Work Text:
Mit angezogenen Beinen sitzt Adam auf dem Boden, den Rücken an die graue Betonwand gelehnt, und starrt einfach nur. Starrt regungslos vor sich, auf den Couchtisch, der zwischen den beiden Ledersesseln steht.
Couchtisch und Ledersessel stehen da, als ob nichts geschehen wäre. Als ob jeden Moment jemand kommen und sich in einen der Sessel setzen und vielleicht die Füße hochlegen könnte, auf den niedrigen Tisch. Sich dabei im Sessel zurücklehnen und vielleicht eine Zeitung aufschlagen könnte, ganz entspannt.
Es könnte auch in jedem der beiden Sessel jemand sitzen. Und auf dem zu den Sesseln passenden Sofa vielleicht auch. Jeder vielleicht mit einem Glas Wein oder einer Tasse Kaffee vor sich auf dem Couchtisch, miteinander in ein angeregtes Gespräch vertieft, während im Kamin das Feuer prasselt.
Doch das wird nicht passieren. Niemals.
Nur ein einziges Mal hat Adam selbst in einem der Ledersessel gesessen. Vorher hatte es nie einen Grund gegeben, dort zu sitzen. Es wäre Adam im Traum nicht eingefallen, grundlos dort Platz zu nehmen, selbst dann nicht, wenn sein Alter weit, weit weg und Adam ganz allein im Haus gewesen wäre. Es hatte nie einen Grund gegeben, allein im Haus zu sein, in diesem Haus, in dem Adam so viel Leid erfahren musste, damals. Und nicht nur damals, denn als ob dieses ‚Damals’ nicht schon genug gewesen wäre, musste Adams Vater allem, was er Adam damals angetan hatte, nochmal einen drauf setzen. Der krönende Abschluss, sozusagen.
Beim Gedanken an den ‚krönenden Abschluss‘ muss Adam leise in sich hinein schnauben. Da, wo Roland Schürks Krone ist. Der König ist tot, lange lebe der König. Krönender Abschluss.
„Der krönende Abschluss kommt jetzt noch“, murmelt Adam und blickt zu dem Sessel, auf dem er gesessen hat. Auf dem er stundenlang gesessen hat und sich stundenlang nicht rühren konnte. Wie hat er nur so dumm sein können? Wie hat er dieser Drecksau auch nur ein einziges Wort glauben können, oder, wenn er den Worten schon nicht hundertprozentig geglaubt hat, wie hat er nur so dumm sein können, sich dennoch mit seinem Alten zusammenzusetzen? Hätte Adam nie in diesem Sessel Platz genommen, es wäre nie –
„Adam. Was machst du da?“
Der blonde Mann hat seine Mutter nicht kommen hören. Er blickt langsam zu ihr hin. Verwundert und ein bisschen verloren steht sie da, mitten in dem großen, offenen Raum, mit der zusammengerollten Yoga-Matte in der Hand. Seit Rolands Tod wirkt sie oft ein bisschen verloren, gleichzeitig aber auch erleichtert. Geht das überhaupt, dass ein Mensch gleichzeitig verloren und erleichtert sein kann?
Vermutlich schon, denkt Adam. Auch ihm ist das nicht fremd, ganz im Gegenteil. Damals, da ist es wieder. Erleichtert war er damals, weil sein Vater endlich im Koma lag, hoffentlich für immer. Verloren schon kurz darauf, ohne Leo, auch wenn es eine selbstgewählte Verlorenheit gewesen war.
„Adam?“, fragt seine Mutter erneut.
„Nichts“, antwortet er schnell, weil er ein erneutes ‚Adam‘ aus ihrem Mund nur schwer wird ertragen können.
„Ist alles in Ordnung?“
„Klar“, antwortet er ausweichend.
„Wollte Leo nicht vorbeikommen?“
„Ja. Ist sicher gleich da“, sagt er und versucht, seiner Stimme einen Klang von ‚Und damit ist das Gespräch für mich beendet‘ zu geben. Möglichst demonstrativ blickt er zurück zu dem Sessel, in den sein Alter ihn gelockt hat. Seither hat niemand mehr dort gesessen. Oder, falsch: Leo hat noch einmal dort gesessen, wie er Adam irgendwann erzählt hat. Hat dort gesessen und an die Decke gestarrt und Eins und Eins zusammengezählt. Oder jedenfalls damit begonnen, Eins und Eins zusammenzuzählen.
Adam schließt die Augen und versucht, nicht zum ersten Mal, sich vorzustellen, wie Leo in diesem Sessel gesessen hat. Wie er dabei ausgesehen haben mag. Er stellt sich vor, wie Leo seine Hände, Handfläche an Handfläche, an seine Lippen gelegt hat, so wie er das manchmal tut, wenn er nachdenkt. Wenn er spürt, dass die Antwort ganz nah ist und er drauf kommen wird, wenn er sich nur angestrengt genug konzentriert. Adam kann das Leo ansehen, wenn er ihn in solchen Momenten beobachtet.
Mit einem Seufzen öffnet er wieder die Augen. Erleichtert stellt er fest, dass seine Mutter gegangen ist. Wohin, weiß er nicht genau. Er weiß nicht genau, ob sie auf dem Weg zu ihrem Yoga-Kurs war, als sie Adam auf dem Boden sitzend entdeckt hat, oder ob sie gerade von dem Kurs zurückkam. Er will das auch nicht wissen. Muss das nicht wissen. Es muss reichen, jedenfalls fürs Erste, dass er zu ihr ins Haus gezogen ist. Was nichts ist, was er sich jemals für sich selbst hätte vorstellen können, wozu es aber derzeit keine Alternative gibt. Nicht nur deshalb, weil seine Mutter ihn inständig darum gebeten hat. Sondern vor allem auch, weil er sie nicht allein in diesem Haus wissen will, solange es da draußen Leute gibt, die ihm nicht trauen.
„Adam? Was machst du da?“, reißt Leos Stimme ihn aus seinen Gedanken.
„Nichts, ich mach gar nichts!“, gibt er genervt zurück und steht auf. Sofort tut es ihm leid, so grob geantwortet zu haben. Leo kann ja nicht wissen, dass Adams Mutter ihm kurz zuvor die exakt gleiche Frage gestellt hat.
„Wie bist du reingekommen?“, fragt er mit möglichst versöhnlichem Tonfall. Er steht an der Wand, bewegt sich nicht. Der Sessel, in dem Roland gesessen hat und elendig krepiert ist, steht zwischen ihm und dem Mann, der gekommen ist, um Adam zu helfen.
„Deine Mutter ist gerade gegangen, als ich kam“, sagt Leo und sieht Adam nach wie vor ein wenig prüfend an.
Verfluchter Leo. Er macht sich einfach immer Sorgen um Adam. Hat sich damals – da ist es wieder – schon Sorgen gemacht und mit absoluter Sicherheit auch in den fünfzehn Jahren, die Adam gar nicht da war. Adam ist und bleibt offenkundig Leos Sorgenkind, und Adam hasst das. Er hasst das und er liebt das, auf eine völlig verquere Art und Weise.
„Okay“, ist alles, was Adam gerade sagen kann. Er macht einen Schritt von der Wand weg, steht jetzt zwischen Sofa und Couchtisch und damit auch genau zwischen den beiden Sesseln. Er bringt es schon kaum über sich, diese hässlichen Dinger überhaupt anzusehen und hat keine Ahnung, wie er es gleich schaffen soll, sie anzufassen.
Es sind nur bescheuerte Möbel, sagt er sich in Gedanken und holt tief Luft.
„Du schaffst das, Adam. Wir schaffen das“, sagt Leo und Adam wird schlagartig bewusst, dass er diese fünf Worte keineswegs nur für sich gedacht hat. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie Leo sich in Bewegung setzt, direkt auf Adam zu. Adam ahnt, was gleich passieren wird. Leo wird ihm eine Hand auf den Unterarm oder die Schulter legen, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Adam wünscht sich nichts mehr als das und will gleichzeitig nichts weniger als das. Leos Berührungen, egal ob beiläufig oder weniger beiläufig, sind jedes verdammte Mal zu viel für Adam und doch gleichzeitig nicht genug. Jedes verdammte Mal bescheren sie ihm ein Kribbeln, das er anschließend gefühlte Ewigkeiten lang nicht mehr los wird, was gleichermaßen großartig und unerträglich ist.
Während Leo noch auf ihn zukommt, tritt Adam zwei Schritte zur Seite und hinter den Sessel, in dem er gesessen und Roland beim Sterben zugesehen hat. In dem er gesessen und kaum Luft bekommen hat, stundenlang. In dem er gesessen und inständig gehofft hat, dass Leo nichts geschehen würde.
Er bleibt hinter dem Sessel stehen, wie erstarrt, macht keine Anstalten, das zu beginnen, weswegen Leo seine Hilfe angeboten hat und hierhergekommen ist. Der dunkelhaarige Mann kommt nicht näher, verharrt nun dort, wo Adam gerade eben noch stand. Ein bisschen hilflos, ratlos steht er da, blickt zwischen Adam und den Möbelstücken hin und her und fragt schließlich vorsichtig: „Oder sollen wir das verschieben? Wir können das auch morgen oder nächste Woche noch – “
„Mit Sicherheit nicht“, fällt Adam ihm ins Wort und wünschte, er könnte sich dazu überwinden, sich vorzulehnen und nach der Sessellehne zu greifen und damit zu signalisieren, dass es losgeht.
„Mit Sicherheit doch, wenn du nicht bereit bist“, sagt Leo und klingt plötzlich ganz fest und entschlossen.
„Klar bin ich bereit. Oder glaubst du etwa, mein Herz hängt da dran?“, fragt Adam und tritt wie zum Beweis energisch gegen eins der Sesselbeine.
„Nein, das glaub ich natürlich nicht“, antwortet Leo. Adam glaubt das auch nicht. Dass Leo glaubt, Adams Herz hinge an diesen beschissenen Möbeln. Stattdessen würde Leo allerdings gerne glauben, dass Adams Herz an etwas ganz anderem hängt, oder besser, an jemandem. An Leo nämlich, natürlich. Womöglich ist er sich dessen nicht bewusst – was Adam aber wiederum nicht wirklich glaubt – aber Leo gibt das Adam zu verstehen mit beinahe jedem für Adam bestimmten Blick, jeder beiläufigen Berührung, jedem Lächeln. Er gibt Adam damit außerdem zu verstehen, dass sein eigenes Herz, Leos Herz, an Adam hängt. Dass es nicht bloß an ihm hängt, sondern dass er es regelrecht an Adam verloren hat.
Adam hingegen ist sehr viel vorsichtiger mit Blicken, Berührungen und der Art, wie er Leo anlächelt. Weil er Leo keine Hoffnungen machen will, noch nicht jedenfalls. Weil er Leo nicht in Gefahr bringen will. Und doch scheint das Wenige, was er Leo sehen und spüren lässt, zu genügen, ja, mehr als zu genügen, um genau das zu tun. Leo Hoffnungen machen. Fuck, Adam wünschte, er könnte –
„Können wir dann?“, fragt Leo und macht nun doch einen Schritt auf Adam zu.
Adam holt tief Luft. Beinahe merkt er gar nicht, wie er sich selbst mit einer Hand durch die Haare fährt und wie ebenjene Hand dabei zittert. Leo hingegen bemerkt das natürlich sofort. Er ist so ein verflucht guter Beobachter, von Berufs wegen und besonders von Adams wegen. Ein weiterer Schritt und Leo ist dicht neben ihm und tut das, was Adam doch so unbedingt hatte vermeiden wollen: Er legt eine Hand auf Adams linken Unterarm, drückt ganz leicht zu und sagt: „Komm, ganz schnell. Augen zu und durch.“
„Pfff. Augen zu und durch“, sagt Adam, als sei das die dämlichste Idee aller Zeiten, schließt aber tatsächlich für einen Moment die Augen. Öffnet sie wieder und kann nicht anders, als seinen Kopf zu Leo zu drehen und ihn anzusehen. Ihm genau in die Augen zu blicken.
„Ja, oder Augen auf mich, das ist… auch okay“, fügt Leo hinzu, etwas leiser jetzt, stellt sich neben den Sessel und bricht den Blickkontakt mit Adam nicht für eine Millisekunde. Er nickt Adam fast unmerklich zu und deutet auf die gegenüberliegende Seite, an der Adam anpacken muss, wenn sie den Sessel nach draußen und für immer aus dem Haus schaffen wollen.
„Okay“, sagt Adam, tritt mit klopfendem Herzen neben den Sessel, seinen Blick weiter auf Leo und in Leos Augen gerichtet, und schaltet, wie auch immer er das anstellt, auf Autopilot. Macht alle Bewegungen und Handgriffe nach, die Leo vormacht, bückt sich, greift unter den Sessel, hebt ihn gemeinsam mit Leo an und trägt ihn durch die bereits geöffnete Terrassentür nach draußen und um das Haus herum bis zur kiesbedeckten Zufahrt.
Der Sessel ist scheißschwer, viel schwerer, als Adam befürchtet hatte, doch während er ihn schleppt und das Leder an seinen Handflächen spürt, kocht die Wut auf seinen Vater wieder hoch. Diese Wut, die Adam so oft schon überrollt hat seit Rolands Tod, die nun aber dazu geeignet scheint, Berge zu versetzen. Oder wenn nicht Berge, dann zumindest schwarze Ledermöbel, deren Anblick Adam keinen weiteren Tag ertragen hätte und gegen deren Rauswurf aus dem Haus sich auch seine Mutter keine Sekunde sträubte, im Gegenteil. Auch ihr ist es mehr als recht, diese Möbelstücke loszuwerden. Warum sie nicht gleich das ganze Haus neu einrichtet und möglichst viel von dem, was sie unweigerlich an ihren verstorbenen Ehemann erinnern muss, los werden will, ist Adam ebenso ein Rätsel wie es ihm egal ist, jedenfalls vorerst noch. Irgendwann wird sich das Verhältnis zu seiner Mutter vielleicht entscheidend genug verändern, dass er sie nach solchen und ähnlichen Dingen fragt. Doch jetzt noch nicht.
Mit vereinten Kräften stellen sie erst den einen, dann den zweiten Sessel und schließlich auch das noch viel schwerere Sofa neben der Einfahrt auf die Wiese. Ein Nachbar, den Adams Mutter aufgetrieben hat, wird die drei Möbelstücke samt des dazu passenden Couchtischs im Laufe des Nachmittags oder Abends abholen. Adam hätte jeden einzelnen der vier Einrichtungsgegenstände liebend gerne abgefackelt. Lichterloh und bei Nacht hätte er sie brennen lassen, doch davon wollte seine Mutter nichts hören. Dann eben nicht. Er weiß sowieso nicht, warum er ihr überhaupt davon erzählt hat. In Adams Gedanken brennt ohnehin noch so viel mehr als nur ein Sofa, zwei Sessel und ein kleiner Tisch.
Ein bisschen verschwitzt ist Adam, sind sie beide, als sie schließlich die Einfahrt entlang und zurück zur Terrasse gehen. Die keine Terrasse ist, auch jetzt noch nicht, wie man sie sich gemeinhin so vorstellt. Außer ein paar Blumenkübeln steht hier nichts, was zum Verweilen einladen würde. Doch das ganze Haus lädt nicht zum Verweilen ein, schon allein wegen des grauen, trostlosen Betons. Da hilft auch die lächerliche, bunte Kunst an den Wänden nichts.
„Bleibst du noch?“, fragt Adam dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – als sie zurück ins Haus gehen. Auch wenn er es nicht will, tragen ihn seine Füße schnurstracks zurück zu der Ecke, in der eben noch die Ledermöbel standen. Adam bleibt stehen, am Rand des Teppichs, und verschränkt die Arme vor der Brust. Leo folgt ihm, stellt sich neben ihn, so dicht, dass ihre Oberarme sich berühren. Adam hasst das und liebt das.
„Willst du das denn?“, fragt Leo. Ohne die Möbel hat sich die Akustik im Raum verändert. Leos Stimme klingt plötzlich ganz anders, doch Adam könnte nicht sagen, ob schöner oder weniger schön. Leos Stimme klingt ja immer schön.
„Klar“, antwortet Adam. In seinen Ohren hört sich auch seine Stimme anders an. Rauer irgendwie. Aber womöglich liegt das auch gar nicht an den nicht mehr vorhandenen Möbelstücken.
Die beiden Männer schweigen für einen langen Moment. Sie stehen nebeneinander und starren auf den Teppich. Starren auf die Abdrücke, die die Beine der schweren Sessel und des Sofas darin hinterlassen haben. Bis Leo sich irgendwann räuspert und fragt: „Wie fühlt sich das an jetzt?“
Adam entkommt ein tiefes Seufzen. „Weiß nicht. Besser. Aber irgendwie… leer.“ Er meint nicht nur den Raum damit, sondern sich selbst. Abfackeln hätte sicher geholfen gegen dieses Gefühl der Leere, gegen diese Antiklimax. Adam hatte auf ein Gefühl der Befreiung gehofft, sobald die Möbel aus dem Haus sind, doch das will sich nicht einstellen. Jedenfalls noch nicht.
„Deiner Mutter wird sicher was einfallen.“
Adam muss kurz seine Gedanken sortieren. Klar, Leo redet von neuen Möbelstücken. „Die sagt, sie überlässt das mir.“ Es ist nicht so, als hätte seine Mutter ihn nicht bereits darauf angesprochen, wie man diesen leeren Raum wieder füllen könnte.
„Okay. Und was…“, will Leo fragen, doch Adam fällt ihm ins Wort, bevor er es sich anders überlegen kann: „Ein Sofa. Zum Ausziehen. Zum Draufschlafen.“
Aus den Augenwinkeln kann er erkennen, wie Leo sich ein wenig zu ihm wendet, gerade so weit, dass er ihm ins Gesicht sehen kann. „Ein Schlafsofa?“
„Nennt man wohl so, ja“, sagt Adam und muss ganz leicht grinsen.
Leo sieht ihn mit forschendem Blick an. „Was ist mit deinem Zimmer?“
Jetzt muss Adam schnauben. „Nicht für mich, du Genie. Zum Draufsitzen vielleicht, aber nicht zum Schlafen.“
„Erwartest du Besuch?“, fragt Leo und beißt sich sofort, nachdem ihm die Worte über die Lippen gekommen sind, auf die Unterlippe. An seinen Augen kann Adam erkennen, dass Leo die Frage am liebsten sofort wieder zurücknehmen würde. Dass er sich wünschte, er hätte sie nie gestellt.
Adam weiß nur zu genau, wie das ist. Und er weiß außerdem nur zu genau, dass er die Antwort, die er Leo gleich geben wird, sofort nach dem Aussprechen auch am liebsten sofort wieder zurücknehmen würde. Weil sie zu viel ist und alle Grenzen überschreitet, die Adam sich für den Umgang mit Leo selbst gezogen hat. Um ihn nicht zu gefährden und um ihm keine Hoffnungen zu machen. Jetzt jedenfalls noch nicht.
Und doch.
„Ganz sicher nicht. Nur dich.“
Es bleibt still neben ihm. Leo sagt nichts, dreht sich aber noch weiter zu Adam. Der ahnt, dass Leo gleich etwas erwidern wird und kommt ihm rasch zuvor. „Ich könnt‘ was zu trinken vertragen. Du auch?“
Leo öffnet seinen Mund, bringt aber keinen Ton heraus. Stattdessen nickt er nur.
„Okay“, murmelt Adam und geht hinüber in die Küche.
Die tiefstehende Abendsonne scheint warm auf ihre Gesichter, als sie wenig später am Rand des Pools sitzen. Dieses Pools, der ebenso wenig einladend wirkt wie die Terrasse und das Haus, der sich aber immerhin ganz gut dazu eignet, die Hosenbeine hochzukrempeln und mit seinem Freund die nackten Füße ins Wasser baumeln zu lassen.
Seinem Freund, denkt Adam und kommt sich nicht so lächerlich dabei vor, wie er erwartet hätte. Denn Leo ist sein Freund. War sein Freund und ist wieder sein Freund, auch wenn die Tatsache, dass Adam irgendwann mehr mit Leo will als das, gerade noch auf einem anderen Blatt steht. Und wenn da außerdem immer wieder diese Momente sind, in denen sich das, was sie miteinander haben, nicht einmal wie Freundschaft anfühlt. Sondern wie ein beschissenes, kaum erträgliches Gegeneinander, für das vor allem Adam selbst verantwortlich ist, gegen das er aber nichts tun kann. Noch nicht.
„Auf das Schlafsofa“, sagt Adam, weil ihm nichts Dämlicheres einfällt, und hält Leo sein Glas mit Mineralwasser zum Anstoßen hin. Leo hebt seine Bierflasche und schlägt sachte mit ihr gegen das Glas. Adam trinkt nicht, seine Mutter trinkt nur Wein. Oder härtere Sachen, wenn sie einen schlechten Tag hat. Wie das Bier seinen Weg in ihren Kühlschrank gefunden hat – Adam weiß es genau, will jetzt aber nicht darüber nachdenken.
„Auf das Schlafsofa“, wiederholt Leo und nimmt einen Schluck aus seiner Flasche. Auch Adam trinkt einen Schluck, stellt das Glas dann neben sich und greift nach der Schachtel Zigaretten, die er an den Beckenrand gelegt hat. Während er eine Kippe heraus fummelt, sie sich zwischen die Lippen schiebt und das Zippo aufschnappen lässt, fühlt er Leos Blicke auf sich. Fühlt, wie Leo jeder seiner Bewegungen folgt. Zwischendurch nimmt er einen hastigen Schluck von seinem Bier, nur um mit seinen Augen anschließend sofort wieder Adam zu finden. Adams Lippen, Adams Finger, die nach der Kippe greifen. Adam kennt das bereits. Er hasst das und er liebt das.
Er nimmt einen tiefen Zug, saugt einen Teil des Rauchs in seine Lungen, lässt den anderen Teil langsam durch seine leicht geöffneten Lippen entweichen. Adam verzichtet darauf, seinen Kopf dabei dramatisch in den Nacken zu legen. Er weiß, wie unruhig das Leo macht. Und wie unruhig Leos Unruhe wiederum ihn selbst macht. Leo ist auch ohne eine theatralische Kippen-Show so oder so schon unruhig genug. Im Wasser bewegt er seine Füße hin und her, vor und zurück und berührt mit seinem linken Fuß ab und an Adams rechten. Beabsichtigt unabsichtlich, darauf würde Adam die Tasche voller Geld verwetten.
Es bleibt still, während Adam seine Zigarette raucht und sie schließlich neben sich auf einer Steinfliese ausdrückt. Er lehnt sich zurück, stützt sich auf seine Hände und beginnt ebenfalls damit, mit seinen Füßen unter Wasser hin und her zu paddeln. Sein rechter und Leos linker Fuß berühren sich noch häufiger. Adam spürt, wie seine Hosenbeine nass werden, obwohl er sie ein ganzes Stückchen aufgekrempelt hat. Und weil es nun auch schon egal ist und Adam sich seit der Sessel-Schlepperei nach einer Abkühlung sehnt, richtet er sich kurzentschlossen auf, zieht das verschwitzte T-Shirt über den Kopf, stößt sich vom Rand des Pools ab und lässt sich reingleiten, einfach so.
In seinem Rücken hört er Leo überrascht auflachen. Adam taucht kurz unter und sofort wieder auf und dreht sich, während er sich die klatschnassen Haare mit beiden Händen nach hinten aus der Stirn streicht, zu Leo um. Er ahnt, was Leo durch den Kopf schießt. Der Pool ist nicht tief und das Wasser reicht dem aufrecht stehenden Adam nicht einmal bis zur Hüfte. An Leos Augen kann Adam haargenau ablesen, was der immer noch am Beckenrand sitzende Mann gerade sieht. Einen nassen Adam, mit nacktem, tätowiertem Oberkörper, mit ebenso nackten Armen, an denen die feinen, blonden Härchen nass kleben. Einen nassen Adam, der lediglich bis zu den Taschen seiner Bluejeans im Wasser steht, wodurch der bestens sichtbare Hosengürtel Leo regelrecht anschreien muss, von ihm geöffnet zu werden.
Und richtig, Leo schluckt. Nicht nur einmal.
„Komm schon rein“, fordert Adam ihn auf, bevor er sich selbst daran hindern kann.
„Adam, ich…“, stottert Leo ein bisschen hilflos und Adam ahnt, der dunkelhaarige Mann will ihn darauf hinweisen, dass er keine Wechselklamotten dabei hat und seine Hose lieber nicht nass werden und er sie ausziehen sollte, wenn er Adam in den Pool folgen soll. Adam kann Leo all diese Dinge sagen hören, bevor Leo sie sagt. So gut kennt er ihn inzwischen. Wieder.
„Alles klar. Mir scheißegal“, sagt Adam, bevor Leo auch nur eins dieser Worte aussprechen kann. Er macht einen großen Schritt auf Leo zu, versetzt das Wasser dabei so sehr in Unruhe, dass es bis hinauf an Leos Knie schwappt.
„Auch schon egal jetzt“, sagt Adam und deutet auf die durchnässten Hosenbeine. Mit beiden Händen packt er Leos linken Unterschenkel und zieht. Nicht so stark, dass es reichen würde, um Leo ins Wasser zu befördern, aber energisch genug, um Leo zu signalisieren, dass Adam keine Widerrede duldet.
Das schiefe Lächeln, das um Leos Mundwinkel spielt, straft ihn ohnehin Lügen, sollte er sich weiterhin weigern. Was er nicht tut. Stattdessen lässt er sich nur zu gerne weiter von Adam am Bein ziehen und rutscht mit seinem Arsch bis ganz an den Rand des kleinen Beckens.
„Scheißegal“, stimmt er Adam zu und wartet. Und lässt sich keine zwei Sekunden später von Adam ins Wasser ziehen, wo er, ebenso wie zuvor Adam, unter- und kurz darauf dicht vor Adam wieder auftaucht.
Die beiden Männer lachen, wie sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr miteinander gelacht haben.
„Wenigstens das T-Shirt hättest du ausziehen können“, sagt Adam irgendwann grinsend. Inzwischen haben sie sich nebeneinander auf eine Stufe des Pools gesetzt, stützen sich mit den Armen auf einer höheren Stufe ab und sind bis zu ihren Oberkörpern vom Wasser bedeckt.
„Wie du vorhin so treffend sagtest: auch schon egal jetzt“, erwidert Leo und schiebt unter Wasser mit einem Bein gegen Adams Bein. Fast synchron bewegen sich ihre Beine träge hin und her. Als hätten sie sich abgesprochen, legen sie gleichzeitig ihre Köpfe in den Nacken und starren in den blauen Himmel. Er ist nicht mehr ganz so strahlend blau, denn die Sonne ist fast untergegangen, aber es reicht aus, um sich einen Augenblick lang darin zu verlieren.
„Ich geb‘ dir nachher ein T-Shirt und ne Jogginghose“, sagt Adam irgendwann.
„Okay“, antwortet Leo. Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: „Schlafsofa hast du ja noch keins.“
„Noch nicht“, sagt Adam. Selbst wenn er wollte, könnte er gerade nicht in Worte fassen, wie sehr er das in diesem Moment bedauert. Ebenso wie er bedauert, dass er sich zurückhalten muss, um nicht noch zweideutiger zu werden und noch schamloser mit Leo zu flirten, als er das ohnehin schon seit einer Weile tut. „Ich sag dir Bescheid.“
„Okay“, wiederholt Leo, diesmal mit fragendem Unterton.
„Dann kannst du schleppen helfen“, sagt Adam und hofft, dass Leo seiner Stimme das unverschämte Grinsen anhören kann. Und es scheint so zu sein, denn Leo sagt mit einem Tonfall, aus dem Adam wiederum Leos Grinsen heraushören kann: „Nichts anderes hab‘ ich erwartet.“
~~~~
