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Sein Atem haftet am klirrend-kalten Fenster und hinterlässt kleine nasse Wölkchen am Glas. Die dicken Schneeflocken fallen langsam schön und er versucht jede Neue zu bestaunen. Heute Früh hat es angefangen, gerade als er frisch von Opa geweckt wurde: Heiligabend. Und dann noch mit Schnee! Er schaut sich das Spiegelbild des bunt geschmückten Tannenbaumes an, dessen Lichter wie kleine Sterne am Fenster haften. Seine Knie tun allmählich weh, die Couch ist doch zu hart. Aber er kann es nicht lassen dem Treiben weiterhin zu zusehen, wie der Schnee sich in der Tanne gegenüber auf dem Balkon verheddert oder dass der Gassi gehende Hund unten auf der Straße mittlerweile weißes anstatt schwarzen Fells hat. Den hätte er auch gern. Der ist süß. Er muss an seine Schildkröte denken, die momentan in Opas Kühlschrank ruht und dort überwintert. Er kann das Frühjahr kaum abwarten, wenn er sie rausholen darf und sie fröhlich ihren Salat mampfen kann. Und Opa will heute mit ihm und seiner Schwester Kekse machen! Da fällt ihm etwas ein.
„Opa!“
Sein Opa lugt aus der anliegenden Küche heraus, mit um geschnürter Schürze und der Bratenzange in der Hand. Es riecht nach Klößen. Er ist mit ihnen allein, da Hans‘ Vater geschäftlich unterwegs ist und keinen Kopf für seine Kinder hat, außerdem ist es das dritte Weihnachten ohne Mama. Es ist komisch, wenn er an sie denkt. Er hat kaum Erinnerungen, weiß nur, wie sie aussieht und wie sie klingt, aber viel hat er nicht erlebt. Sechsundzwanzig, so weit kann er schon zählen. „Für Mama“, meint er ständig. „Bis zu Mamas Alter möchte ich zählen.“
„Opa, wir müssen noch Papa anrufen!“
„Gleich Hans. Hol doch schonmal Jette. Die ist in ihrem Zimmer.“
Hans ist besonders stolz auf sein eigenes Zimmer. Er hat sogar Hot Wheels! Opa macht halt alles für sie. „Jette?“ Er schiebt langsam die Tür auf, darauf bedacht, dass er seine Schwester nicht erwischt, die sich gerade mit den Dino-Figuren beschäftigt und Laute ähnlich einem Grollen nachmacht. „Jette! Komm! Wir rufen Papa an!“ Hans hockt sich hin und zupft leicht am wollenen Pulloverärmel seiner Schwester.
„Die Dinos können warten. Papa hat nicht so viel Zeit.“
„Spielst du danach mit mir?“ Ihre Rehaugen funkeln ihn an. Es wundert ihn etwas, dass sie sich nicht auf den Anruf freut, sondern nur die dummen Dinos im Kopf hat, die eh alle auseinanderfallen.
„Ja. Aber nur, wenn ich den Triceratops bekomme.“
„Hmh.“ Seine Schwester nickt und reicht ihm das Tier.
„Komm jetzt endlich, Jette.“
Hans nimmt ihre linke Hand und zieht eifrig an ihr. Mit Henriette im Schlepptau geht es wieder in Richtung Wohnzimmer, wo Opa Wartensleben mittlerweile den Tisch gedeckt hat, auf dem der dampfende Braten und das restliche Weihnachtsessen steht. Sein Opa zündet die Kerzen an und holt beide zum Tisch. „Macht mal kurz die Augen zu. Und nicht schummeln!“ Beide legen ihre Hände vor die Augen. Hans kann es nicht unterlassen zu luschern, jedoch sieht er nichts, da Opa in die Küche gegangen ist, die hinter Hans liegt. Als Opa wiederkommt schließt er schnell seine Finger wieder.
„Noch einen kleinen Moment - So!“
Hans fühlt sich wie im Paradies.
„Ein Baumkuchen!“
„Den gibt es aber erst zum Nachtisch.“
Hans isst motivierter denn je sein Mittagessen, während Opa noch Henriettes Essen schneidet. Sein Vater ist dabei für einen kurzen Augenblick vergessen. Wenn er es sich recht überlegt, würde er lieber bei seinem Großvater wohnen. Der kümmert sich besser um sie und hier darf er mal bis in die Nacht aufbleiben. Am liebsten hört er aber von seinem Großvater Rittergeschichten und unterbricht ihn höflich, wenn ihm etwas nicht gefällt, was Opa Hermann prompt ändern muss. Aber jetzt ist das egal, denn er bekommt ein Stück vom Kuchen! Sein Opa muss lachen, als er die gierigen Kinderaugen sieht.
„Ich auch!“, wendet Henriette ein.
„Sei nicht so ungeduldig, Jette.“
„Und du nicht so abschätzig, Hans.“, kontert sein Großvater.
Hans legt die Kuchengabel hin und schaut seine Schwester an. Henriette sieht bedrückt aus. Er nimmt ihre kleine Hand und schaut sie aufrichtig an. „Tut mir leid. Ich wollte nicht gemein sein.“
„Nicht schlimm.“
„Hans? Möchtest du uns nachher etwas vorspielen?“
Voller Begeisterung nickt Hans. Vor nicht allzu langer Zeit ist er in die Musikschule gekommen und durfte, dank Vatern, sich ein Musikinstrument aussuchen. Er wählte die Querflöte. Für die Proben wird er jedes Mal zu seinem Großvater geschickt, da es Hans Heinrich beim Arbeiten stört und er im Home-Office während eines Meetings nicht ‚Alle meine Entchen‘, in jeglichen Tönen außer den richtigen, gebrauchen kann. Momentan dümpelt er wieder in Brüssel rum. Geschäftlich, natürlich. Selbst zu Weihnachten lassen sie ihn nicht in Ruhe. Aber so kann Hans ein zweites Weihnachten feiern.
„Aber erst müssen wir Papa noch anrufen.“
„Na dann schnapp dir das Telefon.“
Hans befördert die Überbleibsel des Kuchens in seinen Mund und springt vom Stuhl herunter, um an das andere Ende des Raumes zu rennen, wo eine Kommode mit dem Festnetztelefon steht.
„Du musst die Nummer eingeben, Opa. Die kann ich nicht.“
Sein Opa tippt die Nummer ein und reicht ihm das Telefon zurück. Es tutet dreimal.
„Ja, Hermann? Alles in Ordnung mit den Kindern?“, sagt die mechanische Stimme am anderen Ende der Leitung. Als Nebengeräusch vernimmt Hans den monotonen Straßenverkehr.
„Hallo, Papa! Hier ist Hans-“
„Und Jette!“
„Und der Opa!“
„Hallo, meine Lieben. Geht es euch gut?“
„Ja, Opa macht alles für uns. Es gibt sogar einen Baumkuchen.“
„Das freut mich. Es ist schön von euch zu hören.“
„Warum bist du denn unterwegs?“
Hans schmeißt sich auf das Sofa und schnappt sich die kuschelige Decke.
„Ich muss noch Dinge erledigen.“
„An Weihnachten?“
„Ja, in Brüssel ist gerade das absolute Chaos, weshalb ich sehr lange dafür brauchen werde.“
Sein Vater ist gereizt, das hört Hans. Er klingt immer so. Wenn Hans zum Beispiel etwas vergisst, seine Hausaufgaben nicht macht, verträumt im Unterricht sitzt und mit einer Verwarnung nach Hause geschickt wird, als er das Hoftor aus Versehen offengelassen hat und der Hund weggelaufen ist. In diesen Situationen klingt sein Vater stets so, wie er es jetzt tut.
„Dann möchte ich dich nicht länger aufhalten. Frohe Weihnachten, Papa.“
„Ich rufe später nochmals durch.- Frohe Weihnachten, Hans. Grüße die anderen beiden lieb und benimm dich.“
„Mach ich. Tschüss.“
Hans legt das Telefon auf den Couchtisch und schaut bedrückt an die Stuckdecke. Opa, der noch mit seiner Enkelin beschäftigt ist, geht kurzerhand mit ihr zu Hans rüber und setzt sich an seine Seite, sodass Hans seinen Kopf auf den Schoß seines Großvaters legen kann.
„Was ist los, Großer?“
„Er hat nicht einmal gesagt, dass er mich oder Jette lieb hat…“
„Du kennst ihn doch. Er ist im Stress, Hans.“
Hans seufzt, dreht sich auf die Seite und kuschelt sich noch mehr in die Decke ein. Tränen bauen sich in seinen Augen auf.
„Hans? Ich kenne da ein Zaubermittel.“
Und Opa Wartensleben holt ein zweites Stück des Baumkuchens.
„Warte kurz, ich mach uns noch einen Tee.“
Jette kommt währenddessen zu ihm auf das Sofa gekrabbelt, gibt Hans eine Umarmung und küsst ihm die linke Wange.
„Meinst du, der Weihnachtsmann kommt?“, flüstert sie, als könnte der Erwähnte das Gespräch mithören. Neugierig schaut sie zum illuminierten Tannenbaum, der zwischen dem Sofa und dem Kamin steht. Etwa mittig sind Weihnachtssterne aus Stroh und kleine Kugeln aus Pappmaché angebracht, die Hans und Jette zusammen gemacht haben. „Ja! Warum sollte er nicht?“
„Weil wir noch nicht bei Mama waren.“
Hans senkt seinen Blick. Es ist schon Heiligabend und sie sind nicht am Grab ihrer Mama gewesen. Wie sollten sie auch? Ihr Papa ist nicht da. Und ohne ihn geht es nicht.
„Er kommt… - Bestimmt. Wir denken ja an sie. - Komm, wir zünden eine Kerze an.“
„Opa!“, ruft Jette.
Ihr Großvater kommt mit zwei Kindertassen in das Wohnzimmer und stellt sie vor ihrer Nase ab.
„Was ist denn?“
„Wir müssen für Mama noch eine Kerze anzünden!“, erzählt Jette ihm ganz stolz.
Opa Wartensleben geht auf ein Kabinett zu, öffnet die erste Schublade und kramt herum. Er seufzt, als er die kleine schmale violette Kerze herausholt.
„Hier, das war ihr Lieblingsduft- Lavendel. Zwei Kerzen habe ich davon noch. Bald müssen wir neue nachkaufen. Sie hat euch damals immer mit Lavendelshampoo die Haare gewaschen, damit ihr wohlriechend umherrennen konntet.“
Er holt noch schnell das Feuerzeug, zündet die Kerze an und reicht sie an Hans weiter, der sie auf die Kommode stellt, wo sich ein Foto ihrer Mutter befindet. Da sind sie zusammen im Urlaub gewesen, in den Niederlanden bei der Verwandtschaft. Kurze Zeit später kam dann die Diagnose, dass seine Mutter unheilbar krank sei. Dann ging alles schnell. Hans möchte nicht daran denken. Seine Schwester reißt ihn aus den Gedanken: „Du hast mir versprochen, dass wir jetzt spielen!“
„Geh schonmal ins Zimmer. Ich komme gleich.“
Jette springt von der Couch herunter und rennt mit ihrem Dino im Arm in ihr Zimmer. Eine Weile ist es ruhig, nur der Fernseher der Nachbarn, mit Opa Hoppenstedt im Programm, ist zu hören. Hans gesellt sich mit einem verzweifelten Seufzen zu seinem Opa auf die Couch. Dieser legt einen Arm um seinen Enkel, worauf Hans sich an seine Seite kuschelt.
„Wollen wir nachher einen Spaziergang machen? Und dann gehen wir bei Wartenberg vorbei und seifen den so richtig mit Schnee ein?“
„Der hat mir immer noch nicht den Fußball zurückgegeben.“
„Na siehst du, dann nehmen wir Rache.“
Hans muss lachen, als sein Opa ihn kitzelt und er nach Hilfe schreit, sodass Jette mit ihrem Plastikschwert angerannt kommt und ihren Bruder verteidigt. Die Aufmerksamkeit wird aber nun auf sie gelenkt und Jette wird prompt hochgehoben, als sie ihrem Großvater am Schienbein einen Hieb mit dem Schwert verpasst.
„Opa möchte mit uns raus, Jette!“
„Einen Schneemann bauen?“
„Ja!“
Jette zappelt und möchte runtergelassen werden, damit sie ihren Schneeanzug anziehen kann.
„Halt, Jette, wir wollten doch zuerst die Plätzchen machen!“, ruft Opa hinterher.
Sie kommt zurück gerannt, hat die selbstgestrickte Mütze schon auf dem Kopf und einen Arm im Träger der Schneehose.
„Aber es ist jetzt schön!“
„Na gut. Aber dann meckere nachher nicht, wenn sie nicht rechtzeitig fertig sind.“
Der Winter breitet sich in ganzer Länge über Berlin aus. Jette versinkt bis zu den Knien im Schnee, sodass Opa sie zwischendurch tragen muss. Hans hingegen spielt Pferd und seine Kutsche ist der hölzerne Schlitten, den sein Opa aus dem Keller geholt hat.
„Jette! Ich ziehe dich!“
Jette dreht sich um und möchte wieder runter. Die Kutsche von Hans ist nun nicht mehr leer. Mühselig bahnt er sich den Weg, den Opa Wartensleben vorab schon platt getrampelt hat. Hinter ihm hört Opa Wartensleben ein Knirschen, als würde etwas zusammengepresst werden. Er denkt sich nicht viel dabei, bis er eiskalt von hinten mit einem Schneeball erwischt wird.
„Jette!“
Das ist ihr Ende. Hans geht hinter einem Baum in Deckung, Opa formt den Ball zu einem Gegenangriff und Jette versucht durch den Schnee zu ihrem Bruder zu rennen, wobei ihr der Widerstand der Schneemasse alles erschwert. Opa feuert ab, trifft aber nur den Baum. Hans ist nun endgültig in seinem Element und macht die besten Schneebälle, die Jette und er zielgenau werfen.
„Opa! Du siehst aus wie eine Kuh!“, lacht Jette und bekommt in diesem Moment von Opa einen Ball an den Arm gepfeffert.
„Tut mir leid, Süße. Tut es weh?“
„Oh, oh, Opa! Wenn da jetzt ein Stein drin gewesen wäre…“
„Ich bitte um Verzeihung, Herr Direktor, das war fahrlässig von mir!“
Hans steht mit strenger Miene vor seiner Schwester, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, ganz die Moralapostel, welche seine Lehrer in der Schule sind. Sein Opa streift währenddessen den Schnee vom Mantel und zieht Hans die Mütze gerade, die durch das Gefecht verrutscht ist.
„Na kommt, wir müssen noch Wartenberg ärgern.“
Opa führt sie in eine noch edlere Wohngegend. Lauter Eigenheime und Villen, die doppelt und dreifach mit Kameras geschützt sind, mit großen Gärten und hier und da ein Hund, der sie ankläfft oder eine aufgeplusterte Katze, die sich schelmisch Streicheleinheiten holt. Wartenbergs besitzen eine gut ausgeleuchtete Stadtvilla, die snobistischer nicht sein kann.
„Und was machen wir hier, Opa?“, fragt Jette eingeschüchtert, während sie seine Hand hält.
„Einen Klingelstreich. Ihr wartet hier und wenn ich sage ‚Los!‘, dann rennt ihr. Jette, setz dich am besten auf den Schlitten, so kommst du schneller voran.“
Hans und Jette begeben sich in Position, als ihr Opa das Tor öffnet und schnurstracks auf die Haustür zugeht.
„Opa, das ist keine gute Idee. Könnt ihr euch nicht vertragen?“, ruft ihm Hans hinterher.
„Nein, Hans, der Schmerz sitzt zu tief. Man schummelt nicht beim Kartenspiel.“
Hans hält das Seil fest in der Hand, sodass er jeden Augenblick losrennen kann. Die Gehwege sind hier zum Glück besser vom Schnee befreit. Für einen Moment lauscht er den Großstadtgeräuschen. Dann klingelt sein Opa und gibt das Signal. Hans rennt so schnell er kann. Jette würde am liebsten vor Freude rufen, aber sie weiß, dass das jetzt unangebracht ist. Ihr Opa holt auf, nimmt Hans das Seil vom Schlitten ab, sodass dieser mehr Geschwindigkeit erlangt und läuft ein ganzes Stück weiter bis zur nächsten Kreuzung, von welcher sie die Situation abwarten. Manchmal fragt sich Hans, woher sein Großvater diesen jugendlichen Elan hat. Sie waren völlig außer Puste.
„Opa? Ist er überhaupt zu Hause?“
„Darüber hab ich gar nicht nachgedacht.“
Wieder in der Wohnung angekommen, macht Opa ihnen erstmal eine Tasse mit warmen Kakao und wickelt beide in eine Decke ein.
„Sagt das ja nicht eurem Papa, sonst dürft ihr nicht mehr herkommen.“
Von beiden kommt ein starkes Nicken und Jette meint, dass es ein Geheimnis bleiben wird. Hans wird etwas ungeduldig.
„Kannst du uns etwas vorlesen?“
„Natürlich! Wollt ihr etwas Bestimmtes hören?“
Hans zuckt mir den Achseln und Jette schüttelt den Kopf. Opa hat einen Einfall und durchwühlt den Schrank, wobei er eine CD rausholt: Berliner Philharmoniker spielen Tschaikowsky. Er legt die CD rein und verschwindet kurz in seinem Arbeitszimmer. „Hier!“ Er hält ein Buch in die Luft: E. T. A. Hoffmann, Nussknacker und Mausekönig. Er startet die CD, setzt sich in den Sessel und schnappt sich seine Lesebrille. Jette und Hans blicken ihn gespannt an.
„Am vierundzwanzigsten Dezember durften die Kinder des Medizinalrats Stahlbaum den ganzen Tag über durchaus nicht in die Mittelstube hinein, viel weniger in das daranstoßende Prunkzimmer. In einem Winkel des Hinterstübchens zusammengekauert, saßen Fritz und Marie, die tiefe Abenddämmerung war eingebrochen und es wurde ihnen recht schaurig zumute, als man, wie es gewöhnlich an dem Tage geschah, kein Licht hereinbrachte. Fritz entdeckte ganz insgeheim wispernd der jüngern Schwester (sie war eben erst sieben Jahr alt geworden) wie er schon seit frühmorgens es habe in den verschlossenen Stuben rauschen und rasseln, und leise pochen hören.“
Im Hintergrund tanzen die Streicher miteinander, bilden einen flinken Chor, der aufgewühlt die Weihnachtsszene einläutet und die raschen Bewegungen der weihnachtlichen Vorbereitungen nacheifert. Hans hört ihm gebannt zu, bis Jettes Kopf auf seine Schulter fällt und sie einschläft. Opa unterbricht die Erzählung. „Ich mache später weiter. Möchtest du mir vielleicht in der Küche helfen?“
„Ja. Die Plätzchen können wir dann morgen machen. Jette würde sonst weinen.“
„Na dann, Großer, ab in die Schlacht!“
Hans stellt sich als tüchtiger Tellerwäscher heraus und unterstützt seinen Großvater tatkräftig, indem er ein Duell mit dem Handtuch anficht. Plötzlich hält Opa inne und blickt umher.
„Hörst du das?“
Hans lauscht.
„Nein. Was ist denn?“
„Ich glaube, der Weihnachtsmann kommt!“
Voller Neugier läuft Hans in das Wohnzimmer und schaut den Schacht des Kamins hoch. Er sieht nichts, aber er hört deutlich die Schritte. Rasch dreht er sich zu Jette um, die weiterhin auf dem Sofa schlummert.
„Jette!“, flüstert er. Sie regt sich etwas. „Jette! Er kommt! Los, wir müssen ins Zimmer!“
Jette bekommt nicht die Zeit, die sie braucht, um alles zu verarbeiten. Schlaftrunken nimmt ihr Bruder sie an der Hand und rennt mit ihr in sein Zimmer. Er lugt durch das Schlüsselloch.
„Kannst du was sehen?“
„Nein, leider nicht. Das Licht ist im Flur ausgegangen. - Warte! Die Wohnungstür ist aufgegangen! - Opa redet mit jemandem! Ich kann nur einen Mantel sehen.“
„Hans, komm zurück. Wenn er es sich anders überlegt?“
„Hast du Angst, dass du nichts bekommst?“
„Nein. Aber Opa weiß schon, was er tut.“
Hans zieht sich zurück und setzt sich in den Kindersessel. Jette hingegen steht vor dem Aquarium und beobachtet den kleinen Wels, wie er an der Scheibe nuckelt. Ruhig ist es nicht, ganz im Gegenteil, es poltert und Dinge werden verschoben. Zwischendurch hören sie sogar Opa fluchen.
„Ist was passiert?“, wendet Jette ein.
„Glaube nicht. Opa würde sich sonst melden.“
Sie warten weiterhin, bis sie endlich Opas Schritte im Flur wahrnehmen und beide aufstehen.
„Ich soll euch lieb von ihm grüßen. Ihr könnt nun kommen.“
Hans ist der Erste am gefüllten Baum. Seine funkelnden Augen sind vor Staunen aufgerissen, während er den Baum umrundet und alles näher betrachtet.
„Na los, macht schon auf.“ Opa steht mit einem Grinsen am Türrahmen und schaut seinen Enkeln zu, wie sie das Papier mit Bedacht auseinanderreißen: Ein Feuerwehrauto mit Sprachfunktion, Plüschtiere für beide, eine kleine Gitarre für Jette und Noten für Hans, der dazu noch ein neues Paar Reiterstiefel bekommt, da er nächsten Sommer endlich in das Reitercamp kann.
„So und jetzt schließt mal eure Augen.“
„Bekomme ich noch einen Kuchen?“
„Nein, Hans, was Besseres.“
Jette hat schon die Augen zu und Hans macht es ebenso. Diesmal schummelt er nicht. Sie hören Schritte, wie sich Opa entfernt, für einen kurzen Augenblick gänzlich fort ist und mit einer weiteren Person zurückkommt.
„Augen auf!“
Beide bringen keinen Ton heraus, bis anscheinend die Flut über sie hereinbricht.
„Papa!“
„Na, meine Lieben.“ Hans Heinrich öffnet seine Arme und hockt sich hin, als seine Kinder angerannt kommen. Hans ist froh seinen Papa wieder umarmen zu können. Jette lässt ihn gar nicht mehr los, sodass Hans Heinrich sie hochnehmen muss.
„Da hat Opa euch aber schöne Geschenke gemacht. Meine folgen morgen.“
„Und du bist Opas bestes Geschenk.“
Hans Heinrich lächelt leicht. Er nimmt Hans an die freie Hand und geht mit ihnen zum Sofa. Opa kommt hinterher. Hans kuschelt sich an die Seite seines Vaters. Auf der anderen klebt nach wie vor Jette.
„Das ist das beste Weihnachten“, murmelt er. Die neuen Spielzeuge sind vergessen, nur seine Familie hat er im Kopf.
