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The Spy Who Loved Her

Summary:

Kim Bora ist eine berüchtigte Spionin unter dem Decknamen Sua. Sie ist Kampfkunstmeisterin, Hackerin und Auftragsmörderin.

Als sie eines Tages den Auftrag bekommt, den Boss einer der größten Mafias Südkoreas umzubringen, ist das für sie zunächst nur eine weitere Gelegenheit, viel Geld zu bekommen und dabei auch noch Spaß zu haben.

Was sie nicht erwartet: Sich Hals über Kopf in Lee Siyeon zu verlieben. Und Siyeon weiß mehr, als sie zu wissen scheint.

Notes:

Schritt 1: Stalken
Schritt 2: Planen
Schritt 3: Vertrauen erlangen, dann zuschlagen
Schritt 4: sich nicht in den Mafia Boss verlieben

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Work Text:

„Du bekommst 500.000€, wenn du sie tötest.”

„Ich verlange eine Million.”

„900.000.”

„Eine Million.”

„950.000.”

„Eine. Million.”

„Warum verlangst du so viel?"

„Weil ich sehe, dass es dir wichtig ist und ich weiß, dass du einwilligen wirst."

Hans-Peter mit der schiefen Nase zuckte unter ihrem schneidenden Blick zusammen und kalter Schweiß rann seine Stirn und seinen Nacken hinab. Er hatte gewusst was auf ihn zukam, sobald er sie treffen würde und ein Geschäft mit ihr eingehen würde. Er hatte Leute reden gehört. Von anderen Mafias, sowie von seiner eigenen. Anscheinend war sie so unberechenbar wie Regen und Sonnenschein.

Ihre langen schwarzen Haare fielen ihr glatt und ohne eine einzige Welle über ihre Schultern und Rücken. Sie war in schwarz gekleidet, hauptsächlich enge Kleidung, nur ihre offene Jacke hing locker an ihrem Körper und verdeckte viel ihrer trainierten Figur. Auch verdeckte sie den Gürtel mit zwei Wurfmessern, einer geladene Pistole und mehreren Waffenmagazinen. Schwarzer Lidschatten hing an ihren Augen und ließ ihre Augen noch dunkler wirken.

Der alte Parkplatz vor einer schon lange unbenutzten Lagerhalle abseits der Stadt lag im mitternächtlichen Dunkeln, nur ein oder zwei Straßenlaternen leuchteten, eine andere flackerte. Man konnte die Atemwolken in der karg beleuchteten Luft sehen und die eisige Kälte an den Wangen spüren, als würden sie einen erfrieren.

„Deal. Ich gebe dir zwei Monate… Sua”, sagte Hans-Peter mit der schiefen Nase. Am liebsten hätte er ihren echten Namen gesagt, um dramatischer zu wirken. Doch den kannte er nicht.

Sie drehte sich ohne ein weiteres Wort um und ließ den Mafiaboss stehen.

Bora stieg in ihr Auto und fuhr in die Stadt. Sie blieb bei einer Tankstelle stehen, um ihr Auto zu tanken und sich selbst Snacks zu kaufen.

Als sie von warmer Luft empfangen wurde ging sie sofort zwischen den niedrigen Regalen umher und sah sich um. Sie nahm sich verschiedene Keks- und Chipspackungen, die ansprechend aussahen und fand schnell die Capri Sonne. Bora musste sich auf den Boden knien und hinter den Orangen-Capri-Sonnen herumkramen um die letzte mit Kirschgeschmack zu bekommen, als sie eine weibliche Stimme hinter sich hörte.

„Die Capri Sonne mit Orangengeschmack ist besser.”

Bora sah neben sich ein Paar rote High Heels in dessen sich die Besitzerin barfuß befand. Genervt seufzte sie und stand auf. Mit den High Heels war die Frau vor ihr um einiges größer, was dazu führte, dass Bora einen Schritt zurückging, um ihren Nacken nicht zu sehr zu beschädigen wenn sie so weit hinaufschauen musste.

Die Fremde hatte einen langen grauen Mantel an, der an ihrer Taille locker zugeknotet war. Sie trug eine schwarze Jeans und ihre Hände waren in ihren Manteltaschen, und kurze blond-weiße Haare fielen ihr bis zum Kinn. Eine Sonnenbrille verdeckte ihre Augen.

Warum auch immer, es ist nach Mitternacht , dachte sich Bora.

„Findest du?”, Bora lachte. „Weirdo.”

Ein Lächeln stahl sich auf die roten Lippen der Fremden. „Ja.” Sie nahm sich selbst eine Capri Sonne mit Orangengeschmack, ging zur Kasse und bezahlte, sie gab Bora nicht die Zeit noch zu antworten oder noch einen Kommentar zu hinterlassen, da war sie schon aus dem kleinen Tankstellengeschäft gegangen.

Bora bezahlte ihre Snacks und setzte sich in ihr warmes Auto um diese sofort nacheinander zu essen, die Chips und eine Packung Lebkuchen hob sie sich aber auf und packte sie in einen der Schränke in ihrer Küche, sobald sie zu Hause war.

 


 

Als Bora erwachte war es später Vormittag, beinahe schon Mittagszeit. Sie machte sich ihren Morgenkaffee und setzte sich an ihren Sofatisch. Schnell nahm sie sich ihren Laptop zur Hand und klappte ihn auf. Hans-Peter mit der schiefen Nase hatte ihr noch gegen ein Uhr in der Nacht Daten von ihrem neuen Ziel gesendet.

Bora fand es immer wieder erneut amüsant, wenn ein Mafiaboss ihr den Auftrag gab, einen anderen Mafiaboss zu töten. Wenn sie absichtlich sie kontaktierten, weil sie selbst nicht imstande und zu schwach waren.

Name: Lee Siyeon
Geboren: 01.10.1995
Herkunft: Daegu, Südkorea
Familie: Mutter (in Seoul), ältere Schwester (ist weggezogen, da sie nichts mit Mafias zu tun haben wollte, ihr Standort ist unbekannt), Vater (wurde ermordet)
Blutgruppe: A
Wohnort: Seoul, Südkorea

Unter dem Namen war ein Bild eingefügt. Sie war eine wunderschöne Frau und Bora konnte sich schwer vorstellen, eine solche Schönheit zu ermorden. Doch bevor sie darüber nachdenken konnte, wer das Bild gemacht hatte, schlich sich die Erinnerung zurück.

Das ist die Frau von gestern Abend, die, die mir gesagt hat, die Capri Sonne mit Orangengeschmack wäre besser.

Die weißen kurzen Haare waren unverwechselbar, auch die Sonnenbrille war die gleiche. Genau wie ihre schöne Nase und ihre roten Lippen. Dieses Bild musste wohl ein Stalker oder ein Agent aufgenommen haben, der Informationen über Siyeon sammelte, denn es wirkte nicht wie ein mit Absicht aufgenommenes Bild. Siyeon sah nicht in die Kamera, das Foto schien von irgendwo auf der Seite aufgenommen zu sein und mit ihrer rechten Hand fuhr sie sich durch ihre hellen Haare.

Hans-Peter mit der schiefen Nase hatte ihr auch den Standort von Siyeons Firmageschickt, die sie gegründet hatte, als Cover für ihr eigentliches Mafialeben. Anscheinend war es für die Öffentlichkeit eine Kosmetik- und Modefirma, undercover stellte ihre Mafia Waffen her, dealte mit Drogen und verdiente Millionen damit.

Über andere Mafiamitglieder wusste man nicht viel, die engsten Vertrauten von Siyeon waren drei junge Frauen, zwei von ihnen trugen Spitznamen, beziehungsweise einen Decknamen und bei jeder von ihnen war ein Bild hinzugefügt, dass so aussah, wie das von Siyeon: von irgendeinem Spion aufgenommen.

Name: Kim Yoohyeon
Geboren: 07.01.1997

Name: Lee Yubin
Deckname: Dami
Geboren: 07.03.1997

Name: Han Dong
Deckname: Handong
Geboren: 26.03.1997

Über deren Familien stand nichts, wahrscheinlich weil Hans-Peter mit der schiefen Nase es nicht für nötig hielt, genauso wenig, wie dazuzuschreiben, welche Spezialitäten sie in Kampfkunst hatten, was Bora als sehr nötig empfand. Sie holte sich ein Sandwich, welches sie am Vortag noch bei der Tankstelle an der Kasse gekauft hatte und aß es, während sie sich die Daten über andere Mitglieder durchlas.

Als sie ebenfalls die Daten von ihren Assistenten durchgelesen hatte und sich ungefähr gemerkt hatte, wer seine Finger im Spiel hatte, klappte sie den Laptop zu.

Jetzt musste sie nur noch einen genaueren Plan machen, wie sie sich Siyeon nähern sollte.

 


 

Es war Montag und eine Woche war vergangen, seitdem sie sich mit Hans-Peter mit der schiefen Nase getroffen hatte. Nun war Bora in hohen Schuhen unterwegs zu Siyeons Firma. Vor einigen Tagen hatte Bora sich mit einer neuen E-Mail-Adresse und einem neuen Handy bei Siyeon gemeldet, dass sie doch so ein großer Fan von ihr wäre und unbedingt eine Assistentin bei ihr wäre.

Sie hatte ihr kleines Auto ein wenig weiter entfernt als eigentlich nötig gewesen wäre geparkt und stöckelte über die Kreuzung zu Siyeons Firma.

Das Gebäude war riesig und in der Mitte des hohen Gebäudes stand groß SM Company .

„Was für eine perverse Frau”, murmelte Bora. Sadismus und Masochismus Company? Nein, danke.

Als sie auf der anderen Straßenseite stand, holte sie ihre Fakebrille aus der glitzernden Handtasche und setzte sie absichtlich schief auf, machte sich einen hohen Zopf und wartete fünf Minuten. Langsam froren ihre Füße bei dieser Kälte ab und sie wollte ins Warme. Als die fünf Minuten um waren, lief sie los, vorsichtig und mit kleinen Schritten.

Sie kam kaum außer Atem im Gebäude an, tat aber so, als könnte sie kaum atmen und hechelte ungesund, als sie bei der Rezeptionistin ankam. Soweit sie sich erinnern konnte, war diese Frau kein Teil der Mafia.

Bora tat auf schusselig und richtete sich hektisch die Brille.

„Entschuldigung? Mein Name ist Hae Soo und ich bin hier für ein Gespräch mit Lee Siyeon.” Sie lächelte, sodass man ihre Zähne sehen konnte und richtete sich ihre Brille. Sie wollte sich für die Rolle, die sie sich ausgesucht hatte um unauffällig zu sein am liebsten selbst schlagen.

Bora wusste, dass diese Leute wahrscheinlich so gut wie nichts von Siyeons Plänen wussten, nur fürs Drogendealen und die Herstellung der Drogen und Waffen zuständig waren und vom Rest vollständig ausgeschlossen waren. Doch zu wissen, wer von Siyeon bescheid wusste, war vielleicht doch nötig, da in ihrer Company die Angestellten nur zur Hälfte aus ihren Mafia-Leuten bestand. Viele verkauften einfach nur in den Geschäften der öffentlich-zugänglichen Produkte die Waren, oder halfen bei der Herstellung von diesen.

Die Frau nickte verwirrt und stand von ihrem Stuhl auf. „Folgen Sie mir.”

Sie benutzten einen Aufzug in den 13. Stock. Bora sah, dass es der oberste Stock war und auch, dass unter dem großen E, welches für Erdgeschoss stand, noch zwei Geschosse in die Erde gingen. Sofort beschloss sie, in dieser dummen Rolle, in der sie war, zu fragen.

„Entschuldigung? Was ist in diesen zwei Stockwerken unter dem Erdgeschoss? Ist das der Keller?” Sie redete höher als in ihrer normalen Stimmlage.

Bora konnte das Schlucken der Frau sehen und ihrem Gesichtsausdruck war anzudeuten, dass sie nichts wusste.

„Ich weiß es nicht. Es ist streng geheim und es heißt, ein Angestellter ist einmal unbefugt hinuntergefahren und nicht mehr zurückgekommen.”

„Hinunter gefahren ?” War es nicht unauffälliger, wenn man die Treppe benutzte?

„Du kommst nur mit dem Aufzug hinunter, es gibt keine Treppe. Nur mit diesem, in dem wir uns gerade befinden, mit den anderen fünf kommst du nur nach oben.”

Interessant… , dachte Bora sich.

Ein leises Ding ertönte, als sie ganz oben ankamen. Auf der anderen Seite des Flurs sah Bora drei Aufzüge und neben dem, indem sie gerade eben war, waren noch zwei. Der Boden war ein klarer Steinboden, die Decke des Flurs war weit über ihnen und der Klang der Schritte hallte unangenehm laut im Flur, sodass bestimmt jeder hinter den drei Türen, die am Gang waren, sie hören konnte. 

Eine Türe war direkt vor ihnen, zwei Türen rechts und links wie die Aufzüge.

Die Frau klopfte bei der, die direkt vor ihnen lag, auch wenn Bora gerne wissen würde, wer oder was sich hinter den zwei Türen an der rechten und linken Wandseite befand. Bevor sie aber noch einen weiteren Gedanken an die zwei Türen verschwenden konnte, ertönte ein Herein .

Sie traten in ein großes Büro, mit riesigen Fenstern. Einige Meter vor der Türe, durch die sie kamen, war ein großes Sofa und hinter diesem stand ein großer Schreibtisch, hinter dem niemand anderes als Lee Siyeon selbst saß. Auf ihrem Schreibtisch vor ihr lag ihre Sonnenbrille und sie hatte sich in ihrem Stuhl zurückgelehnt.

„Miss Lee, Ihre neue Sekretärin ist hier.”

Bora verbeugte sich leicht und räusperte sich, um kurz darauf mit einer erhöhten Stimmlage anfing zu sprechen. „Hallo, ich bin Hae Soo und freu mich, bei Ihnen arbeiten zu dürfen.”

„Schön. Ich bin Lee Siyeon und kein Fan von Bewerbungsgesprächen, die sind nur Zeitverschwendung. Deshalb hoffe ich, dass du deine Arbeit ernst nimmst. Ich freu mich auf gute Zusammenarbeit und-” Sie wurde unterbrochen, als die Türe hektisch geöffnet wurde und jemand stürmisch hereinkam.

„Hat mein Engel eine neue Sekretärin?” Die Frau, die hineingekommen war, trug ein breites Lächeln auf den Lippen und hatte ein langes, schulterfreies, weißes Kleid an, welches mit einem schwarzen dünnen Gürtel an ihrer Taille befestigt war. Sie trug weiße Seidenhandschuhe, die ihr bis zu ihren Oberarmen reichten und silberne Ohrringe und eine silberne Halskette, die Haare hatte sie hochgesteckt.

Bora verbeugte sich ebenfalls vor ihr, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wer sie war, sie konnte aber keine Unbefugte sein, wenn sie so unbeschwert redete und unangekündigt hineinstürmte. „Ich bin Hae Soo.”

„Aww, wie niedlich!” Sie schloss Boras Gesicht in ihre Handflächen ein und drehte ihren Kopf leicht nach links und rechts.

„Mama, du bist peinlich”, kam es von Siyeon.

„Was? Darf eine Mutter nicht einmal mehr die neue Sekretärin der eigenen Tochter betrachten?”

„Sie sind Miss Lees Mutter? Sie sehen so jung aus.” Boras Mund stand ein wenig offen, als sie diese Tatsache verarbeiten musste.

„Wie süß von dir, mein Schatz. Wie hübsch du bist! Nenn mich Minji. Ich hoffe, meine Siyeon wird nicht zu streng zu dir sein und dich jugendfrei behandeln. Nicht wahr, Siyeon?”

Siyeon rollte die Augen. „Ja, Mama.”

„Dann ist das ja geklärt. Ich gehe jetzt, ich treffe mich heute noch mit Taemin, der heute einige Stunden Zeit hat, in den letzten Wochen war er so beschäftigt mit dem Comeback von SHINee. Wir trinken ein wenig Tee gemeinsam und ich fahre danach direkt nach Hause. Bis morgen meine Lieben.” Sie winkte ihnen zum Abschied zu, wie die adeligen Damen in englischen historischen Filmen und verließ das Büro.

„Tut mir leid, sollte sie dich… vielleicht verstört haben. Meine Mutter ist immer so.”

Bora schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin nur ein bisschen überrumpelt.”

Siyeon nickte und stand auf. „Heute hast du zu deinem Glück nicht so viel zu tun. Du musst noch vier Kinokarten kaufen, für den Film Carol, du kannst meinen Computer benutzen, ich werde dir das Geld überweisen, was du dafür ausgibst. Danach komm in das Zimmer hinter der linken Türe, wenn du aus dieser hinausgehst.”

Bora nickte und wartete, is Siyeon den Raum verlassen hatte, dann kaufte sie die Kinokarten. Sie stand auf, um in das andere Zimmer zu gehen, was Siyeon ihr befohlen hatte, blieb aber auf Ort und Stelle stehen.

Jetzt, wo sie alleine im Raum war, konnte sie es sich leisten, ein wenig herumzuschnüffeln. Sie durchsuchte alle Regale und Schränke, ohne nach etwas bestimmten Ausschau zu halten. Als letztes durchsuchte sie den Schreibtisch.

Es lagen viele Ordner und Papiere herum, die unordentlich gestapelt waren, sodass man Angst haben musste, dass sie nicht umfallen, wenn man sie auch nur mit dem Arm streifte. 

Sie öffnete eine Schublade nach der anderen und hielt inne, als sie einen Umschlag mit einem bekannten Namen darauf fand.

Hans-Peter

Bora zog den schmalen Stapel Papier aus dem Umschlag und betrachtete die Daten, die darauf angegeben waren. Darunter stand ein Text.

Hans-Peter und einer seiner Leute stahlen am 03.11.2020 um 01:54 Uhr eine Summe von insgesamt 30 Millionen Euro aus dem Club VAMPIRE, ein Club, der dessen Chefin Lee Siyeon treu ist. Er tötete drei Menschen, um hinein zu gelangen, ihre Leichen wurden drei Stunden nach ihrem Tod gefunden. Es gibt nur eine unklare Aufnahme des Geschehens und es ist unklar, warum Hans-Peter mit der schiefen Nase das Geld stahl.
Wenige Stunden später wurde er auf Kamera ertappt, das ganze Geld in einem Kasino ausgegeben zu haben. Lee Siyeons Leute waren nicht in der Lage, den betrunkenen Mann rechtzeitig zu finden, seine eigenen Leute fanden ihn und brachten ihn sicher fort. Er zeigte keine Anzeichen davon, das Geld wieder zurückzuzahlen, hat keine E-Mails geschickt oder andere Zeichen, er würde das Geld in irgendeinem Weg zurückgeben.

Verfasst von: Kim Yoohyeon

Bora lachte. Also will er, dass ich sie umbringe, damit er ihr kein Geld zurückgeben muss? Solange ich meine Million bekomme, bringe ich sie eben um.

Darunter und auf den nächsten Blättern Papier waren Bilder in schlechter Qualität, auf denen Hans-Peter mit der schiefen Nase unverwechselbar zu sehen war. Seine schiefe Nase war fett und schief auf seinem Gesicht zu betrachten, seine Augen waren gerötet und man konnte selbst in den Bildern sehen, wie betrunken er war. Also war er schon angetrunken gewesen, bevor er in das Kasino gegangen war.

Sorgfältig steckte Bora die Papiere wieder in den Umschlag und legte die Akte zurück und verließ schnell das Zimmer, sie hatte schon genug Zeit verschwendet. Sie drehte sich nach links und ging durch diese Türe.

Das Zimmer war ähnlich eingerichtet wie das Büro von Siyeon. Es stand ein großes Sofa in der Mitte des Raumes, dahinter stand ein Schreibtisch, der etwas kleiner war als der ihrer neuen Chefin. Auf dem schwarzen Sofa saß Siyeon. Sie hatte ihre Beine überschlagen und hatte offensichtlich darauf gewartet, dass sie endlich eintreten würde.

„Hat es so lange gebraucht, um Kinokarten zu bestellen?”, fragte sie und hob eine Augenbraue.

Schnell nickte Bora und entlockte Siyeon ein leichtes Lächeln.

„Das hier wird dein Büro sein.”

Bora riss die Augen für einen Moment auf und sie wusst nicht, was sie sagen sollte. „Ich- ich habe heute angefangen hier zu arbeiten, ist das nicht etwas viel?”

Siyeon zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Ich habe aber keine andere Idee, was ich mit diesem Raum anfangen könnte. Für heute bist du entlassen. Komm morgen um die gleiche Zeit wieder, es war schön, dich kennengelernt zu haben.”

Bora hinterfragte ihre Entscheidungen nicht weiter und verbeugte sich zum Abschied.

Das war ja einmal… interessant.

 


 

Bora knickte mit ihrem hohen Schuh um und stützte sich schnell an der Wand ab. Sie trug ein langes Kleid mit einem Mantel darüber, unter dem Kleid hatte sie an ihrem Oberschenkel zwei Messer an dünnen Gürteln befestigt befestigt. Schmale, damit man sie nicht gut sehen konnte. Sie hatte nicht vor, Siyeon schon in der zweiten Woche umzubringen, man konnte aber nie wissen und schließlich musste man sich auf alles vorbereiten.

Sie kam mit dem Aufzug im 13. Stockwerk an und ging zur linken Türe. Zu spät bemerkte sie, dass die falsche Türe war, da sie von der anderen Seite kam. Der Raum sah aus wie eine Wohnung, mit einer Küche, einem Sofa und sogar einem kleinen gläsernen Esstisch.

Auf dem Sofa saß Minji und zwei ebenfalls schick angezogene Frauen. Eine der beiden hatte ein langes lilanes Kleid an mit goldenem und schwarzem Schmuck, die andere hatte einen ordentlichen Anzug an und lange weiße Haare, die ihr weich über die Schultern fielen.

„Hallo Hae Soo, brauchst du etwas?”, fragte Minji, die ein Glas Champagner in der hand hielt.

Bora verbeugte sich schnell tief. „Nein, entschuldigung, ich bin aus Versehen durch die falsche Türe gegangen, es ist mein Fehler.”

„Mach dich nicht selbst so schlecht, komm und setz dich doch zu uns, ich gebe dir ein Glas Champagner. Oder willst du etwas anderes trinken? Ich habe auch Tee, Wein oder auch nur Wasser.”

Bora bat um Wasser und setzte sich vorsichtig neben die Frau in dem lilanen Kleid. Minji überreichte ihr das Glas und setzte sich wieder auf das Sofa.

„Das ist Hae Soo, sie ist die neue Sekretärin meiner Tochter.”

„Freut mich, dich kennenlernen zu dürfen. Ich bin Lee Jieun”, stellte sich die Frau im lilanen Kleid vor.

„Ich bin Kim Yongsun”, stellte sich die andere mit den langen weißen Haaren vor.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen.”

„Warum die Förmlichkeit, warum duzt du uns nicht?”, fragte Minji und lächelte Bora an.

„Ich sollte Miss Lee bescheid sagen, dass ich bei Ihnen- bei dir bin”, sagte Bora und verbesserte sich selbst im Satz, da sie sofort Minjis letzten Satz in den Kopf bekam.

Minji zuckte mit den Schultern. „Musst du nicht, mein Schatz, sie wird es verstehen und ich werde dich persönlich unter meinen Schutz nehmen, sollte sie unanständig werden. Ich wollte gerade erzählen, wie ich einmal von einem Bürgermeister aus Frankreich Geld bekommen habe. Es ist schon über zwanzig Jahre her, aber wie sagt man so schön: Man muss seine Geschichte erzählen, damit sie nicht vergisst. Ich war in Paris und habe mich mit einer schicken Modedesignerin unterhalten, da kam er und hat mich nach meinem sozialen Standpunkt gefragt. Er sagte, er würde mir alles geben, was ich verlangte, wenn ich doch die Wahrheit versteckte, dass sein Sohn jemanden ermordet hat. Ich habe eingewilligt. Ich habe Geld bekommen und habe in Frankreich den besten Alkohol damit gekauft.”

„Immer diese gute, alte Elternliebe”, lachte Jieun. Sie hatte ein herzliches Lachen, mit einem freundlichen Funkeln in den Augen, aber Bora wusste, dass man sich dennoch nicht mit ihr anlegen sollte.

Yongsun lachte ebenfalls, nur Bora hatte nicht das Bedürfnis zu lachen, doch bevor sie anfangen konnte, ein gefälschtes Lachen zu beginnen, wurde die Türe ohne Ankündigung aufgemacht und herein kam Siyeon.

„Hier bist du, Hae Soo. Willst du mit Yoohyeon, Handong, Dami und mir in die Stadt fahren?”

„Ja, ich bin gleich bei euch.” Sie trank schnell ihr Wasser aus und nickte den drei Frauen zum Abschied zu.

 


 

Yoohyeon, Handong und Dami hatten einen anderen Charakter, als Bora erwartet hatte. Sie waren witzig und hatten nicht die Ausstrahlung, dass sie ohne zu Zögern jemanden umbringen könnten. Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie wie Bodyguards hinter Siyeon stehen würden und jeden böse anschauen würden, der Siyeon auch nur einen Schritt zu nahe kommen würde.

„Ich will Zuckerwatte. Gehen wir Zuckerwatte essen”, sagte Dami und rannte auf einen Stand zu, der auf der Fußgängerzone platziert war.

Yoohyeon und Handong folgten ihr, Siyeon blieb aber mit Bora noch zurück. „Willst du auch eine? Ich kaufe sie dir.”

„Ja, aber keine ganze, ich würde einen Zuckerschock bekommen.”

Siyeon lachte.

„Wir können sie uns teilen.” Bevor Bora protestieren konnte, war Siyeon den anderen schon gefolgt und hatte eine Zuckerwatte für sie bestellt.

Sobald sie die Zuckerwatte in der Hand hatte, riss sie etwas davon ab und hielt es vor Boras Mund.

Als Bora verwirrt abwechselnd zwischen dem pinken Zucker und Siyeon hin und her sah, seufzte Siyeon. „Du sollst es essen.” Als Bora für einige Sekunden immer noch keine Anstalten machte, den Zucker zu essen, wollte sie ihn schon selbst essen, Bora nahm aber schnell ihr Handgelenk und führte es zu ihrem Mund, um den Zucker zu essen. Ihr Gesicht wurde warm, sie versuchte aber, es nicht zu beachten.

Siyeon lächelte glücklich und nahm Boras Hand in ihre, um Yoohyeon, Handong und Dami hinterherzugehen, die schon einige Meter voraus waren und sich nicht die Mühe machten, auf die zwei zu warten.

Sie sahen sich weiter die Stadt an und als sie die Zuckerwatte fertig gegessen hatten, gingen sie in ein Café, um sich die Hände zu waschen und etwas zu trinken, nachdem sie seit zwei Stunden, in denen sie in der Stadt waren, noch nichts getrunken hatten.

„Erzähl uns etwas von dir”, sagte Dami, als sie sich um einen Tisch gesetzt haben und die Getränke bestellt haben.

„Mein Name ist Hae Soo und ich interessiere mich für Kosmetik und Schmuck. Ich bin 26 Jahre alt und habe in der Vergangenheit in einem Supermarkt gearbeitet und in einem Bücherladen.”

„Du magst Bücher?”, fragte Handong und Bora nickte, da es tatsächlich der Wahrheit entsprach.

Ihre Bestellung kam und sie tranken stumm ihr Getränk. Bora bezahlte die ganze Bestellung, als „Dankeschön für einen solch tollen Arbeitsplatz”, wie sie es gesagt hatte, als Yoohyeon sagte, sie würde zahlen.

Sie fuhren zurück zu der Company. Siyeon saß am Steuer, Bora am Beifahrersitz und Yoohyeon, Handong und Dami auf den Rücksitzen. Als sie vor dem großen Gebäude stehen blieben, verabschiedeten sich die drei von ihnen, Bora wollte ebenfalls aussteigen, doch Siyeon hielt sie am handgelenk fest.

„Ich werde dich zu dir fahren.”

„Aber ich habe mein Auto hier geparkt”, schlug Bora dieses Angebot verwirrt ab.

„Dann werde ich dich eben morgen abholen, damit du nicht zu Fuß gehen musst.”

Widerwillig sagte Bora ihr ihre Adresse. Es war nicht geplant gewesen, dass ihr Opfer ihre Adresse bekommen würde, aber um dies ungeschehen zu machen, war es zu spät. Wahrscheinlich wäre es in der Situation, in der sie sich befand gar nicht zu vermeiden gewesen.

„Bis morgen!”, rief Siyeon noch aus dem Fenster des Autos, nachdem Bora ausgestiegen war.

 


 

Wie versprochen holte Siyeon Bora in der Früh ab und sie fuhren gemeinsam zur Arbeit. Siyeon begleitete sie noch in ihr Büro und gab ihr einen Stapel mit Papieren zum sortieren. Sie saß mindestens schon zwei Stunden hinter ihrem Schreibtisch als Siyeon hineinkam, mit einer Tasse Tee in der Hand.

„Meine Mutter fragt, ob wir mit ihr Tee trinken wollen. Sie scheint dich zu mögen.”

„Ich trinke gerne mit euch Tee. Ich bin aber noch nicht fertig mit den Papieren”, sagte Bora und Siyeon zuckte nur mit den Schultern.

„Ich finde schon jemanden, der das für dich erledigen kann.”

Bora bedankte sich und folgte Siyeon in den gegenüberliegenden Raum. Yoohyeon, Handong und Dami saßen schon bei Minji am Sofa und hatten anscheinend schon auf sie gewartet.

„Hier ist dein Tee.” Minji überreichte ihr eine frisch gefüllte kleine und leichte Tasse, die man mit zwei Fingern halten könnte, gefüllt mit Grüntee. Zumindest glaubte sie, dass es Grüntee war. Sie hatte sich neben Yoohyeon gesetzt, die mit demselben Tee wie sie auf dem Sofa saß.

„Mit was für Menschen warst du schon einmal in Kontakt, Minji?” fragte Bora und obwohl Minji ihr persönlich erlaubt hatte, informell mit ihr zu reden, behielt sie trotzdem diese höfliche Tonlage in ihrer Stimme. Diese Frage interessierte sie tatsächlich und stellte sie nicht nur, um die Stille zu durchbrechen, nachdem Minji gestern von dem Mann in Paris erzählt hatte. Sie kannte bestimmt mehr Menschen, als Bora je in ihrem ganzen Leben begegnen würde.

„Manchmal glaube ich, dass ich mit zu vielen Menschen auf dieser Welt zu tun gehabt habe und ich denke, dass ich die Hälfte der Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe, schon vergessen habe. Vielleicht würde ich mich an sie erinnern, wenn ich sie wiedersehen würde, das ist aber unwahrscheinlich. Seit kurzem treffe ich mich mit Models und Idols. Ich habe mich einige Male schon mit Kim Jisoo getroffen. Solch ein liebes Mädchen. Leider ist ihr CEO hässlich.”

Bora prustete in ihre Tasse Tee, bekam sich aber schnell wieder unter Kontrolle. „Könntest du… wenn du kannst… mir vielleicht ein Autogramm von Hyuna bringen?”

„Aber natürlich kann ich das. Ich hole die Teekanne zum Sofatisch, ich liebe diesen Tee. Ich habe ihn getrunken, nachdem ich meinen Ehemann nach Siyeons Geburt ermordet habe, weil er mir auf die Nerven ging.”

Nun war es nicht mehr vor Lachen, sondern Bora spuckte vor Schreck den Tee wieder zurück in die Tasse und hustete.

Diese Frau ist noch um einiges verrückter, als ich am Anfang dachte.

„Ach, mein Schatz, ich wollte dich nicht so sehr mit dieser Tatsache erschrecken. Aber das bleibt doch sicher unter uns, nicht war?”

Bora nickte verstört und trank schnell ihren Tee aus.

Siyeon stellte ihre Tasse an den Rand des Sofatisches und griff nach der Teekanne, um ihre Tasse wieder aufzufüllen, stieß aber gegen sie und die Tasse kippte vom Tisch. Bora schnellte nach vor und fing die Tasse auf, bevor sie auf dem Boden zerbrechen konnte.

„Danke”, lächelte Siyeon und nahm sich Tee.

 


 

Es war Freitag und am vorigen Tag war Bora stolz nach Hause gefahren, mit dem Autogramm von Hyuna in ihrer Tasche.

Und nun wusste sie nicht, wie sie es geschafft hatte, dieses Glück und gleichzeitige dieses Pech zu haben, mit Siyeon an einem Tisch zu sitzen, teures Essen bestellt zu haben und Siyeon gegenüber von sich sitzen zu haben.

Als Vorspeise hatten sie sich Ananas bestellt, die so teuer war wie Boras Ohrringe. Es war eine unangenehme Stille um sie und sie lächelten sich für mehrere Minuten nur stumm an. Die ganze Zeit, in denen sie auf das Essen gewartet hatten, hatten sie kein Wort miteinander gesprochen, sich nur stumm angelächelt.

Als ein Kellner mit dem Teller voller Ananas zu ihnen kam, bedankten sie sich und das waren die wenigen Wörter, die sie in den letzten zwanzig Minuten ausgesprochen haben.

Siyeon hielt ihr ihre Gabel mit einem Stück Ananas vor den Mund und Bora aß es, ohne zu zögern.

„Was machst du sonst noch so in deiner Freizeit, außer dich für Kosmetik, Schmuck und Bücher zu interessieren?”, fragte Siyeon und stützte ihren Kopf auf ihrer Hand ab.

Bora zuckte mit den Schultern. „Ich gehe gerne in Cafés. Ich treffe mich nicht gerne mit Menschen.”

„Als ich dich das erste Mal in meiner Firma gesehen habe, dachte ich, dass du immer wieder gerne einmal im Mittelpunkt vieler Menschen stehst.”

„Das sagen mir viele. Das ist aber nicht die Wahrheit, wie du gerade herausgefunden hast”, lachte Bora und war froh, sich mit diesem Satz noch retten zu können.

„Hypothetisch gesehen, wie viele Menschen braucht es, um dein Herz zu infiltrieren?”

„Hm?”

Siyeon gab keine Antwort darauf, sondern lächelte nur, wiederholte den Satz aber nicht mehr und Bora blieb im Ungewissen.

Das Essen, was sie bestellt hatten kam nach einigen Minuten und ohne noch ein Wort mit Siyeon zu wechseln fing sie an zu essen.

„Schmeckt es dir?”, fragte Siyeon und Bora hörte sofort auf zu essen, als sie realisierte, wie unhöflich sie gerade in einem Restaurant aß.

Sie nickte einfach und kaute ihren Bissen fertig. „Und dir?”, stellte sie die Gegenfrage, nachdem sie geschluckt hatte.

Siyeon nickte und aß langsam weiter. Sobald Bora fertig gegessen hatte, lehnte sie sich im Stuhl zurück und beobachtete Siyeon dabei, wie sie ihre Spaghetti elegant mit Hilfe eines Löffels auf ihre Gabel aufrollte.

„Möchtest du Wein?”, fragte Siyeon und sofort nickte Bora. Sie bestellten Wein, während ein Kellner ihre Teller vom Tisch abservierte.

Der Kellner befüllte ihre Gläser und Siyeon schenkte Bora ein Lächeln, welches Bora Angst einjagte und gleichzeitig eine Gänsehaut auf ihrem Körper verursachte. Sie nahmen ihre Gläser in ihre Hand und stießen an.

„Auf unsere neu gewonnene Freundschaft und dein Start bei mir als Sekretärin.”

Seit wann zählt sie mich zu ihren Freunden?

„Auf dich, Siyeon.”

Sie stießen an, den Augenkontakt nicht brechend. Ein leichtes Klirren erklang, mit einem leisen singenden Ton im Hintergrund, als die zwei Gläser sich berührten und das Vibrieren der Gläser zog sich durch Boras ganzen Arm.

Sie nahmen einen Schluck und stellte das Glas dann vor sich ab.

„Ich werde dich wieder zu dir nach Hause fahren. Du hast morgen frei.”

 


 

Die Werktage der zweiten Woche, die sie schon in Siyeons Unternehmen gearbeitet hatte, waren schon beinahe um und langsam machte sie dieses Nichtstun verrückt. Die Tage vergingen, ohne das etwas anderes passierte. Und nie hatte Bora die Möglichkeit sich Siyeon zu nähern, zumindest nicht auf auf die Ich-greif-dich-an-und-töte-dich -weise, da durchgehend entweder Handong, Yoohyeon oder Dami um sie herum waren. Sobald sie selbst nicht mehr in Siyeons Nähe war, fühlte sie sich beobachtet, als würde jemand direkt hinter ihr hergehen mit einer Kamera in der Hand, damit auch alles aufgenommen wurde.

Sie versuchte sich, sich wie alle anderen Arbeiter zu verhalten und ja nicht aufzufallen: sich immer wieder Kaffee holen, das machen, was Siyeon von einem verlangte und immer schön lächeln und winken.

Das mit dem immer schön lächeln und winken klappt ja ganz gut, aber um unauffällig zu sein, habe ich mir definitiv die falsche Rolle ausgesucht. Bora schlug sich mit ihrer Hand gegen die Stirn und schüttelte den Kopf, während sie sich mit einer heißen Tasse Kaffee zu ihrem Büro machte.

Minji war in den letzten Tagen nicht hier gewesen, deshalb konnte sie nichts anderes tun, als ihre Arbeit zu machen.

Sie öffnete die Tür und unkonzentriert wie sie war bemerkte sie die Person zu spät, die genau in diesem Moment durch die Türe kam und stolperte mit ihren hohen Schuhen über ihre eigenen Füße, wurde aber am Oberarm gepackt und wieder standhaft auf die Füße geholfen.

Bora und Siyeon waren seitdem Bora High Heels trug ungefähr auf Augenhöhe und Bora hatte nicht mehr Schwierigkeiten ihr ins Gesicht zu sehen. Siyeon ließ ihren Oberarm eine Weile nicht los, ihr Griff lockerte sich aber und ein sanftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Ein Prickeln ging über Boras Haut und Siyeons Blick machte es ihr nicht leicht, ruhig weiterzuatmen.

„Warum bist du in meinem Büro?”, fragte Bora und versuchte mit einer zu hohen und einer Stimme, die Leute als „unschuldig” bezeichnen würden, diese Frage zu stellen und sie spielte mit einer ihrer Haarsträhnen.

„Ich habe dich gesucht. Zum Glück hast du dich nicht in Luft aufgelöst.” Eine Lüge. Bora musste sich bemühen, ihren Blick weiterhin uninteressiert zu halten und ihn nicht von ihren Gedanken kontrollieren zu lassen, die darüber stritten, was Siyeon in ihrem Büro getan hatte.

„Warum hast du mich gesucht?”

„Ich wollte dich fragen, ob du mit mir zu einer wichtigen Veranstaltung gehen willst. Ich brauche ein Date.” Den letzten Satz fügte sie noch hinzu, als ob sie das Ganze noch ein wenig besonderer machen wollte und Bora verschluckte sich beinahe an ihrer eigenen Spucke, als sie hörte, was sie für einige Stunden für Siyeon sein würde.

„Ja!”, rief sie übertrieben. Was hatte sie denn für eine Wahl? Ablehnen konnte sie schwer, sie musste wissen, was das für eine Veranstaltung war und mit was für Leuten Siyeon sich traf, es war nicht relevant, ob diese Leute aus anderen Mafias waren oder tatsächlich nur irgendwelche Businessmenschen, die Geld haben wollten (was die aus Mafias aber auch haben wollten).

„Sie findet morgen statt. Komm morgen am späten Nachmittag hierher, wir werden einen kurzen Umweg zu mir nach Hause machen, danach fahren wir zu der Gala. Jetzt kannst du weiterarbeiten, ich werde dich nicht länger aufhalten.”

Nach diesen Worten ging Siyeon in eigenes Büro und die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken.

 


 

Es war spät, als Bora sich in den Fahrstuhl bewegte. Siyeon hatte sich sogar schon von ihr verabschiedet und war nach Hause gefahren. Morgen war der einzige Tag außer letzten Samstag, an dem Bora ausschlafen konnte, da sie Siyeon auf eine anscheinend wichtige Veranstaltung musste.

Doch im Moment hatte Bora nicht vor, nach Hause zu fahren. Sie schluckte, dann drückte sie auf den Knopf im Aufzug, auf dem -1 stand.

Die Türen schlossen sich langsam, dann fuhr der Aufzug nach unten. Sie konnte sehen, bei der Stockwerkanzeige des Aufzugs, wie er sich schnell nach unten bewegte. Bora musste schluck und ihr Herz schlug ein wenig schneller.

Als der Aufzug unten ankam und sich die Türen öffneten, wusste Bora nicht, wohin sie zuerst gehen sollte. Nicht weil da so viel Auswahl wäre- im Gegenteil, es waren nur wenige Türen zu sehen. Und nun bemerkte sie auch, dass der Aufzug, als er stehen geblieben war, kein Ding-Geräusch gemacht hatte, wie er es sonst tat, wenn er in einem Stockwerk ankam.

Sie stand auf einem Gang, der nur mit einigen Lampen mit schlechten Glühbirnen beleuchtet wurde, sie tauchten alles in gelbliches Licht.

Will Siyeon den Gang wie Pisse aussehen lassen? , schoss es Bora durch den Kopf, versuchte diesen Gedanken aber sofort zu löschen, da es in diesem Moment nicht angebracht war.

Langsam machte sie kleine Schritte durch die dicken und schweren Türen, schaute sich immer wieder wachsam um, als würde aus der Wand plötzlich jemand hervorspringen und sie angreifen.

Der Boden war das genaue Gegenteil von dem Boden im obersten Stockwerk, in welchem Siyeon ihr Büro hatte und dem normalen und langweiligen grauen Steinboden der in allen anderen Stockwerken war. Der Boden war mit einem Teppichboden ausgelegt, der jeden Schritt den sie machte dumpf, fast lautlos klingen ließ.

Am Ende des Ganges konnte Bora eine Treppe ausmachen, auf jeder Seite des Flurs waren drei Türen. Sie ging zu der, der sie am nächsten war und legte ein Ohr flach gegen das feste Holz. Sie konnte nichts hören, was sie aber nicht überraschte. Wahrscheinlich waren die Türen alle schalldicht.

Vorsichtig drückte sie die Klinke hinunter und überraschender Weise war sie nicht verschlossen. Sie lehnte sich gegen die Türe und sie ging einige Millimeter auf. Bora konnte Stimmen hören, konnte aber akustisch nicht verstehen, was sie sagten. Eine der zwei Stimmen wimmerte hin und wieder und schluchzte zwischen den Wörtern, die andere klang bedrohlich, eine Frauenstimme, hin und wieder lachte sie.

Siyeon.

Sie öffnete die Türe soweit, dass sie mit einem Auge hinein sehen konnte und sah einen etwas kleineren Raum. Er war noch weniger beleuchtet als der Gang außerhalb und wirkte nicht gemütlich. Die Wände und der Boden war dreckig und der Raum sah aus, als hätte man ihn seit Jahren nicht mehr gesäubert.

Am Ende des Raumes stand ein Holzstuhl, auf dem ein Mann saß. Er schwitzte und man konnte sehen, wie Schweißperlen auf seiner Stirn die Haare benetzte und sein T-Shirt mit weitem Ausschnitt an seiner Brust kleben ließ. Auf seinen Wangen meinte Bora Tränen zu erkennen. Seine Wangen waren gerötet und er sah mit Angst in seinen kleinen Augen zu Siyeon auf, die mit dem Rücken zur Türe stand, bei der Bora hineinschaute.

Nun konnte Bora sie auch besser verstehen.

„Du hast versucht die erste Regel zu brechen, muss ich mich wiederholen? Du hast vorgehabt der Polizei Auskunft über mich zu geben. Von dieser Firma und der ganzen Mafia.”

Ich bin genau zum perfekten Zeitpunkt hier unten gewesen.

„I-ch… nein, nn-ein, das würde ich nie tun… b-itt-e la-lassen Sie mich g-gehen.” Der Mann zitterte und krallte seine dreckigen Fingernägel in die Stuhllehnen.

Siyeon ging um den Stuhl herum und streichelte seine Schulter mit dem Messer, was Bora erst jetzt sehen konnte „Glaubst du ich weiß nicht, dass du es wieder versuchen würdest? Und jetzt sag mir: Was ist die oberste Regel einer Mafia?”

„D-die Sch-Schweigepf-plicht.”

„Richtig. Und was hast du getan?”

„Wieso fragst du das, wenn du mich sowieso umbringst?!” Diesen Satz schrie er ohne zu Stottern, zu Boras Verwunderung, doch seine Stimme zitterte immer noch.

Siyeon lächelte sadistisch, es war das Lächeln, welches Siyeon Bora selbst einige Male gegeben hatte, nur wirkte es im Moment ausgeprägter und während sie es bei diesem Mann einsetzte um einiges furchterregender. Sie griff fest in seine Haare und riss ihm den Kopf in den Nacken, damit er ihr in die Augen sah.

„Ich will, dass du weißt, warum du sterben musst. Und damit du dich mental darauf vorbereiten kannst, wie du stirbst. Ich will, dass du dir dieser Fehler bewusst bist. Ich habe dich nicht umsonst zwei Tage in diesen Keller gesperrt, mit einer Fernbedienung das Licht aus und angemacht, du bist durchgedreht… manchmal hatte ich das Gefühl, ich hätte dich bis ganz nach oben in mein Büro schreien hören können.”

Der Mann fing stärker an zu zittern, als Siyeon einen kleinen, etwa zwei Handflächen großen Kasten holte, der davor in einem Winkel im Raum war, den Bora nicht sehen konnte. Siyeon kniete sich vor ihn auf den Boden und öffnete die kleine Box.

Bora konnte nicht sehen, was sich darin befand, doch wissen wollte sie es wahrscheinlich nicht.

„Streck deine Hand aus”, befahl Siyeon.

Der Mann löste seine Faust und streckte seine Finger aus. Seine Handgelenke waren an die Stuhllehnen gefesselt, genauso wie seine Knöchel an die Stuhlbeine. Boras Augen waren mindestens so groß wie die des fremden Mannes, als sie sah, wie Siyeon seine Finger packte und selbst dünne Nadeln in der Hand hatte.

Zuerst nahm sie den Daumen zwischen ihr Finger und langsam schob sie ihm eine der langen Nadeln unter den Fingernagel.

Der Mann schrie aus seiner Seele, konnte die Hand aber nicht losreißen, sein Körper war schwach, da er wahrscheinlich in den zwei Tagen, in denen er in diesem Keller gewesen war, nur Wasser bekommen hatte.

Bora war wie versteinert, als sie zusah, wie das Blut seines Daumens auf den Boden tropfte. Die Nadel wurde bis zu dem Ende des Fingernagel geschoben und Siyeon schien sich nicht zu beeilen, um es schmerzvoller für ihn zu machen. Sie nahm sich als nächstes seinen Zeigefinger vor und bohrte erneut eine Nadel unter seinen verdreckten Fingernagel.

Ruhig atmend schloss Bora die Augen. Sie musste nicht sehen, wie Siyeon diesen Mann in dieser Art folterte, seine Schreie waren schon genug.

Erst nach einigen Minuten schien er sich zu beruhigen, das war der Moment, an dem Bora ihr Augen wieder öffnete.

Sie konnte an seinem Gesichtsausdruck sehen, wie die schlimmsten Schmerzen langsam abklangen, die Nadeln waren jedoch nicht von seinen Fingern entfernt worden.

Bora sah zu, wie Siyeon ihm eine schwarze Augenbinde umband und danach mit einer Feder über seinen Hals strich. Der Mann verspannte sich und wimmerte. Am Anfang kitzelte es ein wenig, doch nach einiger Zeit wurde es höllisch.

Er versuchte sich weg von der Feder zu drehen, weg von diesem juckenden Gefühl, dass ihn hysterisch lachen ließ und schmerzvoll wurde. Sein Sehsinn war absolut ausgelöscht, was das Gefühl noch intensiver machte. Sein Lachen gingen in ein grässliches Kreischen über und Tränen durchnässten die Augenbinde.

Als Siyeon endlich stoppte, atmete der Mann schwer und Siyeon zog ihm die Augenbinde vom Kopf. Seine Augen waren gerötet und für Bora wirkte es, als wären seine Wangen noch mehr zusammengefallen.

Siyeon verschwand wieder in den Winkel, den Bora nicht sehen konnte und kam mit dem kurzen Messer zurück, welches sie am Anfang in der Hand gehalten hatte.

Ihre Bewegungen führte sie qualvoll langsam aus, sodass sogar Bora hibbelig wurde, da sie nicht wusste, was passieren würde. Sie legte des Nasser an seinem Schlüsselbein an und schnitt eine ungefährliche Linie in seinen Körper. Der Mann versuchte nicht zu schreien, Siyeon nicht diese Genugtuung zu geben, wenn er leidete, obwohl er schon herumgeschrien hatte.

Lange hielt er es aber nicht aus, da entkam ihm schon ein unterdrückter Schrei.

„Du Monster! Töte mich doch einfach!”

Siyeon lächelte nur und fuhr fort, schnitt tiefere Wunden in seine Arme und seinen Rücken, der Mann schrie und weinte. Blut lief über seinen Körper, vermischt mit Schweiß und Tränen. Aus ihrer Hosentasche holte sie ein kleines Fläschchen heraus, öffnete es und ließ die Flüssigkeit auf seine Wunden Tropfen und seine Schreie wurden lauter. Langsam schlitzte Siyeon seine Unterarme auf, seine Augen waren so weit aufgerissen, dass Bora Angst hatte, sie würden herausrollen.

Der schwarze Stoffstreifen, der Siyeon vor wenigen Minuten als Augenbinde gedient hatte, stopfte sie ihm in seinen Mund, die Geräusche würden abgedämpft und Siyeon zog ein weißes Stofftuch aus ihrer hinteren Hosentasche und wischte sich das Blut damit von den Fingern. 

Währenddessen fing der Mann unter Schmerzen an zu verbluten.

Langsam wird es Zeit von hier zu verschwinden.

So leise wie möglich schloss sie die Türe und rannte zum Ende des Flurs, bei dem wie erwartet eine Treppe nach unten führte. Min schnellen Schritten lief sie nach unten und kam in einem ähnlichen Gang wie ein Stockwerk weiter oben an. Sie sah noch zwei Treppen nach unten. Die eine ging auf der anderen Seite des Flurs nach unten, die andere ging auf der Seite weiter nach unten, wo sie gerade selbst die Treppe hinunter gekommen war.

Sie überlegte. Dann nahm sie die Treppe auf der anderen Seite. Zuerst lief sie steinerne Treppen hinab, dann durch verschiedene Gänge und kurz darauf noch einmal eine Treppe hinunter, bis sie vor einer schweren Metalltür zum Stehen kam.

Mit viel Körpergewicht zog sie sie auf und könnte auf der anderen Seite eine Garage sehen. Ein paar Stufen führten von der Türe noch auf den Boden der Garage. Langsam ging sie sie hinunter. Es standen nur drei Autos herum, obwohl die Garage so groß war. Gegenüber war eine andere Metalltür, das wird die der anderen Treppe gewesen sein.

Sie fing an zu joggen und suchte nach dem Ausgang. Als sie eine Türe sah rannte sie schneller und öffnete sie.

Kalte Nachtluft traf auf ihre erhitzte Haut und sendete Schauer nacheinander über ihren Rücken.

Sie musste so schnell wie möglich nach Hause, der morgige Tag würde anstrengend werden.

 


 

„Woah”, entkam es Bora, als sie in Siyeons Penthouse geführt wurde. Alles wirkte geräumig und groß, als wäre sie in einem K-Drama.

„Hier wohnst du?”, fragte Bora und konnte ihre Begeisterung nicht verstecken. Siyeon nickte.

„Komm mit, ich gebe dir etwas anderes zum Anziehen.”

Bora folgte Siyeon in ein großes Schlafzimmer, verbunden mit einem begehbaren Kleiderschrank. Sie gab Bora ein schwarzes T-shirt, eine Lederjacke, die Siyeon selbst einige Male trug, eine schwarze Jeans und Boots. Sie nahm die Kleidung ohne Widerstand entgegen und Siyeon verließ den Raum, damit sie sich umziehen konnte. Die Kleidungsstücke passten ihr wie angegossen und es fühlte sich gut an, etwas anzuhaben, was sie auch im Alltag trug.

Die Messer, die sie immer an Gürteln trug in sehr dünnen Lederscheiden, welche unter ihrem Kleid an ihrem Oberschenkel befestigt waren, steckte sie sich in ihre Stiefel, sodass man sie kaum sehen konnte, die Jean zog sie ein Stück über den Griff und nun konnte man die Messer nur mit einem sehr genauen Blick sehen. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass sie nicht nach Waffen durchsucht wurde, wenn sie die Veranstaltung betreten wollte.

Als sie fertig war, ging sie hinaus und sah Siyeon an der Wand gelehnt stehen.

„Ich bin fertig.”

Siyeon sah zu ihr und nickte und bedeutete ihr mit einer kleinen Kopfbewegung ihr zu folgen. Sie fuhren mit dem Aufzug nach unten in die Garage und Siyeon öffnete eines ihrer Autos und setzten sich hinein.

Ein Aston Martin db11. Geschmack hat sie auf jeden Fall. Ich sollte mir dieses Auto auch zulegen. Oder ich nehme einfach ihres, sobald sie tot ist, dachte Bora sich, während sie Siyeon dabei zusah, wie sie das Auto startete.

Sie fuhren etwa eine halbe Stunde durch Seoul, in Schweigen, Bora sah aus dem Fenster und betrachtete die vorbeiziehenden Lichter der Straßen und Häuser. Siyeons Blick war auf die Straße gerichtet, manchmal fluchte sie leise wenn jemand zu schnell abbremste oder zu langsam über die Kreuzung fuhr. Sie saß entspannt in ihrem Fahrersitz, einige Male erwischte Bora sie aber, wie sie auf die Uhr oder in den Rückspiegel schaute.

Siyeon parkte das Auto in einer unbeleuchteten Nebenstraße, in der nur wenige Autos standen. Als Bora ausstieg sah sie sich um und folgte Siyeon, die seitdem sie die normalen Stiefel anhatte wieder größer als sie war. Die Absätze ihre roten hohen Schuhe hörte man regelmäßig auf den feuchten Boden klicken. Sie hatte ihre Hände in ihrer Manteltasche versteckt, welcher bei ihrem schnellen Tempo um ihre Beine geweht wurde ähnlich wie ihre Haare und Bora konnte nicht anders, als zu starren, während sie ihr hinterher lief.

Sie gingen einige Minuten die Straße entlang und blieben vor einem großen Gebäude stehen.

Es war ein Museum, welches schon längst geschlossen hatte und die Beleuchtungen ausgeschaltet waren, sodass es auf den ersten Blick nicht wie ein Museum aussah. Siyeon klingelte bei einer schmalen Türe ein wenig abseits der großen Türen, durch die man normalerweise bei einem Museumsbesuch ging. Eine Stimme fing an zu sprechen, gerade so laut, dass Bora sie noch hören konnte.

„Passwort?”

„Throw the dice.” [Übersetzung: Wirf die Würfel.]

Einige Sekunden passierte nichts, dann ertönte ein Summen und Siyeon drückte die Türe auf und nickte Bora zu, als stumme Bedeutung ihr zu folgen.

Als sie drinnen waren, war vor ihnen ein Korridor. Bora bemerkte, dass sie nicht in die Richtung gingen in der das eigentliche Museum war. Siyeon schritt gefolgt von Bora eine schmale Stiege hinauf in den zweiten Stock. Breite Marmorstufen gingen in zwei Richtungen nach oben, als sie aus einer schmalen Türe heraustraten, die unter einer der Stiegen war. Über den Stufen lag ein roter Teppich, die Decke war weit über ihnen.

„Was war das für ein Passwort? Was ist das für ein Prinzip und wie kamst du hinein?” In ihrer Neugier vergaß sie ihre kindliche Rolle einzunehmen und ihre Stimme war in der Tonlage, in der Bora und Siyeon sich das erste Mal bei der Tankstelle getroffen hatten. Erst danach realisierte sie dies, beruhigte sich aber wieder, da Siyeon es anscheinend nicht bemerkt zu haben schien.

Sie gingen nun eine der breiten Stiegen hinauf und hielten vor einer großen hölzernen Doppeltür.

„Jeder, der eingeladen wurde, hat ein Passwort und es ist für niemanden dasselbe. Ich habe das Passwort gesagt, welches ich für meinen eigenen Zutritt gemacht habe. Die Security hat eine Liste der Menschen, die eingeladen wurden und deren eigener Passwörter, damit das Passwort für Unbefugte nirgends durchdringen kann und auch niemand zweimal erscheinen kann. Jeder sagt auch eine bestimmte Uhrzeit, damit es nicht passieren kann, dass jemand hineinkommt der ein Doppelgänger oder ein Agent ist.”

„Diese Veranstaltung muss wichtig sein.”

Siyeon sich zu Bora. „Das ist jede dieser Galas, meistens finden sie zweimal im Jahr statt. Einmal am Ende des Jahres und einmal Mitte des Jahres. Das Prinzip mit dem Passwort ist dasselbe, so ist es schon seit Jahren. Das mit der Uhrzeitangabe, wann man erscheinen würde, ist neu.”

Sie wartete darauf, dass Siyeon die Türe öffnen würde und ihr Atem stockte, als sie endlich zur Türklinke griff. Doch kurz davor hielt sie inne.

„Wenn wir hineingehen, wirst du nur reden wenn du angesprochen wirst, du wirst mir zustimmen und mich anlächeln, wie es Menschen die sich daten tun. Du wirst mir weder widersprechen, noch dich in Gespräche einmischen und schon gar nicht alleine herumgehen, dass könnte nur gefährlich für dich werden. Egal was ich sage. Also um es kurz zu fassen: Du spielst mit.” Siyeon sah sie eindringlich an und sah erst weg, als Bora nickte.

Dann öffnete sie die Türe.

Drinnen waren Tisch aufgestellt, einige tiefe längliche Tische, auf denen Kuchen und verschiedener Alkohol stand, im Raum verteilt standen hohe Tische, um die verschiedene Leute standen. Einige von ihnen konnte Bora als andere Mafiabosse oder deren Leibwächter identifizieren, andere als Business-Leute und sogar Politiker waren unter ihnen.

Siyeon setzte sich ihre Sonnenbrille auf und lächelte Bora zu, während sie nach ihrer Hand griff, die neben sie trat und das Ganze für einige Sekunden betrachtete. Als sie verarbeitet hatte, was für Menschen in diesem riesigen Raum waren, wusste sie, warum das Sicherheitssystem so streng war. Würde auch nur ein winziges Detail schief gehen, würde jeder Anwesende verheerende Folgen erleben.

Wahrscheinlich hat Siyeon sich die Sonnenbrille aufgesetzt, um sich vor der Hässlichkeit dieser Leute zu schützen, schoss es Bora neben den relevanten Gedanken durch den Kopf.

Sie blieben dicht aneinander und gingen durch die Menschen, die laut miteinander redeten und Sekt und Wein tranken. Viele schenkten ihnen kaum Beachtung, die meisten waren zu tief in ihren Gesprächen vertieft, andere stoppten das Gespräch mitten im eigenen Wort und starrten die zwei an. Bora versuchte, den Blick nach unten gericht zu halten, als sie ein paar bekannte Gesichter sah. Sie blieben vor einem der Buffet-Tische stehen.

„Möchtest du nichts essen?”, fragte Bora, als sie sah, wie angespannt Siyeon auf das Essen sah.

„Da könnte alles von irgendwem drinnen sein.”

Bora nickte und sah sich weiter um. Auch wenn es eine sichere Gala war wo nichts an die Öffentlichkeit kam was Identitäten, Pläne und Gespräche anging, so wusste man doch nicht, was ein jemand ins Essen gemischt haben könnte.

Der Boden war aus hellem Holz und die Wände waren weiß mit großen Gemälden an der Wand und sie zogen sich hoch nach oben. An einem Eck des großen Raumes war eine schmale Treppe, ansonsten waren nur die Türe, durch die sie hineingekommen waren und die großen Fenster Fluchtwege, die Fenster waren aber bestimmt keine Wege, die man nach draußen nehmen sollte.

Ein etwas rundlicher Mann kam auf Siyeon zu. Er hatte einen engen und hässlichen Anzug an mit einer dunkelblauen Krawatte. In seiner linken Hand hielt er ein ein Weinglas mit Weißwein. Bora hatte ihn noch nie in ihrem Leben gesehen, also verdeckte sie ihr Gesicht nicht oder sah weg.

Als Siyeon ihn bemerkte, nahm sie die Sonnenbrille ab und wartete, bis er stehen blieb und anfing zu sprechen. Er war offensichtlich keine Person, mit der Siyeon Zeit verbringen oder sprechen wollte, es sah aber auch nicht so aus, als würde sie eher sterben wollen, anstatt mit ihm zu reden.

Er lachte in einer lauten Tonlage und mit weit geöffnetem Mund zur Begrüßung. „Ich bin froh, dass du gekommen bist. Es ist mir eine Ehre, dich bei meiner Gala zu sehen zu bekommen.”

Ist ihm etwas als Kind auf den Kopf gefallen, oder warum redet der so? Zumindest scheint er kein Arschloch zu sein.

„Auch wenn dein Wunsch teuer war, habe ich eingewilligt. Ich wollte doch so eine beeindruckende Frau nicht wegen eines stinkenden Hundes vertreiben.”

Über wen redet er? Ich glaube, er ist doch ein Arschloch, wenn er die Wörter „stinkender Hund” als Beleidigung benutzt.

„Ich bin froh, dass du Hans-Peter mit der schiefen Nase für mich nicht eingeladen hast. Wir haben… im Moment eine etwas unangenehme Verbindung miteinander.” Ihr Blick ruhte einige Sekunden auf Bora, die den Blick aber auf den Boden gerichtet hatte und nur für einen kurzen Moment aufsah, da hatte Siyeon den Kopf aber schon wieder zu dem Mann gedreht.

„Das verstehe ich, ich hatte selbst mit ihm eine kleine Meinungsverschiedenheit. Aber nun werde ich dich mit deinem Date alleine lassen und euch nicht länger belästigen.”

Er drehte sich um und ging. Siyeon schenkte ihm nicht einmal mehr einen Blick und starrte auf die braune Eingangstüre. Bora wagte nicht, nur ein Wort zu sagen, Siyeon war respekt- und auch ein wenig angsteinflößend, wenn sie sich noch professioneller verhielt, als sonst in ihrer Firma sowieso schon und Bora konnte nur darüber glücklich sein, dass Hans-Peter mit der schiefen Nase nicht eingeladen worden war.

Nach fünf Minuten öffnete sich die Türe und herein kam…

Was zur Hölle macht der Mafiaboss aus Singapur hier?

Bora hatte erst einmal mit ihm zu tun gehabt. Mittlerweile waren schon fünf Jahre vergangen seit diesem Vorfall. Seine Mafia hatte Informationen über ihren Onkel gehabt, die sie hatte bekommen müssen. Dafür hatte sie einige Leute seiner Mafia aus dem Weg räumen müssen, er kam aber nie dazu, es ihr heimzuzahlen und da er hier war, konnte Bora nur hoffen, dass er sie nicht erkennen würde.

Er kam mit zwei Bodyguards hinein, die hinter ihm gingen und direkt auf Siyeon zusteuerten und Bora sofort in innere Panik ausbrechen ließ. Als sie bei ihnen ankamen, schenkte der Mafiaboss Bora zuerst kaum Aufmerksamkeit.

„Schön, Sie auf dieser Gala wieder zu treffen, Lee Siyeon.” Er hatte einen starken Akzent, wenn er Koreanisch redete, man konnte den triefenden Sarkasmus in seiner Stimme aber nicht überhören.

„Gleichfalls. Ich habe gehört, Sie konnten vor einigen Monaten einige Stadtviertel nicht unter Kontrolle halten und andere Mafias und Gangs haben sich dort eingenistet?”, fragte Siyeon.

„Wenigstens muss ich mir die Stadt nicht mit anderen Mafias teilen und ich kann sie einfach vertreiben.”

„Ach nicht doch, seien Sie nicht so unfreundlich und treffen mich an meinem wundesten Punkt. Aber das ist nicht der Grund, warum ich mit Ihnen sprechen wollte.” Sie zögerte kurz, dann nahm sie Boras Hand in ihre und zog sie ein wenig zu sich, damit die Aufmerksamkeit auf ihr lag. „Diese wunderschöne Frau neben mir ist meine Verlobte, Sua.”

Stille herrschte und Boras Herz rutschte in ihren Bauch. Beinahe hatte sie Angst, dass man es hörte, obwohl es ein schwachsinniger Gedanke war. Versteinert starrte sie den Mafiaboss an und wagte nicht zu atmen.

„Das sind andere Neuigkeiten, Sie haben meinen Segen. Ich werde mich nun verabschieden, habt einen angenehmen Abend.” Er war blass und schluckte hart und bedeutete seinen Bodyguards ihm zu folgen. Ohne sich zu verabschieden gingen sie aus der braunen Holztüre.

Einige Minuten geschah nichts.

Dann rannte Bora auf die braune Holztüre zu. Sie musste hier raus.

Als sie zu den breiten Treppen gekommen war, hörte sie, wie die Tür hinter ihr aufgestoßen wurde. Fest wurde sie von Siyeon am Arm gepackt und ohne zu zögern ergriff Bora ebenfalls den Arm von ihr und warf sie über die Schulter die Treppe hinab.

Siyeon rollte hinunter und stand ein wenig wankend auf. Ihre Lippe blutete und sie nahm einen tiefen Atemzug, während sie hinauf sah, zum oberen Ende der Treppe, auf dem Bora noch immer stand.

„Seit wann weißt du es?”, fragte Bora.

„Einige Male bist du aus deiner dümmlichen Rolle gefallen. Deine Reflexe sind einzigartig und denkst du, ich hätte deine Messer unter deinen Kleidern nicht bemerkt? Damals, bevor wir in die Stadt gefahren sind, warst du nicht verwundert, mit wem wir fahren. Du hast auch nicht nach ihren Namen gefragt, da du schon wusstest, wer sie waren. Jedes mal, wenn du etwas gesagt hast, habe ich mich gefragt, was davon die Wahrheit ist und was du einfach nur vor dich hin redest. Bei wem hast du das gelernt? Zu Schauspielern, deine Reflexe so stark auszuprägen, deine Kampfkünste?”

„Ich bin bei meinem Onkel aufgewachsen, meine Eltern sind früh gestorben. Er war ein Meister der Kampfkünste. Und er war das einzige Familienmitglied, dass ich je zu Gesicht bekommen habe, außer meiner Eltern, an die kann ich mich aber nicht erinnern. Er wurde umgebracht und ich habe Rache genommen. Mehr konnte ich nicht für ihn tun.” Bora lachte ein schmerzerfülltes Lachen, eines, welches vielleicht echt gewirkt hätte, würde man es nur sehen und ihre Augen wären nicht im Bild, die dieses Lachen nicht erreicht hatten.

Siyeon wollte nicht weiter darauf antworten und wechselte das Thema. „Ich habe dich gestern Abend gesehen. Als du zugesehen hast, wie ich diesen Mann gefoltert habe. Was glaubst du denn, habe ich gestern in einem Büro gesucht?”

Diese Frage ließ sie sofort wieder in die eigentliche Situation gleiten. „Waffen.” Ihre stimme war wieder leise, da sie alles, was Siyeon aufzählte in ihrem Gehirn verarbeiten musste.

„Richtig. Ich habe keine Ahnung, was du alles tun könntest. Du könntest das ganze Gebäude in die Luft jagen. Aber dass du mich umbringen möchtest, war mir von Anfang an klar. Ich hoffe, du hast bei diesem Deal viel Geld versprochen bekommen.”

„Zuerst waren es nur 500.000€, ich habe den Preis aber auf eine Million erhöht.”

Siyeon lachte. „Wenigstens ist mein Leben teuer. Aber es ist nicht so, als würdest du es bekommen.”

Bora wartete nicht länger. Sie zog ihre Messer aus den Boots und rannte die Treppen hinunter und warf sich mit ihrem vollen Körpergewicht gegen Siyeon, die nur ein wenig auswich und so nicht mit einem nicht allzu großen Nachteil am Boden lag.

Siyeon schubste Bora von sich, die mit ihrer linken Hand das Messer in die Richtung ihrer Rippen zischen ließ. Bora rollte sich ab und stützte sich auf einer Hand auf und stand langsam auf. Siyeon stand schon auf den Beinen, hatte aber noch keine Waffe in der Hand.

Der zweite Angriff von Bora wurde abgeblockt und Siyeon verdrehte ihr linkes Handgelenk, was sie einige Sekunden danach noch nicht gescheit bewegen konnte. Mit dem Messer in ihrer rechten Hand zielte sie nach unten und schnitt in Siyeons Bein. Blut floss aus der Wunde und Siyeon zischte vor Schmerz auf.

Der Schnitt schien tief zu sein, denn Siyeon humpelte ein wenig, als sie einen Schritt auf Bora zumachte und genau das nutzte diese schamlos aus. Sie packte Siyeon am Kragen und mit nur wenigen Schritten standen sie dicht an dicht an der Wand gepresst. Siyeons Schulterblätter schmerzten durch Boras festen Griff und der harten Steinwand hinter ihr. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt und Bora drückte Siyeon mit ihrem linken Unterarm gegen die Wand, mit der rechten Hand hielt sie die Klinge ihres Messers an ihren Hals.

Niemand rührte sich. Bora atmete zitternd ein und aus, sie konnte Siyeons Blick kaum standhalten. Ihren Blick hätte man schon fast als erfreut bezeichnen können, als sie ihren Blick abwechselnd zwischen Boras Lippen und ihren Augen hatte. Bora schluckte stark und starrte auf Siyeons Lippen, die verlockend und weich aussahen und sie würde mit ihren Fingern über sie streichen wollen.

In dem Moment, in dem Bora die Kontrolle über ihren Blick und ihr Bewusstsein verlor, bekam sie einen Stoß von Siyeon und kurz darauf einen festen Tritt in ihren Bauch, der sie mehrere Schritte nach hinten taumeln ließ, um das Gleichgewicht zu finden.

Es fühlte sich an, als würde alles in Zeitlupe passieren. Sie erreichte den Treppenansatz und fiel nach hinten, ihr Hinterkopf kam auf einer Stufe an und ihr wurde schwindelig. Sie konnte die Augen kaum offen halten und die Welt schwankte um sie herum. Sie sah, wie Siyeon die Arme erhoben hatte und eine Pistole auf sie richtete.

„Geh.”

Bora wusste, wenn sie nun nicht nachgeben würde, war sie nicht mehr zu retten. Sie würde sich nicht selbst retten können und jemand anderes würde nicht für sie kommen. Also stand sie auf und ging schwankend zu der schmalen Türe, die zum Ausgang führte.

Als sie aus dem Museum draußen war, machte sie eine Pause und stützte sich an der Wand ab. Ihr Kopf tat weh und sie hatte nicht die Energie dazu, nachzudenken. Langsam ging sie in Richtung ihrer Wohnung, bis sie dort war, würde sie mindestens eine Stunde brauchen. In ihrem jetzigen Zustand wahrscheinlich zwei, Geld hatte sie nicht dabei, sie hatte auch nicht angenommen, dass der Abend so enden würde.

Taumelnd ging sie ihre Wege, manchmal kamen ihr Menschen entgegen, die sie verstört anschauten und einen kleinen Bogen um sie machten, als würde sie innerhalb einem Meters giftig sein, was sie immer wieder kichern ließ.

Als sie in die nächste Straße einbog, wurde sie von hinten nach vorne geschubst und sie fiel auf den feuchten Boden. Sie spürte das Brennen, dass nach einigen Sekunden bei Schürfwunden erschien und hoffte jetzt schon, dass kein Dreck in diese Wunden kommen würde.

Sie hatte keine Zeit sich aufzurichten und um sich zu wehren war ihr Körper zu schwach. Sie wurde auf ihren Rücken gedreht und jemand zog sie an ihrem Kragen nach oben, ihr Kopf fiel in ihren Nacken und ihr Hände blieben am Boden liegen. Es brauchte einige Sekunden, bis Bora erkennen konnte, wer sie festhielt.

Sie hatte diesen Typen vor einigen Wochen gesehen, er war einer der Männer von Hans-Peter mit der schiefen Nase, wahrscheinlich ein Spion.

„Warum… warum greift ihr mich an?” Boras Stimme war dünn und schwach und es erforderte viel Anstrengung ihres Kopfes, der nun nur noch mehr wehtat.

„Du hast es nicht beim ersten Mal geschafft Siyeon umzubringen, deshalb erteilen wir dir eine Lektion.”

Glauben die, wenn sie mich noch mehr verletzen, wird die Mission erfüllt werden? Sollte ich in dieser Kälte ohnmächtig liegen, werde ich wegen diesen Opfern verrecken.

Bora sagte nichts und bekam kurz darauf einen festen Faustschlag ins Gesicht. Sie schmeckte Blut in ihrem Mund und hustete. Der Mann ließ sie fallen und stand auf. Ein weiterer Mann kam und trat sie in ihren Bauch. Sie handelte instinktiv, als sie sie ihre Arme nach oben riss um ihren Kopf zu schützen und sich zusammenkrümmte, um ihren Bauch zu schützen.

Einer der beiden umgriff ihre Handgelenke und zog sie auf die Füße, nur um sie kurz darauf wieder auf den Boden zu schubsen, auf dem sie sich die Stirn aufschlug. Langsam kam die Nässe des Bodens und der Luft durch ihre Kleidung und sie fing an zu zittern. Einer von ihnen hatte ein Messer gezogen und benutzte es als Wurfmesser, um sie zu treffen.

Sie rollte sich auf die Seite, aber nicht schnell genug und die Klinge durchschnitt die Jeans und erzeugte eine tiefe Wunde, eine ähnliche, die sie selbst Siyeon verpasst hatte, vor einer ungewissen Zeit, sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon unterwegs war, das einzige was sie wusste war, dass sie im Moment dringend Hilfe brauchte und noch ein gutes Stück von ihrer eigenen Wohnung entfernt war.

Der, der das Messer geworfen hatte, wollte sie noch einmal angreifen, der andere hielt ihn aber zurück. „Das reicht. Gehen wir”, sagte er. Danach gingen sie, ohne noch einmal einen Blick nach hinten zu werfen.

Bora versuchte aufzustehen, ihr Körper war aber viel zu schwach. Sie hatte sich auf ihren Unterarmen abgestützt, ihre Beine fühlten sich an wie Pudding. Ihr Kopf tat noch mehr weh, als zu dem Zeitpunkt, an dem sie aus dem Museum herausgegangen war und er schien zu brummen. Ihre Sicht war verschwommen und wurde manchmal mit Sternen geschmückt oder ganz schwarz. Die Erde schien zu schwanken, ihre Armkraft ließ nach und sie fiel nach hinten auf den Rücken, dann wurde sie von Dunkelheit empfangen.

 


 

Bora erwachte. Sie hustete und bemerkte den trockenen Geschmack in ihrem Mund. Sie lag auf etwas weichem. Vorsichtig tastete sie neben sich und umfasste weichen Stoff, über ihr lag eine Decke, die sie langsam von sich warf als sie sich zitternd aufsetzte. Sie hatte eine schwarze Jogginghose und ein weißes Shirt an, was nicht das war, was sie sich zuletzt angezogen hatte. Auf dem Nachttischchen neben ihr lag ihr Handy und sofort steckte sie es ein.

Ihr Blick war unscharf, sie blinzelte und es dauerte, bis sie wieder klar sehen konnte, das leichte Stechen in ihrem Kopf wurde aber nicht weniger. Sie saß auf einem Doppelbett, die Matratze war weich und der Bettbezug weiß, der Boden aus Holz und die Türe, die aus dem Raum führte ebenfalls. An einer Wand waren große Fenster, aus denen man die Stadt sehen konnte, auf der anderen Seite war ein hoher Kleiderschrank, was anderes war nicht zu finden.

Wie aus dem Nichts kamen die Erinnerungen vom letzten Abend zu ihr und sie fluchte.

Wie bin ich hier gelandet und wo bin ich?

Vorsichtig zog sie die Jogginghose ein wenig von ihren Hüften. Ihre Wunde am Bein war verbunden und tat auch nicht mehr so weh, ein kleiner Blutfleck war auf dem weißen Verband zu sehen, aber sie spürte die Wunde kaum. Doch als sie aufstand konnte sie vor Schmerzen nur humpeln. Kurz bevor sie den Raum verlassen konnte, drehte sie sich noch einmal um und etwas anderes fing ihren Blick auf.

Auf der anderen Seite des Bettes, indem sie geschlafen hatte lag eine rote Rose. Ihre Blütenblätter waren noch nicht verwelkt, sie wirkte frisch. Langsam ging sie auf das Bett zu und nahm die Rose an sich. Die Dornen waren entfernt worden.

Wer hat mich hierher gebracht? Sie nahm sie mit sich und ging wieder zur Tür des Raumes und ging hinaus. Dort waren dieselben großen Fenster wie im Schlafzimmer, die Wohnung war luxuriös eingerichtet, die Küchenplatte war aus schönem Stein und humpelnd suchte sie die Eingangstüre. Sie durchquerte das Wohnzimmer, in dem ein schönes Sofa stand, auf welches Bora sich am liebsten drauflegen würde und eine Serie für die nächsten 24 Stunden anschauen wollte. Es fühlte sich so an, als hätte sie zwei Tage nicht geschlafen, obwohl es bestimmt mehr als 12 Stunden gewesen sein mussten, in denen sie in dieser Wohnung war.

Vor der Eingangstüre standen normale Sneaker und eine Jacke. Aus Erfahrung wusste sie, dass man nichts davon benutzen sollte, da sie nicht wusste, von wem es war oder wo sie überhaupt war. Im Moment hatte sie aber keine Wahl, sobald sie zu Hause war würde sie die Schuhe und die Jacke sofort entfernen gehen.

Sie ging aus der Wohnung und stieg in einen der Fahrstühle. Als sie im Erdgeschoss ankam, konnte sie sofort erkennen, dass sie in einem Hotelzimmer gelandet war, doch ohne noch einen Gedanken daran zu verschwenden ging sie in schnellem Tempo (so schnell man eben mit einer tiefen Wunde am Bein gehen konnte) durch den Eingangsbereich und orientierte sich. Von diesem Hotel war ihre Wohnung nicht weit entfernt, was sie erleichtert aufseufzen ließ.

Die nächsten Tage musste sie sich ausruhen, dann konnte sie weiter überlegen, wie sie Siyeon ermorden konnte.

 


 

Es waren nun einige Tage nach dem Vorfall bei der Veranstaltung und mit den Spionen von Hans-Peter mit der schiefen Nase vergangen, fast war ein Monat schon um, doch noch immer musste sie humpeln und acht geben, dass ihre Wunde am Bein nicht aufging. Die letzten Tage war sie nicht hinausgegangen, sie hatte ich jeden Tag Essen bestellt, lange geschlafen und sich überlegt, wie sie sich nun Siyeon nähern soll.

Bora sah aus dem Fenster. Es regnete. Kleine Tropfen kamen vom Himmel, doch so viele, dass es nicht mehr als Nieselregen angesehen werden konnte.

Ich muss hier raus , dachte sie.

Es war kurz vor Mittag, als sie sich ihre Jacke überwarf und ihre Wohnung verließ. Ihre Mütze zog sie sich tiefer über die Ohren, ihr kam es vor, als wäre es in den paar Tagen, in denen sie zu Hause geblieben war, noch kälter geworden. Erstaunlicherweise waren heute viele Leute spazieren, die meisten mit ihren Hunden, andere gingen in verschiedene Kleidungs- oder Schuhgeschäfte.

Das es bei dieser Kälte nicht einfach schneien kann… es ist Dezember.

Sie bog in eine Seitenstraße ab und öffnete die Türe eines Cafés, welches sie bei Google Maps gefunden hatte. Es war klein und leise, trotzdem war es fast voll und nur noch ein Tisch war frei. Bora ging zur Theke, bei der sie hinter Glas Kuchen und Brote sah, automatisch lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

„Hallo, was darf es sein?”, fragte ein junger Mann, der nicht älter als zwanzig aussah.

Überlegend biss sie sich auf ihre Unterlippe. Im Augenwinkel bemerkte sie, wie sich ein Mann auf den letzten freien Tisch setzte. Ihr Kopf schnellte herum und sie zerstach den Mann. Leider nur mit ihren Blicken.

„Dieser Pisser”, zischte sie durch ihre zusammengebissenen Zähne. Tief atmete sie ein und aus, dieser Mann würde ihren Tag nicht versauen können. Sie bestellte sich ein Apfelkuchen und einen Cappuccino. Sie würde den Kaffee eben im Stehen trinken.

Die Bestellung wurde vor ihr abgestellt und Bora legte das Geld daneben. Sie blieb einfach stehen, ohne sich darum zu kümmern, wie die anderen Menschen bestellen sollten, wenn sie hineinkamen.

„Entschuldigung? Sie können sich zu mir setzen, wenn Sie wollen…”, ertönte eine schüchterne Stimme aus ein paar Meter Entfernung.

Bora drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam und sah eine junge Teenagerin alleine an einem Tisch sitzen, den Laptop vor ihr geöffnet und Kopfhörern in den Ohren, aus einem Ohr hatte sie den Kopfhörer herausgenommen, um besser mit ihr sprechen zu können.

Vielleicht existierten ja doch noch nette Menschen auf diesem Planeten. Sie lächelte und humpelte zu dem Tisch, mit ihrem Teller und der Tasse in der Hand. Dankend setzte sie sich und trank ihren Kaffee.

Die Fremde klappte ihren Laptop zu und packte ihn weg.

Will die mit mir reden?

„Ich bin Gayheon”, lächelte sie und Bora versuchte sie einzuschätzen. Sie sah unschuldig aus, jung und unwissend, doch etwas erwärmte sich in Boras Brust, als sie das Lächeln und die glitzernden Augen sah.

„Ich bin Bora. Was machst du hier? Solltest du nicht in der Schule sein?”, fragte Bora und aß ein Stück ihres Kuchens. Gahyeon zögerte.

„Ich war heute nicht in der Schule. Meine Klassenkameraden mögen mich nicht und nehmen mir mein Essensgeld weg, was ich sowieso kaum habe, weil mir meine Familie kaum etwas gibt.”

„Deine Familie gibt dir wenig Geld für Essen? Wie abnormal von ihnen.”

Gahyeons Augen hatten einen traurigen Schimmer, doch leuchteten auf, als sie Boras Reaktion darauf bekam. „Wir sind nicht blutsverwandt. Die Familie bei der ich gerade bin ist mittlerweile meine zweite Pflegefamilie, die andere hat mich vor zwei Jahren nicht mehr gewollt, nachdem ich von der Schule geflogen bin. Andere Verwandte habe ich nicht und Freunde die mir helfen könnten auch nicht.”

Bora trank ihren Kaffee und sah besorgt über den Tassenrand zu Gahyeon. Sie hatte sich bei der ersten Hälfte der Erzählung schon gefragt, wie man so dumm sein konnte, solch privaten Dinge einer Fremden zu erzählen, verschmiss den Gedanken aber sofort, da Bora im Moment wahrschienlich die einzige Person war, die sich um Gahyeon zu sorgen schien.

Was habe ich gerade gedacht? Dass ich mich um eine Fremde sorge? Bora verdrängte den Gedanken in ihren Hinterkopf, beziehungsweise Gahyeons scheinende Hundeaugen taten diese Arbeit schon.

„Wie alt bist du?”, fragte Bora weiter.

„15. Und du?”

„26.”

Gahyeons Augen vergrößerten sich. „Wirklich? Du siehst gar nicht so alt aus. Ich habe dich Anfang deiner Zwanziger geschätzt.”

Bora kicherte, als sie den fassungslosen Gesichtsausdruck sah. „Wie ist es, bei einer Pflegefamilie aufzuwachsen?” Sofort wollte sie die Frage zurücknehmen und anders formulieren, sie hatte Angst, dass die Frage zu offensiv war, oder vielleicht abfällig klang.

Gahyeon schien nicht zu bemerken, was Bora befürchtete, deshalb schob sie den Gedanken daran beiseite.

„Es ist… komisch. Zumindest am Anfang. Meine Eltern sind gestorben als ich fünf war. Bei einem Autounfall. Ich war nicht so stark betroffen, weil ich hinten saß, soviel ich weiß. Bei meiner ersten Pflegefamilie war es leichter, ich habe mich besser eingewöhnt, weil ich jünger war. Als ich dann aber dreizehn war und ich von der Schule geflogen bin, war das Eingewöhnen bei der zweiten nicht mehr so toll. Und die Schule ist um einiges schlimmer und schwerer, als das, was ich bis zu dem damaligen Zeitpunkt gelernt habe. Meine Klassenkameraden hänseln mich, weil sie wissen, dass ich in einer Pflegefamilie bin, weil mein Lehrer es schön am ersten Tag vor der ganzen Klasse sagen musste. Oft gehe ich deswegen nicht in die Schule, wie heute, was mir dann Probleme zu Hause gibt. Aber lieber streite ich mich mit meinen Pflegeeltern, als dass ich mir das Geld von meinen Klassenkameraden wegnehmen lasse.”

Bora nickte. Sie konnte sich gut vorstellen, wie es Gahyeon ging, ähnliches hatte sie selbst auch erlebt.

„Wie ist es bei dir in der Familie?”

„Ich habe keine.”

Einen kurzen Moment war Gahyeons Redefluss lahmgelegt.

„Warst du auch bei einer Pflegefamilie?”

„Nein, ich habe bei meinem Onkel gelebt.”

Gahyeon nickte. Weiter wollte sie nicht fragen, sie sah Bora an, dass sie für ihr erstes Treffen an eine Grenze gekommen ist, die sie, wenn sie jetzt weiterfragen würde, übertreten würde.

„Was ist bei deinem Bein passiert? Ich habe gesehen, du humpelst”, fragte Gahyeon

Bora seufzte und lächelte, bei ihrer freundlichen Absicht das Thema zu wechseln.

„Nur eine Verletzung am Knie, nichts großes, es tut nur sehr weh”, log sie, sie wollte einer fünfzehnjährigen nicht erzählen, dass sie in der vorigen Woche ein Messer in ihren Oberschenkel bekommen hatte.

Gahyeons Handy klingelte und sie wurde bleich, als sie den Namen am Display sah.

„Wer ruft dich an?”, fragte Bora, als sie die Mimik von Gahyeon sah.

„Meine Pflegemutter”, sagte sie und hob ab. Sie sagte nicht viel und das Handy war so leise, dass Bora nichts verstehen konnte, sie konnte nur hören, dass jemand am Ende der Leitung sehr laut redete, wahrscheinlich weil ihre Pflegemutter gerade den Anruf von der Schule bekommen hatte, dass Gahyeon wieder einmal nicht in der Schule gewesen war.

„Ja… ja ich komme nach Hause… ja, ich bin gleich da.” Sie nahm das Handy vom Ohr und seufzte. „Ich muss leider gehen.”

„Ist bei dir zu Hause alles in Ordnung?”, fragte Bora, Besorgnis schwang in ihrer Stimme mit.

„Ja, ich muss jetzt nur nach Hause, weil ich schon wieder nicht in der Schule war.”

„Wollen wir uns wieder treffen? Ich habe alle Zeit der Welt.”

Gahyeon nickte hastig und ihre Augen nahmen wieder Glanz an und Bora wuschelte ihr grinsend durch die schwarzen Haare. Sie tippte ihre Nummer in Gahyeons Handy ein, während Gahyeon einen Kellner wegen der Rechnung fragte.

„Ich bezahl deinen Kaffee, schau, dass du nicht zu spät nach Hause kommst und noch mehr Ärger bekommst”, sagte Bora.

Gahyeon bedankte sich einige Male, bevor sie ihren Rucksack nahm und aus dem Café rannte.

 


 

Es war schon Samstag der fünften Woche und es machte Bora tief drinnen nervös. Normalerweise konnte sie einen Fall schon nach weniger als einem Monat abgeschlossen haben, doch in diesem Fall brauchte sie mehr Zeit als geplant war. Auch hatte ihr erster Mordversuch (der eigentlich der letzte hätte sein sollen) fehlgeschlagen, was unnatürlich war. Siyeon hatte sogar herausgefunden, wer sie war, bevor sie im Sterben lag.

Sie hatte sich zweimal mit Gahyeon getroffen, um mit ihr Zeit zu verbringen und die Nachmittage mit ihr zu verbringen entspannte sie etwas, was sie im Moment mehr als nur brauchte.

Sie hatte eine dicke Jacke an, in die sie sich lächelnd tiefer hinein kuschelte. Es war schon spät am Abend und es regnete wieder. Bora hatte entschieden, einen Abendspaziergang zu machen, bei dem sie durch verschiedene Stadtteile Seouls ging, über Brücken und hin und wieder in einen kleinen Supermarkt ging, um sich einen Snack oder einen Kaffee zu kaufen, bis sie beim nächsten war.

Sie trank gerade einen gekauften Kaffee, der dafür dass er aus einem Supermarkt war, sehr gut war und der beste, den sie während sie spazieren war getrunken hatte, als ein Schuss ertönte, kurz danach ein hoher Schrei und Bora vor Schreck ihren Kaffee fallen ließ.

Bora rannte los, in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war und bog kurz darauf in eine schmale dreckige Seitengasse. Auf der anderen Seite, bei der man schon eine andere Straße sehen konnte, stand eine Gruppe junger Männer, die im Halbkreis um jemanden standen, Bora konnte nicht erkennen, wer es war. An eine Hauswand gelehnt lag ein älterer Mann. Leise lief Bora auf ihn zu. Er war tot.

Wahrscheinlich war er die Person, die mit dem Schuss, den sie gehört hatte, erschossen wurde. Er war bewaffnet, die Pistole hing ihm schlaff ihn der Hand, auf dem Gesicht des Mannes waren Blutspritzer. Sein weißes Hemd war getränkt mit Blut und seine Beine lagen verdreht am Boden. Bora sah nach, ob die Pistole geladen war, dann nahm sie ihm sie aus der Hand.

„Hey!”, rief sie und richtete die Pistole auf die kleine Schar Männer. Sie drehten sich zu Bora um und nun konnte sie sehen, wen sie bedrohten.

„Gahyeon? Was tust du hier?”

„Unnie…” Gahyeons Gesicht war tränenüberströmt und sie schniefte, sie war ängstlich an die Wand gerückt und wirkte wie ein kleines Schaf, welches von einem Rudel Wölfe in eine Sackgasse getrieben wurde.

„Geht weg von ihr.” Ihre Stimme klang, als hätte man sie für einen Tag in eine Gefriertruhe gesteckt und sie wichen sofort einige Schritte zurück, außer der eine, der die Pistole in der Hand hatte und bis vor ein paar Sekunden noch auf Gahyeon gerichtet gehabt hatte. Jetzt war sie auf Bora gerichtet, ihre war auch auf ihn gerichtet.

„Was ist passiert?”, fragte Bora.

Wegen diesen möchtegern-Gangstern habe ich meinen guten Kaffee fallen gelassen , dachte sie sich wütend.

„Sie hat gesehen, wie wir… wie wir diesen Mann erschossen haben, von dem du die Pistole hast. Deshalb müssen wir sie ausschalten, bevor sie es der Polizei meldet. Und dich offensichtlich auch.”

„Die Polizei wird das so oder so herausfinden, was erwartet ihr?” Bora konnte nicht glauben, dass irgendeine Gang dachte, sie könne die Polizei umgehen.

Der Typ mit der Waffe - wahrscheinlich ihr Anführer - schien zu zögern, zu überlegen, da er insgeheim wusste, dass Bora recht hatte.

Doch er ignorierte diese Tatsache. „Das ändert nichts daran, dass ihr zwei Zeugen seid, ich kann euch nicht gehen lassen.”

Er klingt so, als würde er gerade eine Lehre zum Mafiaboss machen . Falls es die überhaupt gibt.

„Lasst sie wenigstens gehen”, sagte Bora und deutete mit einer kleinen Kopfbewegung auf Gahyeon, die das Geschehen mit weit aufgerissenen Augen beobachtete. Bora wollte nicht, dass ein fünfzehnjähriges Mädchen sehen musste, wie ihre beste Freundin (so wie Gahyeon sie schon einmal betitelt hatte) eine Gang verprügelte oder gar erschoss.

„Nein!”, rief der Typ und bedrohte nun Gahyeon mit der Schusswaffe. Gahyeons Augen wurden nur noch größer und sie sah hilfesuchend zu Bora. „Ich sehe doch, dass ihr euch kennt. Und da sie ein bisschen unfähiger aussieht, werden wir sie zuerst umbringen. Damit sie nicht mit ansehen muss, wie wir ihre Freundin töten.”

Bevor er irgendetwas tun könnte, was jemandem hätte schaden können, schoss Bora. Die Kugel traf seinen Handrücken und zerberste den Knochen seines Mittelfingers und die Muskeln seiner Hand.

Schreiend ließ er die Pistole fallen und zeigte wie wild auf sie, als Andeutung, sie anzugreifen. Einige zogen ein kurzes Messer, die anderen hoben nur ihre Fäuste.

„Lauf!”, rief Bora Gahyeon zu, die aber vor Schock keinen Muskel bewegen konnte und nur verängstigt den Typen anstarren konnte, der sie bedroht hatte. Bora hatte nicht mehr die Zeit, Gahyeon Beachtung zu schenken, da drehte sie sich um und sah bereits, wie zwei von ihnen auf sie zuliefen, beide mit einem Messer in ihrer rechten Hand.

Bora wich aus und stellte dem einen ein Bein, sodass er hinfiel und geschickt kniete sie sich hinunter, drückte ihn mit ihrem Fuß auf seinem Rücken auf den Boden und hielt die Pistole gegen seinen Hinterkopf gedrückt und alle Mitglieder der Gang verharrten in ihrer Bewegung.

„Ihr lasst uns gehen, wir werden nicht zur Polizei gehen und wir vergessen das Ganze hier. Oder es gibt Tote. So einfach ist es”, sagte Bora und konnte den schweren und zitternden Atem spüren von dem Gangmitglied, welches unter ihr am Boden lag.

Sie konnte allein an den Blicken erkennen, wie wichtig allen die anderen Mitglieder waren, wie es bei jeder Gang der Fall sein sollte. Wie gesagt: sollte. Und da es nicht bei jeder so war, wollte Bora noch weniger einen von ihnen umbringen.

„Wer bist du?”, fragte einer von ihnen.

„Nennt mich Sua.”

Die Leute taten für einen Augenblick nichts, außer zu atmen und sie anzustarren. Sie waren bekannt mit diesem Namen. Bora hatte sich auch einen großen Namen gemacht. Bei reichen Geschäftsleuten, bei Mafias und bei Gangs. Sogar bei der Polizei war er (wie auch immer das passiert war) durchgesickert.

Nach einigen Sekunden, in denen alles wie versteinert wirkte, stand Bora auf und entfernte den Fuß von dem Rücken des Typen. 

Bora warf die Pistole einem nahestehenden Dude zu, der sie nur noch knapp mit zitternden Händen fangen konnte. Sie winkte ihnen zum Abschied zu und legte den Arm um Gahyeons Schulter, die immer noch erstarrt dastand.

Sie gingen zu Boras Wohnung, in der sie Gahyeon auf ihr Sofa verfrachtete, sie in eine weiche Kuscheldecke wickelte und ihr einen heißen Kakao machte. Dann setzte sie sich mit einer Tasse Tee zu ihr und erzählte ihr alles. Die ganze Geschichte, wie sie eine Auftragsmörderin geworden war und die ganze Geschichte mit Siyeon.

„Du… bist eine echte Assassinin?”, fragte Gahyeon, eine kleine Spur von Begeisterung schwang in ihrer Stimme mit.

„Ja. Aber warum warst du draußen in der Stadt? Es ist schon fast ein Uhr in der Nacht.”

„Ich konnte nicht schlafen und musste an die frische Luft. Und dann war ich zur falschen Zeit am falschen Ort.” Ihr letzter Satz verwandelte sich in ein Flüstern und Bora zog sie in eine warme Umarmung, in der Gahyeon nach einigen Minuten einschlief.

 


 

„Wie viel wollen die bestellen…”, murrte Bora hungrig und sah gelangweilt in die Luft. Sie stand hier seit zehn Minuten und war noch keinen Schritt weitergekommen. Nachgeben und weggehen wollte sie jedoch auch nicht, sie hatte zu große Lust auf Sushi im Moment. Sie wartete weitere fünf Minuten, bis sie endlich an der Reihe war und zu diesem Zeitpunkt war ihre Laune schon so tief gesunken, dass sie den Koch nur noch angewidert anschaute, während sie bestellte und er jedesmal mit verunsicherter Stimme antwortete oder eine Frage stellte.

Nachdem sie die Bestellung zum Mitnehmen bekommen hatte, setzte sie sich in ihr Auto und aß, was sie gekauft hatte. Schlagartig besserte sich ihre Laune und als sie fertig gegessen hatte, fuhr sie los.

Sie saß in ihrem kleinen Auto vor Gahyeons Schule, hatte eine Sonnenbrille auf ihrer Nase und sah durch die Windschutzscheibe, um Gahyeon irgendwo erspähen zu können. Nach einiger Zeit fing sie an, mit dem Heel ihres Schuhs auf den Autoboden zu klopfen, so ungeduldig war sie, das Geräusch machte sie aber noch ruheloser. 

Sie hatte hier etwa vor einer halben Stunde geparkt und Leute beobachtet, die spazieren oder einkaufen gingen. 

Schnell holte sie Gahyeons Stundenplan aus dem Handschuhfach, den sie, als sie sich in das Schulsystem eingehackt hatte, bekommen und ausgedruckt hatte. Sie schaute auf die Uhrzeit, bei der Gahyeon jeden Dienstag Schule aus hatte und sah dann auf ihr Handy. Gahyeon hatte laut diesem Plan seit fünf Minuten keinen Unterricht mehr, vielleicht hatte ihr Lehrer oder ihre Lehrerin auch nur überzogen.

Als von Gahyeon nach weiteren fünf Minuten nicht kam, waren in der Zwischenzeit Schüler aus dem Gebäude rausgekommen, die wahrscheinlich aus ihrer Klasse waren. Die Ungeduld schien Bora schon zu überfahren, dann stieg sie aus dem Auto. Zu hohen Schuhen und Sonnenbrille trug sie eine schwarze high-waist-Anzughose und ein Crop-Top, darüber noch eine einfache Jacke, die zu ihrer Hose passte.

Genau in den Sekunden, die sie brauchte um auszusteigen, kam Gahyeon heraus. Sie sah Bora nicht, aber Bora sah sie und lächelte. Sie ging zwei Schritte auf die Schule zu, ihr Lächeln versagte aber und sie blieb, als sie sah, wie vier Mädchen Gahyeon umringten. Die vier gestikulierten stark mit den Händen und griffen Gahyeon in ihre Haare und zogen daran. Sie schienen zu schreien, Bora konnte aber über diese Entfernung nichts verstehen. Bevor sie länger überlegte, ging sie wieder weiter, in einem schnellen Tempo und mit aufrechter Haltung.

Sobald sie das Schulgelände betrat hörten wie auf Knopfdruck alle auf zu reden, dann begann Getuschel von überall und Jugendliche starrten sie an, Bora schenkte ihnen aber keine Beachtung. Gahyeon stand mit dem Rücken zu ihr, doch die vier Mädchen konnten sie sehen und hörten ebenfalls auf zu reden, dann drehte sich Gahyeon um und ihr Mund stand offen.

Bora fuhr sich dramatisch durch die Haare und schenkte Gahyeon ein leichtes Lächeln, dann kam sie bei den fünf an und stellte sich beschützerisch hinter Gahyeon, der Schulhof war wieder leise, alle waren neugierig, was als nächstes passieren würde, noch nie hatte sich Gahyeon mit jemandem nach dem Unterricht vor der Schule getroffen.

„Ihr habt etwas mit Gahyeon zu besprechen?”

Die vier schienen noch immer geschockt von ihrem Auftreten zu sein und konnten nur irgendetwas stammeln, dann meldete sich eine von ihnen.

„Sie hat uns Geld gestohlen und wir wollen es zurück.”

„Das stimmt nicht!...” Bora unterbrach Gahyeon, indem sie beruhigend eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Wer bist du überhaupt?!”

Bora ging einige Schritte auf sie zu und rümpfte die Nase, als würden die Mädchen stinken und sie wichen ein bisschen zurück. „Ich bin ihre beste Freundin. Und wenn ich mich nicht verschaut habe, habt ihr ihre Haare gezogen und sie mit euren kindischen Handtaschen geschlagen. Warum?”

Sie hatte die Arme verschränkt und war mit ihren High Heels einige Zentimeter größer, auch wenn sie ohne ihnen kleiner war, machte sie einen gewissen Eindruck, als sie auf die vier Mädchen hinab sah. Man sah ihr Zögern in den Augen, es schien sie aber nicht vollkommen abzuschrecken. 

„Sie ist eine eklige Waise und ein leichtes Opfer, weil nicht einmal die Lehrer sie verteidigen!”, sagte jetzt eine andere der vier und verriet somit sofort ihre Komplizin.

„Wer gibt dir das Recht dazu, sie zu bestehlen und zu beleidigen, nur, weil sie eine Waise ist?” Sie beugte sich ein wenig nach unten und redete in einem leisen Ton weiter, dass nicht der ganze Schulhof sie hören konnte, dessen Leute, die sich in diesem befanden, seitdem sie angefangen hatten zu reden keinen Millimeter bewegt hatten. „Vielleicht… bist du ja auch bald eine Waise, wenn du so weiter redest.” Natürlich war es nicht die Wahrheit. Bora hatte immer noch den Anstand, nicht die Familie einer fünfzehnjährigen auszulöschen, auch wenn diese eine ätzende und pubertierende Teenagerin war.

Mit erhobenen Fäusten ging sie auf Bora los. „Du Schla-”, schrie sie währenddessen, konnte das Schimpfwort aber nicht zu Ende sagen, da Bora einen Schritt zur Seite machte und sie von hinten mit nur wenig Kraft schubste und das Mädchen auf ihr Gesicht fiel, da sie nicht schnell genug reagierte, um sich abzufangen.

Sie bekam eine Schürfwunde auf ihrer Stirn und auf ihrer Wange, aus der nach einigen Sekunden Blut kam. Als das Mädchen noch das Blut an ihren Fingern sah, als sie sich in dieses griff und auch die ungefährlichen Wunden an ihren Handflächen, die brannten, fing sie an zu schreien und zu weinen. Ihre drei Freundinnen halfen ihr auf und fingen ebenfalls an zu kreischen, dann gingen sie auf Bora los.

Sie gab Gahyeon einen sanften Stoß nach hinten, sodass sie nicht getroffen wurde von einem der Mädchen, für Bora waren die drei keine Gegner, die ernst zu nehmend waren. Die eine musste sie nur einen ruppigen Schubser geben, damit sie hinfiel, einer anderen verdrehte sie den Arm und der dritten trat sie in den Bauch.

Als alle am Boden lagen, wagte niemand von ihnen mehr etwas zu sagen, sie gar zu beschimpfen oder aufzustehen. Sie blieben einfach verschreckt liegen, ohne sich noch einmal zu äußern.

„Komm, Gahyeon, wir gehen.” Bora hatte den Arm um Gahyeons Schulter gelegt und gemeinsam verließen sie den Schulhof, mit den Blicken der anderen in ihren Rücken.

 


 

Zwei Tage waren vergangen, seitdem Bora Gahyeon von der Schule abgeholt hatte und sie musste bei dem Gedanken, wie Gahyeon sich danach gefreut hatte lächeln. Sie waren danach in ein Restaurant gefahren und hatten über alles mögliche geredet. Über die weiteren Pläne, wie Bora sich Siyeon stellen würde gab sie nichts Preis und war die Fragen umgangen. Sie wollte nicht, dass Gahyeon sich unnötig Sorgen machte.

Viel Zeit über das letzte Treffen mit Gahyeon nachzudenken hatte sie aber nicht, denn im Moment saß sie mit einem breiten Gürtel, indem sich zwei Messer, eine Pistole und Magazin befand (die Waffenausrüstung, die sie meistens wählte) auf der Treppe eines Notausgangs der Garage von Siyeons Unternehmen.

Genau gegenüber von dem Ausgang in die Garage war der zweite Notausgang, aus dem Siyeon kommen würde. Wenn sie Pech hatte, würde sie hinter ihr sein, an diese Wahrscheinlichkeit wollte sie aber nicht denken. Sie würde Bora sofort sehen, doch das wäre egal, früher oder später musste Siyeon sie bemerken, spätestens bei dem Moment, an dem Siyeon entweder eine Kugel, oder ein Messer im Körper hatte.

Ihr Herzschlag wurde immer kräftiger vor Aufregung, wie jedes Mal, wenn ein Kampf bevorstand.

Bora musste nicht lange warten. Dann hörte sie durch die Metalltüre gegenüber das regelmäßige Klackern der High Heels, die Siyeon immer trug.

Als Siyeon die schwere Türe geöffnet hatte und die drei Stufen in die Garage gegangen war, blieb sie stehen und sah Bora in die Augen. Ihr intensiver Augenkontakt machte es beiden schwer, einen regelmäßigen Herzschlag beizubehalten, oder einen Muskel zu bewegen. Siyeon war die erste, die etwas tat.

„Lange nicht gesehen, Sua .” Sie betonte diesen Namen mit Absicht, warum, wusste Bora nicht und nach einigen Sekunden des Schweigens stand sie auf und zog ihre Schusswaffe.

Siyeon sah weder geschockt, noch überrascht aus und klang auch nicht so, als sie anfing zu sprechen. „Du willst mich nicht erschießen, dass wissen wir beide.”

„Du weißt, wie viel Geld ich mit deiner Leiche bekommen kann.”

„Ja.” Siyeon kam zwei Schritte näher.

„Dann wirst du auch wissen, dass ich schießen werde.”

„Zwing mich nicht, dir wehzutun. Ich will meine Hände nicht schmutzig machen.”

„Mit meinem Blut würdest du dir die Hände schmutzig machen? Es ist nicht so, als würdest du Drogen herstellen und verkaufen, Waffen herstellen lässt und du diejenige bist, die mit diesen Waffen Menschen tötet, um auszuprobieren, ob sie gut genug funktionieren”, sagte Bora in sarkastischem Tonfall.

Siyeon lachte und ging noch einige Schritte auf Bora zu, die es aber nicht direkt zu bemerken schien.

„Ich meinte damit nicht das Sprichwort. Ich meinte damit, dass ich dein Blut nicht auf meinen Händen haben möchte. Das ist das Letzte, was ich will.”

„Dann redest du aber ganz schön abwertend von meinem Blut, wenn du es als Schmutz bezeichnest.”

Siyeon sagte nichts, sie stand reglos zwei Meter vor Bora, in der Mitte des breiten Ganges für Autos der Garage, dann ließ sie den Mantel elegant von ihren Schultern fallen und stand nur noch in einem langen und engen, schwarzen Shirt da, was sie sich in ihre schwarze Skinny Jeans gesteckt hatte, mit einem schwarzen Gürtel mit silberner Schnalle und einer Pistole.

Für einige Sekunden schwiegen sie sich nur an. Boras Herz klopfte wild in ihrer Brust. Siyeon schien ruhig zu sein - zumindest nach außen hin.

„Schieß”, befahl Siyeon.

Bora wollte schießen, doch etwas blockierte sie. Etwas, was sie noch nie in ihrem ganzen Leben erlebt und gespürt hatte, es fühlte sich ähnlich an, wie vor Jahren, bevor sie das erste Mal jemanden erschossen hatte. Etwas war jedoch anders, sie konnte aber nicht sagen, was.

„Ich kann nicht”, flüsterte Bora, trotzdem konnte Siyeon sie gut hören, da es in der Garage ein wenig hallte.

„Ich weiß.” Dann griff Siyeon an.

Es passierte so schnell, dass Boras Gehirn für eine Millisekunde nicht denken konnte, dann war ihre Pistole schon aus ihrer Hand und sie selbst lag am Boden. Die Schmerzen ausblendend stand sie sofort wieder auf, drehte sich zu Siyeon um und zog ihre beiden Messer.

Siyeon stand immer noch und hatte keine Waffe in der Hand.

„Ich weiß, dass du das Zeug dazu hast, mich einfach umzubringen, Siyeon.”

„Denkst du, dass ich könnte?”

„Ja.”

Stille kehrte ein und Bora spannte sich an, für einen Angriff. Nach einigen Sekunden griff sie an. Sie sprang mit einem großen Satz auf Siyeon zu und zielte direkt mit dem Messer in ihrer rechten Hand in die Gegend in der Mitte des Oberkörper, unter dem Zwerchfell. Siyeon konnte gerade noch ausweichen, das Messer striff jedoch ihren Oberarm und hinterließ eine blutende schmale Wunde, aus der sofort Blut quoll.

Sie presste ihre Handfläche gegen die Wunde, um die Blutung ein wenig zu stoppen, was aber nur zum Teil funktionierte. Siyeon nahm ihre Pistole heraus und zielte auf Bora.

Dies war kein fairer Kampf. Am Anfang war Siyeon für kurze Zeit unbewaffnet (sie hatte zwar eine Waffe im Gürtel, jedoch keine in ihren Händen) und nun stand Bora mit Nahkampfwaffen vor Siyeon, die eine Schusswaffe auf sie gerichtet hielt.

Vorsichtig machte Bora ein paar Schritte zur Seite, um langsam Kreise um Siyeon zu drehen. Nachdem sie eine Runde gegangen ist, sprang sie erneut auf Siyeon zu. Sie blockte ab und versuchte Bora ihren Ellbogen in den Rücken zu jagen, Bora machte aber schnell einen großen Schritt auf die Seite, der Ellbogen ging ins Leere. Bora ließ ihnen beiden keine Zeit, einmal Luft zu holen, da griff sie wieder an.

Mit beiden Messern ging sie gleichzeitig auf Siyeon los, sie ließ sich auf den Boden fallen und schnappte sich auf dem Weg nach unten Boras Beine, um sie mitzuziehen. Siyeon ließ ihre Pistole weg von ihnen über den Boden schlittern, dann schnappte sie sich Boras Handgelenke und drückte sie gegen den harten Boden.

Bora starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Siyeon hinauf, die mit einem kleinen Grinsen in Boras Augen sah. Siyeon beugte ihren Oberkörper näher zu Boras, ihr Blick schweifte von ihren Augen zu ihren Lippen und blieben dort hängen, bis ihre Gesichter nicht mehr als drei Zentimeter voneinander getrennt waren.

Boras Atem ging schwer und unregelmäßig und ihr Herz half ihr auch nicht ihren Atem zu regenerieren. Im Gegenteil: Er machte es nur schwerer.

„Du weißt nicht, was du mit mir anstellst”, flüsterte Siyeon gegen Boras Lippen. Dann küsste Siyeon sie.

Ihre weiche Lippen machten Bora regelrecht verrückt und gierig erwiederte sie den Kuss. Der Kuss fühlte sich an, als würde sie sich an etwas festhalten, das letzte, was sie zu fassen bekam, bevor sie die Schlucht hinunterfiel.

Siyeon ließ Boras Handgelenke los, um ihre Hände an ihr Kiefer zu legen und Bora ließ die Messer los, die klirrend auf dem Betonboden aufkamen, griff in Siyeons wirre Haare und rollte sie beide herum, dass Bora auf Siyeons Hüfte saß.

Boras Zunge suchte sich den Weg zu Siyeons wie von selbst und sie zog an Siyeons Haaren, was ihr ein Keuchen entlockte.

Als sie sich lösten atmeten sie schwer und Bora konnte Speichel auf Siyeons Lippen sehen, der zur Hälfte vermutlich ihr eigener war.

Dann fing ihr Kopf wieder an zu arbeiten und sie warf sich auf die Seite zu Siyeons Pistole, nahm sie in beide Hände, zielte auf Siyeon und drückte ab.

Es passierte nichts.

Kein Schussgeräusch, was in der Garage noch lauter als sonst wäre, Bora spürte keinen Ruck, der durch ihren Körper ging, sobald sie abgefeuert hatte und Siyeon wurde nicht getroffen, wie es hätte sein sollen.

Siyeon lächelte. „Das ist nicht eine Pistole wie deine. Das ist meine. Eine, die eine ganz andere Funktion hat.”

Bora wusste nicht, was sie meinte, bis sie das Scheppern hörte, was ankündigte, dass das Garagentor sich öffnete und drehte sich in diese Richtung.

Sie hörte den Motor des Autos, das mit einer viel zu hohen Geschwindigkeit durch die Garage brauste. Es bremste stark vor ihnen ab, sodass die Reifen einige Zentimeter über den Boden schlitterten und quietschten. Am Steuer konnte Bora Handong ausmachen, aus dem Auto sprangen jedoch nur Dami und Yoohyeon.

Yoohyoen half Siyeon auf, während Dami sofort auf Bora zuging, die fassungslos dastand und zu spät reagierte, als Dami ihr schon den Knauf des Messers, welches sie von Anfang an in der Hand gehalten hatte gegen die Schläfe geschlagen hatte.

Keine fünf Sekunden später wurde Bora ohnmächtig.

 


 

Als Bora aufwachte, erkannte sie sofort wieder das Hotelzimmer, in dem sie das letzte Mal war. Und erneut lag auf der anderen Seite des Doppelbettes eine rote Rose.

Sie stand auf und blinzelte um das leichte Schwindelgefühl, welches sich sofort in ihrem Kopf ausbreitete, sobald sie sich aufrichtete, auszublenden und loszuwerden.

Sie hatte eine Jogginghose und einen übergroßen Pullover an, ähnlich wie das letzte Mal, als sie hier gewesen war. Sie erinnerte sich an den Kampf mit Siyeon, an den intensiven Kuss und als Handong, Yoohyeon und Dami gekommen waren und Dami sie ohnmächtig geschlagen hatte.

Sie sah sich um, ob jemand im Hotelzimmer war, doch niemand war zu finden. Bis sie zum Badezimmer kam. Die Türe war angelehnt und ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass jemand drinnen war. Sofort stellte sich ihr Körper auf eine Gefahrensituation ein und spannte sich kampfbereit an.

„Komm rein.”

Bora zuckte zusammen, entspannte sich aber ein bisschen, öffnete aber die Türe und trat ein.

Es war Siyeon. Klar ist es Siyeon, wer hätte es sonst sein sollen?

Sie hatte sich ein Schaumbad eingelassen und Bora konnte nur ihren Hinterkopf und ihre nackten Schultern sehen. Langsam trat sie näher und kniete sich hinter sie auf den Boden.

Auf Siyeons Oberarm konnte Bora den Schnitt sehen, den sie ihr gegeben hatte und vorsichtig berührte sie die sich bildende Kruste. Ihre Fingerspitzen wanderten von der Wunde hinauf zu ihrem Nacken, zu ihrem Tattoo und Bora konnte die Gänsehaut spüren, die sich auf Siyeons Haut ausbreitete.

Bora hob nun auch die andere Hand und streichelte sanft Siyeons Schultern. Die reine weiche Haut fühlte sich unglaublich an, durch ihre Fingerspitzen ging ein kribbelndes Gefühl, eines, welches sich in ihrem Körper ausbreitete und ihr Herz schneller schlagen ließ. Sie fuhr durch Siyeons weiß-blonde Haare und erzitterte selbst leicht, als sie mit ihren Daumen Siyeons Kiefer nachfuhr, über ihren Hals und ihre dünnen Schlüsselbeine.

Sie lehnte ihren Kopf in Siyeons Nacken und seufzte.

Bora hatte Verlangen nach ihr .

Nach Siyeon.

„Ich gehe”, flüsterte Bora ihr ins Ohr. 

Siyeon sagte nichts dagegen, sie schwieg nur und starrte weiter gerade aus.

Bora wartete nicht weiter auf eine Antwort, sondern stand auf und ging zur Türe, bei der sie zum Glück ihre Schuhe stehen sehen konnte. Sie zog sie an und verließ das Hotel.

 


 

Es klingelte. Es war früh am Morgen und Bora hatte sich gerade Alltagskleidung angezogen, als sie mit ihrer Zahnbürste im Mund zur Tür ging. Ein ungutes Gefühl fing an in ihrem Magen zu zwicken und sie verharrte vor ihrer Wohnungstür. Jemand klopfte, durch die Türe hinein ins Stiegenhaus war wer auch immer auf der anderen Seite der Türe stand schon gekommen.

Adrenalin schoss wie auf Knopfdruck durch ihren Körper und ihr Herzschlag verschnellerte sich, er war das einzige, was Bora in diesem Moment hören konnte. Langsam öffnete sie ein kleines Regal, was direkt hinter den Kleiderhaken an der Wand befestigt war und immer von Jacken und Westen versteckt gehalten wurde und nahm sich ein schweres und ausbalanciertes Wurfmesser heraus.

Sie hielt fest umschlossen in der rechten Hand und schluckte, bevor sie sich der hölzernen Türe näherte, um durch den Türspion zu schauen. Es war zu ruhig. Durch den Türspion konnte sie niemanden sehen, vor ihr lag nur der verlassene Flur. Das ungemütliche Gefühl in ihrem Magen verbreitete sich und wurde schlimmer, aber bevor sie darüber nachdenken konnte, ertönte ein Knall und die Türe flog nach Innen auf.

Die Wucht schleuderte Bora nach hinten und ihr Rücken sowie ihr Hinterkopf trafen auf den harten Holzboden und sie verdrehte sich ihren linken Knöchel. Mit ihrer linken Hand riss sie sich die Zahnbürste aus dem Mund und die Zahnpasta rannen ihr aus dem Mund, nachdem sie sich verschluckte und heftig hustete. Schnell rappelte sie sich auf und stellte sich in kampfbereite Position.

Drei Gestalten traten ein, alle waren in schwarze förmliche Anzüge gesteckt und die zwei Männer, die auf der jeweiligen Seite des dritten Typs in der Mitte standen trugen hässliche Sonnenbrillen.

Der Mann in der Mitte war klein und dünn, hatte leere Augen und ein eingefallenes Gesicht, was Schatten hervorbrachte. Der Hals war so dünn, dass man Angst haben könnte, dass der Kopf gleich abbrechen würde. Auf den ersten Blick sah er sehr alt aus, doch Bora realisierte, dass er so alt nicht sein konnte. Obwohl sich schon Ernstfalten um seine kleinen fiebrigen Augen bildeten, konnte er in der Art, wie er sich bewegte nicht älter als 35 sein.

„Wer seid ihr und was wollt ihr?”, fragte Bora, während sie langsam ein paar Schritte nach hinten ging.

„Ich bin der Sohn von Mr. Ackerbauer, den du ermordet hast.”

Bora legte verwirrt den Kopf schief und dachte nach, wen er meinen könnte. Dann machte es plötzlich klick in ihrem Kopf und richtete wieder ihren Kopf gerade.

„Weil er meinen Onkel getötet hat”, entgegnete sie in hartem Tonfall.

„Dein Onkel war aber nicht so wichtig wie mein Vater!”, schrie er.

Bora sagte nichts und würde sich am liebsten mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen, mit so viel Dummheit war sie gerade konfrontiert. Sie wollte sich nicht mit Menschen streiten, die sich wie Kinder benahmen.

Plötzlich schrie er gereizt und befahl seinen Bodyguards mit einer schnellen Handbewegung, sie anzugreifen. Ohne zu zögern griffen sie zu ihrem Gürtel und nahmen ihre Pistolen heraus und zielten auf sie und schossen.

Bora warf sich auf den Boden und sie hörte, wie verschiedene Objekte auf den Boden fielen oder brachen. Sie lief tief in den Knien ins Wohnzimmer, welches verbunden mit ihrer Küche war.

Kampfbereit drehte sie sich um, um ihren Angreifern in die Gesichter zu sehen. Die zwei Bodyguards waren ihr mit erhobenen Armen gefolgt und zielten auf sie. Und schossen erneut. Geschickt warf sie sich auf die Seite und warf gleichzeitig mit dem schweren Wurfmesser, sie landete hinter dem Küchentisch und richtete sich sofort auf. Sie hatte getroffen.

Das Messer bohrte sich in die Brust des rechten Bodyguards und sein Schrei konnte gar nicht mehr aus ihm heraus, da kippte er schon um. Blut tränkte seinen Anzug und den Boden. Bora nutzte den Moment, wo der kleine Mann und der andere Bodyguard abgelenkt waren, sprang über den Tisch und griff den anderen an.

Sie kickte ihm die Pistole aus der Hand, die abgesunken war und nicht mehr stark festgehalten wurde und stach mit ihrer noch ungewaschenen Zahnbürste in seine Augen. Er schüttelte mit seinem Kopf herum und versuchte mit seinen Fingern die Zahnpasta aus seinem Gesicht zu wischen.

Fest trat sie ihm in seine Kniekehlen und er sank auf seine Knie. Mit einem Ruck öffnete sie eine Schublade direkt vor seiner Stirn und das spitze Eck traf seine Schläfe. Er sank nur noch mehr in sich zusammen und atmete schwer, unfähig war er aber noch nicht.

Sie nahm den herumstehenden Teller, den sie zum Frühstücken genutzt hatte und nicht weggeräumt hatte und ließ die Unterseite auf seinen Kopf schlagen, der Teller zerbrach in mehrere Teile und der Mann brach ohnmächtig auf dem Boden zusammen.

Bora drehte sich zur einzigen Person, die in diesem Raum abgesehen von ihr selbst noch bei ihr war. Seine Augen waren mit Angst gefüllt und er zog ein langes Messer aus der Lederscheide, die ihm am Gürtel hing.

Mit zitternden Händen kam er auf sie zu. Und ohne zu zögern öffnete sie den Kühlschrank und trat ihm die Kühlschranktür gewaltvoll in sein hageres Gesicht.

Der kleine Mann stolperte nach Hinten und fiel auf den Boden. Er fing sich mit seinen Händen auf, stand schnell wieder auf und ging auf sie los.

Bora wich aus, schnappte sich sein Handgelenk und drehte seinen Arm auf den Rücken, sodass er das Messer auf den Boden fallen ließ. Wie beim zweiten Bodyguard den sie ausgeschaltet hatte, öffnete sie fest und schnell eine Schublade, die hart gegen seinen Hüftknochen prallte. Schmerzerfüllt zischte er auf.

Mit der linken Hand hielt sie seinen Arm immer noch verdreht fest umklammert, dann trat sie gegen seinen Rücken, sodass er nach vorne fiel.

Währenddessen nahm sie sich eine Pfanne aus der Schublade, die sie eben geöffnet hatte und ließ diese mit ihrer rechten Hand gegen seinen Kopf sausen, während er nach vorne fiel. Reglos blieb er auf seinem Gesicht liegen.

Sie atmete erleichtert aus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nun war sie verschwitzt und konnte wegen diesen drei Arschlöchern duschen gehen, obwohl sie genau das heute auslassen wollte, auch musste sie sich neue Kleidung anziehen, da sie Blut auf ihren Socken und ihrer Hose hatte und Zahnpasta war auf ihr T-Shirt gekleckert. Wenn höchstens zwei von ihnen später aufwachen würden, würden sie nicht noch einmal versuchen, sich mit ihr anzulegen.

 


 

Bora ging durch die Stadt, ohne einen Plan zu haben, wohin sie überhaupt gehen wollte. Zur Mittagszeit ging sie in ein Restaurant. Sie sah sich nach einem freien Tisch um, sah aber sofort ein bekanntes und drehte sich wieder zum Gehen um.

„Hae Soo! Setz dich doch zu mir.”

Langsam drehte sie sich um und sah Siyeon, wie sie ihr zulächelte. Gequält erwiderte sie dieses und ging einige Schritte zu ihr, nachdem sie sie noch einmal energischer zu sich winkte und setzte sich ihr gegenüber.

„Was ist dein echter Name?”, fragte Siyeon sofort, sobald Bora sich gemütlich hingesetzt hatte.

„Warum denkst du, dass Hae Soo nicht mein echter ist? Weißt du doch nicht so viel über mich?”

„Ich bin nicht dumm. Keine Auftragsmörderin würde jemals bei einer Mission ihren echten Namen dem Opfer verraten. Ich wusste genug, um zu wissen, was du vorhast.”

„Warum denkst du dann, ich würde ihn dir jetzt verraten? Meine Mission ist schließlich noch nicht vorbei.”

Siyeon schwieg. Ein Kellner kam und nahm ihre Bestellung auf, er sah einen Moment zwischen Bora und Siyeon hin und her, da die Spannung nicht unbemerkt blieb.

Boras Herz schlug schnell in ihrer Brust und sah Siyeon weiterhin an, in ihren Augen lag eine Zuneigung zu ihr, die sie ein wenig runterkommen ließ und langsam schlug ihr Herz wieder im normalen Tempo. „Mein echter Name ist Kim Bora. Zufrieden?”

Siyeon nickte.

„Hast du keine Angst, ich würde dich umbringen?”, fragte Bora.

„Ich glaube nicht, dass du mich an einem öffentlichen Platz umbringen würdest. Vor allem nicht an einem Tisch in einem großen Restaurant.”

„Und wenn ich es dennoch versuchen würde?”

„Dann schrei ich.”

Bora lachte. Es war ein Lachen, welches ihr jede Gedanken an die Ermordung Siyeons vergessen ließ.

Siyeon lächelte sie sanft an und sofort machte Boras Herz einen Sprung und ihr Herzschlag war so schnell, wie am Anfang, als Siyeon ihr das erste Mal in diesem Restaurant am heutigen Tag zugerufen hatte.

Danach sagten sie nichts mehr. Ihr bestelltes Essen kam und ohne ein weiteres Wort aßen sie. Bora bezahlte das Essen, da sie das Gefühl hatte, sie müsse es vom damaligen Tag, an dem sie essen waren, in der Woche, in der sie bei Siyeon angefangen hatte zu arbeiten und Siyeon sie eingeladen hatte, zurückzahlen.

Sie gingen gemeinsam durch die Stadt, Siyeon hatte darauf bestanden. Sie teilten sich eine Zuckerwatte und es wurde dunkel. Menschen verließen die Straßen und gingen nach Hause. Die Straße, die sie betraten mit kleinen Häusern, in denen Licht war, war menschenleer, es wurde kälter. Bora blieb stehen.

„Es tut mir leid”, sagte sie.

Siyeon, die schon einige Schritte weitergegangen war und nicht bemerkt hatte, dass Bor stehen geblieben war, drehte sich um. „Was tut dir leid?”

„Alles.” Bora öffnete die Jacke und zog ein Messer aus ihrem Gürtel und griff Siyeon an.

Sie wusste nicht warum sie dies tat.

Siyeon wich zurück und duckte sich unter Boras Angriff davon. Sie umschloss Boras Hand mit dem Messer fest, drängte sie an einen der stabilen Gartenzäune.

„Ich will dir nicht wehtun”, wisperte Siyeon Worte, die sie schon einmal zu Bora gesagt hatte. Ihr Gesicht war nur einige Zentimeter von Boras entfernt.

„Warum nicht? Jetzt wäre es deine Chance, sich eine Auftragsmörderin vom Hals zu schaffen.”

Einen Moment trat ein verletzter Ausdruck in Siyeons Augen, als Bora den letztes Satz sagte.

„Weil ich dich liebe.”

Bora stockte der Atem und einige Sekunden vergingen, in denen ihr Bauch kribbelte und sie Siyeon nur in die Augen schaute.

„Ich liebe dich auch.”

Siyeons Augen funkelten vor Freude und sanft küsste sie Bora. Sie erwiderte den Kuss und eine kleine Träne rollte ihr aus dem Augenwinkel. Siyeon ließ ihren Arm los und legte ihre Handflächen an Boras Wangen und wischte die Träne fort. Kurz darauf löste sie sich von ihr.

„Warum weinst du?”, fragte sie.

„Ich weiß es nicht. Was tun wir nach diesem Abend. Ich werde nicht in der Lage sein, dich töten zu können.”

„Du musst mich nicht töten, um dein heißgeliebtes Geld zu bekommen. Entsorgen wir Hans-Peter mit der schiefen Nase gemeinsam und du bekommst das ganze Geld.”

„Und wie stellen wir das an?”

Siyeon zuckte mit den Achseln und lächelte. „Mittlerweile hast du vergessen, dass ich auch ein Mafiaboss bin und dass Hans-Peter Angst vor mir hat, sonst hätte er dich nie kontaktiert und es alles selbst erledigt und keinen Cent dafür ausgegeben.”

Da musste Bora ihr recht geben. „In Ordnung.”

Vorsichtig legte Siyeon ihre Stirn an Boras und schloss die Augen.

„Du musst mir noch bei etwas helfen”, unterbrach Bora die Stille.

„Bei was?”

Eine halbe Stunde später standen Bora und Siyeon mit Yoohyeon, Handong und Dami in Boras Wohnung und sahen angeekelt auf die drei Körper hinab, von denen die zwei die aufwachen konnten, noch immer reglos herumlagen.

„Diese Leute kamen heute in der früh hier hinein und haben geschossen und niemand hat die Polizei gerufen?”, fragte Dami und Bora schüttelte den Kopf als Antwort.

„Offensichtlich nicht. Ich wusste nicht, was ich mit den Körpern anfangen könnte, deshalb habe ich sie einfach liegen gelassen und mir gedacht, dass ich mich auch noch später drum kümmern könnte. Mir ist es vor einer halben Stunde eingefallen, dass ihr mir bestimmt helfen könnt, zwei dieser Leute noch vollständig zu eliminieren und den, der schon tot ist ebenfalls zu verstecken.”

Yoohyeon nickte. „Wir werden uns um sie kümmern. Konntet ihr euch endlich eure Liebe gestehen?”

Siyeon gab ihr einen sanften Stoß gegen die Schulter und sie lächelten alle ein wenig.

„Ihr könnt uns ab jetzt alleine lassen, wir haben alles unter Kontrolle”, sagte Handong.

Siyeon und Bora nickten ihnen zu und gingen gemeinsam hinaus zu Siyeons Auto.

„Soll ich dich wohin bringen?”, fragte Siyeon und nahm den Autoschlüssel aus ihrer Hosentasche.

Bora lächelte. „Die Frage sollte lauten: Soll ich dich wohin bringen?”

Ein Lachen erklang von Siyeon.

„Warum lachst du? Glaubst du, ich werde mir entgehen lassen, dieses Auto zu fahren? Darauf warte ich schon seit Monaten, seitdem ich dieses Auto in einem Magazin gesehen habe. Und da du es hast, ist es ein tolles Angebot.”

„Okay.” Siyeon gab ihr den Autoschlüssel und setzte sich auf den Beifahrersitz, sie fühlte sie offensichtlich unwohl. „Obwohl ich weiß, dass du ein Auto hast, frage ich mich manchmal, ob du den Führerschein hast.”

„Warum misstraust du mit so sehr?”, fragte Bora und grinste.

„Es ist nur ein Gefühl”, antwortete Siyeon und setzte sich ihre Sonnenbrille auf.

 


 

Zu Siyeons verwunderung kamen sie sicher an.

„Darf ich dieses Auto behalten?”

„Seh ich so aus, als würde ich es dir überlassen?”

Bora schüttelte enttäuscht den Kopf.

„Ich lade dich auf Champagner ein. Wenn du am heutigen Abend nichts mehr in Planung hast und du dich anstatt dem Auto mit Alkohol zufrieden geben kannst.”

Sie benutzten den Aufzug um zu Siyeons Penthouse zu kommen und Siyeon gab den Code neben der Türe ein.

„Setz dich aufs Sofa. Ich habe dir alles schon einmal gezeigt, deshalb kennst du dich wahrscheinlich schon aus.” Bora setzte sich auf das Sofa, während Siyeon einen Champagner holte. Mit zwei Gläsern kam sie zurück. Sie stellte die Flasche auf den Glastisch auf dem Teppich vor dem Sofa und setzte sich neben Bora.

„Erzähl mir mehr von dir. Aber von dir, Bora, nicht von Hae Soo.”

„Woran bist du interessiert?” Bora lächelte unbewusst.

„Was verlangst du für Summen? Hängt das mit der Person zusammen, die du umbringen wirst?”, fragte Siyeon und wirkte ehrlich interessiert, während sie anfing den Champagner aufzumachen.

„Es hängt mit der Person zusammen, die mir den Auftrag gibt.”

Siyeon hielt inne und sah von der geöffneten Flasche auf. „Was meinst du?”

„Über die meisten Menschen, mit denen ich mich für diese Verhandlungen treffe, informier ich mich davor oder kannte sogar noch von früher, bevor ich angefangen habe, als etwas zu arbeiten, für das mich einige Leute brauchten, weil sie es selbst nicht auf die Reihe gebracht haben.”

„Wie arbeitest du für sie?” Siyeon fand es offensichtlich hochspannend, was Bora ihr erzählte.

„Du hast dich anscheinend nicht so viel über mich informiert, wie ich dachte”, sagte Bora und Siyeon schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln.

„Mit meiner Mafia ist es nicht so, als müsste ich Geld ausgeben an eine Assassine, wenn ich schon welche unter meinen Leuten habe.”

„Angeber. Ich weiß gar nicht, wann ich damit angefangen habe. Es hat sich unter meinen Alltag geschmuggelt, erst langsam, aber irgendwann ist es mir bewusst geworden, aber um rauszukommen war es schon zu spät. Ich würde auch nicht behaupten, dass ich hinaus möchte . Viel lieber behalte ich diese Spannung mit meinem Leben zu spielen, ansonsten wäre es langweilig. Manche Menschen wollen, dass ich wen ausspioniere, Dinge hacke, Menschen entführe und auch Menschen töte. Ich informiere mich über die Leute, die mir dieses Geschäft vorschlagen, damit ich weiß, wieviel ich verlangen kann, ohne dass sie es sofort abbrechen, weil ich zu viel Geld erwarte. Manchmal ist dann jemanden zu entführen mehr Geld für mich, als ein Mord.”

Siyeon überreichte ihr ein Glas mit Alkohol. „Empfindest du es dann nicht als Zeitverschwendung?”

„Ja, aber es ist immer noch besser als nichts und ich lerne neues kennen.” Bora trank einen Schluck aus dem Glas.

Siyeon antwortete nicht und lehnte sich gegen Bora und ließ sie durch ihre Haare streichen. Bora massierte vorsichtig ihren Nacken und schob die Haare auf die Seite, um ihr Tattoo zu betrachten.

Paradise
is
Where I am

„Gefällt es dir?”, fragte Siyeon und sah auf.

„Ja.”

Sie tranken ihr Glas Champagner aus und gingen schlafen.

 


 

Bora und Siyeon saßen in Siyeons Auto und sahen auf die Straße vor ihnen.

„Wir werden nur hier sitzen und auf Hans-Peter warten, bis er hinauskommt und in sein Auto steigt?”, fragte Bora, während Siyeon gebannt auf Hans-Peters Auto starrte und darauf wartete, dass jemand einstieg. Sie nickte. 

„Das hier ist die letzte Woche, deines Deals, richtig?”, fragte Siyeon und Bora nickte as Bestätigung.

„Ja. Das Limit war bis zu dieser Woche, insgesamt zwei Monate.”

Einige Minuten vergingen, bis drei Leute aus dem großen Gebäude kamen, in dem Hans-Peter der Boss war, einer der drei war er selbst. Er stieg in das Auto, welches sie schon einige Zeit beobachteten und Siyeon lächelte.

„Los geht’s.” Siyeon startete das Auto. Langsam fuhr sie aus der Parklücke und folgte dem schwarzen Mercedes. „Setz dich nach hinten, solange wir noch langsam fahren und sie uns noch nicht bemerkt haben.”

„Was? Hast du etwas bestimmtes im Kopf?”

„Wolltest du nicht schon immer einmal auf Autos schießen?”, fragte Siyeon und grinste Bora an. Sie hatte ihr tatsächlich vor etwa einer Woche erzählt, wie gerne sie, während sie selbst in einem Auto saß auf ein anderes, ein fahrendes Auto schießen würde.

Ohne weiter zu zögern kletterte Bora auf die Rückbank und zog ihre Pistole aus ihrem Gürtel.

Sie fuhren dem Auto, in dem sich Hans-Peter befand gezielt hinterher und Siyeon fuhr immer schneller.

„Ich glaube, sie haben bemerkt, dass sie verfolgt werden”, sagte Siyeon, während sie durch mehrere Lücken zwischen fahrenden Autos fuhr und immer wieder die Spur wechselte. Manchmal wurde Bora von der einen Autoseite zur anderen geschleudert, da sie sich zu spät festhielt und nicht angeschnallt war.

„Wenn du so weiter fährst, frage ich mich, ob du den Führerschein hast.”

„Haha.” Siyeon setzte sich geschickt mit einer Hand ihre Sonnenbrille auf, während sie mit der anderen steuerte.

Sie fuhren in einem schnellen Tempo und langsam kamen sie hinaus aus der Stadt und fuhren nur noch am Stadtrand, in einer abgelegenen Gegend, manchmal fuhren sie an Menschen vorbei, die sich verwundert umdrehten und den zwei Autos hinterherschauten, sich aber keine weiteren Gedanken darüber machten, sondern sich wieder umdrehten und ihren Weg fortsetzten.

Siyeon drückte ein paar Knöpfe neben der Handbremse und die Fenster neben Bora öffneten sich.

„Schieß zuerst auf die Rückspiegel, das wird lustiger.”

Bora grinste und bewegte sich auf die rechte Seite des Autos und lehnte sich aus dem Fenster. Der Fahrtwind wehte ihr die Haare aus dem Gesicht. Mit beiden Händen hielt sie die Pistole vor sich und zielte auf den rechten Rückspiegels des Autos, welches vor ihnen fuhr und schoss.

Man hörte Glas zerspringen und Glassplitter fielen auf den Boden, die Kugel, die Bora geschossen hatte, steckte im Rückspiegel, das Glas, was noch da war, war so zersprungen, dass man keine Chance hatte, noch etwas darin zu erkennen.

„Guter Schuss”, lobte Siyeon und lächelte stolz.

„Warum grinst du so stolz? Es ist nicht so, als ob du du mir das Schießen beigebracht hättest”, warf Bora ein.

„Das ist es nicht, ich bin stolz darauf, eine so tolle Freundin zu haben.”

„Meinst du nicht Verlobte?”, murrte Bora und entschied sich Siyeons Lächeln keinerlei Beachtung zu schenken und krabbelte über die Sitze auf die andere Seite des Autos. Auch wenn sie sich in Siyeons Obhut als Fahrerin in einem Auto nicht am wohlsten fühlte, bewunderte sie die Fahrkünste und dass sie währenddessen noch so entspannt aussah, als würde sie nicht einmal in halber Geschwindigkeit fahren, in der sie sich gerade bewegten.

Auch hier lehnte sie sich nach draußen und zerschoss den linken Rückspiegel.

Einige Sekunden später wurde das Fenster des verfolgten Autos ebenfalls geöffnet und ein Mann mit kurzen, schwarzen Haaren lehnte sich nach außen und mit einer Pistole auf sie zielte und Bora sich schnell ins Auto zurückzog.

„Wenn dieser Lappen auf mein Auto schießt, sorge dafür, dass er als erstes stirbt.”

Das nächste Mal, als Bora schoss, lehnte sie sich nicht nach draußen, sondern streckte ihren Arm nur direkt neben dem Auto aus und lugte mit einem Auge aus dem Fenster zielen zu können. Sich im Moment aus dem Fenster zu beugen, war zu riskant, wenn jemand anderes auf sie zielte, das Ziel würde nur noch einfacher sein.

Der Mann schoss, er traf aber weder sie, noch Siyeons geliebtes Auto.

Die erste Kugel, die Bora an diesen Mann gab, ging ins Leere, da Hans-Peter eine schnelle und ruckartige Kurve machte. Der Mann, der anscheinend einer seiner Bodyguards war, wurde von dem Ruck und dem Schwung überrascht und er verlor das Gleichgewicht und kippte ein wenig nach draußen.

Bora nutzte die Chance, zielte und drückte ab. Zu ihrer Verwunderung traf der Schuss, jedoch nur knapp, es war kein tödlicher. Die Kugel traf seine rechte Schulter und die Wucht des Schusses gab ihm den Rest und er fiel aus dem Fenster und kam mit dem Kopf voran auf der harten Straße auf.

Sie zog sich wieder ins Auto zurück und wenig später ruckelte das Auto.

„Ich glaube, ich bin gerade über sein Bein gefahren”, sagte Siyeon unbekümmert und Bora zuckte als Antwort nur mit den Schultern.

„Du kannst wieder anfangen zu schießen, wenn du möchtest, niemand schießt im Moment auf uns oder macht Anzeichen, es zu tun.”

Bora nahm die Pistole in einen festen Griff und sah wieder aus dem offenen Fenster. Diesmal zielte sie auf die Reifen des Wagens vor ihnen. Sie schoss in den linken Hinterreifen und sofort ging die Luft und der Druck hinaus. Sie kletterte wieder auf die andere Seite und schoss auf den anderen hinteren Autoreifen.

Leider verfehlte sie den Schuss, die Kugel streifte aber an dem vorderen Reifen und schneller als man Essen sagen konnte, war die Luft dem Reifen entwichen.

Das Auto war für einen Moment nicht zu beherrschen und es schlitterte auf die Seite, gegen einen Laternenmast, Öl floss auf den Boden, Funken sprühten und Siyeon legte eine Vollbremsung hin, die Bora gegen die Lehne des Beifahrersitzes drückte.

„Sei das nächste Mal vorsichtiger beim Bremsen.”

„Bist du meine Fahrlehrerin?”

Sie konnten die Diskussion nicht weiterführen, da ein taumelnder Hans-Peter mit seinem zweiten Bodyguard als Fahrer, dem offensichtlich ebenfalls schwindelig war, aus dem demolierten Auto kam.

Hans-Peter mit der schiefen Nase hatte eine Wunde an der Stirn, aus dem Blut floss, sein Komplize war ein wenig schlimmer zugerichtet. Zu einer breiten, jedoch nicht tiefen Wunde an seiner Schläfe, hatte er ein blaues Auge und zerkratzte Wangen, wahrscheinlich war irgendeine Form von Glas im Auto bei dem harmlosen Unfall zerbrochen und hatte so seinem Gesicht ein paar Kratzer verpasst.

Bora und Siyeon stiegen aus und knallten die Autotüren zu, die mit einem dumpfen Geräusch zugingen.

Hans-Peter und sein unfähiger Bodyguard torkelten und schwankten ein wenig, während sie versuchten, stehen zu bleiben und stark auszusehen, obwohl sie sich selbst denken konnten, wie verkrüppelt sie aussehen mussten.

„Ihr habt euch also zusammengetan, was?”, fragte Hans-Peter und atmete hörbar ein und aus.

„Ja”, antwortete Siyeon.

„Ich hätte dich nie für diese Mission kontaktieren sollen, Sua. Es gibt genug andere Auftragsmörder, die es hätten erledigen können.”

Sie sagten nichts dazu.

„Du schuldest mir noch immer 30 Millionen Euro”, sagte Siyeon und man sah einen kurzen Augenblick einen Schimmer aus Angst in seinen Augen aufblitzen.

„Und wenn ich es dir nicht geben will?”

„Dann nehme ich alles von dir. Auch dein Leben.”

Man sah die Angst in Hans-Peters Augen, sie hing in der Luft und Bora und Siyeon konnten sie wahrnehmen. Jeder hätte dies können, würde er in diesem Augenblick vor Hans-Peter stehen.

„Beenden wir es am besten so schnell wie möglich”, sagte Siyeon und Bora überreichte ihr ihre Pistole.

Hans-Peter war noch immer ein wenig schwindelig, er konnt aufrecht und sicher stehen, sein Blick war aber verschwommen. Der Bodyguard stellte sich vor ihn als Schutz, er war nicht bewaffnet, ansonsten hätte er schon längst seine Waffe gezogen. Es hielt Siyeon aber nicht davon ab zu schießen.

Als die schwere und kleine Metallkugel in seinen Körper traf, spritzte Blut aus der Wunde nahe des Herzens und er hustete. Seine Beine gaben nach und seine Augen fingen an zu tränen. Der große Mann fiel auf die Knie und stützte sich mit den Händen am Boden ab. Es war ein hässlich anzusehendes Bild.

Die lebenskraft verließ ihn und Hans-Peter blieb ungeschützt alleine stehen, Siyeon hatte die Waffe immer noch erhoben und zielte nun auf ihn.

Einen Wimpernschlag bevor sie abdrückte, wich er aus, aber nicht schnell genug und sein rechter Oberarm wurde getroffen. Die Kugel drang in seinen Muskel ein und beschädigte ein wenig seines Knochens und vor Schmerz brüllte er und bückte sich, um sie selbst zu schützen, was nichts brachte. Er hielte seine linke Hand fest gegen die Schusswunde, um die Blut, welches aus der Wunde floss in seinem Körper zu behalten.

Siyeon schoss ihm ins Bein und er fiel auf den Boden.

Die nächste Kugel, die Siyeon schoss, traf sein Herz. Hans-Peter sah auf, die Augen waren weit aufgerissen und er starrte zu ihnen hinauf, in ihre Gesichter, die keine Reaktionen zeigten. Ihre Augen waren angeekelt auf ihn gerichtete, während er röchelnd zu Boden ging. Er spuckte Blut. Seine Lippen waren geöffnet, Blut tropfte auf den Boden, während ihm der letzte Atemzug entwich.

Schnee fing an zu fallen und dicke weiße Flocken verfingen sich in ihren Haaren. Der Schnee fiel auf das rote Blut und auf die Straßen und Dächer.

Langsam drehte Bora sich zu Siyeon. „Bist du jetzt glücklich?”, fragte sie und Siyeon nickte. „Ich auch. Jetzt muss ihn nie wieder sehen. Sein Geld will ich aber noch haben.” Sie nahm Siyeons Hand in ihre und nahm ein Feuerzeug aus ihrer Jackentasche.

„Verbrennen wir sie?”

Siyeon nickte und beobachtete Bora dabei, wie sie zu dem Mercedes ging und das brennende Feuerzeug von einigen Metern Entfernung ins ausgeronnene Öl warf und das Feuer schnell auf das Auto zugriff.

Es gab eine kleine Explosion, dann brannte das Auto ebenfalls.

„Gehen wir. Der Schnee wird den Brand nach einer Zeit löschen, wenn davor nicht Menschen kommen.”

Sie gingen händchenhaltend zu Siyeons Auto und setzte sich hinein. Siyeon fuhr los, hinaus aus der Straße mit dem brennenden Auto. Bora lehnte sich seufzend zurück und entspannte sich. Diese Verfolgungsjagd hatte ihr mehr Kraft gekostet, als sie am Anfang bemerkt hatte und nun waren ihre Muskeln schlaff und sie wollte nur noch schlafen.

„Ich muss dir noch jemanden vorstellen, Siyeon.”

„Wen denn?”

„Jemanden, der wir helfen können.”

„Wie helfen wir ihr?”, fragte Siyeon.

„Indem wir sie adoptieren.”

„Du willst ein Kind adoptieren, direkt nachdem wir unser Problem aus der Welt geschafft haben? Du willst heute Abend nicht mit mir Wein trinken und ein heißes Bad nehmen?”

„Ich wusste gar nicht, dass das in deinem Plan für heute war”, lachte Bora und sah kurz aus dem Fenster.

„So war er aber.”

Bora sah zu Siyeon, wie sie konzentriert auf die Straße schaute. „Sie ist ein sehr liebes Mädchen. Ich habe sie vor ein paar Wochen in einem Café getroffen, sie hat mir von ihren Problemen in ihrer Adoptivfamilie erzählt und die in ihrer Schule. Ihr Name ist Gahyeon und sie hat mir oft erzählt, wie gerne sie Eltern hätte, mit denen sie kommunizieren kann, als wären sie ihre besten Freunde.”

„Wenn du ein Fan von ihr bist, muss sie sehr liebenswert sein”, murmelte Siyeon zu sich selbst und es war nicht ihre Absicht, dass Bora es hörte, oder gar aus ihrem Mund kam.

„Das ist sie.”

Sie fuhren weiter durch die Straßen und Bora tippte die Adresse, die Gahyeon ihr einmal gesendet hatte ins Navi. Sie müssten noch weitere zehn Minuten fahren.

„Ist das ihr Haus?”, fragte Siyeon und sah zu Bora, die nickte.

„Ich glaube.”

Sie klingelten und eine kratzige Frauenstimme konnte man durch die Türe hören.

„Gahyeon! Mach die Türe auf.”

Wenige Sekunden später öffnete Gahyeon die Türe. Sie öffnete die Augen vor Überraschung ein wenig weiter und ein Lächeln entstand auf ihrem Gesicht.

„Ich hab dich vermisst”, sagte sie, während sie Bora in eine feste Umarmung zog.

„Du erdrückst mich.” Bora tat so, als würde sie keine Luft bekommen und hustete. Als Gahyeon sich löste, lächelte Bora. „Ich hab dich auch vermisst.”

„Das ist Siyeon”, stellte Bora Siyeon vor, als sie Gahyeons verwirrten Blick bemerkte.

„Hi”, sagte Siyeon vorsichtig und lächelte Gahyeon an, als sie ihren verschreckten Blick bemerkte.

„Du bist Siyeon? Ich hab mir dich hässlich vorgestellt.”

Siyeon verschluckte sich beinahe an ihrer eigenen Spucke und sie hustete. „Wie bitte?”

„Ich dachte, du seist hässlich, da jemand dich umbringen möchte.”

„Also bin ich nicht hässlich?”

„Hast du dich jemals im Spiegel gesehen?”

„Ja, ich wollte nur deine Bestätigung, dass ich gut aussehe.”

Gahyeon rümpfte die Nase und sah wieder zu Bora, die das Gespräch mitverfolgt hatte. Die zwei verstehen sich ja schon auf Anhieb.

„Ich mag sie. Können wir sie behalten?”, fragte Siyeon.

„Ja können wir, aber ich darf sie öfter umarmen, weil es meine Idee war.”

Gahyeon sah verwirrt zwischen ihnen hin und her. „Was meint ihr?”

„Wir werden dich adoptieren, da du noch minderjährig bist und deine jetzigen Adoptiveltern dich nicht mögen, genauso wenig, wie du sie magst.”

„Wirklich?” Gahyeon lächelte glücklich, machte einen Hüpfer und warf sich Bora erneut um den Hals.

Seit wann sind wir gleich groß? Warum ist eine fünfzehnjährige so groß wie ich? Es ruinierte ihre persönliche Stimmung ein bisschen, sie ließ es sich aber nicht anmerken.

„Ja. Aber zuerst müssen wir das mit deinen Adoptivfamilie klären und mit verschiedenen Leuten bei der Adoptivorganisation sprechen”, sagte Bora und drückte sie ein wenig von sich weg.

„Gahyeon?! Wer ist da?”, rief die Frauenstimme wieder.

„Ich glaube, wir müssen hineingehen”, sagte Siyeon.

 


 

„Ihr habt jemanden adoptiert? Und ich erfahre erst zwei Wochen später davon, wo sie gerade bei euch eingezogen ist? Ich werde Oma? Und ich sehe trotzdem noch so jung aus? Ich habe doch ein tolles Leben.”

„Wir leben noch nicht zusammen. Gahyeon wohnt seit zwei Tagen bei mir und Bora räumt ihre Wohnung aus, um auch bei mir einzuziehen.”

„Ich freu mich schon, Gahyeon kennenzulernen.”

Minji redete schon die ganze Autofahrt davon, wie stolz sie doch auf Siyeon und Bora wäre, da sie jemanden adoptiert hatten und wann sie doch heiraten würden und wie glücklich sie darüber war, jetzt eine Oma zu sein.

Ich glaube, der Kommentar von mir, sie würde noch so jung aussehen, als ich sie das erste Mal getroffen habe, hat ihr Ego in den Himmel katapultiert.

Sie saßen zu dritt im Auto. Minji am Beifahrersitz, Bora am Steuer und Siyeon auf der Rückbank hinter Minji. Als sie nach einigen Minuten ankamen, fuhren sie mit dem Aufzug zu Siyeons Penthouse hinauf und freudig gab Minji mit ihren Händen, die wieder einmal in dünnen Seidenhandschuhen steckten, den Code ein.

Sie öffnete die Türe und Gahyeon stand davor, die das piepen des Codes gehört hatte. Minji ging sofort auf sie zu und als Gahyeon eine Fremde sah, wich sie einige Schritte zurück.

„Wie süß! Und ihre süßen Wangen.” Minji kniff in ihre Wangen in quetschte sie ein bisschen zusammen. „So ein liebes Mädchen. Wie heißt du denn, mein Schatz?”

„Äh… Gahyeon.”

„Solch ein herziger Name!”

„Mama, du bist wieder peinlich”, sagte Siyeon, die mit Bora durch die Türe kam und sie hinter sich schloss.

„Ich bin nicht peinlich”, versuchte Minji sich zu verteidigen.

„Was auch immer.”

„Möchtest du etwas mit mir kochen, Herzchen?”, fragte Minji und lächelte Gahyeon breit an, die zögerlich, aber dennoch glücklich nickte und Minji in die große Küche folgte.

Bora und Siyeon setzten sich nebeneinander aufs Sofa und legten eine Decke über ihre Beine.

„Gahyeon hat sich schon gut eingelebt, auch wen sie erst seit zwei Tagen hier ist”, merkte Bora an und legte ihren Kopf auf Siyeons Schulter ab und schloss die Augen. Sie spürte Siyeons Nicken an ihrem Kopf und sie seufzte entspannt.

„Glaubst du, wir hätten nicht lieber etwas bestellen sollen, anstatt die zwei kochen zu lassen?”, fragte Bora und Siyeon lachte leise.

„Wahrscheinlich hast du recht.”

Sie verbrachten die nächsten Minuten im Schweigen, aus der Küche konnte man Minji und Gahyeon Reden und Lachen hören.

„Kommt ihr zu uns etwas essen?”, rief Minji aus dem Esszimmer, welches direkt an der Küche angrenzte. Sie standen auf und setzten sich zum Tisch mit Minji und Gahyeon, auf dem ein großer Topf mit Suppe stand.

„Etwas besseres ist uns nicht eingefallen”, sagte Minji und klang dabei sogar ein wenig entschuldigend.

„Wir hätten wirklich etwas bestellen sollen”, flüsterte Siyeon, sodass nur Bora es hören konnte.

„Ich habe eine Frage. Warum nennt ihr diesen Hans-Peter immer Hans-Peter mit der schiefen Nase?”, fragte Gahyeon.

„Das weiß eigentlich niemand so recht. Als er sich selbst als einen Mafiaboss angesehen hat und bei verschiedenen Veranstaltungen eingeladen wurde, hat sich dieser Name von ihm irgendwie verbreitet. Woher er diese schiefe Nase hat, ist unbekannt”, klärte Siyeon sie auf, bevor sie aber weiterreden konnte, räusperte sich Bora unsicher. Alle Augen lagen auf ihr.

„Dass er eine schiefe Nase hat, ist meine Schuld. Ich habe ihm vor einigen Jahren ins Gesicht geschlagen, als er gesagt hat, die Frau neben ihm hätte einen zu langen Rock an. Und ich stand auf der anderen Seite neben ihm und ich wollte sie schützen, also habe ich ihn geschlagen.”

Minji klatschte sofort in ihre Hände. „So gehört es sich.”

Siyeon und Gahyeon kicherten und ein Funke an Stolz lag in ihren Augen.

„Gahyeon, darf ich dich morgen zur Schule fahren?”, fragte Minji, als sie sich alle etwas zu essen genommen hatten.

„Morgen ist Sonntag, ich habe morgen keine Schule”, sagte Gahyeon.

„Ach ja. Es wäre ja schrecklich, hättest du an einem Sonntag Schule. Ich habe vergessen, welcher Tag heute ist. Ich werde dich am Montag zur Schule fahren.”

 


 

Am späten Abend saßen Bora und Siyeon nebeneinander im Bett, mit einem Glas Sekt in der Hand, die Bettdecke hatten sie bis zu ihrer Hüfte über sich gezogen. Minji war schon nach Hause gefahren und Gahyeon war in ihrem Zimmer und schlief wahrscheinlich schon tief und fest. Es war leise und nur das kleine Nachttischlicht brannte.

„Ich bin froh, dass Hans-Peter dich ausgewählt hat, mit dem Auftrag, mich zu ermorden.”

Bora sah auf, ihr Blick war die ganze Zeit auf dem Glas mit der hellen Flüssigkeit und den Bläschen der aufsteigenden Luft darin gerichtet. 

„Ich bin auch froh”, stimmte sie mit leiser Stimme zu. Entspannt trank sie einen kleinen Schluck des Alkohols in ihrem Glas und schluckte ihn langsam, ließ ihn für einen Moment auf der Zunge zergehen.

„Es ist gut, dass es Gahyeon jetzt gut geht und sie nicht bei diesen Leuten von vor zwei Wochen ist, die wir schrecklicherweise kennenlernen mussten. Wenn Minji sie am Montag zur Schule bringt, wird ihr auch niemand etwas wegnehmen. Vielleicht sollten wir ihr Selbstverteidigung beibringen. Nur für Notfälle”, schlug Siyeon vor.

„Ich glaube nicht, dass Gahyeon Kampfkunst gegen andere verwenden würde, selbst wenn es sich um Selbstverteidigung handelt. Sie hat eine zu gute Seele, die wir ihr nicht wegnehmen dürfen.”

„Vielleicht wird durch das ihr Kampfgeist geweckt und sie wird selbstbewusster.”

„Probieren können wir es.”

Sie tranken nebeneinander ihren Sekt aus und stellten die Gläser auf eines der Nachttischchen des Doppelbettes. 

„Ich habe herausgefunden, dass Gahyeon die Multivitamin-Capri-Sonne am liebsten hat”, sagte Siyeon und Bora seufzte, als sie auf ihre erste Begegnung bei der Tankstelle vor zwei Monaten zurückdachte.

„Ich verstehe nicht, warum ihr die Capri Sonne mit Kirschgeschmack nicht mögt.”

„Das frage ich mich auch immer, nur mit Orangengeschmack.”

Bora rümpfte die Nase, gab aber keinen Kommentar dazu. „Minji sagt immer, sie mag keine Capri Sonne, kauft dann aber immer alle drei Sorten und trinkt sie nacheinander.”

Siyeon wank ab. „Der Geschmack meiner Mutter ist seltsam.”

Bora grinste und boxte ihr leicht gegen die Schulter. „Wie redest du von deiner Mutter?”

Siyeon antwortete nicht darauf und blieb ruhig.

Die Stille ließ sie entspannen und langsam drehte sich Siyeon zu Bora, damit sie sich in die Augen sehen konnten. Sanft strich sie ihr die Haare hinter ihr Ohr und streichelte ihre Wange.

Sie schmiegte sich an sie und lehnte ihre Stirn gegen Boras. Diese atmete ihren weichen Duft ein, in dem sie schwamm und zu ertrinken drohte. Zarte Lippen legten sich auf ihre und kurz darauf schloss sie die Augen. 

Bora beendete den Kuss nach einigen Sekunden und langsam öffneten sie ihre Augen, um sich erneut anzusehen. 

Das sanfte Licht schimmerte in ihren Augen und ließ sie glänzen. Ihre braunen Augen glitzerten golden und Sterne und Funken schienen in ihnen zu tanzen. Siyeon legte ihre Hand auf ihre Wange und strich mit ihrem Daumen über Boras Unterlippe. Ihre Atemzüge gingen regelmäßig und tief. Entspannt und ohne einer Sorge, ihre Köpfe waren leer.

Draußen schneite es stumm und leise, in dichten Flocken, die durcheinander flogen und sich verirrten. Sie wurden weiter und weiter getragen, von der leichten Brise, die durch die Nacht schwebte.