Chapter Text
Schiller kann nicht schlafen. Aber es würde keinen Unterschied machen, wenn er es könnte. Seit Wochen – wenn nicht Monaten – scrollt er, wenn er die Augen schließt, durch alle möglichen Wohnungssuch-Seiten mit immer denselben Angeboten, von denen keins passt. Hat Stressträume, in denen er die perfekte Wohnung findet, die aber jedes Mal wenn er blinzelt teurer wird. Oder sieht die endlose Wand an Absagen an ihm vorbeifliegen. Alles wie in echt also.
Langsam versucht er sich auf dem Sofa umzudrehen und seine über die Couch heraushängende Beine anzuwinkeln, leise, um Körner und Minna nicht zu wecken, aber das Sofa kreischt auf als hätte er gerade versucht es zu erdolchen und drückt ihm zum Gegenschlag eine Feder in den Rücken. Schiller wehrt sich nicht. Es findet sich sowieso keine gemütlichere Position auf der Couch in der 1-Zimmer-Wohnung seiner Freunde im Studierendenwohnheim, auf der er jetzt schon seit mehreren Wochen übernachten darf. Auch mit Federn im Rücken wird er seinen Freunden auf Ewig dankbar sein. Er hört wie Minna sich zu Körner dreht, die beiden miteinander flüstern, dann ist wieder Stille.
Die beiden wohnten schon länger hier, hatten eigentlich versucht eine Wohnung außerhalb des Wohnheims zu finden, aber hatten schließlich aufgegeben. Körner würde schließlich nur noch 2 Semester studieren und mit dem Einkommen danach könnten sie gleich in eine bessere Wohnung ziehen.
Schiller kennt die beiden schon länger. Sie hatten vor ein paar Jahren auf einem seiner Werke auf Ao3 kommentiert, Schiller hatte geantwortet, sie hatten sich auf Tumblr gefolgt, siedelten dann irgendwann auf Discord über und als Schiller letztes Semester abrupt sein Medizinstudium abgebrochen hatte und nicht mehr wusste wie es in seinem Leben weitergehen sollte, hatten sie ihn überzeugt zu ihnen nach Weimar zu kommen. Schiller hatte einen Job gefunden, seine alte Wohnung gekündigt und sofort angefangen nach Wohnungen zu suchen. 2-Raum Wohnungen in der Altstadt, aber nicht zu weit vom Bahnhof, Altbau mit hohen Decken, Badewanne, Einbauküche, unbedingt ein Balkon, Blick ins Grüne, Warmmiete bis 350€. Er hatte ein paar Besichtigungen gehabt, aber keine der Wohnungen hatte seinen Wünschen entsprochen. Er hatte sein Mietlimit auf 400€ erhöht. Dann auf 450€. Gut, vielleicht war ein Blick ins Grüne ja gar nicht so wichtig. Und rauchen könnte er auch aus dem Fenster, dazu braucht es keinen Balkon. Eigentlich wäre es auch besser in der Nordvorstadt zu wohnen, da hatte er keinen so weiten Weg zum Bahnhof. Und wenn er sich‘s recht überlegte waren hohe Decken und Altbau vielleicht ein schönes Extra, aber er würde auch ohne klarkommen. Genauso mit der Badewanne. Aber es regnete nur Absagen, falls ihm denn auf seine Bewerbungen überhaupt geantwortet wurde.
Mittlerweile hat er alle Wünsche aufgegeben. Die Wohnung sollte ein Dach, Wände und wenn möglich keinen Schimmel haben, aber das ist auch kein absolutes ausschlaggebendes Kriterium. Die maximale Miete hat er auf allen Seiten auf 700€ gestellt und in seiner Freizeit tut er nichts anderes als die Websites neu zu laden, auch wenn er für alle die Benachrichtigungen angestellt hat. Auch wenn er weiß, dass Mitten in der Nacht keine neuen Inserate eingestellt werden.
Er seufzt und tastet nach seinem Handy, ohne seinen Körper auf dem sensiblen Sofa zu bewegen. Die Helligkeit ist mal wieder zu hoch eingestellt, aber noch während er mit zusammengekniffenen Augen den Regler runterschiebt, finden seine Finger ihren Weg zu den richtigen Tabs. Das könnte er sogar im Schlaf.
