Work Text:
Er war wie die Sonne und die Hitze damit sein ganzes Selbst.
Er war wie jeder noch so kleine Lichteinfall, der das Meer zum Strahlen brachte und die Wärme, die Leben einhauchte.
Es war der Sommer, der Tobio seit endlos vielen Nächten an jenen Jungen erinnerte, der so hoch sprang, wie nicht einmal Raketen fliegen konnten.
Sein Herz schmerzte und kribbelte; wollte mehr und hatte Angst.
„Lately, it's been too much all day
Words shot like a cannon at me
I just wanna be myself
I can't be someone else, someone else“*
Kageyama atmete zuerst aus und dann ein – tat dies immer und hatte sich nicht ein einziges Mal gefragt, weshalb. Er kam nie auf die Idee, seine Nägel zu schneiden, statt zu feilen und würde Milch niemals fettreduziert konsumieren.
Es gab einfach Dinge im Universum, die man nicht ergründete; für die der Kopf keine Kapazität aufbringen wollte oder die den IQ überschritten. Die einen vielleicht in Bewegung hielten und Platz für Sachen machten, die Menschen als wichtig erachteten. Die sie sich in Emotionen verlieren und sich Schwimmflügel aus Hoffnung basteln ließen.
Kageyama atmete ein.
Er war noch nie gut in der Schule gewesen – hatte keine Ahnung von Mathe oder Englisch und Physik. War herausragend im Auswendiglernen, aber die Zeit dafür oft zu knapp.
Viele hatten gedacht, er sei arrogant, herrisch und egoistisch und vielleicht war er dies auch irgendwo – irgendwann. Vielleicht hatte er sich nur für Volleyball interessiert, weil sonst nichts funktionieren wollte. Weil menschliche Beziehungen sich ihm entzogen. Weil er einfach nicht verstand, egal wie oft und sehr er hinschaute.
Irgendwie war all das in Ordnung gewesen – jedenfalls hatte er versucht, es sich einzureden. Zu glauben, dass er niemanden brauchte und doch jeder ihn wollte. Vielleicht hatte er sich in dieser seiner Wahrheit verloren gehabt und nicht mehr daran geglaubt, jemanden zu treffen, der ohne schwimmen zu können von einer Klippe ins Meer sprang. Jemanden, der unfähig, dumm und zu laut war. Zu extrovertiert und körperlich.
Kageyama war zurückgezuckt und hatte sich dann in ihm verbissen; hatte getreten und gezürnt.
Er verstand nichts von Freundschaft und schon gar nicht von Liebe (würde er wohl nie) und Shouyou wusste das – hatte es akzeptiert.
Hatte gewartet und irgendwie sogar begriffen.
Hatte gelächelt; warm und nach Heimat riechend.
Tobio hielt nicht seine Hand, aber vergrub in vereinzelten Momenten das Gesicht an Shouyous Schulter.
Er küsste so selten, wie Meteoriten große Krater auf der Welt hinterließen, und selbst dann nie mit Zunge.
Er wollte keinen Sex, war aber bereit, sich im Schlaf halten zu lassen.
Für Shouyou lächelte er mit einer Intensität, die sein Innerstes nach außen spülte.
Für Shouyo durchbrach er seine eigene Routine, versuchte Fremdsprachen zu lernen und ohne Joghurt und Milch zu funktionieren.
Machte in seinem bereits so vollgestopften Kopf Raum für Orange.
Aber war das genug?
Waren all diese kleinen Gesten ausreichend? Waren sie sichtbar; spürbar?
War seine Liebe, die nie so sein würde wie in Filmen und Büchern, am Ende vielleicht doch so seltsam, dass Hinata ihn verlassen würde? Sich jemand anderen suchen wollte?
Oft wusste Kageyama, dass dies nie passieren würde, aber manchmal zweifelte er. Zweifelte so sehr, dass sein Herz zu zerreißen drohte.
Ja, auch heute noch, Jahre später, war die Angst, ihn zu verlieren, groß.
„I just wanna be myself“*
August war hell und warm; die kalten Neonröhren nicht von Bedeutung.
August war satte Farben und leere Sonnencremeregale; war krebsrote Haut.
August war drei Jahre ohne Ende gewesen und den Herbst vor sich zu sehen, hatte wehgetan.
„I just wanna be myself“*
Shouyous Worte, oft gesagt und tausendfach zerdacht, waren irgendwo in ihm verhallt und verloren gegangen. Wie gern hätte er sie konserviert und immer wieder abgespielt. Konnte nicht und wollte doch nichts sehnlicher.
Wollte, dass ihre Herzen sich unzählige Male neu verbanden und Fingerspitzen sich berührten.
Wollte Wärme und Lachen und eine vor Freude springende Sonne.
Wollte den Mond am Tag und Hitze am kältesten Winterabend.
Wollte Mut, den ihm alle zuschrieben und welchen er oft nicht hatte.
Seit Jahren schon waren ihre Wege nun miteinander verbunden und es gab niemanden, der es wusste. Nur sie, die Sonne und der Mond; die zu neugierigen Nachbarn. Kageyama schämte sich nicht dafür, dass er mit einem Mann zusammen war, und auch nicht dafür, dass jene Person Shouyou Hinata hieß.
Er hatte keine Angst vor einem professionellen Abstieg (dafür war er zu gut) oder sozialer Ausgrenzung.
Er hatte Angst davor, durchschaut zu werden. Einmal mehr nicht zu passen und zu viel oder zu wenig zu sein. Von allem etwas. (Und dennoch nie genug.)
Shouyou war vielleicht der einzige Mensch im Universum, der von seinen Gefühlen und Unsicherheiten wusste, der nicht nur vermutete, sondern begriff. Der ihm in die Augen blickte; der ihn sah und das von Anfang an.
Und wenn Shouyous Stirn dann mit der seinen kollidierte und der gesamte Körper prickelte, war das Leben perfekt.
„I am who I am, no matter what
Never changing, no matter what, no matter what“
Das Gras war schon lang nicht mehr jung und frisch; ging unter den erbarmungslosen Strahlen des riesigen Feuerballs förmlich ein und sehnte sich nach Regen. Die Erde war trocken, beinahe Staub; Wälder könnten brennen – lichterloh – und vielleicht würde die Dunkelheit sie nie wieder erreichen.
Nicht in diesem Leben Moment, denn der Sommer hatte ihn niemals wirklich verlassen.
August.
