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all the poor decisions.

Summary:

Adam in den Jahren zwischen dem Spatenschlag und seiner Rückkehr nach Saarbrücken.

Work Text:

Der Job im Restaurant ist beschissen, aber sein Chef hat nicht nach seinem Alter gefragt und er bekommt den Lohn jeden Freitag bar auf die Hand, also kann er gut davon leben. So gut wie er es eben mit 19 kann, wenn seine Vorstellung von einem Festmahl die große Quattro Stagioni ist. Außerdem darf er das Trinkgeld behalten und das ist gut, weil er bei den Frauen mittleren Alters irgendwas auslöst, das ihn kotzen lassen würde, wenn er genauer darüber nachdenken würde, also lässt er es und schiebt sich die 5€ Scheine trotzdem tief in die Tasche seiner zerbeulten Leinenhose.

Abends sitzt er am Strand, in der Hand und schon halb in seinem Kopf eine Flasche Lambrusco, die ihm Denise? Jenny? Vom Animationsteam ausgegeben hat und die sie sich eigentlich teilen wollten, aber sie telefoniert seit einer halben Stunde mit ihrem Freund, der im verregneten Deutschland sitzt und dem Tonfall mit dem Denise? Jenny? Nein, Janina jetzt erinnert er sich, mit ihm spricht nach zu urteilen, nicht einverstanden ist, dass seine Freundin in Italien jobbt. Also hat sich Adam mit dem Wein und der halben Pizza, es sind noch die beiden Stücke mit Artischocken und Sardellen übrig, an den Strand verzogen. Da wo jetzt die zusammengeklappten Sonnenschirme im Wind rauschen und die Wellen stärker sind als noch am Nachmittag. Ein paar Boote ankern in der Bucht und die Stimmen und die Musik wehen immer wieder zu ihm herüber, aber trotz des Windes ist es noch warm genug, dass es angenehm ist hier zu sitzen. Adam zieht das Handy hervor, das ihm Josh geschenkt hat, bevor er nach Australien zurück ist, weil er nicht noch einen Winter in Europa verbringen wollte, lieber endlosen Sommer auf der Südhalbkugel. Der Bildschirm ist zerkratzt, aber es ist immer noch hundertmal besser, als das Telefon, das Adam vorher hatte. Der Bildschirm flammt hell auf, sticht in seinen Augen und so kann er glücklicherweise nicht direkt die Uhrzeit und das Datum sehen, obwohl er natürlich genau weiß welches beschissene Datum heute ist. Leo wird heute achtzehn. Sein Leo mit dem er eigentlich hier sitzen sollte und mittelmäßigen Wein trinken sollte oder sogar ganz okayen Wein, weil Leos Eltern ihm bestimmt vor der Abfahrt einen fünfzig Euro Schein in die Hand gedrückt hätten, als Reserve und damit er sich was gönnen kann zwischendurch. Aber jetzt sitzt Adam hier alleine am Strand, starrt das Datum an und hasst sich. Es ist noch nicht spät, er könnte Leo anrufen. Die Nummer kann er immer noch auswendig, aber um was zu sagen?

Du Leo Sorry. Ja alles blöd gelaufen, aber du ich sitz grad in Italien, ja da wo wir zusammen hinwollten nach dem Abi. Na ja. Happy Birthday, Mann.

Aber das ist selbst ihm zu erbärmlich, also stopft er das Handy zurück in seine Hosentasche und lässt sich nach hinten in den Sand fallen, starrt in den dunklen Himmel an dem nicht viele Sterne zu erkennen sind, weil die Hotelanlagen auch nachts erleuchtet sind und drückt den Gedanken an Leo weg, genauso wie der sicher die unbekannte Nummer auf seinem Handy weggedrückt hätte.

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Natürlich entzündet sich das Tattoo. Ist ja auch eine beschissene Idee sich in den scheiß Tropen am Rücken tätowieren zu lassen, wenn einem schon vom Treppensteigen das Hemd klatschnass vor Schweiß am Körper klebt.

Zwei Tage lang liegt Adam fiebernd im Bett des billigen Hostels, schmeißt sich seine letzten Ibuprofen ein, die bestimmt nicht mehr richtig wirken, denn wie soll man hier etwas unter 25°C lagern?, bis er sich in die Notaufnahme schleppt, weil sein Rücken mittlerweile eine einzige eiternde Wunde ist und er langsam wirklich Angst vor einer Blutvergiftung kriegt. Der Krankenhausaufenthalt wird seine letzten Geldreserven fressen, aber immerhin besser, als in Thailand zu krepieren.

Irgendwie verklickert er der Frau an der Rezeption sein Problem und das nächste, was er weiß, ist dass er sich mit einem Zugang in der Hand bäuchlings auf einem unbequemen Bett wiederfindet und ihm Antibiotika und Elektrolyte in den Körper tropfen. Natürlich hat er kein Einzelzimmer, das kann er sich nicht leisten und als er das nächste Mal aufwacht, starrt ihn ein thailändisches Kind mit großen Augen an, bevor es unsanft von seiner Mutter hinter den Vorhang, den sein Bett von dem eines der anderen Patienten trennt, gezogen wird. Die Frau entschuldigt sich wortreich bei ihm, aber Adam versteht nichts und winkt nur ab, fällt wieder in unruhigen Schlaf, der nur davon unterbrochen wird, dass er pissen muss und jemand die Infusion wechselt.

Als er das nächste Mal aufwacht fühlt er sich immer noch schwach und wund, aber immerhin brennt sein Rücken nicht mehr wegen der Entzündung sondern weil er wer weiß wie lange mit verdrehten Armen auf dem Bauch gelegen hat. Stöhnend richtet er sich auf und ihm wird direkt schwarz vor Augen, sodass er sich zurücksinken lässt. Nach einigen konzentrierten Atemzügen einen neuen Anlauf nimmt und sich aufsetzt.

Er leert die Wasserflasche, deren Inhalt lauwarm und abgestanden ist und hofft sich nicht direkt die nächste Krankheit einzufangen. Sein Handy liegt auf dem Tischchen neben dem Bett, aber es hat keinen Akku mehr und Adam hat keine Ahnung wo sein Ladekabel ist, also legt er es zurück. Wer sollte ihm auch schreiben oder sich nach ihm erkundigen? Er reist alleine, hier ist niemand, der sich um ihn sorgen könnte oder müsste, genauso wenig wie er hier irgendwem verpflichtet ist, außer sich selbst.

Adam streckt seine Arme nach hinten durch, bemerkt wie sehr er stinkt. Seine Schultern sind ein einziges hartes Brett und der Schorf zwischen seinen Schulterblättern juckt, aber er lässt die Finger davon, so klug ist er.

Am nächsten Morgen wird er entlassen, eine Schachtel Antibiotika und Schmerzmittel hat er zuoberst in seinen Rucksack gestopft und die gleißende Sonne lässt ihn Sterne sehen, als er auf dem Gehweg vor dem Krankenhaus steht und nach einem Taxi Ausschau hält, das ihn zum Flughafen bringt. Adam kneift die Augen zusammen, reibt sich über das Gesicht, ignoriert das Rauschen in seinen Ohren, weil sein Körper nicht damit klarkommt, dass er wieder stehen und laufen und den schweren Rucksack tragen soll. Aber zusammenreißen konnte er sich schon immer gut, also kämpft er die aufkeimende Übelkeit runter und lässt sich in das erste Taxi, das hält, fallen, verhandelt keinen Preis und lässt sich sicherlich abzocken, aber er hat sich an keinem Punkt seiner Reise je so beschissen gefühlt, dass es ihm einfach egal ist. Geld hat er eh keins mehr und das Flugticket nach Deutschland wird seine Kreditkarte so maßlos überziehen, dass das Mahnschreiben seiner Bank vor ihm zu Hause ankommen wird.

Das Taxi schunkelt ihn durch den dichten Verkehr und die Musik aus dem Autoradio tut ihr übriges, dass er fast wieder einschläft und sein Gehirn, sein scheiß Unterbewusstsein diesen Moment ausnutzt, um ihn denken zu lassen, dass das mit Leo an seiner Seite nicht passiert wäre. Nicht die überzogene Kreditkarte, nicht der Krankenhausaufenthalt, nicht die Tätowierung, wahrscheinlich nicht einmal die ganze Reise, und wenn schon, dann mit einer Reisegruppe oder wenigstens mit einem anständigen Reiseführer und nicht einfach mit dem Rucksack drauflos, weil ihm Jill, die er in Marokko getroffen hat von Thailand vorgeschwärmt hat und in die er ein bisschen verliebt sein wollte, das Land in den schillerndsten Farben beschrieben hat.

Aber Leo ist nicht hier, ist irgendwo und Adam weiß ja nicht mal, ob sie unter anderen Umständen noch Freunde wären.

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Adam ist in Berlin und der Job ist beschissen, weil Karow ein Arschloch ist, obwohl er gut fickt. Sein WG-Zimmer ist beschissen, aber daran ist er selbst schuld, weil er sich auch einen Bettrahmen oder einen Kleiderschrank kaufen könnte, anstatt weiter auf der Matratze auf dem Boden zu schlafen und seine Klamotten in seiner Reisetasche und einer klapprigen Kleiderstange aufzubewahren. Er könnte eine Pflanze oder ein Bild in sein Zimmer stellen, um es wohnlicher zu machen. Er könnte auch mit seinen Mitbewohnern feiern gehen oder wenigstens ein Bier in der Küche zusammen trinken. Manchmal denkt er, dass sie eigentlich gut miteinander auskommen könnten, wenn er sich etwas Mühe geben würde. Aber er verzieht sich, wenn er überhaupt mal zu Hause ist mit einer Packung billiger Cup Noodles oder einem Döner (Scharf, keine Cocktailsauce.) in sein Zimmer und zockt irgendein sinnloses Ballerspiel und hält seine Mitbewohner damit wahrscheinlich vom Schlafen ab, weil er sich immer noch kein Headset gekauft hat, aber solange sie ihn nicht darauf ansprechen ist es ihm auch egal, sie sind alle erwachsen.

Aber die Nummer mit dem asketischen Zimmer kommt gut bei den Leuten an, die er für einen One Night Stand mit hierherbringt. Wahrscheinlich gibt es ihm irgendeine mysteriöse Aura und seine Partner können irgendwas auf ihn projizieren oder sich an ihrem Helferkomplex abarbeiten. Außerdem muss er sich so nicht mit Unordnung und Dreck befassen, passiert halt nicht, wenn man nichts hat. Einmal in der Woche stopft er seine Wäsche in die Sporttasche, geht zum Waschsalon um die Ecke, wählt den schnellsten Waschgang und starrt dann eine Stunde auf die sich drehende Trommel. Manchmal nimmt er sich sein Handy mit, drückt sich die billigen Kopfhörer, aus denen jede Musik scheiße klingt, in die Ohren oder liest eines der zerlesenen Bücher, die er aus einer zu verschenken Kiste mitgenommen hat, wobei zu verschenken hier eigentlich nur ich bin zu faul zum Wertstoffhof zu fahren heißt. Im Zweifel lässt er das Buch einfach im Waschsalon zurück.

Aber eigentlich reicht es ihm apathisch auf die Waschtrommel zu starren, dem Zischen und Gurgeln der Maschine zuzuhören und froh zu sein, nichts denken und nichts machen zu müssen. Denken muss er auf der Arbeit genug. Die Fälle an denen Karow, Rubin und er arbeiten sind knifflig und er hat oft genug das Gefühl, dass Karow diese Fälle absichtlich annimmt oder anzieht, würde er an Karma oder sowas glauben und dass er Adam gerne testet. Schaut wie weit er gehen kann, bis Adam einknickt und kapituliert, bis er ihn auf den Rücken werfen kann, wie einen Hund. Aber Adam beißt sich fest, macht sich hart und wenn er zwei Tage ohne Schlaf im Präsidium verbringt, kann er wenigstens morgens Karow seine Erkenntnisse präsentieren und ihn abends ficken.

Er ist sich sicher, dass Rubin Bescheid weiß, aber auch das ist ihm egal. So lange sie ihm nicht mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde kommt, hat er keinen Grund die Sache mit Karow fallen zu lassen, also läuft es weiter, obwohl er natürlich auf der Sachebene weiß, dass es kompletter bullshit ist, den sie da veranstalten.

Leo und er wollten immer zusammen zur Polizei. Wahrscheinlich wären sie jetzt bei der gleichen Dienststelle. Nicht mehr im Saarland, aber nah genug, damit Leo regelmäßig seine Eltern besuchen könnte. Stuttgart oder Frankfurt vielleicht. Mit Leo hätte er auch sicher sowas wie eine work-life-balance. Natürlich würden sie zusammen wohnen, würde sich ja sonst nicht lohnen zwei Wohnungen zu mieten in denen so selten jemand ist. Dann würde Adam auch nicht Sonntagnachmittag im Waschsalon sitzen, weil ihre Wohnung vernünftig eingerichtet wäre. Mit Gefrierschrank und eigener Waschmaschine, die Leo regelmäßig entkalkt und Hygienespüler für die Sportsachen. Es wäre fast schon bescheuert heimelig, weil Leo ein Typ dafür ist und Adam ihn machen lassen würde, weil er nicht der Typ ist, etwas dagegen zu sagen. Jedenfalls denkt er sich das, während er auf seine Wäsche in der Waschtrommel starrt, die Runde für Runde dreht, weil er ehrlich gesagt keine Ahnung hat, was für ein Typ Leo mittlerweile ist. Weil es fast zehn Jahre her ist, dass er ihn gesehen hat, dass er sich verpisst hat ohne ein Wort zu sagen und wenn Leo klug ist, will er ohnehin nichts mehr mit ihm zu tun haben.

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Natürlich fliegt ihm die Sache mit Karow um die Ohren, fast schon lächerlich spät, aber am gleichen Tag findet er auch das Tauschangebot im internen Bewerbungsportal und es ist so ein beschissener Zufall, dass er jeden Film an dieser Stelle ausgeschaltet hätte.

Danach ist es so, als würde Berlin versuchen ihn loszuwerden. Gut durchgekaut wie einen alten Kaugummi.

Er findet in Rekordzeit einen Nachmieter für sein WG-Zimmer, was keine Kunst in Berlin zu Semesterstart ist, aber schon der erste Bewerber passt besser zu seinen Mitbewohnern, als er es je getan hat, also ist es beschlossene Sache und er löscht noch am Abend die Onlineanzeige.

Seine Matratze und die Kleiderstange schleppt er an die Straße, pinnt einen zu verschenken Zettel dran, weil er sich wirklich nicht dazu bringen kann einen Transporter zu mieten und das Zeug zum Wertstoffhof zu fahren. Der Rest seiner Sachen passt in seinen Trekkingrucksack, wenn er die sperrige Wachsjacke, die er sich gekauft hat, weil es in Berlin beschissen kalt werden kann, besonders wenn man stundenlang im Auto sitzen muss, um irgendwelche Verdächtigen zu obervieren, anzieht. Genauso wie die Wanderschuhe, die er immer noch hat, obwohl er sie ewig nicht getragen hat, aber die ihm passend erscheinen fürs Saarland. Ein bisschen wie eine Rüstung, wie eine Verkleidung, so als müsste er Angst haben, dass ihn irgendjemand in Saarbrücken erkennen könnte.

Die Busfahrt ist beschissen lang, aber immer noch besser als ständig umzusteigen und in Fulda am Hauptbahnhof zu stranden, Gott bewahre.

Adam spielt irgendein Handyspiel ohne richtig hinzugucken und stirbt ständig, bis er genug hat und die App schließt. Stattdessen die Stellenausschreibung öffnet, den Namen liest.

Leo Hölzer. Leo Hölzer. Leo Hölzer.

Der Beweis, schwarz auf weiß, dass Leo bei der Polizei ist, dass er dem Weg gefolgt ist, den sie zusammen gehen wollten. Adam hat Leo nie gegoogelt. Nicht, dass er nie kurz davor war, aber er wollte das Bild in seinem Kopf nicht überschreiben. Von dem Leo, der sein bester Freund war, der ihm vor dem Alten gerettet hatte. Mit dem Spaten und vorher schon. Der das für ihn getan hat und vielleicht auch für sie beide. Adam weiß es nicht, weil er Leo keine Chance gegeben hat mit ihm oder irgendwem anders darüber zu sprechen, sondern sich einfach aus dem Staub gemacht hat. Adam kann verstehen, wenn Leo ihm als erstes eine reinhaut. Verdient hätte er es.

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Der Bunker ist immer noch so beschissen grau und kalt, wie in seiner Erinnerung und sein Nacken kribbelt seitdem er die Türschwelle überschritten hat. Dabei ist der Alte nicht mal hier, liegt immer noch im Koma, er hat sich grade selbst davon überzeugt, hat seine Finger in den alten, knochigen Arm gedrückt und damit gerechnet, dass der Alte seine Augen aufreißen würde, aber es ist nichts passiert. Natürlich nicht. Wir gehen nicht davon aus, dass Ihr Vater wieder aufwachen wird. Mein Beileid. Adam hat nicht gewusst, ob er dem Arzt vor die Füße kotzen oder lachen sollte, also hat er nur die Lippen zusammen gepresst und hat das Krankenhaus mit schnellen, steifen Schritten verlassen, draußen zwei Zigaretten nacheinander geraucht und sein hämmerndes Herz auf das Nikotin geschoben.

Adam folgt seiner Mutter tiefer in das Haus. Sie ist klein und verloren, genauso grau wie das Haus. Er fragt sich, warum sie es nicht verkauft hat. Er zieht die Jacke nicht aus, er hat eh nicht vor zu bleiben, für die nächsten Tage hat er ein Hotelzimmer, danach wird er schauen. Saarbrücken ist nicht Berlin und an Beamte wurde schon immer gerne vermietet.

Den Kaffee stürzt er schwarz und viel zu heiß herunter, sodass er ihm fast wieder hochkommt, bevor er ihm ein Loch in den Magen brennt. Den Kuchen lässt er stehen und seine Mutter sagt nichts dazu, sagt eh wenig, außer "Adam, überleg es dir doch. Nur ein paar Tage. Ich habe dich so lange nicht gesehen." Ihre Stimme klingt schwach und für einen Moment fühlt er sich auch wieder schwach und klein in diesem lächerlich riesigen Kasten und ist kurz davor einzuknicken, ein paar Tage nur, so schlimm kann es schon nicht sein. Er ist erwachsen und der Alte nicht hier.

Später steht er in seinem Kinderzimmer, weil er doch nachgegeben hat und seine Mutter mit tränenfeuchten Augen seine Hände gedrückt hat, bevor er sie abgeschüttelt hat, als hätte er sich verbrannt. Sie hat nichts an dem verdammten Zimmer verändert, wenigstens nichts, das ihm im ersten Moment auffällt. Es ist selbst noch die gleiche beschissene harte Matratze, die kaum nachgibt, als er sich auf das Bett setzt, Staub aufwirbelt.

Seine Bücher sind noch da, der Schreibtisch, der Holzstuhl, ohne Kissen, davor. Er fühlt sich viel zu groß oder vielleicht sind die Wände zu nah, Schicht um Schicht mehr Beton, genauso hart wie er sich fühlt, bis es ihm die Luft zum Atmen nimmt und er das Fenster aufreißt, sodass die dünne Vorhangstange klappernd zu Boden fällt.  Adam bückt sich danach, dabei muss er fast unter den Schreibtisch klettern und da sieht er es.

Das Bild von Leo, sauber aus dem Jahrbuch ausgeschnitten, mit Reißzwecken an der Unterseite der Tischplatte befestigt. Leo, der den Vorlesewettbewerb gewonnen hat und für den Schulfotografen mit seinem Pokal posiert hat. Adam lässt sich unter dem Tisch auf den Rücken fallen, morgen wird er es bereuen das Foto nicht einfach abzumachen, und starrt Leo an. Er hofft, dass das Gepolter seine Mutter nicht anlockt, aber wenn sich an ihren Routinen nichts geändert hat, wird sie immer noch Schlaftabletten nehmen und ihn nicht gehört haben.

Leo starrt zurück, gefangen als Fünfzehnjähriger auf diesem Foto. Die Augen groß und weit, genauso wie sein Lächeln, stolz auf das, was er geschafft hat, auch wenn die anderen in der Klasse ihn damit aufziehen. Er hat nichts mit dem Mann gemein, dem er heute im Präsidium gegenüber stand.

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Leo haut ihm nicht als erstes eine rein, aber Adam ist trotzdem auf der Hut. Er kennt die Ruhe vor dem Sturm, das Taxieren, das Warten auf den richtigen Moment bis die Bombe platzt. Deswegen kribbelt es auch sofort in seinem Nacken, als Leo ihn mit einem knappen Adam in den Besprechungsraum befiehlt und die Tür hinter ihnen schließt, damit Esther und Pia nichts mitkriegen. Adam hält den Kopf gesenkt, weil er weiß, was gleich passieren wird, weil er Leos Anspannung spürt und es schon immer am Besten war sich einfach klein zu machen und abzuwarten bis das Schlimmste vorüber ist.

Leo spuckt ihm die Worte ins Gesicht und Adam ist fast schon froh, als er ihn endlich schubst und sich seine Wut entlädt. Wären sie jünger, würden sie sich nach Schulschluss hinter der Sporthalle treffen und versuchen sich gegenseitig auf den sandigen Boden zu ringen, aber sie sind verdammt nochmal erwachsen und haben gelernt anders mit Konflikten umzugehen, auch wenn eine Faust jetzt ehrlicher wäre.

Natürlich hat Adam recht, es ist fünfzehn Jahre her und niemand würde sie verurteilen, weil es Notwehr war und sie noch halbe Kinder, aber das sagt er nicht, weil es Leo nicht darum geht, sondern darum, dass Adam sich klammheimlich verpisst hat und dann die Dreistigkeit besessen hat einfach so wieder aufzutauchen.

Also lässt er Leos Wut über sich ergehen, hält den Blick unten und zieht die Schultern hoch, bis Leo ihn nochmal schubst, ihn auffordert auch was zu sagen, sonst hätte er doch immer so eine große Fresse und Adam nicht mehr kann. Er packt Leo am Holster, schiebt ihn durch den Raum, ist überrascht über seine eigene Kraft, bis Leo gegen die Wand kracht und sie sich schwer atmend gegenüberstehen und die Spannung zwischen ihnen greifbar ist.

Adam greift nach, es muss Leo wehtun, starrt ihm in die Augen.

"Meine fünfzehn Jahre waren auch ganz schön beschissen, schon mal daran gedacht, Leo?"

Er stößt Leo von sich weg, reißt seine Jacke von seinem Bürostuhl, scheiß drauf, dass der umkippt und die Kollegen mit dem Köpfen herum fahren. Sollen sie doch, die Arschlöcher. Adam stürmt aus dem Gebäude, die ersten beiden Zigaretten brechen ihm in den Fingern ab, so sehr zittern seine Hände und die dritte raucht er beinahe in einem Zug auf. Er wartet eine zweite Zigarettenlänge im Schatten beim Nebeneingang, aber Leo kommt nicht. Wahrscheinlich ist es besser so.