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Als Don Camillo in der Dunkelheit mit seinem kleinen Feldaltar und dem Wachposten im Lager ankommt, ist die Stimmung gedrückt. Die Männer sehen zermürbt, müde und bedrückt aus.
„Was ist?“, fragt Don Camillo flüsternd, als er Peppone in einem Unterstand findet, Smilzo halb auf dem Schoß des Kommunisten zusammengerollt und unruhig schlafend. Obwohl er nur ein paar Jahre jünger ist, sieht er dürr aus wie ein Jugendlicher. Peppone hat eine Pranke schützend auf die schmächtige Schulter gelegt und sieht besonders grimmig aus. Eine Pfeife steckt in seinem Mund, auf der er wütend herumkaut, aber rauchen tut er nicht; der Tabak ist leer.
„Brusco hat’s erwischt“, murrt Peppone, aber er hütet sich, nicht zu laut zu sprechen. Betroffen lässt sich Don Camillo neben ihn auf die dünne Matratze sinken. Plötzlich versteht er die gedrückte Stimmung im Lager. Einen Moment schweigen sie beide, ehe Peppone wieder anhebt.
„Smilzo war mit dabei“, meint er leise und streichelt dem jungen Mann auf seinem Schoß über die Schulter. „Er ist noch weggekommen. Fix ist er, wenn’s drauf ankommt. Er und Brusco sollten eigentlich eine Falle aufbauen und wurden von drei Deutschen überrascht. Brusco war auf der Straße draußen, Smilzo im Gebüsch. Wenn sowas ist, dann haben wir ihm eingebläut, dass er ab soll, nicht bleiben und helfen wollen. Viel kann er ja nicht ausrichten, er würde sich nur in Schwierigkeiten bringen. Ausnahmsweise hat er drauf gehört. Also war’s Brusco gegen drei Mann.“
Hier macht er eine kurze Pause.
„Wir haben die Explosion bis hier hoch gehört.“
Don Camillo fühlt bei den Worten einen kalten Schauer seinen Rücken hinuntergehen.
„Als wir nach einer Stunde hin sind, haben wir nur seine Mütze gefunden. Das war vor drei Tagen.“
Peppones Stimme hört sich rau an als müsse er gegen einen Kloß in seinem Hals ankämpfen. Don Camillo senkt den Blick.
„Dann wird es eine Trauermesse heut Nacht“, murmelt er „Er war ein guter Mann. Auch wenn wir ihn nicht beerdigen können, so können wir doch Gott bitten, ihn bei sich aufzunehmen.“
Peppone nickt nur stumm, also erhebt sich Don Camillo, um seinen kleinen Feldaltar aufzubauen. Es dauert nicht lange, ehe die Partisanen einer nach dem anderen in den kleinen Unterstand kommen, ihre Hüte und Mützen abnehmen und die Hände vor sich falten. Sogar Gisella ist da, die kurz vor ihrem Verschwinden in den Bergen exkommuniziert worden war. Unten im Tal hätte Don Camillo sie nicht teilnehmen lassen, aber da sie in den Bergen oben sind, um für die Freiheit ihres Landes zu kämpfen und um jetzt einem gefallenen Kameraden die letzte Ehre zu erweisen, sagt er nichts.
„Meine Brüder und Schwestern“, begrüßt Don Camillo die Versammelten und betrachtet sie einer nach dem anderen im schwachen Schein der wenigen Kerzen, die er angezündet hat. Sie sehen niedergeschlagen aus, aber erblicken das Kreuz des Feldaltars mit hoffnungsvollen Augen. Don Camillo öffnet sein Psalmenbüchlein an einer anderen Stelle als bei einer üblichen Messe; er hat sich einen besonderen Psalm für Bruscos letzte Ehrerweisung ausgesucht. Auch wenn er und der Barbier sich oft nicht gut verstanden, so hatte Don Camillo ihn und seinen Tatendrang immer respektiert. Es schmerzt, jetzt schon eine Trauerfeier für ihn abzuhalten.
Während der Messe bleibt kaum ein Auge trocken. Smilzo, der ausnahmsweise nicht als Messdiener herhalten muss, schnieft lautstark, wofür Gisella ihm normalerweise abwertende Blicke zuwerfen würde, aber diesmal steht auch sie mit einem Tuch in der Hand da und tupft sich die Augen. Schließlich tritt Peppone an Don Camillo heran.
„Wenn ich auch noch kurz ein paar Worte sagen dürfte?“, fragt er leise.
„Natürlich“, antwortet Don Camillo und überlässt ihm seinen Platz vor dem kleinen Altar.
„Brusco“, beginnt Peppone seine kleine Rede, die immer wieder unterbrochen wird, weil er nicht weiterzureden vermag „war mein bester Freund. Er war immer treu und voller Tatendrang. Wo andere gezögert haben, hat er kein Blatt vor den Mund genommen… das hat uns zwar ab und an in Schwierigkeiten gebracht, aber er hat uns auch den Mut gegeben, unser Vaterland zu beschützen. Gegen die Faschisten im eigenen Land und gegen die Deutschen. Möge er uns weiter die Kraft geben für ein freies It-“
Mitten im Satz bricht er ab und starrt wie gebannt an seinen Kameraden vorbei auf den Eingang des Zeltes. Don Camillo, der für die kleine Rede seinen Blick gesenkt hat, hebt ihn nun und sieht ein wenig fragend umher bis auch er findet, was Peppone sieht.
„Brusco!“, entfährt es ihm. Plötzlich ist alles in Bewegung, die Versammelten drehen sich um, erkennen ihren Genossen wieder, und alle strömen zu ihm, um ihn begrüßen.
Brusco sieht übel zugerichtet aus. Er hat ein blaues Auge – von den Augenringen ganz zu schweigen, die so stark sind, dass sogar das schwache Kerzenlicht sie nicht vertuschen kann – , viele Kratzer, etwas Blut an der linken Schläfe und stützt sich schwer auf ein Gewehr. Als Smilzo sich ihm vor Freude um den Hals wirft, kippt er geradewegs zur Seite weg.
Sofort sind ein paar Männer aufgesprungen, um ihn aufzufangen, ehe er auf dem Boden aufschlagen kann.
„Bruder!“, entfährt es Gisella und lässt sich neben ihn auf die Knie sinken. Mit dem Sanitäter beginnt sie nach Wunden zu suchen. Don Camillo weiß genau, dass Brusco nicht ihr Bruder ist, sondern, dass dies der Ausdruck großer Verbundenheit und Bewunderung ist; die höchste Ehre, die eine Frau wie Gisella einem Manne zu geben vermag. Auch Brusco weiß das, denn er lächelt zu ihr herauf und drückt ihre Hand. Der Sanitäter murrt derweil unzufrieden vor sich hin.
„Platzwunde an der Schläfe, sonst aber in Ordnung“, sagt er auch schließlich „Wir müssen die Wunde an der Schläfe säubern, sonst wird sie sich bald entzünden.“
Ein Mann läuft los, um die Tasche des Sanitäters zu holen. Kaum ist er zurück, setzt man Brusco hin, gibt ihm etwas zu trinken und fragt ihn über die letzten Tage aus, während der Sanitäter seine Arbeit tut.
Zuerst brummt Brusco nur, aber dann spricht er doch. Seine Stimme hört sich kratzig an, als hätte er kaum etwas getrunken und fast nichts gesprochen die letzten Tage.
„Einen hab ich kalt gemacht“, erklärt er dann „Dann hat einer eine Granate gezogen. Er stand aber zu nah dran, hat nicht weit genug runtergezählt, damit er selber noch wegkommen würde. Hab die Granate weggekickt. Hat ersten Soldat zerfetzt. Die zwei anderen haben mich dann übermannt und mitgenommen. Die sind von einem fünfzehn-Mann-Lager nordöstlich von hier, unterhalb der Kapelle Madonna delle Nevi. Bin von dort mit zwei anderen Gefangenen abgehauen, zuerst talwärts. Beides Partisanenverbündete. Einer von der anderen Talseite, der andere direkt vom Gardasee. Falls wir was brauchen, hat er mir gesagt, wie wir ihn finden können.“
„’Nen ganzen Tag von der Madonna delle Nevi bis hier her?“, fragt da einer „Da hast du aber lang gebraucht.“
Zur Antwort deutet Brusco auf die inzwischen verarztete Stelle an seiner Schläfe.
„Das hat mir ein bisschen zu schaffen gemacht. Und außerdem wollte ich nicht gleich die Faschisten oder gar die Deutschen hierher führen“, erklärt er. Das leuchtet seinen Genossen ein.
„Brusco“, sagt Peppone endlich und hört sich dabei ungemein erleichtert an „Gut, dass du es wieder zurück geschafft hast.“
