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Unter deinem Sternenhimmel

Summary:

Die Nachricht erreicht Adam, da ist er noch in Berlin: in Saarbrücken wurde ein junger Polizist angeschossen und ringt um sein Leben. Dass dieser junge Polizist ausgerechnet Leo ist, erschüttert ihn in seinen Grundfesten.

Ohne zu Zögern bricht er auf, um bei Leo zu sein, doch die Fragen lassen ihm keine Ruhe.
Kann er es in Saarbrücken aushalten?
Will Leo überhaupt, dass er bei ihm ist?

Wird Leo aufwachen?

Notes:

Liebe Maddy,

nachdem ich deine Wichtel-Fic aus dem letzten Jahr jetzt schon so oft gelesen habe, ist es mir ein Vergnügen, dir dieses Jahr eine zu schenken.
Du hast dir ein Happy End gewünscht und ich hoffe, dass dir dieses hier trotz der vielen Angst vorher gefällt.

Ich bin wirklich froh, dass ich dich erwischt habe, weil ich so auch gleich danke sagen kann. Du weißt, dass mein Jahr nicht ganz so toll war, aber ihr habt für so viele schöne Momente gesorgt, dass ich mich ganz besonders auf das freue, was noch kommt. ;)

Und jetzt bin ich still und wünsche dir viel Freude beim Lesen.

Frohe Weihnachten <3

Work Text:

“Und auch noch in Saarbrücken,” meint ein Kollege gerade, als Adam an ihm vorbei zur Teeküche will. Er ist schon seit heute Morgen um zwei hier und braucht dringend einen weiteren Kaffee, auch wenn sein Herz schon leicht rast. Normalerweise würde er sich nicht zur Stoßzeit in die Teeküche wagen — schon gar nicht im Moment, wo alle meinen, ihn zum Weihnachtsmarkt einladen zu müssen — aber zwölf Stunden auf einen Monitor starren, weil er eine Idee hatte, haben eben so ihre Konsequenzen.

Außerdem ist Anna nicht da, die er hätte bitten können, ihm einen Kaffee mitzubringen.

Aber bei der Erwähnung von Saarbrücken wird Adam hellhörig. Immerhin ist er dort geboren, aufgewachsen. Seine Mutter ist noch dort, sein Vater in irgendeinem Krankenhaus und-

Lieber nicht weiter darüber nachdenken.

Ein anderer Kollege brummt zustimmend. “Man sollte meinen, da unten sind sie sicher. Dass die überhaupt genug Leute haben, dass da auch Kriminelle dabei sind.”

Adam will die Augen verdrehen. Er ist die Kommentare ja gewöhnt und auch wenn sie ihn noch nie persönlich getroffen haben, hält er sie für dumm.

“Ist der Glühwein, ich sag’s dir,” meint Kollege Nummer eins. “Du kannst mir nicht sagen, dass sich einer nüchtern als Weihnachtsmann verkleidet und dann sowas macht.”

Er will gerade mit seinem frischen Kaffee unauffällig wieder aus der Teeküche verschwinden, als einer der beiden Kollegen ihn erkennt. Adam geht es nicht so; er kennt die Leute in seinem Team, aber mit den Namen der anderen tut er sich oft schwer. Er würde sich ja mehr Mühe geben, aber eigentlich ist es ihm auch egal.

Vor allem wenn besagte Kollegen der Meinung sind, es gäbe außer Berlin keine spannenden Orte auf dieser Welt.

“Hey, Schürk, du bist doch da aus der Ecke, oder?” meint Nummer eins und hält ihm ein Tablet hin.

Es ist ein Einsatzbericht, so viel erkennt er am Formular, aber Adam liest es sich nicht weiter durch. “Ja, wieso?”

“Na wegen der Schüsse,” meint der andere Kollege. “Hier in Berlin rechnet man ja mit sowas, wenn man zu einer Zeugenbefragung fährt, aber in Saarbrücken? Und dann noch auf dem Weihnachtsmarkt. Kaum zu glauben, oder?”

Adam zuckt mit den Schultern. “Kriminelle gibt’s überall,” gibt er gelangweilt zurück. Er würde jetzt gerne wieder in sein Büro zurückgehen, aber dummerweise versperren diese beiden Tratschtanten die Tür.

Kollege Nummer eins nickt und seufzt, als würde ihn das Ganze wirklich schwer treffen. “Ja, ja. Aber trotzdem Mist. Ein junger Kollege und dann sowas.”

“Ich hab mal rumgefragt,” wirft der andere ein. “Ich kenne jemanden, der hat sich für die letzten paar Jahre vor der Rente dorthin versetzen lassen. Der meint, er wird immer noch operiert. Sie haben keine Ahnung, ob er’s schafft.”

Adam schaut zu Boden. Bis gerade wusste er nicht, dass es einen Vorfall gegeben hat, aber natürlich ist es nie schön zu hören, dass ein Kollege beim Einsatz so schwer verwundet wurde. Da wird man wieder daran erinnert, wie schnell es auch für einen selbst vorbei sein kann, selbst wenn man keinen gesteigerten Wert auf sein eigenes Leben legt.

Der erste Kollege tippt wieder ein bisschen auf seinem Tablet rum, steht Adam damit immer noch im Weg. Vermutlich sollte er sich einfach an ihm vorbei schieben und sich wieder seinen Monitoren zuwenden, aber irgendetwas hält ihn hier in der Teeküche. Vielleicht ist er auch einfach nur zu müde und daher etwas langsam. Vorsichtshalber nimmt er einen Schluck von seinem Kaffee.

“Selber Jahrgang wie du, Schürk, oder?” meint er nach einigen Klicks. “Kennste den?”

Mit der freien Hand greift Adam nach dem Tablet und dreht es so, dass er den Bildschirm sehen kann. Es ist ein Auszug aus dem internen Verzeichnis, eine Personaldatei mit Foto.

Blaugrüne Augen starren Adam an. Sein Atem stockt, sein Herz bleibt stehen. Seine Hand zittert so sehr, dass der Kaffee über den Rand der Tasse schwappt und dabei fast seine Haut verbrüht. Dabei hat er noch nicht einmal begriffen, was hier eigentlich vor sich geht.

Ihm wird schwindlig. Etwas- Da ist ein Gewicht auf seinem Brustkorb. Es lässt nicht zu, dass seine Lungen sich mit Luft füllen. Adam greift danach, versucht es weg zu schieben. Unter seinen Fingern fühlt er den weichen Stoff seines Hoodies, aber er kann den Stein nicht finden.

Sternchen füllen die Ränder seines Sichtfeldes bis alles, was er sehen kann, diese Augen sind.

So vertraut. Umgeben vom Grün des Waldlaubs, dem Graubraun morscher Holzlatten. Dreckige Schulbänke und geteilte Pausenbrote.

Zaghafte Lächeln und besorgte Fragen.

Die Garage. Feuer.

Leo.

Mit einem Mal bekommt Adam wieder Luft. Seine Lungen brennen, als sie sich endlich wieder weiten, als der Stein von seinem Brustkorb verschwunden ist. Dafür schlägt sein Herz so schnell, dass er befürchten muss, dass es jeden Moment zerspringt.

“Schürk?” reißt die Stimme des Kollegen ihn aus seinen Gedanken. “Hey, Schürk, alles in Ordnung? Du bist auf einmal so blass. Du kennst den doch nicht wirklich, oder?”

“Ich- Ich muss-” Ohne seinen Satz zu beenden drückt er seinem Gegenüber Tasse und Tablet in die Hand. Ein kurzer, schmerzerfüllter Aufschrei verrät ihm noch, dass der heiße Kaffee vermutlich über den Rand geschwappt ist, aber nichts könnte ihn gerade weniger interessieren.

Leo.

Er muss zu Leo.

Auf dem Weg zu seinem Schreibtisch rennt er mehr als eine Person um. Zum Klopfen kann er sich auch nicht durchringen, bevor er bei seinem Vorgesetzten ins Büro platzt.

“Dein Auto,” keucht Adam. “Ich- Ich brauche dein Auto.”

Vermutlich ist es die für Adam ungewöhnliche Zurschaustellung seiner Gefühle, die Karow dazu bewegt, fast schon automatisch die Autoschlüssel hin zu halten. Adams Finger schließen sich fast schmerzhaft darum und er dreht sich auf dem Absatz um, um nach draußen zu flüchten.

Das “Hey! Was hast du vor!” hört er zwar noch, aber um Karow über die Schulter hinweg eine Antwort zu zu werfen hat er keine Zeit.

***

Die Fahrt zu seiner Wohnung geht spurlos an Adam vorbei. Er kann sich nicht daran erinnern, wie er sich durch die vollen Berliner Straßen navigiert. Alles, woran er denken kann, ist Leo.

Leo, der in Saarbrücken im Krankenhaus liegt.

Leo, der um sein Leben kämpft.

Leo, den Adam mehr als zehn Jahre alleine gelassen hat, weil er zu viel Schiss vor der Wahrheit hat.

Er reißt die Tür zu seiner Wohnung mit so viel Schwung auf, dass sie gegen die Wand und hinter ihm wieder zuknallt. Das Geräusch lockt seine Mitbewohnerin aus ihrem Zimmer, aber ein Blick auf Adams Gesicht scheint ausreichend, damit sie sich wieder verzieht.

Mit Sicherheit hat er gerade keinen Bock, sich mit ihr auseinanderzusetzen, weil er es gestern nicht mehr geschafft hat, das Bad zu putzen. Soll sie ihn doch rauswerfen. Ist jetzt auch scheißegal.

Ohne Rücksicht darauf, was er einpackt, zerrt Adam wahllos Klamotten aus seinem Schrank. Die meisten Haufen fallen zu Boden, als er alles schnell in seinen Rucksack packt, aber das muss reichen: eine zweite Jeans, Pullover, Unterhosen.

Er hält nicht mal an, um seine Zahnbürste aus dem Bad mitzunehmen. Die findet er notfalls auch in Saarbrücken irgendwo.

Sieben Stunden sind es bis zu Leo. Jegliche Besuchszeit ist bis dahin vorbei, aber er hält trotzdem nicht inne, um noch einmal darüber nachzudenken.

Die Angst treibt ihn an.

***

Adam schafft es in knapp mehr als sechs Stunden, bevor er mit quietschenden Reifen auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus anhält. Unterwegs hat er Anna angerufen, hat sie gebeten, herauszufinden, wo Leo ist. Sie hat keine Fragen gestellt. Musste sie vermutlich auch nicht, so erstickt wie Adam selbst in seinen Ohren geklungen hat.

Ein Ticket löst er nicht, keine Zeit. Den Strafzettel — und auch die fürs Rasen — bezahlt er, wenn Karow sie ihm auf den Tisch legt. Jetzt zählt jede Minute.

“Leo Hölzer,” presst er hervor. “Der Polizist, der- Der-” Adam bringt es nicht über sich die Worte auszusprechen.

Der Mann an der Rezeption versteht ihn auch so. “Tut mir leid, wir dürfen Ihnen da keine Auskunft geben. Die Polizei wird eine offizielle Mitteilung-”

“Ich will keine offizielle Mitteilung,” faucht Adam ihn an. “Ich will ihn sehen.”

“Auch das geht nicht,” lässt er Adam mit einer Engelsgeduld wissen. “Nur Angehörige und Pflegepersonal-”

“Bitte.”

Das Wort ist nicht mehr als ein Krächzen. Adams Stimme bricht, als er fleht.

Hinter dem Tresen sieht der Mann ihn nur mitleidig an. “Tut mir wirklich leid. Ich kann Ihnen da echt nicht helfen.”

Adam will schreien. Er will Leo sehen, er muss. Kalter Schweiß läuft ihm noch immer den Rücken hinunter und seine Hände zittern.

Er hat solche Angst.

“Ich bin sein Bruder,” platzt es ihm heraus. Es ist Schwachsinn, aber-

Der Rezeptionist glaubt ihm nicht. “Darf ich mal Ihren Ausweis sehen?” fragt er trotzdem gewissenhaft.

Seinen Ausweis- Ohne darüber nachzudenken, hält Adam ihm seinen Dienstausweis unter die Nase. Er weiß, dass das ganz sicher nicht der ist, den er sehen wollte, aber es ist besser als nichts.

Und vielleicht kommt er damit durch. Vielleicht kann er so zu Leo.

Mit einem Seufzen sieht der Rezeptionist ihn an. “Kommissar Schürk,” beginnt er vorsichtig. “Ich kann Sie damit nicht reinlassen. Sie sind offensichtlich kein Angehöriger des Patienten und-”

Den Rest hört Adam nicht mehr, als er davon stürmt.

Luft, er braucht Luft. Er muss atmen, sich beruhigen. Adam kann Anna anrufen, die findet immer alle Infos, die man sucht, oder Nina. Sicher kennt sie irgendwen hier in Saarbrücken, der Adam zu Leo bringen kann.

Seine Hände zittern so stark, dass ihm zwei Zigaretten aus der Hand fallen, bevor er es schafft, die dritte zwischen seine Lippen zu schieben. Adam Finger sind vor Sorge wie gelähmt und das Feuerzeug klickt nur, kein Feuer.

“Hier,” meint eine Stimme neben ihm, schreckt ihn auf. Er ist so in Gedanken gefangen, dass er gar nicht mitbekommen hat, dass außer ihm noch jemand das Krankenhaus verlassen hat.

Adam nickt der Frau zu. Worte formen kann er nicht.

“Nur’n Hoodie ist vielleicht ein bisschen kalt,” meint sie mit einem mitleidigen Lächeln. “Nächstes Mal wärmer anziehen.”

Halt doch die Fresse, wäre, was er normalerweise auf solche gutgemeinten Ratschläge antwortet. Jetzt kann er sie nur anstarren.

Was will die von ihm? Weiß die denn nicht, dass Leo-

Mit einem zweifelnden Blick dreht sie sich um und geht. Ein paar Meter weiter wartet eine andere junge Frau an ein Auto mit Saarbrücker Kennzeichen gelehnt.

“Und?” fragt sie.

“Sie wissen noch nicht, ob er’s schafft,” meint die, die Adam Feuer gegeben hat. “Aber er ist aus dem OP raus.”

Adams Knie werden weich.

Leo. Die reden über Leo.

Bevor er sich zusammenreißen und ihnen hinterherrufen kann, steigen sie ein. Aus dem Auspuff quellen feine Wölkchen, als der Motor anspringt.

Zu spät, Adam hat seine Chance verpasst. Schon wieder. Wie immer.

Leo. Er ist aus dem OP raus.

Das ist gut, oder? Es muss gut sein. Adam weiß nicht wie- Was soll er denn machen wenn-

Er kann es nicht mal denken.

Die Zigarette hilft nicht, damit er klarer denken kann, aber zumindest hören seine Hände auf so furchtbar stark zu zittern. Die zweite, die er sich ansteckt, lässt er nicht fallen.

Wie kann er jetzt weitermachen? An dem Typen hinter der Rezeption kommt er sicher nicht vorbei. Und wenn der eine Notiz darüber gemacht hat, dass Adam es versucht hat, dann wird es auch nach Schichtwechsel nichts.

Warum war er so blöd und hat seinen Ausweis vorgezeigt?

Warum muss ausgerechnet das Krankenhauspersonal in fucking Saarbrücken sich an Datenschutzverordnungen halten?

Schlafen, denkt er sich. Er muss irgendwo die Nacht verbringen. Im Warteraum der Notaufnahme werden sie ihn sicher nicht sitzen lassen.

Ein Hotel? Irgendein Zimmer wird schon noch frei sein. Aber wenn er ehrlich ist, dann würde er auch bei seiner Mutter im Bunker schlafen, wenn das bedeutet, dass er zumindest in Leos Nähe ist.

Beim Gedanken an seine Mutter kommt ihm eine andere Idee und bevor er sich versieht, hat er sein Handy in der Hand und wiederholt den letzten Anruf.

“Anna? Du musst nochmal was für mich überprüfen.”

***

Zehn Minuten bevor die Besuchszeiten am nächsten Morgen beginnen, steht Adam wieder auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus. Wäre der Berufsverkehr nicht gewesen, dann wäre er noch früher angekommen.

Er steigt aus und drückt einen weiteren Anruf von Karow weg. Nina hat es auch schon mehrfach versucht — vor allem gestern Abend — aber vor einer halben Stunde scheint sie aufgegeben zu haben. Vielleicht hat Anna etwas gesagt.

Adam hat die ganze Nacht kein Auge zugedrückt. Stattdessen ist er in seinem schäbigen Hotelzimmer so lange auf und ab gegangen, dass er sicher Spuren auf dem Teppich hinterlassen hat.

Die Rezeption im allgemeinen Teil des Krankenhauses ist eine andere, die Person, die dahinter sitzt, unbekannt. Trotzdem schaut sie Adam besorgt an. “Geht es Ihnen gut?”

Nein, wäre die richtige Antwort. Er hat mehr als vierundzwanzig Stunden nicht mehr geschlafen, ist in den letzten achtzehn davon mindestens zehn Jahre gealtert. Das einzige, was ihn in der Nacht davon abgehalten hat, hier einzubrechen, waren Zigaretten und der Gedanke, dass sie ihn Leo dann erst recht nicht sehen lassen.

Adam sieht ganz sicher scheiße aus, wie der Tod auf zwei Beinen. Seine Haare sind vom vielen mit den Händen hindurch fahren sicher fettig und stehen in alle Richtungen ab.

“Ja, sicher,” sagt er trotzdem mit einem aufgesetzten Lächeln und hält ihr seinen Personalausweis entgegen. “Ich würde gerne zu Roland Schürk.”

***

Adam kommt nicht einmal in die Nähe des Zimmers, zu dem er geschickt wird. Sein Vater ist ihm scheißegal; solange er weiter vor sich hin rottet, kann er gerne dort bleiben. Aber zumindest ist Adam so im Krankenhaus und um diese Uhrzeit ist zu viel los, als dass irgendeiner darauf achtet, dass er durch die Gänge wandert und sich verirrt.

Das ist seine Ausrede. Eine bessere hat er nicht. Immerhin sieht er fertig genug aus, dass man ihm glauben wird.

Wo Leo liegt weiß er immer noch nicht, das hat Anna nicht herausfinden können. Was wollen sie in Berlin auch mit der Information?

Aber wie schwer kann er zu finden sein? Sicher wird ein Kollege davor sitzen. Wenn Adam Glück hat- So von Polizist zu Polizist werden sie sich sicher einigen können.

Soweit kommt er nicht. Er wird erkannt, aber-

Das Blatt wendet sich. Endlich.

“Adam?”

Leos Mutter.

***

“Was machst du hier?” ist die erste Frage, die Barbara ihm stellt, als sie sich neben ihm auf einen der unbequemen Stühle im Wartebereich setzt. Sie haben beide einen Becher mit lauwarmem Krankenhauskaffee in der Hand. 

Der Arzt ist gerade noch bei Leo. So viele Besucher darf er nicht auf einmal haben.

“Hab davon gehört,” krächzt Adam. “In Berlin.”

“In Berlin?” fragt sie weiter. “Aber sie haben seinen Namen doch überall rausgehalten. Habt ihr wieder Kontakt?”

Adam zieht seinen Dienstausweis aus der Bauchtasche seines Hoodies und hält ihn ihr hin. Für Erklärungen fehlt ihm die Kraft. Er will sie schütteln, sie anflehen, schreien, alles, nur damit er endlich erfährt, wie es um Leo steht.

Mit einem “Oh.” gibt sie den Ausweis zurück. “Also nicht.”

Nein, nicht. Sie haben keinen Kontakt — nicht mehr, seit Adam seine Tasche gepackt hat und abgehauen ist — weil er zu feige war, sich zu melden. Weil er Angst hatte, dass Leo ihm sagt, dass er ihn nie wieder sehen will, dass er sich verpissen und bleiben soll, wo er war.

Leo hätte allen Grund dazu. Das weiß Adam auch.

“Was den Vorfall angeht, weißt du sicher mehr,” beginnt Barbara vorsichtig zu erklären. “Uns haben sie noch nichts gesagt, weil ja noch ermittelt wird. Ich weiß auch nur, was in der Zeitung stand.”

Adam nickt, auch wenn er keine Ahnung hat. Vielleicht hätte er Anna um diese Information bitten sollen. Würde er machen, wenn er sich nicht sicher wäre, dass Nina und Karow ihr sofort das Telefon aus der Hand reißen würden.

“Leo wurde gestern sehr lange operiert und-” Sie schaudert und schließt die Augen.

Es tropft von der Decke auf Adams Hand.

“Die Ärzte wissen noch nicht, ob er es schafft,” fährt sie heiser fort. “Wir sollen optimistisch sein, aber- Aber-”

Es war schlimm, so viel kann auch er verstehen.

Ohne darüber nachzudenken, legt er einen Arm um ihre Schultern. Aus seiner Jugend hat er eine starke Frau in Erinnerung, eine große, feste Präsenz am Rande seines Lebens. Die Frau, die jetzt neben ihm sitzt, ist in sich zusammengesunken und schwach.

Sie beide sind es.

“Frau Hölzer?”

Sie zucken beide zusammen, sehen beide zur gleichen Zeit auf. Adam nimmt den Arztkittel wahr, in seinem Magen sammelt sich die Anspannung. Er kann fühlen, wie die Kehle sich ihm langsam zuschnürt.

“Wie geht es ihm?”

***

Leo.

Das ist Leo.

Adam kann es noch immer nicht fassen, dass er neben Leo Krankenbett sitzt. Er muss nur seine Hand ausstrecken und dann ist da Leos, behutsam auf der weißen Bettdecke abgelegt.

Wenn er die Gerätschaften ignoriert, dann kann er sich fast einbilden, dass Leo nur schläft. Dann kann er vergessen, dass Leo noch immer nicht über den Berg ist und dass die Maschinen das einzige sind, was ihn momentan am Leben erhält.

Leo.

Er ist immer noch nicht über den Berg — das hat der Arzt ihnen gesagt — aber mit jeder Minute wächst ihre Zuversicht. Er ist jung, fit, gesund; alles beste Voraussetzungen dafür, dass er es schafft.

Adam klammert sich an die Worte, damit er nicht ertrinkt.

Er hofft, dass Leo genauso am Leben festhält.

***

“Adam?” Eine warme Hand auf seiner Schulter rüttelt ihn wach. “Hey, Adam.”

Leo.

Natürlich ist es nicht Leo, der ihn wachrüttelt. Leo liegt noch immer regungslos auf seinem Bett, aber er ist das erste, was Adam sieht, was er wahrnimmt. Seine Brust hebt und senkt sich in einem langsamen Rhythmus unter dem Laken und ein seltsames Gefühl der Ruhe überkommt ihn.

Er ist bei Leo.

“Adam? Wir müssen gehen,” sagt Leos Mutter leise neben ihm. “Die Besuchszeiten sind vorbei.”

Die Angst ist schlagartig zurück, reißt durch seinen Körper.

“Nein.” Das Wort presst sich zwischen seinen Lippen hervor, ohne dass er es verhindern könnte. “Nein.”

Die Hand von Leos Mutter, die noch immer beruhigend auf seiner Schulter liegt, drückt sanft zu. “Ich will ihn auch nicht alleine lassen,” verrät sie ihm leise. “Aber wenn wir jetzt nicht gehen, dann dürfen wir morgen nicht mehr herkommen.”

Wir.

“Ich kann- Darf ich morgen kommen?” Adam klingt nicht wie er selbst. In seinen Ohren ist seine Stimme seltsam verzerrt, hallt. Er hört eine Stimme, die schon lange nicht mehr seine eigene ist.

“Ach, Adam.” Die Hand auf seiner Schulter wird schwer. Finger graben sich sanft in das Material seines Pullovers und ziehen ihn auf die Beine. “Ach, Adam.”

Es ist so lange her, dass jemand ihn umarmt hat. Noch länger, dass es sich mütterlich angefühlt hat.

Sein Blick ruht auf Leo und er wünscht sich, Leo wäre ein Teil davon.

***

Adam geht nicht zurück in sein schäbiges Hotelzimmer.

“Wo hast du letzte Nacht geschlafen?” will Barbara wissen. “Im Hotel oder bei deiner Mutter?”

Er nennt ihr den Namen des Hotels. Sie schreckt zurück.

“Das ist doch kein Ort, Adam,” meint sie und hakt sich auf dem Weg nach draußen unter. Die Besuchszeit hat vor einer halben Stunde geendet, aber sie sind geblieben, bis sie gebeten wurden zu gehen. “Warum schläfst du denn nicht bei deiner Mutter?”

Adam schweigt. Er will nicht an seine Mutter denken, das Haus, alles, was damit verbunden ist.

Barbara nickt, als würde sie verstehen. “Weiß sie, dass du hier bist?” Es klingt, als wüsste sie, dass die Antwort “Nein.” lautet.

Mit einem Seufzen und müden Lächeln zieht sie ihn in Richtung Parkplatz. “Na komm,” spricht sie weiter, auch wenn Adam schon seit Ewigkeiten kein Wort mehr gesagt hat. “Wir fahren jetzt zu deinem Hotel, du holst deine Sachen, und dann kommst du mit zu uns. Leo hat am Wochenende bei uns übernachtet, sein Bett ist also noch gemacht-”

Sie redet, scheint darin aufzugehen. Mit jedem Wort wird ihre Stimme leichter und der Stein in Adams Magen wird schwerer.

Welches Recht hat er? Welches Recht, hier zu sein, den Trost anzunehmen, die Zuversicht, die Leos Mutter ihm spendet? Wie kann er mit zu Leo nach hause gehen, in seinem Bett schlafen wenn er-

Wenn Leo hier ist? Während Leo um sein Leben ringt.

Adams Atem geht flach.

“Kannst du fahren oder soll ich dich mitnehmen?”

Er nickt und zieht seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche.

***

Adam liegt wach, starrt die Zimmerdecke an.

Hier zu sein, in Leos Zuhause, ist- Er kann es nicht mit Worten beschreiben. Die Gefühle in seiner Brust ringen miteinander, kommen zu keinem Ergebnis.

Georg, Leos Vater, hat auf sie gewartet, hat die Tür geöffnet, sobald er das Auto seiner Frau gehört hat. Er hat sie angelächelt — müde, erschöpft, mit hoffnungsvollem Blick — und in den Arm genommen.

“Wen hast du- Adam?” Er hat ihn erkannt, fast sofort. “Wie schön, dass du da bist. Bleibst du?”

Eine weitere Umarmung. Selbstverständlich.

Und jetzt liegt Adam auf Leos Bett. Er hat an seinem Platz am Küchentisch gesessen, hat seinen Eltern zugehört, wie sie sich unterhalten haben, hat sich mit seiner Seife gewaschen, nachdem Barbara ihn unter die Dusche geschickt hat.

Adam trägt sogar eine seiner alten Jogginghosen, damit er nicht in seinen Jeans schlafen muss.

Es ist falsch. So, so falsch.

Er muss daran denken, wie er Leos Eltern am Tisch gegenüber gesessen hat. Es ist nicht so, dass Adam sie früher oft gesehen hätte; mal in der Schule, bei besonderen Anlässen oder zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen er Leo zuhause besuchen durfte, aber sie haben sich nicht verändert. Nicht wirklich, nicht richtig.

Die Erinnerung legt sich wie ein Schatten über ihr Äußeres, zeigt weniger Falten und volleres Haar ohne graue Strähnen. Zeitgleich sind die Erinnerungen voll von derselben Wärme, die Adam in der Gegenwart spürt.

Er sollte derjenige sein, der Trost spendet. Er sollte beruhigen, ihnen versichern, dass alles gut wird. Himmel, er ist Polizist! Er ist an den Anblick von Leichen gewöhnt, von traumatisierten Zeugen, von trauernden Angehörigen und doch ist er es, der zusammenbricht.

Adam schaut an die Decke von Leos Zimmer und zählt die Plastiksterne, die er im Dunkeln sehen kann. Sie leuchten schon lange nicht mehr, aber nachdem Leo es mit vierzehn nicht geschafft hat, sie abzulösen, sind sie wohl dran geblieben.

Wie oft hat Leo wohl hier gelegen und dasselbe getan? Woran hat er dabei gedacht? Vielleicht-

Nein, sicher nicht.

Ein Klopfen ertönt an der Tür und Adam setzt sich auf. “Ja?”

Barbara öffnet die Tür, lugt um die Ecke. “Mach dir doch Licht an!” fordert sie ihn mit einem milden Lächeln auf und tritt ein. “Kein Grund, im Dunklen zu sitzen.”

Adam will nicht, dass es hell ist. Lieber will er im Dunkeln existieren und so tun, als wäre das alles ein schlechter Traum, von dem er nur aufwachen muss.

Er schaltet die Nachttischlampe an.

“Hier, das hast du im Bad vergessen,” meint sie und hält Adam sein Handy entgegen. “Ich glaube, du solltest mal zurückrufen. Scheint wichtig zu sein, wenn sie keine Ruhe geben.”

Adam nickt und rückt ein Stück zur Seite, als sie sich neben ihm auf die Bettkante setzt.

“Wie geht es dir?”

Er schnaubt abfällig. Er hat ihre Sorge nicht verdient.

Und mal ehrlich, wie geht es ihm? Darüber ist er sich schon so lange nicht mehr im Klaren, dass er keine Antwort darauf findet, zumindest nicht sofort. Stattdessen sitzt er neben ihr im Schein der Nachttischlampe und versucht zu atmen.

Irgendwas treibt ihn an, zwingt ihn dazu, nachzudenken. “Ich hab Angst,” gesteht er ehrlich ein und die Worte bleiben ihm fast im Hals stecken.

Ein warmer Arm legt sich um seine Schultern, eine kleine Hand auf seinen Arm. “Leo wird schon wieder, keine Sorge,” versichert sie ihm. “Der geht nirgendwohin.”

Adam will sie fragen, wie sie sich so sicher sein kann. Die Ärzte- Er kennt die Plattitüden. Er stand oft genug daneben, wenn sie Angehörigen vorgebracht wurden. Er weiß, wie oft Hoffnung nicht reicht.

Adam will fragen, wie sie sich so sicher sein kann, aber er traut sich nicht.

In seinen Händen beginnt sein Handy wieder zu vibrieren. Er erkennt die Nummer, Berliner Vorwahl, auch wenn sie nicht eingespeichert ist. Adam drückt den Anruf weg.

“Dein Freund?” fragt Barbara mit einem traurigen Lächeln von der Seite und drückt seinen Arm ein bisschen fester.

Er will überrascht sein, dass sie weiß, dass er schwul ist, aber er ist es nicht. Adam kann nicht sagen warum, aber dass sie es weiß, dass sie so ruhig damit umgeht-

Es bedeutet ihm viel.

“Meine Chefin,” antwortet er.

“Oh,” kommt es zurück. “Die ist aber spät noch wach.”

Adam überkommt das Bedürfnis, ihr alles zu erzählen. Von Nina, die vermutlich die einzige Chefin ist, die ihn bändigen konnte. Dass sie es sogar bei Karow geschafft hat — ansatzweise — der vielleicht noch schlimmer ist als Adam. Vielleicht sogar von Anna und der seltsamen Kollegialität, die sie beide verbindet, wenn sie wieder eine Nachtschicht vor irgendwelchen Bildschirmen verbringen.

“Ist sie meistens,” ist alles, was er sagt. Und dann: “Sie weiß nicht, dass ich hier bin.”

“Sie wird es bestimmt verstehen.” Kein Vorwurf, kein Entsetzen. Zuversicht.

Adam hat es nicht verdient hier zu sein.

Er nickt trotzdem. Nina würde es verstehen, da ist er sich sicher. Selbst Karow würde sich einen beißenden Kommentar verkneifen; immerhin hat er Adam ohne zu Fragen sein Auto geliehen und es — scheinbar — noch nicht als gestohlen gemeldet, weil Adam nicht an sein Handy geht.

Vielleicht sollte er wirklich mal anrufen. Sich freistellen lassen, damit er hier bleiben kann und niemand ihn sucht.

Das Klingeln beginnt erneut und Barbara steht auf, streicht ihm durch die Haare. “Ich lass dich mal telefonieren,” meint sie und geht zur Tür. “Ich bin froh, dass du hier bist.”

Adams Hand zittert, als er den Anruf entgegennimmt.

***

Er hat geschlafen, wenn auch wenig und schlecht. In Leos Zimmer zu sein hat geholfen und es gleichzeitig so viel schlimmer gemacht.

Adam ist aufgewacht, irgendwann mitten in der Nacht desorientiert. Er hat Leos Bücherregal gesehen, die Filmposter, die schon seit fast zwanzig Jahren an den Wänden hängen, alles so unverändert, und kam sich vor wie im Traum.

Ein guter Traum. Er hat es geliebt, hier zu sein. Leo war sein sicherer Hafen, schon immer. Aber dann ist die Realität über ihm eingebrochen, hat ihn daran erinnert, warum er hier ist und Leo nicht.

Weil Leo noch immer um sein Leben ringt.

Nina hat versprochen, Informationen zu besorgen, alles, was sie in die Finger kriegen kann.

Alles, von dem sie denkt, dass Adam damit umgehen kann, wird sie weiterleiten.

Er will sich bevormundet fühlen, ohnmächtig, verärgert, aber- Es ist besser so. Er weiß, dass er nicht klar denken kann.

Leo kämpft um sein Leben, Adam mit sich selbst. Bei keinem von ihnen fehlt viel, um den Kampf zu verlieren.

Also liegt er wach, liest seine E-Mails. Von Nina ist nichts dabei, nur Nachrichten von Karow, dass er ihm sagen soll, wie lange er noch in Saarbrücken ist, weil er sonst kommt und sein Auto holt. Adam will schlechtes Gewissen verspüren, aber da ist nichts außer lähmender Angst.

Er würde den Wagen ja zurückbringen, mit dem Zug wieder her fahren. Aber er kann hier  nicht weg, nicht jetzt.

Nicht, bis er nicht weiß, dass es Leo gut geht.

Sobald er das erste Geräusch vor der Tür hört, steht er auf, schlurft in die Küche. Barbara steht neben dem Herd und schmiert Brote.

“Ach, gut, dass du wach bist,” meint sie und lächelt ihn über die Schulter hinweg an. “Was für Käse magst du?”

***

Die Tage fließen ineinander. Morgens steht er auf, duscht sich, zieht sich an. Er hilft Barbara, weil das schlechte Gewissen ihn plagt, aber es wird nicht besser. Adam weiß, dass er nur eine weitere Last ist, dass er wieder gehen und verschwinden sollte.

Aber er kann nicht. Leo hat ihn an diese Stadt gekettet und er will sich nicht losmachen. Nicht jetzt, nicht-

Vielleicht nie so ganz.

Sie fahren zusammen ins Krankenhaus, sind zu früh da und warten, bis die Schwestern sich erbarmen und sie reinlassen. Georg kommt mit, wenn er Zeit hat, aber nicht immer.

“Ich kann das nicht,” hat er irgendwann mal gesagt. “Ich würde da drin wahnsinnig werden und damit ist Leo auch nicht geholfen.”

Adam versteht es. Er wird auch von Minute zu Minute wahnsinniger. Es lässt sich nicht abschalten, das dunkle Chaos in seinem Kopf, das ihn langsam auffrisst, aber er kann auch nicht gehen.

Wenn er geht, dann wird es schlimmer. Anders, aber schlimmer.

Die Ärzte kommen jetzt seltener. Die Schwestern sagen, es ist ein gutes Zeichen. Sie machen sich weniger Sorgen. Herr Hölzer sei auf dem Weg der Besserung.

Adam will ihnen Glauben schenken. Das verzweifelte Verlangen danach schnürt ihm die Kehle zu, raubt ihm die Luft zum Atmen. Er will- Er will.

Aber solange Leo seine Augen nicht öffnet, wird er nicht beruhigt sein, wird er nicht schlafen können, nicht essen, nicht frei atmen.

Adam und Barbara bleiben, bis sie gebeten werden zu gehen. Barbara bringt ihr Tablet mit, erledigt darauf ein paar kleinere Arbeiten, strickt, wenn sie damit fertig ist.

Er sitzt da, sieht Leo an. Die Schwestern haben erlaubt, dass er einen Stuhl neben das Bett rückt. Da ist er, festgewurzelt, rührt sich nicht vom Fleck. Er starrt einfach nur, beobachtet das sanfte Heben und Senken von Leos Brust, die Linien und Zahlen auf den Monitoren, von denen er kaum weiß, was sie ihm sagen sollen.

Er beobachtet Leo dabei, wie er um sein Leben ringt.

Es ist das Einzige, was Adam Erleichterung verschafft.

Am dritten Tag bekommt er eine Nachricht. Karow schickt jemanden, der den Wagen abholt. Er braucht ihn, aber er hat Adam eine Alternative besorgt.

Adam lehnt ab. Er braucht keine Alternative. Er geht nirgendwohin und wenn er zurück nach Berlin kann, kann er auch die Bahn nehmen.

Karow antwortet nicht darauf, aber sein Bekannter kommt ohne Ersatzwagen für Adam. Er hat verstanden.

Nachts liegt er wach, starrt die Decke an. Wenn das Licht verschwindet, kommt die Dunkelheit, macht sich in seinem Körper breit, erzählt ihm Geschichten, die er nicht hören will.

Es ist seine Schuld. Weil er gegangen ist, weil er sich nicht gemeldet hat, weil er fort geblieben ist.

Es ist seine Schuld.

Adam akzeptiert es. Vermutlich ließe sich diese ganze Sache wirklich auf ihn zurückführen, auch wenn es ein narzisstischer Gedanke ist. Wer ist er anzunehmen, dass er irgendeinen Einfluss in Leos Leben hat?

Er ist nur eine lästige Randnotiz, ein Kaugummi, der einige Kapitel verklebt und den man nicht rausreißen kann, ohne das Buch zu beschädigen.

***

Die erste Woche vergeht schleppend und rasend schnell zugleich.

Adam ist noch immer hier, bewegt sich nicht vom Fleck, nutzt die Gastfreundschaft von Leos Eltern schamlos aus. Er verkriecht sich, traut sich nicht, ihnen unter die Augen zu treten.

Sie betonen immer wieder, wie schön es ist, dass er hier ist. Dass Leo sich sicher auch freut, auch wenn sie es ihm gerade nicht ansehen können.

Adam will ihnen glauben. Er will ihnen so verdammt gerne glauben.

Er kann nicht schlafen. Die Plastiksterne an der Decke verhöhnen ihn mit Träumen aus einem längst vergangenen Leben, aus einer Zukunft, die er nie haben wird. Mitten in der Nacht verlässt er das Haus, wandert ziellos durch die Dunkelheit.

Nur dass es nicht ziellos ist. Wie immer, wenn er sich nicht davon abhält, trägt es ihn zu Leo.

Ein Echo mitten im Wald, eine Ruine aufrechterhalten durch den Glanz von besonderen Momenten. Ihr Baumhaus ist verfallen und Adams Herz zieht sich schmerzhaft zusammen.

Vielleicht ist es doch seine Schuld. 

***

Leo wird verlegt. Sie glauben, dass er jetzt über den Berg ist.

Adam will erleichtert aufatmen, tut es einen Moment lang sogar bis- Ja, bis der Stein in seinem Magen wieder schwer wird.

Was, wenn der Berg nur der erste in einem Gebirge ist? Wenn er nur den ersten Gipfel überwunden hat? Wenn der Fall doch noch kommt.

Er verlässt seinen Wachposten nicht, weigert sich, von Leos Seite zu weichen. Die Nachtstunden, wenn er nicht bei ihm sein darf, sind die schlimmsten, die Bewegungen von Leos Brust eingefroren und Adam kann sich nicht entscheiden, ob das an seinem Mangel an Vorstellungskraft liegt oder weil sie wirklich still steht.

Die zweite Woche beginnt und Barbara bleibt nicht mehr. Sie kommt, setzt Adam ab, spricht ein wenig mit Leo und den Ärzten, bevor sie zur Arbeit geht.

“Ich weiß ja, dass du auf ihn aufpasst,” meint sie mit einem leichten Lächeln. “Wenn du hier bist, dann passiert ihm schon nichts.”

Sie sollte nicht gehen. Hat sie denn nicht gesehen, was er anrichtet? Dass er eben nicht auf Leo aufpasst? Dass das hier seine Schuld ist, weil- Weil-

Weil er sich erst in Leos Leben gedrängt und ihn dann ohne ein Wort verlassen hat.

Statt etwas zu sagen, nickt er nur, kehrt zurück auf den unangenehmen Plastikstuhl. Sein ganzer Körper schmerzt von der unnatürlichen Haltung, aber er unternimmt nichts dagegen. Es ist besser so.

Die Ärzte und das Pflegepersonal kommen und gehen. Sie ignorieren den Schatten im Raum, der sich an die Wände drückt wie ein lästiges Insekt, alles genau beobachtet. Er weiß nicht, für wen sie ihn halten, damit er bleiben kann, aber sie lassen es zu.

Flüstern Leo Worte zu, die eigentlich für Adam gedacht sind.

Sobald sie gegangen sind, ist er zurück an Leos Seite. Sie haben seine Bettdecke nicht richtig ausgebreitet, seine Hand- Adam rückt alles zurecht, fühlt die Wärme von Leos Haut unter seinen Fingern.

Wärme, Leben, alles wird gut. Adam klammert sich daran, verzweifelt.

Es wird dunkel, Leos Atem wird schwerer.

“Irgendwas stimmt nicht,” krächzt er, bekommt die Worte kaum heraus.

Barbara versichert ihm, dass alles in Ordnung sei. Die Pfleger hätten sonst sicher etwas gesagt.

Er will es ihr glauben, noch immer, aber er will nicht gehen. Er will Wache stehen, neben Leos Bett, sich die ganze Nacht vergewissern, dass er noch da ist.

Sie werden gebeten, zu gehen. Barbara nimmt seine Hand und zieht ihn nach draußen, Georg legt seinen Arm um Adams Schultern.

Was macht er hier?

***

In dieser Nacht kommen die Alpträume. Bis dahin haben sie ihn verschont, haben Platz gemacht für Erinnerungen, die ihn ebenfalls in die Knie gezwungen haben, aber es ist anders.

Jetzt läuft er durch den Wald, es ist warm. Die Blätter rauschen, die Sonne scheint in Flecken auf dem Boden, wärmt ihn auf.

Adam ist nicht sechzehn, aber auch nicht mehr er selbst. Er ist gefangen irgendwo zwischen dem Jungen, der er war, und dem Mann, zu dem er geworden ist.

Auch der Weg, den seine Füße nehmen, hat sich verändert. Er ist ihm vertraut wie der Rücken seiner eigenen Hand, wie seine Augen im Spiegel, aber er erkennt ihn trotzdem kaum wieder. Die wärmenden Sonnenflecken tanzen auf knirschendem Eis, beleuchten die ersten Knospen des Frühlings und rote Blätter, die langsam von Ästen zu Boden sinken.

Er ist nah dran. Der Weg ist so weit. Adam setzt einen Fuß vor den anderen, aber kommt nicht voran. Dann steht er plötzlich vor einer altbekannten Leiter, morsch und gleichzeitig neu flackern die Sprossen zwischen Erinnerung und Wissen.

Die Hand, die sich vor seinen Augen um eine Holzlatte legt, ist vertraut. Es ist dieselbe, die er sieht, wenn er sich eine Zigarette ansteckt. Sie passt nicht ins Bild, ist falsch.

Leo wartet auf ihn.

Da ist ein Sog in seiner Brust, reißt ihn vorwärts und die Sprossen hinauf. Er kann sich nicht dagegen wehren, ist machtlos, will sich nicht auflehnen.

Leo kann nicht in diesem Baumhaus sein, Adam weiß das. Ein Teil seiner selbst, der sich ein letztes Stück Realität bewahrt hat weiß, dass Leo im Krankenhaus ist. Dass Adam ihn nur sehen kann, wenn er hinfährt, sich neben ihn setzt auf den kalten, unbequemen Plastikstuhl.

Und gleichzeitig weiß er mit absoluter Sicherheit, dass Leo da oben auf ihn wartet. Er erklimmt die erste Sprosse.

Leo ist da oben, auch wenn es der Leo aus seiner Erinnerung ist. Mit Sicherheit hat er Tee dabei, belegte Brote von seiner Mutter. Müssen sie Hausaufgaben machen oder kann Leo ihm aus dem Buch vorlesen, mit dem sie letzte Woche begonnen haben, vor fünfzehn Jahren?

Adam erklimmt die zweite Sprosse, dann ist er oben.

Er hat schon lange keine Hausaufgaben mehr gemacht.

Leo wartet auf ihn, er ist da. Er leuchtet warm und einladend, lächelt entspannt gegen die Wand gelehnt. Er winkt Adam zu sich, aber es ist nicht ganz der Leo, den er kannte.

Nein, dieser hier hat die sanften Züge, die zotteligen Haare, passt genauso gegen die dünne Wand ihres Baumhauses, wie er es vor Jahren getan hat. Aber er ist größer, hat breitere Schultern. Das einzelne Haar über seiner Lippe hat sich ausgeweitet zu einem Bart, den die Schwestern nie abgenommen haben, weil es für den Moment zu viel Arbeit ist und ganz und gar nicht notwendig.

Adam setzt sich. Ihm ist es egal, dass Realität und Traum miteinander verschwimmen, dass er gefangen ist, irgendwo dazwischen. Die Augen, die ihn so liebevoll ansehen, sind dieselben und das ist alles, was zählt.

Er lehnt sich zurück, versinkt in Leos Anblick. Er hat sich ferngehalten, bewusst, so viele Jahre.

Warum eigentlich?

Im Traum weiß er es nicht mehr, auch wenn sein Unterbewusstsein ihm die Worte entgegen schreit.

Auf Leos Lippen breitet sich ein Lächeln aus, altbekannt. Eine schmale Hand streckt sich Adam entgegen, übersät mit Tintenflecken. Sie liegt auf seinem Knie.

Leo will etwas sagen, aber beim nächsten Zwinkern seiner Augen ist er verschwunden.

“Leo!”

***

Adam schreckt aus dem Schlaf hoch und legt sich nicht noch einmal hin. Er kann noch nicht aufstehen — er will Leos Eltern nicht stören — aber ruhig sitzen bleiben, das will ihm auch nicht gelingen. Er ist zu nervös, zu besorgt, zu ängstlich.

Leo darf nicht gehen, darf nicht einfach so verschwinden wie in seinem Traum. Es mag schön ausgesehen haben, friedlich, aber Adam fürchtet sich mehr davor als vor einem Traum, in dem er nur durch den Wald irrt.

Leo haben und ihn verlieren-

Er hat es beim letzten Mal schon kaum überlebt. Noch einmal schafft er das nicht.

Er nimmt sich ein Buch aus dem Schrank, wahllos, muss lächeln, als er den Titel sieht. Vor mehr als zehn Jahren hat Leo ihm daraus vorgelesen, wollte Adam im Baumhaus ablenken, wenn es zu viel wurde.

Adam hat schon so lange nicht mehr an diese Geschichte gedacht. Er lehnt sich auf Leos Bett zurück und stellt sich vor, es ist Leo, der ihm daraus vorliest.

Er weiß nicht, wie seine Stimme heute klingt.

Adam schließt das Buch und sieht die Sterne an.

***

“Irgendwas stimmt nicht!” besteht er auf seine Meinung.

Barbara steht neben ihm, hat eine Hand auf Adams Arm gelegt in dem Versuch ihn zu beruhigen. Es hilft nicht. Adam hat Angst, panische Angst. Die Ärzte glauben ihm nicht-

Leo atmet zu schwer, irgendwas ist nicht richtig. Es hat vorher nicht so geklungen, so angestrengt. Was, wenn es das alles schlimmer macht? Wenn es die vorsichtig errungene Besserung wieder zerstört.

Sie glauben ihm nicht.

Adam hat Angst.

Adam hat Recht.

Etwas stimmt ganz und gar nicht.

Flüssigkeit in Leos Lunge, mehr Medikamente, mehr Ärzte, mehr Überwachung.

“Bitte verlassen Sie den Raum.”

Adam muss gehen, er- Er kann nicht. Er bleibt vor Leos Zimmer stehen und beobachtet, wie sie ihn wieder verlegen.

Zu viel, es ist alles zu viel.

“Komm, lass uns erstmal nach Hause gehen,” sagt Barbara neben ihm und zieht an seiner Jacke.

Nach Hause. Wohin?

***

Drei Tage. Drei lange Tage dauert es, bis Adam sich wieder mehr als ein paar Minuten lang im selben Raum mit Leo aufhalten darf. Trotzdem ist es noch nicht genug, wenn er abends, nach Ende der Besuchszeit, das Krankenhaus wieder verlassen muss. Nie ist es genug.

Er sollte gehen.

Barbara und Georg lassen ihn nicht fühlen, dass er unwillkommen ist. Im Gegenteil scheinen sie froh zu sein, dass er da ist, dass er abends mit seinem Laptop am Küchentisch sitzt und arbeitet, mit seinen Kolleg:innen in Berlin spricht.

“Leo ist auch so einer,” meint Georg irgendwann. “Muss am Wochenende auch immer E-Mails lesen.”

Streber, aber es ist lieb gemeint.

Adam kann es nicht erwarten, wieder neben Leo zu sitzen.

“Du kannst auch neben ihm arbeiten,” informiert Barbara ihn. “Er freut sich sicher, wenn ihr euch über die Arbeit unterhaltet.”

Fuck, wie gerne würde er mit Leo über irgendwelche Fälle sprechen? Über Zeugen, die sich an nichts erinnern können, Täter, die sich so dumm anstellen, dass es Gnade ist, wenn sie sie verhaften, Opfer, die ihnen alles abverlangen.

Leo ist ein guter Polizist. Adam hat mit niemandem gesprochen, hat sich die Akte nicht angesehen, die Anna geschickt hat und er wird es auch nicht — er will alles von Leo selbst hören — aber er weiß dass Leo ein guter Polizist ist. Anders kann es gar nicht sein.

Leos Atem wird leichter. Schläuche werden entfernt und Geräte abgestellt.

“Keine Sorge, der wird schon wieder.”

Keine Zuversicht, sondern Wissen.

Adams Atem wird ebenfalls leichter.

***

“Komm schon, es ist Sonntag.”

“Ich wollte noch-” versucht er sich rauszureden, aber es hat keinen Zweck.

“Nichts da,” fällt Barbara ihm sofort ins Wort. “Du hast diese Woche mehr Papierkram erledigt als ich in einem Monat, du hast es dir verdient einen Abend auf der Couch zu sitzen.”

Ja, er hat gearbeitet. Immer so, dass er ein Auge auf Leo haben konnte. Mittlerweile sieht er so aus, als würde er friedlich schlafen und jeden Moment die Augen öffnen.

Aber will er darum mit Leos Eltern zusammen Tatort schauen? Eigentlich klingt es gar nicht so schlimm.

“Ihr wisst schon, dass das mit Polizeiarbeit nicht viel zu tun hat?”

Ihm wird ein wissendes Lächeln geschenkt. “Klar. Leo liebt es, sich darüber aufzuregen.”

***

“Er ist heute Nacht kurz aufgewacht,” ist das erste, was die Schwestern ihnen am Montagmorgen mitteilen. “Nur ein paar Minuten, aber er war wach.”

Sie sieht erst Adam an, freudestrahlend, bevor sie sich Leos Eltern zuwendet.

Er hat es nicht verdient. Er ist erleichtert, aber er hat es nicht verdient, dass er derjenige ist, der zuerst davon erfährt.

“Weiß er Bescheid?”

“Er schien ziemlich klar zu sein.”

***

Adam arbeitet nicht weiter. Er hat kaum Urlaub genommen dieses Jahr und Nina hat ihn für die erste Woche, in der er hier war, krank gemeldet. Es ist noch alles da und weil seine Chefin eine Heilige ist, arrangiert sie, dass er seinen Jahresurlaub noch einlösen kann.

Also sitzt er wieder in einem unbequemen Plastikstuhl neben Leos Bett und beobachtet. Das Heben und Senken seiner Brust ist wieder ruhiger, sein Atem fließt leise. Manchmal zucken seine Finger oder die Augen hinter geschlossenen Lidern und Adam stockt die Luft im Hals.

Leo war wach. Er wird es wieder sein.

Vielleicht ist das der Moment, in dem er gehen sollte. Er weiß, dass Leo es schafft. Alles, was er jetzt noch tun muss, ist aufzuwachen und zu heilen. Die Lebensgefahr ist gebannt, die Lungenentzündung, die es alles noch einmal hätte kippen können, überwunden.

Aufwachen und heilen.

Dafür braucht er Adam nicht. Ganz sicher nicht Adam, aber er kann sich nicht von seiner Seite fortbewegen. Er ist an den Stuhl gekettet, ein unsichtbares Gewicht, eine altbekannte Anziehungskraft.

***

Adam ist der Erste, der es bemerkt. Sein Starren zahlt sich aus, als Leos Atem kurz stockt und das gleichmäßige Heben und Senken seiner Brust seinen mittlerweile vertrauten Rhythmus unterbricht.

Er will schon aufspringen, nach einem Arzt rufen- Beim letzten Mal hatte er auch recht und es hat etwas nicht gestimmt, aber diesmal ist es anders.

Es wirkt nicht angestrengt, nur unregelmäßiger.

Und dann flackern Leos Augenlider.

Adam rückt in seinem Stuhl noch ein bisschen näher, lehnt sich über Leo und wartet mit angehaltenem Atem darauf-

Seine Augen haben sich nicht verändert , das ist das erste, was Adam in den Sinn kommt. Sie wirken benebelt, verschlafen ja, aber nicht anders. Sie sind noch immer warm und voller Güte und so wunderschön.

“Leo,” sein Name entwischt ihm, gehaucht zwischen kaum geöffneten Lippen.

Erkennen dämmert in Leos Augen, bevor sich sein Mund zu einem Lächeln verzieht. “Adam.”

Adam sollte seine Stimme nicht erkennen; es ist viel zu lange her und Leo krächzt, weil er seit zwei Wochen kein Wort mehr gesagt hat. Aber trotz allem ist seine Stimme so vertraut, dass es Adam Tränen in die Augen treibt.

Er sollte- Was?

Die Erleichterung ist zu überwältigend und es dauert viel zu lange, bis ihm auffällt, dass er nach einem Arzt oder Pflegepersonal suchen sollte. Wenn Leo jetzt wirklich wach ist-

Sicher müssen sie einige Tests mit ihm machen und ihn wieder auf die Beine bekommen.

Leo sieht ihn noch immer mit diesem kleinen Lächeln an und Adam fällt es schwer, sich los zu reißen. Noch schwerer, als er es endlich tut und eine Hand sich schwach um sein Handgelenk schließt.

“Geh nicht wieder weg,” murmelt Leo, als Adam ihn ansieht. “So ein schöner Traum.”

Adams Augen brennen. Es ist so viel mehr als ein schöner Traum. Es ist die Realität, auch wenn Leo das noch nicht begreift.

Gleichzeitig ist es ein Schrecken, eben weil Leo noch nicht begreift, was hier vor sich geht. Den Adam, den er vor sich sieht, den hasst er aus irgendeinem Grund nicht. Dem ist er nicht böse weil er weggegangen und nicht zurückgekommen ist.

Sicher wird er nicht genauso über den Adam der Realität denken, der ihn mehr als zehn Jahre lang im Stich gelassen hat.

“Ich bleibe bei dir, Leo, versprochen,” flüstert er zurück und schließt seine Hand fester um Leos.  “Ich geh nie wieder weg.”

Das Wenn du es so willst sagt er nicht laut, aber die Wahrheit dessen sticht trotzdem schmerzhaft in sein Herz.

***

Der Abend ist geprägt vom Aufatmen.

Leo war fast eine Stunde lang wach, hat leise mit Adam gesprochen — unzusammenhängendes Zeug — bevor die Medikamente und seine Verletzungen ihren Tribut gefordert haben und er wieder eingeschlafen ist.

Adam hat, sobald Leos Hand in seiner eigenen erschlafft ist, nach dem Pflegepersonal gerufen. Sobald sie informiert waren, hat er Barbara angerufen, damit auch sie Bescheid weiß.

“Ich komme sofort,” hat sie gesagt und keine halbe Stunde später in der Tür gestanden, um sich zusammen mit Adam über den Fortschritt zu freuen.

“Die Ärzte sagen, er wird jetzt erst einmal ein paar Stunden schlafen,” hatte Adam sie informiert, hatte ihr versucht, so sanft wie möglich zu erklären, dass sie noch nicht wieder mit ihrem Sohn sprechen konnte.

“Aber ich möchte nicht, dass du alleine bist,” hatte ihre Antwort gelautet.

Eine halbe Stunde nach ihr trifft auch Leos Vater ein. Der Arzt, der Leo noch einmal untersucht hat, wirkt etwas überfordert, als sie ihn zu dritt quasi in eine Ecke drängen und versuchen, so viel wie möglich zu erfahren.

“Wenn er weiter so gut heilt,” meint er schließlich, “dann kann er vielleicht zu Weihnachten schon wieder zuhause sein.”

***

Die guten Nachrichten versetzen Leos Eltern endlich in Weihnachtsstimmung.

Während Adam wieder bei Leo im Krankenhaus ist und über den Tag verteilt unsinnige Gespräche mit ihm führt, die so wirken, als wären sie noch immer fünfzehn, schmücken sie das Haus. Als Barbara und Georg Adam abends vom Krankenhaus abholen, ist der Kofferraum voll.

“Wir wollten eigentlich mit Leo zusammen fahren, damit er seine Einkäufe auch erledigen kann;” meint sie mit einem Schmunzeln, als Adam hilft, die Tüten ins Haus zu tragen. “Sonst nimmt er sich ja nie die Zeit und muss es dann am Tag vorher machen.”

Adam lächelt ihr zu. Er weiß nicht, wann er das letzte Mal Weihnachtsgeschenke gekauft hat. Vermutlich ist es schon viel zu lange her.

Es schmerzt, einsehen zu müssen, dass er Weihnachten vermutlich schon nicht mehr hier sein wird.

***

“Ich dachte, ich hätte geträumt,” ist das erste, was Adam am nächsten Tag hört, als er Leos Zimmer betritt.

Wie angewurzelt bleibt er in der Tür stehen und starrt seinen ehemals besten Freund an.

Er erwartet vieles — Abscheu, Ärger, Wut — aber nicht das breite Lächeln, das sich auf seinem schönen Gesicht ausbreitet.

“Wie geht es dir?” fragt er statt zu antworten.

Was soll er auch groß sagen?

Hey, sorry, dass ich abgehauen bin. War eine Weile im Ausland, hab’s dann da aber ohne dich nicht mehr ausgehalten. Berlin war der richtige Punkt zwischen nah bei dir und weit genug weg, also hab ich dort meine Zelte aufgeschlagen. Vor drei Wochen hab ich dann gehört, dass du angeschossen wurdest, also dachte ich mir ich komme nach über zehn Jahren zurück und niste mich bei deinen Eltern ein.

Nein, ganz sicher wird er das nicht sagen. Irgendwann wird Leo die Wahrheit erfahren — oder zumindest einen Teil davon — aber heute ist ganz sicher nicht der Tag dafür.

Mühsam versucht Leo, sich in seinem Bett aufzurichten. Ein Stöhnen entfährt ihm, sein Gesicht wird noch bleicher und Adam beeilt sich, um sofort an seiner Seite zu sein. Er legt einen Arm um Leos breite Schultern, eine Hand auf seinen Arm, bis er ihm helfen kann, sich zu setzen, das Kissen in seinem Rücken zur Unterstützung.

Leo ist warm, schwirrt es ihm durch den Kopf. So warm und angenehm zu halten.

Adam verdrängt den Gedanken so schnell er kann. “Wie fühlst du dich?” fragt er, um sich abzulenken und weil er es wissen will.

Weil er es wissen muss. Leo muss es einfach gut gehen. Er weiß nicht, was er sonst machen soll.

Leo zuckt mit den Schultern und verzieht sofort das Gesicht. Natürlich belastet das die Wunde und Adam möchte ihn am liebsten dazu anhalten, vorsichtiger zu sein, aber darf er das?

Nur weil er jetzt hier ist, heißt das nicht, dass er Leo plötzlich sagen kann, was er tun soll, auch wenn es gut gemeint ist. Das Recht hat er schon vor Jahren verspielt.

“Geht schon,” meint Leo und atmet zitternd aus. “Ich glaube, die geben mir die guten Schmerzmittel,” fügt er mit einem Grinsen an Adam gewandt hinzu.

Adams Herz zieht sich für einen Moment lang zusammen. Das hier ist nicht richtig, aus so vielen Gründen. Leo sollte nicht verletzt sein, er sollte keine Schmerzen haben und in diesem unpersönlichen und wahrscheinlich unbequemen Bett liegen, er sollte keine Scherze machen müssen, damit Adam sich besser fühlt.

Er sollte nicht einmal versuchen, dass Adam sich besser fühlt.

“Die Vorzüge des Beamtenstatus,” antwortet Adam, statt einen seiner weniger gesellschaftsfähigen Gedanken zu formulieren. “Für irgendwas muss das ja gut sein.”

Leo nickt mit einem Lächeln und sieht sich um. Natürlich hat er aus demselben Grund ein Einzelzimmer und außer ihnen ist niemand hier. Solange sie nicht sprechen, ist das Surren der Maschinen, die ihn überwachen — aber nicht mehr lebensnotwendig sind — das Einzige, was die Stille durchbricht.

Adam ist sich nicht sicher, ob es gut oder schlecht ist. Er mochte das Piepen, das sie mittlerweile stummgeschaltet haben. So wusste er ganz sicher, dass Leos Herz noch schlägt und seine Lungen ihren Job machen.

“Und bei dir?” fragt Leo, nachdem Adam keine Anstalten macht, noch mehr zu sagen.

“Ich hab schon länger nicht mehr in einem Krankenhausbett gelegen,” gibt er zu, “aber die Sonderbehandlung macht es definitiv erträglicher.”

Leo Augen weiten sich, er legt den Kopf schief, als er Adam mustert. “Also auch Beamter?”

Adam nickt und zögert. “Hast du- Du weißt es nicht?”

Von seinem Platz in den weichen weißen Kissen aus, beobachtet Leo ihn weiter. Fast wirkt es, als würde er Adam studieren und sich ausmalen, wie er reagiert, auf was auch immer Leo sagen will. Stille legt sich über das Zimmer, während er nachdenkt.

“Ich habe keine Ressourcen der Polizei missbraucht, um nach dir zu suchen,” sagt er irgendwann, als die Stille sie fast erdrückt. “Irgendwie dachte ich mir, dass du das nicht gut finden würdest.”

Wieder kann Adam nur nicken. Sein Blick fällt auf seine Hände, die noch immer auf Leos Bettdecke liegen; nah genug, damit er eingreifen kann, falls Leo seine Hilfe braucht, aber zu weit weg, um die Wärme seiner Haut fühlen zu können.

Weil er sich nicht traut. Weil er Angst hat, dass Leo vor ihm zurückweicht.

“Wäre kein Missbrauch gewesen,” gibt er irgendwann zurück. “Im Personalverzeichnis zu suchen, meine ich.”

Leos Finger zucken, seine Lippen öffnen und schließen sich, als würde er darüber nachdenken, wie er angemessen darauf reagiert. Am Ende bleiben sie geschlossen und er lehnt sich mit einem vorsichtigen Lächeln noch tiefer in die Kissen.

“Irgendwie siehst du nicht aus wie ein Bulle.”

Adam schnaubt. “Klar nicht,” antwortet er sofort. “Sonst reden die ja nicht mit mir.”

***

Von da an ist es einfach. Die Unterhaltung fließt, als lägen zwischen ihnen nur wenige Monate und nicht mehr als ein Jahrzehnt Ungewissheit.

Adam fühlt sich seltsam. Leos Krankenzimmer ist irgendwo zwischen alter Vertrautheit und einem ersten Kennenlernen gefangen, während sie reden, sich einander wieder annähern. Er bringt Leo zum Lachen, das Geräusch fährt ihm in Mark und Bein und erfüllt ihn mit einer Wärme, die er schon so viele Jahre lang nicht mehr gefühlt hat. Es ist Leos ganz eigene, besondere Magie, die er über Adam wirkt und die ihn besser fühlen lässt.

Trotzdem versucht er danach nicht mehr amüsant zu sein. Nicht einmal er ist egoistisch genug, um zu erlauben, dass Leo sich weh tut.

Sie reden vor allem über die Arbeit. Es ist ein einfaches Thema, etwas, das sie miteinander verbindet, ohne auf brüchiges Eis zu führen. Adam berichtet von alten, interessanten Fällen aus Berlin und Leo unterhält ihn mit Geschichten aus Saarbrücken.

Ab und zu zwischendurch, wenn Leo müde wird, entschuldigt Adam sich, um rauchen zu gehen. Es behagt ihm noch immer nicht, Leo alleine zu lassen, aber er weiß, dass er sonst versuchen würde, um Adams Wille wach zu bleiben. Dabei muss er viel schlafen, gerade jetzt, um sich zu erholen.

Also geht er nach draußen, zwingt sich zu warten, bis die Glut den Filter erreicht hat, bevor er wieder nach drinnen geht. Bis dahin ist Leo meist eingeschlafen und Adam kann ihn ein wenig beim Schlafen beobachten.

Am frühen Nachmittag kommt ein Arzt vorbei. Er lächelt Adam an, nickt freundlich, bevor er sich Leo zuwendet. Über den Vorfall spricht er nicht, nicht einmal wirklich über die Verletzung oder Operation, sondern über den Heilungsprozess.

Der verläuft sehr gut, viel schneller als sie erwartet haben. Sie sind zuversichtlich, dass sie ihn Heiligabend entlassen können, solange er verspricht, vorsichtig zu sein, sich zu schonen und alle Nachsorgetermine einzuhalten.

Leo nickt eifrig und Adam muss ein wehmütiges Lächeln unterdrücken.

Leo hat Weihnachten schon immer geliebt. Früher, als sie Jugendliche waren, da konnte er vor den Weihnachtsferien kaum an sich halten. Schon Wochen vorher hat er von nichts anderem mehr gesprochen als den Feiertagen und wie schön es dann bei seiner Familie zuhause ist. Er ist losgezogen, nach der Schule, und hat Geschenke besorgt für Caro und seine Eltern, hat Karten geschrieben in der Mittagspause für den Rest der Familie.

Er hat sogar darauf bestanden, von seinem mageren Taschengeld auch Adam etwas zu kaufen. Beim ersten Mal wusste er nicht, wie er damit umgehen soll, beim zweiten Mal wollte er sagen, dass er sich nichts wünscht, außer mit Leo zusammen sein zu dürfen.

Fast fünfzehn Jahre und es hat sich nicht viel geändert.

Aber es beruhigt Adam ungemein, dass Leo sich noch immer so auf die Feiertage freut und sich schon darüber beschwert hat, dass er in diesem Jahr noch kein Kilo Plätzchen essen konnte. So wird er keine Dummheiten machen, wird schön zuhause bleiben und sich nicht vom Fleck rühren. Vermutlich ist er sowieso ein besserer Patient als Adam. Er selbst würde vermutlich nicht einmal die restlichen drei Tage hier bleiben, sondern abhauen, damit er seine Ruhe hat.

“Und wir sehen uns dann im neuen Jahr wieder,” meint der Arzt am Ende des Gesprächs, als er aufsteht. Sein Blick wandert auch zu Adam mit einem versichernden Lächeln.

Im neuen Jahr wird er nicht mehr hier sein, dessen ist Adam sich sicher, egal, wie sehr er es sich wünscht. Aber solange kann er nicht bleiben, so lange kann er Leo nicht bedrängen und die Gastfreundschaft seiner Eltern ausnutzen.

Leo ist gut gelaunt, also sagt er nichts. Trotzdem befürchtet er, dass sein Lächeln nicht ehrlich erscheint, als er sich von Leos Arzt verabschiedet.

***

Barbara und Georg kommen früher an diesem Tag. Adam hat sie während einer seiner Raucherpausen angerufen und darüber informiert, dass Leo wach ist, dass sie seine Schmerz- und Betäubungsmittel runtergefahren haben und dass er demnach auch später wach sein wird, falls sie mit ihm sprechen wollen.

 Sie sind überglücklich, Leo im Bett sitzen zu sehen.

Adam schaut weg, als sie sich mit Tränen in den Augen umarmen. Es kostet ihm alle Kraft zu bleiben, während sie als Familie Weihnachtspläne schmieden.

Viel zu lange sitzen sie zusammen, bis eine Schwester kommt und sie freundlich darauf hinweist, dass die Besuchszeit schon lange vorbei ist.

“Ich geh dann mal das Auto holen,” meint Georg, der als Erster aufsteht. “Dann müsst ihr auf dem Heimweg nicht frieren.”

“Na dann, Schatz,” sagt Barbara fünf Minuten später, nachdem sie Leo eine lange Liste von Dingen hat aufzählen lassen, die sie aus seiner Wohnung mitbringen sollen, von denen er in den letzten Tagen hier so gar nichts braucht. “Ich geh mal Papa suchen. Du kommst nach, Adam?”

Adam nickt, sieht ihr zu, wie sie Leo noch ein letztes Mal umarmt und dann durch die Tür verschwindet. Er ist sich nicht sicher, warum sie ihn mit Leo alleine lässt, obwohl er schon den ganzen Tag hier war, aber beschweren will er sich nicht.

Jede Minute, die er mit Leo verbringen kann, so lange er hier ist, ist ein Geschenk.

Aber kaum dass die Tür hinter Barbara zufällt, setzt Leo sich auf und wendet sich mit panischem Blick an Adam. “Du musst mir einen Gefallen tun.”

“Alles,” erwidert Adam sofort, weil er wirklich alles für Leo machen würde. Alles.

“Du musst mir helfen, Weihnachtsgeschenke für meine Eltern zu besorgen.”

***

Die nächsten beiden Tage sind so anders, dass Adam nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Es ist fast ein bisschen so, als wäre er in einem Traum gefangen; einem wunderschönen Traum in dem er Leo und Saarbrücken nie verlassen hat und in dem Leo ihn noch-

Ja, was eigentlich?

Über seine eigenen Gefühle ist Adam sich im Klaren. Er war schon in Leo verliebt, bevor er wusste, was dieses Wort bedeutet. Egal wo in der Welt er sich herumgetrieben hat, dieses Wissen hat ihn immer begleitet. Mal war es wie eine alte, abgegriffene Kuscheldecke, die Komfort spendet und böse Geister vertreibt, mal waren sie die Geister selbst, die ihn des nachts heimsuchen.

Aber Leo? Hat Leo ihn gern?

Vermutlich, denn früher konnte Adam in ihm lesen wie in einem Buch und Leo hat es gehasst, nett sein zu müssen, wenn er jemanden nicht mochte.

Hat er Adam lieb?

Lieb haben- Es ist so ein seltsamer Begriff, fast schon kindisch. Oder war er einfach zu lange fort, um den Wert darin zu erkennen?

Vielleicht hat Leo ihn lieb. Wenn Adam Glück hat, dann ist es so.

Ist es das, was er in seinem Lächeln sieht, als er zwei Geschenktüten in Leos Zimmer schmuggelt und Leo ihn vom Bett her angrinst?

Adam kann es nicht genau sagen. Er weiß nur, dass sein Herz höher schlägt. Leo lächelt, seine Haare sind zerzaust, auf seiner Stirn steht ihm der Schweiß, weil er Adam während seiner Physiotherapie zum Einkaufen geschickt hat.

Er ist so wunderschön — so echt, so lebendig — dass es Adam für einen Moment den Atem raubt.

“Der Weihnachtsmann ist da,” verkündet er und ringt sich zu einem Lächeln durch.

“Ho, ho, ho,” antwortet Leo mit einem leisen Kichern, bevor er die Hände nach den Tüten ausstreckt. “Zeig her. Damit ich nachher weiß, was ich ihnen schenke.”

Adam überreicht seine Beute und mit ihr sein Herz. Jetzt ist es nicht mehr lang, dann ist Weihnachten vorbei.

Dann muss er wieder gehen.

Aber für den Moment ist Leo glücklich. Das ist alles, was zählt.

***

In der Nacht vor dem Vierundzwanzigsten kann Adam nicht schlafen. Wie so oft in letzter Zeit liegt er auf dem Bett aus Leos Kindertagen und starrt die Decke an.

Er wollte das Feld räumen, zurück ins Hotel gehen, damit Leo sein Bett haben kann, aber sein Vorschlag wurde gleich dreimal zurückgewiesen.

“Ich hab das Gästezimmer für Leo schon längst vorbereitet,” vertraut Barbara ihm an, als sie die Butter über den Abendbrottisch an Adam weiterreicht.

“Im Gästezimmer hat er mehr Platz,” meint Georg, als er wenig später einen Karton mit Baumschmuck in Adams Arme drückt. “Das ist sicher bequemer. Und er muss nicht die Treppe runter, um ins Bad zu kommen.”

Es sind gute Argumente, natürlich, aber was sich in Adams Kopf gebrannt hat, ist Leo, der ihm mit schief gelegtem Kopf ansieht, ein kleines Lächeln auf den Lippen.

“Bleib du mal da,” hat er gesagt. “Jetzt hast du es dir da schon bequem gemacht. Und ich mag’s, dass du in meinem Bett geschlafen hast.”

Adam weiß nicht, was es bedeutet. Will Leo ihm etwas damit sagen? Hat es einen tieferen Sinn? Sind es die Schmerzmittel?

Adam weiß es nicht, also hat er genickt und Leo das Buch in die Hand gedrückt, dass er aus eben jenem Zimmer mitgebracht hat. Es ist ein Fantasy-Roman, den sie vor Jahren schon einmal angefangen haben. Beendet haben sie ihn nie.

Leo hat angefangen zu grinsen, und Adam hat nicht weiter über Gefühle nachgedacht.

Jetzt ist Leo angezogen, sitzt abwartend auf der Bettkante. Laufen kann er eigentlich, aber ein Rollstuhl steht trotzdem neben seinem Bett, falls er noch zu schwach ist.

Adam kann sehen, dass er es nicht sein will. Er nimmt sich vor, aufzupassen, dass Leo sich nicht übernimmt.

“Na, Großer?” fragt Georg, der hinter Adam das Zimmer betritt. “Bereit zu gehen?”

Er hat darauf bestanden, Leo abzuholen, während Barbara sich zuhause um die letzten Vorbereitungen fürs Weihnachtsessen kümmert. “Ich hab ihn zum ersten Mal aus dem Krankenhaus nach Hause gefahren,” hat er ihnen voller Überzeugung gesagt, “und ich werde ihn auch beim letzten Mal nach Hause fahren.”

Adam hat angeboten, dass er im Haus bleibt. Es hätte ihn nervös gemacht, aber er wäre bei Leos Eltern geblieben, damit Georg diesen Moment alleine zelebrieren kann.

“Ach, Quatsch,” hat er gesagt und Adam auf die Schulter geklopft. “Leo würde sich sicher wundern, wo du steckst.”

Leo muss sich nicht wundern. Adam ist da. Adam hilft ihm auf, hilft ihm in seinen Wintermantel und durch die Tür. Er trägt Leos Tasche über seiner Schulter auf dem Weg zum Auto und schlägt die Beifahrertür erst zu, als er sicher ist, dass Leo bequem sitzt und angeschnallt ist.

“Danke,” sagt Leo an ihn gewandt über seine Schulter hinweg.

“Immer.”

***

Adam weiß nicht, wann er das letzte Mal Weihnachten gefeiert hat. Eigentlich nie, zumindest nicht so.

Aber seine schönsten Erinnerungen an Weihnachten haben alle mit Leo zu tun — Plätzchen in der Schule, kitschige Deko im Baumhaus und Glühwein in Thermoskannen, für den sie eigentlich noch zu jung waren und der ganz grässlich geschmeckt hat — und diese neue Erfahrung reiht sich nahtlos ein.  

Leo hat kurz geschlafen, nachdem sie bei seinen Eltern zuhause angekommen sind. Jetzt aber sitzen sie zu viert am Tisch, in der Mitte stapelt sich das benutzte Geschirr, Caro hat Mann und Kinder nach draußen gescheucht für ein letztes bisschen Bewegung vor der Bescherung und Adam hält sich den Bauch.

Neben ihm sitzt Leo in der gleichen Position da.

“Ich platze gleich,” kommentiert er mit einem Stöhnen.

“Ne, lass mal,” gibt Adam gut gelaunt zurück. “Sonst muss ja hier renoviert werden.”

Es ist nicht lustig, aber sie lachen trotzdem alle. Vielleicht ist es der Glühwein, auch wenn sie alle nach einer halben Tasse aufgehört und Leo beim Kinderpunsch Gesellschaft geleistet haben.

Sie schaffen es gerade einmal, das Geschirr und die Küche zu tragen und die erste Maschine anzustellen, als sie den Tumult aus dem Wohnzimmer hören; Jonas und Anne haben jetzt lang genug gewartet.

Geschenke werden ausgetauscht und Adam beobachtet still aus dem Hintergrund. Auch das wird Teil seiner Erinnerung werden, ein Juwel, in dem Leos Gesicht vor Freude und Zufriedenheit strahlt, aber dass er hier war, das wird nicht in Erinnerung bleiben.

Das muss es auch nicht.

Jonas und Anne übertrumpfen sich gegenseitig mit den Geschenken, die sie erhalten haben. Leos Eltern sind überrascht, als Leo seine professionell verpackten Pakete weiterreicht — Adam hat dafür bezahlt. Am Einpacken wollte er sich nicht versuchen. — und Leo staunt, als er selbst seine erhaltenen Präsente auspackt.

Barbara legt zwei Pakete vor ihm auf den Tisch.

“Was ist das?”

“Na für dich natürlich.”

Für Adam. Nach all der Gastfreundschaft der letzten Wochen, dem Trubel, der Ungewissheit hinsichtlich Leos Gesundheitszustands- Sie haben Geschenke besorgt, für ihn.

Ob sie sein gekrächztes “Danke.” hören, kann er nicht sagen. Er sieht ihre Reaktion nicht, weil er wie gebannt auf das glitzernde Papier starrt.

Seine Finger zucken. Er ist neugierig, will wissen, was sich darunter versteckt. Aber ganz traut er sich nicht, die Verpackung zu lösen. Was, wenn auch das nur ein schöner Traum ist?

Seine Finger schließen sich um eine lose Ecke. Kein Traum.

***

Es ist spät, als es an der Tür zu Leos Zimmer klopft. Adam ist noch wach, starrt schon wieder auf die Sterne an der Decke.

Eigentlich hätte er seine Sachen zusammenpacken sollen. Eigentlich sollte er morgen in einen Zug steigen und wieder nach Berlin fahren.

Ein Ticket gebucht hat er nicht.

Adam setzt sich auf. “Ja?”

Die Tür öffnet sich und da steht Leo. Sofort steht er auch und eilt ihm entgegen, bietet ihm seinen Arm als Stütze an. “Was machst du hier oben?”

Leo lächelt Adam an und schiebt sich an ihm vorbei zum Bett. Er setzt sich mit einem Stöhnen, rutscht bis nach hinten und klopft auf den leeren Platz neben sich. “Ich wollte mit dir reden.”

“Alles gut?” fragt Adam, als er sich vorsichtig auf der Matratze niederlässt. Er will vermeiden, sie zum Wackeln zu bringen. Nicht, dass er Leo am Ende noch Schmerzen zufügt.

“Ja,” meint er mit einem Lächeln. “Und bei dir?”

Adam sieht ihn an. Da schwingt etwas mit in Leos Frage, das er nicht eindeutig versteht. Leo will etwas ganz bestimmtes von ihm wissen, aber er weiß nicht was.

Er hat eine Vermutung, aber darauf eingehen will er auch nicht. “Na klar.”

“Wie ist es, wieder hier zu sein?”

Adam sieht auf seine Hände.

Während Leo noch im Krankenhaus war, haben sie über so viele Dinge geredet: Berlin, ihre Jobs, Adams Reisen, Leos Familie und Schulkameraden von früher, die die Stadt auch nie verlassen haben. Aber das Thema, warum Adam gegangen ist, das haben sie nie angesprochen. Und auch nicht, dass er für Leo zurückgekommen ist.

Es ist ein heikles Thema. Es hat so viel Potential, ihnen um die Ohren zu fliegen.

“Seltsam,” sagt er irgendwann. “Alles wirkt noch genauso wie früher. Nur kleiner.”

“Kleiner?”

“Naja, außer dir vielleicht,” fügt er mit einem Lächeln hinzu. “Hätte nicht gedacht, dass du nochmal den Sport für dich entdeckst. Hast früher nicht einen Klimmzug geschafft.”

Leo neben ihm lacht und verzieht kurz das Gesicht vor Schmerz. Seine Wunde- Adam sollte keine Scherze machen.

“Es hat mir geholfen, den Kopf frei zu kriegen, nachdem-”

Leo beendet seinen Satz nicht, aber Adam weiß, worum es geht. Nachdem du gegangen bist, will Leo sagen. Nachdem du mich hier zurückgelassen hast.

Für eine Weile ist es still in Leos Zimmer. Irgendwann hören sie ein leises Klicken und ein Blick aus dem Fenster verrät Adam, dass die Weihnachtsbeleuchtung gerade ausgeschaltet wurde. Sie funktioniert per Zeitschaltuhr, also weiß er, wie spät es ist.

Viel zu spät für diese Unterhaltung. Adam trägt sogar schon seinen Schlafanzug, eines der beiden Geschenke von Leos Eltern.

“Hast du manchmal an mich gedacht?” unterbricht Leo leise die Stille. Er klingt…

Aufgewühlt.

In Adams Herz zieht es schmerzhaft. Er kennt diese Stimme, diesen Leo. Es ist derselbe, der Adam gefragt hat, was er tun kann, um zu helfen. Es ist der Junge, der Adam dazu überreden wollte, mit den Lehrern zu sprechen, mit seinen Eltern, der Polizei, irgendjemandem.

Es ist der Leo, der sich im Baumhaus neben ihm auf den harten Boden gelegt und ihm vorgelesen hat, während er sich im Delirium von seinen Verletzungen erholt hat.

Es ist der Leo, der Angst vor Adams Wahrheit hat.

“Immer,” gibt er ehrlich zu. Weil es keine andere Antwort gibt. Weil es diese eine Sache ist, bei der er nicht lügen, sich nicht rausreden kann. “Ich habe immer irgendwie an dich gedacht. Jeden Tag.”

Adam kennt die nächste Frage, noch bevor Leo sie stellt.

“Warum-”

“Warum ich gegangen bin?” beendet er den Satz für Leo.

Leo nickt, wirft ihm einen kurzen Blick zu, bevor er seine Augen wieder dem Teppich vor seinem Bett zuwendet. Seine Finger zucken in seinem Schoß und Adam-

Bevor er darüber nachdenken kann, streckt er seine Hand nach Leos aus und schließt sie um Leos unruhige Finger.

Warum ist er gegangen?

Die Antwort ist vielschichtig, lang. Es gab so viele Gründe damals. Sein Vater, der im Koma lag, und was er Adam angetan hatte. Die Folgen dessen, was er damals noch als Verbrechen gefürchtet hat, von dem er nun weiß, dass es Nothilfe war. Angst davor, dass sein Vater aufwacht und sich erinnert, dass seine Mutter oder die Brandermittler zu viele Fragen stellen.

Angst, dass Leo bemerkt, dass Adam ihn nur mit in den Abgrund reißt.

Eigentlich hatten die meisten seiner Gründe mit Leo zu tun. Die Angst um Leo war genau das, was ihn letztendlich dazu bewogen hat, seine Sachen zu packen und in den Zug zu steigen, kaum dass er achtzehn war.

Was, wenn sein Vater aufwacht und Behauptungen aufstellt? Adam wäre der einzige Zeuge gewesen, der Leo hätte belasten können. Er war Leos Motiv, Leos Verbindung zu seinem Vater.

Was, wenn Leo eingesehen hätte, dass Adam ihm noch nie gut getan hat? Dass er in der Schule keine Freunde gefunden hat, weil er immer mit dem komischen Schürk rumgehangen hat. Dass er wochenlang Albträume hatte, weil er Adam zur Hilfe kommen musste.

Adam hat mit angehaltenem Atem darauf gewartet, dass Leo zum Sprechen ansetzt und ihm sagt, dass er das nicht mehr will, dass ihre Freundschaft vorbei ist. Also ist er gegangen, um mehr Luft zu bekommen.

Er drückt Leos Finger ein bisschen fester, versucht sich an einem Lächeln. “Lass uns da ein anderes Mal drüber sprechen.”

Leo sieht ihn an, fragend. Der Widerspruch steht ihm ins Gesicht geschrieben, aber er bleibt stumm er sagt nicht, was er denkt und Adam ist ihm dankbar.

Sein Schutzwall ist schwach. Ein Blick von Leo, eine Berührung, ein Bitten und er ist dahin.

“Okay,” knickt Leo irgendwann ein. “Okay.”

Wieder fällt Stille über das Zimmer und Adam kann nicht anders, als seine Gedanken wandern zu lassen. Wie gerne hätte er das hier früher gehabt? Vor einem Jahrzehnt, als er Leo kennengelernt hat, als sie beide noch unschuldig waren.

Wie gerne hätte er einfach hier gesessen und in der Stille Leos Hand gehalten?

“Ich hab’ übrigens gelogen,” meint Leo irgendwann und räuspert sich. “Als ich gesagt habe, dass ich kein Geschenk für dich habe,” fügt er hinzu, als Adam ihn überrascht ansieht.

“Du hättest nicht-”

“Ich weiß,” unterbricht Leo ihn sofort. “Ich weiß und langsam glaube ich, dass es eher ein Geschenk für mich ist, als alles andere.”

Adam kann die Worte nicht aufhalten, die aus seinem Mund purzeln. “Dann ist es sowieso viel besser.”

Leo nickt, vorsichtig, und zieht einen Umschlag aus den tiefen Taschen seiner bequemen Jogginghose. Er ist nicht zugeklebt, dafür aber abgegriffen.

Statt ihn Adam zu geben, spielt Leo mit einer der abgeknickten Ecken. Er faltet sie wieder und wieder, verschlimmert den Bruch im Papier, bis Adam befürchtet, dass die Ecke fast abfällt.

Erst dann seufzt er und hält Adam den Umschlag hin, fast schon widerwillig. Er wirkt auf der Hut, sieht Adam nicht direkt an.

Mit einer Hand ist es umständlich, den Brief herauszuziehen, aber Adam weigert sich, Leos Hand loszulassen. Lieber spannt er sie beide noch länger auf die Folter.

Als er den Brief öffnet, versteht er sowieso nicht, was er da liest.

Adam blättert sich durch den Stapel aus Papieren, versucht, einen Sinn darin zu entdecken: ein Auszug aus einem internen Register — er erkennt das Logo der saarländischen Polizei — und ein leerer Antrag.

“Was ist das?”

“Eine dumme Idee, oder?” fragt Leo sofort zurück. Er klingt nervös und versucht mit seiner freien Hand die Papiere wegzuschnappen. “Ich weiß auch nicht-”

“Leo,” unterbricht Adam ihn vorsichtig, als die Schwarz auf Weiß gedruckten Worte plötzlich an die richtige Stelle rutschen und ihre Bedeutung enthüllen. “Ist das-”

“Wie gesagt,” unterbricht Leo ihn. “War eine ziemlich dumme Idee von mir. Ignoriere es einfach.”

Adam kann es nicht ignorieren, selbst wenn er wollte. Das Tauschgesuch in seinen Händen brennt durch seine Haut hindurch, verewigt sich in seinen Knochen.

Kann er das? Wieder zurück nach Saarbrücken kommen — permanent und nicht nur für ein paar Wochen, während er sich um Leos Leben sorgt — und wieder in Leos Nähe sein.

Darf er das überhaupt?  

“Willst du das denn wirklich?” fragt er leise und froh, dass seine Stimme nicht zittert vor Angst. “Ich meine, ich müsste wieder nach Saarbrücken ziehen. Und nicht nur das. Wir wären Partner. Du müsstest mich zumindest fünf Tage in der Woche sehen.”

Adam traut sich nicht, Leo anzusehen. Er kann sich nicht daran erinnern, schon einmal so viel Angst vor der Reaktion eines anderen Menschen zu haben.

Aber natürlich hat er immer die meiste Angst vor Leos Reaktionen. Das war schon immer so, weil er nicht weiß, wie er damit umgehen soll, wenn Leos Reaktion negativ ist.

“Ich weiß,” antwortet Leo ihm und umgeht damit den Teil der Frage, der Adam am schwersten im Magen liegt.

“Und das stört dich nicht?”

Leos Finger schließen sich fester um Adams und ganz langsam breitet sich die Erleichterung in ihm aus. Es ist so viel, dass er vorsichtig aufschaut.

Leo lächelt ihn an. “Adam, was daran sollte mich stören?” fragt er leise in die Stille seines Jugendzimmers hinein.

“Ich bin gegangen, Leo, ohne ein Wort,” erinnert er ihn. Er wollte es noch hinauszögern, vielleicht bis zu dem Moment, an dem er wieder geht und sich nicht mit den Konsequenzen auseinandersetzen muss, aber wenn Leo-

Wenn Leo will, dass Adam wieder nach Saarbrücken kommt und hier bleibt, dann müssen sie darüber reden. Dann kann er das nicht weiter ignorieren und so tun, als würde er nicht darauf warten, dass jeden Moment der große Knall kommt, vor dem er sich schon so lange fürchtet.

“Du hast alles Recht, böse zu sein und mich nie wieder sehen zu wollen-”

“Hey,” unterbricht Leo ihn vorsichtig, zieht an Adams Hand, bis er ihm wieder in die Augen sieht. “Ich bin dir nicht böse.”

Vermutlich versteht er Adams skeptischen Blick als das, was es ist. Leo entfährt ein leises, schnaufendes Lachen, bevor seine Mundwinkel zucken. “Ja, ich war wütend, als du verschwunden bist. Ich hab mir Sorgen gemacht und dich vermisst, aber mehr als alles andere wollte ich, dass du wieder zurückkommst."

Adams Augen brennen. “Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.”

“Macht nichts,” versichert Leo ihm. “Jetzt bist du ja hier.”

***

Als Adam im neuen Jahr das Büro in Berlin betritt, wird er von einem “Was machst’n du hier?” begrüßt. Nina steht mit einer Kaffeetasse und einem verdutzten Gesichtsausdruck neben seinem Schreibtisch, während Adam seinen Laptop anschließt.

“Ich weiß, ich war schon lange nicht mehr da,” beginnt er das Gespräch, das er eigentlich später mit ihr führen wollte. “Aber es war wirklich wichtig und-“

“Ja, schon klar,” unterbricht sie ihn ein bisschen ungehalten, “aber ich dachte, du bleibst einfach gleich unten.”

Wie sich zwanzig Minuten später herausstellt, geht das mit dem Tausch deutlich schneller als Adam dachte. Der Papierkram ist schon längst erledigt und alles, was noch ansteht, sind Feinheiten. 

Nina dachte sich schon, dass es soweit kommt. Von den Brocken an Informationen, die sie, Anna und Karow in den letzten Wochen erhalten haben, hat sie darauf geschlossen, dass er das Tauschgesuch annehmen wird. Und wenn nicht, dann wollte sie ihn dazu bringen. 

“Wenn jemand so wichtig ist, dann lässt man den nicht gehen.”

Klar, bis zum Ende des Monats muss er schon noch arbeiten, wenn er nicht gleich wieder seinen gesamten Jahresurlaub verpulvern will, aber sie hätte ihm auch gestattet, das in Telearbeit zu erledigen.

Adam ist, wenn er ehrlich sein soll, ein bisschen sprachlos. Er ist zwar nicht davon ausgegangen, dass sie ihn vom Gehen abhalten, aber dass sie ihn so sehr dabei unterstützen, das hat er nicht kommen sehen.

Karow schneit eine Stunde später mit einem “Ach, dass wir dich hier nochmal sehen.” ins Büro und Adam muss einsehen, dass die Hürden, die er sich ausgemalt hat, vor allem in seinem Kopf waren.

***

So leicht es im Büro klappt, desto schwieriger ist es mit seiner Mitbewohnerin. Nicht, dass sie jemals viel miteinander zu tun gehabt hätten, aber sie ist angepisst, dass er erst mehrere Wochen lang spurlos verschwunden war und dann zurückkommt, um ihr zu sagen, dass er zum Ende des Monats auszieht.

Sie hat keinen Bock, sich einen neuen Mitbewohner zu suchen, aber nachdem Adam versprochen hat, mit der Miete auszuhelfen, falls sie niemanden findet — was er sich nicht vorstellen kann in Berlin — gibt sie irgendwann Ruhe. Es ist genug, dass er sich mit einer Tüte Chips in sein Zimmer verziehen kann.

Er wirft sich rücklings aufs Bett, zieht sein Handy aus der Hosentasche und-

“Hast du echt pünktlich Feierabend gemacht?” Fragt Leo am anderen Ende der Leitung.

“Klar,” antwortet Adam sofort. “Muss ja wissen, ob du bei der Physiotherapie gemacht hast, was du sollst. Nicht, dass ich nach Saarbrücken komme und mein Partner immer noch zuhause auf dem Sofa chillt.”

***

Sie telefonieren mindestens jeden zweiten Tag. In einem Monat ist das vielleicht nicht so viel, wie man denkt, aber nachdem sie sich so lange nicht gesehen haben, ist es doch eine ganze Menge.

Stück für Stück lernen sie sich neu kennen. Sie fangen vorne an: Wehr- und Zivildienst, Reisen ins Ausland, Ausbildung mit allem, was dazu gehört. Stundenlang quatschen sie miteinander und meistens legt Adam notgedrungen auf, weil Leo von den Schmerzmitteln noch immer müde wird und einfach irgendwann einschläft.

Es ist schön zu wissen, dass Leo sich wohl genug fühlt, um das zuzulassen. Dass er nicht davon aufwacht, dass Adam irgendwelchen Blödsinn erzählt und sich in Anekdoten verstrickt.

Es ist schön zu wissen, dass Leo neben ihm einschläft. Irgendwie.

Und noch schöner ist es, wenn er morgens aufwacht und eine Nachricht auf seinem Handy findet.

***

Vielleicht sollte er in seiner neuen Wohnung diese leuchtenden Plastiksterne über dem Bett anbringen.

Nicht, dass er schon eine Wohnung hat. Seine Sachen aus Berlin haben alle in eine große Reisetasche und einen Rucksack gepasst, die am Fußende des Hotelbettes steht, auf dem er liegt und die Decke anstarrt.

Leos Eltern haben ihm angeboten, dass er auch bei ihnen unterkommen kann. Sie haben ja das Gästezimmer und wenn er mag, kann er auch gerne Leos altes Zimmer haben.

Er hätte gerne zugestimmt, aber so ist es besser. Falls Leo es sich nach ihrem ersten gemeinsamen Arbeitstag anders überlegt, dann will er ihm lieber seinen Freiraum geben und nicht auch noch bei seinen Eltern präsent sein.

Adam schläft in dieser Nacht nicht. Er ist viel zu aufgewühlt und wünscht sich, er könnte Plastiksterne zur Beruhigung zählen.

***

Mit Leo zusammenzuarbeiten, ist ein bisschen wie früher mit ihm zur Schule zu gehen.

Natürlich ist es anders, aber Adam wird das Gefühl nicht los, dass es immer schon so war, wie es jetzt zwischen ihnen ist und dass es immer so sein wird. 

So sein soll

Adam braucht sowieso immer seine Zeit, um sich an neue Menschen zu gewöhnen. Und auch Leo war früher schon zufrieden damit, still zusammen zu sitzen, während jeder seiner eigenen Arbeit nachgeht. Man sollte meinen, dass sich das nach mehr als fünfzehn Jahren geändert hat, aber es ist nicht so.

Eigentlich ist es fast ein bisschen gruselig, wie gut sie vom ersten Moment an zusammen funktionieren. Vielleicht sind es die vielen Gespräche, die sie im letzten Monat geführt haben und die durchs Telefon hindurch so viel einfacher waren, als von Angesicht zu Angesicht, aber sie kennen sich noch — oder wieder — so gut, dass sie auch ohne Worte wissen, was der andere denkt.

Adams neue Kolleginnen sind nicht davon begeistert, aber das ist ihm egal. Solange Leo ihn angrinst, wenn sich der Verdacht bestätigt, der ihnen gleichzeitig in den Sinn gekommen ist, auch wenn sie unterschiedliche Beweise durchgegangen sind, reicht Adam das vollkommen.

Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass sie nach der Arbeit nicht mehr zusammen davonschleichen müssen. Sie müssen sich nicht verstecken und bei Minusgraden im Baumhaus ausharren, um noch ein paar Minuten mehr miteinander verbringen zu können.

Leos Couch ist viel bequemer. Vor allem wenn Leo dicht neben ihm sitzt.

***

Je länger Adam in Saarbrücken ist, desto wichtiger wird Leos Couch für ihn. Er verbringt einen Großteil seiner Abende hier — und seiner Nächte, wenn er ehrlich ist — und es gibt keinen Ort, an dem er lieber wäre.

Vor allem nicht, wenn Leo näher an ihn rückt.

Ganz besonders nicht, als er den Mut fasst, sich Leo entgegen zu lehnen und ihn endlich zu küssen.

(Irgendwann danach bekommt die Couch Konkurrenz, weil es sogar noch schöner ist, neben Leo in einem richtigen Bett einzuschlafen, aber wenn Leo irgendwann mal ein neues Sofa braucht, wird Adam sicher ein bisschen wehmütig.)

“Weißt du,” meint Leo irgendwann, als sie zusammen vor seinem Waschbecken stehen und Zähne putzen. “Du könntest auch einfach bleiben.”

Adam sieht sich um, betrachtet seinen Rasierer neben Leos, das zweite Set Handtücher — Leo besteht auf die Sets — seine Sachen in der Dusche und er kann nicht anders als lächeln.

***

Manchmal, da macht er sich noch immer Sorgen, dass er Leo zu viel wird, dass er doch noch irgendwann begreift, dass er Adam nicht einfach so zurück in sein Leben hätte lassen müssen, aber die Momente werden immer seltener, je länger er hier ist.

Je länger er morgens neben Leo aufwacht, desto sicherer fühlt er sich. Jeder Fall, den sie zusammen abschließen, führt dazu, dass die Sorgen langsam verschwinden. Jeden Abend, wenn er neben Leo einschläft, verblasst die Angst.

Und manchmal, so wie an diesem Tag, da ist sie ganz verschwunden.

“Adam, das ist doch nicht-“

“Ruhe jetzt,” flüstert er Leo zu, als er ihn hinter sich her zu Leos altem Kinderzimmer schleift. “Oder willst du, dass deine Mutter-“

Leo zuckt sichtbar zusammen bei dem Gedanken. “Bloß nicht,” nuschelt er zurück und hält sich etwas kräftiger als nötig am Treppengeländer fest.

Sie haben beide schon Glühwein getrunken und spüren den auch. Babsis Weihnachtsessen lässt noch auf sich warten, während Caro und die Kids draußen im Schnee spielen.

Genau darum ist Adam auf die grandiose Idee gekommen, Leo in dessen altes Zimmer zu entführen für ein nachmittägliches Schläfchen. (Im Nachhinein muss er einsehen, dass Leos Mutter vermutlich nicht glaubt, dass sie schlafen, sondern ziemlich genau weiß, was Adam plant. Aber damit beschäftigt er sich morgen, wenn er wieder nüchtern ist.)

Das Bett ist viel zu klein für sie beide zusammen und sich im Arm zu halten, ohne runter zu fallen, ist schwer genug, auch ohne andere Verrenkungen. Aber Adam ist es nur recht; er hält Leo gern im Arm, erinnert sich gern daran, dass er hier bei ihm ist.

Dass sie zusammen sind.

Glühwein und Liebe erfüllen ihn mit einem warmen Kribbeln, als er sich auf dem schmalen Bett zurechtrückt und — wie vor einem Jahr — die Decke anstarrt. Er hat die verblassten Sterne schon ein bisschen vermisst.

“Ich hab sie früher angeschaut und an dich gedacht,” flüstert Leo irgendwann leise neben ihm. “Hab mich gewundert wo du bist und wie der Sternenhimmel über dir aussieht.”

Adam zieht ihn noch ein bisschen näher an sich. “Von all den Sternenhimmeln der Welt, ist mir der hier am liebsten.”

Leo brummt glücklich. “Wir könnten auch zuhause welche aufhängen, wenn du magst.”

Wieder sieht er zur Decke hoch. Es wäre furchtbar kitschig und vermutlich würde Leo darauf bestehen, dass sie das irgendwie kunstvoll gestalten statt einfach alles an die Decke zu pappen, aber andererseits-

“Gerne,” flüstert er und rückt so lange auf der schmalen Matratze herum, bis er Leo küssen kann. “Machen wir, wenn wir wieder zuhause sind.''

***

So lange hat er gebraucht, aber er ist endlich zuhause angekommen.

Und Adam geht nie wieder weg.