Work Text:
Mein Name ist Hibiki und ich dachte, ich sei ein Einzelgänger.
Das lag vor allem daran, dass ich schon von klein auf sehr sensibel für Geräusche war. Was für andere Menschen normal war, tat in meinen Ohren weh. Vorbeifahrende Züge oder Einsatzfahrzeuge waren für mich so ein schmerzhafter Lärm, dass ich instinktiv die Hände auf die Ohren presste, um den Schall zu dämpfen.
Aber auch Menschen konnten viel zu laut sein. Zum Beispiel die kreischenden Kinder im Kindergarten. Dies führte dazu, dass ich mich zurück zog und oft in einer Ecke saß und mir die Ohren zu hielt. Für die anderen Kinder war das ein ganz seltsames Benehmen und so war ich stets für mich allein.
Auf dem Pausenhof in der Grundschule waren die anderen Kinder genauso lärmend, sodass ich mir eine ruhige Ecke im Schulgebäude suchte, um die Pause zu verbringen. Die Lehrer bemerkten bald mein Verhalten und meine Empfindlichkeit für Lärm. Auch meiner Mutter wurde bewusst, dass es ein ernstzunehmendes Problem war. Bald besuchten wir viele Ärzte und ich erduldete viele Untersuchungen, bis schließlich die Diagnose Hyperakusis gestellt wurde - eine krankhafte Überempfindlichkeit gegenüber Schall. Meine Mutter weinte. Ich fühlte mich schlecht, weil ich ihr Kummer machte.
Der Arzt berichtete, dass es immer mehr Fälle von angeborener Hyperakusis gab und dass deshalb ein Forschungseinrichtung in Tokio gegründet worden war, in der an betroffenen Kindern geforscht wurde. Einerseits um die Ursache zu ermitteln und andererseits um mögliche Methoden zur Verbesserung der Überempfindlichkeit zu testen.
Meine Mutter brachte mich zu der Forschungseinrichtung. Die Kinder dort spielten leise vor sich hin und trugen genau wie ich einen Hörschutz. Ich blickte zu meiner Mutter auf und sie versprach, mich ganz oft zu besuchen. Am Anfang hielt sie sich an das Versprechen, aber mit der Zeit kam sie immer seltener.
Ich lebte mich in der Einrichtung ganz gut ein, weil die Forscher sehr freundlich waren. Außerdem war es eine Erleichterung, nicht mehr täglich mit Lärm konfrontiert zu sein, der für mich schmerzhaft laut war, aber für alle andere völlig normal schien. Die Forscher wollten uns aber auch nicht zu sehr von der Umwelt und den Stadtgeräuschen isolieren, sodass wir immer wieder Ausflüge machten, so auch eines Tages zum Tokio Tower.
Das war der Tag, an dem sich alles für Tokio änderte.
Ich blickte aus dem Fenster der Aussichtsplattform, als plötzlich Bubbles vom Himmel fielen. Ich war fasziniert, besonders als ich eine liebliche Melodie vernahm. „Ich kann dich hören!“, sagte ich zu einer Bubble und presste meine Hand gegen die Scheibe. Dann gab es eine Explosion.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Straße und Einsatzkräfte kümmerten sich um mich. Wie sich herausstellte, war ich der einzige von unserer Ausflugsgruppe, der die Explosion überlebt hatte.
Ab diesem Tag war Tokio unter einer großen Bubble eingeschlossen, in welcher das Gravitationsfeld gestört war. Besonders der Tokio Tower war ein riesige Anomalie der Gravitation. Die Bubbles, die weltweit an diesem Tag gefallen waren, konzentrieren sich in Tokio. Dies alles sorgte dafür, dass die gesamte Stadt evakuiert werden musste und unbewohnbar wurde.
Ich kam in ein Waisenhaus. Ich erfuhr nie, warum ich nicht zurück zu meiner Mutter konnte oder was mit ihr passiert war. Vielleicht war sie wie viele andere an diesem einen Tag in Tokio ums Leben gekommen? Eine innere Leere machte sich in mir breit. Wann hatte ich sie das letzte Mal gesehen? Was waren ihre letzten Worte gewesen? Die Erinnerung an ihre Besuche verschwammen ineinander, sodass ich es nicht sagen konnte.
Das Waisenhaus war für meine Ohren die Hölle. Ich war ständig von den anderen Kindern umgeben, für die leise sein ein Fremdwort war. Es wurde gerufen, geschrien, gekreischt, gelacht, geprügelt. Tagaus, tagein. Beim Frühstück und Abendessen gab es immer Streit oder wilde Diskussionen. Im Wohnzimmer lief ständig das Radio oder der Fernseher, während gleichzeitig Videos auf dem Handy abgespielt wurden. Es gab für mich keinen ruhigen Rückzugsort, nicht mal mein Zimmer, da ich dieses teilen musste. Also trug ich ununterbrochen meine geräuschunterdrückenden Kopfhörer und mit jedem Tag wurde das Leben im Waisenhaus unerträglicher. Ich wollte einfach nur noch weg und meine Ruhe.
Einestages wurde im Fernsehen berichtet, dass einige Teenager nach Tokio zurückkehrten und dort lebten, obwohl das natürlich nicht erlaubt war. Ich verfolgte den Bericht mit großen Augen und sofort flammte in mir der Wunsch auf, es diesen Jugendlichen gleich zu tun. Noch in dieser Nacht packte ich Kleidung und Essen in einen Rucksack und machte mich auf den Weg nach Tokio.
Es war ein unbeschreibliches Gefühl, durch die Bubble in das verlassene Tokio einzutauchen. Es war, als würde eine Last von mir abfallen. Endlich war ich frei und hatte meine Ruhe. Ich lief durch eine gigantische menschenleere Stadt, in der es kein Lärm gab. Als ich langsam in den Straßen die Orientierung verlor, stieg ich die Feuertreppe eines Gebäudes hinauf und kam außer Puste auf dem Dach an. Es war eine unglaubliche Aussicht. Ich nahm die geräuschunterdrückenden Kopfhörer, die um meinen Hals hingen, und warf sie voller Kraft vom Dach. Die würde ich hier nicht brauchen!
Nach dem ersten Sightseeing wurde mir klar, dass ich mich um die lebensnotwendigen Dinge kümmern musste. So begann ich die Häuser abzuklappern, um Nahrungsmitteln zu plündern und um einen Platz für die Nacht zu haben. Leider waren viele Türen abgeschlossen, was die Suche mühevoll gestaltete. Trotzdem wurde ich stets fündig und hatte ein Ort, an dem ich für eine Weile bleiben konnte, bis der Vorrat an Lebensmittel aufgebraucht war.
Die Tage begannen sich ewig lang anzufühlen. Es gab keine Schule mehr, keine Hausaufgaben. Ich konnte machen, was ich wollte. Anfangs war das total befreiend, aber nach kurzer Zeit wurde es auch langweilig, nur die Beine baumeln zu lassen. Was sollte ich den lieben langen Tag machen?
Ich stellte schnell fest, dass ich viel zu wenig Kondition hatte für so eine riesige Stadt, in der ich mich nur zu Fuß fortbewegte. Also begann ich zu trainieren. Ich rannte die Treppen der Hochhäuser hoch und runter, machte Liegestützen und Klimmzüge. Im Laufe meines Trainings bemerkte ich die Auswirkung von der veränderten Gravitation in Tokio. Ich konnte viel höher und viel weiter springen - das war aufregend! Jeden Tag experimentierte ich, was machbar war und wurde immer mutiger.
Die Stadt war so riesig, dass es Wochen dauerte, bis ich das erste Mal Stimmen von anderen Menschen in der Ferne hörte. Vorsichtig näherte ich mich, wollte aber nicht entdeckt werden. Schließlich sah ich eine Gruppe Jugendliche, die wohl auf Plündertour waren. Auch sie nutzten die veränderte Gravitation zu ihrem Vorteil und kletterten auf ein Dach, um von dort auf das nächste zu springen. Ich staunte nicht schlecht. Das hatte ich mich bisher nicht getraut. Ich konnte mir aber nur zu gut vorstellen, dass die Orientierung auf den Dächern einfacher war, als hier unten auf der Straße.
Das nächste Mal, das ich Menschen sah, war beim Tokio Tower. Anfangs dachte ich, dass ich nicht an diesen Ort zurückkehren wollte. Doch als ich eines Abends vom Dach aus den Sonnenuntergang beobachtete und in der Ferne den Tokio Tower sah, hörte ich ganz leise eine liebliche Melodie, die mir bekannt vorkam. Ich hatte sie an dem Tag der Explosion gehört. Da ich den Eindruck hatte, dass die Melodie vom Tokio Tower kam, nahm ich mir vor, dorthin zu gehen. Ich hatte zum Glück mittlerweile eine Straßenkarte gefunden. Mithilfe eines Fahrrads und der Karte schaffte ich es am nächsten Tag tatsächlich bis zum Turm. Der Anblick von der Gravitationsanomalie in der Mitte des Tokio Towers, ein Strudel aus blitzenden schillernden Lichtern, war beeindruckend. In der Nähe des Turms, mit sicherem Abstand, war ein Lager aufgeschlagen. Ich kannte es aus dem Fernsehbericht, hier wurde die Anomalie erforscht. Am Anfang waren noch sehr viele Forscher vor Ort, aber mit der Zeit würden sie nach und nach Tokio verlassen, bis nur noch Makoto übrig bleiben würde.
Ich blieb in sicherer Entfernung und beobachte den restlichen Tag den Turm, jedoch wartete ich vergeblich auf die liebliche Melodie. Als es schon langsam spät wurde, fiel mir ein, dass ich noch eine Bleibe für die Nacht finden musste. Also schwang ich mich von meinem Aussichtspunkt hinab, als mich auf einmal eine Stimme rief. „Hey, Junge!“ Ertappt fuhr ich herum. Ein erwachsener Mann mit einem Haarreif in den Haaren sah mich an. „Brauchst du eine Übernachtungsmöglichkeit?“
Ich bekam Angst. Wollte er mich schnappen? Er hatte zwar keine Polizeiuniform an, aber vielleicht war er Undercover? Oder gehörte er zu den Forschern?
Ich versuchte zu antworten und merkte dabei erst, wie lange ich nicht mehr gesprochen hatte und wie eingerostet meine Stimmbänder waren. „Gehörst-“ kam es krächzend hervor. Ich räusperte mich und setzte neu an. „Gehörst du zu den Forschern? Oder bist du von der Polizei? Weil ich werde Tokio nicht verlassen. Ich bleibe hier.“
„Weder noch. Ich lebe hier in Tokio, so wie du. Mein Name ist Shin. Wie heißt du?“
„Hibiki“, antwortete ich knapp. Ich blickte zur Sonne, die bereits am Untergehen war. Ich beschloss sein Angebot anzunehmen, aber auf der Hut zu bleiben.
Shin lebte auf einem zurück gelassenen Schiff der Küstenwache. Er teilte sein Abendessen mit mir und ich durfte in einer der Kabinen übernachten. Als ich mich am nächsten Morgen verabschiedete, bot Shin an: „Du darfst mich jederzeit besuchen. Wann immer du was brauchst oder wenn du einfach nur mal Gesellschaft willst – du weißt ja jetzt, wo du mich findest.“
Ich nickte als Antwort, hatte aber nicht vor wiederzukommen.
Ich blieb in dem Gebiet rund um den Tokio Tower und wartete darauf, ob ich nochmal die Melodie hören würde. Dabei stellte ich fest, dass die meisten Jugendlichen in dieser Region lebten und sich zu verschiedenen Gruppen zusammen geschlossen hatten. Ich beobachtete, wie sie sich in Parkour übten und tat es ihnen gleich. Obwohl ich versuchte es zu vermeiden, kam es immer wieder zur sozialen Interaktion. Dabei wurde mir angeboten, sich dieser oder jener Gruppe anzuschließen, aber ich lehnte immer ab. Ich wollte zwar nirgends dazu gehören, aber es reizte mich, bei den kleineren Parkour Wettbewerben mitzumachen. Bei diesen machte ich mir schnell einen Namen, weil ich die Bubbles in meinen Parkourlauf integrieren konnte.
Mit der Zeit wurden wir in Parkour immer besser und die Wettbewerbe eine immer größere Sache. So entstand ein Wettkampf zwischen den Teams, bei dem jeweils fünf Mitglieder pro Team antreten durften. Das bedeutete für mich als Einzelgänger, dass ich mich wohl oder übel einem Team anschließen musste, um weiterhin an den Wettbewerben teilnehmen zu können. Und ich wollte teilnehmen, das Wetteifern machte Spaß. Trotzdem zögerte ich, als die Blue Blazes ein weiteres Mal auf mich zukamen und fragten, ob ich Teil ihres Teams sein wollte, da sie sonst nur zu viert waren. Eigentlich sprach nichts dagegen, die Jungs wirkten halbwegs vernünftig - im Gegensatz zu manch anderem Team. Außerdem war mittlerweile Shin ihr Mentor und sie lebten mit ihm auf dem alten Schiff der Küstenwache.
Shin hatte in den vergangenen Monaten einfach nicht locker gelassen und Zeit mit mir verbracht, wann immer wir uns über den Weg liefen. Er war ziemlich gut im Parkour und brachte mir noch den ein oder anderen Trick bei und gab viele praktische Tipps. Er ließ sich von meiner kühlen und abweisenden Art nicht irritieren und mit der Zeit merkte ich, dass ich ihn eigentlich ganz gern hatte. Dass er die Blue Blazes unter seine Fittiche genommen hatte, sprach also auch für das Team.
Aber sich einem Team anzuschließen bedeutete auch mit ihnen zusammen zu wohnen und Zeit zu verbringen. Und Teenager waren laut und lärmend. Darauf hatte ich wenig Lust. Es war schließlich Shin der mich überredete, an Bord zu kommen (wortwörtlich) und Blue Blaze eine Chance zu geben. Ich willigte ein und suchte als allererstes Kopfhörer, bevor ich zu den anderen auf das Schiff zog. Zu den Blue Blaze gehörte Kai, er war der beste Läufer und meist schlecht drauf. Dann gab es noch Isozaki und Oosawa, die eher ruhig drauf waren. Das jüngstes Mitglied war Usagi. Außerdem lernte ich auf dem Schiff Makoto kennen, die letzte Forscherin, die noch in Tokio geblieben war. Shin hatte sie ebenfalls auf das Schiff eingeladen.
Die Zeit verging und es waren schließlich fünf Jahre, seit Tokio in einer Bubble gefangen war und ich hier lebte. In diesem fünften Jahr begegnete ich Uta und alles veränderte sich.
Nachdem Uta mir mein Leben gerettet hatte und wir sie mit auf das Schiff nahmen, veranstaltete sie erstmal ein Chaos und klaute mir sogar kurz meine Kopfhörer. Doch dann blickte sie zum Tokio Tower und summte die liebliche Melodie. Shin hatte gesagt, dass ich mich um sie kümmern sollte und ich versuchte es, doch das sie ständig um mich herum war überforderte mich. Sie folgte mir sogar zu dem Garten auf dem Dach, um den ich mich gerne kümmerte. Hier kam ich her, wann immer es mir auf dem Schiff zu wild wurde und ich meine Ruhe brauchte. Überraschenderweise war es dann doch schön, diesen besonderen Ort mit ihr zu teilen und ehe ich mich versah, erzählte ich ihr von meiner Hyperakusis und der Melodie an dem Tag der Explosion. Das hatte ich zuvor noch niemanden erzählt, nicht mal Shin oder Makoto. Daraufhin stand Uta auf, blickte auf den Tokio Tower und begann die Melodie zu singen. Endlich hörte ich das Lied, nach dem ich so lange suchte. Es schweißte uns zusammen und wir sprangen gemeinsam über die Bubbles und durch die Luft.
Am nächsten Morgen war Makoto verschwunden, die Undertaker hatten sie entführt. Sie wollten einen Wettkampf, mit Makoto als Trophäe. Ging es ihnen um mehr Klicks für ihre Videos oder wollten sie das Küstenwache Schiff? Es war egal, Uta und ich waren fest entschlossen, diesen Kampf zu gewinnen – und am Ende schafften wir es auch. Anschließend gab es auf dem Schiff eine Party, bei denen auch die anderen Teams mitfeierten. Obwohl die Party laut war, genoss ich es mit den anderen zu feiern und schaffte es sogar, mich bei den Jungs zu bedanken, denn ohne sie hätten wir den Wettkampf nicht gewonnen.
Ich gehörte zwar schon eine ganze Weile zu den Blue Blaze, aber ich hatte mich oft abgesondert und die anderen auf Distanz gehalten. Alles in dem Glauben, ein Einzelgänger zu sein und keine Gemeinschaft nötig zu haben. Doch die gemeinsame Zeit mit Uta hatte mir vor Augen geführt, wie schön es sein konnte, Gesellschaft zu haben. Sie war mir in der kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen. Das alles wollte ich ihr unbedingt sagen. Als ich sie nirgends auf der Party finden konnte, suchte ich sie und fand sie schließlich an unserem geheimen Ort, der Garten auf dem Dach. „Hier für dich, nimm.“ Ich hatte die Muschel, die sie so fasziniert hatte, an eine Schnur gehängt und gab ihr diese Kette als Erinnerung für den ersten Sieg. Uta schien sich darüber sehr zu freuen. Dann fuhr ich fort: „Ich habe heute etwas erkannt. Die Person für die ich mich immer hielt, bin ich nicht gewesen. Als wir uns kennenlernten, entdeckte ich mein wahres Selbst und das nur, wegen dir. Ich danke dir.“
Wir sahen uns tief in die Augen und mein Herz pochte wie wild. Ich hatten den Drang mich zu ihr zu beugen, sie zu küssen. Doch auf einmal hörte ich die Melodie und sah, wie wieder Bubbles vom Himmel fielen, wie am Tag der Explosion. Das Gebäude, auf dem wir standen, geriet in Schieflage und als ich nach Utas Arm greifen wollte, war dieser nicht da, nur noch Bubbles. Ich begriff nicht, bis eine Bubble von ihr an meiner Nase platzte und ich mich an den Tag auf dem Tokio Tower erinnerte. Im nächsten Augenblick zitierte Uta die Geschichte der Meerjungfrau und ich verstand, dass heute ihr letzter Tag war. „Sie rufen mich und ich muss sie aufhalten“, sprach Uta mit Blick auf den Tokio Tower und sprang davon. Ich wollte hinterher, wurde aber von roten Bubbles aufgehalten.
An den restlichen Tag erinnere ich mich nicht gerne. Ich schaffte es zu anderen auf das Schiff und die Jungs wollten mir tatsächlich helfen, zum Tokio Tower zu gelangen und Uta zu holen, obwohl wir uns eigentlich in Sicherheit bringen sollten, bevor ganz Tokio einstürzte. Denn durch den Fall der Bubbles hatte sich die Gravitation erneut verändert und beim Turm war ein schwarzes Loch entstanden, dass alles anzog und zu verschlingen drohte.
Mithilfe von Shin und den Blue Blaze schaffte ich es bis zu der Aussichtsplattform oben auf dem Tokio Tower und als ich dort eintauchte, befand ich mich in der Szene vor fünf Jahren, kurz vor der Explosion. Es lief wie ein Film vor mir ab. Wie ich mit der einen Bubble sprach, die diese Melodie von sich gab. Dann die Explosion und wie mich diese Bubble sicher hinab auf die Straße trug. Jetzt wurde es mir klar: diese Bubble war Uta, sie hatte mich beschützt. Deswegen hatte ich überlebt. Hatte ich damals die anderen Bubbles verärgert, weil ich mit Uta gesprochen hatte? Die Illusion zerplatzte und ich sah wieder die Realität. Uta wurde von den anderen Bubbles gefangen gehalten. Als ich versuchen wollte, an sie ran zu kommen, griffen mich rote Bubbles an. Uta eilte mir zur Hilfe und rettete erneut mein Leben. Doch dafür fing ihr Körper an, sich langsam in Bubbles aufzulösen. Mit ihr im Arm sprang ich vom umstürzenden Turm, fiel ins Wasser und rettete uns auf eine kleine Insel aus Beton und Metall. Ich flehte sie an, nicht zu gehen, doch sie löste sich unaufhörlich in Bubbles auf. „Weil ich dich getroffen hatte konnte ich endlich ich Selbst sein mit einem richtigen Herzen. Einem Herz das die Einsamkeit kennt. Ein Herz das Liebe für jemanden empfindet.“ Das waren ihre letzte Worte, bevor sie sich völlig in Bubbles auflöst. Ich weinte bitterlich und der Schmerz in meinem Herzen schien mich zu zerreißen. Das einzige, was in meinen Händen übrig blieb, war die Muschelkette, die ich ihr geschenkt hatte. Dann hörte ich wieder die Melodie und blickte auf. Die Bubbles fielen erneut vom Himmel, aber sie waren wieder blau und nicht mehr rot. Auch die Gravitation schien wieder normal zu sein und die große Bubble, die Tokio eingehüllt hatte, war nicht mehr da. Die Bubbles hatten sich beruhigt, weil Uta ihre menschliche Form verloren hatte und wieder eine von ihnen geworden war. Uta zu verlieren war unglaublich hart, allerdings merkte ich die nächsten Tage, dass eine Bubble oft in meiner Nähe war und ich verstand, dass es Uta war. Es war ein Trost zu wissen, dass sie noch lebte und bei mir war, auch wenn nicht als Mensch.
Bald darauf begannen der Wiederaufbau von Tokio. Anfangs konnten wir noch wie gewohnt auf dem alten Küstenwachen Schiff leben und unsere Wettbewerbe abhalten, aber je weiter der Aufbau voranschritt, desto mehr wollte auch die Polizei für Ordnung und Sicherheit sorgen. Die allermeisten von uns waren mittlerweile volljährig geworden und mussten nicht mehr befürchtet in ein Waisenhaus gesteckt zu werden. Aber wir hatten uns so sehr an das abgeschottete Leben in Tokio gewöhnt, dass wir nicht wussten, was wir jetzt machen sollten - bis Shin mit einer Idee aufwartete.
„Ich habe ein etwas heruntergekommenes Haus mit einer alten Dojo Halle gekauft. Hättet ihr Lust dort mit mir zu wohnen?“ Wir waren alle einverstanden, sogar Makoto wollte miteinziehen. „Aber darf ich überhaupt bei euch bleiben?“, fragte Usagi, der einzige von uns, der nicht volljährig war. „Ich hab mit den Behörden gesprochen. Eine Adoption wäre mit einer aufwändigen Prüfung verbunden, aber sie haben genehmigt, dass wir dich als Pflegefamilie aufnehmen dürfen.“ Usagi fiel Shin um den Hals. „Vielen Dank!“
Das Haus war wirklich renovierungsbedürftig, aber es war in einer ruhigen Gegend, was mir sehr gefiel. Anfangs hatten wir alle Hände voll zu tun, das Haus wieder in Schuss zu bringen. Nachdem die gröbste Arbeit erledigt war, überlies ich die Feinarbeit den anderen und kümmerte mich um den verwilderten Garten. Ich wollte das der Garten so schön wurde wie der geheime Ort von Uta und mir auf dem Dach. Wir renovierten auch das alte Dojo, damit wir dort trainieren konnten. Shin schlug uns vor, Parkour beruflich zu verfolgen. Der Weltturnverband hatte Parkour schon vor einigen Jahren offiziell aufgenommen und mittlerweile war es sogar eine Disziplin bei der Olympia. Zudem konnte man auch mit Stunt Jobs oder Werbe Spots Geld verdienen. Eine weitere Möglichkeit war Kinder an den Sport heranführen, entweder als Kurs in unser Dojo Halle oder direkt an Schulen.
So entwickelte sich unser Leben nach der Zeit in Tokio. Ich zog mich nicht mehr von den anderen zurück, sondern sie waren meine richtigen Freunde geworden. Gemeinsam bauten wir unsere Parkour Karriere auf und zogen Usagi groß. Wir beobachteten, wie aus Shin und Makoto mehr als Freunde wurde. Und immer wieder war Uta als Bubble an meiner Seite.
Ich bin so froh, dass Uta mir geholfen hat zu erkennen, dass ich gar kein Einzelgänger bin. Sie und die Blue Blaze sind wirklich das Beste, was mir im Leben passiert ist. Und ich freue mich auf viele weitere schöne Jahre mit ihnen an meiner Seite.
