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Leo Eduard Hölzer, krieg deinen Scheiß zusammen!

Summary:

Leo hat einen zweiten Vornamen, der ihm seit jeher peinlich ist. Eines Tages erfährt das Team jedoch davon, und die Dinge entwickeln eine plötzliche Eigendynamik, als Leos Gefühle für Adam auch noch in den Topf geworfen werden und eine Rolle spielen. Eduard, Eduard, Eduard hat ‘nen Damenbart!

Notes:

@Opheliagreif ist schuld, jawohl. Sie hat mit diesem „Leo Eduard Hölzer“ auf tumblr angefangen, und ich bin auf den Wagen aufgesprungen und die Muse kam und hat mir ihre Zunge in den Hals gesteckt. Und dann musste ich halt tippen. Und habe dabei gemerkt, wie unglaublich schadenfroh ich bin, wenn Leo sich schämt haha. Hui ui, Karma-Punkte Abzug. Auf jeden Fall DANKE für die Idee, es hat mir viel Spaß gemacht x3 (vor allen Dingen sollte gerade ich die Klappe halten, die drei Vornamen ihr Eigen nennen darf *hust*, but that’s another story).

Der überaus professionelle und niveauvolle Titel musste natürlich sein, wegen Wiedererkennungswert oder so (muss man alles nicht so genau nehmen x3).

Work Text:

Leo Eduard Hölzer, krieg deinen Scheiß zusammen! 

Es fing alles mit einem unscheinbaren Brief an - der aufgrund einer Systemänderung der Buchhaltung nicht wie sonst bei Leo zuhause im Briefkasten landete, sondern per Hauspost auf der Arbeit an ihn zugestellt wurde. An ihn zugestellt worden wäre, vom hauseigenen Postboten, direkt in seine Hände, bevor irgendjemand Wind davon bekommen hätte. Doch Esther hatte den Postboten auf dem Flur abgepasst, als sie einen neuen Kaffee hatte aufsetzen wollte. Sehr zu Leos Pech hatte sie die Post für das ganze Team mitgenommen und hielt ihm nun mit einem süffisanten Schmunzeln den an ihn adressierten Brief entgegen. Auf dessen Briefkopf konnte er schon aus dem Augenwinkel heraus erkennen, dass sein kompletter Name unüblicherweise abgedruckt worden war. Fuck. Sein Herz schlug ihm vor Panik bis zum Hals rauf. Mit zögerlichem Blick nahm er den Brief entgegen, beäugte argwöhnisch Esthers funkelnde Augen. 

"Bitteschön, Eddie", sagte sie grinsend, betonte den ungewohnten Namen extra genüsslich vor Schadenfreude. Leos Miene verdüsterte sich augenblicklich. 

"Danke", grummelte er und legte den Brief auf seinen Schreibtisch. War eh nur der monatliche Gehaltsabrechnung, würde er später öffnen und ad acta legen. Aber der Brief schien sich in den Tisch zu brennen, erregte derart seine Aufmerksamkeit, dass er sich nicht ablenken konnte. Dort stand das Desaster in schwarzen Buchstaben auf umweltgrauem Papier geschrieben: Leo Eduard Hölzer. Was hatten seine Eltern sich nur dabei gedacht? Sein ganzes Leben lang fragte er sich das schon, und er mied es, irgendwem von seinem zweiten Vornamen jemals zu erzählen.

Und jetzt wusste Esther es, durch einen dummen Zufall. Ausgerechnet Esther. Er würde bis zum Ende seiner Tage damit aufgezogen werden, er konnte es schon förmlich riechen. Leo konnte nicht verhindern, dass ihm die Schamesröte heiß in die Wangen stieg. Er wendete betont den Blick von Esther ab, die ihn noch immer schweigend angrinste. Seine Augen flohen im Raum herum, um sich abzulenken und nicht auf Esthers wortlose Stichelei einzugehen, während er quasi dampfte wie ein Wasserkocher - sein Augenmerk richtete sich auf Pia, die ihn stirnrunzelnd und skeptisch musterte. 

"Eddie?", fragte sie verwirrt. Leo seufzte schwer und vergrub sein Gesicht verloren hinter seinen Händen. Na toll. 

Plötzlich hörte er Adams sanfte Stimme, als er das Büro betrat. 

"Leo Eduard Hölzer", sagte er ganz ruhig, um zur allgemeinen Aufklärung beizutragen. Wenn er Leos vollständigen Namen so aussprach, war plötzlich alles anders. Leos Herz stolperte merklich in seiner Brust und eine unglaubliche, angenehme Hitze breitete sich in ihm aus. Es klang so verdammt vertraut, diese Worte auf diese Weise aus Adams Mund zu hören. Und im Gegensatz zu Leos peinlich berührten Schamgefühlen war da kein Anflug von Witz oder Abneigungen in Adams Stimme - einfach nur ein Gefühl von inniger Nähe. 

Vorsichtig linste Leo durch seine Finger, als er hörte, wie Adam sich lässig auf seinem Schreibtisch halb hinsetzte, zu ihm geneigt. 

"Ist doch ein alter Hund", fügte Adam unbeirrt hinzu, als könnte man einfach so diese schreckliche Namenskombination mit einer wirschen Handbewegung aus der Welt wischen. Leo traute sich, die Hände wieder fallen zu lassen und beschloss, sich nicht mehr zu schämen. Das fiel ihm umso leichter, als er Adams sanftes Lächeln auffing. Adam erkannte schon mühelos an Leos Blick, wie unangenehm ihm die ganze Situation war. Bereits in der Schule war er für diesen dämlichen Namen immer und immer wieder gehänselt worden - und mehr als einmal hatte Adam die anderen Jugendlichen in ihre Schranken verwiesen und sich schützend vor Leo aufgebaut, wenn sie den Spaß zu weit trieben. Er und Adam dachten vermutlich beide gerade an diese Momente der Vergangenheit zurück, als sie einander nachdenklich und vorsichtig anlächelten. Adam hatte damals zu ihm gehalten, und das tat er auch heute nach wie vor.

"Für mich bleibst du immer nur Leo, das ist ja klar", sagte Adam dann mit einem leisen Lachen. Leos Herz zerschmolz darauf zu Butter in der Sonne, er empfand eine solche Zärtlichkeit und Dankbarkeit für Adam. Lächelnd studierte er die eisblauen Augen, in denen ein lebhaftes Feuer glomm, die blondierten Haare im tristen Tageslicht. Adam stellte ihm eine Tasse Kaffee hin, die er in der Hand gehalten hatte. 

"Hier, Zucker und Milch ist schon drin", sagte er. Dankend nahm Leo die Tasse entgegen und trank den ersten Schluck, genoss, wie gut Adam die Mischung hinbekommen hatte. Esther riss ihn aus seinen schwelgenden Gedanken, als sie verächtlich schnaubte.

"Schön beim Chef einschleimen, was, Schürk?" 

Adam warf ihr einen scharfen Blick und ein gefährliches, schmallippiges Lächeln zu. 

"Kann ja nicht jeder so 'ne Giftkröte sein wie du, Baumann."

Esther baute sich kampflustig vor Adam auf und sah zu ihm auf, reckte den Kopf hoch - was an sich schon beknackt genug aussah, überragte Adam sie doch locker um anderthalb Köpfe. 

"Stimmt ja, dein Charme ist ja umwerfend", witzelte sie. Leo betrachtete das Spektakel vor sich halb fasziniert, halb entsetzt. Es schien ihm, dass Esther und Adam stets zu trotzigen Kleinkindern wurden, denen der Mittagsschlaf fehlte, sobald sie längere Zeit aufeinander hockten. Eine Hassliebe, die er immer wieder mit einem Machtwort deeskalieren musste. 

"Leute, bitte!", schimpfte er halbherzig und nahm noch einen Schluck seines Kaffees. Adam und Esther trotteten brav zurück an ihre Plätze, und schnitten sich nur noch ab und an Grimassen über die Distanz hinweg, bis sie Leos tadelnde Blicke auffingen und den Quatsch einstellten. 

Leos Augen richteten sich zufällig auf Pia, die ihn nur nachdenklich anschaute, ein leises Lächeln auf den Lippen, als hätte sie plötzlich etwas Wichtiges über ihn verstanden. 

… 

Leo und Pia standen in der Teeküche Seite an Seite - Pia schnibbelte gerade konzentriert unterschiedliches Gemüse zu einem schnellen Salat zusammen, während Leo sein Mittagessen in der Mikrowelle aufwärmte. Er hatte für Adam mal wieder aus Versehen mitgekocht, weil er einfach sehr schlecht darin war, Portionen abzuschätzen. Zumindest lautete so die offizielle Begründung. Dass Leo schlicht nicht wollte, dass Adam nur Junk Food, oder, wie so häufig, vor lauter Stress und Arbeit einfach gar nichts aß, das kam der Wahrheit entschieden näher. Man konnte eben nicht nur von Instant-Nudeln und Reiswaffeln leben. Und Leo hatte es zu seiner geheimen Mission gemacht, seinem besten Freund zumindest ab und zu etwas Gesundes einzuflößen.

Ein leises Lächeln zuckte über seine Mundwinkel bei dem Gedanken, dass Adam sich morgen wie üblich revanchieren würde und für sie beide Mittagessen mitbringen würde. Irgendwie war dies Normalität für sie beide geworden. Und Leo liebte nichts mehr, als mit Adam in der gemütlichen Couchecke während ihrer Pause zu sitzen, zu quatschen und zusammen zu Mittag zu essen, danach mit Adam draußen zu stehen und ihm beim Rauchen zuzusehen. Fast nichts fühlte sich mehr wie Zuhause an als das.

Pia stupste ihn plötzlich an, schob ihre Schulter langsam und freundschaftlich gegen seine. Neugierig senkte er den Blick zu ihr herab, sah ein belustigtes Aufblitzen über ihr Gesicht huschen. 

"Wann willst du es ihm denn sagen?", fragte sie leise und vertrauensvoll. Leo zog verständnislos die Brauen zusammen. 

"Hä?", erwiderte er geistreich. Pia grinste, bedachte ihn mit einem wissenden Blick, bevor sie sich wieder abwandte und ihren Salat in Unmengen von Dressing ertränkte. 

"Na, dass du in Adam verschossen bist. Sieht doch ein Blinder."

Ruckartig schoss das Blut kochend heiß in Leos Wangen. Er begann nervös zu schwitzen. In seinem Bauch kribbelte es ganz prickelnd. Innerlich fluchend wendete er sich von Pia ab, starrte unnachgiebig die Mikrowelle an, in der das Essen rotierte. Seine Handinnenflächen waren klamm, als er sie unruhig aneinander rieb. 

"Bin nicht in Adam verschossen", murmelte er verbissen. Sein Gesicht glühte, das Blut pochte bereits in seinen Wangen. Leos Herz stolperte wie wild in seiner Brust. War er so offensichtlich gewesen, mit dem, was er für Adam empfand? Waren seine Handlungen und Reaktionen so einfach zu durchschauen?

Pias Stimme erklang mit einem Mal sonderbar streng und mahnend. 

"Leo Eduard Hölzer", zischte sie leise, lehnte sich verschwörerisch ihm entgegen. Leo zuckte unweigerlich zusammen. Erinnerungen an seine Mutter, die ihn im gleichen Tonfall geschimpft hatte, mit erhobenem Zeigefinger. Wenn er wieder nicht aufgeräumt hatte. Oder den Fußball in Nachbars Fensterscheibe gedonnert hatte. Oder zu lange mit Adam um die Häuser gestromert war und sich spätabends ins Haus geschlichen hatte. Leo fühlte sich plötzlich wieder wie mit 15 Jahren, und wäre am liebsten vom Erdboden verschwunden. Er wagte gar nicht, Pia anzusehen, er war derart in einem Taumel aus Verwirrung gefangen. 

"Verarschen kann ich mich alleine. Sag's ihm doch. Kapierst du denn nicht, dass er dich genauso anhimmelt?" 

Leos Herz setzte einen Takt aus. Machte dann einen gewaltigen Salto, und rutschte ihm dann mit einem Plumps in die Hose, wo es dann irgendwo an seinen Schnürsenkeln aufgeregt schlagend lag. Vollkommen baff glotzte er Pia an, die wissend und verschwörerisch lächelte. Sie zwinkerte ihm zu, nahm dann die Schüssel mit ihrem fertigen Salat und drehte sich zum Gehen um – all das, während Leo wie vom Blitz getroffen dort stand, mit halb offenem Mund vor Schreck. Schreck zum einen, weil er Pia komplett richtig geraten und ihn ertappt hatte, zum anderen, weil sich in seiner Brust das jähe, starke Gefühl von warmen Entzücken breitmachte. Konnte es wirklich sein, dass Adam das Gleiche für ihn empfand? Wieder erriet Pia seine entgleisten Gesichtszüge richtig, blieb noch einmal stehen. Das Lächeln, das sie ihm dieses Mal schenkte, war freundschaftlich und ausgesprochen sanft.

„Sag’s ihm halt, Leo“, sagte sie aufmunternd, bevor sie ging.

Mit rasendem Herzen verweilte Leo noch einen Moment alleine in der Teeküche, versuchte, sich zu sammeln, und stützte sich an der Arbeitsplatte Mut suchend ab. Seine Wangen brannten noch immer vor Aufregung. Mit zittrigen Fingern betastete er das vorsichtige Lächeln seiner Lippen, redete sich immer wieder ein, sich bloß keine falschen Hoffnungen zu machen, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. Mit einem Seufzen schloss er die Lider, sah direkt Adams nachdenkliches Gesicht und behutsames Lächeln vor sich.

Leo folgte Adam bereitwillig durch die abendlichen Straßen Saarbrückens. Sie hatten soeben Dienstschluss gemacht, und hatten endlich ein wohlverdientes Wochenende vor sich. Am Himmel konnte man noch die Reste des Sonnenuntergangs sehen, wie ein zartes Rosa die dunkelgrauen, dicken Wolken an den Spitzen einfärbte. Es sah nach Regen aus. Die Straßenlaternen gingen bereits an, während sie Seite an Seite einen Fuß vor den anderen setzten. Beide hatten sie Hunger, und Adam hatte mit leuchtenden Augen den Hähnchenwagen drei Straßen weiter vorgeschlagen. Erst hatte Leo vehement lachend abgelehnt, denn das konnte ja wohl kein ernster Vorschlag gewesen sein. Aber Adam war beharrlich gewesen und hatte gemeint, dass man auch mal so einen Fraß essen müsste, man könne ja nicht nur von Grünzeug leben. Und dann hatte er Leo so angesehen, mit diesem unwiderstehlichen sanften Blick, der Leo ganz weich werden ließ und in die Knie zwang – er war in null Komma nichts eingeknickt. Dahin waren all seine guten Vorsätze, mal ein paar Vitamine in Adam zu quetschen.

Nun schlenderte er gemütlich neben Adam, die Hände gelassen in den Hosentaschen. Er tauschte verstohlene Blicke und ein kleines Grinsen mit ihm aus. Die Luft roch würzig, wie bei einem Lagerfeuer, als der Spätsommer sich gen Herbst neigte. Der Wind um sie herum und in ihren Haaren war angenehm kühl. Die ersten Regentropfen begannen zu fallen, doch es störte sie beide nicht. Adam zwinkerte Leo plötzlich zu, lächelte schelmisch. Ehe Leo sich versah, hatte Adam ihn mit der Schulter angestupst und brachte ihn zum Wanken.

„Wer als erster da ist?“, fragte er. Leo runzelte verständnislos die Stirn. Dann sah er, wie Adam auflachend davon rannte, in die bevorstehende Nacht, durch den Regen. Ihm tat sich das Herz merklich auf, und er lächelte rührselig, als er ihm nachblickte und ihm wieder klar wurde, wie sehr er diesen Mann liebte. Flüchtig dachte er daran, dass Adam trotz all der grausamen Erfahrungen in seinem Leben noch immer lachen konnte, was für ein Wunder das war. Ergriffen ließ Leo das schwere Gefühl von Wehmut in sich keimen, verspürte den unglaublichen Drang, Adam vor jeglichem weiteren Leid beschützen zu wollen. Sein schönes Lachen zu erhalten und öfter zu sehen.

Lachend setzte er Adam mit einem Sprung nach, verdrängte die trüben Gedanken, und hatte ihn bald eingeholt. Ihre schnellen Schritte und ihr atemloses Lachen hallten durch die Straßen. Sie sahen einander beim Laufen an, und Leo konnte die pure Lebensfreude in Adams Augen aufblitzen sehen, den Humor in seinem Blick. Es brachte Leo dazu, sich wieder seltsam jung und unbesiegbar zu fühlen, als läge die ganze Welt zu seinen Füßen, das Leben vielversprechend vor ihm. Immer wieder drängten sie den anderen grob zur Seite, versuchten sie, einander aufzuhalten und schneller zu sein als der andere. Sie waren ganz außer Puste, als sie beim Hähnchenwagen ankamen – der Besitzer sah sie entsprechend konfus an, als sie atemlos ihr Abendessen bestellten und noch immer keuchend das nötige Kleingeld herauskramten.

Ein paar Augenblicke später standen sie an einem der Stehtische unter einem offenen Plastikzelt, aßen zufrieden Pommes und gebratene Hähnchenteile, während der Regen um sie herum fiel und die Nacht dunkler wurde. Leo leckte sich zufrieden stöhnend die Finger, verschlang sein Essen mit regem Appetit. Adam schmunzelte ihn an, warf sich noch ein paar Pommes in den Mund.

„Und? Hab doch gesagt, dass der gut ist“, beharrte er.

Leo nickte zustimmend, wischte sich die Finger an einer Serviette ab, und nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche kühlen Biers.

„War auch eine lange Woche, das hab ich mir verdient“, meinte er. Adam sah hinaus in den Regen; Leos Blick blieb an Adams Augen hängen, die im Licht der Laternen wundersam tief und blau schimmerten. Fasziniert verlor er sich in ihnen, hing an Adams Lippen, die zu einem zarten Lächeln geformt waren. Adam schenkte ihm einen scheelen Seitenblick.

„Meinst du, weil dein zweiter Vorname endlich rausgekommen ist?“

Verärgert bei der Erinnerung an das Desaster schwieg Leo, zog eine düstere Miene, worauf Adam kurz auflachte und ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter legte. Leo merkte, wie Adams Augen auf ihm ruhten, spürte seinen durchdringenden, suchenden Blick. Er hörte sein Grinsen, ohne ihn auch nur ansehen zu müssen, und wollte doch so tun, als wäre es nicht furchtbar ansteckend – so wie damals, als sie noch Teenager gewesen waren, und einer den anderen stets zum Lachen gebracht hatte, dass sie Tränen geweint hatten. Tief in seinem Inneren wusste Leo, dass Adam noch immer die Kraft hatte, ihn derart zum Lachen zu bringen. Aber die Erwähnung seines zweiten Vornamens brachte ihn in ungewohnt schlechte Laune, und er schmollte. Mit einem Mal hörte er Adam einen leisen Singsang beginnen, den Leo seit Ewigkeiten nicht mehr gehört hatte. Er zuckte merklich zusammen, wie bei einem Stromschlag, und lief glühend rot an.

„Eduard, Eduard – Eduard hat ‘nen Damenbart!“, sang Adam scherzhaft.

Das war einer der vielen dämlichen Sprüche gewesen, die man Leo zu Schulzeiten an den Kopf geworfen hatte, sehr zu seinem Leidwesen. Leo kniff die Augen zusammen, biss sich auf die Unterlippe, um sich in den Griff zu kriegen. Halb wollte er losprusten vor Lachen, halb wollte er weiter diese Farce spielen, dass er beleidigt war. Adams Hand lag noch immer auf seiner Schulter, sein Arm um seinen Rücken geschlungen, was überhaupt nicht half. Leo konnte seine Wärme fühlen, seine langen Finger auf seiner Jacke. Adams herb-süßlicher Duft stieg ihm in die Nase, machte ihn ganz schwindelig vor Sehnsucht. Wie erstarrt war er, wusste nicht, ob er vor oder zurück sollte, näher an Adam oder weg von ihm. Das Rauschen         des Regens und das Brutzeln des Essens hinter ihm in der Fritteuse drang an seine Ohren, vermischte sich mit Adams leisen Atemzügen, die plötzlich ungewohnt nahe und heiß an seinem Gesicht waren.

„Eddie, Eddie - Eddie mag Spaghetti!“, stichelte Adam weiter.

Leo hörte das leise Lachen in seiner Stimme, konnte nicht anders, als ebenfalls kurz aufzulachen. Er drehte den Kopf zu Adam, dessen Gesicht ihm zugewendet war, von einem liebevollen Lächeln geziert war. Da war keine böswillige Absicht zu erkennen, Leo ernsthaft zu nerven. Viel mehr erkannte Leo in Adams Augen all die Erinnerungen an früher, an ihre gemeinsamen Jugendjahre, ihre unerschütterliche Verbundenheit von damals.

Und die Bilder von früher vermischten sich mit denen von heute. Wie Adam nach all den Jahren wieder vor ihm stand mit offenem Blick, zurück in sein Leben wollte. Wie sie sich im Büro so oft die Nächte um die Ohren schlugen. Adam, der bei ihm in der Wohnung zu Besuch vorbei kam, ungewollt und vertrauensvoll auf Leos Couch einschlief. Abertausende Bilder rauschten durch Leos Kopf, während sein Herz aufgeregt in ihm stolperte, etliche Worte auf seiner Zunge lagen und danach schrien, herauszupurzeln. Leo ließ seinen Blick über Adams Züge huschen, konnte sich gar nicht sattsehen an der tiefen Zärtlichkeit, die mit einem Mal in Adams Augen trat, musterte Adams rosige Lippen. Ihre Blicke verfingen sich.

 „Adam, hör auf jetzt“, schimpfte Leo halbherzig mit ihm.

„Komm mal her“, raunte Adam, umfasste Leos Gesicht mit beiden Händen. Leo erschauderte, hielt inne. Er und Adam hatten sich schon oft angefasst, das war nichts Außergewöhnliches für sie. Aber diese Berührung war so intim, so anders als freundschaftlich, dass Leo vor Wonne erzitterte. Adams Hände waren warm, rahmten sein Gesicht schützend ein. Ohne Worte fanden ihre Körper zusammen, schmolz Leo förmlich mit ihm zusammen, als ihre Oberkörper und Hüften sich magnetisch aneinander drängten. Leo fühlte sich wie in einem Traum, versank in Adams behutsamer Berührung, seiner tröstlichen Nähe. Er hatte nicht gewusst, wie sehr er all das gebraucht hatte bis zu diesem Moment, konnte sich nicht vorstellen, jemals wieder von Adam abzulassen. Sprachlos schaute er Adam an, dessen Augen halb zugefallen waren, während er Leos Blick mit seinem gefangen hielt.

„Leo… Du wirst immer mein Leo bleiben.“

Leo atmete schlottrig ein, zutiefst ergriffen von Adams Worten. In Adams Augen las er die Antwort auf die Frage, die brennend auf seinem Herzen gelegen hatte, sich in ihn gefressen hatte. Endlich, endlich wusste er es mit Gewissheit: Er liebte Adam, und Adam liebte ihn. Mit jedem Atemzug rieben ihre Oberkörper aneinander, rückten sie unbewusst noch näher aneinander, bis ihre Gesichter nur noch eine Handbreit voneinander entfernt waren. Leos Wangen mussten feuerrot sein, er spürte sie derart mit heißem Blut flammen, und das Herz drohte ihm aus der Brust zu springen. Er hatte Angst und Panik, und doch war da diese unbeschreibliche intensive Freude in ihm, dass er am liebsten die ganze Welt umarmt hätte.

„Gerne. Wenn du mich lässt, bin ich dein“, antworte er leise, legte vorsichtig eine Hand auf die von Adams, die noch immer sein Gesicht umfassten. Adam nickte bejahend. Dann zog er mit seinen Händen Leos Gesicht zu sich, mit einer sanften Gewalt, der Leo sich zu gerne hingab. Ihre Lider schlossen sich, ihre Lippen fanden blind zueinander. Es war elektrisierend, aufregend. Alle Sinne von Leo waren auf diesen Kuss gerichtet, den er sich so lange schon herbei gewünscht hatte. Adam ließ seinen Mund sachte Leos berühren, nur streifen, dass es Leo durch Mark und Bein ging. Er erwiderte den Kuss mit zaghaftem Druck, seufzte dann zufrieden auf, als Adam ihn feste an sich zog und ihn innig und tief küsste, die Arme um seine Hüften geschlungen. Leos Hände wanderten in Adams Haare, fuhren leicht durch sie, während sie sich immer wieder küssten, aneinander klammerten.

Und es war ihm mit einem Mal scheißegal, was Gott und die Welt von ihm dachte – wegen seines zweiten Vornamens, oder dass er hier vor dem verdammten Hähnchenwagen Adam im Regen küsste, und was der arme Hähnchenverkäufer bloß denken mochte. Adam liebte ihn so, wie er war, wie er sein wollte, gleichgültig, was irgendwer dagegen sagen mochte. Sie hatten einander.

Und das war die Hauptsache.

ENDE