

„Ich bin so froh, dass es dir besser geht“, flüsterte sie und man konnte ihre Erleichterung deutlich hören.

 

Mit seiner Hand fuhr er durch ihre Haare und verlor sich fast in ihren wunderschönen Augen. Einem Déjà-vu gleich, berührten sich ihre Nasenspitzen, als sie sich küssten.

 

„Nein! Bleibt hier!“ Sams Stimme hallte ihnen entgegen, als die Tür geöffnet wurde.

 

Erschrocken ließ Bucky von Sarah ab und bemerkte, dass die Jungs ins Zimmer stürmten. Sarah stöhnte kurz auf. „Das kann nicht wahr sein!“ Leise flüsterte sie ihm ins Ohr: „Merk‘ dir, wo wir waren.“ Dann richtete sie sich auf und schmunzelte. Anscheinend wusste sie, dass sie gegen die beiden Halbwüchsigen sowieso keine Chance haben würde.

 

„Onkel Buck!“ AJ und Cass steuerten ohne Umschweife das Bett an und der Ältere kletterte geschickt darauf.

 

„Hey, ihr zwei!“, lachte Bucky auf. Er hatte die beiden seit ihrem ersten Zusammentreffen ins Herz geschlossen. Genauso wie ihre Mutter. Kaum ausgesprochen, hing AJ auch schon an seinem Hals.

 

„Pass‘ auf, damit du ihm nicht wehtust“, ermahnte Sarah ihren Sohn und wollte ihn schon am T-Shirt zurückziehen.

 

Bucky schüttelte den Kopf. „Nein, es ist alles in Ordnung. Lass‘ ihn bitte.“

 

„Hab‘ dich vermisst, Onkel Buck!“

 

„Ich dich auch, Champ.“ Er winkte Cass zu sich, der sich an Sarah geschmiegt hatte und meinte zu ihm, nachdem auch dieser neben ihm hockte: „Und du hast mir auch gefehlt.“

 

Sam steckte den Kopf durch den Türspalt. „Entschuldigt“, meinte er mit aufrichtigem Tonfall. „Die zwei waren nicht zu bremsen. Die haben mich eiskalt ausgetrickst und waren auf einmal weg.“

 

„Schon gut“, nickte Bucky. Er wollte noch etwas erwidern, doch Sam war schon wieder verschwunden. Daher lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder den Jungs zu, die sich jeweils seitlich von ihm aufs Bett gesetzt hatten.

 

Direkt, wie Kinder nun mal waren, fragte AJ: „Was ist mit deinem Arm passiert?“

 

„Oh, ähm“, fing Bucky nachdenklich an, besah sich den leeren Ärmel seines T-Shirts und beschloss, ehrlich zu antworten. „Das weiß ich nicht.“ Und das war nicht einmal gelogen. 

 

„Ist er jetzt für immer weg?“

 

„AJ!“ Sarahs Stimme klang erschrocken.

 

„Kein Problem“, wandte er sich an Sarah, ehe er AJ ansah. „Auch das weiß ich nicht.“ Er konnte die Neugierde der Kinder verstehen und nahm es ihnen nicht übel, wenn sie solche Dinge wissen wollten. Sie hatten ihn bisher auch noch nicht einarmig gesehen und da war es ganz natürlich, dass sie das beschäftigte. Ihm ging es ja genauso.

 

Jetzt hatte auch Cass den Mut gefunden, Fragen zu stellen. „Tut das weh?“

 

Bucky schob den leeren Ärmel nach oben, um die Stelle sichtbar zu machen, an der normalerweise der Vibranium-Arm befestigt war. „Nein, das hier nicht“, er deutete darauf, ehe er die flache Hand auf den Verband legte, den er auf der Haut spürte. „Aber meine Schulter schon. Ich hab‘ mich da verletzt.“

 

„Ja, wissen wir. Mom war deswegen ganz schön besorgt“, nickte Cass.

 

AJ hatte sich eng an seine rechte Seite geschmiegt, lag mit dem Kopf auf seiner Brust und kämpfte offensichtlich gegen den Schlaf an.

 

Erst jetzt fiel Bucky auf, dass er noch immer nicht wusste, welche Uhrzeit es war. „Wie spät ist es?“, wollte er von Sarah wissen.

 

Nach einem kurzen Blick auf ihr Handy antwortete sie: „Kurz vor 21 Uhr. Die beiden sollten schon längst im Bett sein.“

 

„Mom!“, entrüstete sich Cass. „Es ist Wochenende!“

 

„Es ist Sonntag Abend und ihr habt morgen Unterricht“, sagte Sarah mahnend.

 

„Du willst heute noch zurückfliegen?“, fragte Bucky mit Blick auf Sarah, die wirklich fertig aussah. Das würde bedeuten, die drei würden einen Nachtflug nehmen müssen, was ihm ganz und gar nicht gefiel. Zum einen, weil Sarah bestimmt bald aufbrechen würde. Zum anderen, weil das mit den beiden Halbwüchsigen sicherlich stressig war. „Dann solltest du dich ebenfalls hinlegen“, meinte er aufrichtig, nachdem er ihre Gesichtszüge erneut studiert hatte. Er fand, dass sie seit gestern noch müder wirkte. Und das alles nur wegen ihm.

 

„Was? Nein. Wir bleiben noch.“

 

„Aber du hast doch gerade gesagt, dass ... die beiden zur Schule müssen?“

 

Cass strahlte. „Wir haben doch Zoom-Meetings!“

 

Bucky kniff die Augen zusammen. „Wie? Zoo-was?“

 

Sarah schmunzelte. „Ein Zoom-Meeting. Die Lehrer sind per Internet als Video zugeschaltet. Die beiden werden von hier aus unterrichtet. Die ganze Zeit schon, seit wir hier sind. Tony hat das arrangiert.“

 

„Oh“, meinte Bucky. „Wirklich? Das ist nett von ihm.“ Er fand die Geste überaus beeindruckend. „Seid ihr in einem Hotel untergebracht?“

 

„Nein, wir haben hier ein Zimmer. Ach was, eine ganze Etage. Auch das geht auf Tony zurück. Für die Jungs ist das wie Disneyland.“

 

„Nur viel cooler!“, grinste Cass.

 

Im Grunde war Bucky über Tonys Gastfreundschaft nicht erstaunt. Er hatte diesbezüglich Steve schon das ein oder andere Mal davon im Zusammenhang mit dem Avengers-Hauptquartier reden hören. In solchen Dingen war der Milliardär nicht knauserig. Und allem Anschein nach hatte er sich auch um seine medizinische Versorgung gekümmert, was er wiederum nicht als selbstverständlich ansah. „Ich bringe die beiden dann mal ins Bett.“ Sarah kitzelte AJ leicht, um ihn zu wecken.

 

„Ich kann ihn tragen“, bot Bucky an.

 

„Oh, nein, Mister! Du bleibst schön hier!“ Mit dem Zeigefinger tippte sie ihm mehrmals auf die Brust.

 

„Aber ich ...“

 

„Kein Aber. Du bleibst hier und wirst diese Bett erst verlassen, wenn Dr. Cho und/oder Shuri die Erlaubnis dazu geben.“ Ihr Blick war wirklich furchteinflößend. „Verstanden, Mister?“

 

Von draußen war ein Kichern zu hören. „Liebevolle Strenge, hm?“

 

Bucky kniff die Augen zusammen und reckte den Kopf etwas, um in Richtung der Tür blicken zu können. „Belauschst du uns etwa, Wilson?!“

 

Sein Versuch, ernst zu bleiben, war erfolglos, denn es stahl sich ein schiefes Grinsen auf Sams Gesicht, als er in den Türrahmen trat und einen Blick ins Zimmer warf. „Würde ich nie tun.“

 

Es brauchte zwar etwas Überredungskunst, um die zwei Jungen dazu zu bewegen, das Bett zu verlassen und mit Sam mitzugehen, aber schließlich hatte Sarah es geschafft und winkte ihrem Bruder, nun ebenfalls im Türrahmen stehend, hinterher. „Ich komme auch bald.“ Sie wartete noch einen Moment und kam zurück zum Bett. „Das war der angenehme Teil. Steve und Tony wollten uns einen Moment zu zweit verschaffen. Ich wünschte, es hätte eine andere Möglichkeit gegeben.“

 

Jetzt war er wirklich verwirrt. „Was meinst du?“

 

Wie aufs Stichwort ging die Tür erneut auf. Dieses Mal kamen Steve und Tony herein und wirkten nicht gerade entspannt.

 

„Was ist hier los?“, wollte Bucky wissen und richtete sich instinktiv etwas auf.

 

„Es ist alles okay“, versicherte Sarah ihm, während sie den beiden Männern dabei zusah, wie sie sich jeweils seitlich am Bett postierten.

 

„Hör zu, Buck“, fing Steve an, „das hier ist höchst inoffiziell. Also sollte hier irgendjemand außer uns hier auftauchen ... weißt du von nichts.“

 

Er verstand nur Bahnhof. „Was zum Teufel soll das Theater?“

 

Tony holte kurz Luft. „Offiziell bist du auf der Quarantäne-Station. Ross hat ein wenig Druck gemacht und verfügt, dass niemand von uns Kontakt zu dir hat, mit Ausnahme von Dr. Cho und Shuri. Und wir wollen ihn einfach mal in dem Glauben lassen, dass es so ist. Es gibt hier“, er deutete mit dem Zeigefinger rückwärts in Richtung Tür, wo eine Überwachungskamera hing„eine lückenlose Überwachung. Draußen auf dem Gang auch."

 

„Einschließlich elektronischer Fußfesseln“, knurrte Steve.

 

In dem Moment bemerkte Bucky einen unbequemen Riemen an seinem rechten Knöchel. Er seufzte, schloss die Augen und drückte seinen Kopf in das Kissen.

 

Tony fuhr unbekümmert fort. "Nun ja, weitestgehend lückenlos. FRIDAY spielt, seitdem Sarah bei dir ist, im Kontrollzentrum eine Endlosschleife ab. Für Ross‘ Leute ist das allemal ausreichend. Zudem habe ich den Tower konstruiert. Ich weiß, wie man ungesehen in Räume kommt. Wir sind hier, weil wir wissen müssen, was in der Höhle passiert ist.“

 

Das waren verdammt viele Informationen auf einmal. Bucky sah verständnislos von Tony zu Steve und dann zu Sarah. Quarantäne-Station? Hier gab es eine verfluchte Quarantäne-Station? Er durfte zu niemanden Kontakt haben? Wozu diese ganze Geheimhaltung? Und wer zum Teufel war Ross? „Ich verstehe das alles nicht.“

 

„Ist im Moment auch verwirrend.“ Steve trat näher an ihn heran und legte die Hand auf seine Schulter. „Es gibt wohl keine schonende Art, das zu sagen, daher komme ich gleich auf den Punkt: Es wurde Mordanklage gegen dich erhoben.“

 

Diese Aussage traf ihn wie ein Faustschlag und für einen Moment blieb ihm wortwörtlich die Luft weg. Mordanklage? Er spürte, wie Sarah seine Hand in ihre nahm und sah an ihr vorbei zu Steve. „Bin ich festgenommen?“

 

„Noch nicht“, schüttelte Steve den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Aber wir können Ross nicht ewig hinhalten, sonst wird er tatsächlich seine Drohung wahrmachen und dich verlegen lassen. Und das würde die Sache dann nur noch komplizierter machen.“

 

„Verlegen? Wohin? Und wer ist Ross?“, wollte Bucky wissen.

 

Tony übernahm das Wort. „Thaddeus Ross, General bei der Air Force. Hat sich daran probiert, das Supersoldaten-Serum zu reproduzieren“, er klang wenig erfreut dabei, während er die Fakten aufsagte. „Und nachdem das nicht geklappt hat, wurde er zum Außenminister ernannt. Er weiß über uns Bescheid und ist nicht gerade ein Sonnenschein. Er ist auch die treibende Kraft hinter dem Sokovia-Abkommen und sähe nichts lieber, als uns alle hinter Gittern. Was mich zu der zweiten Frage führt: Es gibt ein Unterwassergefängnis, Raft genannt, das ausschließlich dafür gebaut wurde, um Typen wie uns dort einzusperren.“

 

„Wenn er es darauf anlegt, kann er uns alle fertig machen“, ergänzte Steve. „Und im Moment hat er es auf dich abgesehen. Der Tote in der Höhle ist für ihn ein gefundenes Fressen, Buck. Daher musst du uns alles erzählen, was dort passiert ist.“

 

Nachdenklich kniff Bucky die Augen zusammen. „Da ist nicht viel, was ich euch sagen kann. Es ist ...“, er lehnte sich zurück, zog seine Hand von Sarah zurück und rieb sich grübelnd die Stirn. „Es ist einfach weg.“

 

„Denk nach, Buck“, trieb ihn Steve an. „Irgendwas muss es doch geben?“

 

„Ich mache nichts anderes, als ständig nachzudenken!“, herrschte Bucky ihn ungehalten an, bereute seine Worte aber unmittelbar. Beschwichtigend hielt er ihm seine Handfläche hin. „Tut mir leid, ich-“

 

„Schon gut Kumpel. Ist wohl gerade etwas viel auf einmal“, nickte Steve mit verständnisvoller Miene. An die beiden anderen gewandt meinte er: „Es ist schon spät. Vielleicht sollten wir alle eine Runde schlafen und morgen früh weitermachen.“

 

„Was sollte das bringen?“, brummte Bucky verstimmt. Anscheinend war sein Schicksal wohl besiegelt. „Ihr bekommt wegen mir nur noch mehr Ärger, wenn ihr mir helft. Das ist die Sache nicht wert.“ Mit gesenktem Blick murmelte er: „Ich bin es nicht wert.“

 

Sarah sog erschrocken die Luft ein und nahm sein Gesicht in beide Hände, zwang ihn damit, sie anzusehen, was ihm trotz allem nicht leicht fiel. „Sag‘ so was nicht.“

 

„Du brauchst dringend einen Therapeuten, Barnes“, sagte Tony emotionslos, aber sein Blick wirkte entschlossen. „Ich denke, wir müssen einen anderen Weg suchen, um an die Informationen zu kommen.“ Der Ehrgeiz hatte ihn augenscheinlich gepackt, denn er reckte sich etwas nach oben. „Und ich weiß auch schon wie wir das machen.“

 

Chapter 13

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Stark-Tower, New York

Montagmorgen

 

Erschöpft lehnte sich Steve im Stuhl zurück. Nachdem Tony ihnen seine Idee kurz erläutert hatte, war alles ziemlich schnell gegangen. Gemeinsam hatten sie den Raum verlassen und waren in ein High Tech Labor gewechselt. Und jetzt tüftelten Shuri und Tony seit Stunden an unzähligen Apparaturen herum, erstellten Diagramme, werteten Daten aus, justierten Elektroden und ließen immer wieder Programme ablaufen, deren Sinn Steve nicht wirklich verstand. Und mittendrin - angeschlossen an die Geräte - lag Bucky auf einer Liege und ließ alles schweigend und widerstandslos über sich ergehen. Steve zollte ihm deswegen großen Respekt, denn nach allem, was seinem besten Freund widerfahren war, hatte er nicht mit so viel Kooperation gerechnet. Allerdings machte es ihm zunehmend Sorgen, dass Bucky zu Beginn der Sitzung zwar alle ihm gestellten Fragen beantwortet hatte, im weiteren Verlauf aber immer wortkarger geworden war und nun schon seit geraumer Zeit kein Wort mehr gesprochen hatte. Fast kam es ihm so vor, als ob sein Kumpel resigniert hatte und das alles nur mitmachte, um die anderen Anwesenden zufriedenzustellen. Steve warf einen Blick auf seine Armbanduhr. 3.30 Uhr. Sarah hatte sich kurz vor Mitternacht verabschiedet, nachdem Steve ihr versprochen hatte, gut auf Bucky aufzupassen.

Die sonst so quirlige Shuri raufte sich, an einem Laptop sitzend, die Haare. Sie gähnte und murmelte ein „Ach, Mist“, während sie weiterhin Eingaben machte, die sie dann aber scheinbar wieder löschte. Sie gähnte erneut.

Auch Tonys Elan schien etwas gelitten zu haben, denn seine sonst flapsigen Sprüche waren mit der Zeit weniger geworden. Er hockte mit zusammengekniffenen Augen vor einer holografischen Simulation, wirkte aber nicht wirklich anwesend.

„Wir sollten eine Pause machen“, schlug Steve vor. Obwohl er im technischen Sinn nichts beizutragen hatte, war er seit Anbeginn der Untersuchung nicht von Buckys Seite gewichen. Einerseits, um eventuelle Ausbrüche von ihm unter Kontrolle zu halten. Andererseits, um ihm zu verstehen zu geben, dass er nicht alleine war. „Oder besser noch - uns für einige Stunden hinlegen.“ Ihm war bewusst, dass die Zeit gegen sie arbeitete. Ihm persönlich machte es nichts aus, sich ein, zwei Nächte um die Ohren zu schlagen. Sein Körper brauchte weniger Schlaf, auch wenn er gerade selbst ein bisschen in den Seilen hing, weil er die Situation emotional belastend empfand. Aber von dieser Sache hier hing so viel ab, dass alles, was sie taten, hieb- und stichfest sein musste. Doch Missinterpretationen würden sich zwangsläufig einschleichen, wenn Shuri oder Tony sich zu sehr verausgabten und über ihre körperlichen und geistigen Grenzen gingen.

„Wir sind soooo nah dran, ich kann es spüren“, meinte Shuri.

„Aber es bringt nichts, wenn das Endergebnis nicht stimmt. Wir dürfen uns keine Fehler erlauben“, meinte Steve.

Tony holte tief Luft und rieb sich das Gesicht. „Okay. Machen wir Schluss für heute.“

Shuri nickte und stand auf, um zu Bucky zu gehen und fing an, die Kabel von ihm zu entfernen. „Du hast dich gut geschlagen, White Wolf.“ Als nächstes löste sie die Infusion ab, beließ den Zugang dafür aber noch in Buckys Handrücken. „Wir versuchen es mal ohne Medikamente. Wenn was ist, sagst du mir Bescheid, okay?“

Steve beobachtete die zwei ganz genau. Er konnte eine gewisse Vertrautheit zwischen ihnen ausmachen, was ja auch nicht verwunderlich war, denn Shuri hatte erheblichen Anteil an Buckys Genesung nach dem Kampf in Sibirien. Trotzdem war es offensichtlich, dass sich Bucky zurückgezogen hatte und niemanden mehr an sich heranließ. Er wartete, bis Tony und Shuri den Raum verlassen hatten und sah dann, wie Bucky sich aufrichtete und seine Beine über den Rand der Liege schwang, den Blick geradeaus gerichtet, jedoch keine Anzeichen machte, um aufzustehen. Basierend auf den wenigen Fakten, die Bucky ihm erzählt hatte, stellte Steve sich diesen Moment vor, wenn man den Winter Soldier aus dem Kälteschlaf geweckt hatte und dieser nun darauf wartete, Befehle zu erhalten. Waren sie heute zu weit gegangen? Hatten sie bei Bucky mit diesen ganzen Prozeduren ein altes Trauma heraufbeschworen? Steve wurde unsicher.

Doch dann senkte Bucky den Kopf und hielt sich die Stirn.

„Alles okay?“, fragte Steve, bekam aber keine Antwort. Daraufhin stand er selbst auf und ging hinüber zu seinem Freund, der, bei näherer Betrachtung, ziemlich blass und zittrig wirkte. Er trug Jogginghose und T-Shirt, aber keine Socken. „Ist dir kalt? Hey, rede mit mir. Bitte.“ Vorsichtig berührte er dessen rechte Schulter. „Hast du Schmerzen? Soll ich Shuri-“

„Schon gut“, murmelte Bucky, ohne ihn anzusehen. „Mir ist nur ein bisschen schwindelig.“

Die Erwiderung ließ Steve trotz allem aufatmen, weil er die Aufrichtigkeit in den Worten erkannte. Bucky würde ihn nicht anlügen. Das hatte er noch nie getan. „Könnte daran liegen, dass du seit geraumer Zeit nichts gegessen und getrunken hast.“ Das Tablett mit den Sandwiches und dem Glas Orangensaft, das Sarah ihnen hinterhergetragen hatte, stand noch immer unangetastet auf einer Ablage. Steve deutete darauf. „Willst du nicht eine Kleinigkeit essen? Wenn schon nicht für dich selbst, dann für Sarah? Sie hat sich solche Mühe gegeben damit.“

Bucky sah ihn stumm an. Alles an ihm wirkte niedergeschlagen.

Steve fühlte sich hilflos, wusste nicht, wie er es fertigbringen sollte, zu seinem Gegenüber durchzudringen. „Wir teilen uns eins, okay? Sarah wird dir sonst die Hölle heiß machen, wenn sie erfährt, dass alle Sandwiches noch da sind.“ Er stand auf und ging zur Ablage. Dort griff er nach dem Besteck und schnitt eines der Brote in der Mitte durch. Die Sauce wurde dabei seitlich herausgedrückt und kam mit seiner Fingerspitze in Berührung. Ohne darüber nachzudenken, leckte er sie ab und hob erstaunt die Augenbrauen. „Wow“, sagte er erstaunt. „Ist das die von Winnie?“

Bucky schüttelte wortlos den Kopf und hielt seine Augen auf den Teller gerichtet, auf den Steve eine Hälfte des Sandwiches gelegt hatte. Seine Stimme war kratzig als er sagte: „Von Sarah.“

Steve nickte anerkennend. „Ist verdammt nah am Original, würde ich sagen.“ Er hätte es nicht für möglich gehalten, aber auf ein Mal fühlte er sich in der Zeit zurückgesetzt. Erinnerungen an die zahllosen Essen bei den Barnes‘ strömten auf ihn ein. Winifred war eine begnadete Köchin gewesen. Er nahm einen Bissen und sog genüsslich die Luft ein beim Kauen. „Das waren noch Zeiten. Weißt du noch? Samstagabends, wenn die Brooklyn Dodgers spielten ... hat deine Mom immer diese Sandwiches gemacht.“ Ohne Vorwarnung hielt er Bucky die Sandwich-Hälfte hin. „Wir sind dann alle vor dem Radio bei euch im Wohnzimmer gehockt und haben mitgefiebert.“

„Hm-mhm.“ Bucky zögerte, ehe er das Brot in seine Hand nahm, senkte den Blick, wirkte wie in eine andere Welt abgetaucht, als er einen Punkt zu seinen Füßen anstarrte. Nach einer gefühlt halben Ewigkeit nahm er schließlich einen Bissen und meinte: „War immer was Besonderes.“

Lächelnd nahm Steve wieder neben ihm Platz. „Ja, diese Abende werde ich nie vergessen. Und das Spiel, in dessen Anschluss wir Buzz Boyle getroffen haben.“

„In Ebbets Field. 19...“

Steve erkannte Buckys Zögern. „1935.“ Seine Mutter war 1 Jahr später gestorben. Schnell drängte er diesen Fakt zur Seite und erzählte stattdessen: „Er hat uns den Ball signiert. Den übrigens du gefangen hast.“

Als junger Erwachsener war er mit Bucky zu einem der Spiele gegangen. Seit Monaten hatten sie darauf hingefiebert, um an diesem Tag die Mannschaft der Brooklyn Dodgers anzufeuern. Der Spieler mit der #1, Ralph Francis „Buzz“ Boyle, war ein Idol für viele, besonders für Steve. Ab und an hatte man auch das Glück, einen Ball im laufenden Wettkampf zu fangen, und sich diesen höchstpersönlich vom Spieler unterschreiben zu lassen. Und tatsächlich war es während des Spiels zu einem Homerun gekommen. Der Shortstop der Dodgers hatte den Ball so getroffen, dass die gegnerische Mannschaft keine Chance gehabt hatte, diesen zu fangen. Stattdessen flog er geradewegs auf die Tribüne zu - in Richtung von Steve. Unter normalen Umständen hätte er vermutlich nur die Hände heben müssen, um den Baseball zu fangen. Wäre da nicht ein ehemaliger Klassenkamerad, Max Stankiewicz, vor ihm gewesen, der ihn einen Rempler gegeben und ihn somit zum Straucheln gebracht hatte. Steve hatte den Ball natürlich nicht erwischt; stattdessen kullerte dieser den Boden entlang und zahllose andere Fans begannen ein Gerangel darum - unter ihnen auch Max. Enttäuscht hatte sich Steve abgewandt, als er unvermittelt Buckys Pfiff hörte. Sie hatten eine ganz bestimmte Pfiffmelodie für sich ausgemacht, wenn sie mal wieder etwas anstellten und sie sich gegenseitig vor etwaigen Gefahren warnen mussten. Mitten aus dem Getümmel waren Bucky und Max gekrochen - Buck mit einem blauen Auge und Max mit blutender Nase - und sein bester Freund hatte ihm dann mit einem breiten Grinsen den Ball zugeworfen.

„Ich hab‘ ihn nicht gefangen. Das warst du.“

„Na ja, mehr oder weniger“, schmunzelte Steve, als er daran zurückdachte.

„Du hast ihn gefangen. Kannst nicht das Gegenteil behaupten, oder?“

Er glaubte, eine Veränderung bei Bucky wahrzunehmen. Dieser schien für den Moment abgelenkt von der aktuellen Situation zu sein. Und auch wenn seine Sätze nur aus wenigen Worten bestanden, hörte er dessen veränderte Stimmlage. „Das stimmt. Ich hab‘ ihn gefangen. Auf dem Nachhauseweg hast du jedem, dem wir begegnet sind, davon erzählt.“ Ein Blick auf den leeren Teller ließ ihn zufrieden aufseufzen. Er hatte gar nicht gemerkt, dass sie beide die vier Sandwiches gegessen hatten, während sie in alten Erinnerungen geschwelgt waren.

„Deine Mom war ganz aus dem Häuschen.“

Steve runzelte die Stirn. Damals hatte er sie - auf Drängen von Bucky hin - in dem Glauben gelassen, er habe sich den Triumph selbst zuzuschreiben. „Es war nicht ganz richtig, ihr nicht die Wahrheit zu sagen“, meinte er nachdenklich.

„Wieso?“, wollte Bucky wissen. „Du hast sie doch gesehen. War so stolz auf dich. Und wäre Max nicht gewesen, hättest du ihn sowieso gefangen.“  

„Du hättest ihm aber nicht gleich die Nase brechen müssen.“

„Das war ich nicht.“ Bucky sah ihn eindringlich an. „Er hat mich geschlagen, aber ich habe nicht zurückgeschlagen. Aber wer auch immer es war - Max hat den Ball losgelassen. Ich hab‘ ihn nur aufgehoben.“

Eine kurze Pause entstand und Steve konnte sich ein leichtes Gähnen nicht unterdrücken. „Wie wäre es mit etwas frischer Luft?“ Er deutete Bucky an, ihm zu folgen und ging Richtung Tür.

Bucky schien unsicher und berührte mit seinem linken Fuß automatisch die Fußfessel. „Was ist mit der Überwachung?“

„Was soll damit sein?“, zuckte er mit den Schultern. „F.R.I.D.A.Y. regelt das.“

„Wer ist dieser Friday? Gehört er zu Tonys Team?“

„F.R.I.D.A.Y. ist Tonys KI.“ Als er den fragenden Gesichtsausdruck von Bucky erkannte, grinste er. „KI steht für künstliche Intelligenz. Wie genau das mit F.R.I.D.A.Y. funktioniert, kann ich dir auch nicht sagen. Aber sie ist eine Art Supercomputer, den man jederzeit zu allem Möglichen Fragen oder Aufgaben stellen kann.“

„So was wie Google?“

Steve musste breit grinsen. Manchmal überraschte Bucky ihn mit Wissen über neuzeitliche Erfindungen. „So was in der Art. Nur dass der ganze Tower von F.R.I.D.A.Y. überwacht und gesteuert wird. Und mit dem Unterschied, dass es viel persönlicher ist. F.R.I.D.A.Y. hat im Grunde eine eigene Persönlichkeit, untersteht aber Tonys Befehlsgewalt.“

„Der ihr aufgetragen hat, zu schwindeln.“

„Das ist ... Auslegungssache.“ Natürlich hatte er deswegen auch gezweifelt, aber im Moment war ihm fast jedes Mittel recht, um die Unschuld seines Freundes zu beweisen. Er war zwischenzeitlich an der Tür angekommen. „F.R.I.D.A.Y.? Öffne bitte die Tür.“

„Gern, Captain Rogers.“ Ein metallisches Klicken war zu hören.

Buckys Kopf suchte den Raum nach der Frauenstimme ab.

„Man braucht ein bisschen, um sich daran zu gewöhnen, aber es ist ganz praktisch“, grinste Steve. „Und jetzt komm.“

 


 

Steve hatte Bucky den Gang entlang zum Balkon geführt und stand nun am Geländer, von wo aus er den Blick über die nächtliche Skyline wandern ließ. Seit sie das Zimmer verlassen hatten, war auch ihr Gespräch zum Erliegen gekommen, was er aber auch auf die Tatsache zurückführte, dass Buck noch immer von den schieren Ausmaßen von Tonys Anwesen beeindruckt war. Der Wind fuhr durch Steves Haare, während um sie herum die übliche Geräuschkulisse einer Großstadt herrschte, die niemals wirklich schlief. Autos hupten, Sirenen von Einsatzfahrzeugen hallten durch die Straßen und die beleuchteten Wagons der U-Bahn zogen sich wie kleine Raupen durch die Gegend. Dazu gesellten sich unzählige Lichter von den Hochhäusern und Bürogebäuden, die die Straßenzüge in ein buntes Lichtermeer tauchten.

„Bist du wütend auf mich?“, fragte er Bucky schließlich.

„Warum sollte ich wütend auf dich sein?“

„Das alles ist nur passiert, weil ich egoistisch war. Ich wollte unbedingt, dass du glücklich bist. Stattdessen ...“, er sprach nicht weiter, ließ Kopf und Schultern hängen. „Es tut mir leid, Buck.“

Bucky trat näher an ihn heran. „Ist nicht deine Schuld. Hätte ich mal lieber die Finger von Stark gelassen.“

„Du hättest ihn nicht einfach zurücklassen können“, schüttelte Steve den Kopf. Kurz dachte er daran, weiter nachzuhaken, was genau im Wald passiert war, entschied sich aber dagegen. Er wollte nicht vorgreifen und so möglicherweise den Ausgang der Untersuchung korrumpieren. Und dann kam ihm eine weitere Frage in den Sinn, die ihn schon seit längerem beschäftigte. „Warum bist du überhaupt mit mir zurück nach New York gekommen?“

Es dauerte etwas, bis Bucky antwortete. „Weil du mich darum gebeten hast. Und weil ich dir immer folgen werde.“

„Du hättest ‚Nein‘ sagen können.“

„Hättest du ein ‚Nein‘ akzeptiert?“

„Ich hätte es müssen.“ Steve sah ihn eindringlich an. Das hier war mit Abstand das längste Gespräch, das er mit Bucky seit Ewigkeiten führen konnte. So viel gemeinsame Zeit war ihnen bisher gar nicht gegönnt gewesen. „Heißt das, du wärst lieber in Wakanda geblieben?“

Wieder ließ die Antwort von Bucky auf sich warten, er schien seine Worte genau abzuwägen. „Wakanda ist ...“, er zuckte mit den Schultern, „nett. Die Leute sind nett. Ich verdanke T’Challa und Shuri so unendlich viel, aber es ist nicht-“

„Brooklyn“, beendete Steve den Satz mit einem schiefen Grinsen, als er das erstaunte Gesicht von Bucky sah. Sie hatten schon immer den Satz des anderen beenden können, doch anscheinend hatte sein Gegenüber nicht damit gerechnet. Er wusste genau, was sein Kumpel meinte. Er war schon überall auf der Welt gewesen, aber es hatte ihn immer wieder hierhergezogen.

„Richtig.“ Ein kurzes Schmunzeln huschte über sein Gesicht, ehe er wieder ernst wurde. „Aber dieses Brooklyn ... ist so komplett anders. Irgendwie. Ich mochte die Nachbarschaft von damals. Jetzt ist da nur noch ein Betonklotz am nächsten. Mein Elternhaus ist weg. Ebenso der Bretterzaun von Mrs. Goldman, bei dem zwei Latten lose waren und wir dadurch in den Hinterhof zum Kino kamen. Von wo wir uns dann in die Nachmittagsvorstellung geschlichen haben.“

„Du hast dich reingeschlichen“, lachte Steve leise auf.

„Du hattest zu viel Schiss und hast immer Eintritt bezahlt“, grinste Bucky kurz.

„Hatte ich nicht.“ Was nicht ganz stimmte, denn Bucky hatte mit seiner Aussage schon Recht, nur wollte er das jetzt nicht zugeben. Manchmal zog auch er es vor, gewisse Dinge für sich zu behalten. So auch die Sache mit Mr. Evans. Der alte Mann, der ihn ein klein wenig an seinen eigenen Großvater erinnerte, verkaufte im Kassenhäuschen die Eintrittskarten. Und wenn der weißhaarige Rentner im Dienst war, hatte dieser ihn einfach durchgewunken. Steve hatte es als Kind gehasst, eine Sonderbehandlung zu erfahren, weil die Erwachsenen Mitleid mit ihm gehabt hatten. Mit Mr. Evans war es aber anders gewesen. Er hatte einfach eine gute Seele besessen. Im Gegenzug für den freien Eintritt hatte Steve sich jedes Mal erkenntlich gezeigt und für den Witwer Besorgungen erledigt. Und wenn Mr. Evans nicht im Dienst gewesen war - hatte er den Eintritt bezahlt. Bucky kannte ihn einfach zu gut.

Sie verfielen beide wieder ins Schweigen. Nach einigen Minuten war es Bucky, der das Wort ergriff. „Als du in Wakanda aufgetaucht bist ... dachte ich“, setzte er an, verfiel dann aber wieder kurz ins Grübeln, ehe er sagte: „Ich weiß nicht, was ich dachte. Vielleicht ... vielleicht habe ich gehofft, dass alles wieder so wie früher wird.“

Steve seufzte. „Ich weiß. So ging es mir auch lange. Aber ... so wie früher wird es wohl nie wieder werden. Allein der Times Square. Als ich 2011 zum ersten Mal dort war ... ich wurde förmlich von den Eindrücken von dort erschlagen - unglaublich, was sich dort getan hat. Nicht wiederzuerkennen.“

„Ist kein Vergleich zu Wakanda. Ich meine ...“, Bucky schüttelte amüsiert wirkend den Kopf, „Kampf-Nashörner?“

„Oh, das ist noch gar nichts. Erinnere mich bei Gelegenheit daran, dir von den Chitauri zu erzählen.“ Er sah, wie Bucky zu einer Erwiderung ansetzte und hob den rechten Zeigefinger. „Aber zuerst solltest du wieder zurück ins Bett. Die nächsten Tage werden vermutlich anstrengend werden. Versuch, noch ein wenig Schlaf zu finden.“

„Schlafen ...“, Bucky schnaubte leise.

„Hast du immer noch Albträume?“

„Ständig.“ Er schien seine Antwort sofort zu überdenken. „Das heißt, sofern ich nicht eingefroren oder betäubt worden bin.“ Demonstrativ hielt er seine rechte Hand mit dem Zugang hoch.

Die Antwort ließ Steve die Stirn runzeln. „Sarah meinte, es wäre besser geworden?“

Im ersten Moment warf ihm Bucky einen perplexen Blick zu, ehe er sich wieder zu fangen schien. „Aber selbst wenn die Albträume weniger werden, heißt das nicht, dass sie deswegen nicht immer wieder kommen."

„Trotzdem scheint dir Sarah gut zu tun.“ Er konnte sich wegen den schummrigen Lichtverhältnissen täuschen, aber er glaubte, dass Buckys Ohren rot wurden. „Wir haben uns lange unterhalten. Ich bin froh, dass ihr euch gefunden habt. Ihr passt gut zueinander.“ Er musste beim Anblick eines verlegen wirkenden Bucky grinsen. „Und behaupte jetzt nicht das Gegenteil.“

Ein Seufzen kam über Buckys Lippen, während er leicht schmunzelte. „Ich mag sie sehr.“

„Und das, mein Freund“, grinste Steve spitzbübisch, „nenne ich mal die ‚Untertreibung des Jahres‘. Du bist verliebt. Ich freue mich für euch.“ Anerkennend klopfte er ihm auf den Rücken, nachdem er ihn in die Arme genommen hatte.

Kaum hörbar gab Bucky ein leise gemurmeltes „Danke“ von sich. Fast so, als könnte er sein Glück selbst noch gar nicht fassen. Doch dann löste er sich unvermittelt von Steve, trat einen Schritt zurück und sah ihn finster an. „Was ist, wenn ich den Mann tatsächlich getötet habe?“

Im ersten Moment wusste Steve darauf keine Erwiderung und musste überlegen. Die bisherige Untersuchung von Tony und Shuri hatte noch keine eindeutigen Ergebnisse hervorgebracht. Ihm war klar, was in Bezug auf Buckys Zukunft angesichts der Mordanklage auf dem Spiel stand. In wenigen Stunden würden sie auf den Anwalt treffen, auf den Tony große Stücke hielt und dann würde sich Buckys Schicksal wohl entscheiden. Und das war der Moment, an dem ihm noch etwas anderes einfiel und er etwas aus seiner Hosentasche zog und es hochhob.

Es dauerte etwas, bis Bucky erkannte, worum es sich handelte. Vorsichtig griff er danach und betrachtete die beiden militärischen Erkennungsmarken, umgangssprachlich Hundemarken genannt, beinahe ehrfürchtig.

„Ich hab‘ sie eingesteckt, damit sie nicht abhanden kommen.“ Er wusste, wie viel Bucky diese Erkennungsmarken bedeuteten, auch wenn es sich dabei nur um Repliken handelte. Ihm ging es in dieser Hinsicht nicht anders, nur mit dem Unterschied, dass seine damaligen Marken seit Jahrzehnten im Smithsonian Museum ausgestellt waren. „Warte, ich helfe dir“, bot er an, als er bemerkte, dass es umständlich war, sich die Kette einhändig umzuhängen. Tief Luft holend sagte er mit fester Stimme: „Um auf deine Frage zurückzukommen: Was auch immer passiert, ich werde für dich da sein. Und nicht nur ich“, schüttelte er den Kopf, „wir alle sind für dich da.“

Buckys Stimme klang belegt, als er sagte: „Nach allem, was ich-“

„Genau. Nach allem, was du für mich getan hast, bin jetzt ich an der Reihe. Wir werden das gemeinsam durchstehen.“

 

 

 

 

 

Notes:

Wie hat euch die kleine Zeitreise gefallen?

Chapter Text

Stark-Tower, New York

Montagmorgen

 

Im Besprechungszimmer herrschte schon eine angespannte Atmosphäre, als Tony eintrat. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so früh in seinem Leben aufgestanden zu sein, um tatsächlich zur Arbeit zu gehen. Wirklich ausgeruht fühlte er sich nicht und wüsste er es nicht besser, hätte er gesagt, ihm steckten die Nachwirkungen einer durchzechten Nacht noch in den Knochen. Aber 8 Uhr morgens war auch eine wirklich miese Zeit, um klare Gedanken fassen zu können. Mit einem Becher Kaffee in einer Hand und dem Gehstock in der anderen, ging er humpelnd auf das Tischende zu und spürte sämtliche Augenpaare auf sich gerichtet. Die Gespräche verstummten. Normalerweise machte ihm diese erwartungsvolle Stille nichts aus, aber jetzt hatte das Ganze eine völlig andere Gewichtung. Viel Schlaf hatte er nach der Sitzung mit Shuri und Barnes nicht bekommen; alles in ihm schrie förmlich danach, auf der Stelle kehrt zu machen und zurück ins Bett zu kriechen. Trotzdem überwand er das Gefühl und brachte ein halbwegs deutliches „Guten Morgen“ heraus.

 

Seine Freunde erwiderten den Gruß entweder mündlich oder mit einem Kopfnicken.

 

„Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum“, kam Tony dann gleich zur Sache. Es brachte nichts, es in die Länge zu ziehen. „Was habt ihr bis jetzt herausgefunden?“

 

„Das könnte ich dich genauso fragen“, kam gleich die Erwiderung von Steve.

 

„Wir arbeiten noch dran“, antwortete Tony, nachdem er sich gesetzt hatte. „Du hast selbst gesagt, wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Letzte Nacht diente der Feinkalibrierung. Man kann nicht einfach so ins menschliche Gehirn reingehen und darauf zugreifen wie auf Dateien auf einer Festplatte, die da so schön geordnet untereinander stehen“, erläuterte er ruhig. „Und bei Barnes schon gar nicht. Da ist einiges ... durcheinander. Vor allem müssen wir ausschließen, keine falschen oder willentlich entstandenen Erinnerungen ans Tageslicht zu befördern. Wenn von Seiten der Regierung auch nur ansatzweise der Verdacht aufkeimt, wir würden da was manipulieren, sind wir so was von am Arsch.“

 

„Bei allem gebührendem Respekt Tony, aber die Regierung wird so oder so Manipulation vermuten“, meldete sich Rhodey zu Wort. „Ich meine ... wir hängen da alle mehr oder weniger mit drin. Wenn schon nicht im aktuellen Fall, dann aber durch unsere gemeinsame Vergangenheit. Und die war an einigen Stellen nicht gerade ruhmreich.“

 

Tony wusste genau, worauf sein Freund abzielte. Steve hatte viele Regeln gebrochen, um Barnes damals vor dem Zugriff der Behörden in Sicherheit zu bringen, hatte sogar die Flucht von Wilson, Barton und Lang aus dem Raft ermöglicht. Ein kurzer Blick zu Steve sagte ihm, dass dieser die Worte von Rhodey ebenso gedeutet hatte.

 

„Aus diesem Grund werden wir uns auch dezent im Hintergrund halten. Offiziell leitet Dr. Cho die Behandlung und ja“, er rollte mit den Augen ob des erwarteten Einspruchs, „ich weiß, dass man uns daraus auch einen Strick drehen könnte. T’Challa hat sich der Sache angenommen und uns eine Abordnung wakandanischer Ärzte zur Seite gestellt, um dem Ganzen einen unabhängigen Anstrich zu geben. Und Dr. Raynor hat sich ebenfalls bereit erklärt, uns zu unterstützen. Das ermöglicht uns einen gewissen Handlungsspielraum.“

 

Sam räusperte sich. „Ich habe meine Beziehungen spielen lassen und ein paar Informationen eingeholt. Die Polizei geht nach wie vor davon aus, dass Buck den Mann vorsätzlich getötet hat. Allerdings stützen sie sich nur auf Indizien, da der einzige Augenzeuge, der gleichzeitig auch irgendwie in der Sache mit drinhängt, auch nicht so wirklich verlässliche Angaben machen konnte. Hat sich in einige Widersprüche verstrickt. Die einzig verlässlichen Angaben sind die, dass es sich bei dem Zeugen - Frank Wiggins - um einen polizeilich bekannten Wilderer und Kleinkriminellen handelt. Deshalb ist seine Aussage auch mit etwas Vorsicht zu genießen.“

 

„Darum wird sich der Anwalt kümmern“, nickte Tony.

 

„Was hat Barnes denn zu dem Ganzen gesagt?“, wollte Rhodey wissen.

 

Tony sah, wie sich Steve etwas aufrichtete. „Nicht viel. Der Eisbär war ja nicht wirklich ansprechbar seitdem wir ihn aufgesammelt haben.“

 

„Als er mich anrief, meinte er, dass er keine andere Wahl gehabt hätte und es nicht anders gegangen wäre“, sagte Steve leise.

 

„Nicht gerade sehr hilfreich“, wandte Scott ein. „So leid es mir tut, aber das hört sich wie ein Geständnis an.“ Mit Blick auf Rhodey fragte er: „Was wissen wir denn über das Opfer?“

 

„Nicht viel. Thomas ‚Tommy‘ Caldwell ist ebenso wie Wiggins kein Unbekannter bei der Polizei, aus den gleichen Gründen. War kein Unbekannter“, korrigierte sich Sam schnell.

 

„Wieso ist Caldwell überhaupt auf Bucky getroffen?“

 

Steve sah ihn stirnrunzelnd an. „Was meinst du?“

 

„Na“, Scott hob fragend die Schultern, „ich bin die Koordinaten nochmals durchgegangen. So weit ich gesehen habe, gibt es einen direkten Fußweg von der Hütte, wo wir Tony gefunden haben, hin zur nächsten Siedlung. Ihr habt Bucky aber meilenweit entfernt in entgegengesetzter Richtung gefunden. Also entweder hat Barnes einen ganz schlechten Orientierungssinn, wovon ich jetzt aber nicht ausgehe. Oder er hat bewusst einen anderen Weg gewählt, der ihn allerdings weiter weg von der Siedlung geführt hat.“

 

„Das macht keinen Sinn“, warf Tony ein. Gleichzeitig meldete sich seine innere Stimme zu Wort, die ihm einzureden versuchte, dass Barnes eben doch nicht losgezogen war, um Hilfe zu holen.

 

„Sehe ich genauso“, nickte Steve. „Irgendwas muss passiert sein, das Bucky veranlasst hat, den ursprünglichen Weg zu verlassen.“

 

„Wir müssen ihn unbedingt befragen“, sagte Natasha. „Alles andere ist nur reine Spekulation.“

 

„Aber würde das nicht den restlichen Verlauf beeinflussen, wenn wir in der Sache vorgreifen?“, hakte Sam nach.

 

Tony meinte: „Entweder wir tun es, oder Ross. Und ich glaube nicht, dass die Regierung mit Feingefühl agieren wird.“

 

F.R.I.D.A.Y.S Stimme erklang. „Boss, Secretary Ross möchte Sie sprechen. Er ist in der Lobby.“

 

„Wenn man vom Teufel spricht“, brummte Tony und ließ den Blick kurz über die Runde schweifen, während er gleichzeitig überlegte, ob er den ungebetenen Gast gleich wieder wegschicken sollte. „Was meint ihr?“, fragte er.

 

„Wir können ihn nicht ewig hinhalten“, sagte Rhodey.

 

Tony wandte sich an F.R.I.D.A.Y.: „Aufzeichnung der Lobby auf den Bildschirm.“

 

Die KI tat unverzüglich, wie ihr geheißen und das entsprechende Video erschien auf der Projektionsfläche. Ross stand an der Anmeldung und hinter ihm hatten sich mehrere bewaffnete Soldaten aufgereiht.

 

„Er ist nicht allein“, stellte Sam zerknirscht fest. „Das sieht offiziell aus.“

 

„Okay F.R.I.D.A.Y.“, sagte Tony schließlich. „Lass‘ ihn rauf.“

 

 


 

 

„Tony.“

 

„Secretary Ross.“

 

Sie schüttelten sich anstandshalber die Hände zur Begrüßung.

 

„Hätte nicht gedacht, Sie zu so früher Stunde zu erreichen.“

 

„Was denken Sie denn von mir? Ich bin ein hart arbeitender Geschäftsmann. Der frühe Morgen ist die beste Zeit für wichtige Entscheidungen.“ Er sah die amüsiert grinsenden Gesichter seiner Mitstreiter und konnte sich selbst ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dann wurde er wieder ernst. „Was kann ich für Sie tun?“

 

„Wenn Sie schon so direkt fragen, werde ich auch direkt antworten. Ich möchte Barnes.“

 

„Darüber hatten wir bereits diskutiert.“

 

„Ja, und ich hatte gesagt, dass das letzte Wort deswegen noch nicht gesprochen war. Ich habe ein Dekret vom Gremium der Vereinten Nationen, das mir erlaubt, Barnes mitzunehmen. Und das unverzüglich.“

 

„Was passiert mit ihm?“

 

„Was interessiert Sie das?“ Ross wirkte genervt. „Hören Sie auf, Zeit zu schinden, Tony.“

 

„Ich werde es trotzdem versuchen“, erwiderte Tony mit fester Stimme. „Geben Sie uns 72 Stunden.“

 

Ross lachte kurz auf. „Wissen Sie noch, was passiert ist, als ich Ihnen das letzte Mal eine Gnadenfrist eingeräumt habe?“

 

„Damals haben beide Seiten Fehler gemacht.“ Ihm war noch zu gut das Debakel am Leipziger Flughafen im Gedächtnis, in dessen Verlauf Rhodey abgestürzt war. Und das nur, weil keiner der Beteiligten hatte nachgeben wollen und jeder sich selbst im Recht gesehen hatte.

 

Steve stand auf und ging auf die beiden Männer zu. „Secretary Ross“, fing er an. „Wir alle haben ein gemeinsames Ziel: Herauszufinden, was passiert ist. Ich war zwar einige Zeit weg vom Geschehen, aber hier gilt doch noch immer die Unschuldsvermutung, oder? Man ist unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist. Aber wieso hab‘ ich dann das Gefühl, dass man Bucky bereits verurteilt hat? Alles, was wir wollen, ist, die Sache aufzuklären.“

 

„Schöne Rede, Captain Rogers. Dann sind wir uns ja einig. Wir nehmen Barnes mit und klären den Vorfall dann auf.“ An Tony gewandt sagte er mit gesenkter Stimme: „Wir können das Ganze friedlich lösen. Liegt bei Ihnen.“

 

„Secretary Ross“, setzte Steve erneut an, doch er wurde unterbrochen.

 

„Ihr wisst einfach nicht, wann ihr verloren habt!“, brach es aus Ross heraus. Er hielt ein Schriftstück hoch. „Barnes. Jetzt. Ende der Diskussion.“

 

„Dürfte ich einen Blick darauf werfen?“

 

Die fremde Stimme ließ Ross und Steve irritiert innehalten.

 

„Wer sind Sie?“, wollte Ross wissen.

 

Tony warf Steve einen wissenden Blick zu, sagte aber nichts.

 

Der dunkelhaarige Mann im Anzug trug eine Sonnenbrille und hielt einen Blindenstock in der linken Hand. Sanft lächelnd streckte er seine rechte Hand zum Gruß aus. „Matt Murdock. Ich bin der Anwalt von Mr. Barnes. Und das ist mein Assistent Foggy Nelson.“

 

Neben ihm stand ein weiterer Mann, der eine Aktentasche hielt und ihnen zunickte.

 

Ross fuhr herum und funkelte Tony an. „Da stecken Sie doch dahinter!“

 

Murdock schien davon unbeeindruckt, zog seine Hand zurück und merkte an: „Und in der Funktion als Mr. Barnes‘ Rechtsbeistand habe ich heute Morgen Akteneinsicht beantragt. Solange die Sichtung nicht vollständig erfolgt ist, bleibt Mr. Barnes hier in der medizinischen Einrichtung. Laut Gutachten von Dr. Cho ist er noch nicht transportfähig.“ Er drehte den Kopf zu Foggy, der daraufhin ein Schriftstück aus dem Koffer zog. „Ich war so frei, noch ein paar Gerichtsurteile vom obersten Gerichtshof beizufügen, aus denen hervorgeht, dass das körperliche und geistige Wohl des Beschuldigten Vorrang hat und entsprechend berücksichtigt werden muss.“

 

Es war Ross deutlich anzusehen, wie er um seine Fassung rang, als er die Unterlagen an sich nahm und dann einen kurzen Blick darauf warf.

 

Tony wusste, dass nun ein bürokratisches Ringen um Kleinigkeiten einsetzen würde, aber sofern es ihnen die benötigte Zeit gab, war ihm das Drumherum völlig egal. „72 Stunden, Ross. Wenn wir bis dahin nicht weiter sind, gehört er Ihnen.“

 


 

 

„Wie kannst du wissen, dass uns 72 Stunden reichen werden?“, wollte Steve wissen, während er zusammen mit Tony, Matt und Foggy zurück ins Labor ging. „Und gib‘ es zu - du hast Ross absichtlich auflaufen lassen, richtig? Du hast uns alle in dem Glauben gelassen, dass Mr. Murdock noch nicht da ist.“

 

„Hat doch Spaß gemacht, Ross‘ verdattertes Gesicht zu sehen, oder?“, grinste Tony spitzbübisch und blieb unvermittelt stehen. „Was die 72 Stunden angeht ... das weiß ich nicht, aber ich brauche eine gewisse Herausforderung“, antwortete er gelassen und deutete seiner Gefolgschaft an, das Labor zu betreten.

 

Dort warteten bereits Dr. Cho mit ihrem Team, Dr. Raynor sowie Shuri und Barnes. Der Soldat wirkte angespannt. Er saß, bekleidet mit Jogginghose und Unterhemd, halb ausgestreckt in einem gepolsterten Sessel, ähnlich einem verstellbaren Zahnarztstuhl, angeschlossen an diverse Geräte und sah nur kurz schweigend auf, als Tony vor ihn trat. Es hatte einiges an Überredungskunst gebraucht, ihn dazu zu bringen, sich auf den Stuhl zu setzen, der laut Barnes‘ Angaben schlimme Erinnerungen an die Apparatur von Hydra heraufbeschwor, mit der er schmerzhaften Gehirnwäschen unterzogen worden war. Aber schließlich hatten Shuri und Steve triumphiert.

 

„Also, das wird jetzt folgendermaßen ablaufen: Wir werden die Ereignisse, nachdem du mich in der Hütte zurückgelassen hast, rekonstruieren. Helen überwacht die körperlichen Parameter, während Shuri in deinem Gehirn rumwühlt. Dr. Raynor wird als unabhängige Beobachterin dabei sein. Und der gute alte Capt’n Iglu spielt unseren Leibwächter für den Fall des Falles. Noch Fragen?“ Tony sah sich um.

 

„Ja, ich hab‘ eine.“ Bucky verzog keine Miene, als er fortfuhr: „Wann fangen wir an?“

 

Tony rieb sich erwartungsvoll die Hände. „Das ist die richtige Einstellung.“ Er blickte kurz zu Murdock und zurück zu Barnes. „Ach, das ist übrigens dein Anwalt und sein Assistent. Mr. Murdock und Mr. Nelson sind für die einwandfreie Dokumentation verantwortlich. Stichwort ‚Formfehler‘ und solche Scherze, die Ross sicherlich zu seinem Vorteil nutzen würde.“

 

Murdock nickte kurz zur Begrüßung. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Barnes. Ich habe schon einiges über Sie gehört.“

 

Von Barnes kam nur ein angedeutetes „Hm-mhm“.

 

Tony konnte grimmige Entschlossenheit in Barnes‘ Gesichtsausdruck erkennen, die ihn kurz frösteln ließ, denn diese Art von Mimik erinnerte ihn nur zu gut an das Video vom 16. Dezember 1991.

 

Dann ergriff Murdock erneut das Wort: „Ich würde sagen, lasst uns loslegen. Tony hat einen straffen Zeitrahmen vorgegeben.“ Im Anschluss daran wurde er von Foggy zu einem Tisch geführt, an dem er Platz nahm und Foggy fing an, sich Papier und Kugelschreiber zurechtzulegen. „Okay“, nickte Matt, „Mr. Barnes, ich möchte, dass Sie mir alles schildern, was passiert ist. Von dem Zeitpunkt ab, als Sie aufgebrochen sind, um Hilfe zu holen.“

 

Tony und Steve hatten ebenfalls auf Stühlen Platz genommen und warteten gespannt darauf, was Barnes aussagen würde.

 

„Ich wurde betäubt“, sagte Bucky.

 

„Betäubt?“, wunderte sich Tony.

 

„Bin dann später wieder aufgewacht, gefesselt. Konnte mich befreien und hab‘ versucht, herauszufinden, wo ich bin. Kam aber nich‘ dazu, weil mich jemand angeschossen hat. Mein Arm ...“, seine rechte Hand wanderte reflexartig zu seiner linken Schulter mit dem leeren T-Shirt-Ärmel, als er sprach., „die Schmerzen waren ... kaum auszuhalten. Ich musste da weg. Bin dann zurück in den Wald. Die Typen haben mich verfolgt und dann erinnere ich mich erst wieder daran, dass Steve bei mir war.“

 

Aufmerksam verfolgte Tony jedes Wort. Barnes‘ Ausführungen waren kurz, aber er hatte auch nicht mit einem stundenlangen Monolog des Soldaten gerechnet. Immerhin ließen die Angaben Rückschlüsse darüber zu, weshalb Barnes an einem anderen Ort aufgefunden wurde. Doch diese Erkenntnis führte dazu, dass eine andere Frage für ihn in den Vordergrund rückte, nämlich die, warum jemand Barnes hätte entführen sollen? Allerdings behielt Tony diese Frage erst einmal für sich. Bis hierhin machten die Angaben Sinn, jetzt schlug jedoch die Stunde der Wahrheit und es galt, alle ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszuloten. Er ließ ein Hologramm aufploppen und gab mehrere Befehle ein. „Okay, Matt. Bereit, wenn du es bist. Shuri?“

 

Shuri beugte sich zu Bucky hinab und sprach leise mit ihm. „Schließ‘ deine Augen.“ Sie wartete, bis er ihrer Aufforderung nachgekommen war. „Versuch‘ dich zu entspannen“, meinte sie dann und justierte ein paar Einstellungen an ihrem Tablet, „atme ruhig ein und aus. Wir machen das wie gestern Abend, okay?“ Sie nahm seine rechte Hand, um diese dann zu massieren. Mit Absprache der Ärzte hatten sie sich darauf verständigt, Barnes dieses Mal nicht medikamentös ruhigzustellen und wandte stattdessen diese Massagetechnik an. Anscheinend erzielte sie damit die gewünschte Wirkung, denn Tony konnte auf den Displays sehen, wie sich Puls und Herzschlag verlangsamten. Nach einigen Augenblicken drehte sie sich zu ihm um und gab nickend den Startschuss. „Kann losgehen.“

 

Matt räusperte sich kurz. „Mr. Barnes-“

 

„Mein Name ist Bucky.“ Seine Stimme war leise und es war kein wütender Unterton, wie damals in Berlin, herauszuhören.

 

Der Anwalt nickte verständnisvoll. „Bucky, wir machen jetzt eine kleine Reise zurück an den Punkt, an dem Sie betäubt wurden. Was ist danach passiert?“

 

„Moment“, Tony beugte sich etwas nach vorne. „Ich spiele ungern den Besserwisser.“ Kaum ausgesprochen, konnte er Steve amüsiert den Kopf schütteln sehen, ließ sich davon aber nicht aus dem Konzept bringen. „Aber ... uns bleibt nicht viel Zeit. Können wir das nicht abkürzen? Wir müssen wissen, was in der Höhle vor sich ging. Alles weitere klären wir später.“ Er blickte Dr. Raynor an, danach die anderen. „Oder ist jemand anderer Ansicht?“

 

Die Therapeutin schien zu überlegen, sagte schließlich: „Okay.“

 

„Also gut“, meinte Matt, „dann spulen wir vor. Bucky, können Sie mir sagen, was passiert ist, nachdem Sie bemerkt haben, dass Sie verfolgt wurden? Wie kamen Sie in die Höhle?“

 

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, während alle gespannt auf die Reaktionen wartete. Die Geräte verzeichneten erhöhte Messwerte, unzählige LEDs blinkten und leuchteten. Aufmerksam studierte Tony die Daten. Anscheinend ging da was in Barnes‘ Kopf vor.

 

Deutlich hörbar sog Bucky Luft ein und brauchte einige Sekunden, bis er antwortete: „I-ich kann mich ... nicht daran erinnern.“ Frustriert stöhnte er auf und machte Anstalten, aus dem Sessel aufzustehen. „Das hat alles keinen-“

 

„Sam hat dich als stur bezeichnet, aber dafür gibst du ziemlich schnell auf, Barnes“, sagte Tony etwas enttäuscht, denn er hatte sich tatsächlich mehr erhofft. Er sah, wie sich dessen Blick verfinsterte und Steve sich neben ihn anspannte, offensichtlich bereit einzugreifen, sollte der Geduldsfaden von Barnes reißen.

 

Bucky wirkte alles andere als kooperativ und war im Begriff, sich die Elektroden abzureißen.

 

Shuri hielt ihn aber unerschrocken zurück, indem sie ihm die flache Hand auf die Brust drückte. „So einfach kommst du mir nicht davon“, sagte sie zu ihm. „Du denkst zu viel.“ Wie schon zuvor, brachte sie ihn mit Hilfe von gutem Zureden dazu, sich erneut zurückzulehnen und die Augen zu schließen. „Du versuchst, die Ereignisse in Worte zu fassen. Brauchst du nicht. Lass‘ dein Unterbewusstsein für dich arbeiten. Das Programm erledigt den Rest.“

 

Es dauerte etwas, bis wieder Ruhe eingekehrt war und das Team die Arbeit wieder aufnehmen konnte. Auch weil Shuri mit Engelszungen auf Bucky eingeredet und Dr. Raynor sich dafür ausgesprochen hatte, einen zweiten Versuch zu starten.

 

„Atme ruhig und gleichmäßig ein und aus. Gut so“, lobte Shuri Bucky und nickte Tony erwartungsvoll zu.

 

Tony erwiderte die Geste und tippte einige Befehle ein. Erstaunt hob er die Augenbrauen, als die ersten Bilder vor ihnen auf der Projektionsfläche aufflackerten. Er hörte, wie Steve überrascht nach Luft schnappte. Es war, als liefe ein Film ab, zwar in schlechter SD-Qualität, aber es war immerhin ein Anfang. „Das ist ja mal interessant“, murmelte er und machte sich daran, Feinjustierungen vorzunehmen.

 

 

Chapter 15

Notes:

Und es geht weiter! Dieses Kapitel hat es in sich ... da braucht jemand dringend geistigen Beistand.

Viel Spaß beim Lesen!

(See the end of the chapter for more notes.)

Chapter Text

Stark-Tower, New York

Montagvormittag

 

„Wir sollten eine Pause machen.“

 

Die Stimme seiner Therapeutin riss Bucky aus seinem Dämmerschlaf, von dem er gar nichts mitbekommen hatte. Blinzelnd drehte er den Kopf ein wenig, um sich umzusehen und sich ins Gedächtnis zu rufen, wo genau er sich befand. Er fühlte sich wie erschlagen, aber nicht im körperlichen Sinn wie nach einer Auseinandersetzung. Sondern geistig. Sein Kopf kam ihm schwammig vor, er spürte die Müdigkeit in seinem Körper kribbeln, während er sich bemühte, nicht wieder einzuschlafen. Missmutig vernahm er einen steigenden Druck hinter seinen Augen, der sich erfahrungsgemäß in absehbarer Zeit zu einer Migräne steigern würde. Solche Schmerzattacken waren nichts Neues für ihn, jedoch waren die Anfälle seit seiner Behandlung in Wakanda nicht mehr oft aufgetreten.

 

„Ja, gute Idee.“ Tony streckte sich gähnend und stand dann auf, während er gleichzeitig seine Uhr checkte. „Zeit fürs Mittagessen.“ Er streckte sich nochmals und trommelte sich auf den Bauch. „Heute ist Spaghetti Dienstag.“

 

„Heute ist Montag“, warf Steve ein.

 

„Ja, weiß ich. Aber so will es Miss Stark. Spaghetti Dienstag an einem Montag.“ Dann war er auch schon halb aus dem Raum, ehe er sich nochmals umdrehte. „Das war übrigens eine Einladung an alle. Pepper hat alles vorbereitet.“ Ohne auf eine Rückmeldung zu warten, verließ er das Labor. Nur um einige Sekunden später nochmals im Türrahmen aufzutauchen. „Ach ja - und nur zur Erinnerung: Was in diesem Raum passiert, bleibt auch in diesem Raum.“

 

Shuri machte sich daran, Bucky von all den Gerätschaften zu befreien, an die sie ihn zuvor angeschlossen hatten.

 

Steve hatte abgewartet und erschien jetzt an seiner Seite. „Ich bringe dich zurück, okay?“

 

Es dauerte etwas, bis er sich aufgesetzt hatte. Noch immer fühlte sich alles wie in Watte gepackt an und Bucky hatte schon die Befürchtung, irgendetwas könnte schiefgelaufen sein und sein Gehirn wäre nun komplett im Eimer. Ihm war etwas mulmig zumute und die Vorstellung von einem Fehlschlag und die damit zusammenhängenden Konsequenzen ließ ihn leicht frösteln. Mit zitternder Hand rieb er sich die pochende Schläfe.

 

„Keine Sorge“, Shuri lächelte ihn an. „Du warst in einer Art Trance-Zustand. Dein Oberstübchen“, sie tippte während ihrer Ausführungen sachte auf seine Stirn, „fährt gerade noch hoch.“ Dann schnappte sie sich ein dunkelblaues Etwas und nickte ihm zu. „Mit freundlichen Grüßen von Stark Industries.“

 

Erst als Shuri ihm andeutete, seinen rechten Arm etwas zu heben, konnte Bucky das dunkelblaue Etwas als Sweatshirt ausmachen. Wortlos schlüpfte er in den Ärmel und ließ sich dann den Rest von ihr über den Kopf ziehen. Das Material war angenehm weich und schien vorgewärmt zu sein. Gerade als er das alles realisiert hatte, tippte Shuri das „Stark Industries“-Logo auf der linken Brustseite mit dem Finger an. Augenblicklich schnurrte der linke Ärmel zusammen und schmiegte sich an den Armstumpf, sodass der vormals leere Stoffschlauch nun nicht mehr störte.

 

„Nano-Technologie“, grinste Shuri. „Das Material passt sich an und kann die Körpertemperatur regulieren. Cool, was?“ Sie beugte sich zu ihm hin und flüsterte: „Aber warte nur, bis du meine Vibranium-Modekollektion gesehen hast. Dagegen ist das hier“, sie zupfte den Stoff an seinen Schultern etwas zurecht, „nur Spielzeug.“

 

„Kannst du aufstehen?“, wollte Steve wissen.

 

Nickend gab Bucky ihm zu verstehen, dass er bereit war. Trotzdem war er dankbar für die von seinem Kumpel angebotene Hand, die er schweigend ergriff.

 

 


 

 

Wie schon am Abend zuvor gingen sie langsam den Flur entlang und auch wenn auf den ersten Blick alles gleich erschien, wusste Bucky, dass das nicht der Weg war, der zur Quarantäne-Station führte.

 

Steve schien seine Gedanken gelesen zu haben. „Die anderen sind alle zusammen beim Mittagessen. Wir dachten, du, Sarah und die Jungs möchtet für euch sein.“ Er drückte einen Knopf, um die Fahrstuhltüren zu öffnen. Als sie eingestiegen waren und die Türen sich geschlossen hatten, betätigte er einen weiteren Knopf. „Es sei denn, du sagst etwas anderes.“

 

Sein erster Impuls war tatsächlich gewesen, Steve zu sagen, er wolle zurück in das Isolations-Zimmer. Die schiere Größe des Komplexes und das Ausmaß an Technik, das Stark auffuhr, um ihm zu helfen, überwältigte ihn jedes Mal aufs Neue und brachten ihn dazu, sich auf eine einsame Insel zu wünschen. Noch immer konnte er nicht fassen, welchen Aufwand das Team betrieb, obwohl er es doch gar nicht verdient hatte. Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass ihm die Bewegungen des Fahrstuhls gar nicht aufgefallen waren. Erst das obligatorische „Pling“, das die Ankunft im gewünschten Stockwerk verkündete, brachte ihn in die Gegenwart zurück. Etwas sagte ihm, dass Steve noch immer auf eine Erwiderung wartete und ein Blick in dessen erwartungsvolles Gesicht bestätigte seine Annahme. Sich räuspernd meinte er mit kratziger Stimme: „I-ich weiß nicht, was ...“

 

„Ich deute das als ‚Ja‘. Und jetzt komm. Sarah ist bestimmt schon ganz ungeduldig.“ Steve trat aus dem Fahrstuhl und deutete ihm an, ihm zu folgen. Nach wenigen Metern standen sie vor einer gewaltigen, gräulichen Glasfront, die eine komplette Etage, und nicht etwa nur ein Zimmer, abgrenzte. „Ihr habt das ganze Stockwerk für euch. Und nein, ‚bescheiden‘ gibt es im Wortschatz von Tony nicht. Also, mach‘ dir deswegen keinen Kopf und jetzt rein mit dir.“ Er deutete auf die Glastür. „Du kannst sie einfach mit deinem Fingerabdruck öffnen. Den Rest können dir AJ und Cass sicherlich besser erklären als ich alter Sack.“ Mit einem schiefen Grinsen im Gesicht knuffte Steve ihn gegen die Schulter und ging zurück zum Fahrstuhl. „Ich bin in zwei Stunden zurück.“

 

 


 

Konnte das alles wahr sein? Bucky blieb einige Sekunden regungslos stehen. Noch bevor er irgendetwas tun konnte, kam Sarah auf ihn zu und öffnete die Tür.

 

„Steve hat mich gerade angerufen und gemeint, du würdest vor der Tür stehen. Ich dachte, er veräppelt mich“, erklärte sie mit ungläubigem Gesichtsausdruck und schien genauso unschlüssig wie er selbst.

 

„So was würde Steve nie tun“, hörte er sich selbst sagen, während er in Sarahs wundervolle Augen blickte und die Angst in sich aufkeimen spürte, jeden Moment aus einem Traum zu erwachen und dann feststellen zu müssen, dass man ihm alles nur vorgegaukelt hatte.

 

Ohne jede Vorwarnung zog sie ihn in eine Umarmung, die er zunächst zögerlich, dann aber herzlicher erwiderte. Sie gab ihm einen Kuss auf die bärtige Wange und er hörte sie dabei kichern. „Da ist eine Rasur aber längst überfällig.“

 

Reflexartig strich er sich mit den Fingerkuppen über sein Kinn. Abgesehen von der kurzen Stutzaktion heute morgen nach der Dusche, schätzte er, dass er sich das letzte Mal vor ungefähr einer Woche richtig rasiert hatte. „Kam immer was dazwischen“, murmelte er.

 

„Das macht nichts.“ Sie studierte ihn eingehend und sagte dann: „Hi.“

 

Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen grüßte er zurück. „Hi.“ Das war seit ihrem ersten Zusammentreffen zu ihrem Ritual geworden und löste in ihm ein angenehm vertrautes Gefühl aus.

 

„Du kommst gerade richtig. Das Mittagessen wurde geliefert.“ Sarah trat zur Seite und deutete ihm damit an, einzutreten. „Ich hätte auch selbst gekocht, aber Tony bestand darauf, die Spaghetti zu probieren.“

 

„Ich ... möchte mich nicht aufdrängen.“

 

„James Buchanan Barnes! Du bewegst jetzt augenblicklich deinen Hintern ins Esszimmer. Sonst kannst du was erleben.“

 

Diese Frau war einfach unglaublich und er konnte sich ein anerkennendes Lächeln nicht verkneifen. Nickend trat er ein und konnte dem Drang, sie erneut zu umarmen nur schwer widerstehen.

 

Sarah schien es ebenso zu ergehen, denn sie holte tief Luft, als sie nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren. „Wo waren wir stehengeblieben?“, flüsterte sie ihm ins Ohr und nahm dann seinen Kopf in ihre Hände, ehe sie sich etwas nach oben streckte, damit sie ihn küssen konnte.

 

Mit geschlossenen Augen erwiderte er ihre Geste und schlang seinen Arm um sie. Ihre Nähe zu spüren, machte ihm schlagartig bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte. Ihre Zungenspitzen berührten sich zärtlich, dann aber immer fordernder, bis schließlich ein begieriges Spiel daraus wurde. Für diesen Moment gelang es ihm, den unterschwelligen Schmerz in seinem Kopf auszublenden.

 

„Mom? Kommst du? Wir haben Hunger!“ AJ stand plötzlich im Flur. Ein, zwei Sekunden herrschte Stille, dann kicherte er unverhohlen.

 

„Deine Kinder haben ein unglaublich ... mieses Timing“, raunte Bucky atemlos und wollte schon einen Schritt zurücktreten, doch er verwarf den Gedanken gleich wieder. Es gab nichts, weswegen er sich schämen musste und schmiegte sich etwas enger an Sarah.

 

„Ich weiß“, flüsterte sie, ehe sie ihren Oberkörper etwas drehte. Dann reckte sie die Schultern etwas nach oben und meinte zu ihrem Jüngsten: „Einen Moment noch.“

 

„Aber Mom!“, beschwerte sich der Junge etwas zu theatralisch, um tatsächlich ernst genommen zu werden. „Das könnt ihr doch später noch machen! Die Spaghetti werden kalt!“

 

„Kinder“, rollte Sarah mit den Augen. „Man muss sie einfach mögen, oder nicht?“

 

„Hm-mhm“, gab Bucky amüsiert von sich. „Und sie werden nicht eher Ruhe geben, bis sie bekommen, was sie wollen.“

 

Cass hatte wohl mitbekommen, dass Bucky im Flur stand und warf sich ihm entgegen. Seine Arme fest um Buckys Taille geschlungen, verharrte er einige Augenblicke, ehe er zu ihm aufblickte und dann sagte: „Bleibst du jetzt bei uns?“

 

Sein Magen zog sich zusammen, als er den hoffnungsvollen Unterton in Cass‘ Stimme hörte. „Nur zum Essen“, antwortete er leise. „Danach muss ich wieder zurück.“

 

„Und deshalb“, ergriff Sarah das Wort, „sollten wir nicht länger hier rumstehen. Das Essen wird sonst kalt.“

 

„Sag‘ ich doch!“, stöhnte AJ auf und schnappte sich Buckys Hand, um ihn hinter sich her in die Küche zu ziehen.

 

 


 

Auch wenn es eine Herausforderung war, Spaghetti mit nur einer Hand zu essen, ließ Bucky es sich nicht nehmen, im Kreise seiner Liebsten zu sitzen. Es war nicht das erste Mal, dass sie gemeinsam aßen, aber heute empfand er es als Privileg, angesichts allen Vorkommnissen und der ungewissen Zukunft, die ihm bevorstand, in der Lage dazu zu sein. Im Gegensatz zu den Jungs allerdings bekam er nur ein paar Bissen herunter, was auch von Sarah nicht unbemerkt geblieben war. Das unangenehme Pochen in seinem Kopf war zurück und er wusste, so schnell würde es nicht wieder verschwinden.

 

„Möchtest du etwas anderes?“, fragte sie leise und deutete auf die Küchenzeile. „Ich glaube, ich habe noch-“

 

Er brachte sie mit einem Kopfschütteln zum Schweigen. „Nein, alles gut.“ Um sie nicht weiter zu beunruhigen, nahm er eine weitere Gabel voll Nudeln in den Mund und kaute diese bedächtig. Die Spaghetti schmeckten wirklich gut, aber seine Gedanken kreisten ständig um die Ereignisse der letzten Stunden. Der Umstand, dass er keine konkreten Bilder vor Augen hatte, wurmte ihn gewaltig. Schlimmer noch, weder Stark, noch Shuri oder die anderen Wissenschaftler hatten sich zu den gesammelten Daten in irgendeiner Art und Weise geäußert. Auch jetzt kam es ihm noch so vor, als würde er sich einer riesigen Nebelwolke befinden. Er konnte Schemen erkennen, ohne aber sagen zu können, um was es sich konkret handelte. Eine sanfte, aber nachdrückliche Berührung auf seinem Unterarm zog ihn aus seinem Gedankenkarussell. Zusätzlich zu seinen Kopfschmerzen bemerkte er, wie sich sein Magen zusammen krampfte und schluckte schwer gegen das Bedürfnis an, sich zu übergeben.

 

„Hey“, meinte Sarah leise. „Du warst gerade meilenweit weg.“

 

„Was?“ Blinzelnd sah er sie an. Sie stand neben ihm und war wohl gerade dabei gewesen, die Getränke nachzufüllen.

 

„Ich wollte wissen, ob du noch etwas Saft möchtest.“

 

„Entschuldige.“

 

„Was ist los?“

 

Er legte die Gabel zur Seite, wischte sich den Mund mit der Serviette ab und schob dann den noch halbvollen Teller von sich. „Tut mir leid, ich ...“, er wusste selbst nicht so genau, wie er es beschreiben sollte. Abgesehen davon konnte er auch gar nichts erzählen, denn nach wie vor schien sein Gedächtnis, was den Vorfall in der Höhle betraf, gänzlich ausgelöscht. Er hatte nicht das Gefühl, dass die vorangegangene Sitzung sie in irgendeiner Weise vorangebracht hatte.

 

„Es ist alles ein bisschen viel im Moment, hm?“ Mit den Fingerkuppen fuhr sie ihm über die Schultern. „Du bist total verspannt“, stellte sie fest und begann, ihn sanft zu massieren.

 

Schweigend senkte er den Blick, versuchte, tief durchzuatmen, um nicht die Fassung zu verlieren, angesichts der Tatsache, dass seine Zukunft an einem seidenen Faden hing. „Es ist alles weg. Nachdem ich angeschossen wurde ... da war dieser ... unbändige Schmerz und ... irgendwie ... wurde ein Schalter umgelegt. Und jetzt ist dieser ganze Aufwand ... für nichts.“

 

„Ich weiß, dass dir sehr viel im Kopf rumgeht“, meinte sie. „Und ich würde nichts lieber tun, als mit dir darüber zu reden. Aber Tony meinte, es wäre besser für alle Beteiligten, wenn das Thema vorerst nicht angesprochen wird. Dr. Raynor hat uns davor gewarnt, dass man sonst möglicherweise die Ergebnisse verfälscht.“

 

„Welche Ergebnisse?“, schnaubte er wütend. „Es gibt keine verdammten Ergebnisse!“ Als er die weit aufgerissenen Augen von AJ und Cass sah, wurde ihm bewusst, dass er seine Stimme wohl zu laut erhoben und unbeabsichtigter Weise mit der flachen Hand auf die Tischplatte gehauen hatte und bekam ein schlechtes Gewissen. „Entschuldigt Jungs, ich wollte nicht-“ Er ließ den Satz unbeendet und stand stattdessen, beschämt über sich selbst, auf.

 

Sarah sah ihn mit einer Mischung aus Verwirrtheit und Verständnis an. „Lass‘ uns nach draußen gehen, hm? Etwas frische Luft schnappen und ein paar Sonnenstrahlen tanken. Es ist so schönes Wetter heute.“ Mit Blick auf die beiden Jungen sagte sie: „Könnt ihr bitte den Tisch abräumen? Und dann macht ihr eure Hausaufgaben.“ Unerschrocken nahm sie im Anschluss seine Hand und führte ihn durch das weitläufige Apartment hin zu einer weiteren weiß-gräulichen Glasfront, die, nachdem sie einen Schalter in der Wandkonsole betätigt hatte, durchsichtig wurde. „Du glaubst nicht, wie oft Cass schon den Farbwechsel angetippt hat. Ich hatte schon Angst, er macht den Schalter kaputt.“ Ohne weitere Worte öffnete sie die Schiebetür und trat hinaus. Mit einem Kopfnicken deutete sie ihm an, ihr zu folgen.

 

Obwohl er am liebsten zurück auf die Quarantäne-Station gegangen wäre, holte er tief Luft und tat Sarah den Gefallen, um den sie ihn zuvor schweigend gebeten hatte. Er wusste, dass sie sich Mühe gab und ihr sehr viel an ihm lag. Er wünschte nur, es wäre ihm möglich, ihr zu zeigen, wie dankbar er für ihre Unterstützung war. Doch meist endeten solche Versuche damit, dass er sich nur noch mehr blamierte. Wie oft er sich zurück in die 1940er Jahre zurückgewünscht hatte, konnte er schon gar nicht mehr aufzählen. Damals war ihm vieles einfacher gefallen. Mit den heutigen Gepflogenheiten umzugehen, musste er erst noch lernen. Und auch das Selbstbewusstsein, das die Frauen im 21. Jahrhundert an den Tag legten, unterschied sich so kolossal von dem, was er gewohnt war.

 

Langsam trat er hinaus und musste im ersten Moment die Augen zusammenkneifen, als er von der Sonne geblendet wurde. Das Licht verstärkte seine Kopfschmerzen noch mehr, doch er riss sich zusammen und ließ sich nichts anmerken und zwang sich dazu, seine Aufmerksamkeit stattdessen auf seine Umgebung zu richten. Tatsächlich war heute ein schöner klarer Sommertag, der einem einen wunderbaren Blick über die Stadt erlaubte. Irgendwie schienen die Farben im Gegensatz zu damals viel lebendiger zu sein. Er konnte sich noch an die Tristesse der Vorkriegsjahre erinnern, als das Leben im Allgemeinen noch von den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise geprägt gewesen war. Sein Blick blieb am Empire State Building hängen, bei dessen Bau er als 13-jähriger mitgeholfen hatte und dessen vertrauter Anblick ihm nun, warum auch immer, ein Gefühl der Sicherheit vermittelte. Damals war es keine Seltenheit, auch Kinder für Hilfsarbeiten anzuheuern. Er spürte, wie sich Sarah an seine Seite schmiegte und ihren Arm um ihn legte. Sanft erwiderte er die Geste und augenblicklich darauf schien sich das flaue Gefühl in seinem Magen etwas zu verringern. Es tat gut, sie an seiner Seite zu wissen.

 

„Wieso setzen wir uns nicht dort drüben hin?“ Sie deutete auf eine Sitzgruppe im Schatten, zu der auch eine gepolsterte Doppelliege gehörte.

 

Er wählte die Sitzbank, weil sie darauf beide Platz nehmen konnten und schenkte ihr ein dankbares Lächeln, als sie sich neben ihn setzte. Sie saßen so dicht beieinander, dass es Bucky möglich war, seinen Kopf auf ihrer linken Schulter abzulegen und die Augen zu schließen. Sarahs Finger umspielten liebevoll seine rechte Hand, bis er diese schließlich mit seinen Fingern umschloss. Nach ein paar Minuten konnte er feststellen, dass etwas von seiner inneren Anspannung gewichen war. Erleichterung machte sich in ihm breit und er kam nicht umhin, leise aufseufzend Sarah anzusehen. „Danke“, murmelte er.

 

„Wofür?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn.

 

„Einfach ... für alles.“ Er suchte nach den richtigen Worten. „Dabei bin ich es doch gar nicht w-“ Ihr Zeigefinger auf seinen Lippen hinderte ihn am Weitersprechen.

 

„Stopp! Ich lasse nicht zu, dass du so von dir denkst!“

 

Beschämt senkte er den Blick.

 

„Sieh mich bitte an.“

 

Als er ihrer Bitte nicht gleich nachkam, hob sie sein Kinn mit ihren Fingern an. Er konnte ihren entschlossenen Gesichtsausdruck deutlich sehen.

 

„Du bist so wertvoll, James. Für mich. Für die Kinder. Als wir uns kennengelernt haben, hast du AJ und Cass sofort wie deine eigenen Kinder behandelt. Du stehst jeden Morgen um 5 Uhr auf, damit du uns das Frühstück machen kannst, bringst die Jungs in die Schule, holst sie wieder ab und hilfst ihnen bei den Hausaufgaben. Und glaube nicht, dass ich nicht mitbekommen habe, wie du jedes Mal noch einen Keks unter das Pausenbrot schmuggelst, damit ich wie eine Rabenmutter dastehe.“ Sie lächelte ihn verschmitzt an, ehe sie dann wieder etwas ernster fortfuhr: „Und was ist mit deiner Werkstatt? In der du unentgeltlich die Sachen anderer Leute reparierst? Deinem Engagement bei der Renovierung des Bootes? Die Menschen in Delacroix halten große Stücke auf dich. Ist das denn nichts wert?“

 

Seine Unterlippe fing an zu zittern, als ihre Worte langsam durchzusickern und seine Augen sich mit Tränen zu füllen begannen.

 

„Und soll ich dir mal was sagen? Die wissen nichts von deiner Vergangenheit. Sie kennen nur Bucky. So wie ich nur James kenne.“

 

„Der James, den du kennst, ist aber ein Wrack“, warf er geknickt ein.

 

„Nein, das stimmt nicht. Ich weiß, es ist schwer für dich, anderen zu vertrauen, nach allem, was du durchmachen musstest. Aber ich bitte dich, mir zu vertrauen, wenn ich dir sage, dass ich mir keinen besseren Mann an meiner Seite wünschen könnte.“ Sie beendete ihren Satz mit einem Kuss.

 

Diese Worte zu hören, ließ seine eh' schon wackelige Fassade endgültig einstürzen. Ergriffen schluckte er schwer, während er seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

 

„Sch-shhh. Es wird alles wieder gut“, redete sie sanft auf ihn ein und zog ihn in eine Umarmung, während sie mit ihren Fingerspitzen beruhigend durch seine Haare und über die Wangen strich. „Es wird bestimmt nicht leicht, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich möchte den Weg gemeinsam mit dir gehen.“

 

Unmittelbar vergrub er sein Gesicht in ihrer Halsbeuge. Ohne es verhindern zu können, kam ein Schluchzen über seine Lippen.

 

„Denn du bist es wert“, meinte Sarah nachdrücklich, während sie zu keiner Zeit den Körperkontakt abbrechen ließ. „Du bist es absolut wert.“

 

 

 

Notes:

Uuuund ...? Wie hat es euch gefallen? Lasst mir gerne ein paar Zeilen da. ❤️

Chapter Text

Stark-Tower, New York

Montagnachmittag

 

Er hasste diesen Gang so sehr. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Wie zwei Stunden zuvor schon, stand Steve vor der Wohnungstür und drückte den Klingelknopf. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, Bucky wieder zurück ins Labor bringen zu müssen, denn er hatte gesehen, wie sehr sein Freund unter der Situation litt. Allerdings war das hier ihre letzte Chance, um Buckys Unschuld zu beweisen.

F.R.I.D.A.Y.s Stimme ertönte. „Miss Wilson hat die Klingelfunktion deaktiviert. Ich habe sie über Ihre Anwesenheit per Textnachricht informiert.“

„Wieso hat-“, war er gerade im Begriff nachzufragen, als die Tür geöffnet wurde und er AJ und Cass dahinter stehen sah. „Hey Jungs“, grüßte er die zwei. Um auf Augenhöhe mit ihnen zu sprechen, ging er vor den beiden in die Hocke.

Ansonsten recht aufgeweckt, waren die Brüder aber momentan eher zurückhaltend und sahen ihn bedrückt an. Sarah hatte sich mit ihm im Vorfeld darauf geeinigt, den Kindern nur das Nötigste und - wenn es gar nicht mehr anders ging - die volle Wahrheit zu sagen. Die, im schlimmsten Fall daraus bestand, dass ihr liebgewonnener Pflegevater wegen Mordes ins Gefängnis musste.

„Onkel Buck hat geweint“, erzählte Cass sichtlich aufgewühlt.

„Hat er nicht!“, sagte AJ trotzig, doch man konnte seine Unsicherheit sehen.

„Hat er doch! Ich hab‘s gesehen! Draußen auf dem Balkon.“ Er sah Steve mit großen Augen an. „Warum kann er denn nicht bei uns bleiben?“

„Bucky ist noch immer nicht ganz gesund“, sagte Steve leise, wusste aber nicht genau, ob die beiden seine Erklärung so schlucken würden. „Und Tony und die anderen versuchen ihm zu helfen, sodass es ihm bald wieder besser geht.“

Sarah kam zu ihnen auf den Flur. Sie wirkte zwar gefasst, aber Steve war klar, dass sie mit der Situation ebenfalls zu kämpfen hatte und gerade wegen der Kinder bemüht war, sich nichts anmerken zu lassen. Er konnte ihr allerdings keinen Vorwurf machen. Allen Beteiligten war klar, was auf dem Spiel stand. Und sie wusste auch, weshalb er gekommen war. Trotzdem versuchte sie, ihn davon abzuhalten. „Er ist gerade eingeschlafen. Kannst du nicht noch ein bisschen länger warten, bis du ihn zurückbringst?“ Ihre Stimme klang genauso erschöpft wie sie aussah. Buckys Schicksal ging allen nah, aber Sarah litt natürlich umso mehr, wenn es um das Wohlergehen ihres geliebten Partners ging.

Jetzt wurde ihm auch der Grund für die abgestellte Klingel bewusst. Er stand auf und nahm sie ein paar Schritte zur Seite. „Ich wünschte so sehr, ich könnte.“ Ein tiefer Seufzer kam über seine Lippen. „Aber uns läuft die Zeit davon. Jede Minute, die wir ungenutzt verstreichen lassen, ist eine zu viel und fehlt uns vielleicht am Ende. Wir haben nur 72 Stunden. Wenn diese Zeit abgelaufen ist, gibt es keine Gnadenfrist.“

Sie nickte stumm.

„Gab es Probleme?“, wollte er wissen.

„Es gibt immer Probleme, wenn es um Bucky geht, oder?“

Ihm war der sarkastische Unterton nicht verborgen geblieben, aber in so einer Situation war er nicht überrascht. Manchmal blieb einem keine andere Wahl, als auf diese Weise damit umzugehen. Nickend erwiderte er mit einem schiefen Grinsen: „Früher war es andersrum. Da war er es, der mir mehr als einmal den Arsch gerettet hat.“

„Hey! Du hast Arsch gesagt!“

„Gut aufgepasst, Cass“, schmunzelte Steve. „Ich nehme es zurück und ersetze es durch Hintern. Ist das besser?“

Für einige Sekunden schien die Stimmung gelöst. Dafür bestand das eigentliche Problem aber nach wie vor. Räuspernd meinte Steve: „Wir müssen los.“

„Ich will nicht, dass Onkel Buck geht!“ Cass war schon seit Anfang an sehr auf Bucky fixiert und es brach Steve das Herz, den ältesten Wilson-Spross so mitgenommen sehen zu müssen. „Bringst du ihn heute Abend wieder zu uns?“

Sarah schien sein Dilemma erkannt zu haben, denn sie schritt in die Unterhaltung ein. „Das kommt darauf an, wie sich Buck nach der Behandlung fühlt. Du weißt, dass er manchmal einfach nur für sich sein möchte. Und wenn das so ist, müssen wir das akzeptieren. Wir haben darüber gesprochen, erinnerst du dich?“

„Jahaa“, nuschelte Cass langatmig und ging dann den Flur entlang. AJ folgte ihm schweigend.

„Ich gehe ihn holen“, sagte Sarah leise und drehte sich um. Nach ein paar Schritten blieb sie stehen und sah Steve an. „Glaubst du, dass er unschuldig ist?“

„Ich kann dir darauf keine Antwort geben“, meinte Steve zerknirscht. „Niemand von uns war dabei.“

„Das war nicht meine Frage.“

Es vergingen einige Sekunden, bis er antwortete. „Tief in meinem Herzen weiß ich, dass er unschuldig ist und nur Opfer der Umstände. Aber das, was ich glaube, zählt in diesem Fall nicht. Was sich aber niemals ändern wird, ist meine Freundschaft zu ihm. Er war für mich da, als ich niemanden mehr hatte. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein und das hier gemeinsam mit ihm und euch durchstehen. Das versteht sich von selbst.“

Sarah nickte und entfernte sich.

Einen Moment lang war sich Steve unschlüssig, ob er im Flur warten oder sie begleiten sollte für den Fall, dass Bucky sich für die Flucht entscheiden würde. Doch das Gebäude war komplett überwacht und ohne F.R.I.D.A.Y.s Zustimmung kam auch niemand rein oder raus. Mit den Händen in den Hosentaschen betrachtete Steve also nun eine schwarz-weiß Fotografie an der Wand, während er wartete.

Eine Bewegung im Augenwinkel wahrnehmend, drehte er sich um und sah Bucky mit Sarah an seiner Seite auf sich zukommen. Das Paar blieb wenige Meter vor ihm stehen und verabschiedete sich voneinander mit jeweils einem Kuss auf die Stirn des anderen. Als Bucky zu ihm aufgeschlossen hatte, nickte er Sarah zu und öffnete im Anschluss daran die Wohnungstür.

 

 


 

 

Ihm gefiel ganz und gar nicht, was er sah, während sie zurück zum Fahrstuhl gingen. Bucky schien angeschlagen, mit Augenringen und der dunkle Vollbart ließ ihn noch blasser wirken. Seine Bewegungen waren fahrig und unkoordiniert, was ihn aber Angesichts der prekären Situation nicht wirklich erstaunte. „Wenn das alles hier vorbei ist, bin ich dafür, dass wir uns bei Grimaldi’s die Bäuche mit Pizza vollschlagen. Warst du schon mal dort? Ist direkt an der Brooklyn Bridge. Die sollen die beste Pizza der Stadt haben.“

„Das ist ein sehr großes ‚Wenn‘“, gab Bucky mit rauer Stimme zu bedenken, nachdem sie in die Kabine getreten waren. Er baute sich direkt vor ihm auf und sah ihn an. Auf einmal war sein Blick klar und fokussiert, was Steve eine Gänsehaut bescherte. „Hast du gesehen, was da“, er tippte sich an die Schläfe, „drin ist?“

Geräuschvoll sog Steve die Luft ein. „Buck ... darüber zu reden, ist gefährlich. Dr. Raynor hat es untersagt. Wir dürfen es nicht. Nicht mit dir, nicht mit den anderen. Sie hat das uns allen eingeschärft. Wiedererlangte Erinnerungen allein sind nicht verlässlich“, gab er die Worte der Therapeutin wieder. Auch wenn es ihm schwerfiel. Aufmerksam beobachtete er seinen Freund, als sich dieser neben ihn stellte, offenbar enttäuscht darüber, dass er abblockte. „Deshalb gleichen wir die Daten mit Fakten ab, so weit wir das können. Das ist mein Part. Vieles von dem, was da ...“, er stoppte, weil er dabei war, die vorgegebene Grenze zu überschreiten. Etwas leiser sagte er: „Es sind auch Dinge dabei, die wir zwei erlebt haben. Die können wir von vornherein ausschließen. Es scheint also zu funktionieren.“

Der Fahrstuhl kam zum Stehen und die Türen öffneten sich lautlos.

Tony stand davor. „Du bist unpünktlich, Cap. Wollte schon die Kavallerie losschicken.“

„Jetzt sind wir ja da“, antwortete Steve, ohne auf die näheren Umstände einzugehen, die zur Verspätung geführt hatten.

„Dann wollen wir mal“, Tony trat zur Seite und deutete den beiden an, ihn zu passieren.

Im Labor standen alle schon bereit, was Steve einen kalten Schauer über den Rücken jagte, weil es die Brisanz der Aufgabe verdeutlichte. Das hier war keine von Tonys Spielereien. Und er musste zugeben, dass er über Tonys Einsatz überrascht war. Er hatte in den vergangenen Tagen eine Seite an ihm kennengelernt, die ihm bisher verborgen geblieben war. Eine Seite, die Tony auch ganz bewusst anderen gegenüber nicht offen zeigte. Zum einen, weil diese Attribute wohl gegen sein sorgsam aufgebautes Image verstießen als ... wie war das noch gleich? Ach ja ... ‚Genie, Milliardär, Playboy und Philanthrop‘, so hatte er sich selbst beschrieben. Zum anderen, weil es er wohl fürchtete, dadurch angreifbar zu werden. Doch die letzten Tage hatte sich Steve das wahre Ich von Anthony Edward Stark offenbart. Er hatte einen liebenden Vater, treusorgenden Ehemann, aufrichtigen Freund und - ja - auch ein Stück eines verrückten Wissenschaftlers kennenlernen dürfen.

Steve nahm wieder am Schreibtisch Platz, hatte die Szenerie vor sich wachsam im Blick. Tony betätigte so viele Hologramme gleichzeitig, dass Steve schon längst den Überblick verloren hatte. Shuri führte Bucky zum Sessel und für einen Moment schien sich sein Freund dagegen zu sträuben, erneut an die Apparaturen angeschlossen zu werden. Er merkte, wie sich sein eigener Pulsschlag kurzfristig erhöhte, atmete dann aber erleichtert aus, als er sah, wie Bucky schlussendlich doch kooperierte.

Er hatte in den letzten Stunden Bilder gesehen, die er am liebsten gleich wieder vergessen würde, doch diese hatten sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. Er hatte gesehen, was HYDRA mit Bucky angestellt hatte. Hatte die Eindrücke miterlebt, die entstanden waren, bevor man die unmenschliche Prozedur der Gehirnwäsche an seinem Kumpel durchführte. Und die beängstigende Schwärze danach gesehen. Unzählige Male. Er hatte sich sehr zusammenreißen müssen, um nicht fluchtartig das Labor zu verlassen, nachdem diese Aufnahmen sichtbar gemacht worden waren. Wären da nicht auch noch die Bilder gewesen, die von Buckys „früherem“ Leben stammten, hätte Steve vermutlich geglaubt, alles andere war auf Grundlage irgendwelcher Schauergeschichten entstanden. Doch es war real.

„Ihr zwei habt euch an die Abmachung gehalten?“, wollte Tony wissen, als er neben ihm Platz nahm.

„Ja“, nickte Steve.

„Gut. Bei euch alten Knackern kann man nie wissen. Ich wäre sonst ein kleines bisschen enttäuscht, wenn sich die ganze Arbeit am Ende deswegen als umsonst herausstellt.“

„Glaube ich nicht. Dir macht das zu viel Spaß, gib’s zu.“ Ihren Worten schwang ein belustigter Unterton mit, doch gleichzeitig wusste er ganz genau, dass auch Tony den Ernst der Lage erkannt hatte. Es war ihm nicht entgangen, wie auch der sonst so abgebrüht wirkende Tony Stark bei vielen der Bilder schwer hatte schlucken müssen.

 

Ohne darauf einzugehen, betätigte Tony eine Schaltfläche. „Auf ein Neues.“

 

 


 

Je länger sich die Prozedur hinzog, desto mehr schwand Steves Zuversicht. Es war keine Frage, dass sich alle Beteiligten große Mühe gaben. Aber es schien, als würde Bucky immer mehr aufgerieben und ab und zu entwich seinen Lippen ein gequältes Stöhnen. Die holografischen Darstellungen kamen in wirrer Reihenfolge und auch die Schärfe der Bilder ließ nach.

Shuri bemühte sich sehr, Buckys Unterbewusstsein in einem Schwebezustand zu halten, um zu verhindern, dass es komplett abschaltete, ähnlich einer Amnesie. Die Gefahr war groß, dass das Gehirn sich abkapseln könnte und eine Art Schutzmechanismus aufbaute, der wohl nicht mehr zu durchbrechen wäre. So jedenfalls hatte sie es ihm versucht zu erklären. Immer wieder sprach sie beinahe gebetsmühlenartig auf ihn ein. Bestärkte ihn darin, dass Bastet ihm beistand und ihm dabei half, den richtigen Pfad zu beschreiten.

Bucky hingegen schien in seiner eigenen Welt gefangen und in Steve keimte die Angst auf, dass sein Kumpel nichts mehr von dem mitbekam, was um ihn herum passierte. Denn es machte auf Steve den Eindruck, dass sich sein Freund unwohl im Sinne von durchlebten Albträumen fühlte. Er lag zwar regungslos da, die Augen geschlossen, die Atmung auf ein Minimum reduziert, und doch durchlitt er offenbar Höllenqualen, ging man davon aus, wie sehr sich seine rechte Hand immer wieder so fest zu einer Faust zusammenballte, dass Steve befürchtete, Bucky könnte sich unabsichtlich selbst verletzen. Obwohl er es besser wusste, erwischte sich Steve immer wieder dabei, sich zu wünschen, man hätte Bucky wieder in Kryostase versetzt, um ihm das alles zu ersparen.

„Jetzt kommt wieder was von der Höhle“, murmelte Tony, der sich ein Gähnen nicht unterdrücken konnte.

Die Sequenzen, die ihnen angezeigt wurden, waren nichts Neues. Sie hatten schon mehrfach das Handgemenge gesehen, wussten mittlerweile auch, dass Bucky sich nur verteidigt und nie aktiv angegriffen hatte. Wohl auch aus dem Grund, weil sein Metallarm nicht mehr einsatzfähig gewesen sein musste. Einen eindeutigen Ablauf der Geschehnisse zu rekonstruieren war ihnen allerdings bisher nicht gelungen. Es schien sich der Eindruck zu verfestigen, dass Buckys Verstand nur zeitweise bewusst registriert hatte, was passiert war und der Rest irgendwo in seinen Gehirnwindungen verloren gegangen war.

Zweifel machten sich bei Steve breit. War das menschliche Gehirn doch zu komplex, um von einer Maschine erfasst zu werden? Hätten sie Bruce Banner zu Rate ziehen sollen? Immerhin war dieser maßgeblich an der Erstellung von Ultron beteiligt gewesen. War F.R.I.D.A.Y.s Programmierung unvollständig? Oder hatte die KI zu wenig Ressourcen? Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in seiner Hand, den Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt.

„Moment!“ Shuris Stimme holte ihn zurück.

Steve sah auf.

„Die letzte Einstellung. Geh‘ nochmals zurück“, wies sie Tony an.

Gespannt beugte Steve sich näher nach vorne an die Projektion. „Meinst du das da?“ Er deutete auf ein verpixeltes Areal.

„Ich sehe nichts“, meinte Tony, nachdem er den Kopf mehrmals von einer Seite zur anderen bewegt hatte.

„Kann man das nicht irgendwie bearbeiten?“, wollte Steve wissen.

Shuri überlegte kurz. „Gib‘ mir einen Moment.“ Mit schnellen Finger- und Handbewegungen fing sie an, mit Hilfe der KI neue Berechnungen anzustellen. Nach einigen Minuten trat sie zurück und betrachtete ihr Werk. „Es ist nicht perfekt, aber immerhin.“

„Da brat‘ mir doch einer ’nen Storch.“ Tonys Augen wurden groß.

 

 


 

Montagabend

 

„Leute, wir haben was!“ Mit diesen Worten stürmte Steve in den angrenzenden Besprechungsraum und hatte augenblicklich sämtliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er hielt einen Ausdruck hoch. „Wenn das stimmt, waren drei Männer in der Höhle.“

„Es gibt noch einen Augenzeugen?“ Clint hob interessiert den Kopf.

„Das muss sich erst noch rausstellen“, meinte Steve und gab das Blatt Papier an ihn weiter. „Die Qualität ist nicht sonderlich gut, aber es muss reichen. F.R.I.D.A.Y. durchforstet schon sämtliche Datenbanken.“

Schnell wurde das Bild durchgereicht, damit jeder einen Blick darauf werfen konnte. Sam schien zu grübeln. „Sicher? Das ist doch der Typ, der bewusstlos war.“

„Das dachten wir zunächst auch. Sie sehen sich sehr ähnlich. Aber sieh‘ dir mal die Kleidung an“, sagte Steve. „Das sind zwei verschiedene Männer.“

Sam verschränkte die Hände hinter den Kopf und dachte nach. So verharrte er einige Sekunden. Dann meinte er: „F.R.I.D.A.Y.?“

„Ja, Mr. Wilson?“

„Zeig‘ mir bitte die Akte von Michael Wiggins.“ Er überflog hastig die Einträge. „Er hatte einen Bruder ...“

„Frank Wiggins, Zwillingsbruder“, vermeldete die KI unaufgefordert und präsentierte sowohl das passende Polizei-Foto, als auch eine Auswertung dazu. „Die biometrische Analyse ergibt eine Übereinstimmung von 85%, Mr. Wilson.“

Ein erstauntes Raunen ging durch den Raum.

Steve erlaubte sich zum ersten Mal seit Stunden daran zu glauben, dass das hier ein gutes Ende nehmen könnte. „Es würde Sinn machen. Frank ist abgehauen und jetzt decken sie sich gegenseitig, indem sie Bucky die Schuld zuschieben“, sprach er mehr mit sich selbst, erleichtert über diese neuen Erkenntnisse. Mit Frank als weiteren Verdächtigen hatten sie zumindest eine weitere Möglichkeit, den Vorfall neu zu bewerten. „Ist seine letzte Adresse bekannt?“

Auch diese Aussage war für die KI kein Problem und gab die Daten innerhalb von Sekunden preis.

„Wie hoch stehen die Chancen, ihn dort vorzufinden? Ich meine, er weiß was auf dem Spiel steht. Ich würde untertauchen und mich aus dem Staub machen“, warf Scott ein, der die Härte des Vollzugssystems schon am eigenen Leib erfahren hatte.

„Sollen wir die Behörden vor Ort informieren?“, wollte Peter wissen.

Clint schüttelte den Kopf. „Um damit riskieren, dass sie alles vermasseln und uns der Typ entwischt, falls er doch so dumm ist und er sich Zuhause versteckt? Nein, wir erledigen das auf unsere Art.“

„Wer von euch hat Lust auf einen kleinen Ausflug?“, stellte Steve die rein rhetorische Frage und sah, wie Clint, Scott, Sam und Peter die Hände hoben.

Sam stand einem schiefen Grinsen im Gesicht auf. „Ich hab‘ Bucky ausfindig gemacht. Das hier wird ein Kinderspiel. F.R.I.D.A.Y? Besorge uns die Bilder sämtlicher zugänglichen Überwachungskameras in größer werdenden Abständen, ausgehend von der Höhle.“

„Wird erledigt, Mr. Wilson.“

 

 

 

 

 

Chapter 17

Notes:

Die nächsten Kapitel entstanden im Nachgang, was sie aber nicht weniger interessant macht, finde ich. Vor allem, weil ich jemand eingebaut habe, den ich persönlich sehr schätze (der allerdings erst im nächsten Kapitel auftauchen wird. Aber ich muss euch ja ein bisschen Lust auf mehr machen, nicht wahr?). Lasst mir gerne eine Rückmeldung da und teilt mir eure Vermutungen mit, wer gemeint sein könnte.

Chapter Text

Stark Tower

 

Zum ersten Mal seit Tagen fühlte Steve wie die Anspannung von ihm abfiel und seiner altbekannten Zuversicht wich. Er spürte die wachsende Aufregung, ganz so wie er sich gefühlt hatte, wenn sie während des Zweiten Weltkriegs ihren Befehl für die Mobilmachung erhalten hatten. Die Avengers waren nicht die Howling Commandos, aber so wie all die Jahrzehnte zuvor wusste Steve, dass er sich auf seine Männer verlassen konnte. Seit ihrer Entdeckung eines dritten Tatbeteiligten waren nur knapp 30 Minuten vergangen und er hatte gar nicht erst am Besprechungstisch Platz genommen. Jetzt sah er stolz dabei zu, wie sich Sam, Peter, Clint und Scott zu einer Gruppe zusammenschlossen und einige letzte Anweisungen austauschten. Er gerade dabei, zu dem kleinen Team dazuzustoßen, als Rhodey ihn abfing.

„Hey, Mann. Ich weiß, dass es dir in den Fingern juckt, mitzukommen. Aber ich glaube, du bleibst besser hier.“

„Aber ...“, setzte Steve stirnrunzelnd zu einer Erwiderung an.

Rhodey hob ermahnend seinen Zeigefinger. „Lass‘ es mich anders formulieren.“ Er hielt kurz inne. „Ich möchte nichts heraufbeschwören, aber ... wir dürfen bei der Sache keinen Fehler machen. Und du bist nicht ganz bei der Sache. Ich wäre beruhigter, wenn du hierbleibst und ein Auge auf Bucky hast.“

Steve öffnete den Mund, um zu protestieren.

„Wir dürfen uns keine weiteren Verfehlungen leisten. Und vor allem dürfen wir Ross keinen Anlass dazu geben, den Fall doch noch an sich zu reißen“, setzte Rhodey nach. „Wenigstens einer von uns sollte einen kühlen Kopf bewahren.“

„Heißt das, du gehst mit?“

„Siehst du hier sonst noch jemanden, der sich freiwillig meldet?“, schmunzelte Rhodey leicht.

Schließlich nickte Steve. „Okay.“ Rhodey hatte Recht. Der Colonel war schon immer ein besonnen reagierender Soldat gewesen und hatte sich als zuverlässige Stütze des Teams erwiesen. Es wäre besser, sich nicht einzumischen. Ein kleines bisschen Wehmut schwang mit, zu gerne hätte er dem Kerl eine reingehauen, doch ihm wurde bewusst, wie viel auf dem Spiel stand. In der heutigen Zeit musste man höllisch aufpassen, nicht noch vom Täter wegen Körperverletzung angezeigt zu werden. Und das, nachdem Bucky von dem Trio gefangengenommen und angeschossen worden war. Was für eine verrückte Welt!

 


 

Nachdem er dem abfliegenden Quinjet nachgesehen hatte, bis dieser aus seinem Blickfeld verschwunden war, überlegte Steve kurz. Es war früher Abend, im schlimmsten Fall würde sich die Suche nach Wiggins die ganze Nacht hinziehen. Der Hinweis auf Frank war eine vielversprechende Spur, doch sie konnten sich nicht ausschließlich darauf verlassen. Daher waren Tony und das Team um Dr. Cho immer noch im Labor zugange. Ihnen blieb nicht mehr viel Zeit. Je länger er darüber nachdachte, desto bewusster wurde ihm, dass es tatsächlich besser war, hier vor Ort weiterzumachen und während den ihnen verbleibenden Stunden vielleicht doch noch weitere Hinweise aufzustöbern.

Er entschloss sich dazu, eine kleine Stärkung aus der Gemeinschaftsküche mitzunehmen. Die nächsten Stunden würden sicherlich lang werden. Mit vier Sandwiches und forschen Schritten betrat Steve im Anschluss motiviert das Labor. Doch kaum, dass er dort angekommen war, bemerkte er die veränderte Stimmung. Die Anwesenden arbeiteten konzentriert, aber trotzdem schien irgendetwas anders zu sein. Schulterzuckend nahm Steve seinen Platz ein und legte die Sandwiches zur Seite.

Weitere Stunden vergingen, doch es gab keine weiteren nennenswerte Erkenntnisse. Nur noch mehr verstörende Bilder, die alle auf HYDRA zurückzuführen waren.

Mehrfach hatte Dr. Cho ihren Platz verlassen um, zu Bucky zu gehen und mit ihm leise zu sprechen, wann immer seine Werte anstiegen.

Irgendwann Shuri sah von ihrem Platz am Computer auf, ihre Stirn in tiefe Falten gelegt. Genau wie Dr. Cho es schon wiederholt getan hatte, stand sie nun auf und versuchte mit Bucky zu reden, aber sie wirkte bei ihrer Rückkehr ebenfalls unzufrieden.

Das alles war Steve nicht entgangen, also stand er auf und trat neben sie. „Was ist?“, fragte er leise, darauf bedacht, Bucky nicht zu verunsichern.

Sie senkte betrübt den Blick und seufzte. Mit dem Kopf deutete sie ihm an, ihr nach draußen zu folgen. Sie wusste um Buckys Super-Gehör und zog es daher vor, nicht in einem Raum mit ihm zu sein. Als vor dem Labor standen, sah sie Steve an und meinte leise: „Es gibt Probleme.“

Sofort zog sich sein Magen zusammen. „W-wie meinst du das?“, hakte er verunsichert nach sog unbewusst hörbar Luft ein.

„Er hat starke Kopfschmerzen, wobei ich eher eine Migräne vermute, aber ihn darauf anzusprechen, bringt nichts.“

Solche Verhaltensweisen war er nicht von seinem Kumpel gewohnt, früher hatten sie keine Geheimnisse voreinander gehabt, schon gar nicht wenn es um Steves Gesundheitszustand ging, aber wie schon so oft musste er sich eingestehen, dass sich Bucky seit seiner ersten Gefangennahme 1943 verändert hatte. Er wusste, dass Bucky seither mehr in sich gekehrt war und es ihm sehr schwer fiel, Menschen in seinem Umfeld zu vertrauen. Jemanden gegenüber seine körperlichen Schwächen einzustehen, war für Bucky beinahe unmöglich und er sträubte sich so gut wie immer gegen medizinische Behandlungen jeglicher Art. „Er verweigert Schmerzmittel, oder?“

Shuri sah ihn nur traurig an. Auch sie wusste es besser, als Bucky zu irgendwas zwingen zu wollen.

Natürlich hatte Steve die Akten, die Hydra über Buckys Zeit als Winter Soldier gelesen. So oft, dass er manche Passagen auswendig kannte. Und doch kamen ihn die Widerlichkeiten, die die Nazis ihm angetan hatten, manchmal unwirklich vor, es waren nur Worte auf vergilbten Papier. Erst wenn er in Buckys Augen sah, wenn dieser wieder einmal in seiner eigenen Welt gefangen schien und diesen starren, abweisenden Blick hatte, wurde ihm auf schmerzliche Weise bewusst, welche Höllenqualen sein bester Freund jahrzehntelang hatte ertragen müssen.

„Es tut so unendlich weh, ihn leiden zu sehen, aber er schottet sich komplett ab.“

„Vielleicht ...“, setzte Steve an und verstummte kurz, ehe er erneut sprach. „Lass‘ mich mit ihm reden, ja?“

Dr. Cho war zwischenzeitlich zu ihnen gekommen. „Ich habe ihm mehrfach vorgeschlagen, eine Pause zu machen, doch er hat abgelehnt.“

„Er kann so ein Sturkopf sein!“, motzte Shuri leise, doch ihre Besorgnis war deutlich in ihrer Stimme herauszuhören.

„Wem sagst du das?“, meinte Steve nicht weniger betroffen. Wahrscheinlich ging in Bucky das Gleiche vor, überlegte er. Sein Freund wusste ebenso wie alle anderen auch, dass ihnen nur noch wenige Stunden blieben, um dessen Unschuld zu beweisen. Tief Luft holend ging er an den beiden vorbei, betrat das Labor und blieb vor der Liege kurz stehen. Der Raum war abgedunkelt, aber dank seiner verbesserten Sehkraft konnte er Buckys Gesichtszüge problemlos ausmachen. Sein Kumpel lag, wie schon während der vorangegangenen Sitzungen an zahllose Apparaturen angeschlossen, bewegungslos da. Sein Blick war stur an die Decke geheftet. Ein kalter Schauer fuhr an Steves Rücken entlang und er machte sich durch ein Räuspern bemerkbar. Sollte Bucky ihn gehört haben, so machte dieser allerdings keine Anstalten, sich seinem Besucher zuzuwenden.

Langsam näherte sich Steve ihm und ging fast wie in Zeitlupe vor ihm in die Hocke. Bedächtig hob er seine rechte Hand und legte sie auf Buckys Knie ab. „Hey, Kumpel“, sprach er ihn leise an. „Bucky?“ Noch immer bekam er keine Antwort und Besorgnis machte sich bei ihm breit. „Rede mit mir. Hey.“

Fast wie in Zeitlupe flatterten Buckys Augenlider und er drehte behäbig den Kopf etwas zur Seite. Nur mühsam brachte er ein Wort über die Lippen. „S-st ... Steve?“

„Ja, ich bin es.“ Unwillkürlich atmete Steve erleichtert auf, im nächsten Moment jedoch kniff er besorgt die Augen zusammen, als ihm die undeutliche Aussprache auffiel. Er machte sich schon die ganze Zeit Sorgen darüber, wie gut Buckys malträtiertes Gehirn diese kräftezehrende Prozedur verkraften würde. Offenbar waren sie zu weit gegangen. Jede Faser seines Körpers schrie danach, Bucky einfach zu schnappen und mit ihm zu verschwinden. Einfach nur weg von hier. Aber so einfach war das nicht. „Wir machen uns ein wenig Sorgen um dich“, meinte er weiter und studierte dabei das regungslose Gesicht seines Gegenübers. „Was ist los?“

Wieder dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis Bucky zu einer Erwiderung ansetzte. „I-ich ... bin ... mir geht’s nicht ... so gut“, flüsterte er schwer schluckend. Sein ganzer Körper schien vor Anstrengung zu zittern.

„Hm-mhm“, nickte Steve über das Offensichtliche, war trotzdem aber froh, dass Bucky in der Lage und vor allem gewillt war, mit ihm zu kommunizieren. „Wie wäre es mit einer kurzen Pause, hm?“, fragte er mitfühlend.

„N-nein! Nein. I-ich muss ...“

„Shh-shh“, versuchte Steve ihn zu beruhigen. „Nur für ein paar Minuten, okay? Lass‘ uns rausgehen und was essen.“ Er wusste zwar nicht, ob Bucky seine Aufforderung verstand, aber er wollte zumindest versuchen, ihn abzulenken. „Ich hab‘ noch ein Sandwich übrig und ich wäre froh über etwas Gesellschaft.“

Und so half er ihm, sich aufzurichten, während Shuri mit flinken Fingern alles von Bucky entfernte, was an ihm angeschlossen war. Steve nickte ihr leicht lächelnd zu, behielt dabei aber seinen Freund im Auge und stützte ihn ab, nachdem dieser etwas unsicher von der Liege aufgestanden war. „Wir gehen raus auf die Terrasse. Wie hört sich das an? Etwas frische Luft wird dir guttun.“

Tatsächlich schien der Ortswechsel Bucky dabei zu helfen, ruhiger zu werden. Schon als sie auf dem Gang waren, flaute dessen Anspannung etwas ab und mit jedem Schritt kam etwas mehr Farbe zurück in dessen Gesicht. „Möchtest du etwas zu trinken?“ Er bekam zwar keine Antwort, aber er dachte sich, dass ein Glas Saft bestimmt kein Fehler wäre. Kurzentschlossen wich Steve von seinem ursprünglichen Plan nach draußen zu gehen ab und schlug stattdessen den Weg zum großen Gemeinschaftsraum ein. „Setz‘ dich kurz hin“, schlug er ihm vor und deutete auf ein paar Stühle.

Aus dem Kühlschrank nahm er den Orangensaft-Container und füllte zwei Gläser, ehe er das Behältnis wieder zurückstellte. Sein Blick fiel auf einen Vorratsdose und er öffnete neugierig den Verschluss. „Hey, heute ist dein Glückstag. Es gibt selbstgebackene Muffins!“ Auch wenn es Bucky nicht offen zugab, wusste Steve, dass sein Freund einen süßen Zahn hatte. In ihrer Jugend war es schwer gewesen, an ausreichend Zutaten für süßes Gebäck oder generell an Lebensmittel zu kommen, aber wenn immer Bucky es geschafft hatte, etwas Geld zur Seite zu legen, kaufte er gerne Muffins oder ähnliches, um es anschließend brüderlich mit Steve zu teilen. Allein der Anblick der saftig wirkenden Mini-Kuchen ließ Steve das Wasser im Mund zusammenlaufen. Schnell holte er noch einen Teller aus dem Schrank und da es sich um verschiedene Sorten handelte, legte er von jeder einen darauf, und dann alles zusammen auf einem Tablett abstellte. „Wusstest du, dass New York den Apfelmuffin 1983 offiziell zum State Muffin erklärt hat? Es gibt noch den Blaubeer-Muffin in Minnesota und ich glaube den Corn Muffin in Massachusetts. Verrückte Welt, was?“, grinste er als er zum Tisch ging.

Bucky saß nur schweigend da, den Blick gesenkt. Er wirkte erschöpft, die dunklen Augenringe zeichneten sich in seinem blassen Gesicht deutlich ab.

Steve holte tief Luft. Er wusste nicht genau, was er tun oder sagen sollte. Wenn Bucky nicht von sich aus um Hilfe bat, würde es schwer werden, ihn zu irgendwas zu bewegen. „Ist Saft in Ordnung? Es gibt auch Tee oder Wasser. Kaffee? Aber ich glaube, das wäre-“ Gerade als er aufgeben und den Vorschlag machen wollte, zurückzugehen, sah er erleichtert dabei zu, wie sein Gegenüber mit zitternden Fingern nach dem Glas griff und einige Schlucke trank.

Noch immer hatte Bucky kein Wort gesprochen, doch sein Blick hing an dem Teller mit den Muffins.

„Ist vielleicht nicht gerade der gesündeste Snack, aber einem Schokomuffin kann keiner widerstehen, hab‘ ich Recht?“, schmunzelte Steve und teilte das Gebäckstück, so wie es früher auch gemacht hatten, mit Bucky. Es war zwar nicht ideal, das war Steve klar, aber im Moment konnte Bucky alles gebrauchen was zur Verfügung stand, um wieder zu Kräften zu kommen.

 


 

Es vergingen einige Minuten, in denen keiner von beiden sprach. Bucky hatte schweigend den Muffin gegessen, im Anschluss daran den Platz gewechselt und starrte nun von der Couch aus schweigend durch die Panoramafensterfront auf die Skyline von Manhattan. Steve war sich nicht sicher, aber er glaubte, in unregelmäßigen Abständen Buckys gequältes Aufstöhnen zu hören. Auch wenn es ihm schwerfiel, hielt sich Steve zurück, er wollte Bucky einfach nur etwas Ablenkung ermöglichen, denn er wusste, dass die Zeit gegen sie arbeitete und der Druck auf das Team mit jeder Sekunde, die sie untätig verstreichen ließen, zunahm. Doch irgendwann gab es keinen Aufschub mehr und Steve stand von seinem Platz am Gemeinschaftstisch auf. „Möchtest du noch kurz auf die Toilette?“ Wenn Bucky erst zurück im Labor und an die Gerätschaften angeschlossen war, bot sich dafür womöglich keine Gelegenheit mehr.

Etwas ungelenk erhob sich Bucky, wirkte aber geistesgegenwärtig genug, um Steves Aufforderung nachzukommen. Er ging einige Schritte auf ihn zu, doch dann verdunkelte sich sein Gesichtsausdruck. „I-ich ... gl-glaube ...“, presste er schwerfällig hervor, und griff sich mit der rechten Hand an den Kopf. Nur Sekundenbruchteile später sackte er zusammen und fiel zu Boden. Sein Rücken bog sich durch, als sich seine Nackenmuskulatur versteifte und er qualvoll stöhnte. Sein Arm und beide Beine begannen abwechselnd zu zucken, seine Atmung ging abgehackt und es bereitete ihm offensichtlich große Mühe, Luft zu bekommen.

Geschockt von dem Vorfall, konnte Steve im ersten Moment nicht angemessen reagieren, um Buckys Sturz verhindern. Jetzt war er umso schneller an dessen Seite, wusste aber nicht, was da gerade vor sich ging.

 

 

 

Chapter 18

Notes:

Euch allen ein "Gutes neues Jahr!" 🍀🍀🍀

Und dann geht es auch gleich weiter ...

Chapter Text

Stark-Tower

 

 

„Hey Cap!“ Peters ausgelassene Stimme erklang hinter ihm. „Wir sind zurück! F.R.I.D.A.Y. meinte, dass Sie und Sergeant Barnes hier sind. Ich bin auf dem Weg nach Hause und wollte Ihnen noch sagen, dass - Oh Shit!“

 

Noch bevor Steve überhaupt reagieren konnte, kniete Peter neben Bucky. „Er hat einen Krampfanfall“, sagte er.

 

„Was sollen wir-?“ Überrumpelt von der Situation wusste Steve nicht, wie er sich verhalten sollte und griff instinktiv nach Buckys um sich schlagenden Arm.

 

Zeitgleich ertönten F.R.I.D.A.Y.s und Peters Einwand. „Nicht gewaltsam festhalten.“

 

Steve konnte sich nur schwer zurückhalten, tat aber wie ihm geheißen.

 

Mit fester Stimme fuhr Peter nickend fort. „Achten Sie auf seinen Kopf! Hier! Mein Rucksack! Legen Sie ihn unter seinen Kopf. Wir müssen die Zeit stoppen. Mehr als fünf Minuten sind lebensbedrohlich.“

 

„Sehr gut, Mr. Parker“, meldete sich die KI wieder zu Wort. „Ich habe soeben Mr. Stark, Dr. Cho und Prinzessin Shuri über den Vorfall informiert.“

 

Steves Herz hämmerte angstvoll in seiner Brust, während er so vorsichtig wie möglich Buckys Kopf hielt, aber gleichzeitig tatenlos dabei zusehen musste, wie sich sein Freund schmerzvoll stöhnend wand und sein Kopf immer wieder gegen den Boden schlug. Zum Glück hatte Peter geistesgegenwärtig reagiert und so bewahrte dessen Rucksack nun Bucky davor, sich womöglich schwere Kopfverletzungen zuzuziehen. „Wie lange?“, fragte er niemanden bestimmten. Buckys Nackenmuskulatur war zum Zerreißen gespannt. Allein der Anblick war schmerzhaft und Steve wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie sehr Bucky gerade leiden musste.

 

„Zwei Minuten, Captain Rogers“, verkündete F.R.I.D.A.Y.

 

Entfernt konnte Steve das Geräusch sich nähernder Schritte ausmachen und sah kurz zur Seite. Erleichtert atmete er auf, als er Tony und die beiden Frauen auf sich zurennen sah.

 

Peter stand auf und trat einen Schritt zurück, um der Ärztin Platz zu machen.

 

Dr. Cho hatte die Situation unverzüglich erkannt. „Leidet er an Epilepsie?“

 

Shuri runzelte die Stirn. „Wir hatten das gut unter Kontrolle in Wakanda.“

 

Erstaunt sah Steve sie an. „Er hatte solche Anfälle schon zuvor?!“ Noch immer hielt er Buckys Kopf in Händen, doch er merkte, dass die Stärke des Anfalls langsam nachließ.

 

„Wir dürfen nicht vergessen, dass er während seiner Gefangenschaft schwere Hirnschäden erlitten hat“, versuchte Dr. Cho zu vermitteln. „Ohne das Serum wäre er wohl erst gar nicht der Lage, weitestgehend beschwerdefrei zu leben.“

 

„Und das soll mir und ihm jetzt ein Trost sein?“, fuhr Steve sie harsch an, komplett überrumpelt von den Ereignissen. Doch so schnell sich sein Gemüt erhitzt hatte, so schnell war es auch wieder abgekühlt und er entschuldigte sich. „Tut mir leid, Dr. Cho. Ich bin ... das ist neu für mich. Ich wusste nichts davon.“ Sein fragender Blick ging zu Shuri.

 

Diese schien ein schlechtes Gewissen zu haben und mit sich selbst zu debattieren, als sie nervös ihre Unterlippe einsog. „Er wollte nicht, dass du es weißt. Ich musste ihm versprechen, dir nichts zu sagen, weil er wusste, du würdest dir deswegen nur noch mehr Vorwürfe machen.“

 

Schwer schluckend betrachtete Steve das schmerzverzerrte Gesicht seinen Freundes. „Was können wir ...?“, versuchte er die richtigen Worte zu finden, doch er war überwältigt von der Situation.

 

„Wir müssen warten, bis der Anfall zu Ende ist“, antwortete Dr. Cho auf die unausgesprochen Frage. „Haben Sie auf die Zeit geachtet?“, wollte sie von ihm wissen.

 

„Im Moment etwas mehr als drei Minuten“, sagte Steve. „Gibt es gar nichts, was wir tun können?“

 

„Leider nein.“

 

Die Sekunden verstrichen quälend langsam, doch endlich erschlaffte Buckys Körper und er schien förmlich in sich zusammenzusacken. Ein dunkler Fleck bildete sich in seinem Schritt ab, da er sich eingenässt hatte.

 

„Stabile Seitenlage?“, fragte Peter.

 

Dr. Cho sah den Student mit hochgezogenen Augenbrauen an, ehe sie dem Vorschlag nickend zustimmte.

 

„Wir hatten vor kurzem eine Erste-Hilfe-Unterweisung an der Schule“, meinte er nur schulterzuckend und machte sich umgehend ans Werk. „Das war sehr lehrreich, aber die meisten hat’s nicht interessiert. Aber ich denke, so was ist wichtig und-“ Er stoppte in seinen Ausführungen, als er sich aufrichtete und bemerkte, dass er zuviel redete.

 

„Er blutet aus dem Mund!“ Entsetzt blickte Steve die Ärztin an.

 

„Er hat sich auf die Zunge gebissen“, erklärte sie ruhig und zog ein Taschentuch hervor, um das Blut so gut es ging von Buckys Bart abzutupfen, und öffnete im Anschluss vorsichtig dessen Mund. „Sieht schlimmer aus als es ist, Captain. Aufgrund des Serums sind keine weiteren Maßnahmen notwendig. Aber ich kann ihm nachher eine Wundpaste auftragen. Sicher ist sicher.“ Sie stand auf. „Solche Anfälle sind körperlich sehr anstrengend“, erklärte sie weiter. „Geben wir ihm noch ein paar Minuten, um sich zu erholen. Dann bringen Sie ihn auf die Krankenstation, Captain“, wies sie ihn an und ging dann mit Shuri zum Aufzug.

 

„Ja, Doc“, bestätigte Steve schwer schluckend. Noch immer war er dabei, die Eindrücke zu verarbeiten.

 

Tony erschien mit einer Decke und drapierte diese vorsichtig über Buckys regloser Form.

 

Steve hatte gar nicht mitbekommen, dass sich Tony auf die Suche nach einer Decke gemacht hatte, war aber von der Fürsorge Bucky gegenüber sehr angetan. „Danke“, murmelte er ihm zu und erlaubte sich erst jetzt, tief durchzuatmen.

 

Tony schnappte sich Peter. „Wir sind dann ... irgendwo. Melde dich, wenn du Hilfe brauchst.“

 

Erneut war Steve erstaunt über Tonys Rücksichtnahme und nickte ihm anerkennend zu, als sich die beiden entfernten. Er würde ihnen später nochmals seinen Dank für die Unterstützung aussprechen, doch im Moment lag sein Fokus auf Bucky. Stöhnend versuchte dieser sich zu bewegen, aber er wirkte vollkommen kraftlos. Speichel, vermischt mit Blut rann an seinem Kinn herab, verfing sind in seinem Vollbart und seine tränengefüllten Augen hatten einen seltsam abwesenden Ausdruck.

 

„Hey, Buck. Bleib‘ kurz liegen, okay?“ Vorsichtig legte Steve seine Hand auf Buckys linke Schulter, die ohne den Arm irgendwie kurios anmutete. Es schmerzte Steve, seinen Freund so sehen zu müssen. Wie es schon zuvor Dr. Cho getan hatte, tupfte er mit seinem eigenen Taschentuch die Überreste des Speichels und Bluts weg.

 

Doch entweder hatte Bucky seine Worte nicht gehört, oder er war zu stur, diese zu befolgen, denn er versuchte ein weiteres Mal, sich aufzurichten. Mittlerweile waren seine Bewegungen zwar nicht mehr ganz so unkontrolliert, aber es war offensichtlich, dass er ohne fremde Hilfe nicht würde aufstehen können.

 

Um weiteren Stress zu vermeiden, sagte Steve: „Ich werde dir helfen, okay Buck?“ Es brauchte einige Anläufe, doch schließlich hockte er sich auf den Boden und zog Bucky zu sich, bis dieser mit seinem Rücken gegen Steves Brust lehnte. „Ich hab‘ dich, Buck. Alles wird gut“, sprach er leise mit ihm, in der Hoffnung, irgendwie zu ihm durchzudringen. Buckys Kopf lag auf seiner Schulter, die Augen waren halb geschlossen. Er spürte, wie kraftlos Bucky in seinem Armen hing und das wiederum veranlasste ihn dazu, seinen Griff um Buckys Mitte nochmals geringfügig zu verstärken. Mit seiner freien Hand strich er ihm die schweißnassen Haarsträhnen aus der Stirn. Ab und an kam der halbherzige Versuch, sich weiter aufzurichten, doch bisher endete das nur einem kläglichen Seufzer, der Buckys Niederlage ausdrückte. „Immer mit der Ruhe, Buck“, redete er unverdrossen auf ihn ein. „Lass‘ dir Zeit.“

 

„... S-Ste-vie ...?“

 

Seinen eigenen Spitznamen zu hören, bescherte Steve eine Gänsehaut. So hatte Bucky ihn früher immer genannt. Damals, als er selbst dauernd krank und schwach gewesen war und Bucky sich so aufopferungsvoll um ihn gekümmert hatte. Ohne es zu wollen, versank er selbst kurz in seiner eigenen Welt, sah die spärlich möblierte Wohnung vor sich, die er sich mit Bucky zusammen teilte, nachdem dieser nach dem Tod von Steves Mutter zu ihm gezogen war. Weil er selbst zu stur und stolz gewesen war, Hilfe anzunehmen, obwohl die Barnes‘ ihm angeboten hatte, bei ihnen unterzukommen. Er hatte die Geste ausgeschlagen, gleichzeitig aber gewusst, dass er zu krank war, um für sich selbst zu sorgen. Also hatte Bucky alles daran gesetzt, so viel Geld wie möglich zu verdienen, um Miete und Medikamente bezahlen zu können. Selbstlos hatte Bucky Schicht um Schicht harter Arbeit an den Docks auf sich genommen, ohne jemals darüber auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wie anstrengend es für ihn gewesen war, wenn er Abends nach Hause kam. Oft zu müde, um noch etwas zu essen. Und Steve hatte nicht viel tun können, außer zu versuchen, ihm ein guter Freund zu sein. „Ja, ich bin hier“, sagte er schließlich. Jetzt war es an ihm, für seinen Freund da zu sein.

 

„I-ich ... kann ... i-ich ...“ Geräuschvoll versuchte Bucky den Würgereflex zu unterdrücken und sich aus Steves Griff zu winden.

 

Noch bevor Steve wusste, was genau vor sich ging, lag Bucky halb über seinen Beinen und übergab sich. Instinktiv rieb er über Buckys Schulterblätter, versuchte, ihn so gut wie es ging, seelisch und moralisch Beistand zu leisten, da er sonst nicht viel tun konnte. Auf einmal hatte das Blatt sich gewendet und nun war er es, der Bucky half. Er spürte, wie sein Kumpel noch mehrfach würgen musste, obwohl sich offensichtlich nichts mehr in dessen Magen befand. Geduldig wartete er, bis sich Bucky schließlich erschöpft wieder zurück an ihn lehnte. „Ist es vorbei?“, fragte er mitfühlend.

 

„Mhm“, war alles, was zwischen Buckys zusammengepressten Lippen hervorkam. Mit einer fahrigen Bewegung fuhr er sich mit Handrücken über den Mund. „Müde.“

 

„Dann ruh‘ dich aus, Buck. Ich passe auf dich auf.“ Steve wartete noch einige Augenblicke, bis der Schlaf seinen Freund tatsächlich übermannt hatte und dieser regelmäßig atmete. So vorsichtig wie möglich schälte er sich unter Bucky hervor, schob seine Arme unter dessen Schultern und Knie, hob ihn hoch und trug ihn zurück zur Krankenstation. Schnell warf er noch einen Blick an die Stelle, an der sich Bucky übergeben hatte. „F.R.I.D.A.Y.? Ich glaube, es wäre gut, einen Reinigungstrupp zu schicken.“

 

„Ist bereits auf dem Weg, Captain Rogers.“

 


 

Noch immer fühlte sich Steve wie unter Strom gesetzt, seine innere Unruhe hatte sich zwar etwas gelegt, aber seine Gedanken überschlugen sich regelrecht, während er an Buckys Krankenbett saß und Wache hielt. Dr. Cho und Shuri hatten, nachdem Steve ihn zurück zur Krankenstation getragen hatte, ein paar Tests, sowie eine Blutprobe durchgeführt und ihn, auf Steves Bitte hin, an eine schmerzlösende Infusion angeschlossen. So weit man es sagen konnte, ging es Bucky den Umständen entsprechend gut.

 

Vorsichtig drückte er seinen verspannten Rücken durch und ließ die Schultern langsam kreisen. Die Dusche nach dem Vorfall hatte gut getan, doch jetzt kehrte die Anspannung zurück. Wie viel Zeit vergangen war, konnte er gar nicht sagen, aber von draußen drangen die ersten Sonnenstrahlen ins Innere.

 

Was er aber mit Bestimmtheit sagen konnte war, dass er nicht wollte, dass sein Kumpel alleine war. Es hatte ihn viel Überredungskunst gekostet, Sarah und die Jungs zurück auf ihre Etage zu schicken, nachdem Sam sie von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt hatte. Verständlicherweise hatte Sarah darauf bestanden, bei Bucky zu bleiben, doch Sams Worte hatten ihr zu der Einsicht verholfen, dass es wichtig wäre, dass sie genügend Schlaf bekäme, um sich dann um Bucky zu kümmern, nachdem dieser wieder aufgewacht war. Sich die halbe Nacht um die Ohren zu schlagen, wäre in ihrem Fall sinnlos. Steve hingegen kam, dank des Serums, eine Zeitlang ohne Schlaf klar.

 

Etwas ungelenk stand Steve auf und ging hinüber zum Fenster, um schweigend dabei zuzusehen, wie Manhattan langsam wieder zum Leben erwachte. Ein sachtes Klopfen an der Tür ließ ihn herumfahren.

 

Shuri trat ein, in ihren Händen trug sie ein Tablet. Sie nickte Steve kurz zu und begann dann, darauf herumzutippen, während sie sich dem Bett näherte.

 

Einen Moment lang dachte Steve daran, das Zimmer zu verlassen, doch da Shuri seine Anwesenheit nichts auszumachen schien, blieb er. „Und?“, wollte er schließlich nach einigen Augenblicken des unangenehmen Schweigens wissen.

 

„Seine Werte sind wieder normal“, sagte sie leise.

 

„Wie kam es zu dem Anfall?“ Er hatte sich ihr gegenüber auf die andere Bettseite gestellt und sah zu Bucky, dessen Gesichtszüge entspannt wirkten.

 

„Er hat seine Medikamente nicht regelmäßig genommen“, erklärte sie. „Jedenfalls zeigt das die Blutanalyse. Und es kam in den letzten Tagen so einiges zusammen. Sein Stresslevel war konstant hoch, er hat so gut wie nichts gegessen. Ich denke nicht, dass er ausreichend geschlafen hat und schließlich haben wir auch noch in seinem Gehirn rumgepfuscht.“ Ihre Schultern sackten nach unten. „Es tut mir leid, ich bin davon ausgegangen, dass er die Tabletten ... ich hätte besser aufpassen müssen-“

 

„Hey“, er hob die Hand, um ihre Aufmerksamkeit zu erhalten, „ich denke nicht, dass dich hier irgendwelche Schuld trifft.“ Dann senkte er die Hand wieder und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Er hat seinen Zustand bewusst verschwiegen. Wir konnten nicht ahnen, dass ...“ Er sprach nicht weiter, denn im Grunde änderte das nichts an der Situation.

 

Seufzend justierte Shuri die Infusionsmenge, nickte stumm. „Mehr können wir im Moment nicht für ihn tun. Nach allem, was er durchgemacht hat, wird er vermutlich die nächsten Tage noch erschöpft sein und Ruhe brauchen. Ich hoffe, dass er einsichtig ist und-“ Sie verstummte, als sich die Tür öffnete.

 

Sarah trat ein und blieb kurz stehen. Man sah ihr an, dass sie trotz allem nicht viel Schlaf bekommen hatte. „Ich hab‘ es einfach nicht mehr ausgehalten“, sagte sie leise.

 

Shuri winkte sie ans Bett heran. „Er schläft noch immer, aber es geht ihm wieder besser. Jedenfalls körperlich“, erklärte sie, ohne irgendwelche Beschönigungen auszusprechen.

 

Mit wenigen Schritten hatte Sarah das Bett erreicht und verharrte einen Moment. Fast schon ängstlich strich sie ihm über die bärtige Wange, ehe sie sich zu ihm hinabbeugte, ihm sachte einen Kuss auf die Lippen gab und seine Hand in ihre nahm. „Ich bin bei dir“, flüsterte sie ihm zu. „Wir denken alle an dich.“ Es schien ihr nichts auszumachen, dass sich Steve und Shuri im Raum befanden.

 

Doch Steve war es unangenehm, deshalb räusperte er sich und wandte sich zum Gehen. „Ist Sam bei den Jungs?“, wollte er noch wissen.

 

„Ja“, antwortete Sarah.

 

„Gut“, nickte er lächelnd.

 

Sarah sah Steve fragend an. „Gibt es schon Neuigkeiten? Was, wenn er ... wenn Ross ihn holen kommt?“

 

Steve presste kurz die Kiefer aufeinander. „Rhodey und die anderen haben Wiggins stellen können. Er sitzt jetzt in Untersuchungshaft“, sagte er kurz angebunden, denn viel mehr wusste er auch noch nicht. Er baute sich breitschultrig auf, hakte seine Daumen neben der Gürtelschnalle ein und verkündete: „Ich kenne die aktuelle Beweislage nicht, aber ich werde nicht zulassen, dass man Bucky von hier wegbringt.“

 

„T’Challa wird nicht zulassen, dass ihm etwas zustößt“, erweiterte Shuri Steves Aussage. „Sollte Ross hier auftauchen, um ihn mitzunehmen, wird Wakanda ihn Willkommen heißen, wie wir es schon einmal getan haben. Der weiße Wolf ist bei uns sicher.“

 

 

Chapter 19

Notes:

Und es geht weiter! Bucky erhält Besuch ... bin gespannt, wie es euch gefällt!

(See the end of the chapter for more notes.)

Chapter Text

 

 

Nach und nach kehrten die Erinnerungen zurück. Doch noch immer fühlte sich sein Kopf wie in Watte gepackt an und so gut wie alle Kraft schien ihn verlassen zu haben. Als er vorhin aufgewacht war, hatte er Sarah am Bett sitzen sehen, doch er war zu müde gewesen, um sich mit ihr zu unterhalten und war kurz darauf wieder eingenickt. Er glaubte auch, Steve gehört zu haben, aber sicher war er sich nicht. Auch konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen, wie viel Zeit vergangen war.

 

Jetzt war er wieder wach, doch viel hatte sich nicht verändert, außer dass AJ und Cass seitlich bei ihm im Bett lagen. Er seufzte kurz auf.

 

„Jungs? Aufstehen“, wies Sarah die beiden leise an, ehe sie direkt mit ihm sprach und den Brüdern währenddessen vom Bett half. „Sie waren so durch den Wind und wollten unbedingt zu dir.“

 

„Mmmh“, war alles, was er zustande brachte, obwohl er ihr sagen wollte, dass es in Ordnung war. Er räusperte sich mehrmals, aber irgendwie fühlte sich seine Zunge geschwollen an und wollte einfach nicht gehorchen.

 

„Möchtest du etwas Wasser?“

 

Da er seiner Stimme nicht vertraute, nickte er.

 

„Ich richte das Kopfteil etwas auf, nicht erschrecken“, informierte sie ihn und betätigte den entsprechenden Knopf, ehe sie dann nach einem Glas mit einem Strohhalm griff und es ihm so hinhielt, dass er nur den Kopf etwas nach vorne beugen und die Lippen bewegen musste.

 

„Nicht so viel auf einmal, okay?“, bat sie ihn leise.

 

Das Wasser tat gut, schmeckte aber irgendwie komisch und er runzelte die Stirn.

 

„Du hast Wundpaste auf der Zunge, du hast dich verletzt als du ...“, meinte Sarah unaufgefordert, stoppte dann aber. Sie hatte wohl seinen Gesichtsausdruck gesehen.

 

Denn ihm war eine Vermutung in den Sinn gekommen und er ließ den Strohhalm los, um Sarah zu signalisieren, dass er fertig war. Selbst diese einfache Tätigkeit hatte ihn erneut ermüden lassen und so ließ er den Kopf mit geschlossenen Augen zurücksinken. Er hatte solche Situationen zuvor schon erlebt und jetzt schämte er sich dafür, dass ihm das wohl im Beisein von Steve passiert sein musste. Denn er konnte sich noch an den Schokomuffin erinnern und an die Kopfschmerzen. Das, was danach vorgefallen war, wusste er zwar nicht, aber er konnte es sich ausmalen und die Vorstellung gefiel ihm ganz und gar nicht. Er versuchte, so gut wie möglich tief durchzuatmen und seine Gedanken zur Ruhe zu bringen.

 

„Geht ihr bitte mal kurz vor die Tür?“, bat Sarah ihre Söhne flüsternd.

 

Irgendjemand nahm Buckys Hand und veranlasste ihn dazu, seine Augen etwas zu öffnen.

 

Cass beäugte ihn traurig, während sich AJ unsicher an Sarah klammerte. „Wann können wir endlich nach Hause?“, wollte er wissen.

 

Bucky musste all seine Willensstärke aufbringen, um ihm zu antworten, doch es gelang ihm einfach nicht, die Worte auch auszusprechen. „E-es ... i-ich ... ni-nicht ...“ Frustriert gab er einen brummenden Laut von sich, während er darum kämpfte, nicht die Fassung zu verlieren, denn er merkte, dass ihn die Situation mehr und mehr stresste. Sein Puls stieg an, was auch die Gerätschaften, an denen er angeschlossen war, mit entsprechenden Hinweistönen dokumentierten.

 

„Im Moment geht es ihm nicht so gut“, sagte Sarah zu ihrem Ältesten und gab sich erst gar keine Mühe, ihm irgendwas vorzuspielen. „Er ist sehr müde und braucht viel Schlaf. Dr. Cho meinte, er muss noch ein paar Tage hierbleiben.“

 

Ohne seinen Blick abzuwenden, sprach Cass erneut mit ihm: „Aber dir geht es bald wieder besser, oder Onkel Bucky? Mom sagt, dass Tony die besten Ärzte hat, um dir zu helfen.“

 

„Cass“, ermahnte Sarah ihn leise. „Bitte.“ Vorsichtig, aber bestimmt schob sie die zwei Richtung Tür.

 

Bucky konnte nichts darauf erwidern, hörte aber Steves Stimme, der sich dem Klang nach vor der Tür befinden musste.

 

„Hey Jungs! Wie wäre es mit-“

 

Unruhig rutschte er im Bett hin und her. Es fiel ihm schwer, Luft zu bekommen, seine Brust schien wie zugeschnürt. Sein Herz raste. Mehr bekam er nicht mehr mit, da etwas anderes seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

 

Sarah war zurück an seiner Seite und sah ihn alarmiert an. „Babe“, sagte sie leise ohne dabei streng zu klingen. „Du fängst an, zu hyperventilieren. Kannst du mich bitte ansehen? Darf ich dich anfassen?“

 

Schwer schluckend sah er sie blinzelnd an. Alles in ihm schrie danach, aufzustehen und wegzurennen. Doch irgendwas hielt ihn davon ab. Jemand hielt ihn davon ab. Sarah. Mit geöffnetem Mund versuchte er, nach Luft zu schnappen, zwang sich dazu, sie anzusehen. Mühevoll brachte er ein Nicken zustande und spürte dann, wie sich ihre Finger um seine schlangen.

 

Sarah rückte so nah es ging an das Bett heran und führte Buckys flache Hand gegen ihre Brust, damit er ihren eigenen Herzschlag spüren konnte. Ihre Hand lag obenauf. „Fühlst du das? Versuche, dich darauf zu konzentrieren.“

 

Seine Sinne waren durch das Serum geschärft und dadurch drohten die Eindrücke um ihn herum ihn zu überwältigen. Mit großer Anstrengung gelang es ihm, die sanften Schläge ihres Herzens durch den Stoff ihrer Bluse hindurch wahrzunehmen.

 

„Konzentriere dich auf deine Atmung. Durch die Nase einatmen ... eins ... zwei ... drei ... vier ...“, gab sie ihm Anweisungen. „Gut so. Und jetzt Luft anhalten ... eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf ... oh ... macht nichts.“ Sie lächelte ihn an. „Noch ein bisschen zu schnell, Babe. Probieren wir es noch mal, okay?“

 

Obwohl es ihm zwei Mal hintereinander nicht gelang, die Übung zu absolvieren, blieb Sarah standhaft.

 

„Einatmen ... eins ... zwei ... drei ... vier ... Luft anhalten ... eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf ... sechs ... sieben ... Ausatmen durch den Mund ... eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf ... sechs ... sieben ... acht ... gut gemacht!“

 

Ihr Lob zu hören, ließ Bucky unbeabsichtigt aufseufzen. „I-ich ...“

 

„Shh-shh. Gleich nochmal, Babe. Du machst das großartig.“

 

Nach zwei weiteren Durchgängen bemerkte Bucky, wie die Spannung allmählich nachließ und er ruhiger wurde. Erschöpft ließ er sich gegen das Rückenteil sinken. Nach und nach nahm er die Umgebung wieder wahr, mehr Dinge rückten wieder in den Fokus, anstatt vor seinen Augen zu verschwimmen.

 

Sarah redete leise mit ihm, strich ihm beruhigend über Kopf und Wange, hielt noch immer seine Hand.

 

Müdigkeit überkam ihn und dann war auf einmal alles schwarz.

 

 


 

Die nächsten Eindrücke waren ebenfalls nur bruchstückhaft.

 

Irgendwer justierte irgendwas an irgendeinem Gerät, jedenfalls kam es ihm so vor. Dann konnte er etwas auf seiner Brust spüren und eine Stimme hören, die ihm vertraut vorkam. Dann war da eine Hand an seinem Kinn, und jemand drückte seinen Mund auf.

 

Einzelne Wortfetzen drangen in seine Ohren, ohne dass er den Zusammenhang verstand. Aber das war ihm im Moment so ziemlich egal.

 

„ ... Herzschlag und Puls normal ... keine Infusion mehr ... Katheder entfernen ... Werte ... gut ... Zunge ... verheilt ... braucht Zeit ... Gewicht verloren ... wieder aufpäppeln ...“

 

Kaum, dass er sich aufgerappelt hatte, um etwas zu erwidern, war er auch schon wieder weggetreten.

 


 

Als er das nächste Mal die Augen aufschlug, musste er mehrfach blinzeln, bis er sich an das Licht im Raum gewöhnt hatte. Obwohl nur eine Lampe seitlich vom Bett angeschaltet war, brauchte er einige Sekunden bis er erkannte, dass ein schmächtiger Teenager neben ihm saß und völlig vertieft etwas auf einem Schreibblock notierte. Es dauerte einen Moment, bis ihm bewusst wurde, dass es sich bei seinem Besucher um Peter Parker handelte. Er versuchte, sich bemerkbar zu machen, brachte aber nicht viel mehr als ein kratziges „W-was ... zum Teufel ...?“ heraus.

 

Augenblicklich drehte sich Peter zu ihm um. „Oh, hi!“ Er hob grinsend die Hand zum Gruß, legte Block und Stift zur Seite und stand auf. „Sie sind wach. Sorry, das ist ja offensichtlich. Ähm ...“, sagte er und räusperte sich und trat einen Schritt näher ans Bett heran. „Geht es Ihnen gut, Sergeant Barnes? Soll ich jemanden holen?“

 

„W-was?“ So ganz einordnen konnte er die Situation nicht, und er war erstaunt über Peters Anwesenheit.

 

Der Teenager wirkte nervös, als er über seine Schulter in Richtung Tür blickte. „Mrs. Wilson ... schläft und Mr - Cap ... Captain Rogers ist in einer Besprechung und wollte nicht, dass Sie alleine sind, da ... hab ich ... angeboten, auf Sie aufzupassen ... Sergeant Barnes? Ich hoffe, Sie sind nicht mehr sauer über das, was auf dem Flughafen in Deutschland passiert ist. Das war ziemlich schräg ... irgendwie. “

 

„Bucky.“

 

„Wie bitte?“

 

„Mein Name ist Bucky.“

 

„Oh, okay!“ Es herrschte für den Bruchteil einer Sekunde Ruhe, ehe Peters Augenbrauen nach oben gingen. „Es ist nur ...Captain Rogers meinte, dass nur Freunde den Namen ... oh! Sie ... meinen, ich bin ... ? Oh!“

 

Nickend brummte Bucky sein Einverständnis, ließ das Kopfteil hochfahren und sah in Richtung Fenster. Draußen war es dunkel, aber er konnte nicht abschätzen, ob es Nacht oder früher Morgen war. „Wie spät ist es?“

 

„Es ist kurz nach 21 Uhr“, antwortete Peter.

 

Vermutlich war Sarah deshalb nicht da. Sie musste sich um die Jungs kümmern. Seufzend schloss er kurz die Augen, als ihm bewusst wurde, dass wieder alles an ihr hängenblieb. Doch so sehr er sich auch wünschte, sie zu unterstützen, fehlte ihm dazu die Kraft und er fragte sich, wie lange es her war, seit er das letzte Mal etwas - mit Ausnahme des Muffins, der aber bekanntermaßen nicht lange in seinem Magen geblieben war - gegessen hatte. Wie aufs Stichwort grummelte es laut in seinem Bauch.

 

„Da hat jemand Hunger! Bin gleich wieder da! Muss nur schnell zur Küche und an den Kühlschrank.“ Grinsend verschwand Peter aus dem Zimmer.

 

Bucky atmete tief durch. So viel Trubel war er gar nicht mehr gewohnt. Der Teenager hatte innerhalb weniger Minuten fast die gesamte Konversation übernommen. Anscheinend war der Junge wirklich so redselig, wie die anderen ihn immer beschrieben. Er hatte ihn seit Deutschland nicht mehr getroffen, doch er schien ein netter Kerl zu sein. Weiter kam er nicht mit seinen Überlegungen, denn die Tür ging auf und Peter war wieder da und hielt eine Papiertüte hoch. „Wie ... bist ... du ...?“, brachte er nur hervor. Der Junge war nur für Sekunden weg gewesen. Spielte ihm sein Verstand einen Streich?

 

„Ich hab‘ ein bisschen geschummelt“, grinste Peter und zeigte sein rechtes Handgelenk, an dem sich eine Art Armband befand. „Äh ... F.R.I.D.A.Y.? Du hast nichts gesehen, okay?“

 

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, meldete sich die KI zu Wort.

 

Noch so eine Sache, an die sich Bucky noch gewöhnen musste.

 

„Perfekt! Danke F.R.I.D.A.Y.“ Peter lächelte verschmitzt. „Mr. Stark mag es nicht so gern, wenn ich die Spinnfäden innerhalb des Gebäudes benutze, aber so geht es viel schneller.“

 

Bucky konnte über solch jugendliche Naivität nur amüsiert den Kopf schütteln.

 

Zwischenzeitlich schien sich Peter beruhigt zu haben, denn jetzt wirkte er gefasster, als er neben das Bett trat. „Ich hab‘ mir gedacht, eine kleine Stärkung wäre nicht schlecht.“ Er packte den Inhalt aus und drapierte ein Sandwich auf eine Serviette, die sich ebenfalls in der Tüte befunden hatte, während er das zweite für sich nahm. Dann legte er das erste auf die Ablagefläche des rollbaren Nachttisches und drückte auf die Taste für die Kopfhöhenverstellung des Bettes. Während Bucky langsam in eine sitzende Position gefahren wurde, erklärte Peter:„Sind die besten Sandwiches von Queens! Ecke 21st Street und Borough Avenue gibt es eine Bodega. Waren Sie da schon mal? Mr. Delmar verlangt 5 Dollar dafür, aber es lohnt sich. Ich nehme immer die Nr. 5 mit Gurken und lass‘ es flachklopfen, so schmeckt es-“ Er verstummte kurz und sah Bucky mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ähm, ich, also ...“, verlegen kratzte er sich am Kopf.

 

„Du redest gern, hm?“

 

„Das ist ... ich bin ... na ja ... irgendwie schon“, Peter zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Tut mir leid.“

 

„Schon in Ordnung.“

 

Peter nickte, setzte sich hin und deutete auf das Sandwich. „Greifen Sie zu.“

 

Bucky nahm einen vorsichtigen Bissen. Das Debakel mit dem Schokomuffin war ihm peinlich und er wollte nicht, dass sich das Ganze wiederholte, auch wenn er sich wesentlich besser fühlte und die Kopfschmerzen weg waren. Das Sandwich schmeckte wirklich gut. „Hm ... die sind von Queens, sagtest du?“, meinte er mit halbvollem Mund.

 

„Ja.“

 

„Hm ... nich‘ schlecht“, bestätigte er mit einem Augenzwinkern. „Für Queens.“

 

„Was soll das heißen? Brooklyn kann da nicht mithalten, hab’s probiert“, grinste Peter zurück.

 

Ohne es zu wollen, fand er sich mitten in einer Diskussion über Sandwiches wieder. „Jetzt nicht mehr, aber früher, als ...“ Er hielt kurz inne, als ihm bewusst wurde, worauf er hinauswollte.

 

Alarmiert sprang Peter auf. „A-alles in Ordnung, Ser- Mr Ba-Bucky? Geht’s Ihnen nicht gut?“

 

Schluckend beförderte Bucky den Bissen hinab und leckte sich die Lippen. Er sah Peter an. „Doch, doch. Ich ... ich musste nur an meine Mutter denken. Sie hat ...“, er schüttelte den Kopf, aber sein Gegenüber sah ihn nur fragend an, deshalb riss er sich zusammen und setzte zu einer Erklärung an. „Ihre Roastbeef-Sandwiches waren die Besten.“

 

Ein verständnisvolles Nicken von Peter folgte und jetzt war er es, der in Gedanken versunken schien. „Ich weiß nicht mehr viel von meiner Mutter oder meinem Vater. Sie sind gestorben, als ich noch klein war“, gestand er mit leiser Stimme und nach unten gerichtetem Blick.

 

„Tut mir leid wegen deinen Eltern“, meinte Bucky mitfühlend.

 

„Ist schon ein paar Jahre her“, murmelte der Teenager tonlos, doch die Trauer war umso deutlicher sichtbar. „Meine Tante May und mein Onkel Ben haben mich aufgenommen. Es ist okay.“

 

Mit belegter Stimme antwortete Bucky: „Der Verlustschmerz bleibt trotzdem. Mein Zeitgefühl ist nicht mehr das Beste mit all dem Mist, den Hydra mir angetan hat, aber ich weiß, wie es sich anfühlt, die Familie zu verlieren. An einem Tag ziehst du in den Krieg und am nächsten ... ist nichts mehr, wie es einmal war.“ Die darauf folgende Stille wurde mit zunehmender Länge immer unangenehmer. Räuspernd nahm er einen erneuten Anlauf. „Du musst dir wegen mir nicht die Nacht um die Ohren schlagen.“

 

„Kein Problem. Ich hab‘ Mrs Wilson und dem Captain versprochen, auf Sie aufzupassen. Und ich muss sowieso noch was für die Schule fertig machen“, antwortete Peter, konnte ein Gähnen aber nicht unterdrücken.

 

„Wäre vielleicht besser, wenn du du eine Runde schläfst.“

 

„Wollen Sie mich loswerden, Sergeant- ähm ... Sarge? I-ist das okay, wenn ich Sie Sarge nenne?“

 

„Meinetwegen“, zuckte Bucky mit den Schultern. Es war immerhin besser als mit Mr Barnes angesprochen zu werden. Und offensichtlich war der Junge sehr auf die formelle Anrede fixiert. „Aber lenk‘ nicht vom Thema ab. Hat das mit den Hausaufgaben nicht Zeit bis morgen?“

 

„Nein, morgen ist Abgabetermin.“

 

„Ah, auf den letzten Drücker.“

 

„Ich hatte die letzten Tage einiges um die Ohren“, erwiderte Peter.

 

Auf einmal ging Bucky ein Licht auf. „Du hast das Team unterstützt? Und nach mir gesucht?“

 

„Ich war dabei, als man Sie in der Höhle gefunden hat“, bestätigte Peter nickend. „Captain Rogers hat mich angewiesen, Ihre Wunde mit den Spinnfäden zu verschließen und anschließend hab ich ihn zusammen mit Ihnen rauf in Mr Starks QuinJet gezogen.“ Während seiner Ausführungen bekam er glänzende Augen und er unterstrich seine Worte mit wilden Handbewegungen. „Wie geht es Ihrer Schulter?“

 

Reflexartig griff sich Bucky an die Stelle, an der er mit dem Pfeil getroffen worden war. „Ist noch ein bisschen wund, aber sonst ... keine Ahnung, ohne Arm kann ich nicht sagen, ob die Nerven und Muskeln verheilt sind.“ Er holte tief Luft und kniff kurz die Augen zusammen. „Ich kann mich immer noch nicht daran erinnern, was passiert ist ... und ich weiß auch nicht, wie das Ganze hier ausgeht, aber ... Danke. Für deine Hilfe.“ Mit einem Kopfnicken hielt er ihm seine Hand hin.

 

Etwas zögerlich stand er auf, ehe Peter Buckys Hand ergriff und verlegen lächelte. „Hab‘ ich gern gemacht, Sir.“ Ein Piepsen ertönte und ließ ihn stöhnend die Augen rollen, als er nach seinem Handy griff und auf die Meldung blickte. „Meine Deadline für den Abgabetermin. Der Countdown läuft.“

 

„Worum geht es denn?“

 

„Ich muss eine Abhandlung über das Empire State Building schreiben. Doch alles, was ich bisher habe, ist mehr oder weniger 1:1 aus den Büchern kopiert.“ Dann ließ er sich stöhnend auf den Stuhl sinken und nahm Notizblock und Stift. „Das ist doch Blödsinn mit den Hausaufgaben. Es steht doch alles im Internet, was soll ich da noch Neues bringen können?“ Seufzend rieb er sich die Stirn.

 

„Heute ist dein Glückstag, Kleiner“, grinste Bucky und rutschte etwas nach oben.

 

Stirnrunzelnd sah Peter ihn an. „Ja? Wieso?“

 

„Weil du“, er nickte ihm augenzwinkernd zu, „die einmalige Gelegenheit hast, einen Zeitzeugen befragen zu können. Ich kann dir Dinge vom Empire State Building sagen, die du in keinem Geschichtsbuch finden wirst.“

 

Peters Augen wurden groß und seine Kinnlade klappte nach unten, als ihm die Worte bewusst wurden. „Stimmt! Sie haben gesehen, wie es gebaut wurde.“

 

„Besser noch“, erwiderte Bucky. „Ich hab‘ beim Bau mitgeholfen.“

 

„S-sie meinen ... wow ... das ist ...“

 

„Ich an deiner Stelle würde loslegen.“ Mit dem Finger deutete Bucky auf den Notizblock und imitierte eine Schreibbewegung.

 

„O-okay, okay“, murmelte Peter sichtlich aufgeregt und schlug eine leere Seite auf.

 

Notes:

Ich mag Peter einfach. 🤗 Ihr auch?

Chapter 20

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Stark Tower

 

Als er erneut zu sich kam, fiel es ihm leichter, die Situation zu erfassen. Er wusste, wo er war und warum. Peter war nicht mehr im Raum und ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen, als Bucky daran dachte, wie eifrig der Junge gestern Abend die Informationen aufgesaugt hatte. Irgendwann musste Bucky jedoch eingeschlafen und Peter gegangen sein, ohne dass er selbst es mitbekommen hatte. In Gedanken führte er eine kurze Bestandsaufnahme durch. Er spürte, wie seine Kraft langsam zurückkam, und auch sein Geist klarer wurde. Trotzdem würde es noch dauern, bis er annähernd zu seiner alten Stärke zurückfinden würde. Seit seiner letzten erfolgreichen Flucht vor Hydra hatte er schon mehrfach solche Situationen durchgemacht, um es nun abschätzen zu können. Das machte es allerdings nicht gerade leichter. Einige Augenblicke später bemerkte er, dass sich noch jemand im Bett befand und blickte zur Seite. Links von ihm hatte sich Sarah an ihn gekuschelt, ihr Kopf lag auf seiner Schulter und obwohl ihre Augen geschlossen waren, schien sie nicht zu schlafen. Mit zittrigen Fingern strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht.

 

Von der Berührung aufgeweckt, blinzelte sie ihn müde an, ehe sich ihr Gesichtsausdruck aufhellte und sie ihn anlächelte. „Hi. Guten Morgen.“

 

„Hi“, erwiderte er mit rauer Stimme. Seine rechte Hand ruhte weiterhin auf ihrer linken Wange.

 

Keiner von beiden sprach etwas, und Stille umgab sie für einen kurzen Moment, in dem Bucky die Augen schloss und einfach nur die Anwesenheit von Sarah genoss. Schließlich holte er tief Luft und fragte, ohne die Augen zu öffnen: „Wie spät ist es?“

 

„Es ist kurz nach 8 Uhr.“

 

„Mhm-hm“, brummte Bucky. Er versuchte, sich etwas aufzurichten, doch Sarah war schneller und betätigte die Steuerung für die elektrische Rückenlehne. Während das Kopfteil in die Höhe fuhr, fragte er: „Das Ultimatum - es ist abgelaufen?“

 

„Ja, aber Tony schafft es immer wieder, die Frist hinauszuzögern. Gegen die ärztlichen Anweisungen von Cho, Raynor und Banner kommt auch Ross nicht an. Sofern er keinen politischen Eklat auslösen möchte, muss er sich an die Vorgaben der Ärzte halten.“ Sie ließ die Taste los und lächelte ihn an.

 

Das zu hören, beruhigte Bucky nur teilweise, denn so wie er das verstand, schien die Sache noch immer nicht abgeschlossen zu sein. „Was bedeutet-?“

 

„Lass uns nicht darüber reden, okay? Nicht jetzt.“

 

Diese Aussage gefiel ihm ganz und gar nicht, aber ändern konnte er im Moment nichts, daher fragte er: „Solltest du nicht bei den Jungs sein?“

 

„Sie sind noch beim Frühstück mit den anderen. Und später will Tony sie ins Labor mitnehmen. Wir werden sehen, ob das so eine gute Idee war oder ob sie hinterher auf Lebenszeit Zutrittsverbot haben werden.“ Ihr Schmunzeln wich einem ernsten Gesichtsausdruck. „Wie fühlst du dich?“, wollte sie leise von ihm wissen, während sie nach seiner Hand griff und diese leicht drückte.

 

Tief einatmend versuchte er kurz seine Empfindungen zu sortieren. „Besser. Aber nicht gut“, antwortete er wahrheitsgemäß, wenn auch etwas zögerlich, doch alles andere hätten keinen Zweck.

 

„Ich bin für dich da, Babe“, sagte sie. „Wir alle sind für dich da.“

 

Erleichterung machte sich bei ihm breit, aber die Scham überwog trotz allem und er konnte sie nicht ansehen. Noch bevor er irgendetwas anderes tun konnte, fühlte er ihre Lippen auf seinen. Sein Herzschlag erhöhte sich wieder, aber dieses Mal war nicht Panik der Auslöser. „Sarah“, flüsterte er zwischen zwei Küssen. Sie war sein Rettungsanker. Oft jedoch hatte er das Gefühl, ihr nicht gerecht werden zu können. Sie verdiente so viel mehr, als er ihr bieten konnte. Er war ihr nur eine Last. Ohne es zu bemerken, hatte er mitten in der Bewegung innegehalten.

 

Sarah setzte sich auf und sah ihn mit erhobenen Brauen an. „James?“, fragte sie alarmiert, wenn sie benutzte seinen Vornamen, wie immer, wenn es um ernste Themen ging.

 

„T-tut mir leid, ich ...“, stammelte er überrumpelt. „Es ist nicht ... nicht wegen dem hier“, schüttelte er den Kopf und versuchte, nach ihr zu greifen und gleichzeitig die richtigen Worte zu finden und seine Fassung nicht zu verlieren. Aber weder das eine noch das andere fiel ihm leicht. Beschämt richtete er den Blick durch die Fenster nach draußen, während er murmelte: „Ich mache euch allen nur Arbeit. Und bereite dir Sorgen. Das wollte ich nicht. Tut mir-“

 

„Bucky, bitte.“ Sie strich ihm über die Wange, brachte ihn damit dazu, sie anzusehen. „Bitte hör‘ auf dich für etwas zu entschuldigen, für das du nichts kannst.“

 

„A-aber ich ...“, stammelte er, „... ich hab‘ dir ... es ist ... du wusstest nichts von der Epilepsie ...“ Angespannt sog er Luft ein, unsicher, wie Sarahs Reaktion auf sein Geständnis ausfallen würde.

 

Sie blieb kurz stumm. Dann strich sie ihm über die Wange, wie sie es oft tat, um ihn zu beruhigen. „Das ist in der Tat wahr, aber ich mache dir deswegen keine Vorwürfe. Zum Glück war Peter während des Anfalls da und hat richtig reagiert.“

 

„Peter war dabei?“

 

„Ja, Dank seiner Hilfe ist dir nichts passiert, weil er wusste, was zu tun ist. Er hat seinen Rucksack benutzt, um zu verhindern, dass du dir den Kopf verletzt. Und er hat sich laut Steve souverän geschlagen. Auch die anderen waren voll des Lobes für ihn.“

 

Schweigend hörte Bucky zu. So redselig der Junge gestern gewesen war - davon hatte er überhaupt nichts erwähnt. Bucky nahm sich vor, sich für Peters Hilfe erkenntlich zu zeigen.

 

Noch immer ruhte ihre Hand auf seiner Wange als sie leise weitersprach. „Es wäre sicherlich kein so großer Schock gewesen, es im Vorfeld zu wissen. Daran können wir im Nachhinein nichts mehr ändern, aber wir können jetzt in Zukunft besser darauf reagieren.“

 

Ergriffen versuchte er, die Tränen wegzublinzeln. Doch es gelang ihm nicht. Schniefend atmete er durch den Mund aus. Seufzend ließ er den Blick sinken. Es fiel ihm noch immer nicht leicht, Schwäche zu zeigen und Hilfe anzunehmen, obwohl er jeden Tag aufs Neue erlebte, dass seine Freunde für ihn in allen Belangen da waren. Denn es gab da diese kleine, fiese Stimme in seinem Kopf. Und diese Stimme versuchte ihm immer wieder einzureden, dass er niemanden trauen konnte. Dass es niemanden gab, auf den er sich verlassen konnte. Dass sich niemand um ihn oder sein Wohlergehen scherte. Jahrzehnte des geistigen Missbrauchs konnte man nicht einfach so ablegen.

 

„Shhh-shhh“, machte Sarah nur und kuschelte sich wieder an seine Schulter. Ohne ihn direkt anzusehen, sagte sie: „Ich weiß, dass es es dich Überwindung kostet, aber dich anderen anzuvertrauen ist wichtig. Den ersten Schritt zu tun, ist unheimlich schwer, ich verstehe das. Wenn du nicht mit mir darüber reden kannst, dann vielleicht mit jemand anderem? Auch wenn es dir vielleicht nicht so vorkommt und ohne wie deine Therapeutin klingen zu wollen, aber reden hilft.“

 

Er schüttelte verneinend mit dem Kopf und seufzte erleichtert. Mit so viel Verständnis hatte er nicht gerechnet. Mit einem schiefen Grinsen meinte er: „Du klingst nicht wie Raynor. Eher wie Sam.“

 

„Auch gut. Du weißt, er hat Recht.“

 

„Manchmal. Nicht immer.“

 

„Das lass‘ ihn besser nicht hören.“ Sie reckte sich schmunzelnd etwas, um seine Nasenspitze zu küssen. Dann beugte sie sich über ihn und blickte ihm direkt in die Augen.

 

Diese Form der Kontaktaufnahme bescherte ihm eine Gänsehaut und er musste schwer schlucken. Das Grummeln ihres Magens Grummeln beendete die Situation auf ziemlich eindeutige Weise. „Du hast noch nicht gefrühstückt, oder?“

 

„Werde ich noch. Ich wollte erst nach dir sehen und dir die gute Nachricht selbst überbringen. Dr. Cho sagte, deine Werte sind gut und Shuri meinte, du wärst auf unserer Etage besser untergebracht. “

 

„Heißt das ...?“

 

„Ja, du hast die offizielle Erlaubnis, die Krankenstation zu verlassen. Wenn du willst, können wir gleich gehen.“

 

Hörbar sog Bucky die Luft ein, als er zu einer Erwiderung ansetzte: „Nichts lieber als das.“

 

Sarah rutschte vom Bett und ging zur Tür. „Steve wartet draußen, um uns zu begleiten.“ Sie sah ihn an, ganz so, als ob sie Widerworte erwartete, doch das hielt sie nicht davon ab, Steve ins Zimmer zu bitten.

 

Er war nicht überrascht das zu hören und einfach nur froh darüber, endlich von hier weg zu können. Ohne zu zögern schlug er die Bettdecke zurück, bereit aufzustehen, aber nachdem er seinen Oberkörper aufgerichtet hatte, bemerkte er, wie ihm schwindelig wurde.

 

Steve trat ein und war innerhalb von Sekundenbruchteilen an seiner Seite und bot ihm seine Hand an. „Immer langsam mit den jungen Pferden, Buck! Du warst zwei Tage außer Gefecht ... wäre schade, wenn du gleich wieder umkippst.“

 

Obwohl Bucky Steves Bemühungen zu schätzen wusste, schlug er das Angebot kopfschüttelnd aus.

 

„Komm schon“, beharrte Steve und griff nach Buckys Schulter.

 

„Danke Steve, aber ich komm‘ zurecht.“ Unwillkürlich bildete sich bei ihm eine Gänsehaut, als er Steves Hand auf seiner linken Schulter spürte und er sich unvermittelt gedanklich im Jahr 1936 wiederfand, als sie diese Diskussion nach der Beerdigung von Steves Mutter geführt hatten.

 

„Ja, nur ... ist das gar nicht nötig“, erwiderte Steve. „Ich steh‘ das mit dir durch, Kumpel.“

 

„Der Satz wird mir ewig nachhängen, hm?“

 

„Selber schuld“, grinste Steve, ehe er ihn eindringlich ansah. „Du warst immer für mich da, wenn ich Hilfe brauchte. Ist das nicht, was Freunde tun? Sich gegenseitig helfen?“

 

Ergriffen sah er in Steves Augen, die - anders als vor all diesen Jahren - jetzt kämpferisch blitzten und er musste den Kloß im Hals schlucken, ehe er seine rechte Hand auf die von seinem Kumpel legte, die noch immer auf seiner metallischem Schulterstück ruhte. „Okay.“

 

 


 

 

 

„Danke für ...“, Bucky sah über seine Schulter, als sie vor der Wohnungstür angekommen waren. Steve stand hinter ihm und war ihm die ganze Zeit nicht von der Seite gewichen, ganz offensichtlich wollte er sichergehen, dass ihm auf dem Weg zur Wohnung nichts passierte. Und um ehrlich zu sein, war die Idee nicht schlecht gewesen. Einen Rollstuhl zu benutzen hatte er kategorisch abgelehnt, aber er hatte sich die ganze Zeit über stützend bei Steve untergehakt, um während des Laufens nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „... deine Hilfe.“

 

„Kein Problem, hab‘ ich gern getan. Jederzeit wieder“, nickte Steve lächelnd. „Und solange du dich an den Medikamentenplan hältst, wirst du hoffentlich auch nicht mehr so schnell auf der Krankenstation landen.“

 

„Ich werde persönlich dafür Sorge tragen, dass er regelmäßig seine Tabletten nimmt.“ Sarah tätschelte sanft seinen rechten Oberarm.

 

„Was willst du als nächstes machen?“, fragte Steve, nachdem sie das Apartment betreten hatten.

 

„Ich würde gerne ... duschen ...“, fing er an, doch dann bemerkte er, dass dies in seinem derzeitigen Zustand gar nicht so einfach war. Aber es waren etliche Tage her, seit er das letzte Mal geduscht hatte und sich die Haare gewaschen hatte, ganz zu schweigen von der letzten Rasur.

 

„Okay“, nickte Steve, hakte sich erneut bei ihm ein und führte ihn den Flur entlang Richtung Bad.

 

Im ersten Moment war Bucky zu perplex, um darauf eine Erwiderung geben zu können. Die Selbstverständlichkeit, mit der Steve ihm seine Hilfe anbot, überforderte ihn gerade.

 

Steve schien seine Zurückhaltung zu bemerken. „Keine Sorge, ich werde nicht mit dir zusammen unter die Dusche steigen“, lachte er auf. „Wobei es nichts gibt, was ich nicht schon während der Armeezeit unter den Gemeinschaftsduschen gesehen hätte.“

 

„Oder ich kann dir-“

 

Mit einer Handbewegung bracht Bucky Sarah zum Schweigen. „I-ich kann nicht ... das ist alles ein bisschen viel ...“ Seufzend senkte er den Blick. „Ich brauche ... etwas Zeit für mich ... ich-“ So viel Aufmerksamkeit und Zuwendung ließen ihn gerade sehr unsicher werden und er spürte, wie seine Nervosität zunahm. Nach Jahrzehnten der Isolation kam er sich bei so viel Hilfsbereitschaft überrannt vor. Unter Hydra hatte man ihm solche Annehmlichkeiten nicht zugestanden. Zudem überkam ihn ein Gefühl der Scham wenn er daran dachte, dass Sarah ihn so sehen musste.

 

„Du bestimmst“, meinte Steve aufrichtig und wartete geduldig.

 

Nach einigem Hin und Her des stillen Debattierens, seufzte Bucky schließlich. „I-ist es okay, wenn ...“, er hoffte, nichts falsches zu sagen und sah verstohlen zu Sarah, „wenn Steve ...?“

 

„Das ist absolut in Ordnung, Babe“, versicherte Sarah ihm.

 

Steve sagte mit leiser Stimme: „Es gibt einen Hocker in der Dusche. Ich bleibe vor der Badezimmertür, nur für den Fall, okay? Dr. Cho meinte, die Störung deines Gleichgewichtssinns verschwindet wieder, sobald du wieder etwas an Gewicht zugelegt hast. Du hast in den letzten Tagen nicht genug Kalorien zu dir genommen. Dein Körper läuft gerade auf Sparmodus. Aber mit Sarahs Hilfe werden wir dich wieder hinkriegen, nicht wahr?“, erklärte er und warf Sarah einen vielsagenden Blick zu.

 

Sarahs Erwiderung kam prompt. „Natürlich! Ich werde mal nachsehen, was wir im Kühlschrank haben.“

 

„Mrs. Wilson?“ F.R.I.D.A.Y.s Stimme ertönte. „Dr. Cho hat mir eine Liste mit Gerichten gegeben, die für Sergeant Barnes infrage kommen. Soll ich diese aufzählen?“

 

„Welches davon geht am Schnellsten?“

 

„Die Rinderkraftbrühe ist bereits vorgekocht und müsste nur noch erhitzt werden. Mr. Stark war so frei und hat mehrere Portionen geordert und herbringen lassen.“

 

Sarah sah ihn an. „Wie klingt das?“

 

Bucky war überwältigt von so viel selbstlosem Einsatz und konnte nur nicken.

 

„Also, dann auf ins Badezimmer, danach gibts Essen“, meinte Steve.

 

Notes:

Happy Birthday, James Buchanan Barnes! 🥰🎂🎈

Chapter 21

Summary:

Heute wird das Geheimnis um den Vorfall in der Höhle gelöst!

Wie es Bucky dabei wohl ergehen wird?

Chapter Text

New York, Juli 2017

 

„Mit Ihrer Erlaubnis, Senator, würde ich gerne die Projektion starten.“ Matt Murdock wartete kurz, ehe er Foggy ein Handzeichen gab. „Mit Hilfe eines neu entwickelten Computerprogramms ist es dem Team von Dr. Cho gelungen, Erinnerungen zu visualisieren. Was Sie gleich im Anschluss sehen werden, basiert auf den Erkenntnissen der neuesten neuronalen Grundlagenforschung.“

 

Wie genau Tony es geschafft hatte, die Daten in Rekordzeit aufzuarbeiten wusste Bucky nicht, aber er froh, dass es nun voranging. Die Zeit der Ungewissheit machte vor allem ihm selbst zu schaffen und je schneller der Rat zu einer Entscheidung kam, desto besser. Daher hatte Matt in einem Eilantrag gebeten, eine Anhörung zu ermöglichen. Noch vor zwei Tagen hatten sie alle am Abend zusammen ein Baseball-Spiel geschaut, und jetzt war der Moment gekommen, an dem andere über seine Zukunft entscheiden würden.

 

Die ersten Sequenzen erschienen und zeigten den Eingang zu einer Höhle. Der Weg führte weiter ins Innere, bis ein Geröllhaufen den Durchgang unpassierbar machte. Dann rückte ein Mann in den Fokus, der mit einem Gewehr im Anschlag unter Zuhilfenahme einer Taschenlampe die Umgebung absuchte.

 

„Das ist Michael Wiggins“, erklärte Matt, der offenbar ein phänomenales Timing hatte, um die einzelnen Abschnitte problemlos zu kommentieren. „Ich möchte darauf hinweisen, dass dies alles aus Sicht meines Mandaten Sergeant Barnes dargestellt wird.“

 

Als nächstes wurde deutlich, dass es aus der Höhle keinen anderen Weg hinaus gab und Bucky in der Falle saß. Man konnte seine blutverschmierte rechte Hand sehen, die gegen seine linke Schulter drückte, aus der eine Pfeilspitze ragte.

 

„Zu diesem Zeitpunkt war Sergeant Barnes durch die Verletzung schon erheblich geschwächt und nicht mehr in der Lage, den linken Arm zu bewegen.“

 

Ein Handgemenge folgte, nachdem sich Michael auf Bucky stürzte. Die nachfolgenden Aufnahmen wirkten chaotisch, es schien, als lag Bucky zeitweise auf dem Rücken, dann wieder auf dem Bauch.

 

„Beachten Sie bitte auch die Stellen, an denen es scheint, als würde es komplett dunkel in der Höhle werden. Dabei handelt es sich tatsächlich um Black-Outs. Dr. Cho konnte nachweisen, dass in diesen Momenten die rationale Seite von meinem Mandaten sozusagen ausgeknockt wurde und es so zu den Gedächtnislücken kam. Das war immer dann der Fall, wenn man unbeabsichtigt oder aus Kalkül heraus den Pfeil berührte und somit die verletzten Nervenstränge immer noch mehr reizte, bis es zu einer Überschussreaktion kam. Aufgrund dessen wurden alte Traumata wieder aktiviert, die durch das wiederholte jahrzehntelange Löschen großflächiger Hirnareale verursacht wurden. Es war für Sergeant Barnes‘ Gehirn so, als würde der Löschungsprozess erneut eingeleitet werden.“

 

Die nächste Abfolge zeigte wie der Mann von Bucky in den Schwitzkasten genommen und so lange gewürgt wurde, bis dieser bewusstlos in sich zusammensackte.

 

„Während mein Mandant sich gegen Michael Wiggins zur Wehr setzte, kam Frank in die Höhle und in den Besitz des Jagdmessers, das Sergeant Barnes bei sich trug. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich mein Mandant rein körperlich verteidigt, ohne die Zuhilfenahme irgendwelcher Waffen. Das Messer muss während der Auseinandersetzung auf den Boden gefallen sein. Frank hat es an sich genommen, um es gegen Sergeant Barnes einzusetzen.“

 

Als die Sequenz fortgeführt wurde, stürzte sich ein anderer Mann auf den am Boden liegenden Bucky, dessen rechte Hand gegen den Hals des Angreifers ging. Der Mann hielt einen Stein in der erhobenen Hand, allem Anschein nach bereit, zuzuschlagen.

 

„Dieser Mann, das spätere Opfer, ist Thomas ‚Tommy‘ Caldwell. Er war die treibende Kraft des Trios und hatte im Vorfeld mit einer Armbrust auf Sergeant Barnes geschossen und ihn damit schwer verletzt. Caldwell war darauf aus, meinen Mandant gegen Zahlung eines Kopfgeldes in die Hände ausländischer Verbrecher auszuliefern, die durch die vorausgegangene Berichterstattung über Anthony Starks Verschwinden aufmerksam geworden waren. Wie Sie sehen können, versucht er, Sergeant Barnes mit einem Stein außer Gefecht zu setzen. Zwei Mal hat er ihn am Kopf getroffen. In einem letzten Akt der Verzweiflung gelang es meinem Mandaten jedoch, sich aufzurichten, seinen Oberkörper zu drehen und Mr. Caldwell im Gegenzug auf den Boden zu drücken. Mr. Caldwell aber machte sich den Umstand zu Nutze, dass Sergeant Barnes durch den beträchtlichen Blutverlust nicht mehr in der Lage war, sich längerfristig effizient zu verteidigen. So kam es, dass Mr. Caldwell es schaffte, wieder die Oberhand zu gewinnen und ihn niederzuringen.“

 

Man konnte sehen, wie sich die beiden hin- und her wälzten, bis es zu einem abrupten Aufbäumen von Caldwell kam und dieser mit weit aufgerissenen Augen auf Buckys Brust fiel. Hinter Caldwell stand Frank mit einem Ausdruck der Verwunderung im Gesicht. Danach wurde es schwarz.

 

„Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass sich die eidesstattlichen Aussagen von Michael und Frank Wiggins mit den Daten decken, die Dr. Raynor im Zuge der Untersuchung meines Mandaten ermittelt hat. Tommy Caldwell starb nicht durch die Hand von Sergeant Barnes, sondern durch die von Frank Wiggins, der danach flüchtete und von seinem Bruder gedeckt wurde, indem dieser die Aussage zunächst verweigerte und später bewusst die Schuld auf meinen Mandaten schob. Mit Hilfe der Herren Wilson, Parker, Lang und Barton gelang es uns jedoch, Frank ausfindig zu machen und den Behörden zu übergeben. Den ausführlichen Bericht zu dem Vorfall, zusammen mit dem offiziellen Gutachten, haben Sie im Vorfeld von uns bereits erhalten.“ Matt Murdock schloss sein Plädoyer mit sichtlicher Hingabe. „Basierend auf den Berichten ist davon auszugehen, dass Mr. Caldwell durch einen tragischen Zwischenfall ums Leben kam und nicht vorsätzlich ermordet wurde. Dies darf jedoch nicht davon ablenken, dass die drei Männer während der Auseinandersetzung durchaus gewillt waren, Sergeant Barnes weitere Verletzungen zuzufügen oder gar den Tod von ihm billigend in Kauf genommen hätten, als sie ihn angriffen und er dadurch gezwungen war, in Notwehr zu handeln.“ Matt legte eine kurze Pause ein. „Das war nicht das Werk des Winter Soldiers. Das, was wir gesehen haben, war der Überlebenskampf von James Buchanan Barnes, der sich aufgrund eines heimtückischen Angriffs auf sein Leben folgerichtig zur Wehr gesetzt hat. Und all das, weil eine Terror-Organisation sich die Fähigkeiten des Winter Soldiers zunutze machen wollte. Doch die Aufnahmen sind ein weiterer Beweis dafür, dass die Programmierung des Winter Soldiers nicht mehr vorhanden ist.“ Dann ging er zurück zum Tisch, an dem Bucky saß und setzte sich.

 

Der vorsitzende Senator des Rats nickte schweigend, während er die Blätter des Gutachtens kurz durch die Finger gleiten ließ, das vor ihm auf dem Tisch lag. „Die Umstände des Vorfalls haben Beachtung gefunden.“ Es herrschte kurz Stille im Saal.

 

Bucky fuhr nervös mit dem Zeigefinger am Hemdkragen und der gebundenen Krawatte herum, die ihm die Luft abzudrücken schien. Um sich irgendwie zu beruhigen, nestelte er geistesabwesend an den Knöpfen seiner Uniform herum. So nervös hatte er sich noch nie zuvor gefühlt. Er warf einen kurzen Seitenblick zu Sarah, die hinter ihm saß. Auch Steve war zugegen, sowie Dr. Cho und Dr. Raynor. Für ihn war es nicht das erste Mal, dass er zusammenhängende Bilder von den Abläufen in der Höhle sah, aber das machte es für ihn nicht leichter. Obwohl die Ausführungen von Murdock Sinn machten, fühlte er seinen Puls rasen, als alle Anwesenden gespannt darauf warteten, wie sich der Senator äußern würde.

 

Der Senator machte eine kurze Pause, ehe er von den Papieren aufsah und Bucky mit einer Handbewegung andeutete, aufzustehen.

 

Tief Luft holend kam Bucky der Aufforderung nach. Matt tat es ihm gleich.

 

„Sergeant James Buchanan Barnes“, fing der Senator an und wartete kurz, „dieser Rat spricht unter Berücksichtigung aller uns vorliegenden Fakten die Empfehlung aus, von weiteren gerichtlichen Schritten abzusehen und die Mordanklage gegen Sie fallenzulassen.“

 

Triumphierend nickte Matt und tätschelte Buckys Schulter.

 

„Weiterhin sprechen wir uns aufgrund Ihrer beispielhaften Dienste um unser Land in der Vergangenheit dafür aus, dass dieser Vorfall keinerlei Auswirkungen auf die bereits bestehende Rehabilitation haben soll. Die Bezüge werden weiterhin ausbezahlt und Sie behalten Ihren Dienstrang. Sie können sich äußerst glücklich schätzen, Sergeant Barnes, so zahlreiche Unterstützer zu haben.“

 

Es dauerte etwas, bis er bemerkte, dass Sarah an seiner Seite war und ihm einen Kuss nach dem anderen auf die frisch rasierte Wange drückte. Auch wenn es für die Anhörung nicht nötig gewesen wäre, hatte er seine alte Uniform angezogen und sich den Vollbart abrasiert. Wenn er schon verurteilt werden sollte, dann immerhin mit Anstand und Ehrgefühl. Der einzige Unterschied zum Jahr 1943, als er die Uniform zuletzt getragen hatte, war die Tatsache, dass ihm jetzt der linke Arm fehlte und der leere Ärmel hinter dem Gürtel steckte, um nicht störend herabzuhängen.

 

Sarahs Erleichterung war nicht zu übersehen. „Dich trifft keine Schuld.“

 

Diese Aussage zu hören, brachte viele Erinnerungen zurück. Nie im Leben hätte er es für möglich gehalten, welche Bedeutung diese Worte für ihn haben würden. In so vielerlei Hinsicht. Ergriffen saß er einfach nur da und blinzelte gegen die Freudentränen an.

 

Matt streckte ihm die Hand hin. „Wir haben es geschafft.“

 

So ganz siegessicher fühlte sich Bucky indes nicht, auch wenn er zur Bestätigung dessen Hand ergriff. „Das endgültige Urteil steht noch aus.“

 

„Das ist nur noch Formsache. Für gewöhnlich folgt das Gremium den Empfehlungen des Rates.“

 

Steve klopfte ihm auf die Schulter. „Lass‘ uns gehen.“

 

 


 

Kurz vor der Tür blieb Steve stehen und deutete mit erhobener Hand an, stehenzubleiben. „Tony hat gesagt, er sorgt dafür, dass die Reporter auf Abstand bleiben.“ Anscheinend wollte er sich aber trotzdem versichern, dass dem auch wirklich so war. Nachdem er einen prüfenden Blick nach draußen auf den Flur geworfen hatte, nickte er zufrieden und winkte sie zu sich.

 

Bucky war noch so überfordert von der Situation, dass er gar nicht richtig mitbekam, was um ihn herum geschah. Dankbar hakte er sich bei Sarah ein und ließ sich widerstandslos von ihr führen. Er wollte einfach nur von hier weg und seine Ruhe haben.

 

Auf dem Gang kam ihnen Happy entgegen. „Wir nehmen den Hinterausgang. Tony hat der Meute eine Pressekonferenz am Haupteingang versprochen.“

 

„Tony ist hier?“, fragte Steve verwundert.

 

„Nein, aber das wissen die ja nicht“, antwortete Happy schulterzuckend und mit einem süffisanten Unterton in der Stimme. Ohne weitere Worte zu verlieren, deutete er ihnen an, ihm zu folgen.

 

Auf halbem Weg kamen sie an den Toiletten vorbei. „Oh, könntet ihr bitte kurz warten?“, fragte Sarah und betrat dann den Raum.

 

Die Gruppe versammelte sich etwas abseits an der gegenüberliegenden Wand. Bucky ging noch ein paar Schritte weiter und gestattete sich, zum ersten Mal seit zwei Wochen, tief durchzuatmen, als er sich einfach mit dem Rücken zur Wand auf den Boden setzte. Mit angewinkeltem rechten Bein, das linke ausgestreckt, versuchte er mit geschlossenen Augen, durch mehrmaliges ein- und ausatmen seine flatternden Nerven zu beruhigen. Erst nach und nach wurde ihm die Tragweite der Entscheidung des Rates bewusst. Und dass er es ohne die Hilfe seiner Freunde nicht geschafft hätte.

 

„Alles klar, Kumpel?“

 

Ohne aufzusehen, nickte er bei Steves Frage einfach und spürte kurz dessen Hand auf seiner Schulter. Die vergangenen Wochen hatten ihm einiges abverlangt und jetzt fühlte es sich so an, als ob man ihm all seine Energie auf einen Schlag genommen hätte. Gleichzeitig hing trotzdem alles noch in der Schwebe, denn wie er Matt bereits gesagt hatte, war nicht die Meinung des Rates entscheidend für sein zukünftiges Schicksal, sondern der Beschluss des Gremiums des Weltsicherheitrates. Diese Unsicherheit machte ihm momentan sehr zu schaffen. Alles, was er sich bis hierhin erarbeitet hatte, war bedroht. Und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.

 

„Hi, Babe.“ Sarahs sanfte Stimme ließ ihn aufsehen.

 

„Hi“, brachte er so leise über die Lippen, dass er sich selbst nicht sicher war, ob er das Wort auch tatsächlich ausgesprochen hatte. Im Hintergrund hörte er, wie Steve die anderen von ihnen weg lotste. Als nächstes spürte er Sarahs Finger an seiner Wange. Diese sanfte Berührung ließ sein Kinn zittern und ihm stiegen die Tränen in die Augen, die er schnell wieder mit dem Handballen wegwischte. Ein Klickgeräusch ließ ihn hochfahren. So schnell, dass Sarah erschrocken zusammenzuckte. Innerhalb von Millisekunden war sein Körper in Kampfbereitschaft, während er sich gleichzeitig schützend vor Sarah stellte. Suchend sah er sich um und entdeckte einen Reporter einige Meter entfernt, der mit einer Kamera unentwegt Bilder von ihnen schoss. „Hey!“, rief er ihm entgegen. Diese Mal war seine Stimme schneidend scharf und ließ keinen Raum für Spekulationen. „Hör‘ auf damit!“

 

Doch das Gegenteil war der Fall und es klickte weiter. Zudem erschien ein zweiter Mann mit einer Filmkamera. „Halt drauf!“ Noch ein Reporter tauchte auf, bewaffnet mit Mikrofon.

 

Behände setzte sich Bucky in Bewegung, die Einwände von Sarah ignorierend und steuerte auf die Gruppe zu. „Ich sag’s nicht noch einmal“, grollte er ihnen entgegen. Breitschultrig baute er sich von dem Mann mit dem Mikrofon auf.

 

„Wie ist Ihre Stellungnahme zu-“

 

Wutentbrannt riss ihm Bucky das Mikrofon aus der Hand. „Du willst eine Stellungnahme?“ Schwungvoll donnerte er das Mikrofon gegen die nächste Wand, an der es in zahllose Teile zersplitterte. „Da hast du meine Stellungnahme!“

 

„Lassen Sie mich bitte in Ruhe.“

 

Als er Sarahs Stimme hörte, fuhr Bucky herum und sah, wie sich ihr andere Journalisten näherten. Sofort eilte er ihr zur Hilfe. „Weg von ihr!“ Ohne Rücksicht auf Verluste schnappte er sich den ersten Mann und hob ihn ein paar Zentimeter in die Höhe.

 

„Buck! Hör‘ auf!“ Steve packte sein Handgelenk und sah ihm direkt in die Augen.

 

Mit mahlendem Kiefer und schwer atmend erwiderte Bucky den Blick für einige Sekunden, ehe er den verängstigten Mann wieder auf dem Boden absetzte.

 

Zusammen mit Happy scheuchte Steve die restlichen Journalisten weg. „Hier gibt es nichts zu sehen!“

 

Kurz war noch Gemurmel und ein paar Einwände seitens der Reporter zu hören, doch dann packten sie ihre Sachen ein und zogen sich zurück.

 

„Und jetzt nichts wie weg von hier.“ Happy winkte sie mit schnellen Handbewegungen zur Tür.

 

 


 

Die Fahrt zurück hatte niemand von ihnen viel gesprochen. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Buckys Blick war die meiste Zeit über nach draußen gerichtet, während Sarah ununterbrochen seine Hand hielt. Ihm war klar, dass er mit seiner Aktion vorhin womöglich alles zunichte gemacht hatte, wofür sie alle in den letzten Wochen so hart gekämpft hatten. Und das Wissen darum machte ihn beinahe wahnsinnig. Wütend über sich selbst, presste er schweigend die Lippen fest aufeinander.

 

„Im Tower haben wir unsere Ruhe“, meldete sich Happy zu Wort, als er das Eingangstor zum Gelände passierte, wo sich erwartungsgemäß eine Reporterschar versammelt hatte. „Die sind schnell, das muss man ihnen lassen.“

 

Nachdem Happy den Wagen geparkt hatte, stiegen sie alle in den Aufzug, der sie nach oben beförderte. Als sich die Türen öffneten, stand Tony davor und wartete, bis alle die Kabine verlassen hatten. Dann nahm er Bucky zur Seite. „Hab‘ gehört, was passiert ist. Tut mir leid, ich dachte, ich hätte sie alle geködert.“

 

„Is‘ nich‘ deine Schuld“, murmelte Bucky, noch immer zerknirscht über seinen Ausraster. Trotzdem fügte er aufrichtig hinzu: „Danke für deine Hilfe.“

 

Mit einem Kopfnicken legte er seine Hand auf Buckys Schulter. „Es ist alles geregelt. Und das Mikrofon von dem Kerl wird auch ersetzt. Alles easy. Komm‘ mit. Ich will dir was zeigen.“

 

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, Stark.“ Ihm stand nicht der Kopf nach ... was immer sein Gegenüber auch im Sinn hatte.

 

„Oh, ich glaube schon.“ An die anderen gewandt sagte er: „Fühlt euch ganz wie zuhause.“ Im Anschluss daran schob er Bucky einfach zurück in den Aufzug, der nach kurzer, schweigsamer Fahrt erneut die Türen öffnete. „Auf gehts“, sagte er und ging voraus.

 

Zögerlich kam er der Einladung nach und war nach wie vor erstaunt über die Ausstattung, obwohl er es mittlerweile gewohnt sein müsste. Langsam sah er sich um und erblickte Gerätschaften, deren Sinn und Anwendungsmöglichkeiten seine eigene Vorstellungskraft bei weitem überschritt.

 

„Wie ich höre, hat der Rat zu deinen Gunsten entschieden.“

 

Er drehte sich zu Tony hin und nickte. „Aber nachdem, was vorhin passiert ist ...“

 

„Ach, papperlapapp. Was ist denn passiert? Nichts außer einem zertrümmerten Mikrofon. Und das ist für unsere Verhältnisse geradezu lächerlich.“

 

„Es gibt Aufnahmen davon“, wandte Bucky stirnrunzelnd ein und verstand nicht, wie Stark so unbekümmert sein konnte.

 

„Aufnahmen? Nein.“ Stark grinste. „Ich sagte schon, es ist alles geregelt. Man muss immer einen Plan B haben.“ Nach einer gewiss von ihm gewollten theatralischen Pause meinte er schulterzuckend: „Was kann ich dafür, dass im Gebäude vorhin eine elektromagnetische Entladung stattgefunden hat und dummerweise alle Datenträger gelöscht wurden?“

 

Abwägend kniff Bucky die Augen zusammen. „Wenn du es schon so formulierst: Wohl eine ganze Menge.“ Wollte er im Detail wissen, was genau Tony da wieder abgezogen hatte? Nein. Manche Dinge blieben am Besten unerwähnt. Fest stand nur - wieder einmal hatte Stark ihn aus der Bredouille gezogen. Dann ging er auf ihn zu und hielt ihm die Hand hin, denn ihm lag etwas sehr am Herzen. Obwohl er die Sätze im Geiste bereits unzählige Male durchgegangen war, brauchte er einen Moment. „Ich ... möchte dich um Verzeihung bitten. Für das, was ich dir und deiner Familie angetan habe. I-ich weiß, dass ich das nie wieder gutmachen kann und bereue alles zutiefst ... ich wünschte, ich hätte mich damals mehr zur Wehr gesetzt. Vielleicht ... wenn ich mehr dagegen angekämpft hätte, als sie mir das Gedächtnis löschten ... aber-“

 

Tony hob die Hand und brachte ihn damit aus dem Konzept. „Vielleicht, wenn und aber ...“ Er schüttelte den Kopf. „In den vergangenen Tagen haben wir viel voneinander gelernt. Ich womöglich mehr über dich, als dir und mir selbst lieb sein könnte. Es ehrt mich, dass du dich entschuldigen möchtest. Allerdings ich kann die Entschuldigung nicht annehmen.“

 

Bucky schluckte. Langsam zog er seine Hand zurück. Enttäuschung machte sich bei ihm breit, aber hatte er wirklich Vergebung von dem Mann erwartet, dessen Eltern er brutal getötet hatte? Viel blieb ihm nicht mehr zu sagen, doch ob es überhaupt noch etwas bringen würde den Versuch zu starten, sich zu rechtfertigen? Er zuckte unweigerlich zusammen, als Tony vor seinen Augen mit den Fingern schnippte.

 

„Noch da? Bei dir weiß man nie, ob da oben noch alles so funktioniert wie es soll“, meinte er mit gerunzelter Stirn. Jetzt war er es, der die Hand nach ihm ausstreckte. „Ich kann deine Entschuldigung nicht annehmen, ehe du meine nicht annimmst. Ich habe dir lange Zeit Unrecht getan und das tut mir leid.“

 

Schweigend blickte Bucky zunächst auf Starks Hand, dann in dessen Gesicht.

 

„Wird das jetzt ein Anstarr-Wettbewerb? Sam hat mich schon vor so was in der Art gewarnt. Ach komm‘ schon, Barnes.“

 

„Mein Name ist Bucky.“ Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen nahm er Tonys Hand in seine und schüttelte sie.

 

„Meiner ist immer noch Mr. Stark, aber ich will mal nicht so sein und lasse Tony durchgehen.“ Er trat einen Schritt zurück. „Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, hast du mir das Leben gerettet. Wenn du nicht gewesen wärst ... könnte ich Pepper und Morgan nicht mehr in die Arme nehmen. Danke.“

 

„Ich möchte mich auch bei dir für deine Hilfe bedanken, ohne die ich wohl nicht aus der Sache rausgekommen wäre.“

 

Einen Moment lang standen sie schweigend da, keiner schien zu wissen, was man als nächstes tun sollte. Unschlüssig sahen sie einander an, ehe Tony mit den Augen rollte und dann seufzend die Arme ausbreitete: „Na, komm‘ schon her, alter Knabe.“

 

Notes:

Ich würde mich freuen, wenn ihr eure Gedanken mit mir teilt und mir einen Kommentar hinterlasst.