Chapter Text
Als Karl-Friedrich Boerne, Rechtsmediziner in Münster, an diesem Morgen erwachte, war sein erster Gedanke derselbe, mit dem er auch schon am Abend zuvor eingeschlafen war. Er fühlte sich leer und einsam und diese Gefühle nagten an ihm. Sie fraßen ihn regelrecht von Innen her auf. Früher war ihm das nie aufgefallen, er konnte sehr gut seine Abende allein verbringen und sich ganz einem guten Wein, einem interessanten Buch oder seiner Lieblingsmusik hingeben und fühlte sich dann, mit sich und der Welt im Reinen. Aber mit dieser Ausgeglichenheit war es vorbei. Er mochte nicht mehr allein sein. Er suchte immer wieder die Nähe anderer und besonders einer Person. Und eben diese Person wohnte ihm gegenüber und brachte, seit er das erste Mal Bekanntschaft mit ihr gemacht hatte, sein Leben in Unordnung. Seine Ausgeglichenheit war wie weggeblasen und hatte einem immer sehnsüchtigeren Gefühl Platz gemacht.
Tief durchatmend raffte sich Boerne auf und verließ sein wohlig warmes Bett, um sich für den Tag zurecht zu machen. Nachdem er in der Küche seinen Kaffeevollautomaten angestellt hatte, lief er zur Wohnungstür, um die Morgenzeitung hereinzuholen, die er sich dann während einiger Tassen Kaffees zu Gemüte führte. Ja, eigentlich verlief sein Leben wie gewohnt, aber das waren nur Äußerlichkeiten. Tief in ihm schlummerte tagtäglich der Wunsch nach mehr und Boerne hatte durchaus so langsam die Befürchtung, dass dieser Wunsch bald nicht mehr schlummern wollte und dann mit voller Wucht aus ihm herausbrechen würde. Und genau vor diesem Tag und dieser Situation fürchtete er sich. Seufzend nahm er am Küchentisch Platz und blätterte eher abwesend durch die Zeitung, allerdings blieb sein Blick dann doch an einer Anzeige hängen.
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Aber der/die Angebetete weiß nichts von seinem/ihrem Glück
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"100% Erfolgsgarantie, dass ich nicht lache! Wer glaubt denn sowas?", sagte Boerne kopfschüttelnd, während er die Zeitung wieder feinsäuberlich zusammenfaltete. Aber insgeheim, und er hätte es unter keinen Umständen je zugegeben, dachte der Professor dennoch über die Werbeanzeige nach. Natürlich würde er niemals einem dahergelaufenen, neunmalklugen Schnösel erlauben, sich in sein Leben, geschweige denn in sein Liebesleben, einzumischen, aber eine Sache musste er sich dennoch eingestehen, wenn er alsbald nichts unternehmen würde, dann wird es so oder so nichts mit der Liebe und schon gar nicht in Bezug auf einen gewissen Herrn Nachbarn. Ein abfälliges Schnaufen begleitete seine Gedanken, denn Boerne wusste genau, es gab keine 100% Erfolgsgarantie im Falle Thiel. Noch eine Weile erlaubte er sich, über den Hauptkomissar zu sinnieren, aber dann straffte er sich und sagte: "Karl-Friedrich Boerne, jetzt reiß dich mal wieder zusammen, wenn du die ganze Zeit wie ein Liebeskranker herumstolzierst, kannst du auch gleich ein Schild an deine Tür hängen: Verliebt in Thiel!"
"Ach, guten Morgen Herr Thiel! So früh schon auf den Beinen?", begrüßte Boerne seinen Nachbarn vor dem Haus, der gerade dabei war, sein Fahrrad abzuschließen. "Moinsen", grummelte Thiel, wie es nun mal seine Art war. "Soll ich Sie ein Stück mitnehmen oder wollen Sie nicht zum Präsidium?", fragte Boerne, bevor er eigentlich richtig über seinen Vorschlag nachgedacht hatte, denn er wollte auf keinen Fall aufdringlich erscheinen, aber wie es den Anschein machte, machte er sich da wohl zuviele Sorgen, denn Thiel willigte mit einem "Ja, gerne" ein und wirkte dabei sogar relativ erleichtert.
Als sie dann wenig später in Boernes neuem BMW saßen und mal wieder mehr als 5 kmh zu schnell durch die Innenstadt fuhren, war es plötzlich Thiel, der vom gewohnten Arbeitsthema zu einem neuen Gespärchsinhalt überleiten wollte, indem er sagte: "Mein Vadder wird nächste Woche 60 und ich wollte, ja, naja also er wollte gern feiern und ... "
"Thiel, nun stottern Sie mal nicht so herum. Was ist denn? Brauchen Sie Geld für ein Geschenk oder sogar eine Geschenkidee?", unterbrach Boerne Thiels bisher doch recht kläglichen Versuch, eine, wie es den Anschein hatte, Frage zu stellen.
"Nein, Quatsch! Mein Vadder meinte nur, dass Sie ja auch kommen könnten und ich hab ihm schon gesagt, dass Ihr Geschmack doch wesentlich höherer Natur ist und Sie bestimmt kein Interesse haben werden, aber er wollte unbedingt, dass ich Sie frage... so." Und mit einem erleichterten Seufzen fügte er hinzu: "Er hat mich dazu genötigt, Sie zu fragen, okay." Thiel konnte allerdings auch nicht ahnen, dass seine Einladung oder besser, die seines Vaters, bei Boerne eine Art schaurigschöner Vorfreude auslöste, denn so konnte er Thiel nahe sein und wer weiß, was so ein Abend in entspannter Atmosphäre noch alles bewirkt.
"Ich nehme die Einladung sehr gerne an" war jedoch das einzige, was Boerne antwortete und ihm entging nicht, dass Thiel doch etwas verwirrt und zweifelnd zu ihm hinüber sah, ganz so, als hätte er mit einer sarkastisch untermalten Abfuhr gerechnet.
Am Polizeipräsidium angekommen, fragte Boerne, ganz beiläufig natürlich, wann es denn losginge und wer noch alles kommen würde, um, wie er sich ausdrückte, dem Anlass beizuwohnen, und was er denn Herbert Thiel schenken könne.
Der Hauptkomissar, der schon im Begriff war, aus dem Wagen zu steigen, sagte nur knapp: "Ähm .. nächsten Samstag und ich glaube, die Klemm kommt auch. Naja, und schenken... da hab ich selber keine Idee."
"Aber Thiel, Sie müssen doch wissen, womit Sie Ihrem werten Herrn Vater eine Freude machen können!"
"Nein, wissen Sie denn immer, was das richtige Geschenk ist für jeden?", grummelte Thiel und schlug die Autortür hinter sich zu, um zum Präsidium zu gehen. Boerne, der ihm noch hinterhersah und dabei das Hupkonzert ignorierte, das so langsam angestimmt wurde, da er mal wieder, alle Verkehrsregeln missachtend, mitten auf der Straße gehalten hatte, konnte nur noch zu sich selbst sagen "Ja, ich wüsste, womit ich Ihnen eine Freude machen kann, allerdings weiß ich nicht, ob Sie das auch schon wissen."
Die Woche, ja die einzelnen Tage schleppten sich regelrecht dahin und Boerne fiel es von Tag zu Tag schwerer, Geduld zu wahren und sich seine vorfreudige Aufregung nicht anmerken zu lassen. Er hatte mittlerweile einen Werkstattgutschein für Thiels Vater gekauft und auch den Hauptkomissar gefragt, ob er sich daran beteiligen würde, was dieser dankend bejahte.
Heute war es dann also soweit. Thiel hatte gestern Abend noch im Hausflur gemeint, dass er ihn um 7 abholen würde, und dass sie dann gemeinsam zu seinem Vater gehen würden. Auf die fragend hochgezogene Augenbraue Boernes hatte Thiel nur erklärt, dass es doch besser sei, wenn sie beide etwas trinken könnten an diesem Abend. Erst nachdem Boerne in seinem eigenen Wohnungsflur stand und die Tür ins Schloss gefallen war, erlaubte er sich ein Lächeln, denn offenbar versprach es ein feuchtfröhliches Fest zu werden, und der Alkohol hatte schon so manches Herz erweicht und die Zunge gelockert. "Oh Schreck", entfuhr es Boerne plötzlich. "Die Zunge gelockert... na hoffentlich wird mir meine nicht zu locker." Und mit dieser leichten Panik, er könnte vorschnell und unüberlegt etwas unbedachtes sagen, was seine Chancen bei Thiel, die ja sowieso eher im Minusbereich lagen, noch verringern, ging er schlafen.
Als er dann am nächsten Morgen die Augen aufschlug und mit einem Lächeln feststellte, dass er in der Nacht von Thiel und ihm und ihm und Thiel geträumt hatte, waren sämtliche Überlegungen darüber, dass er womöglich etwas Falsches sagen könnte, wie weggeblasen und er machte sich daran, den Tag so sinnvoll zu nutzen wie möglich, indem er sich Zeit nahm, seine Garderrobe für den Abend zurechtzulegen.
